Foto der Woche: Natürlich

(c) Ethan Hoover

Die Aktion „Foto der Woche“ von Aequitas et Veritas läuft bis zum 31. Dezember. Jede Woche zeigt man ein Foto und schreibt was dazu, etwa wann und wo man es gemacht hat, warum man es zeigt oder welche Gedanken man damit verknüpft. Hier mein Foto für die Woche 37.

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Nach dem Mittagessen in der Kantine gehe ich, wenn es die Termine zulassen, gerne ein paar Schritte durch den Rheinauenpark, ehe ich mich im Werk wieder mit voller Hingabe den Mühen der Geschäfte widme. Am vergangenen Mittwoch sah ich dort diese Ansammlung von Schwänen, Enten und Gänsen in harmonischem Nebeneinander.

Doch der Schein trügt. Es gibt in der Natur kein friedliches Miteinander. Natur bedeutet immer knallharte, rücksichtslose Arterhaltung, Fressen und gefressen werden. Das gilt natürlich auch für den Menschen, wobei mir zunehmend Zweifel kommen, ob er noch viel Wert auf eine langfristige Arterhaltung legt.

Woche 36: Das schöne Gefühl, wenn der Schmerz nachlässt

Montag: Nach dem Mittagsdessert hat so ein Montag zumeist große Teile seiner Beschwerlichkeit verloren, so auch heute.

Top-Themen auf der Leserbriefseite des General-Anzeigers: 1) Der berühmte Satz „Harry, fahr schon mal den Wagen vor“, den Oberinspektor (nicht Kommissar) Derrick so bekanntlich nie sagte, gleichwohl wurde er erst vor wenigen Tagen in dieser Zeitung derart zitiert, was gleich zwei Leser zur Richtigstellung bewog; und 2) Gendersternchen, die Leser Guido M aus B einigermaßen empört als „absurde Schreibweise“ entlarvt, als Belege führt er listig „Arzt“ und „Bauer“ an.

Dienstag: Letzte Nacht träumte ich, ein Kollege von mir, ein Jahr jünger als als ich und mit wesentlich kürzerer Werkszugehörigkeit, sei von der Personalabteilung für den Vorruhestand vorgeschlagen worden, was mich bis zum Erwachen mit neidvoller Empörung erfüllte.

Meine eigene Werkszugehörigkeit währt nunmehr vierunddreißig Jahre. Vieles nehme ich nicht mehr allzu ernst, manches nervt. Aber das ist das Salz in der Suppe, die auch nach so langer Zeit noch immer ganz gut schmeckt, wie ein Kollege es vor einiger Zeit ausdrückte.

Geträumt hat auch der Geliebte: von Jakobsmuscheln an Hummerschaum, wie er morgens verkündete und sogleich als Wunsch für das Abendessen anmeldete.

Vor der Kantine sah ich mittags zwei Herren, die sich Hände schüttelnd begrüßten. Idioten, war mein erster Gedanke. So weit ist es schon gekommen.

Unterdessen im General-Anzeiger weitere leserbriefliche Meinungsäußerungen zu Gendersternen. Bernd L aus Sankt A schlägt vor, die Pluralschreibweise mit n, wie es sie im Dativ Plural („den Lehrern“) schon gibt, auch im Nominativ anzuwenden: „die Eltern“ (gibts schon), „die Lesern“, „die Arbeitern“; inwieweit hierdurch die erwünschte Gendergerechtigkeit erreicht wird, vermag ich nicht zu erkennen.

Zum Abendessen gab es übrigens Frikadellen mit Nudelsalat, auch gut. Träume sind Schäume.

Mittwoch: Eigentlich wäre ich seit gestern bis morgen auf Dienstreise. Auch ein „Eigentlich“ von jener Sorte, wie sie in diesem seltsamen Jahr massenhaft auftreten. Wobei ich das Nichtreisen in diesem Fall nicht beklage.

Unsere nicht erfolgten Reisen nach Südfrankreich in diesem Jahr bedaure ich hingegen sehr. Über die Haltung der Franzosen zum Urlaub und „le Blues de la Rentrée“, die Urlaubsende-Depression, hier ein älterer, lesenswerter Artikel. Auszug:

Offensichtlich schlummert in jedem französischen Arbeitnehmer eine Art kleiner Anarchist, der im Grunde seines Herzens nicht nur Arbeitnehmer, sondern vor allem Mensch ist. Da sehen wir Deutschen, denen es wichtig ist, Kräfte fürs Arbeiten in der zweiten Jahreshälfte zu sammeln, irgendwie blöd aus.

