Montag: Erste Urlaubswoche in Frankreich. Nach dem Frühstück im erfreulich leeren und dadurch ruhigen Frühstücksraum verließen wir das Hotel in bzw. bei Épernay und fuhren weiter zu unserer nächsten Etappe, Beaune im Burgund, wo wir bis Donnerstag bleiben. Wieder fuhren wir überwiegend über die Dörfer, erst ab Chablis, wo ein kurzer Weinkaufhalt eingelegt wurde, ging es über die Autobahn weiter. Außerdem machten wir Halt an der Abbeye de Pontigny, wie die Kathedrale von Reims ein beeindruckendes Bauwerk, wenn auch ganz anders. (Ähnliches gilt auch für das Mutterhaus meines Arbeitgebers, nur nicht so heilig. Jedenfalls anders.)
Unterwegs erfreuten liebliche Landschaften mit blühenden Rapsfeldern das Auge, während die durchfahrenen Orte zwar idyllisch wirken, teilweise jedoch den Eindruck eines gewissen Niedergangs erwecken. Viele Häuser und Höfe stehen leer, nicht wenige wirken verfallen. Erstaunt waren wir über die riesige Anzahl an Windrädern bis zum Horizont. Anscheinend setzt auch Frankreich nicht nur auf Atomstrom, wie immer wieder zu lesen ist.
In Beaune sind wir wieder im vertrauten Hotel untergebracht. Kleine Überraschung bei Ankunft: Über dem Bett hingen Luftballons unter der Decke, von denen güldene Bänder herabhingen; das Bett war mit Rosenblütenblättern bestreut. Bei der Anmeldung hatte der Liebste auf die Frage, ob unsere Reise einen besonderen Anlass hat, angegeben, wir seien auf Hochzeitstagsreise. Das ist nicht ganz falsch, unser dreiundzwanzigster Hochzeitstag fällt wirklich in diesen Urlaub, allerdings erst nächste Woche, wenn wir längst woanders sind. Vielleicht sagen wir beim nächsten Mal, einer von uns habe runden Geburtstag. Mal sehen, was sie dann machen.

Dienstag: Sonnig-warmes Wetter ließ eine Radtour alternativlos erscheinen. Und also machten wir uns auf mit den hoteleigenen Leihfahrrädern zu einer Ausfahrt durch die Weinberge in nördliche Richtung bis nach Nuits-Saint-Georges und zurück. Wie stets in hügeligen Gefilden war ich dankbar für die elektrische Unterstützung des Fahrrads.
Auch im Burgund kann man nicht den ganzen Tag nur Burgunderwein trinken. Deshalb bestellte ich als Vorabendgetränk auf der Hotelterrasse ein Bier.


Mittwoch: Nach dem Frühstück fuhr der Liebste in den großen Supermarkt zum Nur-mal-schauen. Da er mich dabei nicht gebrauchen kann, wie er sagte und womit er zweifellos recht hat, zog ich mich zum Lesen der Zeitung und der Blogs auf eine schattige Bank im nahegelegenen Parc de la Bouzaize zurück, wo auch diese Zeilen notiert wurden. Der Park ist recht gut besucht, zahlreiche Menschen flanieren durch die Grünanlagen, andere laufen ihre Runden, wieder andere, wie ich, bevorzugen es, zu sitzen, derweil in den Bäumen die Vögel vor sich hin zwitschern (bzw. Paarungbereitschaft bekunden; in der Natur hat fast alles, was uns als Zierde erscheint, einen Zweck) und in der Ferne mehrere Hähne um die Wette krähen. Auch das ist Urlaub, wenngleich man dafür nicht extra nach Frankreich reisen müsste, dasselbe könnte ich auch im Bonner Rheinauenpark haben, bis auf die Hähne.
Direkt an den Park grenzt ein Weinfeld. Ein Fahrzeug fährt mit Motorgetöse durch die Rebenreihen und besprüht sie mit einer Flüssigkeit, von der man lieber nicht so genau wissen will, was es ist.


Den Abend verbrachten wir im Restaurant, das zum Hotel gehört und mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet ist. Während am Nebentisch eine französische Mutter ihren minderjährigen Kindern anhand praktischer Übungen erläuterte, wie man einen Wein verkostet, erörterten wir als Tischgespräch die alte Frage, warum in Deutschland die mediale Darstellung einer Erektion und weiblicher Brüste die Jugend gefährdet, wohingegen die Darstellung von Mord und Verbrechen zur besten Sendezeit, wie der Tatort am Sonntagabend, zur Kultur erhoben und am nächsten Tag in der Tageszeitung besprochen wird. Zu einem befriedigenden Ergebnis kamen wir nicht, jedenfalls diese Frage betreffend, sonst schon: Es ist immer wieder erstaunlich, wie sättigend derart augenscheinlich kleine Portionen sind.
Am Ende brachte man uns einen Teller mit Konfekt, einem brennenden Kerzlein und einer in Schokolade aufgebrachten schriftlichen Hochzeitstagsgratulation. Auf musikalische Begleitung und sonstige Aufsehenerregungen wurde freundlicherweise verzichtet.
Donnerstag: Nach dem Frühstück verließen wir Beaune in Richtung Lyon, wo am frühen Abend unser Schiff ablegen würde. Wieder mieden wir Autobahnen und durchquerten lieblich-maiengrüne Landschaften des Burgunds und Beaujolais. Zwischenhalt machten wir in Paray-le-Monial, wo wir, Sie ahnen es vielleicht, die örtliche Basilika anschauten.
Nachmittags erreichten wir Lyon, wo wir das Auto im Parkhaus verstauten und zum nahen Ablegeplatz an der Rhône rollkofferten, inzwischen war es sommerlich warm geworden.
Es ist dasselbe Schiff und grundsätzlich die gleiche Tour wie vor drei Jahren, allerdings wegen heute gesperrter Schleusen an der Saône in geänderter Fahrtfolge (oder auf Bahndeutsch in umgekehrter Wagenreihung): Erst auf der Rhône nach Süden und zurück, dann auf die Saône, sofern die Schleusen dann wieder schleusen. Uns soll es recht sein, solange die Weinvorräte an Bord sichergestellt sind.




