Woche 32/2021: Das ist dann eben so

Montag: Während der Kollege davon erzählt, wie er im Urlaub die Alpen mit dem Fahrrad überquerte, wobei das Rad mehrfach über Felsen und schmale Pfade getragen werden musste, frage ich mich: Warum tut man das?

Oder das?

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Oder dieses: „Die GDL fordert 3,2 Prozent höhere Entgelte und einen Corona-Bonus von 600 Euro für seine Mitglieder“, steht in der Zeitung. Wie wird man Mitglied beim Bonus? Warum merkt das niemand?

Dienstag: Nach dem aktuellen Bericht des Weltklimarats erscheint es fraglich, ob man sich wirklich noch Gedanken um die Altersvorsorge machen sollte. Persönlich sehe ich das relativ gelassen, mein bisheriges Leben verlief überwiegend in glücklichen Bahnen, außer der Erdanziehung frei von nennenswerten Belastungen, zudem muss man eigentlich, um dieses zumeist unnötige Wort mal zu gebrauchen, nicht viel älter als vierundfünfzig werden. Aber was ist mit all den Jüngeren, die noch alles vor sich haben?

https://twitter.com/zaasten/status/1424818354691395584?s=21

„Der Planet schwebt in Lebensgefahr und mit ihm seine Bewohner“, sagte die Bundesumweltministerin. Liebe Frau Schulze, gerne wiederhole ich das für Sie: Der Erde geht das weitgehend am Südpol vorbei, was wir hier treiben, sie hat schon ganz andere Phasen überstanden und wird sich auch in einigen Milliarden Jahren noch drehen. Nur eben sehr wahrscheinlich demnächst ohne uns.

Mittwoch: Auch die Frage der richtigen Ernährung gewinnt in der aktuellen Debatte zunehmend an Bedeutung.

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Während die Rufe nach Reduktion des Kohlendioxid-Ausstoßes eindringlicher werden, wird die weitere Vermehrung der Menschen als naturgegeben hingenommen. Wäre das nicht etwas, wo man auch mal ansetzen müsste: Kondome fürs Klima statt Brot für die Welt, oder ist das zu radikal gedacht? Aber vielleicht erledigt sich das ohnehin bald von selbst.

Donnerstag: Die Nacht hatte ich im Traum Gelegenheit, ein paar Sätze mit Max Goldt zu sprechen, anlässlich der Vorstellung seines neuen Buches. Er hörte sich mit freundlicher Geduld mein Geschleime an („Wie Sie mit der Sprache spielen … und dann diese genialen Überleitungen jedesmal … einfach großartig.“) Wenigstens verzichtete ich darauf, ihm mit Verweis auf dieses Blog mitzuteilen, dass ich auch gelegentlich was schreibe, ihm womöglich gar den Link auf einen Zettel zu schreiben, den er dann, nachdem er aus meinem Blickfeld verschwunden wäre, sofort in den nächsten Papierkorb entsorgt hätte, völlig zu recht.

Inseltag – das heißt: ein einzelner Urlaubstag ohne besonderen Anlass, einfach nur so für mich. Ich habe beschlossen, ab sofort jeden Monat, in den kein regulärer Urlaub fällt, einen Inseltag einzulegen. Für heute war ursprünglich eine weitere Wanderung durch die Wahner Heide geplant. Da dies die An- und Abreise mit der Deutschen Bahn erfordert hätte, was Herr Weselky und seine Bonusmitglieder momentan unterbinden, wurde spontan umgeplant. So fuhr ich morgens mit der unbestreikten Stadtbahn nach Rhöndorf, von wo aus ich eine Runde durch das Siebengebirge machte, die schon seit geraumer Zeit als „geplant“ in meiner Komoot-Liste stand. Bereits die ersten Kilometer den Großen Breiberg hinauf waren sehr anstrengend, ich schnaufte wie eine Güterzugdampflok der Baureihe 044, kurz bevor sie mit einem Dreitausend-Tonnen-Zug wegen Dampfmangels vor Dransfeld liegenblieb. Nach kurzer Pause, während der der innere Heizer einige Schippen Kohle nachgeworfen hatte, ging es weiter; in der Breiberghütte hinterließ ich schließlich im Hüttenbuch ein paar Zeilen.