Insofern fühle ich mich sehr französisch.

Donnerstag: „Das hätte stattgefunden haben müssen“, sagte einer. Ein Satz, den zu analysieren Mittelstufenschülern wohl größere Freude bereiten dürfte. Irgendwas mit Plusquamperfekt, Konjunktiv und einer winzigen Prise Futur II, behaupte ich; meine Grammatikkenntnisse sind leider im Laufe der Jahre etwas verkümmert. Ein anderer bemerkte: „Wir haben viele Kollegen, die wo mit Deutsch Probleme haben.“

Nach kargen Monaten voller Entbehrungen gab es in der Kantine endlich wieder grünen Wackelpudding mit Vanillesoße.

Darf man dazu eigentlich noch Götterspeise sagen oder fühlt sich dann irgendwer angepisst, weil seine religiösen Gefühle verletzt sind?

Abends erfuhr der Wortbestandteil „Donner“ des heutigen Wochentages eine besondere Unterstreichung, als durch eine vielleicht unbedachte, die Raumpflege betreffende Anmerkung meinerseits der Haussegen ins Wanken geriet. Das gehört wohl irgendwie dazu.

Freitag: Das war nicht ganz mein Tag. Morgens lag noch immer des Geliebten Grimm in der Luft, beim Verlassen des Hauses rammte ich mir ebenso ungeschickt wie schmerzhaft das Hoftor in die Ferse, und auf dem Weg ins Werk verließ den hinteren Fahrradreifen schlagartig die Luft. Nun bin ich ja ein großer Freund der Idee, alles ist für irgendwas gut. Sehe ich es also positiv: Der luftlose Reifen verschaffte mir einen längeren Fußmarsch, was immer gut ist, gehen macht glücklich. Praktischerweise liegt die Fahrradwerkstatt meines Vertrauens direkt gegenüber dem Friseursalon, wo ich abends ohnehin einen Termin hatte. Da zwischen Abgabe des Fahrrads und Haarkürzung etwas Zeit war, setzte ich mich an den Rhein, das macht man ja sonst auch viel zu selten. Auch die Wiederherstellung des häuslichen Friedens verlief am Abend in erfreulicher Weise. Das Hoftor schließlich verschaffte mir immerhin dieses schöne Gefühl, wenn der Schmerz nachlässt. Ähnliches empfinde ich an manchen Tagen, wenn der Staubsauger endlich schweigt. Vielmehr noch, wenn eine Disharmonie ausklingt. Insofern wurde es doch noch mein Tag.

„Make peace, not love … sagt man doch so, oder?“

Übrigens weiß ich nun, wo die Spatzen abgeblieben sind, deren Verschwinden ich vergangene Woche bemerkte. Wie mir Martina S. per Mail mitteilte, sind sie ein kleines Stück gen Süden geflogen, genauer auf die Grafschaft bei Bad Neuenahr:

Liebe Martina, vielen Dank für die gute Nachricht, ich hoffe, ich darf das Bild hier verwenden; wenn nicht, bitte ich um kurze Mitteilung.

Samstag: Die Gendersternchen-Diskussion im General-Anzeiger hat noch nicht ihren Abschluss gefunden. Ortwin B aus M äußert dazu: »Viele Hundert Jahre ist unsere Sprache ohne die von Neurotikern, Egomanen und anderen Modernisten geforderten „Gendersternchen“ ausgekommen.« Mit anderen Worten: Das haben wir schon immer so gemacht, daher muss das richtig sein. Als Beleg bemüht er ein Bibelzitat von 1485, wonach Eva aus einer Adam entnommenen Rippe geschaffen wurde: »dise wirt genennet eyn mennyn. wann sy ist genommen von dem man.« Gendergerecht demnach vielleicht „man*yn“. Warum auch nicht.

Sonntag: Vergangene Nacht träumte ich, der bekannte Investor Frank Thelen sei verschwunden. Zuletzt sah man ihn auf einer volkstümlichen Veranstaltung, seitdem ist er weg. Mindestens so rätselhaft wie sein Verschwinden ist die Ursache, solches zu träumen. Ich bin Herrn Thelen noch niemals begegnet, habe ihn mangels Interesse an seinem Fachgebiet noch nicht im Fernsehen gesehen und nicht sein Buch gelesen. Wenn er in der Zeitung zitiert wird, schenke ich dem selten Aufmerksamkeit. Auch wirkt er auf mich, ohne ihm zu nahe treten zu wollen, nicht sonderlich sympathisch, was an seiner Physiognomie mit der strengen Investorenbrille liegen mag; auf der Liste derjenigen, die ich gerne mal auf ein Bier treffen möchte, steht er ziemlich weit unten. Insofern würde ich sein Verschwinden wahrscheinlich gar nicht bemerken.

