Woche 44/2023: Rache der ignorierten Halloweenisten

Montag: Vergangenen Nacht träumte ich, ein von mir regelmäßig und gern gelesener Blogger aus Hamburg hätte dieses geschrieben: »Die Söhne haben inzwischen ihre eigenen Wohnungen. Bald ziehen bei ihnen junge Damen ein, vorübergehend, nur für wenige Wochen. „Herbstunterstützungsbeilage“ nennen die Söhne das.« Niemals schriebe der geschätzte Mitblogger das, und doch freut es mich, mir das Wort „Herbstunterstützungsbeilage“ bis zum Morgen gemerkt und es notiert zu haben.

Um 6:30 Uhr schlug die Realität zu. Kann eine Woche gelingen, die ohrwurmend mit dem unsäglichen „Und wenn sie tanzt“ im Radio beginnt? Wir werden sehen.

Dienstag: Laut einem Zeitungsbericht über das von vielen empfundene und für mich völlig nachvollziehbare Unbehagen, das einst von Schulsport und Turnhallen ausging, ist Sport das gefährlichste Schulfach. Nicht Religion, wer hätte das gedacht.

Ein anderer Zeitungsartikel widmet sich einem aktuellen Skandal im Rheinauenpark, die dortige Nutria-Population betreffend. Seit einiger Zeit werden die pelzigen Racker von Jägern „entnommen“, wie es wohl in deren Jargon heißt, da sie sich mangels natürlicher Feinde stark vermehren und erhebliche Schäden anrichten, was sie, am Rande bemerkt, sehr menschlich erscheinen lässt. Das tun die Jäger augenscheinlich recht gründlich, jedenfalls ist mir bei meinen mittäglichen Runden durch den Park schon länger kein Nutria mehr begegnet.

Nun aber hat sich wohl ein des Metzelns Unbefugter der Tiere angenommen und laut Zeitung zwei „Nutriababys“ erlegt, dazu ein Bild mit vier betroffen blickenden Personen, vor ihnen die nekrotisierten Nager. Dass hier kein Jäger am Werke gewesen war, wurde ihnen zuvor von einem solchen, von einem Tierarzt (nach Röntgenuntersuchung der Leichen) sowie einem Tiernotrufexperten übereinstimmend bestätigt; so kommt man zu dem Schluss: »Das war eine Privatperson, die Nutrias wirklich hasst.« Man erstattete Anzeige wegen Verstößen gegen Tierschutz-, Jagd- und Waffenschutzgesetz; die Existenz von letzterem war mir neu. Die Stadt Bonn erwägt zudem einen Strafantrag wegen Wilderei. Meine Güte. Halb Bonn steht Kopf wegen zweier Junginvasivschädlinge, die ohnehin in absehbarer Zeit ganz legal eliminiert worden wären. „Aber die sind doch so niiiiedlich …“

Ansonsten ignorierten wir, wie jedes Jahr, dieses Halloween.

Morgens

Mittwoch: Nach feiertagsangemessener, nicht allzu später Aufstehzeit frühstückten wir zur Feier des Tages auswärts im Café, wo wider Erwarten noch ein Tisch frei war. – Rache der ignorierten Halloweenisten: Wie wir bei Rückkehr bemerkten, wurden die unteren Etagen unserer Hausfassade vergangene Nacht von mehreren tieffliegenden Eiern getroffen. Sehen wir es positiv, Eiwürfe sind besser als eingeworfene Scheiben oder farbbeschmierte Wände. Regen und eimögende Kleinlebewesen werden sich derer in nächster Zeit annehmen.

Nachmittags begaben sich der Liebste und ich ins Vereinshaus der Karnevalsgesellschaft, um bei den Vorbereitungen für das große Ordensfest am kommenden Freitagabend zu helfen. Zur Stimmungsaufhellung wurde Sekt gereicht.

An so einen arbeitsfreien Tag in der Mitte der Woche könnte ich mich gewöhnen, der Verzicht auf Tanzveranstaltungen erscheint mir dafür vertretbar.

Donnerstag: Der Tag war von heftigen Winden umtost. Morgens sah ich in der Innenstadt umgewehte Pflanzenkübel, vom Außengastronomiemobiliar losgelöste Planen und auf dem weiteren Weg abgebrochene Äste teilweise in einer Stärke, wie man sie sich besser nicht auf den Kopf fallen lässt. Auf dem Radweg am Rhein nur wenige Fahrräder, auf dem Rhein selbst außergewöhnlich geringer Schiffsverkehr, wohl eher nicht windbedingt. Dazu dunkles, eilig vorüberziehendes Gewölk. Nur die Berge des Siebengebirges leuchteten in der Ferne in herbstlichen Farben, als ob sie durch eine nicht erkennbare Wolkenlücke von der Sonne beschienen würden.

An den Arbeitstag schloss sich die diesjährige Eigentümerversammlung an, auch so eine Angelegenheit, mit der ich am liebsten nicht behelligt werden möchte, gleichwohl notwendig, dabei nur geringfügig vergnüglicher als eine Wurzelbehandlung.

Freitag: Wie bereits berichtet, wurde gestern der erste Weihnachtsmarkt in Essen-Steele eröffnet. Glühwein bei fünfzehn Grad Außentemperatur ist ja mittlerweile auch im Dezember nicht mehr ungewöhnlich. Dennoch erscheint es als eine sehr großzügige Auslegung des Lichterkettengesetzes.

