Woche 27/2023: Am meisten leiden die Raben

Montag: Gelungenes Gendern ist oft Glückssache. Wenig geglückt ist es der Zeit Online hier: »Marseille ist dabei nicht nur die zweitgrößte Stadt Frankreichs nach Paris, sondern auch eine, in der die Kluft zwischen den Einwohnern und Einwohnerinnen am größten ist.«

Im Übrigen zeigte sich der Wochenstart ohne nennens-notierenswerte Ereignisse, was immerhin kein Unglück ist.

Dienstag: Gegen vier in der Frühe wachte ich auf aus verstörenden Träumen, deren Inhalt ich vage erinnere, womit ich Sie allerdings nicht belästigen will. Danach lag ich etwa eine Stunde lang wach und fragte mich, welche fehlgeleiteten Hirnströme derartiges erdacht haben mochten.

Der Tag verlief in gewohnten Bahnen mit Fußmarsch ins Werk und zurück, mäßiger Arbeitslust am Nachmittag und Friseurinbesuch am Abend. Vielleicht ist sie gar keine Friseurin, sondern eine frisierende „weiblich gelesene Personen“, wie man jetzt anscheinend Leute nennt, die bis vor kurzem noch voreilig als Frauen bezeichnet wurden. Jedenfalls las ich nämliches während des Wartens in einem Zeitungsbericht. Du liebe Güte, um nicht zu schreiben: dämlich.

Mittwoch: Nach Schotterwüsten und Steinen in Käfighaltung erfreut sich nun Kunstrasen zunehmender Beliebtheit bei (Vor-)Gartenbesitzern, berichtet die Zeitung. »Die steigende Nachfrage nach dem künstlichen Grün, das mittlerweile täuschend echt aussieht, sei eine ganz natürliche Entwicklung«, wird ein Außenauslegewarenlieferant zitiert. Natürlich.

Größter Beliebtheit erfreut sich Teams als das Medium der Bürokommunikation. Warum halten es manche für den gängigen Regeln von Anstand und Höflichkeit entsprechend, wenn sie andere anrufen und einleitend sagen „Ich habe ein paar Fragen, Moment, ich teile mal eben meinen Bildschirm“, anstatt als erstes zu fragen, ob der Angerufene Zeit für ihr Anliegen hätte?

Woran ich mich erst wieder gewöhnen muss, vermutlich erwähnte ich es schon, ist, mittags nicht mehr alleine in der Kantine zu essen. Dazu gehört es, zu Beginn des Mahles so etwas wie „Guten Appetit“ zu sagen, als ob es ohne dieses nicht schmeckte oder an Bekömmlichkeit einbüßte. Manche sagen nur noch „Guten“, was ich gewöhnlich überhöre und unerwidert lasse. Wenigstens sagen sie nicht „Mahlzeit“. Oder was Englisches.

Donnerstag: Es gibt Tage, an denen die Existenz anderer Menschen lästig erscheint, ohne dass dafür ein konkreter Anlass erkennbar ist; vielmehr tun sie das gleiche wie sonst auch: ihren Müll in die Gegend werfen, auf Radwegen laufen, öffentliche Flächen bekoten. So ein Tag war heute.

Der Bundestag hat gegen ein neues Gesetz zur Sterbehilfe entschieden. Das finde ich sehr schade. Nicht, dass mich zurzeit akute dauerhafte Lebensmüdigkeit drückte, doch fände ich es beruhigend, bei Bedarf jederzeit das Licht ausmachen zu können, ohne andere zu behelligen, zum Beispiel indem ich mich vor die einfahrende Stadtbahn werfe. Auch das ist Freiheit. (Ich wüsste übrigens, was im äußersten Fall zu tun ist. Schmerzfrei und sauber.)

Immerhin: Abends gab es Sekt, weil einer von uns seit geraumer Zeit de facto die Viertagewoche hat. Leider nicht ich.

Freitag: Die Tagesfrage des Blogvermieters lautet, bei welchen Themen ich eine Autorität sei. Da muss ich passen, es gibt meines Wissens nichts, bei dem ich durch besondere Kenntnisse und Fähigkeiten hervortrete, vielmehr ist in fast allen Bereichen Mittelmaß meine Richtschnur. Etwas, das mich von den meisten anderen abhebt, ist die Neigung zu Gänsehaut selbst an so warmen Tagen wie heute. Autorität erlange ich damit wohl nicht.

Die Rückfahrt vom Werk brach ich nach ungefähr einem Viertel ab und kehrte um, da ich mein Datengerät im Büro vergessen hatte, was ich als positives Zeichen bezüglich meiner Digitalabhängigkeit werte; den meisten jüngeren wäre das nicht passiert. Nach erneuter Abfahrt bemerkte ich, den Fahrradhelm im Schrank gelassen zu haben. War wohl nicht mein Tag.

Namenstag haben unter anderem Bodard und Walfrid. Zweiterer klingt wie der Hänselname für einen etwas voluminöser geratenen Menschen namens Wilfried. Kinder und Kollegen können bekanntlich sehr gemein sein.

Samstag: „Wie hast du geschlafen?“ – „Gut.“ – „Dich habe ich gar nicht gefragt.“ Szenen aus dem Leben zu dritt.

