Woche 2/2023: In dekorativer Funktion

Montag: „Ich hab denen mal ’nen Reminder geschickt, damit die das checken. Nicht, dass wir da noch ein Gap haben“ sagte eine in der Besprechung. Was Leute so reden, wenn sie busy sind, wie es auf Dummdeutsch heißt.

Vergilbte Bilder – was Journalisten so schreiben, wenn sie über Tarifverhandlungen berichten: »Gewerkschaft fordert einen großen Schluck aus der Pulle« – »Fünfzehn Prozent sind ein gehöriges Pfund.« Immer wieder.

Ein eher schiefes Bild aus einem Zeitungsartikel über immer mildere Winter: »Vegetationsperioden beginnen schon deutlich früher. Schaut man diesen Januar in die Vorgärten, so sieht man Schneeglöckchen blühen. Auch die Krokusse machen sich schon auf den Weg«, so ein Meteorologe.

Ein schönes Wort las ich in einem Blog: „Ordnungshut“. Nicht im Sinne einer Kopfbedeckung, sondern im Femininum, gleichsam die Positivform zum Ordnungshüter.

Dienstag: Morgens früh lag ein Hauch von Fäkalaroma in der Luft der Fußgängerzone, die ich beim Weg ins Werk durchquere, woher auch immer das kam. Ansonsten gestaltete sich der Tag insgesamt recht angenehm. Auch der zum Feierabend einsetzende Regen, der mich den Rückweg mit der Bahn statt zu Fuß zurückzulegen nötigte, vermochte die Stimmung nicht zu trüben, zumal ein spontaner Kurzbesuch in der Weinbar für entgangenes Gehglück entschädigte.

»Willst du ewig leben?« lautet die heutige Tagesfrage bei WordPress. Sie ohne nachzudenken spontan zu beantworten fällt mir leicht, wobei ich mich wiederhole: Nein, auf gar keinen Fall. Mir ist rätselhaft, wie man das überhaupt wollen kann, insofern erscheint es verwunderlich, dass so viele Menschen diesbezüglichen Verheißungen diverser Religionen immer noch nachhängen. Also ähnlich wie dem Fußball. Auch ein möglichst langes Leben halte ich nicht für erstrebenswert. Irgendwann ist es vorbei, wenn das Universum es für angezeigt hält, die Atome meines Leibes einer anderen, sinnvolleren Verwendung zuzuführen, und dann ist es gut; viel besser kann es ohnehin nicht mehr werden. Hauptsache es geht schnell, wenn es so weit ist. Da fällt mir wieder ein, dieses Jahr muss ich endlich mal die Patientenverfügung fertigstellen.

Mittwoch: »Das ist noch viel weirder« las ich irgendwo. Es wierd wird immer tiefenbekloppter.

Bleiben wir noch kurz bei Wörtern: Als Unwort des Jahres wurde „Klimaterroristen“ ausgesucht, weil es Menschen, die sich mit nicht ganz gesetzkonformen Methoden für ein wichtiges Anliegen engagieren, gleichsetzt mit anderen, die für ihre nicht immer ehrenwerten Anliegen Mord, Totschlag, Angst und Schrecken anzuwenden keine Hemmungen haben. Eine gute Wahl. Mein Vorschlag für das Langzeitunwort der letzten (mindestens) zehn Jahre ist übrigens „nachhaltig“, weil es durch seinen inflationären Gebrauch zur Klassifizierung aller möglichen „grünen“ (auch so ein Unwort) Maßnahmen keinen Wert mehr hat.

Mittags in der Kantine saßen am Nebentisch zwei Männer, deren einer unentwegt redete. Wieder einmal war ich dankbar für meine leichte Hörschwäche, die mich davor bewahrte, den Inhalt des Geschwafels vollständig mitzubekommen. Wie auch immer: Trotz Dauerredens war sein Teller bald leer. Ein wahrer Oralakrobat.

Ich weiß, man soll nicht … gleichwohl: Wenn man den Namen Großstück liest, fragt man sich schon nach dessen Ursprung.

Donnerstag: Wie ich auf dem Rückweg vom Werk mit Entsetzen zur Kenntnis nahm, ist die Glühweinbude am Rhein inzwischen entfernt.

Am Rhein ist es dennoch schön, auch ohne Glühweinbegleitung

Der Tag endete dennoch nicht allzu trocken mit einem kollegialen Umtrunk im Wirtshaus, …

Freitag: … was den heutigen Werktag etwas mit Müdig- und Antriebslosigkeit überschattete. Glücklicherweise lagen keine anspruchsvollen, dringend zu erledigenden Geschäfte an, die nicht problemlos in neuer Frische auch kommende Woche angegangen werden können. Zudem endete er früh wegen anstehender karnevalistischer Verpflichtungen ab dem Nachmittag.

»Mehr Überflüge: Bürger wollen wachrütteln« übertitelt das Freisinger Tageblatt einen Artikel über Proteste gegen Fluglärm. Manches kann sich selbst ein Büttenredner nicht besser ausdenken.

Einmal Prinz zu sein – Ich wäre sehr dankbar, wenn ich von dem ganzen Gewese um das Buch des Harryprinzen nicht behelligt würde, aber dem ist kaum zu entgehen. Es sei denn, man verzichtete komplett auf Medienverzehr, doch das sehe ich gar nicht ein. Auch Kurt Kister widmet sich in seiner Wochenkolumne diesem Thema, indessen lesenswert:

Grundsätzlich muss man immer vorsichtig sein, wenn Leute, die jünger als 40 sind, Memoiren schreiben – es sei denn, diese Leute wären Alexander der Große oder gar Jesus, die beide in ihren Dreißigern leider memoirenlos starben. Die Memoiren von Jesus wären für den bücherverlegenden, bertelsmannschen Zappelsender RTL ein deutlich besseres Geschäft als die Übernahme des Stern. Vielleicht könnte der RTL-Stern ja wenigstens die Tagebücher von Alexander, dem Makedonenkönig, finden. Schließlich gehört der Penguin-Verlag, in dem Harrys Geisterbuch auf Deutsch erscheint, genauso zum Bertelsmann-Konzern wie RTL. Alles hängt mit allem zusammen, und alle Wege führen nach Gütersloh.

Kurt Kister: „Deutscher Alltag“, zu beziehen hier

Samstag: Rückblickend auf den Vorabend kann die Prunksitzung der Karnevalsgesellschaft Fidele Burggrafen Bad Godesberg e.V., der anzugehören ich die Freude und Ehre habe, derzeit nur in dekorativer Funktion, bei aller Bescheidenheit als sehr gelungen bezeichnet werden. Leichte Unpässlichkeiten in der ersten Tageshälfte werden dafür als unvermeidbares Kollateralleiden gerne in Kauf genommen.

