Woche 27/2026: Kollektives Aufatmen und irgendwas mit Fußball

Montag: Über Nacht ist es etwas – nun ja, kühler wäre das falsche Wort, mit unter dreißig Grad immerhin etwas weniger warm geworden; überall, in Gesprächen, Nachrichten, den Blogs ist kollektives Aufatmen zu vernehmen. Bis zur nächsten Hitzewelle, die ganz sicher kommen wird. (Vorstehendes schrieb ich nur aus chronistischen Gründen, falls ich oder irgendwer anderes das irgendwann nachlesen sollte. Zum Zeitpunkt, wenn Sie es lesen werden, also in einer Woche, werden Sie es schon mehrfach woanders gelesen oder gehört, vor allem selbst bemerkt haben. Oder wie Herr Fischer schrieb:

[Irgendwas mit Abkühlung und willkommen und so] Nur, damit ich es auch geschrieben hab.

Klammer zu.)

Auch im Büro ist es wieder deutlich kühler als vergangene Woche, zeitweise überzog leichte Gänsehaut die kurzbeärmelten Arme, was nicht viel bedeutet, manchmal fröstelt es mich auch bei vierundzwanzig Grad.

Schweißtreibend dagegen nachmittags der Sport im überraschend vollen Studio, nach zwei Runden durch den Parcours war mein Bewegungsdrang befriedigt.

Gunkl meint: »Um der Beschreibung der Welt etwas Positives hinzuzufügen, sollte es gegenüber von „leider“ auch das Wort „freuder“ geben, finde ich.« Finde ich auch.

Dienstag: Nachts wachte ich auf durch regelmäßige wiederkehrendes Gruppengeschrei aus der erweiterten Nachbarschaft, das wechselnd nach Jubel und Entsetzen klang, wobei sich, wie wir wissen, letzteres durchsetzte. Ich blieb unentsetzt, blieben uns doch stundenlang durch die Stadt lärmende Autokorsos erspart.

In einer Mail las ich AFAIU und musste recherchieren, was es bedeutet: „As far as I understand“. Woraufhin der Sprachnerv etwas zuckte.

Auf dem Fuß-Rückweg vom Werk sah ich auf einem Bildschirm vor einer Gaststätte einen Experten sprechen, ich glaube Thomas Hitzelsperger, kenne mich da nicht so aus. Vermutlich beantwortete er die bei Sportreportern so beliebte Frage, woran es gelegen habe. Niemand der Gäste hörte hin.

Feierabend am Rheinpavillon. Denken Sie sich gerne ein Erfrischungsgetränk dazu.
Abendbalkonblick. Hier dürfen Sie ebenfalls ein Begleitgetränk mitdenken.

Mittwoch: Und schon ist das erste Halbjahr ver- und die Welt nicht untergangen. In wenigen Wochen wird wieder Klage geführt wegen in Supermärkten erhältlicher Dominosteine, als hätte die amtierende Wirtschaftsministerin einen Kaufzwang verordnet.

Aus gegebenem Anlass nochmals Gunkl: „Irgendwie ist oder war gerade etwas mit Gruppenphase. Näheres entnehmen Sie bitte der Fachpresse.“

Vor vier Wochen, in unserer ersten Urlaubswoche, notierte ich meine Beobachtung bezüglich radfahrender Paare, bei denen meistens das Männchen vorneweg fährt. Hierzu ist bei Herrn Pesch gleichsam die Innenansicht eines solchen Paares nachzulesen.

Es ist immer wieder beruhigend, wenn man für sich eine Frage, die mit „Bin ich eigentlich der einzige, der …“ beginnt, mit Nein beantworten kann: Der Mitblogger aus Hamburg teilt meine tiefe Abneigung gegen den zunehmenden Bindestrichverzicht. Hier ein besonders schmerzhaftes Beispiel aus der Inneren Nordstadt:

Archivbild

Donnerstag: Morgens auf dem Weg ins Werk sah ich neben den Wohnhäusern am Rhein eine Frau stehen, mir den Rücken zugekehrt und rauchend. Sie trug ein quergestreiftes Oberteil, das auffallend mit den heruntergelassenen Jalousien vor dem Fenster daneben harmonierte. Leider bemerkte ich das erst richtig, als ich schon an ihr vorbeiging, für ein Foto war es da zu spät; bitte denken Sie sich ein entsprechendes Bild.