Nach dem Frühstück unternahm ich die samstagsübliche Runde durch die sommerwarme Stadt. Auf dem Weg zum Glascontainer sprach mich in der Inneren Nordstadt ein junger Mann an und bat um eine Spende, um sich etwas zum Essen kaufen zu können. Ich gab ihm nichts und reagierte auch sonst nicht auf seine Ansprache. Kurz darauf saßen Engelchen und Teufelchen auf meinen Schultern und redeten auf mich ein. E: „Warum warst du so unhöflich, warum hast du ihm nichts gegeben? Er hatte Hunger und du bist reich.“ (Es hätte auch sagen können: „Du bis ein reiches A…loch“, aber dieses Wort ist im Engelsvokabular vermutlich nicht enthalten.) T: „Richtig so, der war gar nicht bedürftig, hatte sogar eine Zigarette in der Hand. Soll erstmal aufhören zu rauchen, dann hat er auch Geld für Brötchen. Der gehörte bestimmt zu einer professionellen Bettlerbande und fährt einen BMW.“

Es ist nicht so, dass ich nie was gebe. Wenn ich morgens zu Fuß ins Werk gehe, sitzt manchmal ein alter Mann am Rathaus, vor sich einen Pappbecher. Er spricht niemanden an, sitzt dort einfach und wartet. Dem werfe ich ab und zu überzähliges Kleingeld in den Becher, nicht nur Kupfer, auch Euromünzen. Dann freut er sich, wir wünschen uns gegenseitig einen angenehmen Tag und ich freue mich auch. Heute freute ich mich nicht ob meines Knausers und weil ich den Jungen wie Luft behandelt habe, selbst auf sein „Schönen Tag noch“ reagierte ich nicht. Ja, er hatte eine Zigarette in der Hand, warum auch nicht, wahrscheinlich hat ihm die jemand geschenkt. Vermutlich hatte er wirklich Hunger. Wer weiß, vielleicht ist der alte Mann am Rathaus ein Profi und Inhaber mehrerer Mietshäuser.

Ich kann nicht allen was geben, dazu sind es zu viele. Aber warum gebe ich dem einen, dem anderen nicht? Nach welchen Kriterien entscheide ich das? Wie reagiere ich höflich und angemessen, auch wenn ich nichts gebe? Darüber wird nachzudenken sein. „Nein danke“, wie es mir neulich versehentlich bei solcher Gelegenheit entfuhr, ist sicher keine geeignete Erwiderung. Die Grundfrage ist: Warum müssen Menschen in einem so wohlständigen Land überhaupt betteln? Fragen Sie die FDP, könnte die Antwort lauten, aber das wäre wohl sehr stark vereinfachend.

Sonntag: Es ist heiß. Das hielt mich nicht vom sonntäglichen Spaziergang ab, wobei ich des öfteren die Straßen- auf die Schattenseite wechselte. Auf der Rückenlehne einer öffentlichen Bank saß ein Rabe mit weit aufgerissenem Schnabel. Anlässlich von Kriegen und Katastrophen heißt es oft, am meisten litten die Kinder. Bei derartiger Hitze glaube ich, am meisten leiden die Raben. Weder können sie schwitzen noch das Federkleid lüften, hinzu kommt ihre für Sonnenlicht besonders empfängliche Schwärze.

»Rettet die Welt« las ich irgendwo im Vorbeigehen. Gerne wiederhole ich: Die Welt bedarf nicht der Rettung, allenfalls müsste sich die Menschheit retten. Dies bewusst im Konjunktiv.

Natur, gestern Abend in der Südstadt. Zu den wenigen Dingen, die mich wirklich interessieren, zählt, wie es hier aussehen wird tausend Jahre später, nachdem sich die Menschen erfolgreich selbst ausgerottet haben.

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Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche.

Woche 26/2023: Vorübergehende Beintätowierungen, Bock auf Arbeit und Puderzucker in Stadtbahnen

Montag: Die ab heute in Aussicht gestellte Abkühlung fiel zunächst verhalten aus; trotz morgens geöffneter Fenster und vollem Ventilatoreinsatz sank die Temperatur im Büro nicht unter fünfundzwanzig Grad, nachmittags stieg sie an auf siebendundzwanzig, was soll man machen.

Vormittags erschien ein Mitarbeiter der Fachfirma für Jalousienangelegenheiten, begutachtete den weiterhin defekten Sonnenschutz, schaute hier, fotografierte dort und kam schließlich zum selben Schluss wie bereits vergangene Woche der Mann von der Haustechnik: Vermutlich ist der Motor hin. Er gibt das weiter, man wird sich melden. Was soll man machen.

Der Duden stellt auf Twitter das mir bislang unbekannte Wort „abulisch“ vor, das mit „willenlos“ zu synonymisieren ist. (WordPress kennt es auch nicht, es macht beim Schreiben rote Strichelchen darunter.) Erhebliche Willenlosigkeit, die Tätigkeiten wieder aufzunehmen, überkam mich nach der Mittagspause und Sichtung des Pressespiegels. Stattdessen sehnte ich mich in den Garten unseres Ferienhauses in Malaucène, wo ich vorletzte Woche saß (so lange ist das schon wieder her), oder wenigstens ans Rheinufer vor Oberkassel. Zur Steigerung der Eigenstimmung buchte ich für übernächste Woche einen Inseltag und beendete den Arbeitstag nicht allzu spät.