Ein- und Ausmarsch. Beachten Sie den echten ostwestfälische Frohsinn in meinem Gesicht. Alaaf. (Fotos: Stefan Hamacher)

Sonntag: Gesehen am Wegesrand beim Spazieren: Manchmal muss es einfach schnell gehen, da bleibt dann keine Zeit für ordnungsgemäße Entsorgung der Verpackung, wer kennt das nicht.

Auf dem weiteren Weg durch die Südstadt sah ich ein Café mit dem Namen „pie me“. Zunächst hatte ich „pee me“ gelesen und mich ein wenig gewundert, vermutete ich eine Gaststätte dieses Namens allenfalls in sehr speziellen Gegenden von Köln, Berlin oder Amsterdam, jedoch nicht in der mondänen Bonner Südstadt.

In der Fußgängerzone begegnete mir einer mit hochgekrempelten Hosenbeinen, nicht weil es so warm war, sondern er offenbar zeigen musste, was er hatte. Das sah auf den ersten Blick und eine gewisse Entfernung nach einer Prothese aus, das linke Bein war deutlich dunkler als das rechte. Im Näherkommen erwies es sich als flächendeckende Tätowierung ohne erkennbare Konturen, als wäre es in einen Farbtopf gehalten worden. Schönheit liegt ja oft gerade darin, was man nicht sieht.

Ich bin kein Befürworter von Überregulierung, doch wäre ich dankbar für eine verbindliche Vorschrift öffentliche Bücherschränke betreffend, wonach Bücher stets mit gleichgerichteter Rückenbeschriftung einzustellen sind. Von dem ständigen Halshinundherkippen wird man ja ganz wirr.

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Kommen Sie gut durch die Woche. Achten Sie auf Krokusse, die Ihnen über den Weg vor die Füße laufen könnten.

Woche 1/2023: Auf dem Boden der Tatsachen

Montag: Auf den Werkstoiletten wurden zwischen den Jahren Schilder angebracht, man möge beim Verlassen das Licht ausschalten. Für manche müssen halt auch Selbstverständlichkeiten beschildert werden, siehe auch „Nicht vor der Einfahrt parken“ und „Betreten der Baustelle verboten“. Oder „Vorsicht, Heißgetränk“ auf den unsäglichen Pappbechern. Ab heute müssen Kaffeeverkäufer auch Mehrwegbehälter anbieten, allerdings erst ab einer bestimmten Betriebsgröße. Die hippen Wägelchen am Wegesrand dürfen hingegen weiterhin den Gehkaffeedrang der hippen Kundschaft bedienen, der Müll bleibt uns also vorerst erhalten.

Das Wort „Freiheit“ wurde zur Floskel des Jahres erklärt? Mal kurz überlegen: Lindner, Wissing, Buschmann, Kubicki (also der andere) … ja, passt perfekt.

Dienstag: Morgens herrschte interessantes Licht.

„Lass uns mal wieder zusammen Mittagessen“, schreibt einer per Mail. Vorteil der schriftlichen Kommunikation: Durch schlichtes Nichtantworten kann man konkludent zu Ausdruck bringen, dass es keine Eile hat.

Mittwoch: Der angekündigte Regen mit Sturm blieb aus, so kam ich trocken und unbestürmt mit dem Fahrrad ins Werk und wieder zurück. Die Kantine bot mittags Currywurst an Pommes an. Auch sonst gibt es über den Tag nichts Nachteiliges zu berichten. Weiteres auch nicht.

Schauen wir stattdessen zur Abwechslung mal in die Vergangenheit. Heute vor dreißig Jahren, an einem Montag, schrieb ich um halb eins nachts ins Tagebuch: »Ich kann nicht schlafen. Das liegt allerdings eher daran, daß ich zum Abendessen einen Cappuccino getrunken habe als an der an sich erschreckenden Tatsache, daß es nur noch 31 1/2 Stunden bis zur ersten Prüfungsklausur sind.« Nach drei Jahren Beamten-Ausbildung, auch als Vorbereitungsdienst bezeichnet, stand die Laufbahnprüfung für den gehobenen Dienst an. In den nächsten Tagen folgten drei weitere Klausuren sowie im Februar die mündliche Prüfung, dann hatte ich es geschafft. Danach musste ich nie wieder eine größere Prüfung ablegen und ich wäre dem Universum dankbar, wenn sich daran in der verbleibenden Zeit nichts mehr änderte. Auch wenn ich manchmal noch davon träume und danach stets mit einem Lächeln aufwache. – Im Tagebuch ließ ich mich dann noch über meinen Liebeskummer aus und redete mir schriftlich ein, darüber hinweg zu sein, was keineswegs zutraf; vielmehr hielt der Schmerz noch bis lange nach der bestandenen Prüfung an. »Willkommen auf dem Boden der Tatsachen!«, mit diesem schönen Satz endete der Tageseintrag, damit schließe ich auch für heute.

Donnerstag: Die Bonner Stadtreinigung firmiert seit einiger Zeit unter „Bonnorange“. Vielleicht muss das so sein, so wie die Verkehrsbetriebe der Stadtwerke Bielefeld sich schon länger „MoBiel“ nennen, irgendwer wird sich was dabei gedacht haben. Wie komme ich jetzt darauf: Bonnorange hat gegen Ende vergangenen Jahres angekündigt, bei der Papierabholung ab Januar nur noch die Blauen Tonnen zu leeren; weitere Papierabfälle, die daneben gestellt werden, bleiben liegen. Hierdurch, so Bonnorange, sollen die geschundenen Rücken des Personals geschont werden, was zu loben ist. Dies gilt gleichermaßen für Privathaushalte wie für Gewerbetreibende. Bedenken amazonisierter Bürger wie von Ladenbesitzern werden regelmäßig mit Verweis auf die öffentlichen (immer vollen) Altpapierbehälter beantwortet sowie auf die städtischen Wertstoffhöfe (somit mehr Autoverkehr, also nicht im Sinne der Grünen Oberbürgermeisterin). Oder man könne kostenlos zusätzliche Blaue Tonnen anfordern (wenn man dafür Platz hat). Mal sehen, wie lange Bonnorange das durchhält. Warum ich das besinge: Als ich morgens auf dem Weg ins Werk durch die Fußgängerzone ging, lagen vor mehreren Geschäften wie ehedem Kartonagen gestapelt, wenn auch längst nicht so viele wie bisher. Bei Rückkehr am Abend waren sie verschwunden. Wo mögen sie geblieben sein?