An den Laternenpfählen am Rheinufer werden per Plakaten Selbstverteidigungskurse für Frauen* angeboten, wie vorstehend mit Sternchen hinter „Frauen“. Wofür das Sternchen steht, ist zumindest für mich nicht zu erkennen, es verweist nicht auf eine Fußnote. Vermutlich wird vorausgesetzt, dass modern-urbane Menschen auch ohne Fußnote den Unterschied zwischen besternten und unbesternten Frauen kennen.

Der ersten Besprechung des Tages trat ich mit mehrminütiger Verspätung bei, weil ich zuvor während der Bearbeitung eines Gewerkes in eine Art Flow-Zustand geraten war, der mich die Zeit vergessen ließ. Bald war klar, dass ich nichts verpasst hatte, wie man in versäumten Regel-Besprechungen ohnehin selten etwas verpasst.

Dort hörte ich erstmals das Wort „Impediment“ als Synonym für Hindernis, wie eine kurze Recherche ergab. Vier Silben für den pseudogebildeten Begriff, immerhin eine weniger als „Herausforderung“, dafür zwei mehr als das in Berater- und Geschäftskreisen geächtete „Problem“. Werde ich mir wohl nicht merken.

Freitag: Laut kleiner kalender beginnen heute die Ehrentage der Klimaanlage, warum auch nicht, irgendwas ist bekanntlich immer. Eher Mitgefühl empfinde ich für das mobile Klimagerät im Kiosk um die Ecke, das wie Sisyphus seinen Auftrag nicht erfüllen kann, weil die Ladentür den ganzen Tag offen steht.

Samstag: Für den Abend waren wir zur Feier eines hundertdreißigsten Geburtstags eingeladen: Die Kollegin wurde sechzig, ihr Gatte, ebenfalls ehemaliger Kollege, siebzig. Gefeiert wurde in einer Gaststätte im rechtsrheinischen Ortsteil Niederholtorf, von uns aus mit dem Bus bestens zu erreichen, auch wenn er auf dem Rückweg wegen irgendwas mit Fußball im Stau stand und wir deshalb ab Beuel zu Fuß weitergingen, was uns einen angenehmen Spaziergang bescherte. Wir hätten auch im Bus sitzen bleiben können, er traf fast exakt zur selben Zeit bei der Zielhaltestelle ein wie wir zu Fuß, nur wäre uns dann der Spaziergang entgangen.

Unter den Gästen der Feier waren mehrere teils länger nicht gesehene Kolleginnen, davon zwei bereits im Ruhestand, die glaubhaft versicherten, dass ihnen die Arbeit überhaupt nicht fehle, ach was. Musikalisch begleitet wurde der Abend zeitweise durch eine örtliche Hobbyband, die mit großer Ausdauer und ansprechender Qualität Hits aus vergangenen Zeiten spielte. Wobei ich mir auch hier die bereits früher geäußerte Anmerkung erlaube, manche Lieder sollten nicht nachgespielt werden, die Band kann dabei nur verlieren, in diesem Fall „Music“ von John Miles. Meine ebenfalls mehrfach geäußerte grundsätzliche Abneigung gegen Livemusik als Störfaktor auf Veranstaltungen, wo man sich mit anderen Menschen unterhalten möchte, schlug nicht an, da die Band drinnen im Saal spielte, während wir mit den Kolleginnen im Außenbereich saßen und uns bestens unterhielten. Sehr entgegen kam mir auch der Wunsch der Gastgeber, statt eines Geschenks eine Spende für den Verein „Lebensqualität im Alter“ zu hinterlassen. Liebe A., lieber J., vielen Dank für den schönen Abend bei und mit euch!

Sonntag: Apropos hundertdreißig – Zeit für die nächste Frage aus der Liste. Nummer 130 lautet: „Welcher Tag der Woche ist dein Lieblingstag?“ Ganz klar der Samstag. Ich kann (meistens) ausschlafen, weil ich nicht ins Büro muss, und der ebenfalls freie Sonntag liegt noch vor uns. Den Sonntag mag ich auch sehr, zumal mittlerweile nur noch sehr selten ab dem späten Nachmittag das Vorgrauen (mir fiel kein besseres Wort für das Gegenteil von Vorfreude ein) auf den Montag die Stimmung trübt.