Wie ich erst heute erfuhr, gibt es neben Black Friday und Cybermonday einen weiteren Eintrag im Kalender des Konsumwahnsinns: Am 11.11. ist in China Singles Day, an dem sich alleinstehende Chinesen selbst beschenken. Verhängen die Hersteller und Lieferanten unterleibserfreuender Spezialspielzeuge in dieser Zeit ihren Angestellten eine Urlaubssperre?

Nicht nur im April tragen die Zierkirschen ihren Namen zu recht

Abends beim Ordensfest der Karnevalsgesellschaft hatte ich meinen ersten Auftritt als Trommler im Musikzug. Voll zufrieden war ich mit meiner Leistung noch nicht, das wird schon mit der Zeit. Als einer von fünf Trommlern fällt man nicht so sehr auf wie als ein Trompeter von zweien oder gar als einziger Sänger. Gelernt: Bei Auftritten sollte man immer mindestens einen Ersatztrommelstock dabei haben. Während einer Musikpause hatte ich die Trommelstöcke unter den Arm geklemmt, um dem Präsidenten zu applaudieren. Dabei fiel ein Stock zu Boden und kullerte hinter die Bühne. Mein erfahrener Nebenmann reichte mir sogleich einen Ersatzschläger, daher war ich nicht zum vorläufigen Einhandtrommeln verurteilt, was im Übrigen, da ich ganz hinten stand, auch nicht weiter aufgefallen wäre.

Ordensfest zeigte sich am späteren Abend auch der Chronist. (Foto: Stefan Hamacher)

Samstag: Das Ordensfest wirkte in Form von leichten Kopfschmerzen nach, ich lerne es einfach nicht.

Mittags suchte ich zur Erledigung einer Geldangelegenheit die Postbankfiliale auf. Bei der Gelegenheit wollte ich zehn der neuen Loriot-Briefmarken kaufen, sind sie doch ein schöner Anlass, in letzter Zeit etwas eingeschlafene Brieffreundschaften wieder zu beleben. Leider ausverkauft. Die Brieffreunde müssen sich noch etwas gedulden.

Nachmittags begaben sich der Liebste und ich mit Konsumabsichten in die Innenstadt; bei C&A sind gerade die Hosen günstig, und Hosen kann man immer gebrauchen. Auch in Bonn sind bereits die ersten Buden aufgebaut, allerdings (noch) nicht aus Weihnachtsmarktgründen, sondern im Rahmen der Aktion „Bonn leuchtet“, bei der abends diverse Gebäude bunt angestrahlt werden, was mutmaßlich noch schöner ist, wenn man dabei ein Getränk oder eine Bratwurst in der Hand hält. Auch Glühwein und Eierpunsch sind bereits im Angebot, mein Bedarf daran war nicht nur wegen des äußerst ungemütlichen Wetters noch nicht geweckt.

Sonntag: Bermerknisse zum Tag sind hier nachzulesen, dem ist nichts hinzuzufügen.

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Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche, kommen Sie gut dadurch.

Sonntag, 5. November 2023 – #WMDEDGT

Am fünften eines jeden Monats ruft die geschätzte Mitbloggerin Frau Brüllen zur Pflege der Tagebuchblogkultur auf. Hierzu schreibt der geneigte Teilnehmer einen Aufsatz zum Thema „Was machst du eigentlich den ganzen Tag?“, kurz #WMDEDGT, und verlinkt ihn auf dem Brüllen-Blog.

Dann wollen wir mal:

Bereits vor dem Frühstück brach der Liebste zu einer Dienstreise nach Paris auf. Zwar ging sein Thalys erst mittags ab Köln, aber wegen mannigfacher Bauarbeiten der Bahn zwischen Bonn und Köln und daraus folgend einer noch größeren Unzuverlässigkeit als ohnehin erschien ein frühzeitiger Aufbruch sicherer. Es fuhr dann alles pünktlich und er kam wie vorgesehen an.

Beim Brötchenholen ging ich über den Münsterplatz, wo die anlässlich des „Bonn leuchtet“-Festes aufgebauten Ess-, Trink- und Kramsbuden bereits geöffnet waren und auf Kundschaft warteten; eine versuchte, mit ukrainischer Folklore zu locken. Viel zu tun werden sie heute trotz verkaufsoffenem Sonntag nicht gehabt haben, das Wetter war mit Regen und kühlem Wind nicht sehr einladend für kulinarische Außenaktivitäten.

Nach dem Frühstück mit dem Geliebten und Lachs brachte ich das Auto zur Werkstatt im Bonner Norden, weil eine Kontrolleuchte leuchtete. Normalerweise obliegen Kraftfahrzeugangelegenheiten dem Liebsten, der das Auto überwiegend nutzt, aber der saß ja im Thalys nach Paris. Daher musste ich das übernehmen, wobei mir schon der Gedanke, autofahren zu müssen, üblicherweise schlechte Laune macht. So schlimm war es dann nicht; nachdem das Auto abgestellt, der Serviceumschlag ausgefüllt und mit darin eingestecktem Fahrzeugschlüssel in den dafür vorgesehenen Einwurf der Werkstatt eingeworfen war, besserte sich die Laune bei einem längeren Spaziergang durch die äußere Nordstadt und an den Rhein. Zwischenzeitlich schien gar die Sonne, nur einmal musste ich kurz den Regenschirm aufspannen.

