Woche 1/2023: Auf dem Boden der Tatsachen

Montag: Auf den Werkstoiletten wurden zwischen den Jahren Schilder angebracht, man möge beim Verlassen das Licht ausschalten. Für manche müssen halt auch Selbstverständlichkeiten beschildert werden, siehe auch „Nicht vor der Einfahrt parken“ und „Betreten der Baustelle verboten“. Oder „Vorsicht, Heißgetränk“ auf den unsäglichen Pappbechern. Ab heute müssen Kaffeeverkäufer auch Mehrwegbehälter anbieten, allerdings erst ab einer bestimmten Betriebsgröße. Die hippen Wägelchen am Wegesrand dürfen hingegen weiterhin den Gehkaffeedrang der hippen Kundschaft bedienen, der Müll bleibt uns also vorerst erhalten.

Das Wort „Freiheit“ wurde zur Floskel des Jahres erklärt? Mal kurz überlegen: Lindner, Wissing, Buschmann, Kubicki (also der andere) … ja, passt perfekt.

Dienstag: Morgens herrschte interessantes Licht.

„Lass uns mal wieder zusammen Mittagessen“, schreibt einer per Mail. Vorteil der schriftlichen Kommunikation: Durch schlichtes Nichtantworten kann man konkludent zu Ausdruck bringen, dass es keine Eile hat.

Mittwoch: Der angekündigte Regen mit Sturm blieb aus, so kam ich trocken und unbestürmt mit dem Fahrrad ins Werk und wieder zurück. Die Kantine bot mittags Currywurst an Pommes an. Auch sonst gibt es über den Tag nichts Nachteiliges zu berichten. Weiteres auch nicht.

Schauen wir stattdessen zur Abwechslung mal in die Vergangenheit. Heute vor dreißig Jahren, an einem Montag, schrieb ich um halb eins nachts ins Tagebuch: »Ich kann nicht schlafen. Das liegt allerdings eher daran, daß ich zum Abendessen einen Cappuccino getrunken habe als an der an sich erschreckenden Tatsache, daß es nur noch 31 1/2 Stunden bis zur ersten Prüfungsklausur sind.« Nach drei Jahren Beamten-Ausbildung, auch als Vorbereitungsdienst bezeichnet, stand die Laufbahnprüfung für den gehobenen Dienst an. In den nächsten Tagen folgten drei weitere Klausuren sowie im Februar die mündliche Prüfung, dann hatte ich es geschafft. Danach musste ich nie wieder eine größere Prüfung ablegen und ich wäre dem Universum dankbar, wenn sich daran in der verbleibenden Zeit nichts mehr änderte. Auch wenn ich manchmal noch davon träume und danach stets mit einem Lächeln aufwache. – Im Tagebuch ließ ich mich dann noch über meinen Liebeskummer aus und redete mir schriftlich ein, darüber hinweg zu sein, was keineswegs zutraf; vielmehr hielt der Schmerz noch bis lange nach der bestandenen Prüfung an. »Willkommen auf dem Boden der Tatsachen!«, mit diesem schönen Satz endete der Tageseintrag, damit schließe ich auch für heute.

Donnerstag: Die Bonner Stadtreinigung firmiert seit einiger Zeit unter „Bonnorange“. Vielleicht muss das so sein, so wie die Verkehrsbetriebe der Stadtwerke Bielefeld sich schon länger „MoBiel“ nennen, irgendwer wird sich was dabei gedacht haben. Wie komme ich jetzt darauf: Bonnorange hat gegen Ende vergangenen Jahres angekündigt, bei der Papierabholung ab Januar nur noch die Blauen Tonnen zu leeren; weitere Papierabfälle, die daneben gestellt werden, bleiben liegen. Hierdurch, so Bonnorange, sollen die geschundenen Rücken des Personals geschont werden, was zu loben ist. Dies gilt gleichermaßen für Privathaushalte wie für Gewerbetreibende. Bedenken amazonisierter Bürger wie von Ladenbesitzern werden regelmäßig mit Verweis auf die öffentlichen (immer vollen) Altpapierbehälter beantwortet sowie auf die städtischen Wertstoffhöfe (somit mehr Autoverkehr, also nicht im Sinne der Grünen Oberbürgermeisterin). Oder man könne kostenlos zusätzliche Blaue Tonnen anfordern (wenn man dafür Platz hat). Mal sehen, wie lange Bonnorange das durchhält. Warum ich das besinge: Als ich morgens auf dem Weg ins Werk durch die Fußgängerzone ging, lagen vor mehreren Geschäften wie ehedem Kartonagen gestapelt, wenn auch längst nicht so viele wie bisher. Bei Rückkehr am Abend waren sie verschwunden. Wo mögen sie geblieben sein?