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Danach ging es deutlich unanstrengender weiter. Besonders idyllisch ist das Tretschbachtal:

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Zurück in Rhöndorf die angemessene Belohnung:

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Aus der Zeitung: „Menschen, die sich aus ganz persönlichen Gründen nicht impfen lassen wollen, aber nur über ein geringes Einkommen verfügen, werden mit dem Ende der Gratis-Tests sehr stark belastet. Für sie sind zusätzliche Kosten von zehn oder 20 Euro in der Woche eine kaum zu schulternde Belastung“, sagt der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. Ja. Das ist dann eben so. Und?

Freitag: „Ich muss eben meinen Sohn in die Kita werfen“, sagte einer von unterwegs in der Telefonkonferenz, woraus sich interessante Bilder ergeben.

Samstag: Finde den Fehler.

(General-Anzeiger)

Auch wenn jetzt Sommer ist – erwachsene Menschen, die barfuß durch die Innenstadt gehen, erscheinen mir eher etwas seltsam.

Andererseits – Mit jedem Tag nimmt meine Bereitschaft, mich über Dinge oder Menschen zu wundern oder gar aufzuregen, ein kleines bisschen ab.

Sonntag: Das waren die schönsten Sommerferien seit langem – alle anderen Hausbewohner waren auf Reisen: kein Getrampel von oben, kein Geschwätz von unten, keine Kochgeräusche und Kindergeschrei von nebenan. Jetzt, wo sie alle wieder da sind, wird es höchste Zeit für eigene Urlaubserwägungen.

(Beim Gehen gesehen / Nähe Bonn-Schwarzrheindorf)

Kommen Sie gut durch die neue Woche!

Woche 31/2021: Wenn ein Sachse „Workflow“ sagt

Montag: Ich möchte Sie nicht mit Details aus dem Werksalltag langweilen. Vielleicht kennen Sie auch das beglückende Gefühl, wenn der Schmerz nachlässt, etwa nachdem man mit dem Schienbein vor den Couchtisch geknallt ist oder sich – vornehmlich als Mann – die äußeren Genitalien in der Autotür geklemmt hat, kann ja alles passieren. Ähnlich beglückend fühlte es sich an, als am späteren Nachmittag der Bürorechner herunterfuhr.

Ein kleiner Ohrwurm gefällig? Bitte sehr: Heute vor fünfzig Jahren sangen Roy Black und Anita den Hit „Schön ist es, auf der Welt zu sein.“ Gern geschehen.

Dienstag: Wenn ein Sachse in einer Besprechung oder überhaupt „Workflow“ sagt, klingt das lustig.

Ich sollte aufhören, in jedem Porsche ein Arschlochauto zu sehen. Wenigstens könnte ich mir vielleicht abgewöhnen, es ihm jedesmal laut hinterherzurufen.

Heute gab es zwei Gewitter: eins am Nachmittag draußen, das andere abends am Küchentisch. Danach war die Luft vorerst gereinigt, sowohl nach dem ersten als auch dem zweiten, wobei letzteres noch ein wenig nachgrummelte.

Das Buch „Wer alles weiß, hat keine Ahnung“ von Horst Evers ausgelesen, hat mir gut gefallen. Wegen Stellen wie dieser:

„Der Freund meiner Tochter freut sich total, dass die Fitnessstudios wieder öffnen. Ich denke: Mein Leben ist ärmer, weil ich bei den Fitnessstudios vom Vermissen ausgeschlossen war.“

Als nächstes „Das Glück des Gehens“ von Shane O’Mara.

Mittwoch: Glück des Gehens am Morgen ins Werk – nur im Gehen ergeben sich oft Wahrnehmungen, die dem Auge des geräderten Verkehrsteilnehmers zumeist verborgen bleiben.

