Freisprech
Wenn Ihnen früher jemand sprechend auf der Straße begegnete ohne erkennbaren Gesprächspartner in seiner Nähe, so war der Sprechende mit einigermaßen hoher Wahrscheinlichkeit Inhaber eines gewissen Dachschadens; man war gut beraten, die Straßenseite zu wechseln. Heute hingegen ist er zumeist Inhaber eines Freisprechkabels.
Als ich kürzlich auf dem Weg zum Zug durch den Bahnsteigtunnel des Hauptbahnhofs ging, hörte ich hinter mir jemanden „Hallo…“ rufen. Als gelegentlich höflicher Mensch drehte ich mich um und erblickte einen jungen Mann, der irgendwas mit „… Gleis 1…“ in meine Richtung sprach. „Gleis 1?“, entgegnete ich, noch immer höflich, „das ist gleich hier vorne die erste Trepp…“
„Isch telefoniere“, unterbrach er meine Hilfsbereitschaft und eilte die Treppe hoch, welche ihm zu weisen ich kurz zuvor beabsichtigte, weiter in sein weißes Kopfhörerkabel plappernd, das ich erst jetzt bemerkte. Peinlich berührt ging ich weiter meines Weges und ärgerte mich ein klein wenig meiner Sozialisation im Wählscheibenzeitalter.
Doch möchte ich keineswegs rückwärtsgewandt erscheinen. Denn Stillstand ist Rückschritt! Rückschritt ist der Tod! So oder ähnlich klingen die allgemein anerkannten und von der herrschenden Meinung für richtig befundenen Parolen unserer freiheitlich-kapitalistisch Grundordnung. Immer nach vorne, niemals zurück; vorwärts ist gut, rückwärts nur was für Verlierer.
Und doch bewundere ich Menschen, die mit einem LKW rückwärts einen Anhänger zielgenau bugsieren können. Überhaupt bewundere ich Menschen, die rückwärts fahren können, ohne größeren Schaden anzurichten. Andererseits glaube ich, dass Menschen, die behaupten, in der Bahn nicht gegen die Fahrtrichtung sitzen zu können, weil ihnen davon angeblich schlecht wird, sich ein bisschen anstellen.
Übrigens gibt es auch Freisprechkabelbesitzer mit Dachschaden, und das nicht wenige.
Gestern war ein schöner Morgen, um zu Fuß zur Arbeit zu gehen
Behütet
Ich wuchs auf in Stieghorst, einem östlichen Stadtteil von Bielefeld (gibt es wohl, ha ha ha), dessen Schönheit sich nicht auf Anhieb erschließt. Dennoch empfand ich meine Kindheit und Jugend als glücklich und wohl behütet. Zum Kindergarten (so hieß das damals, die Kita war noch nicht erfunden) brachte mich Opa; mittags(!) holte er mich wieder ab. Nicht etwa mit dem Auto, sondern zu Fuß. Die Grundschule lag etwa einen Kilometer von meinem Elternhaus weg, dorthin gingen wir ebenfalls jeden Tag zu Fuß, ohne (groß-)elterlichen Geleitschutz, was nicht ohne Brisanz war, denn unterwegs begegneten wir den Schülern der Sonderschule, welche manchmal große Freude daran hatten, uns anzupöbeln, zu schubsen, schlagen oder in sonstiger Weise zu drangsalieren. Es liegt mir fern, Menschen scheinbar niedrigerer Bildungsschichten zu diskreditieren, aber es waren nun mal Sonderschüler, und die haben uns echt zugesetzt. Dennoch wären unsere Eltern nicht auf die Idee gekommen, uns mit dem Auto zur Schule zu fahren und wieder abzuholen. Auch später zum Gymnasium nicht. Dieses lag in Heepen, etwa sieben Kilometer von zu Hause entfernt. Entweder fuhren wir mit dem Bus, was meistens mit übler Drängelei beim Einsteigen verbunden war, oder mit dem Fahrrad. Auch bei Schnee.
In unserer Siedlung lag (und liegt auch heute noch) eine größere Rasenfläche, auf der wir Kinder uns nach den Hausaufgaben zum Spielen trafen. Da der Rasen zur Straße hin abfällt, rollte schon mal der Ball auf selbige, wodurch jedoch niemand zu Schaden kam, obwohl sie damals noch nicht durch baumbepflanzte Verkehrsinseln entschleunigt war und sogar eine Buslinie durch sie hindurch führte. Oft gingen wir auch in den Park und den kleinen Wald in der Nähe, kamen erst zum Abendessen nach Hause. Das war trotz elterlicher Nichterreichbarkeit ganz normal und kein Problem. Nur einmal gab es Ärger: Ich besuchte meinen Schulfreund Christian. Nachmittags kamen wir auf die Idee, mit den Stofftieren einen Ausflug zu unternehmen. Dazu packten wir alles Plüschgetier in zwei kleine Kinderschubkarren und und machten uns auf in die Felder Richtung Oldentrup / Hillegossen, wo heute ein Gewerbegebiet die Landschaft bereichert. Dabei vergaßen wir ein wenig die Zeit und kamen erst mit Einbruch der Dunkelheit zurück, wo wir schon von zwei aufgebrachten Müttern erwartet wurden. Egal, uns hatte es gefallen, und den Tieren augenscheinlich auch.
Am schönsten war es bei meinen Großeltern mütterlicherseits, die auf dem Land bei Göttingen wohnten. Stundenlang streiften wir durch die Felder, bauten Staudämme im vom nahen Bauernhof gülleverseuchten Graben, machten Feuer oder zogen in den Wald. Für letzteres mussten wir die Bundesstraße überqueren oder die Bahnlinie, was weniger dramatisch war als es klingt, es fuhren nur noch sehr wenige Züge am Tag und wir kannten die Fahrzeiten, außerdem klingelte vorher die Glocke der Schranke.