Rücken- wie auch alles andere schonend war ein weiterer Bonnorangemitarbeiter tätig, den ich morgens auf dem weiteren Weg am Rheinufer seiner Beschäftigung nachgehen sah. Diese bestand darin, auf dem sandigen Streifen zwischen Geh- und Radweg mit einem Besen etwas auf eine langstielige Kehrschaufel zu fegen, wobei sein Tun weder System noch Ziel erkennen ließ. Er fegte bald hier ein paar Krümel, ging einige Meter, bald fegte er da. Was genau er fegte, war nicht auszumachen, da es noch dunkel war. Und doch war seine Arbeit wahrscheinlich nicht sinnloser als meine an manchen Tagen. Nur wesentlich schlechter bezahlt.

Freitag: Mittags in der Kantine gab es Heringsfilets nach Hausfrauenart. Wie kommen solche Bezeichnungen zustande? Woher kommen Forelle Müllerin, Birne Helene, Kalbshaxe Florida*? Gibt es einen Zentralen Ausschuss für kulinarische Namensgebung (ZAKUNA), der sowas verbindlich festlegt? Ich könnte das recherchieren. Dann erführe ich vielleicht: Am Karfreitag 1951 bemerkte Hertha Böhm in Löhne (Westfalen) erst morgens, dass sie vergessen hatte, einzukaufen, daher suchte sie alles Verfügbare aus Vorratskammer und Kühlschrank zusammen, um ihren Lieben, dem Gatten Albert und den drei Kindern, ein vorösterliches Mahl zu bereiten. Leider fanden sich neben den eingelegten Heringen nur noch zwei Becher Sahne kurz vor Verfallsdatum, eine Zwiebel und ein schrumpeliger Apfel. Kurz vor dem Mittagessen schellte es bei den Böhms, ein berühmter Sternekoch stand vor der Tür, der sich im Eingang vertan hatte. „Kommen Sie doch rein und essen sie mit uns“, bat Frau Böhm ihn herein, unwissend, welche Herdkoryphäe sie vor sich hatte. Dieser Bitte kam der Koch, nach langer Reise hungrig, gerne nach. „Das schmeckt vorzüglich“, lobte er kurz darauf das Fischgericht, „was machen Sie beruflich?“ – „Hausfrau“, antwortete sie wahrheitsgemäß und durchaus stolz auf ihren Stand. – Vielleicht war es auch ganz anders. Es gibt Fragen, die unbeantwortet bleiben dürfen. Wie diese.

*Ja ich weiß, die hat sich Loriot ausgedacht.

Samstag: Frau Gabriele H. aus Königswinter schreibt in ihrem Leserbrief an den General-Anzeiger: »Freiheit, zur Floskel des Jahres gekürt, ist also ein gehaltloses Wort, ohne Relevanz. Die Freiheit der Person, Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Glaubensfreiheit, Berufsfreiheit, Freizügigkeit, Versammlungsfreiheit – alles leere Luft? […] Seltsam, dass in vielen Ländern der Welt junge Leute gegen Diktaturen protestieren und unter Lebensgefahr Freiheit einfordern, dieses leere, floskelhafte Wort.« Anscheinend hat sie da etwas nicht richtig verstanden.

Sonntag: Nachmittags ging ich spazieren.

Blick von der Kennedybrücke Richtung Norden
Rheinaue vor Schwarzrheindorf
Friedrich-Ebert-Brücke
Von der Friedrich-Ebert-Brücke Richtung Süden mit Siebengebirge und Mutterhaus

Gefunden in der Sonntagszeitung: Sie erwägen mittelfristig den Kauf eines Grundstücks am Wasser, ohne sich um die Folgen des Klimawandels sorgen zu müssen? Dann ist vielleicht hier was für Sie dabei. »Lassen Sie Ihre Rendite mit dem Meeresspiegel steigen.«

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Kommen Sie gut durch die Woche.

Woche 52/2022: Nächste Ausfahrt Zierfische

Montag: Driving home from Christmas. Der Junge, der einst meinen Namen trug, freute sich zu Weihnachten am meisten darauf, wenn am Heiligabend nach Gottesdienst und Essen endlich das Glöckchen bimmelte und Einlass gewährt wurde ins Wohnzimmer, wo am Baum die (echten) Kerzen brannten und wir, mein Bruder und ich, uns auf die darunter abgelegten Geschenke stürzen durften. An den Weihnachtsfeiertagen verbrachte ich viel Zeit im Wohnzimmer, betrachte bäuchlings auf dem Teppich liegend den Zug der L.G.B.-Eisenbahn mit der neuen Lok oder den neuen Wagen, wie er Runde um Runde den Baum umfuhr. Oder ich blätterte in dem Eisenbahnbuch, das ich geschenkt bekommen hatte. Schaute immer wieder auf die neue Uhr. Freute mich über den Pullover, eine Muh, eine Mäh oder Tätärätätä. Am zweiten Weihnachtstag fuhren wir mit dem Wagen nach Lämershagen, einem Ortsteil im Südosten von Bielefeld, von wo aus wir durch den Teutoburger Wald flanierten. Von der Brücke über die A 2 aus winkten wir den Autos zu, die sich auf dem Rückweg von den Weihnachtsbesuchen befanden.

Seit ich in Bonn wohne, sitze ich an Weihnachten selbst in einem dieser Wagen auf der A 2. Heiligabend verbringen wir meistens hier in Bonn, am ersten Weihnachtstag geht es los: Nicht allzu lang schlafen, mit einer Spur Widerwillen aufstehen, Geschenke ins Auto packen, dann auf nach Ostwestfalen zur Mutter und weiter zur Schwiegerfamilie. Gut essen, reichlich trinken, die alten Geschichten, lachen, manchmal auch ein Tränchen, Taxi ins Hotel. Morgens Frühstück, wenn es gut läuft ohne Kater (dieses Mal lief es gut), die Mutter nach Hause bringen, zurück nach Bonn. Ankommen, Ruhe. Das ist heute der Moment, auf den ich mich zu Weihnachten am meisten freue. Weihnachten 2022 ist überstanden – rückblickend war es ganz schön.

Er hat es auch hinter sich.

Während der Rückfahrt sah ich kurz vor Hamm auf einem Feld rechts der A2 ein großes Schild: »700 Aquarien – Nächste Ausfahrt Zierfische«. Wie viele Autofahrer mögen dadurch inspiriert werden, in Hamm abzufahren und erst nach Erwerb von einem Duzend Guppys oder Black Mollys ihre Fahrt Richtung Süden fortzusetzen?