Dienstag: Heute ist Siebenschläfer-Tag. Ich hatte am frühen Nachmittag indessen Mühe, nicht zum Einschläfer zu werden.

Auf dem Rückweg hielt ich Einkehr in einer Außengastronomie am Rheinufer. Während des Verzehrs eines Weizenbieres (für Leserinnen in Bayern: Weißbier) betrachtete ich vorübergehende Beintätowierungen, eine hässlicher als die andere.

Der General-Anzeiger über Obdachlosigkeit in Großbritannien: »Schätzungen zufolge sind mehr als 300.000 Haushalte ohne festes Obdach.« Ein bemerkenswerter Satz.

Mittwoch: Vormittags besuchte mich ein Kollege auf einen kurzen Plausch im Büro. Dabei sprachen wir unter anderem über die zunehmend auftretende Daumen-hoch-Geste insbesondere auf Fotos der internen Unternehmenskommunikation und wir waren uns darin einig, dass das ziemlich albern ist. Auch bestand Einigkeit darüber, dass man nicht für seine Arbeit brennen muss, um sie gut zu machen, oder, wie ich es gerne ausdrücke: Mit der Firma verbindet mich ein Arbeitsverhältnis, keine Liebesbeziehung.

Den Satz des Tages hörte und notierte ich während einer Präsentation: „‚Morgen‘ heißt nicht morgen, sondern literarisch ‚morgen‘, also in den nächsten Tagen.“ Hiermit sei er Ihnen literarisch zur Kenntnis gegeben.

Da es nicht so heiß war, gab es kein Argument, abends nicht zu laufen; stattdessen in Form eines in den letzten Wochen angewachsenen Urlaubsrosébäuchleins einen guten Grund dafür. Und also lief ich, es lief sich ganz gut.

Wagner heißt jetzt übrigens Dr. Oetker.

Donnerstag: Die SPD fordert die Siesta für Arbeitnehmer. Meine Stimme bekäme sie dafür. Wahrscheinlich ist die FDP mal wieder dagegen, wegen mehr Bock auf Arbeit und so.

Während eines mäßig interessanten Vortrags galt meine Aufmerksamkeit der Erfassung, wie häufig der Vortragende „quasi“ sagte. Ergebnis: im Schnitt 1,9 mal je Minute beziehungsweise alle 32 Sekunden.

Auch gehört und notiert: „Das war ziemlich mit der Hand am Arm.“ Wo denn sonst?

»Ich will mit meinem Haus ökologisch unterwegs sein«, wird jemand in der Zeitung zitiert. Anscheinend wohnt er in einem Wohnmobil.

Demnächst in der Fußgängerzone: ein Geschäft fürs Geschäft. Das hat gerade noch gefehlt.

Freitag: Morgens regnete es, deshalb nahm ich die Stadtbahn, um ins Werk zu gelangen. Da sie gerade herbeirollte, als ich mich der Haltestelle näherte, musste ich unter Missachtung roten Fußgängerlichtes laufen, was sich im Nachhinein als unnötig erwies, da sich die Weiterfahrt wegen einer Türstörung um ein paar Minuten verzögerte. Kann man nicht ahnen, Bewegung tut gut. Die Bahn war dank Sommerferien erfreulich unvoll. Auf dem anschließenden Fußweg sah ich zwei Relikte aus vergangenen, hoffentlich bis auf weiteres überwundenen Zeiten.

Erfreulich unbevölkert war auch wieder das Bürogebäude, da, auch das ein Relikt aus vorgenannten Zeiten, die meisten zu Hause arbeiteten. Das darf gerne noch lange so bleiben.

Während der Rückfahrt saß ich mit zwei Jungs in einer Vierergruppe, deren einer nacheinander Gegenstände aus dem Rucksack zog und dem anderen zeigte: ein Paar Badeschuhe, eine Badehose, ein Bund neuer Sportsocken und schließlich eine Dose Puderzucker. Letztere öffnete er und schüttete sich eine Portion in den Mund, danach streute er sich eine weitere Portion auf die Handfläche und führte sie sich zu Munde. Ehe schlimmeres passierte – gewiss kann man mit Puderzucker in Stadtbahnen, nicht nur dort, einigen Unsinn anrichten – verließ ich die Bahn und zog es vor, zu Fuß weiter zu gehen.

Kurt Kister von der Süddeutschen Zeitung geht in Rente, wie er per Kolumne verkündet. Ob damit auch der Deutsche Alltag in den Ruhestand verabschiedet wird oder nur in eine längere Sommerpause, bleibt ungewiss. Es wäre ein Verlust, nicht nur wegen solcher Sätze:

»Wenn etwas, was man gerne hat (oder gerne macht), zu einem Objekt wird, das dem Gelderwerb, dem Ausleben organisatorischer Triebe oder gar dem Vermögenserhalt dient, verliert es seinen besonderen Charakter. […] Wie sich das dann in der später eintretenden Realität, die heute noch die Zukunft ist, widerspiegeln wird, weiß man erst, wenn die Zukunft die Gegenwart ist. Ob die Gegenwart überhaupt eine Zukunft haben soll, wird gerade in einer Projektgruppe der Chefredaktion diskutiert.«

Zum ganzen Text hier entlang.

