Woche 27: Wohltemperierte Urlaubsbetrachtungen aus dem Liegestuhl

Montag: Ein klein wenig bereue ich heute doch unseren spontanen Beschluss von gestern, die Provence aufgrund der Hitze zu verlassen. Andererseits sind zehn Grad Unterschied und etwas Wind ein gutes Argument dafür. (Zum ersten Mal seit Tagen zeitweise Gänsehaut, was bei mir immer sehr schnell geht und stets zur Belustigung meiner Lieben beiträgt. Irgendwas muss bei der Justierung der Temperaturempfindlichkeit meines Körpers schiefgelaufen sein.) Im Übrigen haben wir auch hier zu Hause Liegestühle und zudem einen Balkon zum erholenden Platzieren. Hier noch etwas von Max Goldt, meiner Liegestuhllektüre:

„Weihnachten ist eine der drei großen Volksschwächen. Die anderen beiden sind Autos und Fußball.”

Hinzuzufügen wären Hunde und Katzen.

Dienstag: Auf dem Weg zum Altglascontainer sah ich im Außenbereich eines Imbissrestaurants drei junge Männer, die sich augenscheinlich kannten, zusammen speisen. Einer von ihnen trug einen großen Kopfhörer. Offenbar hatte man sich nicht viel mitzuteilen.

Viel mitzuteilen hat hingegen der Cheflobbyist von Bayer, der bemerkenswerter Weise früher aktiv bei den Grünen war, in einem Spiegel-Interview:

„Wir können der Gesellschaft und dem Planeten von großem Nutzen sein mit unserem Produktportfolio und unseren Schlüsselinnovationen“ – „Wir sind allerdings davon überzeugt, dass Glyphosat nicht die Ursache für Krebserkrankungen ist.“ – „… in der Unkrautbekämpfung aber haben Landwirte derzeit keine wettbewerbsfähige und vor allem auch vom Umweltprofil her bessere Alternative zu Glyphosat.“ – „Bay­er ver­fügt durch die Über­nah­me von Mons­an­to jetzt über vie­le Kom­po­nen­ten und In­no­va­tio­nen, die dazu bei­tra­gen kön­nen, gro­ße Her­aus­for­de­run­gen wie das Be­völ­ke­rungs­wachs­tum und den Kli­ma­wan­del zu be­wäl­ti­gen.“ – „Ge­nau wie die Grü­nen treibt mich die Kli­ma­pro­ble­ma­tik an, ge­nau wie sie set­ze ich mich da­für ein, dass wir die Nach­hal­tig­keits­zie­le, die die Welt sich ge­setzt hat, er­rei­chen.“ – „…weil es mei­ne fes­te Über­zeu­gung ist, dass das Un­ter­neh­men wie kaum ein an­de­res in der Welt dazu bei­tra­gen kann, die glo­ba­len Nach­hal­tig­keits­zie­le zu er­rei­chen.“ – „Bay­er hat auf­grund sei­ner Po­si­ti­on im Markt jetzt eine noch grö­ße­re Ver­ant­wor­tung, auch in Sa­chen Nach­hal­tig­keit. Die­ser wer­den wir ge­recht wer­den.“

Ich kann nur schwer in Worte fassen, wie mich solche Phrasensprenger anwidern.

Mittwoch: Ich bin ein friedlicher Mensch, habe keine Scheu, mich als lupenreinen Pazifisten zu bezeichnen. Doch durch die Hubschrauber, die seit Stunden über der Stadt knattern, bin ich geneigt, nach einem Flugabwehrkanonenverleih zu recherchieren.

Gehört: „Wie findest du die Sonnenbrille?“ – „Damit siehst du aus wie Puck die Stubenfliege mit einem Brett vorm Kopp.“

Donnerstag: Auf dem Rückweg vom Brötchen holen sehe ich in einer Ecke einen Bettler (darf man die heute noch so nennen, oder diskriminiert man damit wieder irgendwen?) sitzen, der sich mit Hilfe eines kleinen Taschenspiegels die Augenbrauen zupft. Daran kann sich so mancher Gutsituierte ein Beispiel nehmen: Es gibt niemals einen Grund, sein Äußeres zu vernachlässigen.

Bonner Geschäftsleute protestieren in einer ganzseitigen Zeitungsanzeige gegen die geplante einseitige Sperrung der Kaiserstraße: „Die Attraktivität einer Innenstadt ist nicht nur an die Quantität und Qualität seiner Ladenschäfte gekoppelt, sondern auch deren Erreichbarkeit.“ Hat das wirklich niemand gemerkt?

Freitag: Den letzten Urlaubstag verbringe an meinem Lieblingsplatz am Rhein. Eine kleine Spinne krabbelt mir killernd durchs schüttere Beinhaar. Ich bringe es nicht fertig, sie zu erschlagen, da mich die Idee nicht loslässt, es könnte sich um einen längst gestorbenen Verwandten handeln, der mich besucht.

Neben Schiffsbetrachtungen (ich kenne nur weniges, was vergleichbar entspannt) lese ich in einem alten Tagebuch. Zum Thema Schreiben vermerkte ich dort am 27. Juni 2010: „… am Text gearbeitet, erhebliche Zweifel. Ich muss das einfach locker sehen, damit aufhören, anzunehmen, es könnte etwas mit Literatur zu tun haben.“

Samstag: „Lust auf Friedrichstraße“, verkünden über ebendieser aufgehängte Transparente. Lust auf ein Glas Wein verspürten wir am späteren Abend nach dem Essen und suchten das dortige Weinlokal auf, wo wir im Außenbereich einen freien Tisch fanden. Doch wurde der Geliebte vom Personal mit deutlichen Worten des Platzes verwiesen, da er noch an den Resten eines zuvor gekauften Eises knabberte („schließlich bieten wir hier aus Speisen an“, so die Begründung). Daraufhin entsannen wir uns der heimischen Weinvorräte und nahmen die Gastfreundschaft des Lokales nicht länger in Anspruch.

Sonntag: Siebenunddreißig Prozent der Befragten lehnen die Zulassung dieser neuen, derzeit aufmerksamkeitsumtosten Elektoroller ab, steht in der Sonntagszeitung. Ich habe nichts gegen die Dinger, außer dass ich sie vielleicht etwas albern und überflüssig finde. Ausleihen werde ich mir wohl keinen, ich wüsste nicht, wozu.

KW27 - 1