Nach Rückkehr ging ich als erstes spazieren, woran mir auch einsetzender Regen nicht die Freude nahm. Bemerkenswert: Bereits heute, am Zweiten Weihnachtstag, liegt gegenüber neben dem Spielplatz der erste Tannenbaum abgelegt. Da konnte wohl auch jemand nicht das Ende vom Fest abwarten.

Was jemanden bewogen haben mag, am unteren Ende unserer Straße zwei Kartons mit Bananen abzustellen, ist schwer nachvollziehbar. Falls die Absicht war, anderen damit Gutes zu tun, darf man diese als im Ansatz verrissen betrachten, denn die Früchte sind dunkelbraun bis schwarz. Wenigstens verzichtete er auf den üblichen Zettel „Zu verschenken“.

Dienstag: Eine Woche Urlaub. Wie einst Opa Hoppenstedt bekam ich zu Weihnachten einen Plattenspieler geschenkt. Den nahm ich heute in Betrieb und bin damit sehr zufrieden.

Mich erreichte eine verspätete Weihnachtsgeschichte, die ich aus persönlichen Gründen sehr schön finde.

Mittwoch: Nach spätem Frühstück unternahm ich einen Gang durch die Innenstadt und an den Rhein. Fußgängerzone und Rheinpromenade waren menschengefüllt, viele haben ebenfalls Urlaub zwischen den Jahren. Am Rheinufer lag ein Hotelschiff aus der Schweiz, im Restaurant auf dem Hinterdeck wurde das Mittagessen gereicht. Die örtlichen Ausflugsschiffe dagegen liegen menschenleer im Winterschlaf bis zur nächsten Saison, bei einem wurde auf dem Oberdeck der Weihnachtsbaum demontiert. Nur wenige Frachtschiffe waren unterwegs. Rheinabwärts brummte ein Boot mit angebautem Kran, beladen mit grünen und orangen Bojen; Tonnenleger nennt man diese Boote meines Wissens. Tonnen gibt es wohl immer zu legen, auch zwischen den Jahren.

Oberhalb des Rheinufers steht im großen Garten einer Villa ein türmchenartiges Ziegelgebäude mit vielen Fenstern. Ich weiß nicht, welchem Zweck es ursprünglich diente. Vielleicht als Teehäuschen oder Gästeunterkunft. Oder als Rückzugsort des Hausherrn, wenn die Lieben daheim mal wieder an den Nerven zerrten; wo Menschen zusammenleben, kommt das gelegentlich vor, Sie kennen das sicher. Wie auch immer: Ich stelle es mir traumhaft vor, ofenbeheizt an einem kalten Wintertag darin im bequemen Sessel ein Buch zu lesen (wenn Sie unbedingt wollen auch ein gutes Buch, ich weiß nicht, warum das immer wieder betont werden muss; wer freiwillig schlechte Bücher liest, ist selbst schuld, wobei die Beurteilung, ob ein Buch gut oder schlecht ist, jedem selbst obliegt), zwischendurch immer wieder den Blick über den Fluss schweifen lassen. Oder am Schreibtisch zu sitzen, dahinter ein Fenster mit Rheinblick. Wem da nichts zu schreiben einfällt, dem ist nicht zu helfen.

Oder einfach nur sitzen und schauen.

Auch müsste ich mir nicht sagen lassen „Du hörst ja komische Musik“, wenn während des Sitzens, Lesens oder Schreibens Pink Floyd läuft. Das haben wir gerne: Erst zu Weihnachten einen Plattenspieler verschenken, dann rummeckern. So eine Langspielplatte läuft übrigens ganz schön kurz, stelle ich fest. Das war mir gar nicht mehr bewusst.

Donnerstag: Vergangene Nacht schlief ich schlecht. Gegen drei Uhr wachte ich auf und schlief längere Zeit nicht wieder ein. Vielleicht war der Körper urlaubsbedingt schlafsatt. Draußen zankten Katzen und schrieen dabei wie angebratene Säuglinge. Während des Wachens zogen diverse Gedanken durch, nichts Bedeutendes und nichts, was in Erinnerung geblieben ist, bis auf die Idee für einen passenden Buchtitel: „Was besorgt den, der keine Sorgen hat?“

Es hätte ein schöner Wandertag werden können. Geplant war eine Tour durch den Bonner Norden, das Meßdorfer Feld und das Vorgebirge maximal bis Brühl. Da Komoot hierfür etwa sieben Stunden veranschlagt, war offen, wie weit ich kommen würde, ehe das Nachlassen von Wanderlust oder Tageslicht eine Beendigung der Wanderung ratsam erscheinen ließen, was dank der parallel verlaufenden Stadtbahnlinie jederzeit möglich wäre. Trotz Schlafmangels kam ich zur vorgesehenen Zeit um kurz nach acht gut aus dem Tuch, der Regen war durch, der Tag versprach trocken, zeitweise sonnig zu werden, perfektes Wanderwetter.

Doch ach: Beim Anziehen der Wanderschuhe waren diese zu klein. Das konnte nicht sein: Ich habe sie im Oktober gekauft und war seitdem zweimal beanstandungslos darin gewandert. Da auch meine Füße seitdem sehr wahrscheinlich nicht gewachsen sind, beschloss ich, dennoch zu gehen, vielleicht glichen sich Schuhe und Füße im Laufe des Tages wieder an. Leider nicht – bei Ankunft am Meßdorfer Feld spürte ich die erste schmerzende Blase an der rechten Ferse, bald darauf auch an der linken. Daher entschied ich mich für den Abbruch und schleppte mich zur nächsten Bushaltestelle, wo bald ein Bus kam und den geschundenen Körper zurück in die Innenstadt brachte, von wo aus ich mich mit letzter Kraft unter Tränen nach Hause schleppte. (Na gut, ganz so schlimm war es nicht, dennoch ärgerte ich mich über den ausgefallenen Wandertag, ohne genau zu wissen, wem oder was das Scheitern in die Schuhe zu schieben war.)

Für ein Bild hat es immerhin gereicht: Das Meßdorfer Feld, dahinter das Vorgebirge.

Statt Wanderung als ein Sofalesetag. Es hätte zweifellos schlimmer kommen können. Und die Wanderung wird so bald wie möglich nachgeholt.

Freitag: Aufgrund interner atmosphärischer Störungen, auf deren Inhalt und Anlass ich nicht weiter eingehen werden, wünschte ich mir vormittags das oben besungene Gartenhäuschen am Rheinufer als vorübergehenden Rückzugsort. Wo so ein Häuschen nicht zur Verfügung steht, muss ein Zimmer mit einer zu schließenden Tür und einer Stereoanlage ausreichen.