Hoffen wir, dass er uns erhalten bleibt.

Samstag: Heute ist der erste Juli, somit beginnt das zweite Halbjahr, wieder einmal scheinbar etwas früher als in den Jahren zuvor. Ein Gefühl, das mich ratlos macht.

Ebenfalls ratlos macht mich diese Artikelüberschrift in der Tageszeitung: »Das kann Hundefutter mit Insekten«. Vielleicht fliegen?

Was anderes: Hieß es nicht bereits vor längerer Zeit, Plastikdeckel für Papp-Kaffeebecher würden verboten, oder habe ich das geträumt?

Sonntag: Statistisch hat jeder dreizehn Geheimnisse, von denen er fünf mit ins Grab nimmt, hörte ich während der Morgenrasur im Radio. Auch bei intensivstem Nachdenken fallen mir maximal zwei ein, die derart unbedeutend sind, dass ich sie bis zur Grablegung voraussichtlich vergessen haben werde. Ansonsten sind Sie als treue Leser dieses Blogs ohnehin bestens im Bilde über mich.

Der Spaziergang führte mich rüber ans andere Ufer, wo eine Kombination aus Flohmarkt und Oldtimer-Ausstellung stattfand. Einige der ausgestellten Autos machten mir ein weiteres Mal deutlich, dass auch ich längst ein H-Kennzeichen hätte, wenn für Menschen Nummernschildpflicht bestünde.

„For real?“ sagte eine mir entgegenkommende junge Frau ins Telefon, ein anderer „Oder bist du noch nicht ready?“. In einem Blog las ich das mir fremde Wort „catcallen“. Fast alle sprechen heute gut Englisch. Ich habe da mangels Anwendungsbedarfs irgendwann nach der Schulzeit den Anschluss verpasst und bin leider zu bequem, daran etwas zu ändern.

Spaziergangsbild, rechtsrheinisch

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Kommen Sie gut durch die Woche.

Regenbogen in Gefahr?

Es ist bestimmt schon zehn Jahre her, als ich im Urlaub in Südfrankreich nachts aufwachte und nicht sofort wieder einschlief; im Urlaub kommt das öfter vor als im normalen Alltag. Dann beginnen die Gedanken zu spinnen, was alles passieren könnte: Krankheit, Krieg, Autounfall, Streit, ein neues Album von Max Giesinger, solche Sachen; als zum Katastrophisieren neigender Mensch sind die Möglichkeiten nahezu unbegrenzt.

In jener Nacht überlegte ich, was wäre, wenn sich in Deutschland die politischen Verhältnisse zu unseren Ungunsten wandelten, vielleicht durch eine Koalition aus einer rechten Partei – die AfD gab es noch nicht oder sie war noch nicht so stark -, der CSU und der Katholischen Kirche. Wenn die Rechten die Rechte der Schwulen und Lesben wieder stark einschränkten, zurück zum Paragrafen 175, Eliminierung der eingetragenen Lebenspartnerschaft, an Ehe gar nicht zu denken (die „Ehe für alle“ kam erst später), Kriminalisierung, Verfolgung. Alles schon da gewesen, auch noch lange nach 1945.

Was würde das für mich konkret bedeuten? Würde unsere Partnerschaft amtlich annulliert? Müsste ich als Familienstand wieder „ledig“ angeben, oder würde man was Neues einführen, vielleicht „annulliert“ oder „gesäubert“? Würde ich als Bundesbeamter entlassen, ohne Pensionsansprüche selbstverständlich? Würde man uns trennen, verhaften, internieren, schlagen, töten? – Aber nein, dachte ich, wir haben das Jahr 201x, das wird schon nicht passieren, das würden sich die Leute nicht gefallen lassen. Dann schlief ich neben dem Liebsten wieder ein.

Vergangene Woche überklebte in der Bonner Innenstadt eine Gruppierung, die sich „Revolte Rheinland“ nennt, einen regenbogenfarbenen Zebrastreifen-Überweg in Schwarz-Rot-Gold, dazu stellten sie stolz Bilder ins Netz, wofür sie vermutlich einiges an Zuspruch erfuhren. Nun kann man Zebrastreifen in Regenbogenfarben, ebenso Regenbogenflaggen vor Bahnhöfen und Firmengebäuden für hohles Symbolgewese halten, jedenfalls hat die „Revolte“ mit ihrer Aktion ein deutliches Zeichen in die andere Richtung gesetzt.