Rücken- wie auch alles andere schonend war ein weiterer Bonnorangemitarbeiter tätig, den ich morgens auf dem weiteren Weg am Rheinufer seiner Beschäftigung nachgehen sah. Diese bestand darin, auf dem sandigen Streifen zwischen Geh- und Radweg mit einem Besen etwas auf eine langstielige Kehrschaufel zu fegen, wobei sein Tun weder System noch Ziel erkennen ließ. Er fegte bald hier ein paar Krümel, ging einige Meter, bald fegte er da. Was genau er fegte, war nicht auszumachen, da es noch dunkel war. Und doch war seine Arbeit wahrscheinlich nicht sinnloser als meine an manchen Tagen. Nur wesentlich schlechter bezahlt.

Freitag: Mittags in der Kantine gab es Heringsfilets nach Hausfrauenart. Wie kommen solche Bezeichnungen zustande? Woher kommen Forelle Müllerin, Birne Helene, Kalbshaxe Florida*? Gibt es einen Zentralen Ausschuss für kulinarische Namensgebung (ZAKUNA), der sowas verbindlich festlegt? Ich könnte das recherchieren. Dann erführe ich vielleicht: Am Karfreitag 1951 bemerkte Hertha Böhm in Löhne (Westfalen) erst morgens, dass sie vergessen hatte, einzukaufen, daher suchte sie alles Verfügbare aus Vorratskammer und Kühlschrank zusammen, um ihren Lieben, dem Gatten Albert und den drei Kindern, ein vorösterliches Mahl zu bereiten. Leider fanden sich neben den eingelegten Heringen nur noch zwei Becher Sahne kurz vor Verfallsdatum, eine Zwiebel und ein schrumpeliger Apfel. Kurz vor dem Mittagessen schellte es bei den Böhms, ein berühmter Sternekoch stand vor der Tür, der sich im Eingang vertan hatte. „Kommen Sie doch rein und essen sie mit uns“, bat Frau Böhm ihn herein, unwissend, welche Herdkoryphäe sie vor sich hatte. Dieser Bitte kam der Koch, nach langer Reise hungrig, gerne nach. „Das schmeckt vorzüglich“, lobte er kurz darauf das Fischgericht, „was machen Sie beruflich?“ – „Hausfrau“, antwortete sie wahrheitsgemäß und durchaus stolz auf ihren Stand. – Vielleicht war es auch ganz anders. Es gibt Fragen, die unbeantwortet bleiben dürfen. Wie diese.

*Ja ich weiß, die hat sich Loriot ausgedacht.

Samstag: Frau Gabriele H. aus Königswinter schreibt in ihrem Leserbrief an den General-Anzeiger: »Freiheit, zur Floskel des Jahres gekürt, ist also ein gehaltloses Wort, ohne Relevanz. Die Freiheit der Person, Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Glaubensfreiheit, Berufsfreiheit, Freizügigkeit, Versammlungsfreiheit – alles leere Luft? […] Seltsam, dass in vielen Ländern der Welt junge Leute gegen Diktaturen protestieren und unter Lebensgefahr Freiheit einfordern, dieses leere, floskelhafte Wort.« Anscheinend hat sie da etwas nicht richtig verstanden.

Sonntag: Nachmittags ging ich spazieren.

Blick von der Kennedybrücke Richtung Norden
Rheinaue vor Schwarzrheindorf
Friedrich-Ebert-Brücke
Von der Friedrich-Ebert-Brücke Richtung Süden mit Siebengebirge und Mutterhaus

Gefunden in der Sonntagszeitung: Sie erwägen mittelfristig den Kauf eines Grundstücks am Wasser, ohne sich um die Folgen des Klimawandels sorgen zu müssen? Dann ist vielleicht hier was für Sie dabei. »Lassen Sie Ihre Rendite mit dem Meeresspiegel steigen.«

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Kommen Sie gut durch die Woche.