Ziemlich weit oben auf der Liste der Dinge, die ich sehr gerne mal wieder tun würde – der Gedanke kam mir, als ich während des Sonntagsspaziergangs einen Briefkasten sah: mal wieder einen Brief schreiben, so richtig mit der Hand auf Papier und mit Briefmarke. Wenn ich nur wüsste, wem.

Ansonsten erfreulich in dieser Woche waren: Reibekuchen mit Lachs, das Hören einer Bruckner-Sinfonie, ein spontanes Straßenbier, eine schnelle Reparatur, ein passabler Haarschnitt.

Foto der Woche: Zeppelin

(c) Ethan Hoover

Das Blog Aequitas et Veritas lädt zur Aktion „Foto der Woche“ ein. Dabei geht es darum, jede Woche ein beliebiges Foto zu zeigen und etwas dazu zu schreiben. Die Aktion läuft bis zum 31. Dezember. Da bin ich gerne dabei; ob regelmäßig jede Woche, wird man sehen.

Hier also mein Foto der Woche:

Dieser Zeppelin drehte heute seine Runden über der Stadt. Zeppeline mag ich, auch wenn ich noch nie in einem gefahren bin. (Oder „fliegen“ die? Bei Ballons heißt es ja „fahren“, bei Luftschiffen bin ich mir gerade nicht sicher; ich erinnere mich dunkel, irgendwann mal gelesen zu haben, bei ihnen nennt man es „fliegen“, weil sie durch Propeller zusätzlichen Auftrieb erhalten, andererseits bin ich zu bequem, es zu recherchieren. So wichtig ist es auch nicht.)

Zum ersten Mal sah ich einen Zeppelin im zarten Kindesalter. Damals flog einer mit Reklame für eine einst sehr bekannte, heute vergessene Wuppertaler Biermarke mehrere Tage lang über Bielefeld. Als ich mittags zusammen mit Anke, der Nachbarstochter, den Kindergarten verließ, erschrak Anke heftig, zeigte auf den Zeppelin, der in der Ferne über der Stadt flog/fuhr und rief: „Kuck mal, eine Bombe!“

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Nachtrag: Sie fliegen, s. Kommentar unten. Vielen Dank, Herr Phillips, für die Recherche!

Woche 35: Unwissen schafft Freizeit

Montag: Morgens wurde eine Oberleitungsstörung zwischen Düsseldorf und Duisburg gemeldet. „Die Züge, die dort unterwegs sind, fallen heute aus“, sagte die Frau im Radio. Wahrscheinlich bin ich mal wieder der einzige, der das komisch findet.

Erstmals nach warmen Wochen zog ich wieder eine Jacke an. Ich beklage das nicht, bin ja eher ein Jackenmensch, bietet sie doch Platz für wichtige Gegenstände des täglichen Gebrauchs wie Telefon, Portemonnaie, Notizbuch, Kugelschreiber, Schlüssel und Altoids, welche sonst eine separate Umhängetasche erfordern, will man sie nicht in diversen Hosentaschen unterbringen, was nur unvollständig gelingt und zudem sehr unbequem und optisch unvorteilhaft ist.

In einer internen Werks-Mitteilung wird mal wieder „unsere gemeinsame DNA“ besungen. Das mag man auch nicht mehr hören noch lesen.

Dienstag: Mittags in der Kantine erfuhr mein kulinarischer Horizont eine wertvolle Erweiterung, weiß ich doch seitdem: Gewöhnliche Kartoffelsuppe wird zu „Berliner Kartoffelsuppe“, wenn man einige Nürnberger Rostbratwürste darin versenkt. Was soll’s, Hauptsache es schmeckt, und das hat es durchaus. (Da es mir in höchstem Maße albern erscheint, sein Essen zu fotografieren, kann ich nicht mit einem Bild dienen. Denken Sie sich als Serviervorschlag einfach eine Suppenschale voller deftigem Kartoffeleintopf mit drei kleinen Bratwürsten darin, das ganze verziert mit Petersilienstreuseln.)

