Woche 20/2026: Beeindruckt und übermenscht in Paris

Montag: Wie angekündigt kam über Nacht der Regen, der bis zum Nachmittag fiel und eisheilige Kühle mit sich brachte. Auch diese Woche beginnt mit einer Dienstreise, über zwei Tage nach Bad Breisig, wo wir aus demselben Anlass und im selben Hotel schon mehrfach tagten. Die Bahnfahrt morgens hierher verlief auf die Minute pünktlich, das darf man mal lobend hervorheben.

Vom Bahnhof zum Hotel ging ich zu Fuß über die Uferpromenade, vorbei an den Cafés und Restaurants mit Rheinblick, die zur verregneten Morgenstunde noch geschlossen waren und heute vermutlich keinen größeren Ansturm erwarteten.

Auf dass ein jeder Teilnehmer sein Laptop laben kann, waren im Tagungsraum Mehrfachsteckdosen ausgelegt in einer Weise, die jede Sicherheitsfachkraft grausen ließe. Doch es ging gut, weder ein Kabelbrand noch sonstiges Unbill störten den Verlauf.

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Das Tagungsprogramm verlief gut, gut auch die allgemeine Stimmung der Teilnehmer. Direkt im Anschluss an den geschäftlichen Teil wurde anlässlich der bevorstehenden Zurruhesetzung des Kollegen Schaumwein gereicht. Eine Woche kann auch ohne Regen wesentlich trüber beginnen.

Das Hotelzimmer ist geräumig, indessen insofern unpraktisch, als dass weder das Bett noch das Sofa über ein festes Kopfende verfügen, an das man zum Lesen und Schreiben den Kopf stützen könnte. Das Fehlen eines Jackenhakens möchte ich nicht schon wieder bejammern, allenfalls erwähnen. Macht man sich wohl der Sachbeschädigung schuldig, wenn man selbst einen mitbringt und an den Kleiderschrank schraubt?

Dienstag: Nach erfreulichem Verlauf auch des zweiten Tages der Tagung war ich kurz im Büro, wo ich einige Kleinigkeiten erledigte, anschließend ging ich zu Fuß nach Hause. Dort blieben mir knapp zwei Stunden zum Auspacken und zur Erledigung von Notwendigkeiten, dann musste ich mich schon wieder aus gleichsam beruflichem Anlass in die Gastronomie begeben, wohin der bereits gestern erwähnte ruhestandsnahe Kollege die Bonner Kollegen geladen hatte. Ein schöner Abend, dennoch bin ich froh, nun zu Hause zu sein und zur Abwechslung mal wieder im eigenen Bett schlafen zu können.

Per Post kam Werbung von einem Hörakustiker mit dem Angebot eines kostenlosen Hörtests. Die Gelegenheit nahm ich wahr, für Ende Mai einen Termin zu buchen. Vielleicht kann ich irgendwann wieder bei kollegialen und ähnlichen Zusammenkünften wie heute Abend den Gesprächen folgen, ohne dauernd „Wie bitte?“ sagen zu müssen.

Mittwoch: Zur Abwechslung mal wieder ein normaler Büroarbeitstag mit Aufarbeiten von Mailrückständen, Besprechungen, Kantinenessen und anschließendem Treppensteigen. Fast habe ich es vermisst nach zahlreichen Tagen außer Haus. Am Ende des Arbeitstages war noch etwas Arbeit übrig, das ist nicht schlimm, Montag komme ich wieder. Wenn mich bis dahin nicht der Schlag trifft oder eine andere Imponderabilie zuschlägt.

Doch das Reisen geht weiter. „Ich war noch niemals in New York“ sang einst der wunderbare Udo Jürgens. Ich auch nicht, will ich auch gar nicht. Allerdings war ich auch noch nie in Paris, das ändern wir morgen. Dafür wurden abends die Koffer gepackt, morgen früh fahren wir los, Sonntag kehren wir zurück. Ich freue mich darauf und bin sehr gespannt.

Donnerstag: Wie morgens im Radio gemeldet wurde, ist der Weinkonsum zurückgegangen. An mir liegt das nun wirklich nicht.

Das Verkehrsmittel der Wahl für die Fahrt nach Paris war das Auto, weil, wie der Liebste schon vor Monaten geschaut hatte, die Bahnfahrt für drei Personen an diesem verlängerten Wochenende über neunhundert Euro gekostet hätte. Die Fahrt verlief gut, die Autobahnen waren nicht so voll wie erwartet. Zwischendurch begleitete uns heftiger Regen.

Spontaner Gedanke beim Durchfahren eines Autobahnkreuzes: Das Wäldchen innerhalb eines Kleeblatts wäre der ideale Ort, um eine Leiche zu entsorgen, wohl niemand wird dort danach suchen. Vorausgesetzt, man schafft es, sie unbemerkt dort abzulegen. Daran könnte es scheitern, besser also, man möchte keine Leiche entsorgen. Ich weiß nicht, wie ich darauf kam, aktuell hege ich keinerlei derartigen Absichten.