Vorstadt-Tristesse im Bonner Norden

Als weitere Aufgabe war mir übertragen, zwei Birnen kleinzuschneiden und in Zucker einzulegen, um sie später, nachdem der Zucker eingezogen war, in den Rumtopf im Keller zu geben, der bereits vor einigen Monaten angesetzt wurde. Bei der Gelegenheit unternahm ich die wichtige Qualitätskontrolle (nur einen Esslöffel voll) und war zufrieden.

Zwischendurch verbrachte ich längere Zeit auf dem Sofa mit der Lektüre der Sonntagszeitung, die uns aus irgendwelchen, vermutlich Kosten-Gründen, seit einiger Zeit bereits samstags zugestellt wird. Doch da bin ich eigen, sie heißt Sonntagszeitung und wird daher sonntags gelesen, wo kämen wir denn da hin. Darin einiges über Bürokratie in Deutschland, die auch Vorteile hat, sowie über das Happy Meal Project von Sally Davies. Vielleicht kennen Sie letzteres längst, mir war es neu. Frau Davies hat im April 2010 bei dem beliebten Restaurant mit dem güldenen M einen Hamburger und eine Portion Pommes erstanden, nicht in Verzehrabsicht, sondern um zu beobachten und dokumentieren, wie sie sich im Laufe der Zeit entwickeln. Das Ergebnis erstaunt: Im August dieses Jahres, also dreizehn Jahre und vier Monate später, sind äußerlich kaum Änderungen erkennbar, weder schimmelt das Brötchen noch weist das Fleisch Gammelspuren auf. Das ist Qualität. Für Weiteres bitte hier entlang.

Da ich heute dreimal, an unterschiedlichen Stellen, das Wort „Eskapismus“ las, dessen Bedeutung ich nicht kannte, recherchierte ich hier und weiß das nun auch. (Es bedeutet Realitätsflucht, wenn Sie es auch nicht wissen und nicht nachschlagen wollen, weil es nicht so wichtig ist. Bitte sehr.)

Was heute noch anliegt: Mit der Mutter in Bielefeld telefonieren, wie jeden Sonntag, und den Koffer packen für eine dreitägige Dienstreise von morgen bis Mittwoch nach Berlin. Mit der Bahn. Ich merke gerade, wie sich beim Gedanken daran meine Laune wieder trübt, aber vielleicht wird es ja ganz gut. Sie werden es lesen, wenn Sie mögen.

Woche 43/2023: Vogelfütterung und Unpässlichkeiten

Montag: Wie bereits vergangene Woche dargelegt, ist an meiner Selbstbeherrschung noch zu arbeiten. Heute Morgen auf der Radfahrt in die Werktätigkeit wurde sie wieder auf die Probe gestellt, als ein rechtsabbiegender Autofahrer mich abdrängte und zum Bremsen zwang. Das ihm hinterher gerufene A-Wort wird er nicht vernommen haben, alle Passanten in der Nähe dafür umso mehr.

In der Kantine gab es mittags lt. Karte Spaghetti an Tomaten-Gewürz-Rahm-Soße. Die Soße wurde trotzdem einfach drübergekellt, was nicht zu beanstanden war.

Nachgelesen im Kieselblog über Kassenschlangen in Supermärkten und gegrinst: »Beobachtung: Das Warteschlangenverhalten der Österreicher gleicht dem der Deutschen. Wird eine neue Kasse geöffnet, gilt das Kriegsrecht.«

In der Zeitung las ich erstmals mit einigem Entsetzen den Begriff „Egg Crack Challenge“. Dieser bezeichnet das verstörende Elternvergnügen, an der Stirn ihrer kleinen Kinder ein rohes Ei zu zerschlagen, dieses zu filmen und auf Tiktok zu zeigen, auf dass viele es lustig finden und mit Sternchen, Herzchen oder was weiß ich, was bei Tiktok diesbezüglich üblich ist, zu belohnen. Was sind das für Eltern? Vielleicht dieselben, die beim Kinderwagenschieben den Blick fest auf das Datengerät gerichtet haben und dabei solche Filmchen anschauen.

Dienstag: Für alle, die es nicht abwarten können oder wollen, eröffnet bereits kommende Woche der erste Weihnachtsmarkt in NRW in Essen-Steele, meldete das Radio morgens.

Der Fußweg ins Werk hingegen bei völlig unweihnachtlicher Milde.

Auf Veranlassung des Geliebten steht seit heute ein Vogelfutterhäuschen vor meinem Bürofenster. Erste Kundin war eine Elster. „Verscheuchen, das sind Räuber!“, fordert der Geliebte. Das finde ich herzlos, er darf schließlich auch bleiben.

Mittwoch: Der für heute angekündigte Regen fiel reichlich, freundlicherweise zu Zeiten, als ich nicht auf dem Fahrrad saß.

Schlecht besucht war das neue Futterhäuschen vor dem Bürofenster, sogar die Elster schaute nur kurz vorbei, pickte ein paar Körnchen und flog wieder davon. Vielleicht war ihr das Wetter zu ungemütlich und sie blieb lieber zu Hause, kann man verstehen.