Dort hörte ich nach längerer Zeit mal wieder „Mein Vaterland“ von Friedrich Smetana. Was ich mich dabei schon immer fragte: Warum ließ der Komponist das wunderschöne, zu Grundschulzeiten ausgiebig besprochene Stück „Die Moldau“ nach dem sanftleisen Ausklang mit zwei Donnerschlägen enden? Sollte das Publikum im Konzertsaal damit geweckt werden?

Später hörte ich bei noch immer geschlossener Tür die zweite Symphonie von Mahler, ebenfalls länger nicht mehr gehört. In welcher Verfassung mag sich Gustav Mahler während der Entstehung befunden haben? Jedenfalls nicht sehr aufgeräumt. Immerhin, das Finale ist grandios.

In einem Blog las ich die Frage, seit wann man sich zum Jahreswechsel nicht mehr „einen guten Rutsch“ wünscht. Ich weiß nicht, ob man das wirklich nicht mehr tut, vielmehr meine ich, es immer noch häufig zu hören und lesen. Soweit es mich betrifft, meide ich schon lange diese Formulierung, weil ich sie für unsinnig halte. Warum sollte jemand ins neue Jahr rutschen, und worauf? Soll er gar ausrutschen und sich was brechen? Das ist nun wirklich niemandem zu wünschen, weder zum Jahreswechsel noch sonst. Gut, ein paar wenigen vielleicht schon, aber das muss man denen ja nicht mitteilen.

Samstag: Das Jahr verabschiedet sich mit ungewöhnlich milder Temperatur. Auch das häusliche Klima scheint (zum Zeitpunkt der Niederschrift) wieder gemäßigter. Was soll der Zank auch immer.

Wie zu lesen ist, erfreuen sich die Namen Erwin und Kurt wieder größerer Beliebtheit bei der Namensgebung Neugeborener. Schade, dass mein Vater (E) und sein Lieblingsschwager (K) das nicht mehr erleben. Aber vielleicht erheben sie darauf im Jenseits ihr Glas. Bestimmt würden sie das tun.

Ich mag es immer wieder sehr, wenn die Sichtweise anderer bei bestimmten Randthemen mit meiner übereinstimmt:

»Ich habe neulich einen Hörtest gemacht und wenn ich es richtig verstanden habe, sagte man mir, ein Hörgerät wäre sehr sinnvoll für mich, ich glaube aber, ich bin im Moment nicht in der Verfassung, dass ich noch mehr mitbekommen möchte.«

Gelesen bei Frau Anje

„Hey Helene Fischer, spiel Roland Kaiser“, sprach der Geliebte zu fortgeschrittener Stunde zur Siri-Box und wunderte sich über die ausbleibende Ausführung. Ansonsten blieben die Silvester-Feierlichkeiten in angemessenem Rahmen.

Sonntag: Neben einem Asteroiden, der die Erde doch nicht verheerte, nennt die Sonntagszeitung in der Rubrik „Zehn düstere Prognosen, die sich nicht bewahrheitet haben“, wir würden uns nie wieder die Hand geben. Was genau wäre daran so düster gewesen?

Ich verschone Sie mit der in anderen Blogs üblichen Jahresrückblicksfragenliste, da es Sie vermutlich wenig interessiert, was ich gutes oder schlechtes gegessen, ob ich weniger oder mehr Geld ausgegeben habe oder meine Haare länger oder kürzer trage.

Neujahrsgrüße sind jetzt häufig verbunden mit dem Zusatz, 2023 möge ein besseres Jahr werden als das alte, was angesichts der aktuellen Krisen in der Welt nachvollziehbar, jedoch keineswegs wahrscheinlich ist. Gleichwohl kann ich das verblichene 2022 in ganz persönlicher Hinsicht nicht beklagen, insgesamt war es für mich ein recht gutes Jahr. Unsere Corona-Infektion haben wir gut und ohne spürbare Nachwirkungen überstanden, die bislang einzige Auswirkung der Energiekrise ist ein etwas zu kaltes Büro im Werk. Vielen Imponderabilien begegne ich inzwischen mit wachsendem Fatalismus. Wenn es schlimmer nicht wird, bin ich zufrieden. Wir werden sehen.

Spazieren war ich heute auch.

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Ich wünsche Ihnen ein erfreuliches Jahr und eine angenehme erste Woche. Im Übrigen würde es mich sehr freuen, wenn Sie hier weiterhin gelegentlich lesen. Machen Sie es gut!

Woche 51/2022: Wer jetzt nicht viel zu tun hat, fängt auch nichts Neues mehr an

Montag: Wie angekündigt kam zur Nacht der Regen, mit ihm zunächst Eisglätte auf Straßen und Wegen, aber auch ein Nachlassen der Kälte der letzten Tage. Als ich morgens aufbrach, war es auf den Gehwegen noch immer glatt, doch nicht so sehr wie befürchtet. Daher kam ich ungestürzt mit nur geringer Verspätung im Werk an, letztere verursacht durch die inzwischen verlässliche Unzuverlässigkeit der Stadtbahn, deren Nutzung mir heute dennoch sicherer schien als Fahrrad oder Fuß. Da mich in der letzten Arbeitswoche des Jahres nichts mehr drängt und das Gleitzeitkonto gut gefüllt ist, beklage ich das nicht. Zur Verkürzung der Wartezeit an der Haltestelle erfreuten die Stadtwerke ihre Kunden mit einem Rätsel: Am unteren Rand der elektronischen Fahrplananzeige über dem Bahnsteig lief ein Schriftzug: »… Es wird noch einige Zeit zu Verzögerungen kommen. dem Betriebshof zu ihren Einsatzpunkten. Es wird noch einige Zeit …« und so weiter. Erst später fiel mir darüber der feste Text »Die Busse fahren nun aus« auf, und es dauerte noch eine weitere Weile, bis ich verstand.

Bei Ankunft im Büro zeigte das Schreibtischthermometer fünfzehn Grad an, was mich zu einer Störungsmeldung an den Hausservice veranlasste. Mal sehen, ob es was bewirkt außer einem stimmlos geflüsterten „Heul doch“ des Servicemitarbeiters bei Empfang meiner Nachricht.

Später zählte ich während einer halbstündigen Besprechung, wie oft „tatsächlich“ gesagt wurde und kam am Ende tatsächlich auf sechzehn.