Zu einem gelungenen Sonntag gehört der in der Regel mehrstündige Spaziergang am Nachmittag. Der führte heute rüber nach Beuel, um Straßenbahnen zu fotografieren. (Wiederum nur für die Chronik, die meisten von Ihnen wird es nicht interessieren, lesen Sie deshalb gerne nach der Klammer weiter: Wegen Bauarbeiten wird die Stadtbahnlinie 66 in Richtung Königswinter / Bad Honnef zurzeit umgeleitet über Beuel, Limperich und Küdinghofen. Deshalb fahren vorübergehend die großen Stadtbahnzüge durch die Beueler Innenstadt, wo sonst ausschließlich Niederflur-Straßenbahnwagen verkehren.)

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Da die Autobahnbrücke im Bonner Norden weiterhin gesperrt ist, hat die Stadt Maßnahmen ergriffen, um die daraus resultierenden Verkehrstumulte zu lindern. Eine davon ist, dass die Fahrradspuren auf der Kenndybrücke nur noch in jeweils eine Richtung benutzt werden dürfen: die nördliche nach Bonn, die südliche nach Beuel. Zu meinem großen Erstaunen halten sich die meisten Radfahrer daran, während zweimaliger Brückenüberquerung zählte ich insgesamt nur vier Falschfahrer.

Am Straßenrand in Beuel parkte ein Wagen mit der Anschrift „Gesellschaft für Endlagererkundung“. Vielleicht das Dienstfahrzeug der örtlichen Friedhofsverwaltung.

Es ist mit um die zweiundzwanzig Grad deutlich kühler geworden, zeitweise fiel etwas Regen. Man sieht wieder Leute in Jacken, vereinzelt sogar Daunenjacken. Sicher ist es sinnvoll, auf Unbill vorbereitet zu sein. Der Schneeschieber neben einem Hauseingang erschien mir indes etwas übertrieben.

Auch in Beuel

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche. Mein Lieblingstag außerhalb des Wochenendes ist übrigens der Donnerstag, vor allem in kleinen Wochen, wenn ich frei habe. Wie in der kommenden, voraussichtlich bei Wanderwetter.

18:00

Woche 27/2023: Am meisten leiden die Raben

Montag: Gelungenes Gendern ist oft Glückssache. Wenig geglückt ist es der Zeit Online hier: »Marseille ist dabei nicht nur die zweitgrößte Stadt Frankreichs nach Paris, sondern auch eine, in der die Kluft zwischen den Einwohnern und Einwohnerinnen am größten ist.«

Im Übrigen zeigte sich der Wochenstart ohne nennens-notierenswerte Ereignisse, was immerhin kein Unglück ist.

Dienstag: Gegen vier in der Frühe wachte ich auf aus verstörenden Träumen, deren Inhalt ich vage erinnere, womit ich Sie allerdings nicht belästigen will. Danach lag ich etwa eine Stunde lang wach und fragte mich, welche fehlgeleiteten Hirnströme derartiges erdacht haben mochten.

Der Tag verlief in gewohnten Bahnen mit Fußmarsch ins Werk und zurück, mäßiger Arbeitslust am Nachmittag und Friseurinbesuch am Abend. Vielleicht ist sie gar keine Friseurin, sondern eine frisierende „weiblich gelesene Personen“, wie man jetzt anscheinend Leute nennt, die bis vor kurzem noch voreilig als Frauen bezeichnet wurden. Jedenfalls las ich nämliches während des Wartens in einem Zeitungsbericht. Du liebe Güte, um nicht zu schreiben: dämlich.

Mittwoch: Nach Schotterwüsten und Steinen in Käfighaltung erfreut sich nun Kunstrasen zunehmender Beliebtheit bei (Vor-)Gartenbesitzern, berichtet die Zeitung. »Die steigende Nachfrage nach dem künstlichen Grün, das mittlerweile täuschend echt aussieht, sei eine ganz natürliche Entwicklung«, wird ein Außenauslegewarenlieferant zitiert. Natürlich.

Größter Beliebtheit erfreut sich Teams als das Medium der Bürokommunikation. Warum halten es manche für den gängigen Regeln von Anstand und Höflichkeit entsprechend, wenn sie andere anrufen und einleitend sagen „Ich habe ein paar Fragen, Moment, ich teile mal eben meinen Bildschirm“, anstatt als erstes zu fragen, ob der Angerufene Zeit für ihr Anliegen hätte?