Wie mir beim Blick aus dem Fenster während einer mehrstündigen Skype-Veranstaltung auffiel, sind die Halsbandsittiche zurück, nachdem sie sich wochenlang nicht blicken ließen. Vielleicht war es ihnen zu warm. Die Spatzen auf dem Fenstersims sind hingegen verschwunden. Wo mögen sie hin sein?

Mittwoch: Tief „Kirsten“ zog mit Sturm über das Land hinweg, zeigte sich im Raum Bonn jedoch gnädig, daher konnte ich auch heute von meteorologischer Unbill unbehelligt mit dem Rad ins Werk und wieder zurück fahren. Nur die Halsbandsittiche waren vorübergehend weggeblasen. Kollegin Kirsten, mit der ich telefonierte, zeigte sich hingegen freundlich wie immer. Eine launige Bemerkung wie „Was bist du heute stürmisch“ verkniff ich mir, vermutlich hatte sie dergleichen im Laufe des Tages schon mehrfach gehört und dazu gequält gelächelt.

Donnerstag: Ich bin bestimmt nicht der König der Effizienz. Wenn ich indessen sehe, wie viel Zeit manche Kollegen täglich verquatschen, wundert mich kaum, wenn sie mit ihrer Arbeitszeit nicht hinkommen.

Ansonsten bestätigte sich mal wieder in erfreulicher Weise: Manches erledigt sich von selbst, wenn man nicht auf jedes Anliegen umgehend reagiert. Merke: Unwissen schafft Freizeit.

Nur zwölf Prozent aller Bahnhöfe haben laut Zeitungsbericht kostenfreies WLAN. Auch so ein Skandal, dessen Empörungspotential mir allenfalls für ein „Heul doch“ gereicht.

Freitag: Erster Termin des Tages war beim Zahnarzt. Seit ich zu diesem gehe, ist alles Unbehagen gegenüber seinem Berufsstand verflogen. In all den Jahren hat er mir trotz mancher erforderlicher Maßnahme noch niemals weh getan. Ich empfehle ihn sehr. Wenn ich da an den „Sadisten“ meiner Kindheit in Bielefeld-Stieghorst denke … Der war schon schlechtlaunig, wenn ich mit nicht reinlichst geputzten Zähnen ihn aufzusuchen wagte, was er mich umgehend mit dem Bohrgerät spüren ließ. „Behaglich schnurrend mit dem Rädchen / dringt vor er bis zum Nervenfädchen“ dichtete Eugen Roth einst dazu.

Herr Emil freut sich über „eine übereinstimmende Feststellung der nicht gegebenen Sinnhaftigkeit einer Maßnahme“. Das verstehe ich gut und würde mich auch sehr freuen; leider kommen derartige Feststellungen in unserem Werk nur selten vor: Statt sich von einem augenscheinlich sinnlosen Vorhaben zu verabschieden, werden seitenlange, bunt bebilderte Präsentationen dazu erstellt. Wobei ich mich bei manchen text- und bildschwangeren Präsentationen frage, ob der Ersteller nur eine Sekunde lang an die Zielgruppe gedacht hat.

„Ach, ich bin derzeit insgesamt nicht annähernd so ruhig und ausgeglichen wie es vielleicht wirken mag“, lese ich bei Frau Myriade. Sie schreiben mir aus der Seele, meine Liebe! Jedenfalls ein bisschen im Moment.

Ein neues Wort legte der Liebste in die Wortschatztruhe: „Fernschlechtsehe“ als originelle Alternative zu „Kurzsichtigkeit“.

Samstag: Die Kirchen beklagen laut Zeitungsbericht mehr als eine halbe Million Austritte im vergangenen Jahr, nur sechzehn Prozent vertrauen noch der Katholischen Kirche als Institution, wie eine Forsa-Umfrage ergibt. Wobei, das sind eigentlich noch ganz schön viele, wenn man bedenkt: Die Menschheit ist in der Lage, Raumsonden auf Asteroiden zu landen, Atome zu spalten und Gene zu manipulieren; irgendwann wird vielleicht gar das Sitzplatznumerierungssystem der Bahn entschlüsselt sein. Gleichzeitig streiten sich erwachsene, gebildete Menschen darüber, ob sich ein kleines Plättchen trockenen Mehlgebäcks in den „Leib Christi“ verwandelt, und durch wen.