Nach fünf Stunden erreichen wir mittags die Stadtgrenze von Paris, wenig später sah ich erstmals ganz kurz in der Ferne die Spitze des Eiffelturms, es gibt ihn wirklich. Eine halbe Stunde später fuhren wir am Hotel vor, wo wir zunächst nur die Koffer abgaben, das Zimmer war noch nicht fertig. Dann brachten wir das Auto in die nahe Tiefgarage und begaben uns anschließend zur leiblichen und geistigen Stärkung in ein Café.

Regen immer wieder auch hier in Paris, während wir nach oben erwähnter Stärkung eine erste Runde durch die Stadt gingen. Der Weg führte vorbei an zahlreichen Geschäften der bekannten Luxusanbieter, an den Türen jeweils Herren in dunklen Anzügen mit finsterem Blick und Knopf im Ohr. Das muss ein äußerst langweiliger Job sein, deswegen vielleicht der Blick.

Der erste Tag endete nach einem Restaurantbesuch an der Seine mit einer touristischen Schifffahrt auf dieser, zum Ende vorbei am beleuchteten Eiffelturm. Zweifellos ein beeindruckendes Bauwerk. Zurück zum Hotel fuhren wir mit dem Linienbus, der sich als echte Klapperkiste erwies. Bei der Fahrt über das Kopfsteinpflaster rappelten die Fenster, als wären die Scheiben nur lose mit viel Spiel eingefasst gewesen. Jedenfalls kamen wir unversehrt an und schlossen den Tag mit einem letzten Rosé in der Hotelbar ab. Auf dass der Weinkonsum wenigstens in Frankreich nicht in Schieflage gerät.

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Freitag: Der Vorteil, wenn man täglich was ins Blog schreibt und nur einmal wöchentlich veröffentlicht, ist, dass es an Tagen, an denen kaum Zeit zum Bloggen, geschweige denn andere Blogs zu lesen ist, genügt, einige Stichwörter zu vermerken, die dann später, spätestens bis zum Redaktionsschluss am Sonntagabend, notfalls auch erst bis montagfrüh zu ganzen Sätzen zusammengefügt werden können, sofern ich später noch weiß, was mit den Stichwörtern gemeint war. So ein Tag war heute.

Frühstück gibt es im Hotel bis zehn Uhr, das bedeutet auch heute zeitiges Aufstehen. Das Maison Astor im 8. Arrondissement ist gut und für Pariser Verhältnisse einigermaßen günstig, das Zimmer für drei Personen groß genug, mit Haken für Jacken. Nur das Bad ist unpraktisch, zwar geräumig, jedoch bietet es kaum Ablageflächen und Halterungen für Handtücher. Die Hotelbar für das abendliche Schlussgetränk ist gemütlich.

Nach dem Frühstück besichtigten wir die Kaufhäuser Printemps und Galleries Laffayette mit ihren beeindruckenden Glaskuppeln und Aussichtsterrassen. Wir waren bei weitem nicht die einzigen Touristen, die nur zum Kucken kamen und nichts kauften. Überhaupt ist die Stadt, wenig überraschend, an diesem Wochenende stark besucht, auch zahlreiche Deutsche unter den Touristen. An vielen Stellen bilden sich lange Warteschlangen: vor einigen Restaurants und Läden, nicht immer ist auf Anhieb zu erkennen, wofür man ansteht. Vielleicht weil dort unlängst irgendein bedeutender Instagrammer einen viralen Furz gelassen hat. Vor den bekannten Sehenswürdigkeiten sowieso, etwa vor der wieder aufgebauten Kathedrale Notre Dame, wo sich die Schlange mehrfach um den Vorplatz wand; ich bin meinen Lieben dankbar, wie ich keinen Wert darauf zu legen, ein solches Objekt zu besichtigen.

Kaufhaus Printemps
Blick von der Aussichtsterrasse des Printemps
Tinnef im Kaufhaus Galleries Laffayette

Mittags fuhren wir mit der Metro nach Pigalle, wo der Liebste eine Bouillon* für das Mittagessen ausgesucht hatte. Da sich auch davor bei unserer Ankunft bereits eine lange Schlange gebildet hatte, suchten und fanden wir ein anderes Lokal, wo wir gut und günstig aßen. Nur beim Digestif handelten wir unbedacht: Vierzehn Euro für einen Hauch Armagnac trieben auch dort die Rechnung in dreistellige Höhe. Man gönnt sich ja sonst nichts, wie es früher mal in der Werbung hieß.

*Nicht eine Brühe, sondern ein derart bezeichnetes traditionelles Restaurant.