Woran ich mich erst wieder gewöhnen muss, vermutlich erwähnte ich es schon, ist, mittags nicht mehr alleine in der Kantine zu essen. Dazu gehört es, zu Beginn des Mahles so etwas wie „Guten Appetit“ zu sagen, als ob es ohne dieses nicht schmeckte oder an Bekömmlichkeit einbüßte. Manche sagen nur noch „Guten“, was ich gewöhnlich überhöre und unerwidert lasse. Wenigstens sagen sie nicht „Mahlzeit“. Oder was Englisches.

Donnerstag: Es gibt Tage, an denen die Existenz anderer Menschen lästig erscheint, ohne dass dafür ein konkreter Anlass erkennbar ist; vielmehr tun sie das gleiche wie sonst auch: ihren Müll in die Gegend werfen, auf Radwegen laufen, öffentliche Flächen bekoten. So ein Tag war heute.

Der Bundestag hat gegen ein neues Gesetz zur Sterbehilfe entschieden. Das finde ich sehr schade. Nicht, dass mich zurzeit akute dauerhafte Lebensmüdigkeit drückte, doch fände ich es beruhigend, bei Bedarf jederzeit das Licht ausmachen zu können, ohne andere zu behelligen, zum Beispiel indem ich mich vor die einfahrende Stadtbahn werfe. Auch das ist Freiheit. (Ich wüsste übrigens, was im äußersten Fall zu tun ist. Schmerzfrei und sauber.)

Immerhin: Abends gab es Sekt, weil einer von uns seit geraumer Zeit de facto die Viertagewoche hat. Leider nicht ich.

Freitag: Die Tagesfrage des Blogvermieters lautet, bei welchen Themen ich eine Autorität sei. Da muss ich passen, es gibt meines Wissens nichts, bei dem ich durch besondere Kenntnisse und Fähigkeiten hervortrete, vielmehr ist in fast allen Bereichen Mittelmaß meine Richtschnur. Etwas, das mich von den meisten anderen abhebt, ist die Neigung zu Gänsehaut selbst an so warmen Tagen wie heute. Autorität erlange ich damit wohl nicht.

Die Rückfahrt vom Werk brach ich nach ungefähr einem Viertel ab und kehrte um, da ich mein Datengerät im Büro vergessen hatte, was ich als positives Zeichen bezüglich meiner Digitalabhängigkeit werte; den meisten jüngeren wäre das nicht passiert. Nach erneuter Abfahrt bemerkte ich, den Fahrradhelm im Schrank gelassen zu haben. War wohl nicht mein Tag.

Namenstag haben unter anderem Bodard und Walfrid. Zweiterer klingt wie der Hänselname für einen etwas voluminöser geratenen Menschen namens Wilfried. Kinder und Kollegen können bekanntlich sehr gemein sein.

Samstag: „Wie hast du geschlafen?“ – „Gut.“ – „Dich habe ich gar nicht gefragt.“ Szenen aus dem Leben zu dritt.

Nach dem Frühstück unternahm ich die samstagsübliche Runde durch die sommerwarme Stadt. Auf dem Weg zum Glascontainer sprach mich in der Inneren Nordstadt ein junger Mann an und bat um eine Spende, um sich etwas zum Essen kaufen zu können. Ich gab ihm nichts und reagierte auch sonst nicht auf seine Ansprache. Kurz darauf saßen Engelchen und Teufelchen auf meinen Schultern und redeten auf mich ein. E: „Warum warst du so unhöflich, warum hast du ihm nichts gegeben? Er hatte Hunger und du bist reich.“ (Es hätte auch sagen können: „Du bis ein reiches A…loch“, aber dieses Wort ist im Engelsvokabular vermutlich nicht enthalten.) T: „Richtig so, der war gar nicht bedürftig, hatte sogar eine Zigarette in der Hand. Soll erstmal aufhören zu rauchen, dann hat er auch Geld für Brötchen. Der gehörte bestimmt zu einer professionellen Bettlerbande und fährt einen BMW.“

Es ist nicht so, dass ich nie was gebe. Wenn ich morgens zu Fuß ins Werk gehe, sitzt manchmal ein alter Mann am Rathaus, vor sich einen Pappbecher. Er spricht niemanden an, sitzt dort einfach und wartet. Dem werfe ich ab und zu überzähliges Kleingeld in den Becher, nicht nur Kupfer, auch Euromünzen. Dann freut er sich, wir wünschen uns gegenseitig einen angenehmen Tag und ich freue mich auch. Heute freute ich mich nicht ob meines Knausers und weil ich den Jungen wie Luft behandelt habe, selbst auf sein „Schönen Tag noch“ reagierte ich nicht. Ja, er hatte eine Zigarette in der Hand, warum auch nicht, wahrscheinlich hat ihm die jemand geschenkt. Vermutlich hatte er wirklich Hunger. Wer weiß, vielleicht ist der alte Mann am Rathaus ein Profi und Inhaber mehrerer Mietshäuser.