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Im Übrigen ist es oft sehr einfach, meine persönliche Stimmung zu heben.

(Für das Plastikbesteck bitte ich ausdrücklich um Entschuldigung. Die Hoffnung, ab sofort wieder direkt in der Kantine von einem richtigen Teller essen zu dürfen, erfüllte sich leider nicht, stattdessen immer noch nur zum Mitnehmen, warum auch immer. Ab morgen stecke ich mir wieder Messer und Gabel ein, bevor ich zum Mahl aufbreche.)

Donnerstag: Meinem Desinteresse an Olympia (wie an Sportereignissen generell) verlieh ich schon gelegentlich Ausdruck, dennoch kann man dem als Zeitungsleser und Fernsehnachrichtenkucker nicht völlig entgehen, ist auch nicht schlimm, man kann währenddessen auf das Klo gehen und die Zeitungsseiten rasch überblättern. Was mir auffällt: Es scheint aus der Mode zu sein, für die Kameras und Pressefotos auf Goldmedaillen herumzubeißen, was mir immer schon ausgesprochen sinnlos erschien. Gilt das mittlerweile auch irgendwie als rassistisch, diskriminierend oder gesundheitsschädlich, oder weigern sich die Sportler einfach, weil sie selbst nicht erkennen, wozu das gut sein soll?

„Impfen ist ein patriotischer Akt“, sagt der Gesundheitsminister. Das wäre nun wirklich einer der letzten Gründe, die mich überzeugen könnten, wenn ich denn überzeugt werden müsste.

Freitag: Da es morgens stark regnete, fuhr ich mit der Bahn ins Werk. Die Stadtwerke weisen nun per Durchsage in Dauerschleife darauf hin, dass der Aufenthalt auf den Bahnsteigen nur im Falle von (Originalton) „Reiseabsichten“ zulässig ist, man möge die Haltestelle verlassen, wenn man nicht „auf einen Zug beziehungsweise eine Bahn“ wartet, wozu auch immer diese Differenzierung. Vielleicht aus Gendergründen? Und gilt die Fahrt ins Werk auch als Reise?

Der Arbeitstag begann mit einer Besprechung bereits um acht, in der alle durcheinander redeten. Wegen Chefteilnahme musste ich trotz tageszeitlich bedingten Desinteresses gewisse Aufmerksamkeit walten lassen. Es wurde dann dennoch ein recht angenehmer Tag.

Im Haus nebenan ist einer gestorben. Erst sechs Wochen später ist das den Hausbewohnern aufgefallen, wegen des Geruchs. Wie schlimm muss es sein, wenn einen niemand vermisst.

Samstag: Laut Zeitung sind zweiundsiebzig Prozent der Berufstätigen auch im Urlaub für Werksgedöns erreichbar. Da bin ich gerne Teil einer Minderheit, die nicht mal am Wochenende und außerhalb der Bürozeiten erreichbar ist.

Sonntag: „Es ist kein Privileg junger Menschen mehr, sich öffentlich danebenzubenehmen“, steht in der FAS. War es das jemals?

Beim Gehen gesehen:

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Golgatha 2.0

Kommen Sie gut durch die Woche!

Woche 30/2021: Wie fährt man in Kopenhagen Rad?

Montag: Die erste Mail des Tages in meinem Eingang wurde am Samstag um 00:41 Uhr geschrieben, ihre inhaltliche Wichtigkeit eher mäßig bis gering, jedenfalls nichts, was am Wochenende geklärt werden müsste, was in diesem Fall auch nicht möglich gewesen wäre, da ich von Freitagnachmittag bis Montagmorgen keine Werkmails zur Kenntnis nehme. Offenbar hatte die Kollegin – keine Führungskraft – um die Zeit nichts besseres zu tun.