Sonntag: In den Tiefen meines Inneren bewundere ich Leute, die sich für Fußball oder Formel-Eins-Gebrause begeistern können. Also eher so eine irritierte Bewunderung statt einer neiderfüllten; nicht von der Art, wie man sie für jemanden empfindet, der beispielsweise gut Klavier spielen oder sich auf Französisch verständigen kann, sondern so eine, die man einer Person entgegen bringt, die vielleicht mit den Ohren wackeln oder mit Fürzen Melodien erzeugen kann.

Ansonsten erfreulich in dieser Woche waren: diverse Kelche, die an mir vorübergingen, ein Stein, der nicht flog, eine Stimmungsaufhellung, eine konfliktlösende Maßnahme, ein Restaurantbesuch, ein erster Hauch von Herbstluft und ein langer Spaziergang ans andere Ufer, also Rheinufer, meine ich.

Woche 34: Eine gute Wahl

Montag: „Blöder kann man wohl nicht in eine neue Woche starten“, schrieb ich hier vor genau einer Woche. Doch, kann man: Bereits um zwanzig nach drei in der Frühe schreckten wir hoch von drei Schüssen irgendwo draußen auf der Straße oder in den Höfen, wie soll man das in dem Moment so genau wissen. Nachdem am Morgen keine Leiche und keine Einschusslöcher in den Fassaden auszumachen waren, nehme ich an, dass ein Irrer ein neues Spielzeug hat. (Bereits am frühen Samstagmorgen hatte es fünfmal in gleicher Weise geknallt.) Eher unwahrscheinlich, dass jemand denkt: „Hier wohnt doch dieser K, den wecke ich jetzt mal, damit er was zu bloggen hat, dem fällt ja sonst nix Gescheites ein.“ Bloggerschicksal: Während meine Lieben schon wieder in sanften Träumen weilten, lag ich noch länger wach und dachte über die Formulierung nach.

Dienstag: Morgens brüllte am Wegesrand ein Laubbläser. Geht schneller als mit einem Rechen, klar. Aber was genau ist beim Laubklauben eilbedürftig?

Abends gab es was zu sehen, in gewisser Weise eine optische Wiedergutmachung für das vorgenannte Gelärme.

Spätabends vermeldete der Geliebte die Sichtung der vierten Maus im Vogelhaus. Das macht nichts, es bietet genug Platz für noch einige mehr. Wir schaffen das, wie die Kanzlerin sagen würde.

Mittwoch: Als ich morgens zum Werk kam, versperrte ein Auto den Zuweg zum Fahrradständer, weil die Fahrerin direkt vor der daneben befindlichen Packstation parkte, um ein Paket abzuholen. Das Angebot an sie, meine Kollegen zu fragen, ob sie nicht eine Packstation entwickeln wollen, in die man ganz hineinfahren kann, verkniff ich mir.

Während einer größeren Skype-Veranstaltung verbreitete sich ein Verbalvirus, Sie erinnern sich vielleicht, was ich meine: Jemand sagt ein bestimmtes Wort wie „quasi“, „genau“ oder „tatsächlich“, daraufhin taucht es in jedem weiteren gesprochenen Satz auf. Heute war es „natürlich“. Dummerweise bemerkte ich es erst, nachdem ich es selbst einige Male gesagt hatte.

Die Nachbarn von unten sind aus dem Urlaub zurück, einen Tag früher als erwartet. Das ist grundsätzlich nicht schlimm, andererseits erfordert es vom Geliebten umgehende Verhaltensanpassung dahingehend, ab sofort keine Krümel und andere Gegenstände mehr kurzerhand über die Balkonbrüstung auf deren Terrasse zu entsorgen.

Donnerstag: Mitschrift aus einem Vortrag mit anschließender Diskussion: 62 mal „natürlich“, 48 mal „entsprechend“, 46 mal „Ich sag mal“, 15 mal „genau“, 14 mal „im Endeffekt“, 14 mal „quasi“, (nur) 11 mal „tatsächlich“, 11 mal „irgendwie“, 6 mal „an der Stelle“, 5 mal „am Ende des Tages“, je 4 mal „(agil) unterwegs“ und „vertesten“, je 3 mal „ehrlicherweise“ und „im Nachgang“, je 2 mal „im Prinzip“, „Zeitleiste“ und „wie gesagt“, und je einmal „Range“, „im Vorfeld“, „ausspeichern“ und „on point“.

Freitag: Die Briefwahlunterlagen für die Kommunalwahl sind eingetroffen. Wen ich nicht wählen werde ist klar. Aber wo soll ich mein Kreuzchen machen? Gar nicht so einfach.