(Diese Notiz erfolgte nach dem Abendessen auf dem Vorderdeck, wo wir rosébegleitet bei leichtem Südwind der Nacht entgegen gleiten. Das gehört immer zu den schönsten Momente einer solchen Reise.)
Freitag: Die erste Nacht an Bord ist stets etwas gewöhnungsbedürftig wegen der permanenten Geräusche, die so ein Schiff erfüllen, dank Ohrstöpseln schliefen wir dennoch gut. Zur Aufstehzeit lagen wir, also das Schiff, in Le Pouzin, wo für die, die es wollten, zur Morgenstunde der erste Ausflug startete. Wir wollten lieber nicht und gingen frühstücken, waren allerdings spät dran, bereits um neun Uhr war man mit dem Umräumen des Restaurants für das Mittagessen beschäftigt, was der Gemütlichkeit etwas abträglich war. Ab morgen also entweder früher aufstehen oder das Spätfrühstück mit reduziertem Angebot in der Panoramabar aufsuchen. Luxusprobleme halt.
Nachdem die Ausflügler in Le Pouzin auf die Busse verteilt waren, legten wir ab und fuhren weiter bis Viviers, wo wir gute eine Stunde früher als vorgesehen ankamen und erst ein kleineres Boot vom Kai vertrieben werden musste, ehe wir anlegen konnten.
Nach dem Frühstück begaben wir uns auf das Vorderdeck zum Lesen und in die Gegend kucken, meine liebste Beschäftigung bei Flussschiffsreisen. Das Oberdeck war wegen niedriger Brücken weiterhin gesperrt und wurde erst bei Ankunft in Viviers freigegeben. Unter anderem durchfuhren wir die Schleuse von Chateauneuf-du-Rhone, mit einem Höhenunterschied von über zwanzig Metern ein faszinierendes Bauwerk.


Nachmittags schauten wir uns Viviers an, was nach einer knappen Stunde erledigt war, ein recht malerischer kleiner Ort. Danach begaben wir uns zum Lesen und Erholen (von was auch immer) auf das Oberdeck. Gegen 19 Uhr wurde abgelegt mit Etappenziel Avignon.


Samstag: Zu urlaubsunangemessener Zeit um sieben Uhr ging morgens der Wecker. Nicht aus den genannten Frühstücksgründen, nur für ein Frühstück würde ich nicht früher als notwendig aufstehen. Vielmehr wollten wir ohne Hetze, weil das Schiff bereits mittags weiterfuhr, einen Gang durch Avignon machen, das uns zwar von früheren Aufenthalten gut bekannt ist, das wir dennoch auch bei dieser Gelegenheit nicht unbegangen lassen wollen, insbesondere die Markthalle. Dabei entdeckten wir auch einen uns bislang unbekannten Wochenmarkt.

Vor der Weiterfahrt nach Arles passierte das Schiff das Fragment der berühmt-besungenen Brücke von Avignon unter Abspielen des entsprechenden Liedes in Dauerschleife. (Das Original wurde übrigens NICHT von Mireille Mathieu gesungen, falls Ihnen das die KI mal weiszumachen versuchen sollte. Dreiviertel der Deutschen glauben ihr ungeprüft, las ich heute.) Während der Fahrt wurden wir vom Wind aus Süden gründlich durchgepustet.

Nachmittags wurde Arles erreicht, wo wir über Nacht bleiben. Auch hier verzichteten wir auf einen geführten Ausflug und erkundeten die augenscheinlich recht schöne und touristisch gut besuchte Stadt unbegleitet. Nach Rückkehr begaben wir uns wieder auf das Oberdeck, wo bis zum Abendessen gerade genug Zeit war, vorstehendes zu notieren.

Sonntag: Das große Frühstück verschliefen wir und labten uns am kleinen Spätstück in der Panoramabar. Für mich, ohnehin nicht der große Frühstücker, reichte das Angebot mit Brot, Croissant, Aufschnitt und Marmelade völlig aus, nur das Brot hätte frischer sein können, doch was soll man immer meckern. Über dieses vielleicht doch: Obwohl wir in Frankreich sind, gibt es kein Baguette, weder beim großen noch beim kleinen Frühstück, das finde ich zumindest befremdlich, um dieses Wort mal wieder zu verwenden. Ansonsten war heute ausgiebig Gelegenheit zum Nichtstun, das Schiff legte nur kurz in Avignon an, um Ausflügler aufzunehmen, dann ging es weiter in Richtung Lyon, wo wir erst morgen ankommen werden.
Es ist deutlich kühler geworden. Vormittags zeigte sich noch zeitweise die Sonne, so dass wir die Zeit bis zum Mittagessen an Deck verbringen konnten. Nachmittags trieb uns stärkerer Regen unter Deck. Während der Niederschrift dieser Zeilen liegen wir auf dem Bett und schauen zu, wie der Regen gegen das große Kabinenfenster schlägt. Das ist ausgesprochen gemütlich und überhaupt nicht zu bemeckern. Das einzige, was ich an diesem Sonntag etwas vermisse, ist der Spaziergang; bei einer Schiffslänge von 135 Metern sind die Möglichkeiten eingeschränkt. Doch was soll man meckern.
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Ich bedanke mich fürs Lesen und wünsche Ihnen eine angenehme Woche.




