Als ich mittags am Froschteich hinter dem Mutterhaus eine Currywurst verzehrte, machte mich eine Frau auf vier augenscheinlich elternlose Entenküken aufmerksam, die sich piepsend durch den Schmodder auf der Teichoberfläche kämpften; sie hätte bereits die Feuerwehr alarmiert. Ich möchte nicht herzlos erscheinen, die Feuerwehr hätte ich indes wohl nicht gerufen. Zum einen nehme ich an, die hat im Moment wichtigeres zu tun als Familie Duck zu vereinen, zum anderen vertraue ich auf die Natur, die solche Fälle auf ihre Weise regelt: Schon bald hätte sich ein freundlicher Rabe um Tick, Tack, Trick und Track gekümmert. Wie es ausging, konnte ich wegen zeitlich begrenzter Mittagspause nicht bis zum Ende verfolgen.

Dienstag: In machen Momenten frage ich mich, ob ich das jetzt richtig gehört habe; je älter ich werde, desto häufiger. Heute früh etwa, kurz nach dem Aufwachen, als in der Radioreklame für ein Kraftfahrzeug dessen „weibliche Schiebetür“ angepriesen wurde, vorbehaltlich meines nachlassenden Hörvermögens. Abgesehen davon, dass eine Schiebetür natürlich weiblich ist, was denn sonst, so wie bei uns Qualität/Kundenservice/Currywurst/Wasauchimmer selbstverständlich großgeschrieben wird (außer von diesen notorischen kleinschreibern, die das für richtig/fortschrittlich/wasauchimmer halten, und deren texte ich deshalb konsequent nicht lese), nicht nur in Eigenlobzusammenhängen, wäre das Attribut „weiblich“ für eine Schiebetür schon sehr gewagt in Zeiten, da die Lufthansa ihre Gäste nicht länger mit „Damen und Herren“ ansprechen will, damit sich auch die 0,x Prozent Unentschiedenen mitgegrüßt fühlen.

Apropos weiblich: Olympia interessiert mich nicht sonderlich. Gleichwohl erlaube ich mir anzumerken, dass ich die Dienstkleidung von Beachvolleyballerinnen ausgesprochen entwürdigend für die Damen finde.

Mittwoch: In einer Mail an fünfzehn Personen wurde um kurze Bestätigung gebeten, die Einladung zu einem Termin erhalten zu haben. Immerhin zwei der Empfänger verursachten durch Wahl der Allen-antworten-Funktion den Versand von insgesamt achtundzwanzig völlig sinnlosen Mails. Ist ja zum Glück bezahlte Arbeitszeit.

In der Kantine gab es Schnitzel „Jäger*innen Art“. Da fängt das jetzt auch an. Ob auf dieselbe Weise auch das andere Schnitzel, das mit dem bösen Z, rehabilitiert werden kann, ist zu bezweifeln.

Nach dem Mittagessen kam mir im Park einer entgegen, bei dessen T-Shirt die Ärmel kurz unterhalb der Ellenbogen endeten. Also weder Lang- noch Kurzarm, eher Zukurzarm.

Erneut beklagte sich eine Leserbriefschreiberin im General-Anzeiger, weil sie, nachdem sie mit dem Fahrrad eine rote Ampel missachtet hatte, von der Polizei angehalten wurde und ein Bußgeld zahlen muss. Dazu schreibt die Dame: „Ich bin ei­ne le­bens­er­fah­re­ne Frau von 67 Jah­ren, kann ei­gen­stän­dig den­ken und bin durch­aus in der La­ge, ver­ant­wor­tungs­be­wusst zu ent­schei­den. […] Auch von un­se­rer Po­li­zei er­war­te ich, dass sie die Ein­hal­tung der Ge­set­ze mit Au­gen­maß und si­tua­ti­ons­ad­äquat über­wacht.“ Liebe Frau G, auch ich ignoriere beim Flanieren gelegentlich rotes Licht, manche Ampelschaltungen sind einfach unsinnig, ich ließ mich unlängst darüber aus. Doch käme ich niemals auf die absurde Idee, mich im Falle des Erwischtwerdens öffentlich darüber zu beklagen.