Bernkastel-Kues, vor drei Jahren

Wie kürzlich bekanntgegeben wurde, käme die AfD im Falle einer Bundestagswahl auf mehr Stimmen als die SPD, vor allem in den östlichen Bundesländern; nicht nur auf der Landkarte ist Osten rechts. Im Landkreis Sonneberg, Thüringen, wurde nun ein AfD-Mann zum Landrat gewählt. Bislang ist die AfD, jedenfalls in meiner Wahrnehmung, nicht durch offene Ablehnung homopoler Lebensweisen in Erscheinung getreten, was zurzeit auch schwierig wäre, weil ihre Fraktionsvorsitzende bekanntlich mit einer Frau zusammenlebt. Das kann sich schnell ändern – wie schnell, haben wir mehrfach gesehen, man denke an Lucke, Petry und Meuthen. Spätestens, wenn sie wirklich an die Macht käme und Sündenböcke sucht, weil ihre einfachen Antworten auf komplexe Sachverhalte nicht ein einziges Problem lösen, könnte es für uns ungemütlich werden. Auch das gab es alles schon, vor rund achtzig Jahren.

Noch schlafe ich meistens ziemlich gut. Wer weiß, wie lange noch.

Woche 25/2023: Wer nicht melden will, muss schwitzen

Montag: Meine Morgenstimmung hätte Erika Fuchs, die damalige Übersetzerin der Donald-Duck-Comics, wohl mit einem »SEUFZ!“ treffend auf den Punkt gebracht. Bei Ankunft im Werk lag eine Störung der Schließtechnik vor, die mir zwar Zugang zum Büro gewährte, jedoch nicht in den Gebäudeteil mit der Kaffeemaschine. Stöhn. Im Laufe des Morgens wurde die Störung behoben und die Stimmung hob an. Auch sonst zeigte sich der erste Arbeitstag nach zwei Wochen Urlaub recht freundlich, die Zahl der eingegangenen Mails war erstaunlich niedrig, darunter keine Problemfälle mit weiterem Seufzpotenzial.

Es ist heiß, die Rasenfläche hinter dem Bürogebäude ist verdorrt, bereits jetzt, dabei hat der Sommer noch gar nicht richtig begonnen. Wo soll das hinführen?

Am frühen Abend, als ich Brötchen für das Abendessen holte, ging ich durch die Innenstadt und dachte: Was für komische Leute. Ich kann das an nichts festmachen, objektiv gesehen waren es die gleichen wie sonst auch. Vermutlich, sofern sie mich überhaupt wahrnahmen, fanden sie mich genauso komisch. Ich kann es ihnen nicht verdenken.

Dienstag: Nur weil es etwas wärmer ist, ist das kein Grund, nicht zu Fuß ins Werk zu gehen.

Promenade
Provence am Mutterhaus

Nach langer Zeit mal wieder insgesamt fast vier Stunden Besprechung in Präsenz mit elf Menschen, Kaffee und Kaltgetränken in einem immerhin angenehm temperierten Besprechungsraum. Danach fühlte ich mich erschöpft. Man ist nichts mehr gewohnt.

Früher sagte man: „Der führt was im Schilde“; heute: „Der verfolgt eine Agenda“.

Mittwoch: Es musste so kommen. Vormittags kam jemand von der Haustechnik, um die Jalousie im Büro zu reparieren, die nicht mehr herunterfährt. Leider ohne Erfolg, die Fachfirma muss ran. Dass bis auf Weiteres nachmittags die Sonne ins Büro scheint und zusätzlich wärmt, kann ich niemanden zum Vorwurf machen, außer mir selbst. Erst am Montag habe ich die Störung gemeldet, obwohl sich das Teil seit Wochen nicht mehr bewegt. Im Winter hatte ich wochenlang gefroren, weil es im Büro wegen defekter Heizung (oder wegen Putin) an manchen Tagen nicht wärmer als achtzehn Grad wurde. Als dann eines Tages die Jalousie oben blieb, dachte ich: Muss ich mal melden, hat keine Eile. Dann kam der Urlaub. Wie die Oma schon wusste: Wer nicht melden will, muss schwitzen. Mein Zweitname sei Prokrastin. Der Ventilator ist einstweilen mein bester Freund.

Diese Besprechung hätte eine Mail sein können, dachte ich nach einer Teams-Runde, die für eine halbe Stunde angesetzt und schon nach wenigen Minuten beendet war. Das mal positiv sehen.

Ansonsten ein weiterer warmer Tag mit kurzem Gewitter am Nachmittag, dessen kühlende Wirkung sich binnen kurzer Zeit verflüchtigte. Eigentlich hatte ich mir für den Abend vorgenommen, zu laufen. Doch bei der Wärme – och nö.

Donnerstag: Die für heute angekündigten Unwetter zeigten sich zumindest hier bei uns einigermaßen gemäßigt. Planmäßig konnte ich zu Fuß ins Werk gehen, erst gegen Mittag kam der erste Regen auf, der sich zu einem Gewitterschauer aufbaute und bald wieder nachließ, das gleiche nochmal am späten Nachmittag kurz vor end of business. Außerhalb der Regenphasen war es weiterhin warm, die »Herbstliche Gnocchi-Gemüsepfanne« mittags in der Kantine brachte keine innere Abkühlung, ebensowenig die Schilder »Kein Winterdienst« in den Rheinauen.

