Foto der Woche: Original und Fälschung

Die Aktion „Foto der Woche“ von Aequitas et Veritas läuft bis zum 31. Dezember. Jede Woche zeigt man ein Foto und schreibt was dazu, etwa wann und wo man es gemacht hat, warum man es zeigt oder welche Gedanken man damit verknüpft. In dieser Woche verstoße ich ein wenig gegen die Regel, indem ich zwei Fotos hochlade, die in gewisser Weise ein Bild zeigen. Oder auch nicht. Es ist etwas verwirrend.

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Die Woche verbrachten wir von Dienstag bis Freitag an der Mosel in einem ausgezeichneten Hotel. (Mehr dazu am Montag im Wochenrückblick.) Ein Ärgernis in Hotels sind ja häufig zu viele Menschen in Frühstückssälen; neben den winzigen Saftgläsern beklagte ich es des öfteren.

Nicht so hier. Zur Vermeidung menschlicher Anhäufungen erfolgt das Frühstück in Schichten. Wer vor Schichtbeginn eintrifft, wartet in einem Vorraum, bis der Tisch hergerichtet ist. Zur Überbrückung der Wartezeit sind zwei sehr ähnliche Gemälde an einer Wand angebracht, Sie kennen das vielleicht aus der „Hörzu“, wo früher am Ende immer ein Bilderrätsel mit dem Namen „Original und Fälschung“ zu lösen war. Aus zwei auf den ersten Blick identischen Bildern musste man eine Anzahl winziger Unterschiede finden. Ob man dabei was gewinnen konnte, erinnere ich mich nicht mehr, auch weiß ich nicht, ob es das Rätsel oder überhaupt die „Hörzu“ noch gibt; Fernsehprogrammzeitungen braucht man ja eigentlich nicht mehr heute, wo ein jeder nur noch streamt.

Hier im Hotelfrühstückswartevorraum die verschärfte Rätselvariante: Beide Bilder hängen in Überkopfhöhe, zudem mit mehreren Metern Abstand dazwischen. Um das Rätsel zu lösen, benötigt man also gute Augen und man bleibt in Bewegung. Da die ersten Gäste ob meines Hin- und Her-Laufens bereits komisch kuckten, gab ich es bald auf. Falls Sie es versuchen möchten, bitte sehr:

Im Übrigen war die Größe der Saftgläser, wie alles andere hier, nicht zu beanstanden.

Woche 39: Veuve Clicquot und Essigreiniger

Montag: Rückblickend zum Parteitag der FDP am vergangenen Samstag – Käme ich jemals in die Verlegenheit, ein Interview mit Christian Lindner zu führen, so lautete wohl meine erste Frage: „Herr Linder, wann haben Sie zum ersten Mal gemerkt, dass Sie nur Unsinn reden, sobald ein Mikrofon in der Nähe ist?“

Ähnliches gilt für Bundesverkehrsminister Scheuer. Der hat eine Idee: Laut einem Zeitungsbericht plant er die Einführung grenzüberschreitender Fernzugverbindungen, diese sollen „Trans Europe Express“ (TEE) heißen. Wird bald der VT 601 aus dem Museum geholt? Womöglich ist aus gewöhnlich gut unterrichten Kreisen bald zu erfahren, dass sich bereits weitere innovative Produkte in Vorbereitung befinden: „InterRegio“ (IR), „Eilzug“ (E) und „Güterzug mit Personenbeförderung“ (GmP).

Der SPIEGEL in seiner Elektro-Ausgabe über das Buch „Der Staat an seinen Grenzen“ von Thilo Sarrazin, das dort in dieser Woche immerhin auf Platz fünf der Sachbuch-Bestseller steht:

Die menschliche Geschichte war immer wieder geprägt von Wanderungsprozessen. Doch Migration konnte und kann die Probleme in den Herkunftsländern nicht lösen, schafft aber neue Probleme in den Zielländern. Der Autor entwickelt Vorschläge für eine realistische Einwanderungspolitik: von wirksamen Grenzkontrollen bis zur effektiven Bekämpfung der Fluchtursachen in den Heimatländern. Eine profunde Analyse, die breit diskutiert werden sollte – denn es geht um das Überleben unseres demokratischen Systems.