Donnerstag: Ich muss noch einmal auf die Wahlwerbung der Partei Volt zurück kommen. „Radfahren wie in Kopenhagen?“ plakatiert sie. Was bedeutet das? Wie fährt man in Kopenhagen Rad, was unterscheidet die dortige Radfahrweise von der hiesigen? Wahrscheinlich nichts – hier wie dort wird man, in der einen Hand das Datengerät, in der anderen den Kaffeebecher, unter Außerachtlassung von Regeln und Rücksicht über Gehwege und durch Fußgängerzonen rasen und rote Ampeln als unverbindliche Vorschläge interpretieren. Dafür soll man die wählen?

Freitag:Prozesskonformes Arbeiten ist für einige ein Fremdwort“, sagte eine in der Besprechung. Ich verkniff mir den Hinweis, dass das für alle ein Fremdwort ist.

Das Fremdwort für die Wolkenformation, die am Abend geboten wurde, müsste Cirrocumulus lauten, wenn ich nicht irre; auf jeden Fall war es schön anzusehen.

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Samstag: In der Zeitung las ich erstmals das schöne Wort „Dernière“, also die letzte Aufführung, das Gegenteil von Premiere. Muss ich mir merken, wenn hier irgendwann das Licht ausgeht.

Für wen sonst demnächst das Licht ausgeht, ist noch nicht absehbar. Die aktuelle Debatte um die zunehmende Impfabstinenz jedenfalls ist für mich nicht nachvollziehbar. Beim besten Willen kann ich nicht erkennen, was an einer Impfpflicht falsch sein soll, egal ob „durch die Hintertür“ oder den Haupteingang.

Mitschrift aus der Abendunterhaltung: „Amöbe – das ist doch dieses Fahrzeug, das durchs Wasser und über Land fährt – Amöbienfahrzeug.“

Sonntag: Sie trinken gerne guten Wein und möchten gleichzeitig was Gutes für die durch die Flut ruinierten Winzer an der Ahr tun? Trinken für den guten Zweck? Dann bitte hier entlang.

Kommen Sie gut durch die Woche!

Woche 29/2021: Hellbier unter freiem Himmel

Montag: Ich glaube, ich bin ein sehr bequemer Mensch, leider auch in diesen Zeiten, wo Anpacker und Macher besonders gefragt sind. Während ich mich dessen geißele und es notiere, frage ich mich: Geht das überhaupt? Ein Sessel kann bequem sein, ein Bett sowieso, ein Stuhl, mit gewissen Abstrichen sogar ein Bürostuhl, auch eine Haltung. Aber ein Mensch?

Recht unbequem könnte es dagegen schon bald wieder in England werden, wo trotz zahlreicher Neuinfektionen um Mitternacht der „Tag der Freiheit“ begrüßt wurde, damit einhergehend die Aufhebung aller Pandemiebeschränkungen, volle Clubs, fröhlich feiernde Massen, demonstrativ zerrissene Schutzmasken.

Ganz anders dagegen in Südkorea, wo das Abspielen den Liedes „Gangnam Style“ in Fitnessstudios verboten wurde, weil dessen Tempo die Viren allzu sehr zum Tanzen und somit zur weiteren Verbreitung animieren könnte. Mal sehen, welches Konzept erfolgreicher ist.

Dienstag: „Sirenen sind old fashion“, sagte morgens der Mann im Radio. Zum Heulen. Wer hat den eingestellt?

„Das Ziel ist der Weg“, sagte einer in der Besprechung; darüber gelegentlich nachzudenken lohnt sich vielleicht. Ob Jeff Bezos heute ähnliches trieb, ist nicht überliefert, auf jeden Fall ein Teufelskerl: in nur elf Minuten bis an den Rand des Universums und wieder zurück. Wobei es sich eher nicht lohnt, darüber nachzudenken, was das gekostet haben mag und wofür man das Geld stattdessen besser verwendet haben könnte. War ja seins.