Nachmittags besprach ich mit meinem Chef ein persönliches Vorhaben, er reagierte erfreulich positiv. Dann gehe ich es mal an. (Ich muss nur noch den Liebsten, meinen anderen Chef, überzeugen.)

Donnerstag: Die Deutschen wollen lieber früher als später in Rente gehen, steht in der Zeitung. Wer hätte das gedacht.

Abends holte ich die neue Gleitsichtbrille beim Optikdiscounter ab und nahm sie sofort in Gebrauch. Ein wenig gewöhnungsbedürftig, das wird schon.

Auch in der Bonner Innenstadt hängen die ersten Lichterketten an den Zugängen zur Fußgängerzone, um die baldige Besinnlichkeit herbeizuleuchten.

Freitag: Im Maileingang morgens eine Besprechungseinladung vom Chefchef für Januar 2025. Ich nahm sie an; den Zusatz „Falls ich dann noch lebe“ dachte ich mir nur.

Manche Dinge stören mich, ohne dass ich sagen könnte, warum genau; weder nehmen sie mir etwas weg noch belästigen sie mich persönlich. Zum Beispiel Leute, die auf das Datengerät schauen, während sie freihändig radfahren. An ihnen stört mich vermutlich am meisten, dass sie es können und ich nicht.

Auch muss ich gelegentlich in mich kehren und ergründen, warum es jedesmal fast einen Brechreiz auslöst, wenn ich das Wort „Enkelchen“ höre oder lese. Die Gewissheit, niemals selbst welche zu haben, ist es ganz sicher nicht.

Was mich dagegen immer wieder freut ist der Fußweg vom Werk nach Hause.

Um 15:37 Uhr nach freitagsangemessen zeitigem Arbeitsende

Samstag: Aufgrund körperlicher Unpässlichkeiten, mit deren Ursachen ich Sie nicht unnötig langweilen möchte, verbrachte ich größere Teile des Tages auf dem Sofa, wo sich erwartungsgemäß nicht viel Berichtenswertes ereignete.

Abends waren wir eingeladen zu einer Geburtstagsfeier in einer Wohnung mit ungefähr fünfundzwanzig Teilnehmern ungefähr unseres Alters, mit Essen, Trinken und viel Gespräch. Derlei ist man gar nicht mehr gewohnt und, insbesondere in Verbindung mit Unpässlichkeiten, vermisst man es auch nicht. Deshalb blieben wir nicht allzu lange.

Sonntag: Dank frühzeitigem Aufbruch am Vorabend und wegen Zeitumstellung verlängerter Nacht erwachte ich erholt.

In Ermangelung notierenswerter Bermerknisse ein Blick auf die Tagesfrage des Blogvermieters: »Was ist deine Lieblingsform der körperlichen Betätigung?« Bis vor einigen Jahren hätte ich mich womöglich zu einer in sittlich-moralischer Hinsicht eher zweifelhaften Antwort hinreißen lassen; heute, mit der Ruhe und Reife fortgeschrittenen Alters, womit ich völlig einverstanden bin, kann sie auch Lesern unter zwölf Jahren bedenkenlos zugemutet werden: Gehen.

Und also ging ich auch heute, wie jeden Sonntag, ein Stündchen, durch Nordstadt und an den Rhein, begleitet von unentschlossenem Herbstwetter aus Bewölkung, ein paar Sonnenstrahlen und Regentropfen, gerade so wenige, dass ein Aufspannen des mitgeführten Schirms nicht lohnend erschien, sowie Wind, der gelbe Blätter von Bäumen zupfte und herumwirbelte. Am Wegesrand liegende Außengastronomien sind inzwischen geschlossen, das ist nicht zu beklagen, zumal ich sie wegen vorgenannter Unpässlichkeit heute ohnehin nicht aufgesucht hätte.

Regentropfen in der Inneren Nordstadt
Sonne und Wolken am Rhein

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Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche möglichst ohne Unpässlichkeiten.

Woche 42/2023: Der deprimierende Anblick körperrasierter Jungmänner

Montag: »Der Mensch hat unter den Weiten des Himmelszeltes nicht mindere Rechte als das Reh im Wald, der Hase auf dem Feld oder die Robbe im Spülsaum der Ostsee«, befand laut Zeitungsbericht das Amtsgericht Lübeck über das ungeregelte Urinieren, vulgo Wildpinkeln in die Ostsee, was mich bereits am Morgen zum Lächeln veranlasste.

Es ist kalt geworden, zudem morgens dunkel; erstmals in diesem Herbst radelte ich mit Handschuhen und Warnweste zum Werk. Nur am Kopf war es kalt, weil die Helmunterziehmütze beim letzten Garagenräumen in Verlust geraten ist. Die jahreszeitgemäß gesunkenen Temperaturen sind auch ein beliebtes Thema auf den Fluren, bislang traf ich niemanden, der sie beklagt.

Ansonsten heute mehrere Besprechungen voller Traurigkeit wegen des Kollegen, der am Wochenende gestorben ist. Das wird uns noch einige Zeit begleiten.

Abends spielte ich mit der Eisenbahn, das war schön.