Dienstag: Vom Eise befreit sind Straßen und Wege. Während des Fußweges ins Werk umspielte den Gehenden nahezu milde Luft, morgens sang im Werkshof eine Amsel. Das Thermometer auf dem Schreibtisch zeigte erst sechzehn, später achtzehn Grad an, höher kam es heute nicht. Bis Feierabend keine Reaktion vom Hausservice. Vielleicht kommt der Frühling ja früher.

Erster Termin des Tages war eine Teams-Besprechung der IT, die kurz nach Beginn ein wenig ins Emotionale abglitt. Es fielen Begriffe wie „komische Notion“, „tendenziöse Scheiße“, auch der beliebte Satz „Es geht hier doch gar nicht um Fingerpointing“ (Doch, genau darum ging es); gegen Ende dann folgende wunderschöne Aussage einer Führungskraft: „Das ist nicht mit der Weisheit letztem Löffelchen aufgefressen.“ Als weitgehend Unbeteiligter empfand ich es als äußerst unterhaltsam, lachte mehrfach (bei stummem Mikrofon und blinder Kamera) und bedanke mich ausdrücklich für die Einladung. Für Januar ist ein Follow Up vorgesehen, darauf freue ich mich sehr.

Der Geliebte ist erkältet. Wirklich nur ganz kurzzeitig erwachte in mir der böse Gedanke, was wäre, wenn es schlimmer wird, wir uns anstecken, gegen Ende der Woche womöglich gar der Corona-Selbsttest ausschlägt und wir deswegen über Weihnachten leider nicht nach Ostwestfalen … nur so ein böser Gedanke.

Mittwoch: In einer Kolumne zum Thema Weihnachtsfrieden im Kreise der Lieben ist die Empfehlung einer Familienberaterin zu lesen, es könnte helfen, andere Personen wie eine andere Tierart zu betrachten, hierdurch gerate man „in eine neugierige Beobachterhaltung“, die im besten Falle dazu führe, der anderen Verhaltensweisen nachvollziehen zu können. Ich finde das eine wunderbare Sichtweise, nicht nur zur Weihnachtszeit. Fußgänger auf dem Radweg? Mobiltelefonierer in der Bahn? Gehkaffeetrinker? Ist halt artspezifisch. Wer wollte es einer Möwe persönlich verübeln, wenn sie ihm auf den Kopf kotet? Sie kann halt nicht anders.

Sie können auch nicht anders. (General-Anzeiger Bonn)

Reinhard Mey wird heute achtzig, wozu ich ihm herzlich gratuliere, auch wenn er es hier vermutlich nicht liest; sollten Sie ihn zufällig oder auch absichtlich treffen, richten Sie ihm bitte meine Glückwünsche aus. Kein Medienartikel darüber kommt ohne das Wort „Liedermacher“ als Berufsbezeichnung für ihn aus, was ein wenig an ein Kind erinnert, das im Sandkasten sitzt und mit seinen Förmchen Kuchen backt. (Tun Kinder das noch, oder ist das inzwischen aus Gründen der Hygiene, Diskriminierung oder kultureller Aneignung verpönt?) Während zumeist „Über den Wolken“ und „Gute Nacht, Freunde“ als seine bekanntesten Lieder genannt werden, verweise ich auf „Es gibt keine Maikäfer mehr“. Das mochte ich besonders.

»Was sind deine fünf Lieblingsartikel im Lebensmittelgeschäft?« lautet heute die Frage des Tages bei WordPress. Das ist schnell beantwortet: Nougat-Marzipan-Baumstämme. Nur noch wenige Tage erhältlich, danach bis Ostern aus nicht nachvollziehbaren Gründen leider nicht mehr. Deshalb gerne auch mehr als fünf.

Donnerstag: Der Arbeitstag war angenehm kurz. Wer jetzt nicht viel zu tun hat, fängt auch nichts Neues mehr an.

Den gestern beschriebenen Rat mit der anderen Tierart wendete ich gleich heute an, als ich auf dem Rückweg vom Werk auf dem Weihnachtsmarkt an einem Warmgetränk labte. Eindeutig einer anderen Spezies zugehörig war jener Jugendliche in Hörweite, der seinen Artgenossen in arttypischem, mit zahlreichen Sch-Lauten durchsetztem Rapper-Idioten-Slang mitteilte, seine Mutter habe ihm aufgetragen, um achtzehn Uhr zu Hause zu sein. Das war fast so drollig wie balgende Babyschildkröten. Gedanke: Was, wenn ich derjenige bin, der einer anderen Art angehört, der einzige, letzte? Da ich keine Vermehrungsabsichten in mir trage, wäre das auch in Ordnung.

So sehr sie auch alle „Last Christmas“ schmähen – viel schlimmer finde ich „Feliz Navidad“.

„Jetzt werden die Tage wieder länger“ ist vielfach zu hören und lesen. Bezichtigen Sie mich gerne der Klugschei Besserwisserei, jedenfalls werden die Tage keineswegs länger. Dem Himmel sei Dank, möchte ich hinzufügen.

Abends begleitete ich den Geliebten in ein Brillengeschäft. Während die freundliche junge Dame die Auftragsdaten aufnahm, hier maß, dort peilte, sah ich auf das Namensschild an ihrem Pullover, das sie als „Augenoptikerin“ auswies und mich zu der unausgesprochenen Frage veranlasste, welche Arten von Optikern es sonst noch gibt.

Geht doch.

Freitag: Da ab Mittag Regen angekündigt war, fuhr ich nicht mit dem Fahrrad ins Werk, sondern ging bei leichtem Niesel zu Fuß. Nur wenige Menschen sah ich auf dem Weg, anscheinend sind schon viele im Weihnachtsurlaub. Kurz vor Ankunft fragte ich mich, warum ich nicht ebenfalls bereits heute frei genommen hatte. Wichtige Aufgaben standen nicht mehr an, das Gleitzeitkonto war ausreichend gefüllt. Zu spät.