Bemerkenswert. Auch wenn Herr Sarrazin allgemein anerkannt ist für seine profunden Analysen – das Buch werde ich voraussichtlich dennoch nicht lesen.

Es wird wohl kein Zufall sein, dass „Patriot“ auf -iot endet.

Dienstag: Kurz nach der Mittagspause rief ein Kollege an und erzählte wortreich etwas, das ich nur halb verstand. Das japanische Wort „Aidzuchi“ bezeichnet die Geräusche, die jemand macht, um den Eindruck zu erwecken, er folge dem Gespräch mit Interesse. Das beherrsche ich ganz gut, glaube ich, denn am Ende bedankte er sich für meine Hilfe. Jedenfalls war es interessant, ihm in angenehmer Müdigkeit beim Denken zuzuhören.

Trotz aller Abneigung gegen Fußball – wenn auf dem Weg eine Kastanie liegt, muss ich dagegen treten. Immer.

Gott mag ja gut sein – seine Gläubigen sind Schmierfinken.

Auf dem Heimweg fuhr auf dem Fahrrad vor mir ein jüngerer Mann von erheblichem Volumen und mit kurzgeschorenen Haaren. Es liegt mir fern, jemanden allein aufgrund von Äußerlichkeiten einer bestimmten Gruppe zugehörig zu erklären. Insofern standen die auf den rückwärtigen Reflektor geklebten kleinen Buchstaben „NSU“ möglicherweise für „Natursektfreunde Uedorf“ oder „Nordstadt-Ukulelenorchester“.

Mittwoch: Mittags fotografierte ich welche beim Fotografieren eines Nutrias (Kreis).

Meine derzeitige Bettlektüre ist „Das Gewicht der Worte“ von Pascal Mercier. Dort gelesen:

„Ich ersticke am Uhrwerk der toten Metaphern […]. Das sind Metaphern, die wir blind nachplappern, ohne noch zu bemerken, dass es Metaphern sind – Bilder also, die einmal lebendig waren, indem sie neues Licht auf etwas warfen. Alle Hebel in Bewegung setzen, einen Streit vom Zaun brechen, mit der Tür ins Haus fallen, seine Hand für etwas ins Feuer legen – solche Wendungen. Was an den Bildern einmal lebendig war, ist durch tausendfaches Nachplappern abgetötet worden, aber die Sprache ist voll davon, und wenn man einmal ein Gespür dafür entwickelt hat, kommen einem all die toten Metaphern als ein riesiger, umfassender Mechanismus vor, ein riesiges Uhrwerk, größer als wir selbst, das mit erschreckender, unaufhaltsamer Zuverlässigkeit alles Neue und Spontane unter sich begräbt. Wie soll man sich dagegen wehren, wo wir doch die Sprache und ihre Gewohnheiten nicht einfach neu erfinden können?“

Allein dafür hat sich der Erwerb des Buches schon gelohnt.

Donnerstag: „Hier die Ulas“, schrieb mir einer. Auf Rückfrage wurde mir erklärt, das sei die Abkürzung für „Unterlagen“. Auch so ein Wort, das im hier gemeinten Sinne eher seltsam anmutet. Unterlage – vom Klang her etwas, das man unter etwas anderes legt, wie ein Platzdeckchen unter den Teller des Kindes zur Schonung der Tischdecke. Unter was jedoch legt man ein beschriebenes Blatt Papier oder gar eine Datei? Das fand ich schon als Kind komisch, habe jedoch irgendwann aufgehört, darüber nachzudenken und beabsichtige bis auf Weiteres auch nicht, die Überlegungen wieder aufzunehmen.

In einem von mir regelmäßig und gerne gelesenen Blog lese ich „…was mit Betriebssystem-Updates, nicht mehr supporteten PlugIns in meiner DAW und Tricks, wie man nicht supportete PlugIns in der DAW dann aber doch wieder zum Leben erwecken kann zu tun hatte“ und denke: Ach was.