Dienstag: Morgens wurde ich Zeuge eines innerhalb einer Viertelstunde aufkommenden und wieder abklingenden Morgenrots, das zahlreiche Passanten zu Fuß und zu Rad veranlasste, kurz innezuhalten und das Datengerät zu zücken:

7:38
7:40
7:43
7:45
7:47
7:51

Keinen Blick für das Naturleuchten hatte ein stadteinwärts Radfahrender, der eine entgegenkommende Radfahrerin sehr aggressiv beschimpfte: „Dein Licht blendet!“, anstatt es positiv zu sehen, dass sie überhaupt mit Licht fuhr. Das ist keineswegs selbstverständlich, wie auch heute wieder festzustellen war; vor allem die jüngeren finden es offenbar uncool (oder wie die das heute nennen), mit Licht zu fahren. Auf sein Geschrei hin entfuhr mir spontan ein „A…loch“, nur leise, er wird es nicht gehört haben. An meiner Selbstbeherrschung ist noch zu arbeiten.

Aus einer internen Arbeitsanweisung, über den Umgang mit Fehlern: »Leitet gemeinsam im Team Lösungen davon ab, das der Fehler abgestellt wird.« Finde den Fehler.

Mittwoch: Wie bereits morgens im Radio gemeldet wurde, hat die Bonner Bezirksvertretung beschlossen, die Viktoriabrücke, die Nord- und Weststadt über sie trennende Bahnlinien verbindet, umzubenennen in Guido-Westerwelle-Brücke, nachdem mehrere Versuche gescheitert waren, eine Straße oder einen Platz nach dem ehemaligen FDP-Kanzlerkandidaten zu benennen. (Wer hätte schon gern eine Adresse, in der ein FDP-Politiker vorkommt, selbst wenn er nicht mehr lebt, von Genscher vielleicht mal abgesehen. Schlimm genug, dass mein Nachname identisch ist mit dem von Wolfgang K. aus SH.) Nachdem die Brücke mit der üblichen Überschreitung von Zeit- und Kostenrahmen saniert beziehungsweise neu gebaut wurde und bis heute nicht vollendet ist, eine eher zweifelhafte Ehrung.

Die gestern gekaufte neue Fahrradhelmunterziehmütze ist sowohl wärmend als auch frisurerhaltend, daher erscheint mir der Preis von fast zwanzig Euro für ein relativ kleines Stück Stoff zwar nicht angemessen, indes vertretbar.

Bei Wikipedia las ich den Begriff Wenigborster und dachte sogleich an den deprimierenden Anblick körperrasierter Jungmänner.

Abends lief ich nach ich weiß nicht wie vielen Monaten, vielleicht Jahren, erstmals wieder die Runde über die Kennedybrücke ans andere Ufer und die Nordbrücke zurück, mit nur einmal kurz Gehen zwischendurch, und empfand darob einen gewissen Stolz.

Donnerstag: Der ADFC erkennt laut einer Radiomeldung an, dass von Lastenfahrrädern auf Rad- beziehungsweise kombinierten Rad-/Fußwegen eine gewisse Gefahr ausgeht. Deshalb fordert er für große und schnelle Fahrräder eine Aufhebung der Pflicht, Radwege zu benutzen, vielmehr soll ihnen erlaubt werden, auch bei vorhandenem Radweg die Straße zu nutzen. Das wird die Autofahrer freuen. Als kombinierter Radfahrer und Fußgänger frage ich: Wie wäre es stattdessen, wenn die Nutzer großer und schneller Fahrräder anerkennen, dass sie nicht alleine sind im Verkehr?

Zu den Unarten der Radfahrer, unabhängig von Größe und Geschwindigkeit, gehört es übrigens, sich während der Fahrt die Nase zu säubern, indem sie ein Nasenloch zuhalten und durch das andere ihren Rotz in die Umgebung sprühen ohne Rücksicht auf Leute in ihrer Nähe, heute Morgen wieder beobachtet am Rhein. Widerlich. Dabei sind es augenscheinlich immer Radfahrer, die derart rotzen, noch nie sah ich eine Frau dergleichen tun. Vielleicht Zufall.

Nachdem am frühen Abend der Regen durch war, lag das gegenüberliegende Ufer in besonderem Licht

Freitag: Aufgrund familiärer Verwicklungen, die darzulegen hier zu weit führen würde, war ich morgens in Bad Godesberg zu Gast auf einer Hochzeitsfeier von mir bis dahin unbekannten (Ehe-)Leuten. Vorgestellt wurde ich als „der Anhang“, was mir recht war. Die Hochzeitsgesellschaft war nicht allzu groß, niemand der Anwesenden suchte das Gespräch über meine Verbindungen zum Brautpaar, auch das war mir recht. Interessanterweise – auch für die Standesbeamtin, wie sie einräumte – trugen Braut und Bräutigam bereits vor der Vermählung denselben Nachnamen, nicht weil sie Müller, Meier oder Schmitz (wir sind im Rheinland) hießen, sondern weil der Mann die Ex-Frau seines Bruders ehelichte, auch das eine familiäre Verwicklung der eher speziellen Art. Dessen ungeachtet mussten sie sich entscheiden, ob als gemeinsamer Nachname der des Mannes oder der Frau gelten soll, Gesetz ist Gesetz. (Sie entschieden sich für den des Mannes, wie amtlich beurkundet wurde.)