Den diesjährigen Preis für Verpackung verdient dieses französische Keksprodukt

Freitag: Ich lasse es dem Universum als kleine Zankerei zum Wochenende durchgehen, dass morgens, gerade als ich eingeseift unter der Dusche stand und nicht eingreifen konnte, im Radio mal wieder Giesingers Lied über die frustrierte tanzende Mutter gespielt wurde, was mich danach noch längere Zeit ohrwurmend begleitete.

Morgens auf dem Fahrrad umspielte mich ungewohnt angenehme Junikühle, fast schon war es zu kalt ohne Jäckchen. Nachmittags auf dem Rückweg wieder Wärme.

Der Kollege, der immer gar wunderbare Wörter benutzt, schickte per Mail ein kurzes Heads-up, worin er einen Optionenraum aufzeigt. Es ging um Probleme mit einem neu eingeführten Prozess. Als ich vor Wochen die zugehörige Prozessanweisung las, war mein Gedanke: Das wird nicht funktionieren, doch verzichtete ich, da es nicht viel mehr als ein aus jahrelanger Erfahrung gewachsenes Bauchgefühl war und zudem mangels fachlicher Zuständigkeit, auf entsprechende Kommentare in Richtung der Verantwortlichen; man hätte es auf Wunsch von höchster Stelle so oder so eingeführt. „Ihr macht das schon“ ist oft klüger als „Ich würde das anders machen“.

Samstag: Der General-Anzeiger stellt in einer Beitragsreihe ab heute spannende regionale Ausflugslokale vor: »Ein kühles Getränk, ein Sitzplatz mit Aussicht und dazu am besten noch ein Sonnenuntergang.« Das ist vor Spannung kaum auszuhalten. Warum heißt es immer häufiger „spannend“, wenn „interessant“ oder einfach nur „nett“ gemeint ist? Ist das Bequemlichkeit, nach dem passenden Wort zu suchen?

Mittags in der Fußgängerzone sprach mich ein sehr junger Mann von der Seite an, was ich überhaupt nicht mag, nicht von jungen Männern noch von mittelalten Frauen. Da er nicht den Eindruck erweckte, um Bargeld anzuhalten und auch sonst ganz hübsch anzusehen war, ließ ich ihn sprechen, und also frage er, ob er mir etwas aushändigen dürfte. In seiner Hand hielt er einige Zettel und Prospekte, die als christlich-religiöse Druckerzeugnisse auszumachen waren. Ich lehnte dankend ab. „Darf ich wenigstens für Sie beten?“, fragte er dann, wogegen ich nichts einzuwenden hatte, etwas Fürbitte schadet nicht. „Wie heißen Sie denn?“, wollte er noch wissen. Das wurde mir etwas zu intim, daher verweigerte ich die Auskunft. Wenn er seinem Gott später sagt, dieser ältere Kerl mit kurzer Hose, Chucks und rotem Polohemd, wird der schon wissen, wem das Gebet gilt.

Sonntag: Ein ruhiger, warmer Tag. Auch die Sonntagszeitung widmet sich der Frage, warum den fünf Insassen des Tauchbootes, die auf dem Weg zum Wrack der Titanic ums Leben gekommen sind, mehr Aufmerksamkeit zuteil wurde als mehreren hundert Flüchtlingen, die kürzlich im Mittelmeer ertrunken sind. Vielleicht weil wir uns ein paar übermütigen Reichen näher fühlen als den namenlosen Menschen auf der verzweifelten Suche nach einem besseren Leben, was weiß ich. Menschen sind und bleiben seltsam.

Im Zusammenhang mit der zerdrückten Tauchkapsel ist hier und da das Wort „tragisch“ zu vernehmen. Das halte ich für falsch. Der geplatzte Tauchgang ist vergleichbar mit Jugendlichen, die im Übermut auf abgestellte Güterwaggons klettern und dort vom Schlag der Oberleitung getroffen werden. Das ist nicht tragisch, sondern einfach dumm.

Beim Spaziergang durch die Nordstadt und an den Rhein begegneten mir nur wenige Menschen. Auch im Lieblingsbiergarten waren die meisten Tische frei, das zahlreiche Personal unausgelastet. Entweder ist es den Leuten zu heiß, oder sie sind im Urlaub.

Keine Werbung, jedenfalls keine bezahlte

In einer Seitenstraße rollte vor mir langsam ein riesiger weißer Mercedes-SUV, dessen linker Vorderreifen platt war. Er fuhr in eine Parkbucht, der Fahrer stieg aus, ging in die Hocke und betrachtete das Schlamassel. Obwohl völlig unangebracht, musste ich ganz kurz innerlich grinsen.

Statt Alkohol bevorzugt die Jugend zunehmend Fruchtgetränke, das ist zu loben. Auch damit kann man manches falsch machen.

Falsch
Richtig

Beim Gehen fragte ich mich: Werden die eigentlich inzwischen mit diesen weißen Hörstöpseln in den Ohren geboren?

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Kommen Sie gut durch die Woche, möglichst ohne Seufzen und Stöhnen.

Woche 24/2023: Wenn französische Radiomoderatoren „A-ha“ sagen

Montag: Eine weitere Woche Provence liegt vor uns. Nach dem Frühstück unternahmen wir eine kleinere Ausfahrt mit den Fahrrädern in nördliche Richtung, derweil sich über dem Mont Ventoux bereits wieder beeindruckende Wolkentürme aufbauten.