(SPIEGEL)

Mittwoch: Der Kollege bat um Verständnis, weil die von ihm angesetzte Besprechung auf eine Stunde verkürzt wurde. Hatte ich, volles sogar.

Ein volles Helles gab es abends im Biergarten, und weil wir gerade dort waren, danach gleich noch eins. So langsam muss ich mich ja wieder an andere Menschen gewöhnen, und wer weiß, wie lange es noch Hellbier unter freiem Himmel gibt, ehe wegen der menschlichen Vernunft wieder alles schließen muss.

Donnerstag: Von Wahlwerbung verstehen die was bei Volt.

(Hinweis: Das Bild wurde geringfügig bearbeitet.)

Freitag: Heute sah ich wieder so einen, dem ich gerne zurufen wollte: „Das Universum schenkte dir so schöne Beine. Warum musstest du sie so hässlich tätowieren lassen?“

Nachmittags erhielt ich eine Einladung zu einem kurzen Connect. Demnächst auf der Liste.

Alfred Biolek ist tot. Möge er in Frieden ruhen. Durch ihn lernte ich das schöne Wort „Küchenwein“.

Samstag: Die PSYCHOLOGIE HEUTE stellt ein Buch mit dem Titel „Die Kunst des Ausruhens“ vor. Scheint interessant, vielleicht sollte ich es auf die Buchbeschaffungsliste setzen. Nicht, weil ich es bräuchte, aber es gibt ja nichts, was sich nicht noch perfektionieren ließe.

Sonntag: Hochwasser mit Zerstörungen und Toten an der Ahr gab es auch 1910, wovon dieser Bericht aus dem Jahre 2010 zeugt. Er endet so: „Vergleichbare Wasserstände hätten heute aufgrund der größeren Siedlungsdichte vermutlich noch weitaus höhere Überflutungen mit nicht absehbaren Schäden zur Folge.“ Leider ja.

Kommen Sie gut durch die neue Woche!

Woche 28/2021: Dieses Mal hatten wir Glück

Montag: Am Beginn der neuen Arbeitswoche war nicht allzu viel auszusetzen – Umfang und Dringlichkeit der anstehenden Aufgaben waren in etwa deckungsgleich mit meiner Motivation.

Mittags gabs was Fleischloses und einen Spaziergang durch den Rheinauenpark, wo jemand noch auf sein Mittagsmahl lauerte.

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https://twitter.com/zaasten/status/1414529045925072896?s=21

Dienstag: Tief Bernd ist da, die Wetterdienste warnten den Westen vor heftigem Dauerregen mindestens bis Donnerstag. Daher schien es mir angezeigt, das Fahrrad Fahrrad sein zu lassen und nach Monaten mal wieder mit der Bahn ins Werk zu fahren. In der Tat hatte es am frühen Morgen stark geregnet; als ich das Haus verließ, fielen indes nur wenige Resttropfen auf den Schirm. Die Bahn war pünktlich und nicht allzu voll besetzt, alle außer mir waren mit ihren Datengeräten beschäftigt. Nächster Halt: Hauptbahnhof. Auf dem Nebengleis stand ein Zug derselben Linie in dieselbe Richtung, vielleicht war ich der einzige, dem das auffiel, da alle anderen, siehe oben, mit ihren Geräten beschäftigt waren. So standen wir eine Weile nebeneinander und warteten. Irgendwann bellte der Fahrer in unseren Wagen: „Endstation, aussteigen!“ – leider erst, nachdem der leidgeprüfte Pendler zuschauen konnte, wie der Ersatzzug auf dem Nebengleis abfuhr. Niemand meckerte, vielmehr glaubte ich, hinter den Masken so etwas wie Resignation auszumachen.

Der angekündigte Regen blieb übrigens tagsüber weitgehend aus, jedenfalls hier in Bonn. Erst am späteren Abend, da ich diese Zeilen notierte, hatte Bernd den Hahn wieder ordentlich aufgedreht und die Aussicht auf eine weitere, möglicherweise störungsfreiere Bahnfahrt morgen genährt.