Nach dem Standesamt war geladen in die Wohnung der Frischvermählten, wo Sekt und Häppchen gereicht wurden. Letztere waren auf einem Büffet in einem Zelt im Hof platziert, wo sie zunächst das Interesse der Katze des Hauses weckten. Für die Mitnahme an den Platz standen gewöhnliche Unterteller bereit, vielleicht um möglicher Gier Einhalt zu gebieten. Ich wurde dennoch satt. Es ist erstaunlich, wie viele Häppchen man auf einem Unterteller platzieren kann, wenn es nichts anderes gibt.

Üblicherweise fremdle ich bei Zusammenkünften mit überwiegend unbekannten Leuten etwas. Linderung des damit einhergehenden Unbehagens bringt meist Alkohol: Hauptabnehmer für den Sekt waren der Vizeschwiegervater und ich, während der Geliebte sich in Zurückhaltung übte, da er Auto fahren musste. Nach Rückkehr zu Hause war ein längerer Mittagsschlaf erforderlich.

Samstag: Ich wachte bereits um sechs auf und schlief nicht wieder ein, was für einen Samstag etwas ärgerlich, jedoch nicht zu ändern ist. Während ich, weiterhin auf erfreuliche Träume hoffend, bis zur gewohnten Wochenendaufstehzeit im Bett liegen blieb, kamen mir ein paar ansatzweise gute Ideen zu einem (durchaus erfreulichen) Thema, über das ich mir ohnehin noch Gedanken machen wollte, wovon später, als ich sie notierte, schätzungsweise noch siebzig bis achtzig Prozent präsent waren. Um was es ging, darüber werde ich Sie zu gegebener Zeit in Kenntnis setzen.

Nach etwa fünfundzwanzig Jahren habe ich entschieden, mein Abonnement der Zeitschrift PSYCHOLOGIE HEUTE zu kündigen, vor allem aus zeitlichen Gründen. Die hierdurch freigewordene Lesezeit werde ich nutzen, um endlich den Stapel der ungelesenen Bücher zu reduzieren. Nicht ausschlaggebend für die Kündigung, gleichwohl zunehmend als störend empfunden ist die dort seit einiger Zeit praktizierte vermeintlich geschlechterneutrale Sprache in der Form, abwechselnd innerhalb desselben Artikels mal die männliche, mal die weibliche Form zu verwenden, also etwa so: »Wissenschaftlerinnen sind sich einig, dass viele Psychotherapeuten nicht alle Tassen im Schrank haben.« (Ausgedachtes Textbeispiel.)

Sonntag: Deutlich länger geschlafen als am Vortag mit einem abwechslungsreichen, bunten Traumprogramm. Womöglich besteht ein mittelbarer Zusammenhang mit dem in einem Partykeller verbrachten Vorabend, wo wir mit Freunden in Lederhosen, Weißwurst und Getränken den laufenden Monat feierten. (Anscheinend halten nicht wenige Leute nur für diesen zeitlich-saisonal beschränkten Zweck ganzjährig Lederhosen beziehungsweise Trachtenblusen vor.)

Während des Spaziergangs ging ich an einem am Straßenrand geparkten Wohnmobil vorbei, an dessen Seitenscheibe von innen ein Zettel geheftet war: »Probleme? +49 – 171 …« Für welche Art von Problemen der Besitzer des Wagens Lösungen bereithält, war nicht näher ausgeführt. Falls Sie gerade Probleme plagen, stelle ich Ihnen auf Anfrage gerne die vollständige Telefonnummer zur Verfügung.

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Kommen Sie gut durch die Woche.

Woche 41/2023: Weitestens bis nach Wesseling

Montag: Morgens auf der Radfahrt ins Werk wurde ich kein einziges Mal von einer roten Ampel aufgehalten, das kommt nicht oft vor. (Gut, die am Hofgarten, die sonst immer grün ist wenn ich komme war schon ziemlich dunkelgrün, aber sie hielt mich nicht auf. *Hüstel*) Ich will das nicht überbewerten, gar als Omen für den Tag oder die Woche sehen, doch war der Start in die Woche vergleichsweise angenehm mit angemessener Arbeitslust und einem nicht gar so tiefen Müdigkeitsloch am frühen Nachmittag.

Mittags nach ungestörtem Essen ging ich eine Runde durch den Park, heute mal in entgegengesetzter Richtung als sonst. Oft führt es zu ganz neuen Perspektiven, wenn man einen Weg andersherum geht, das als Philosophie zum Montag.

Mittags im Park

Auf dem Heimweg kam es beinahe zu einer Kollision mit einer Radfahrerin, die von links von einem abschüssigen Seitenweg auf den Radweg am Rhein schoss, ohne sich um den Querverkehr zu kümmern. Meine Unmutsäußerung erwiderte sie mit einem abfälligen „Ja ja ja“. Dass ich ihr kurz darauf, als sie mich überholte, keine weiteren Beschimpfungen hinterherrief, werte ich als Zeichen der Selbstbeherrschung. Es hätte ja auch nichts genützt. Ja ja ja.

Abends zu Hause

Dienstag: Vergangene Nacht schlief ich schlecht, ohne einen Grund benennen zu können. Weder ging von der Nebenmatratze besondere Unruhe aus, noch plagten mich Schmerzen oder Sorgen. Vielleicht fehlte dem Körper die gewohnte Alkoholzufuhr am Vortag. Das wäre zweifellos bedenklich.