Freitag: Gespräch am Morgen: „Es gibt eine Oper, Die lustige Witwe.“ – „Das werde ich hier wohl auch noch.“ – „Wir werden sehen, wer das wird.“ – „Ich lass nix anbrennen.“ Tag und Abend verliefen dennoch weitgehend in Harmonie.

Vielleicht schreibe ich irgendwann auch mal eine Oper oder Operette. Den Titel wüsste ich schon: „Die lustigen Tunten“. Über die Handlung muss ich mir noch Gedanken machen. Irgendwas mit Körperbehaarung, launischem WLAN, Staubsaugerlärm, Veuve Clicquot und Essigreiniger.

Samstag: Der Sommer hat sich verabschiedet, vielleicht auch nur vorläufig, man weiß es nicht. Jedenfalls ist es kühler und regnerisch geworden, was ich keineswegs beklage. Immerhin legt sich dadurch der tägliche Hormonterror ein wenig.

Hier ein lesenswerter Aufsatz zu Gendergerechtigkeit. Als bekennender Boomer neige ich dazu, die Meinung des Autors zu teilen, akzeptiere jedoch völlig, wenn andere, jüngere dazu ganz anderer Meinung sind; es liegt mir fern, das Anliegen der Befürworter zu lapidarisieren und ich maße mir keineswegs an, zu beurteilen, was hier richtig und falsch ist.

Sonntag: Der Sonntagsspaziergang durch eine von mir bislang unbegangene Gegend führte mich vorbei an einer „Hauptzweigstelle“ – ein Wort mit erkennbarem Verwandtschaftsbezug zu „Doppelhaushälfte“ und „Ostwestfalen“, und an einem Garagenbauwerk mit der Ästhetik einer anderen Zeit.

Weiterhin kam ich vorbei am Domizil einer katholischen Studentenvereinigung (sofern ich die Abkürzung „K. St. V.“ richtig deute) mit dem wenig Gutes verheißenden Namen „Vandalia“. Ansonsten führte der Weg durch eine Bahnunterführung, wo aus zwei mit robusten Käfigen gesicherten Lautsprechern klassische Musik spielt. Bemerkenswert: Etwas, für das woanders Eintrittsgeld bezahlt wird, dient hier der Menschenvergrämung.

Entgegen meiner Gewohnheit und Überzeugung nutzte ich den verkaufsoffenen Sonntag für einen voraussichtlich letzten Besuch der Karstadt-Filiale, die bald schließt. Es hatte etwas Deprimierendes: Viele Regale bereits leer, allgemeine Unaufgeräumtheit, und dazwischen zahlreiche Menschen, aasgeiergleich auf der Suche nach Schnäppchen. Wie deprimierend muss es erst für die Angestellten sein: einerseits am Sonntag arbeiten, andererseits bald gar keine Arbeit mehr. Gewissermaßen aus Mitleid erstand ich auf Vorrat ein weiteres Notizbuch, wissend, damit nichts und niemanden mehr zu retten.

Ansonsten waren in dieser Woche erfreulich: Ein Lob vor größerer Runde in Anwesenheit des Chefs, ein Wirtshausbesuch, die Aussicht auf Urlaub.

Foto der Woche: Dampf und Glück

Die Aktion „Foto der Woche“ von Aequitas et Veritas läuft bis zum 31. Dezember. Jede Woche zeigt man ein Foto und schreibt was dazu, etwa wann und wo man es gemacht hat, warum man es zeigt oder welche Gedanken man damit verknüpft. Da ich in dieser Woche nichts zeigenswertes fotografiert habe, zeige ich ein 37 Jahre altes.

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Meine Begeisterung für Eisenbahnen und Dampfloks entstand irgendwann in früher Kindheit und führte in die übliche Laufbahn – von Schiebezügen, deren Streckennetz das Muster der Teppichs im Wohnzimmer war, über die Lego-Eisenbahn, dann kam die erste Modellbahnplatte in HO, schließlich die LGB-Eisenbahn im elternhäuslichen Garten. Der größte schienengebundene Wunsch meiner Kindheit und Jugend war es, mal auf einer richtigen Dampflok zu stehen, als Heizer oder gar Lokführer. 