Mittwoch: Nachdem es am Morgen zunächst nur leicht tröpfelte, nahm ich doch das Fahrrad, um ins Werk zu gelangen. Das war ein Fehler – bereits nach wenigen hundert Metern erwachte Bernd und ergoss sich bis zum Abend, was er gestern aufgespart hatte. Zurück dann doch mit der Bahn, mit trockenem Sitzplatz und ohne besondere Vorkommnisse.

Aus der wöchentlichen Kolumne von Kurt Kister:

„Ob er [Elton John] tatsächlich auftritt, wissen natürlich nur die Götter, respektive jene Mächte, die Corona geschickt haben und möglicherweise schon jetzt die vierte (oder ist es die fünfte?) Welle vorbereiten. Boris Johnson gehört mutmaßlich zu diesen Mächten. Überhaupt sollte man mal untersuchen, ob Johnson nicht einem Labor in Wuhan entstammt.“

Donnerstag: Am Morgen nach Bernd führte der Rhein nicht nur Hochwasser, sondern auch große Mengen Treibholz und anders Zeugs mit sich, wie ich es niemals zuvor gesehen hatte. „Stundenlange Regenfälle, die zum späten Nachmittag hin immer stärker wurden, haben in Bonn und der Region zu schwierigen Situationen geführt“, hatte ich zuvor beim ersten Morgenkaffee im General-Anzeiger gelesen.

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Mittags schien schon wieder die Sonne und die Welt, bis auf den üblichen Wahnsinn, einigermaßen in Ordnung. Als in Medienkonsumgewohnheiten eher traditionell veranlagter Mensch, der Nachrichten überwiegend auf klassische Weise aus der Zeitung und dem Fernsehen erfährt, hatte ich tagsüber nicht mitbekommen, welche Katastrophe sich hinter den „schwierigen Situationen“ verbirgt. Erst durch die Fernsehbilder und Meldungen am Abend von den Zerstörungen, Toten, Verletzten und Vermissten im Ahrtal, im Kreis Euskirchen, im Rhein-Erft-Kreis und anderswo nicht weit von Bonn entfernt weiß ich: Bonn hat riesiges Glück gehabt.

Freitag: Noch immer bin ich fassungslos von den Ereignissen in der näheren Umgebung. Dieses Mal hatten wir Glück. Schon beim nächsten Mal trifft es vielleicht uns mit voller Wucht. Eine der zahlreichen Fragen, auf die ich keine Antwort weiß, lautet: Was würde ich tun, wenn wir durch eine solche Katastrophe alles verlören? Ich weiß nur, was nicht: mich vor den Trümmern unseres Hauses von einem Reporter befragen lassen, weil ich fürchte, komplett auszurasten, wenn er mich fragt „Was macht das mit Ihnen?“

Samstag: Der Bundes- und der Ministerpräsident besuchten das besonders hart getroffene Erftstadt-Blessem, um sich ein Bild von der Lage zu machen und warme Worte zu spenden. Gestern las ich beim SPIEGEL, auch Horst Seehofer habe der Region seinen Besuch angedroht. Als wäre das alles nicht auch so schon schlimm genug.

Sonntag: Während ich mich sonntäglicher Muße hingebe, erinnern die Stadt überfliegende Hubschrauber daran, dass im Ahrtal noch immer Vermisste gesucht und hoffentlich gerettet werden.

In diesem Zusammenhang ist immer noch von „Jahrhundertflut“ zu hören und lesen. Die diesem Wort innewohnende Hoffnung, für die nächsten hundert Jahre von solchen Ereignissen verschont zu bleiben, erscheint ein bisschen naiv.

Trotz allem wünsche ich Ihnen eine angenehme neue Woche und, sollten Sie von den Ereignissen selbst betroffen sein, viel Kraft und alles Gute!