Ich kann nicht allen was geben, dazu sind es zu viele. Aber warum gebe ich dem einen, dem anderen nicht? Nach welchen Kriterien entscheide ich das? Wie reagiere ich höflich und angemessen, auch wenn ich nichts gebe? Darüber wird nachzudenken sein. „Nein danke“, wie es mir neulich versehentlich bei solcher Gelegenheit entfuhr, ist sicher keine geeignete Erwiderung. Die Grundfrage ist: Warum müssen Menschen in einem so wohlständigen Land überhaupt betteln? Fragen Sie die FDP, könnte die Antwort lauten, aber das wäre wohl sehr stark vereinfachend.

Sonntag: Es ist heiß. Das hielt mich nicht vom sonntäglichen Spaziergang ab, wobei ich des öfteren die Straßen- auf die Schattenseite wechselte. Auf der Rückenlehne einer öffentlichen Bank saß ein Rabe mit weit aufgerissenem Schnabel. Anlässlich von Kriegen und Katastrophen heißt es oft, am meisten litten die Kinder. Bei derartiger Hitze glaube ich, am meisten leiden die Raben. Weder können sie schwitzen noch das Federkleid lüften, hinzu kommt ihre für Sonnenlicht besonders empfängliche Schwärze.

»Rettet die Welt« las ich irgendwo im Vorbeigehen. Gerne wiederhole ich: Die Welt bedarf nicht der Rettung, allenfalls müsste sich die Menschheit retten. Dies bewusst im Konjunktiv.

Natur, gestern Abend in der Südstadt. Zu den wenigen Dingen, die mich wirklich interessieren, zählt, wie es hier aussehen wird tausend Jahre später, nachdem sich die Menschen erfolgreich selbst ausgerottet haben.

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Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche.

Woche 27: Wohltemperierte Urlaubsbetrachtungen aus dem Liegestuhl

Montag: Ein klein wenig bereue ich heute doch unseren spontanen Beschluss von gestern, die Provence aufgrund der Hitze zu verlassen. Andererseits sind zehn Grad Unterschied und etwas Wind ein gutes Argument dafür. (Zum ersten Mal seit Tagen zeitweise Gänsehaut, was bei mir immer sehr schnell geht und stets zur Belustigung meiner Lieben beiträgt. Irgendwas muss bei der Justierung der Temperaturempfindlichkeit meines Körpers schiefgelaufen sein.) Im Übrigen haben wir auch hier zu Hause Liegestühle und zudem einen Balkon zum erholenden Platzieren. Hier noch etwas von Max Goldt, meiner Liegestuhllektüre:

„Weihnachten ist eine der drei großen Volksschwächen. Die anderen beiden sind Autos und Fußball.”

Hinzuzufügen wären Hunde und Katzen.

Dienstag: Auf dem Weg zum Altglascontainer sah ich im Außenbereich eines Imbissrestaurants drei junge Männer, die sich augenscheinlich kannten, zusammen speisen. Einer von ihnen trug einen großen Kopfhörer. Offenbar hatte man sich nicht viel mitzuteilen.

Viel mitzuteilen hat hingegen der Cheflobbyist von Bayer, der bemerkenswerter Weise früher aktiv bei den Grünen war, in einem Spiegel-Interview:

„Wir können der Gesellschaft und dem Planeten von großem Nutzen sein mit unserem Produktportfolio und unseren Schlüsselinnovationen“ – „Wir sind allerdings davon überzeugt, dass Glyphosat nicht die Ursache für Krebserkrankungen ist.“ – „… in der Unkrautbekämpfung aber haben Landwirte derzeit keine wettbewerbsfähige und vor allem auch vom Umweltprofil her bessere Alternative zu Glyphosat.“ – „Bay­er ver­fügt durch die Über­nah­me von Mons­an­to jetzt über vie­le Kom­po­nen­ten und In­no­va­tio­nen, die dazu bei­tra­gen kön­nen, gro­ße Her­aus­for­de­run­gen wie das Be­völ­ke­rungs­wachs­tum und den Kli­ma­wan­del zu be­wäl­ti­gen.“ – „Ge­nau wie die Grü­nen treibt mich die Kli­ma­pro­ble­ma­tik an, ge­nau wie sie set­ze ich mich da­für ein, dass wir die Nach­hal­tig­keits­zie­le, die die Welt sich ge­setzt hat, er­rei­chen.“ – „…weil es mei­ne fes­te Über­zeu­gung ist, dass das Un­ter­neh­men wie kaum ein an­de­res in der Welt dazu bei­tra­gen kann, die glo­ba­len Nach­hal­tig­keits­zie­le zu er­rei­chen.“ – „Bay­er hat auf­grund sei­ner Po­si­ti­on im Markt jetzt eine noch grö­ße­re Ver­ant­wor­tung, auch in Sa­chen Nach­hal­tig­keit. Die­ser wer­den wir ge­recht wer­den.“

Ich kann nur schwer in Worte fassen, wie mich solche Phrasensprenger anwidern.

Mittwoch: Ich bin ein friedlicher Mensch, habe keine Scheu, mich als lupenreinen Pazifisten zu bezeichnen. Doch durch die Hubschrauber, die seit Stunden über der Stadt knattern, bin ich geneigt, nach einem Flugabwehrkanonenverleih zu recherchieren.

Gehört: „Wie findest du die Sonnenbrille?“ – „Damit siehst du aus wie Puck die Stubenfliege mit einem Brett vorm Kopp.“

Donnerstag: Auf dem Rückweg vom Brötchen holen sehe ich in einer Ecke einen Bettler (darf man die heute noch so nennen, oder diskriminiert man damit wieder irgendwen?) sitzen, der sich mit Hilfe eines kleinen Taschenspiegels die Augenbrauen zupft. Daran kann sich so mancher Gutsituierte ein Beispiel nehmen: Es gibt niemals einen Grund, sein Äußeres zu vernachlässigen.

Bonner Geschäftsleute protestieren in einer ganzseitigen Zeitungsanzeige gegen die geplante einseitige Sperrung der Kaiserstraße: „Die Attraktivität einer Innenstadt ist nicht nur an die Quantität und Qualität seiner Ladenschäfte gekoppelt, sondern auch deren Erreichbarkeit.“ Hat das wirklich niemand gemerkt?

Freitag: Den letzten Urlaubstag verbringe an meinem Lieblingsplatz am Rhein. Eine kleine Spinne krabbelt mir killernd durchs schüttere Beinhaar. Ich bringe es nicht fertig, sie zu erschlagen, da mich die Idee nicht loslässt, es könnte sich um einen längst gestorbenen Verwandten handeln, der mich besucht.

Neben Schiffsbetrachtungen (ich kenne nur weniges, was vergleichbar entspannt) lese ich in einem alten Tagebuch. Zum Thema Schreiben vermerkte ich dort am 27. Juni 2010: „… am Text gearbeitet, erhebliche Zweifel. Ich muss das einfach locker sehen, damit aufhören, anzunehmen, es könnte etwas mit Literatur zu tun haben.“

Samstag: „Lust auf Friedrichstraße“, verkünden über ebendieser aufgehängte Transparente. Lust auf ein Glas Wein verspürten wir am späteren Abend nach dem Essen und suchten das dortige Weinlokal auf, wo wir im Außenbereich einen freien Tisch fanden. Doch wurde der Geliebte vom Personal mit deutlichen Worten des Platzes verwiesen, da er noch an den Resten eines zuvor gekauften Eises knabberte („schließlich bieten wir hier aus Speisen an“, so die Begründung). Daraufhin entsannen wir uns der heimischen Weinvorräte und nahmen die Gastfreundschaft des Lokales nicht länger in Anspruch.

Sonntag: Siebenunddreißig Prozent der Befragten lehnen die Zulassung dieser neuen, derzeit aufmerksamkeitsumtosten Elektoroller ab, steht in der Sonntagszeitung. Ich habe nichts gegen die Dinger, außer dass ich sie vielleicht etwas albern und überflüssig finde. Ausleihen werde ich mir wohl keinen, ich wüsste nicht, wozu.

KW27 - 1