Der Verein Dampf-Kleinbahn Mühlenstroth machte es möglich. Er betreibt bei Gütersloh, also nicht weit entfernt von Bielefeld, wo wir wohnten, eine Art Modelleisenbahn im Maßstab 1:1. Das heißt, es sind schon richtige Lokomotiven und Wagen, die in ihren früheren Leben mal dem Transport von Gütern und Personen dienten, nur lagen dort, wo sie heute fahren, früher keine Gleise, vielmehr wurden sie erst in den frühen Siebzigerjahren von Eisenbahnfreunden dort verlegt, um die alten Loks – teilweise von Schrottplätzen gerettet und anschließend aufgearbeitet – als Hobby weiter zu betreiben. Eine Art Gnadenhof für ausgemusterte Loks und Wagen, kann man so sagen.

Nach dem ersten Besuch der Dampfkleinbahn mit meinen Eltern, es muss so 1976 gewesen sein, wusste ich: Das ist es, das will ich auch, da will ich mitmachen! In einem Alter, da andere Jungs schon den Mädchen nachstellten, zum Fußball und in die Disko gingen, trat ich dem Verein bei. Bereits im Sommer 1983 stand ich zum ersten Mal als Heizer auf einer Lok, für mich ein wahnsinniges Gefühl von Glück und Stolz, das für Außenstehende, denen bei Eisenbahn vor allem Unpünktlichkeit, Verzögerungen im Betriebsablauf und umgekehrte Wagenreihung einfallen, vielleicht schwer nachzuvollziehen ist.

Hier nun das Foto von September 1983, es zeigt mich mit damals zeitgemäßer Frisur als Heizer der Lok Nr. 12 „Mecklenburg“, Baujahr 1934. Vielleicht ist mein Glücksgefühl nicht unmittelbar zu erkennen, aber seien Sie versichert: Ich war durch und durch erfüllt davon.

Aktives Mitglied bei einer Museumseisenbahn zu sein bedeutet indessen nicht nur, im Sommer auf dem Führerstand einer Lok zu stehen oder in Bahn-Uniform Löcher in Fahrkarten zu knipsen, sondern viel harte Arbeit und Dreck, auch im Winter, wenn es zu Hause bei der Modellbahn in der warmen Stube viel schöner ist. Der Eisenbahnfreund an sich ist eine besondere Spezies, also schon der „normale“, der in beiger Jacke mit Fototasche und ohne erkennbare Frisur am Bahndamm steht, Züge fotografiert und unter seinesgleichen klug daherredet; erst recht aber der aktive Museumseisenbahner. Wie bei anderen Vereinen auch kommen hier die verschiedensten Menschen zusammen: Arbeiter, Techniker, Büromenschen, Akademiker, Schüler, Studenten, Rentner; jeder kann sich einbringen, nicht jeder muss Eisenbahner, Schweißer oder Schlosser sein. Ich habe während meiner aktiven Zeit bei der Dampfkleinbahn Bekanntschaft mit vielen netten und interessanten Leuten gemacht, auch mit schwierigen; keine dieser Bekanntschaften möchte ich missen. Ich habe viel gelernt, über Technik, über Metallbearbeitung, und über Menschen.

Seit meinem Umzug nach Bonn bin ich nur noch sehr selten dort, wenn es hoch kommt einmal im Jahr, in manchen Jahren gar nicht, so wie in diesem. Aber dieses Jahr ist ohnehin anders. Deshalb kann die Bahn zurzeit auch nicht fahren, aber es gibt sie immer noch.

Woche 38: Die Welt dreht sich trotzdem weiter

Montag: Nach dem Mittagessen verhinderte höllischer Lärm im Werksgarten einen gesunden Büroschlaf. Was wie ein besonders fieser Laubbläser klang, erwies sich als motorgetriebene Heckenschere, was es nicht besser machte. Bekommen diejenigen, die damit arbeiten, wohl Schmerzensgeld, oder wenigstens eine Erschwerniszulage?