Eine gute Wahl ist hingegen die neue Weinbar, die unweit unserer Wohnung neu eröffnet hat. (Zuvor befand sich in den Räumlichkeiten eine Billigbäckerei mit dem etwas albernen Namen „Back Oven“.) Sehr zu empfehlen, wobei sich die geringe Entfernung aufgrund des von uns vertesteten Angebots vor allem für den Rückweg günstig auswirkte.

Samstag: Heute ist „Erdüberlastungstag“, also der Tag, an dem die Menschen die natürlichen Ressourcen für dieses Jahr verballert haben und gewissermaßen auf Kredit weiter aasen. Warum der ausgerechnet heute ist und nicht gestern oder morgen, weiß die Wissenschaft, irgendwelche klugen Leute haben das mit vermutlich hochkomplizierten Methoden ermittelt. Jedenfalls ist das auch so ein stiller Feiertag, den kaum jemand zur Kenntnis nimmt, es passiert ja nichts Spektakuläres, also nicht mehr als an anderen Tagen. Die Erde könnte sich ja melden mit Orkanen, Erdbeben, Vulkanausbrüchen oder Tsunamis, seht her ihr doofen Menschen, was ihr mir antut. Stattdessen leidet sie still vor sich hin. Wobei ich glaube, sie leidet nicht, vielmehr ist es ihr vollkommen egal, wann wir uns endlich ausgerottet haben.

Jährlich werden alleine in Deutschland etliche Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen, davon ein nennenswerter Anteil aus unserem Haushalt, weil der Liebste manchmal einkauft, als gelte es, eine fünfköpfige Bergarbeiterfamilie nach einer anstrengenden Bergwanderung zu sättigen. Ich prangere das regelmäßig an, was heute mal wieder leichte zwischenmenschliche Spannungen erzeugte, die aber abends in erfreulicher Weise unter anderem mit einem Restaurantbesuch abgebaut werden konnten.

Sonntag: Michael Spehr schreibt in der F.A.S. über Freisprech-Telefonierer:

„Das Freisprechgeplärre ist die aggressive akustische Besetzung eines Raumes, den man nicht hat. Noch nie ließen sich Frechheit und Selbstgefälligkeit so einfach zur Schau stellen. Man muss dazu noch nicht einmal auf eine dieser neuerdings modischen Idioten-Demos zu gehen, sondern benötigt nur ein Smartphone und die Dreistigkeit der Dummen.“

Nämliches gilt für diese plärrenden Lautsprecher-Dinger, die sich Leute ans Fahrrad oder den Rucksack hängen, um damit ungefragt ihr Umfeld mit zweifelhafter Musik zu belästigen.

Ebenfalls nicht besonders leise, von manch unfrohen Naturen gar als Belästigung empfunden ist der Karneval. Zurzeit wird recht laut darüber nachgedacht, die bevorstehende Session aus aktuellem Anlass ausfallen zu lassen. Für mich persönlich habe ich diese Entscheidung längst getroffen, und ich gehe nicht davon aus, es allzu sehr zu vermissen.

Wie ich nachmittags während des Sonntagsspazierganges feststellte, hat der Ekelgrad der Schnellgastronomie augenscheinlich eine neue Stufe erreicht. Was zum Teufel ist das? Es sieht ziemlich widerlich aus.

Ich bin ein schwacher Mensch. Deswegen bin ich rückfällig geworden. Nein, ich rauche nicht wieder, das nicht. Aber ähnlich: Ich habe mir wieder ein Twitterprofil angelegt, vorletzte Woche schon, bitte fragen Sie nicht warum, es überkam mich. Doch besteht Hoffnung: Bereits heute weiß ich wieder, weshalb ich mich erst im letzten Jahr nach zehn Jahren Aktivität dort verabschiedet hatte. Insofern gehe ich nicht davon aus, dass das neue Profil lange bestehen wird.

Redaktioneller Hinweis: Dieser Wochenrückblick entstand nicht ganz freiwillig mit dem neuen Editor von WordPress, den ich als arg gewöhnungsbedürftig empfinde und noch nicht durchblicke. Für etwaige Qualitätsmängel in der Gestaltung bitte ich um Nachsicht. Ursachen für mögliche inhaltliche Mängel sind indes nicht dem Editor anzulasten sondern wie immer demjenigen, der ihn nutzt.

Ihnen eine angenehme neue Woche!