Warum ich das alles erzähle? Vor kurzem hörte ich in der Kantine die Unterhaltung zweier Kolleginnen. Die Kinder alleine zur Schule fahren lassen? Niemals. Ohne erwachsene Begleitung in den Wald? Auf keinen Fall. Warum nicht?, fragte ich. Viel zu gefährlich: der Straßenverkehr, überall lauern Kinderschänder. Und natürlich müssen sie jederzeit mobil erreichbar sein, was für eine Frage.
Laut einer Emnid-Umfrage halten heute 53% aller Eltern das Spielen im Wald für gefährlich, was nachvollziehbar ist, werden doch in den letzen Jahren wieder Wölfe und Luchse in hiesigen Gehölzen heimisch. Auch entspricht die deutsche Eiche sicher nicht den Normen kindgerechter Spielgeräte, was da alles passieren kann!
Am 22. September dieses Jahres war Aktionstag „Zu Fuß zur Schule“. Kinder sollten dabei lernen, sich im Verkehr zu bewegen, schließlich werden sie das irgendwann können müssen, spätestens wenn sie groß sind und was mit Medien machen oder so. Auch sollen sie die Umgebung kennen lernen, Freunde treffen (also so richtig, nicht im Sichtfenster ihres Datengeräts) und dabei etwas Bewegung bekommen. Zudem werden die SUV-Muttis, die ihre Brut zur Schule bringen, zunehmend zu einer ernsten Gefahr für die Brut anderer SUV-Muttis. Ich schlage deshalb vor, an Schulen und in deren unmittelbarer Nähe ein streng bewachtes absolutes Halteverbot einzurichten, oder Zufahrtsstraßen zu Schulen während der üblichen Zeiten des Schulbeginns und -schlusses für Kraftfahrzeuge zu sperren. Es ist schon bemerkenswert, dass man für so eine Selbstverständlichkeit einen Aktionstag braucht; was kommt als nächstes: „Mit dem Fahrrad vor der roten Ampel halten“?
Vielleicht wollen die Kinder das heute auch gar nicht mehr, unbeaufsichtigt zur Schule gehen oder im Wald spielen. Weil sie die wenige Freizeit, die ihnen neben Schule, Nachhilfe (48% aller Kinder bekommen heute Nachhilfe, las ich neulich), Chinesisch-Kurs, Rhönrad-Training, Musiktherapie und Geigenunterricht noch bleibt, lieber im Netz verbringen. Ob eine Kindheit heute glücklicher ist als unsere, vermag ich nicht zu beurteilen. Behüteter ist sie auf jeden Fall.
Geheimnisvolle Zeichen in Bad Godesberg
Eine bemerkenswerte Diskussion geht in diesen Tagen durch Bonn, genauer: Bad Godesberg. Nun scheint den Bad Godesberger eine gegenüber den Bewohnern anderer Stadtteile erhöhte Larmoyanz auszuzeichnen, jedenfalls gewinnt man diesen Eindruck beim Lesen des Lokalteils in der Zeitung: Ungepflegte Blumenkübel, nicht gemähte Rasenflächen oder versiegte Springbrunnen sind die Themen, welche geeignet sind, den Godesberger – Verzeihung: BAD Godesberger, so viel Zeit muss sein – in den Zustand unfroher Gemütslage zu versetzen; Probleme also, die in Bonn-Tannenbusch oder -Auerberg nur geringes Erregungpotential entfalten und allenfalls mit einem gelangweilten „Heul doch“ quittiert würden. Oder in Gelsenkirchen oder Hanau. Vielleicht sind die Bad Godesberger auch immer noch sauer über ihre Eingemeindung nach Bonn im Jahre 1969.
Gleichwohl stimmt der mediale Eindruck überhaupt nicht überein mit meinen persönlichen Erfahrungen aus Begegnungen mit echten Menschen aus Bad Godesberg einschließlich Friesdorf: Die sind sehr nett, meckern und jammern nicht mehr als andere auch. Manches ist ja auch zum Beklagen, zum Beispiel das optische Erscheinungsbild der Godesberger Innenstadt nach der Sanierung, oder besser: Planierung in den Sechzigerjahren.
Was zurzeit den Bürger von Bad Godesberg bedrückt, sind arabische Schriftzeichen auf Werbeschildern und Ladenbeschriftungen. Der Bürger Bund Bonn sieht Handlungsbedarf und verlangt eine Satzungsänderung, wonach Waren und der Geschäftszweck eines Ladens stets vorrangig in deutscher Schrift anzubringen sind. Ich sehe ebenfalls Handlungsbedarf, und zwar dringenden, nämlich zur Rettung des Bindestrichs, nicht nur beim Bürger Bund.
Auch ist das Thema Quelle der Inspiration für das Verfassen von Leserbriefen im General-Anzeiger (immerhin mit Bindestrich). Frau Kerstin K. fühlt sich als Deutsche ausgegrenzt angesichts der arabischen Schriften. „Oftmals werden die Schaufenster darüber hinaus auch noch mit Stoffen und Gardinen blickdicht gemacht, so dass man keine Rückschlüsse auf das Angebot im Ladenlokal ziehen kann.“ Empörend.
Ich befürworte das Begehren des Bürger Bund, jedoch unter zwei Bedingungen. Erstens: Neben den arabischen Schriftzeichen verschwinden auch die Begriffe „Sale“ und „Coffee to go“ für alle Zeiten von Schildern und aus deutschen Schaufenstern. Zweitens: Der Bürger Bund legt sich endlich den verdammten Bindestrich zu.