»Parkplätze retten« und »Ausgewogene Verkehrspolitik für mehr Kauflust« fordert die Initiative Vorfahrt Vernunft auf großen Plakaten in der Innenstadt. Parkplätze, Kauflust und Vernunft im selben Atem- beziehungsweise Schriftzug zu nennen zeugt von einer gewissen Ignoranz.

Die Neigungsgruppe Gendergegner:innen hat neue Aufkleber beschafft und bringt sie an öffentlichen Orten an. Immer wieder bemerkenswert, wofür manche Zeit und Geld haben.

Morgens am Rhein fuhr ein Frachtschiff mit dem Namen „Amoureus Meppel“ vorbei. Das wäre ein schöner Romananfang: »Als Amourreus Meppel morgens nach schlecht durchschlafener Nacht erwachte, spürte er, dass dieser Tag die entscheidende Wendung in seinem Leben bringen würde.« Mein Tag verlief und endete hingegen in gewohnten Bahnen und bis zum Zeitpunkt der Niederschrift ohne nennenswerte Wendungen. Das ist nicht zu beklagen.

Mittwoch: Bereits am frühen Morgen wurde ich im Bad getadelt, nachdem beim Zähneputzen einige Wassertropfen auf den Boden geraten waren. Meine Entgegnung, genau deswegen seien Bäder üblicherweise mit Fliesen ausgelegt statt mit Edelvelours, blieb zunächst unwidersprochen.

Heute war es wieder sehr warm. Trotzdem lief ich abends nach erkältungsbedingt zweiwöchiger Pause wieder, es lief sich ganz gut. Am Rhein kamen mir im rasenden Tiefflug Scharen von Halsbandsittichen entgegen auf dem Weg zu ihren Schlafbäumen an der Nordbrücke, wo sie auch heute wieder die Umgebung darunter großflächig vollkötteln werden, während Hundehalter, jedenfalls die anständigen, die Ausscheidungen ihrer Lieblinge ordnungsgemäß in Beutelchen aufsammeln und entsorgen.

Morgen soll es regnen. Morgen habe ich einen Tag frei. Was will man machen.

Donnerstag: Ursprünglich geplant für den heutigen Inseltag war eine Wanderung auf dem Rheinsteig von Linz nach Bad Honnef. Aufgrund des angekündigten Regens war schon gestern klar, daraus wird nichts, dennoch hielt ich an dem freien Tag fest. Wie erwartet regnete es morgens. Anstatt früh aufzustehen, ließ ich es ruhig angehen und begann den Tag mit einem externen Frühstück in dem Café, an dem ich jeden Morgen vorbei komme, wo ich indes noch nie gefrühstückt hatte. Ich war sehr zufrieden und es war eine gute Entscheidung, bereits um kurz nach neun hinzugehen, ab zehn füllte es sich deutlich. Haben die alle nichts zu tun? Kein Wunder, dass die Wirtschaft schwächelt, wenn alle statt zu arbeiten in Cafés herumlungern.

Da es nach dem Frühstück aufhörte zu regnen, beschloss ich, doch noch zu wandern, spontane Alternative: am linken Rheinufer Richtung Köln, so dass ich bei eventuell wiedereinsetzendem Regen jederzeit abbrechen und mit der Bahn zurückfahren konnte. Tagesziel: ungefähr drei bis vier Stunden, weitestens bis nach Wesseling. Die vorsichtshalber eingesteckte Regenjacke und den Regenschirm benötigte ich nicht, im Gegenteil, es hellte zunehmend auf, die Sonne schien, auf halber Strecke verschwand auch die andere Jacke im Rucksack.

Kurz nach vierzehn Uhr erreichte ich bereits Wesseling, nicht unbedingt die strahlendste Perle der Städtebaukunst. Da ich für das übliche Belohnungsbier keine ansprechende Gastronomie vorfand, belohnte ich mich stattdessen im einem großen Supermarkt angegliederten Selbstbedienungs-Café mit Kaffee und einer vorzüglichen Rosinenschnecke. Danach begann es zu regnen, so dass ich für den Weg zur Bahnhaltestelle in Wesseling den Schirm doch nicht ganz umsonst mitgeschleppt hatte. Insgesamt war es wieder beglückend.

Herbst hinter Bonn
Bei Bornheim-Hersel
Man macht es sich in der Sonne gemütlich
Industrieromantik kurz vor Wesseling
Gleichfalls

Gehört, gesehen und gelesen:

Auf dem Weg vom Frühstück nach Hause begegnete mir auf der Kreuzung eine aufgetakelte Schickse mit gepierctem Nasenflügel, die in ihr flach vor den Mund gehaltenes Telefon sagte: „… breitbeinig und willig …“. Dass sie dabei von sich selbst sprach, ist nicht anzunehmen, in diesem Fall allerdings auch nicht ganz auszuschließen.

An einem Lampenpfahl am Rhein klebt ein Zettel. Bevor ich den Inhalt wiedergebe, ein Hinweis an alle, die Lampenpfähle mit Zetteln bekleben: Wenn Sie beabsichtigen, dass andere Ihre Nachricht lesen, sollten die Zettel nicht wesentlich breiter als zehn Zentimeter sein, damit man nicht mehrfach halb hin und her um den Pfahl laufen muss, um den Text zu erfassen. Hier der Inhalt: »Davidoffs Brille blieb auf dieser Bank liegen. Um als Arzt praktizieren zu können, benötigt man beruflich eine Brille. Ich bitte den Finder um Rückgabe unter der Rufnummer 0176 …«. Dass für den Arztberuf neben einem abgeschlossenen Medizinstudium auch eine Sehhilfe erforderlich ist, war mir neu.

