Woche 6/2026: Immerhin wurde nicht Happy Birthday gesungen

Montag: Heute streikte der ÖPNV, was ich nicht kritisiere und was mich auch nicht stört, weil ich montags grundsätzlich mit dem Fahrrad zur Wertschöpfung fahre. Es sei denn, es regnet. Das tat es morgens, doch passend zur Abfahrt war der Regen, bis auf wenige Resttropfen, durch. Manchmal passt es einfach.

„Die IT ist manchmal ein Eichhörnchen“ sagte eine in der Besprechung. Ich habe nicht den Hauch einer Idee, was sie damit ausdrücken wollte, war aber nicht genug daran interessiert, um nachzufragen und verbuche es unter der Rubrik Was so geredet wird.

Wie meine Mutter am Telefon mitteilte, ist ein alter Kollege von mir gestorben. Alt ist wörtlich zu nehmen, er muss weit über achtzig gewesen sein, schon vor mehr als dreißig Jahren ging er in den wohlverdienten Ruhestand. (Selten hört oder liest man das Wort ohne dieses Attribut, egal ob es stimmt oder nicht. In diesem Fall stimmte es.) Seitdem haben wir uns nicht mehr gesehen. Ich schätzte den Kollegen sehr, sowohl fachlich als auch menschlich, er war stellvertretender Leiter der Dienstelle in Bielefeld gewesen, in der ich mich sehr wohl fühlte. Wir duzten uns nie, das war früher nicht so üblich wie heute. Er wird mir in guter Erinnerung bleiben.

Dienstag: Der Fußweg ins Werk und zurück war begleitet von ungemütlich feuchter Kaltluft, morgens kam noch etwas Regen hinzu. Das hielt einen entgegenkommenden Läufer nicht davon ab, seinen Frühsport in kurzen Hosen und T -Shirt zu absolvieren, soweit nicht ungewöhnlich und der Notiz wert; sobald die Temperatur zweistellig ist, wird er wieder auf das T-Shirt verzichten. Allerdings trug er heute dazu Handschuhe, was in der Kombination recht putzig aussah.

Einige hundert Meter weiter legten mehrere Personen im Ruderboot am Rheinufer ab und ruderten flussaufwärts. Als Gelegenheitsmodell- und ehemals aktiver Museumseisenbahner, außerdem Karnevalist sollte ich mich in Zurückhaltung üben bei der Beurteilung der Freizeitgestaltung anderer; als Blogger seien mir diese Zeilen gestattet.

Blick auf Beuel, morgens

Während eines natürlichen Bedürfnisses staunte ich über den jungen Kollegen am Nebenurinal, der während der Verrichtung auf sein Datengerät schaute. „Du Opfer“ flüsterte ich nur innerlich, er wird es nicht vernommen haben.

Spontaner Gedanke beim Lesen des Wortes Architekt*innen: Muss das nicht Innen*Architekt heißen? Verzeihung, ich bin etwas albern.

Auf dem Rückweg regnete es

Mittwoch: Wieder ein Jahr älter und dem Ruhestand näher, um auch das Positive an der zunehmenden Alterung nicht aus dem Blick zu verlieren. Wie üblich an diesem Tag nahm ich zahlreiche Gratulationen entgegen im persönlichen Gespräch, telefonisch und über die elektronischen Kommunikationsmedien, deren Beantwortung gewisse (Arbeits-)Zeit beanspruchte, der Kanzler wird es nicht gerne hören. Auch nicht im Kanzlersinne: Zunehmend kommt in diesen Konversationen die Frage „Wie lange noch“ vor. Immerhin wurde nicht Happy Birthday gesungen.

Jemand hatte stapelweise mutmaßlich selbstgebackene Waffeln mitgebracht und auf dem Tisch im Büroflur platziert, dazu ein Glas Kirschen, Puderzucker und Sprühsahne. Wer es war und warum, blieb im Dunkel, es lag kein Zettel daneben. Um nicht unberechtigt im Lichte der Großzügigkeit zu erscheinen, wies ich alle persönlichen Gratulanten vorsorglich darauf hin, dass ich nicht der Spender war. Kurz war ich versucht, einen entsprechenden Hinweiszettel anzubringen, etwa „Von mir sind die Waffeln nicht, lasst sie euch dennoch schmecken”, verwarf die Idee jedoch wieder. Sie schmeckten übrigens gut, danke dafür, falls der- oder diejenige mitliest.

Mein persönliches Selbstgeschenk war ein frühes Arbeitsende kurz nach dem Mittagessen. Zu Hause beantwortete ich in Sofalage zu den Klängen von Bruckners fünfter Sinfonie weitere Gratulationen, die über WhatsApp reingekommen waren, nahm – entgegen meiner Abneigung gegen das Telefonieren, wenigstens einmal im Jahr muss es gehen – weitere Anrufe entgegen, dann war der Nachmittag fast schon wieder vorüber und ich ging zum Sport, wo das Telefon in der Umkleide verblieb.