Auch im Mutterhaus augenscheinlich nur wenig Tätigkeit

Da zum Zeitpunkt des erfreulich frühen Feierabends (oder eher: Feiermittags) verlässlich der angekündigte Regen fiel, fuhr ich mit der Bahn nach Hause. Darin erlebte ich eine weitere interessante Spezies: Eine ältere Frau saß alleine in einer Vierersitzgruppe zum Gang hin, den Fensterplatz neben sich belegt mit Rucksack und Regenschirm, am Haken über dem freien Fensterplatz gegenüber hing ein Mantel. Die Dame selbst hatte raumeinnehmend die Beine übereinander geschlagen, somit schaffte sie es, vier Sitzplätze in Beschlag zu nehmen. Damit war sie bei mir richtig. Gegen den Fuß des überschlagenen Beines stoßend setzte ich mich ohne Entschuldigungsgesuch auf den Fensterplatz unter dem Mantel, was mit einen missbilligen Blick der Besitzerin quittiert wurde, zumal die Berührung des Mantels mit meinem Kopfe nicht zu vermeiden und dies zu vermeiden auch nicht von mir beabsichtigt war. Kurz vor Erreichen der Haltestelle Hauptbahnhof, wo ich auszusteigen beabsichtigte, fragte sie, ob sie an ihren Mantel dürfe, sie wollte hier also auch raus. Erst nachdem ich mich vom Platz erhoben hatte, die Dame hinter mir, bemerkte ich, dass die nächste Wagentür sich wegen einer Störung nicht öffnete, so ging ich weiter bis zur nächsten. Da diese bereits geöffnet war und durch sie Leute den Wagen betraten, kam ich nur langsam voran. Das wiederum veranlasste die Dame hinter mir, gegen meinen Rücken zu drücken. Auf meinen mit der Situation angemessener Freundlichkeit vorgetragenen Hinweis, es ginge nicht schneller, wenn sie mich anzuschieben versuche, antwortete sie: Doch, doch. Auf eine weitere Erörterung verzichtete ich.

Samstag: Wie in der Zeitung zu lesen war, wird das Weihnachtsfest im häuslich-privaten Familienkreis mit Geschenken erst seit Anfang des neunzehnten Jahrhunderts in dieser Form begangen, nachdem ein gewisser Friedrich Schleiermacher es so in einem Buch beschrieben hatte. Zuvor ging man nur zum Mitternachts-Gottesdienst uns saß anschließend betrunken im Wirtshaus. – Noch drei Tage. (Bitte denken Sie sich hier ein tiefes Seufzen.)

Ins Wirtshaus ging ich mittags auch, zu einem vorweihnachtlichen Umtrunk mit lieben Nachbarn. Die Idee, dort bei Eifeler Landbier sitzen zu bleiben bis Weihnachten vorbei ist, war verlockend, indes nicht zu verwirklichen a) wegen familiärer Verpflichtungen und b) weil um vierzehn Uhr geschlossen wurde. Immer wieder faszinierend: Der Weihnachtsmarkt, bis gestern Abend noch gut besucht, war bis auf ein paar Tannenzweige vollständig verschwunden, als wäre nichts gewesen.

»Der Mensch bleibt in sich gefangen. Gerade zu Weihnachten« schreibt Kurt Kister in seiner Wochenkolumne.

Sonntag: Aufgrund vorgenannter Pflichten finde ich hier heute nur wenig Gelegenheit zur Niederschrift. Gegebenenfalls Berichtenswertes wird kommende Woche nachgereicht, ich bitte um Verständnis. Jedenfalls: Allen Leserinnen und Lesern wünsche ich schöne Weihnachten, wie auch immer Sie dazu stehen!

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Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche, einen frohen Weihnachtsrest und einen guten Start in ein hoffentlich erfreulicheres Jahr.

Woche 50/2022: Alkoholzufuhr im Kollegenkreis und komische Vögel

Montag: »Wen beneidest du?« lautet die Tagesfrage von WordPress. Niemanden, jedenfalls nicht als Ganzes. Es gibt einige Einzelattribute, die ich anderen neiden könnte, vielleicht weil sie besser schreiben oder mehr Haare auf der Brust haben. Doch hat auch der Schönste, Reichste, Erfolgreichste, Wasauchimmerste seine eigenen Probleme, auf die ich gerne verzichte. So wie es ist bin ich sehr zufrieden, gerne darf es vorläufig so bleiben.

Nicht Neid, eher ein gewisses Erstaunen empfand ich für den Radfahrer, der mittags mit hoher Geschwindigkeit durch den Park fuhr, dabei freihändig eine Jacke vom Gepäckträger nahm und sie während der Fahrt anzog. Ich gebe zu: Wäre er dabei vom Weg abgekommen und in den Teich gestürzt, hätte ich ein Zucken der Mundwinkel nicht ganz unterdrücken können.

Was anderes: Fast zwei Drittel der Arbeitnehmer, die über Weihnachten Urlaub haben, werden für ihren Arbeitgeber dennoch erreichbar sein, davon wiederum über siebzig Prozent aus eigenem Antrieb, berichtet die Zeitung. Auch das erzeugt Erstaunen, mit einer kräftigen Beimischung von bedauerndem Unverständnis. Ein Kommentar dazu endet mit dem wunderbaren Satz »Das Nützliche vom Unnützen zu trennen, ist schwierig, aber notwendig.«

Dienstag: Wie im Radio zu hören war, plant man in Essen, kleine Waldflächen anzulegen, bevorzugt bepflanzt mit heimischen Hölzern. Diese Haine sollen „Tiny Forest“ heißen. Warum nur werden grundsätzlich gute Ideen immer wieder durch zwangsenglische Bezeichnungen der Lächerlichkeit preisgegeben?

Wo Bäume sind, fällt Laub. Dieses zu beseitigen schuf der HERR (oder eher Luzifer) den Laubbläser, dessen Klang auch heute Mittag auf dem Weg aus der Kantine in mein Ohr drang. So lange es noch genug Benzin für Laubbläser gibt, müssen wir uns um die Energieversorgung nicht sorgen.

Abends sah ich in der Stadt den Weihnachtsmann. Augenscheinlich hatte er Feierabend, denn er stand, ohne Mütze und Bart, mit drei anderen Männern in der Runde, vor sich eine große Tragetasche, eine Zigarette rauchend. Hoffentlich wurden nicht allzu viele Kinder durch dessen Anblick desillusioniert oder gar traumatisiert.

Mittwoch: Es ist weiterhin kalt. Warum auch nicht Mitte Dezember. Das Schreibtischthermometer zeigte morgens siebzehn Grad an, wie jeden Morgen bei Ankunft (außer Montag, da waren es sechzehn), im Laufe des Tages kam es nicht über achtzehn hinaus. Ich beklage das nicht, dank dienstlich zur Verfügung gestellter Fleecejacke ist es erträglich. Frieren für den Frieden. Allemal besser als Heimarbeit. Vormittags begann es zu schneien bis in den späten Nachmittag hinein, daher wurde die Rückfahrt mit dem Fahrrad interessant, jedoch unproblematisch, da der Radweg am Rhein geräumt war, wodurch er noch mehr Fußgänger anzog als sonst. Was soll ich mich darüber immer wieder aufregen? Menschen sind so. Nur meine Fingerkuppen schmerzten vor Kälte. Die derzeit benutzten Handschuhe sind für Radfahrten bei Minustemperaturen nur bedingt geeignet.