Scheinvulkan

Nach Rückkehr fuhr der Liebste mit dem Wagen nach Carpentras in den Supermarkt, ich machte es mir auf dem Liegestuhl im Garten bequem, wo ich Blogs las (sie waren alle wieder sehr fleißig) und meine eigenen Blog-Aufsätze sichtete, um bald eine Entscheidung treffen zu können, was ich am 5. September bei den TapetenPoeten vorlese, auch wenn bis dahin noch etwas Zeit ist. Seit ich fast nur noch diese Wochenrückblicke schreibe, komme ich kaum noch zu längeren Texten. Das würde ich gerne wieder ändern, mal so nebenbei bemerkt.

Während ich im Schatten der Zypresse las, sichtete und überarbeitete, begann sich im Westen der Himmel zu verdunkeln, erstes fernes Grummeln war zu vernehmen, durchmischt vom Gesang der Amsel und anderer Vögel um mich herum, die sich wie ich vorläufig nicht davon beeindrucken ließen. Im Laufe des Nachmittags bildetet sich rings um Malaucène mehrere Gewitter, zeitweise blitzte und grollte es aus drei verschiedenen Richtungen, während es hier trocken blieb. Nachdem der Liebste zurückgekehrt war, platzierten wir uns auf der überdachten Terrasse unseres Hauses und schauten der Meteorologie bei der Arbeit zu. Erst als eine Wolkenwand auf uns zurollte, Regen und deutliche Abkühlung mit sich führend, auch die Vögel verstummten, zogen wir uns ins Haus zurück.

Wir fahren nun seit vielen Jahren hierher, eine solche Häufung von Gewittern, fast täglich, haben wir noch nie erlebt. Und in keinem Urlaub habe ich bislang so viele Wolkenfotos gemacht, wobei es nicht meine Absicht ist, mit dem anerkannten Fachblog für Bewölkung in Konkurrenz zu treten.

Denken Sie sich einen Blitz dazu

»Trauer um Silvio Berlusconi: „Mit seinem Tod endet eine Ära“«, twittert die Tagesschau. Finde den Fehler.

Dienstag: In den frühen Morgenstunden wachte ich auf durch eine Kombination aus Traumschreck und Blasendruck. In dem Traum wurden versehentlich die unteren Tore einer Kanalschleuse geöffnet, obwohl die oberen nicht geschlossen waren. Da war vielleicht was los. (Manchmal lässt mich Blasendruck träumen, ich suche eine Toilette auf, die seltsam verbaut ist, so dass man dort sein Geschäft nur unter ungewöhnlichen Verrenkungen verrichten kann; irgendwie gelingt mir dann doch die vollständige Erleichterung. Wenn ich danach aufwache, ist die Blase immer noch gefüllt. Ich bin der Natur sehr dankbar, dass sie das so eingerichtet hat.)

Bleiben wir noch beim Unterleib: Über Twitter fand ich diesen Artikel über den Sommerpenis, ein mir bislang in jeder Hinsicht unbekanntes Phänomen. Am besten gefallen mir die Hinweise »Auch interessant: …« und »Lesen Sie auch: …«, sowie der Satz »Während der Sommerpenis ein Phänomen ist, mit dem man sich gerne abfindet, sollte man beim Anschwellen anderer Körperteile handeln und versuchen, die Blutzirkulation anzuregen.«

Der Tag begann regnerisch und deutlich kühler als die Vortage, was den Urlaubsgenuss nicht minderte. Ab Mittag heizte die Sonne gründlich auf, am frühen Abend die üblichen Gewitter, die wir liegestuhlliegend von der Terrasse aus verfolgten.

Mittwoch: Auch im Urlaub informiert bleiben über die Geschehnisse in der Welt, wobei mir hier die tägliche Lektüre der Bonner Tageszeitung beim Frühstück auf dem Datengerät genügt; auf Fernsehnachrichten, zu Hause fester Bestandteil des geregelten Tagesablaufs, kann ich verzichten. So berichtet die Zeitung über grüne Ampelfrauchen, die mit Rock und Zöpfen bei einigen Bonner Fußgängerampeln versuchsweise die bekannten -männchen abgelöst haben, was zu heftigen Reaktionen in den elektronischen Ätzwerken führt, sowohl zustimmend als auch dagegen. Unter anderem wird beklagt, dass diversgeschlechtliche Menschen unberücksichtigt blieben, wie auch immer die als Ampelpüppchen darzustellen wären. Mir geht das an südlichen Körperregionen vorbei, zumal ich Fußgängerampeln grundsätzlich ignoriere.

Hier war es heute sonnig und warm, wir unternahmen eine letzte Radtour über Veaux, Mollans-sur-Ouvèze und Entrechaux, teilweise entlang und auf der Trasse der ehemaligen Schmalspurbahn von Orange nach Buis-les-Barronnies, was das Herz des Eisenbahnfreundes erfreute.