Dennoch musste ich auf den Gesang des Laubbläsers nicht verzichten, das Heckengeschnetzelte musste ja anschließend zusammengepustet werden.

Dienstag: Bleiben wir im Büro, wo ich dieses las: »In Zukunft setzen wir für unsere Büromitarbeitenden auf eine noch bessere Balance zwischen mobilem Arbeiten und persönlichem Kontakt in einem innovativen Umfeld.« Als Büromitarbeitender mit tiefer Abneigung gegen Heimarbeit glaube ich in diesem Satz eine Bedrohung zu erkennen. Die Lebenserfahrung lehrt, wann immer in einer öffentlichen Verlautbarung oder Werbung die Worte „noch besser“ vorkommen, ist selten etwas Gutes zu erwarten.

Eine Bedrohung ganz anderer Art erfolgt zurzeit in einigen Regionen durch Orcas: Laut einem Zeitungsartikel greifen sie gezielt Ruder von Schiffen und Booten an, bis sie nicht mehr manövrierbar sind. So ähnlich fing das in „Der Schwarm“ von Schätzling auch an.

Als Radfahrer am meisten bedroht fühle ich mich übrigens durch andere Radfahrer, die unter Missachtung gängiger Anstands- und Verkehrsregeln und ohne zu kucken einfach drauflos fahren.

Mittwoch: Noch einmal das beliebte Thema gendergerechte Sprache. Die Ankündigung der Bundeswehr, diverse Dienstgrade künftig auch in weiblicher Form zu bezeichnen, wie „Generalin“, „Gefreitin“*, „Unteroffizierin“ oder „Oberstleutnantin“, inspirierte heute gleich fünf Leserbriefschreiber (darunter immerhin eine Frau) im General-Anzeiger zu ablehnenden Meinungsäußerungen. Ein wesentliches Argument: Die Bundeswehr habe ganz andere Probleme, die zuvörderst zu lösen wären. Das ist ein beliebter Einwand von Leuten, die gegen eine grundsätzlich gute Sache sind, meist beginnend „Die sollen doch erstmal …“ bzw. „Sollen die doch erstmal …“. Sehr beliebt auch bei Maßnahmen zu Klima- und Umweltschutz. Über das Wort „Vorständin“ zu weiblichen Vorstandsmitgliedern habe ich indes noch keine Empörungsäußerungen wahrgenommen, obwohl das mindestens genauso unsinnig ist.

* Müsste das nicht auch „die Gefreite“ heißen, oder bekommt das dann eine andere Bedeutung?

Donnerstag: Die Corona-App hat offenbar einen gewissen Unterhaltungswert, wie die Beobachtung eines Kollegen in Siegburg zeigt: Ein älteres Ehepaar wollte ein Restaurant aufsuchen. Während sie am Eingang wartete, ging er durch das Lokal, immer den Blick auf sein Datengerät gerichtet. Nachdem er seine Runde beendet hatte und wieder bei seiner Gattin war, sagte er: „Alles grün, kannst reinkommen.“

Die gute Nachricht zum Flüchtlingsdrama: 2015 wird sich ganz sicher nicht wiederholen.

Freitag: Manches nimmt man jahrelang als gegeben hin, ohne es zu hinterfragen. Wie die Altglascontainer in Werksnähe, an denen ich täglich vorbei komme. Erst heute früh, nach Jahren unbedachten Dranvorbeigehens, dämmerte mir: Warum stehen in einem reinen Büroviertel, fernab von Wohnbebauung, Altglascontainer, und das an gleich zwei Stellen mit wenigen hundert Metern Distanz dazwischen? Wer nutzt die? Oder gab es dort früher, als es noch Regierungsviertel und zudem üblich war, täglich ins Büro zu gehen, so viele Büro-Partys mit Schaumweinbegleitung?