Mittags im Park

Donnerstag: Gelungenes Marketing zeichnet sich aus durch originelle, eingängige Werbeaussagen und Produktnamen, die dem Konsumenten im Idealfall jahrelang im Gedächtnis bleiben, denken Sie etwa an „Advocard ist Anwalts Liebling“ oder „Ariel wäscht nicht sauber, sondern rein“. (Oder war es Persil? Oder Weißer Riese? Frosch jedenfalls nicht. Egal.) Das gelingt mal besser, mal nicht so gut. Eher der zweiten Kategorie zugehörig ist die Namensgebung für die weihnachtliche Konfektmischung eines bekannten Bonner Süßwarenherstellers, die unter der Bezeichnung „Merry Mixmas“ gehandelt wird.

Morgens auf dem Weg ins Werk

Freitag: Da ich mich als eher kältescheu bezeichnen würde, beschloss ich morgens, mit der Stadtbahn ins Werk zu fahren. Das war gar nicht so einfach. Zunächst kam keine Bahn, dann gleich drei direkt nacheinander. Da Zug eins erwartungsgemäß voll war, ließ ich ihn fahren und stieg in den folgenden. Der Beförderungsfall währte nicht lange, bereits an der nächsten Haltestelle Hauptbahnhof hieß es „Zug defekt, bitte aussteigen, der nächste Zug folgt direkt am Bahnsteig gegenüber“. Das tat er auch, und also fuhr ich mit Zug drei ins Werk, wo ich schließlich fast fünfzig Minuten nach Verlassen des Hauses ankam. Zu Fuß hätte es kaum länger gedauert. Immerhin war die Bahn geheizt, auch hier das Positive sehen.

Nachmittags ging ich zu Fuß zurück. Da am Abend noch Alkoholzufuhr im Kollegenkreis bevorstand, ausnahmsweise ohne Zwischenhalt an der Glühweinbude am Rheinpavillon.

Wirklich jede Freude wollen sie uns vergällen.

Wir bleiben noch etwas beim öffentlichen Nahverkehr. Den Leserbrief der Woche schrieb Frau Dorothea G. May an den General-Anzeiger. Darin beklagt sie, dass sie am Sonntag auf dem Weg zum Gottesdienst vergeblich auf den Bus gewartet hätte, weil der seit dem Fahrplanwechsel nur noch stündlich fährt. Sie vermisse hier den „Aufschrei der Kirchen“. Gegen wen oder was soll sich der heilige Zorn richten? Vielleicht gegen das Versäumnis der Schäflein, sich über die Bus-Abfahrtzeiten zu informieren.

Samstag: Morgens wurde ich übler Knoblauch-Ausdünstungen bezichtigt, eine direkte Folge des Abteilungs-Weihnachtsessens am Vorabend in einer spanischen Gaststätte. Aufgrund einer weiteren Folge dieser Zusammenkunft verzichtete ich mittags nach den üblichen Samstagserledigungen in der menschengefüllten Innenstadt auf den Besuch der Weinbar meines Vertrauens und ging ein wenig am Rhein spazieren, wo mich der Anblick zahlreicher Wasservögel an und in den eisigen Fluten schaudern ließ. Besonders, als ein schwarzer Vogel (vielleicht ein Kormoran, ich bin ornithologisch nicht sehr bewandert), der auf dem Wasser schwamm, erst den Kopf unter Wasser steckte und kurz darauf komplett abtauchte. Für mich ein Wunder der Natur, dass die das überleben und nicht erfrieren, augenscheinlich gar so etwas wie Freude an ihrem Tun empfinden. Letzteres gilt natürlich auch außerhalb des Tierreiches – man wundert sich oft, an welchen Dingen andere Freude haben, wobei es mir fern liegt, Fußball für ein Naturwunder zu halten.

Gelesen: »Dabei wird gern vergessen, dass womöglich erst das Siezen einer Beleidigung eine gewisse Bedeutung geben kann. […] Es ist ein allzu schlichtes Weltbild, das sich da abzeichnet: Weil man sich duzt, haben sich alle schrecklich lieb, wird alles hierarchiefrei, vertrauter und besser«, schreibt Ulrich Bumann in seiner lesenswerten Kolumne im General-Anzeiger zum allüberall grassierenden Duz-Zwang.

Sonntag: Seltsames Vogelverhalten beobachtete ich auch während des Spazierganges in der Bonner Innenstadt, wo mehrere Möwen etwas vom Gehweg aufpickten, das sich bei näherer Betrachtung als eine gerade an Wochenenden auf innenstädischen Gehwegen nicht selten vorzufindende menschliche Hinterlassenschaft erwies, ich möchte das mit Rücksicht auf empfindsame Gemüter nicht weiter ausführen. Immerhin: In der Natur kommt nichts um.

Weiterhin ungeklärt sind Herkunft und Sinn dieser komischen Vögel, die in unterschiedlichen Größen und Farben zahlreich im Bonner Stadtgebiet vorzufinden sind.

In der Rheinaue vor Schwarzrheindorf

Dem unvergesslichen Verkehrsminister A. Scheuer (CSU) verdanken wir diese innovativen Fortbewegungsmittel, die als Teil der dringend notwendigen Verkehrswende nicht mehr wegzudenken sind.

Während der Bearbeitung vorstehender Zeilen führe ich mir mehrere Scheiben eines Marzipanbrotes zu Gemüte, das mir der Liebste mitgebracht hat. »Mindestens haltbar bis: 23.05.2023« steht auf der Verpackung. Ganz sicher nicht.

Bei Redaktionsschluss am Sonntagnachmittag lassen die Wetteraussichten für die Nacht und morgen früh Glatteis erwarten. Das wäre selbst für mich ein Grund zur Heimarbeit, auch wenn ich sie nicht mag. Geht jedoch nicht, da sich mein Rechner im Büro befindet. Ich muss also morgen ins Werk, wie auch immer. Zu Fuß und Fahrrad scheiden wohl aus, die Stadtbahn zeichnet sich in letzter Zeit durch erhebliche Unzuverlässigkeit aus. Es könnte interessant werden.

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Ich wünsche Ihnen eine angenehme Vorweihnachtswoche. Kommen Sie nicht ins Rutschen, lassen Sie sich nicht hetzen und vergessen Sie nicht, das Unnütze vom Nützlichen zu trennen.