Ehemaliger Eisenbahntunnel zwischen Mollans und Entrechaux
Farben der Provence
Auch hier inzwischen diese hässlichen Steine in Käfighaltung

Als wir zurückkamen, fanden wir das Haus ohne électricité vor, eine größere Störung, die nicht nur unser Haus betraf, wie ein Anruf beim Vermieter ergab. Nachmittags brachten wir die Fahrräder zurück und verbanden dies mit dem Nachmittagsbier im Ort. Nach Rückkehr war der Strom noch immer nicht wieder da. Ein wenig geriet ich in Sorge um den Kühlschrank, wegen des Eises für den Pastis und den Rosé zum Nachtglas. Ab neunzehn Uhr floss der Strom wieder, für die Getränkeversorgung hat zu keiner Zeit eine Gefahr bestanden.

Donnerstag: »Parlament will nichts weniger als ein Ende der Menschheit verhindern«, ist in der Zeitung über einen EU-Beschluss zu Künstlicher Intelligenz zu lesen. Abgesehen davon, dass das Ende der Menschheit voraussichtlich nicht mehr zu verhindern ist, jedenfalls nicht per EU-Beschluss: Was bedeutet »nichts weniger als«? Ergäbe der Satz ohne diese drei Wörter einen anderen Sinn?

Der Tag ist sonnig und warm. Ich sitze wieder an meinem Lieblingsplatz im Garten, die Bäume hinter mir rauschen von einem leichten, beständigen Wind aus Norden, derweil der Liebste in der Küche Knoblauch einkocht. Das Ende dieses wunderbaren Urlaubs ist bereits in Sicht, weshalb diese und folgende Tagesnotizen Spuren von Melancholie enthalten können.

Freitag: Der letzte Urlaubstag verlief ohne nennenswerte Unternehmungen. Zum letzten Mal frühstückten wir ausgiebig und in Ruhe vor dem Haus, danach landeten die Reste, die nach Hause mitzunehmen sich nicht lohnt, statt im Kühlschrank im Müll. Zum letzten Mal saß ich im Garten mit Gegendblick, bearbeitete ein paar Texte und las in „Respekt zu diesem Deutsch“ von Peter Köhler, mit der Erkenntnis, dass ich, obwohl ich mir einbilde, das Schriftliche ganz gut zu beherrschen, beim Schreiben noch ganz schön viel falsch mache. (Der ist aber auch pingelig.)

Am frühen Abend packten wir die meisten Sachen und verstauten Sie im Auto. Von da an hatte ich das Gefühl, noch nicht weg und nicht mehr richtig hier zu sein.

Die letzte Pizza, der letzte Rosé. Wenigstens letzterer wird uns dank ausreichender Einkäufe beim Lieblingsweingut noch einige Zeit erhalten bleiben.

Abendröte

Samstag: Um acht Uhr verließen wir Malaucène bei Sonnenschein, zehn Stunden später, nach recht entspannter Autofahrt ohne nennenswerte Ereignisse, trafen wir in Bonn ein, wo die Sonne immer noch schien.

Auf Radio Nostalgi spielten sie A-ha. Wenn französische Radiomoderatoren „A-ha“ sagen, klingt das lustig.

Sonntag: Aufgewacht mit leichten Kopfschmerzen, vermutlich vom Rückkehrrosé am Vorabend, und etwas deprimiert. So schwer ist es mir schon lange nicht mehr gefallen, das Ende des Urlaubs zu akzeptieren. Luxusleiden, ich weiß.

Ein wenig Leidenslinderung brachte der einstündige Spaziergang durch die Bonner Südstadt. Der Weg führte entlang zahlreicher Außengastronomien mit Bierausschank, deren Verlockungen ich tapfer widerstand. In der Stadt ist es drückend heiß, die Leute sind angemessen (un-)bekleidet, auch das ist in Einzelfällen herausfordernd.

»#Kultur bleibt Innenstadt«, klebt an mehreren Lampenmasten, eine Anmerkung, Forderung, was auch immer, deren Aussage nicht unmittelbar einleuchtet. Heute wird gerne allen möglichen Konjektaneen eine Raute vorangestellt, um ihnen Bedeutung zu verleihen. In diesem Fall vergebens, die Bedeutung bleibt unklar. Bleibt die Kultur in der Innenstadt? Welche Art von Kultur überhaupt? Sprachkultur eher nicht. Isch bin U-Bahn. Ich könnte das für Sie im Netz recherchieren, bitte jedoch, das bei Bedarf selbst zu tun.

»Hier keine Fahrräder anstellen/anketten. Denkmalschutz«, bittet eine Schild an einem Südstadtvorgartenzaun, immerhin ohne Raute. Es gibt viele gute Gründe, irgendwo keine Fahrräder abzustellen: weil sie dort im Weg stehen, Beschädigungen zu befürchten sind oder einfach die Optik stören. Warum jedoch der örtliche Denkmalpfleger daran Anstoß nehmen sollte, leuchtet nicht ein. Vielleicht ist es sein Vorgarten.

»Einfahrt !«, teilt ein anderes Schild an einem Tor knapp mit, ohne Raute, dafür mir Leerzeichen. Hier ist Mitdenken gefordert: Nur Einfahrt, keine Ausfahrt? Einfahrt freihalten?

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Kommen Sie gut durch die Woche. Ich bemühe mich auch.