Samstag: Mit dem Auto fuhren der Liebste und ich zu einem Kurzbesuch nach Bielefeld, wo meine Mutter westfälischen Pickert briet. Für Nichtwestfalen: Pickert ist eine Art Pfannkuchen aus geriebenen Kartoffeln, Mehl, Rosinen und Hefe, den man, möglichst warm aus der Pfanne, vor dem Verzehr mit Butter, Marmelade, Zuckerrübensirup oder grober Leberwurst bestreicht, möglich und (kein Scherz) ausgesprochen köstlich ist auch die Kombination von Leberwurst und Sirup. Abends fuhren wir wieder zurück, weil ich private Übernachtungen nach wie vor, unabhängig von irgendwelchen Seuchenlagen, als etwas erachte, das es unbedingt zu vermeiden gilt. „Samstagabend ist Kult“, sagte einer im Autoradio. Was Leute so daherreden, wenn man ihnen ein Mikrofon hinhält.

Sonntag: Die Unfruchtbarkeit von Männern scheint im Heterosexuellenmillieu ein großes Problem zu sein; letzte Woche war es Titelthema im SPIEGEL, heute berichtet die F.A.S. ausführlich dazu. Betroffene behaupten, die Feststellung habe sie getroffen wie der Tod eines nahen Angehörigen oder eine Krebsdiagnose, vor allem sehen sie ihre Männlichkeit arg ins Wanken geraten. Meine Herren, bitte sehen Sie mir meine antinatalistische Sichtweise nach, und es liegt mir wirklich fern, Sie vor den Kopf oder andere Körperregionen zu stoßen, aber angesichts von sieben Milliarden Menschen auf der Erde, mit weiterhin steigender Tendenz, fällt es mir schwer, die Dramatik darin zu erkennen. Auch wenn ausgerechnet Ihre wunderbaren Gene nicht weitergegeben werden, die Welt dreht sich trotzdem weiter.

Am Beueler Rheinufer stand nachmittags ein Doppeldeckerbus, auf dessen Oberdeck eine Kombo aufspielte. Wie ich einem verteilten Handzettel nach grobem Überfliegen entnahm, handelt es sich um eine Art Konzertreihe, die der Linderung derzeitiger kultureller Entbehrungen dient. Leider ist mir der Zettel auf dem Heimweg abhanden gekommen, daher kann ich nicht mit weiteren Informationen dazu dienen. Der geäußerten Bitte, Fotos oder Videos der Darbietung ins Netz zu stellen, komme ich selbstverständlich gerne nach.

Ansonsten waren in dieser Woche erfreulich: neue Schuhe, ein Spaziergang durch Bielefeld-Stieghorst, gedeckter Apfelkuchen, eine umfassende Einweisung in die neue Küchenordnung durch den Geliebten („Herd, heiß“ / „Heiß, Herd“).

Foto der Woche: Konsum

(c) Ethan Hoover

Die Aktion „Foto der Woche“ von Aequitas et Veritas läuft bis zum 31. Dezember. Jede Woche zeigt man ein Foto und schreibt was dazu, etwa wann und wo man es gemacht hat, warum man es zeigt oder welche Gedanken man damit verknüpft. Hier mein Foto für die Woche 38.

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Mich selbst als konsumorientiert zu bezeichnen, wäre übertrieben, wenn nicht glatt gelogen. Selten kaufe ich mir Dinge, die ich nicht unbedingt benötige. Unser Gesellschaftssystem, dessen wesentliche Säule das Kaufen von möglichst viel Zeug ist, wäre längst zusammengebrochen, gäbe es nur solche wie mich. Dabei ist das keine Frage des Geizes, ich hänge nicht sonderlich am Geld. Und doch widerstrebt es mir, etwas zu kaufen, nur weil es vielleicht gerade angesagt oder günstig zu erstehen ist.

Aber manchmal überkommt es auch mich. Dann sehe ich etwas und muss es sofort haben, ohne es wirklich zu brauchen. In diesem Fall war es das brennende Verlangen nach neuen, aufgrund der „neuen Normalität“ bürotauglichen Schuhen, das mich am Donnerstagabend noch ins Städtchen trieb:

Seitdem bewegt sich mein Konsumdrang wieder auf gewohnt niedrigem Niveau.