Im Café in Wesseling saßen am Nebentisch vier ältere Leute, deren einer nicht gut auf die Politiker zu sprechen war, insbesondere nicht Friedrich Merz. Immerhin. Dann sagte er sinngemäß: „Was wir wieder brauchen ist einer, der richtig durchgreift. Den hatten wir nur einmal, das war …“ Oh nein, jetzt kommt’s, dachte ich, aber nein: „… Helmut Schmidt.“

In Wesseling ging ich an einer Gruppe vorbei: ein kleiner Junge auf einem Spielzeugtraktor, drei oder vier Erwachsene und zwei große Hunde, ein weißer Labrador-Mischling oder ähnliches, der andere ähnlich groß und augenscheinlich genauso gutmütig. Der Junge schrie herzerweichend, weil der Labradormischling schwanzwedelnd direkt vor ihm stand, der andere Hund dahinter. „Willst du den Hund mal streicheln? Kuck mal, der ist ganz lieb. Streichel ihn doch mal“, sagte eine der Frauen zu dem Jungen. Doch der wollte nicht, schrie stattdessen weiter und war nicht zu beruhigen, ganz offensichtlich hatte er Todesangst. Es steht mir nicht zu und normalerweise habe ich kein Interesse daran, anderen Leuten Erziehungsratschläge zu geben, doch hier war ich kurz davor, einzugreifen. Der Junge tat mir sehr leid, hoffentlich wird er nicht später zum Hundehasser.

Laut Zeitung hat Mono heute Namenstag. Der Einohrige.

Freitag: Gute Nachricht, auch wenn Freitag der dreizehnte ist: Kurt Kister ist wieder da mit seiner Wochenkolumne Deutscher Alltag. In dieser Woche erfreut er unter anderem mit diesem Satz: »„Unsere“ Gegenwart wird, so glaube jedenfalls ich, weniger von künstlicher Intelligenz (KI) als vielmehr von natürlicher Unintelligenz (NU) gesteuert.« Möge er trotz Ruhestand noch lange für uns schreiben.

Samstag: Auch heute schien die Sonne, wobei es über Nacht deutlich kühler geworden ist und wohl auch vorerst bleiben soll. Deshalb tauschte ich die leichte Jacke der letzten Monate gegen die Daunenjacke und ich bin fest entschlossen, sie in den nächsten Wochen zu tragen. Auch wenn andere weiter in kurzen Hosen rumlaufen.

In der Zeitung die üblichen Nachrichten: Krieg in der Ukraine und jetzt Israel, Erdbeben in Afghanistan, bekloppte Amerikaner, Erstarken der AfD. Alle irre. Es gelingt mir immer weniger, über solche Dinge angemessen entsetzt zu sein. Ich weiß nicht, ob das gut oder schlecht ist.

Abends feierten wir das vom Karnevalsverein ausgerichtete Oktoberfest mit bayrischem Bier, Blasmusik und reichlich kultureller Aneignung zahlreicher Besucher in Form von Lederhosen und karierten Hemden. (Da ich zuletzt im Alter von etwa acht Jahren eine Lederhose hatte, erkläre ich mich diesbezüglich unschuldig.) Auf der Rückfahrt kam es zu einer anstrengenden Diskussion zwischen dem Taxifahrer, nach eigenen Angaben palästinensischer Abstammung, und dem Liebsten über Islamismus, Religion, Gewalt und den Angriff auf Israel. Während ich hinten saß und die Augen verdrehte, sah ich mich bestätigt in der Überzeugung, niemals mit Fremden über Politik zu diskutieren.

Sonntag: Das Entsetzen traf morgens ein, gerne hätte ich darauf verzichtet. Schon als ich die Nachricht auf dem Telefon sah, kannte ich aufgrund der Absenderin den Inhalt, bevor ich sie gelesen hatte. Schlechte Neuigkeiten Kollegen M. aus unserem Team betreffend. Vor kurzem war er nach einer Urlaubsreise zusammengebrochen, seitdem lag er im Koma, sein Zustand kritisch. Persönlich sahen wir uns nicht sehr oft, weil sein Arbeitsplatz in Norddeutschland war, dafür trafen wir uns mindestens ein- bis zweimal wöchentlich in virtuellen Runden. M. war ungefähr in meinem Alter, was mal wieder zeigt, wie unerwartet und schnell es vorbei sein kann. Sowohl fachlich als auch menschlich wird er uns sehr fehlen. Das wird die kommenden Arbeitstage und -wochen in einen Grauschleier hüllen.

Gerne würde ich diesen Wochenrückblick positiv beenden, nur fällt mir gerade nichts ein; verzeihen Sie bitte.

Abends holte ich für uns Gyros vom Griechen unseres Vertrauens. Damit die Woche doch noch etwas positiv endet.

Spaziergangsbild mit dunklen Wolken

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Kommen Sie gut durch die Woche, möglichst ohne Entsetzen.