Neben den üblichen Wünschen für Glück, Gesundheit und ein langes Leben wünschte mir eine Gratulantin weniger Strenge mir selbst gegenüber. Das fand ich erstaunlich, erscheint mir doch etwas mehr Disziplin durchaus angebracht, gerade hinsichtlich meines gelegentlichen Alkoholkonsumes nicht nur zur Karnevalszeit; so wird das nichts mit einem langen Leben. Muss auch nicht; dieses Longevity, von dem so viele reden, kann mich mal.

Vor fünf Jahren hatte ich auch schon Geburtstag
Auch nur eine Zahl

Donnerstag: Werbespruch aus der Hölle: „Iss mal ne Fairnane“, gelesen morgens auf einem Plakat. Das waren noch Zeiten, als die Werbung ewig währende Weisheiten hervorbrachte wie „Mühe allein genügt nicht“ (Frau Sommer) oder „Da weiß man, was man hat“ (Persilmann).

Wie zu erfahren war, hatte die Waffeln ein Kollege mitgebracht, der gestern ebenfalls Geburtstag hatte. Wäre das auch geklärt.

Freitag: Es widerstrebt mir, Menschen mit ihrem Spitz- oder verkürzten Vornamen (wie Chris, Flo, Basti usw.) anzureden, wenn ich sie nicht gut kenne. Selbst dann, wenn sie sich mir mit genau diesem Namen vorgestellt haben beziehungsweise von allen anderen so nennen lassen.

Werbung im Netz:

Welches Gas mag dort verheizt werden?

Samstag: Während weite Teile des Landes unter Schnee- und Eislast ächzen, nahm unsere Karnevalsgesellschaft bei Sonnenschein und fast frühlingshafter Milde am großen Sternmarsch* mehrerer regionaler Corps in der Bonner Innenstadt teil, wo in diesem Jahr zweihundert Jahre Bonner Karneval gefeiert werden. Das war schön. Danach mussten wir uns erholen, um abends fit zu sein für das Nachgeburtstagsessen beim Franzosen unseres Vertrauens.

Auf dem Marktplatz mit Blick auf der Alte Rathaus, von wo der Oberbürgermeister seine Rede vom Blatt ablas

*Von manchen auch Sternenmarsch genannt, obwohl sich aus tageszeitlichen Gründen keine Sterne blicken ließen. Stern deshalb, weil die verschiedenen Corps aus unterschiedlichen Richtungen gleichsam sternförmig zum Marktplatz marschierten.

Sonntag: Der Vorabend im Restaurant war wieder sehr schön und wirkte noch ein wenig nach. Ansonsten verlief der Tag weitgehend wie ein normaler Sonntag mit Ausschlafen, kleinem Frühstück, langem Spaziergang (heute durch Beuel), Sofalesezeit und ohne besondere Bemerknisse oder Pointe.

Müsste das nicht Karneval’ssamstag/-sonntag geschrieben werden?
Postfrevel in Beuel

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche. Wenn Sie mögen, mit Alaaf, Helau oder wie auch immer das bei Ihnen heißt.

19:30

Woche 17/2022: Gratulationsgetöse in der Gruppe und Frühfremdeln am Ammersee

Montag: Die neue Arbeitswoche begann mit einer Dienstreise nach Buch am Ammersee, meine erste richtige seit Siewissenschon. Man hat schon schäbigere Tagungsstätten gesehen.

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Ein Kollege ist Vater geworden, woraufhin das übliche Gratulationsgetöse in der Abteilungswhatsappgruppe anhob. Ich zögerte zunächst, nicht, weil ich anderen ihr Elternglück missgönnte, sondern immer weniger nachvollziehen kann, warum man sich jetzt noch fortpflanzt. Schließlich hielt ich einen Glückwunsch doch für angebracht; was kann ein neuer Mensch in diesen Zeiten mehr brauchen als Glück? Diesen Zusatz verkniff ich mir indes.

Frau Anje schrieb, durchaus passend zum Vorstehenden, wieder einen Satz, dem ich vollumfänglich zustimme: »Wirklich dankbar bin ich für all die Probleme, die ich nicht habe, weil es so unendlich viele Dinge gibt, die ich schlicht nicht brauche oder die mich überhaupt nicht interessieren, so dass ich sehr viel Energie spare, weil ich mich weder über diese Dinge informieren noch aufregen muss.«

Dienstag: Zu den Dingen, die ich während Siewissenschon nicht vermisste und erst wieder neu erlernen muss gehört es, in einem Hotel aufzuwachen und mich danach zu motivieren, zum Frühstück aufzubrechen, wo andere schon zur Unzeit mit mir sprechen wollen. Statt Büffet erhielt jeder Gast eine persönliche Etagere mit Brötchen, Croissant, Wurst, Käse, Marmelade und Müsli, dazu ein Ei, wahlweise gekocht, gerührt oder gespiegelt, was meiner Appetitlosigkeit am Morgen geradezu spottete. Dafür sind auch hier wie üblich die Saftgläser lächerlich klein.

Sonst ist es hier wirklich sehr schön, doch was nützt das, wenn zwischen Ende des Tages- und Beginn des Abendprogramms nur wenig Zeit zur eigenen Verfügung steht und es dazu noch regnet.

Auch ein schönes Trafohäuschen für meine Sammlung haben sie hier, wenn auch kein Turm, oder allenfalls ein sehr niedriger:

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Ansonsten haben heute laut Zeitung Namenstag: Kletus, Ratbert, Richardius und Trudpert. Klingt wie die Wilden Vier aus der Augsburger Puppenkiste.

Mittwoch: Trotz Frühfremdelneigung am Morgen war es eine schöne Veranstaltung. Immerhin gab es heute zum Frühstück keine überdimensionierte Etagere, sondern bedarfsgerecht ein Schälchen Müsli vom Büffet.

Schön war danach, sich wieder ohne Angst vor Ansteckung mit einer größeren Anzahl Menschen persönlich auszutauschen, die man lange nicht gesehen hat; auch die nicht geringe Bierzuführung am Vorabend verursachte keine nennenswerten Nachwirkungen. Daher freue ich mich auf zwei gleichartige Veranstaltungen an anderen Orten in der kommenden Woche.

Während einer Fahrtunterbrechung schlug die Motivklingel meines Datengerätes an:

Suchbild: Wo bin ich?

Donnerstag: Während im Werk das Abarbeiten der tagungsbedingten Rückstände recht gut von der Hand ging, war draußen auch das Eichhörnchen fleißig. Es nutzt zur Bevorratung seiner Bestände nun nicht nur das bekannte Loch unterhalb des Daches, sondern auch zwei weitere Höhlen jeweils in Ecken von Fensterstürzen. Apropos stürzen: Offenbar kann er nur an den Hausecken hoch- und runterlaufen, jedoch nicht an der planen Wand. So wäre es beim Sprung vom Fenster zur Hausecke einmal beinahe in die Tiefe gestürzt, konnte sich aber so gerade noch, gleichsam im Sturzflug, an der Ecke festkrallen. Sehr beeindruckend.

Mittags ging ich eine Runde durch den Rheinauenpark.

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Freitag: Vergangene Nacht geträumt, Österreich hätte Bayern annektiert. Trotz eindringlicher Videoansprache von Markus Söder zeigte man sich in Berlin weitgehend unbeeindruckt, es wurden nicht einmal Sanktionen erwogen, um die Versorgung mit Mozartkugeln nicht zu gefährden.

Abends waren meine Lieben und ich in einer Beueler Gaststätte, wo ich (vermutlich) erstmals Sauerbraten vom Pferd aß, deren Spezialität. Hat gut geschmeckt, unterscheidet sich nach meinem Geschmacksempfinden allerdings kaum vom herkömmlichen Rind-Sauerbraten. Und nein, ich finde es in keiner Weise anstößig, Pferdefleisch zu essen.

Samstag: »Kultur mit all seinen wie auch immer gearteten negativen Auswirkungen ist lebensnotwendig«, ist in einem Leserbrief in der Zeitung zu lesen. Es bleibt schwierig.

Schwieriger als gedacht gestaltet sich auch der beabsichtigte, vor drei Wochen angekündigte Erwerb eines Hutes. Das genannte Hutgeschäft in der Bonner Innenstadt, das ich heute in bester Kauflaune aufsuchte, hatte leider nichts Ansprechendes im Angebot. Nicht schlimm, es hat keine Eile.

Stattdessen kaufte ich Schuhe. Im fortgeschrittenen Alter neigen Männer oft zu seltsamen Anschaffungen, so kaufen sich manche in ergrauten Jahren einen Sportwagen, mit dem sie fortan ihren Mitmenschen auf die Nerven gehen. Ich hingegen begnügte mich mitmenschenschonend mit weißen Turnschuhen.

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Sonntag: Der Mai ist gekommen. Zum Einlaufen der neuen Schuhe machte ich einen langen Spaziergang, der zur Würdigung des ausgefallenen Feiertages mit einer Einkehr auf ein Weizenbier in der Südstadt garniert wurde.

Andere feierten den Tag der Arbeit klassisch, indem sie mit einem Protestzug durch die Innenstadt marschierten, wobei die auf Bannern und mündlich vorgetragenen Parolen – irgendwas mit „Kapitalismus“ und „System“ – ein wenig aus der Zeit gefallen schienen.

»RASSISMUS TÖTET.« hat schon vor längerer Zeit jemand in großen Buchstaben an eine Hauswand nebenan geschrieben. Ganz klein hat jemand anderes dazu ergänzt: »NA UND?«. Letzterer Zusatz wurde nun von einem Dritten, oder dem Ersten, man weiß es nicht, durchkritzelt. Ordnung muss sein.

»Liebe ist halal«, ist an einem Laternenpfahl zu lesen. Aber vermutlich nur zwischen Mann und Frau, wage ich gedanklich zu ergänzen.

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Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche mit viel Liebe.