Nach dem Essen gingen wir hoch nach Montmartre, vorbei an zahlreichen Geschäften mit Touristentinnef wie Eiffeltürme in allen Größen und Materialien, auch Plüsch, und Baskenmützen. Vor der Standseilbahn wieder eine lange Warteschlange ungefähr von derselben Länge wie die überwundene Strecke der Bahn. Also zu Fuß hoch, für mich dank werktäglichem Turmtreppensteigens kein Problem, auch die Lieben schafften es ohne nennenswerte Atemnot. Oben wieder Touristen in Massen, immerhin wird man mit einem passablen Blick über die Stadt belohnt. Zurück fuhren wir mit dem Bus, auch das wegen der engen, abfallenden Straßen und immer wieder beiseite gebimmelten Menschen ein Erlebnis.

Wartende auf die Standseilbahn zum Montmartre
Blick vom Montmartre

Zum Abendessen besuchten wir das Le Train Bleue im Gare de Lyon, ein riesiges, unbedingt sehenswertes Restaurant am Kopf des Bahnhofs mit aufwendiger Deckenmalerei, gutem Essen und Service, aufgrund der Größe nur etwas laut. Zurück fuhren wir mit dem Bus, der sich ohne größere Hemmungen seinen Weg durch den lebhaften Straßenverkehr bahnte. Nach Ankunft nahmen wir einen letzten Rosé in der Hotelbar, anschließend fiel ich erschöpft und reichlich übermenscht in tiefen Schlaf.

Le Train Bleue

Samstag: Vormittags fuhren wir mit dem Bus ins 4. Arrondissement, das architektonisch noch dem alten Paris entspricht, bevor im neunzehnten Jahrhundert alles platt gemacht und neu aufgebaut wurde. Auffallend viele Läufer liefen durch die Straßen, nicht gerade die ideale Laufstrecke, sie werden ihre Gründe gehabt haben.

Place des Vosges

Im 1. Arrondissement, an der Ecke Rue Saint-Honré / Rue des Prouvaires saß ein Rabe auf einer Balkonbrüstung und beschimpfte mit großer Freude die Touristen.

Mit der Metro fuhren wir zum Triumphbogen, auch der ein beeindruckendes Monument. Genauso beeindruckend der Wagemut, mit dem sich Kraftfahrzeuge aller Art, vom Kleinwagen bis zum Omnibus, hupend in den großen Kreisverkehr um das Bauwerk einfädeln. Auch hier gilt, was nicht nur für Paris, sondern fast jede Stadt und Autobahn gilt: Es gibt viel zu viele Autos.

Foto: der Geliebte

Der öffentliche Nahverkehr in Paris ist ausgezeichnet. Alle paar Minuten fährt ein Bus und eine Metro, mit dem bereits in Deutschland in die Wallet des Telefons geladenen Wochenticket kann man sie jederzeit nutzen. Man muss nur das Telefon an die Kontaktstellen in den Stationen und Bussen halten, ohne es vorher aufzuwecken. Sehr praktisch.

Metro-Station Solferino

Zum Abendessen suchten wir eine Bouillon auf der anderen Seineseite (der Kölner und Bonner würde sagen: op de Schäl Sick; ob die Pariser dergleichen sagen, weiß ich nicht) auf. Auch hier waren wir sehr zufrieden. Übrigens erlebten wir weder hier noch in den anderen besuchten Restaurants die Arroganz des Personals Auswärtigen gegenüber, von der regelmäßig zu hören ist. Überall war man sehr freundlich und sprach bei Bedarf englisch.

Als Nebenthema ergab sich eine Diskussion meine Kopfbedeckung betreffend. Das ist nämlich so: Zu meinem letzten Geburtstag bekam ich eine Mütze geschenkt, so ein Modell, das allgemein Schiebermütze genannt wird, vermutlich wissen Sie, was ich meine. Die trage ich in der Freizeit gerne. Nun ist die Frage, wann man sie auf- und wieder absetzt (für Rheinländer: an- und auszieht). Ich bin der Meinung, zusammen mit der Jacke, also Jacke an, Mütze auf, Jacke aus, Mütze ab. Der Liebste meint hingegen, in geschlossenen Räumen trägt Mann auf keinen Fall eine Kopfbedeckung, auf dem Weg vom Hotelzimmer bis zur Straße sei sie also in der Hand zu halten. Sie sehen, auch ich habe es nicht immer einfach.

Sonntag: Nach dem Frühstück verließen wir Paris über erstaunlich wenig befahrene Innenstadtstraßen. Dafür standen wir vor Aachen im Stau. Es gibt einfach zu viele … siehe oben. Das also war mein erster Besuch von Paris; ich hoffe, nicht der letzte. Au revoir. Und merci beaucoup an den Liebsten für die hervorragende Planung!

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche. Für mich steht die nächste Dienstreise an, dieses Mal von Dienstag bis Donnerstag in die Nähe von Ulm.

18:30

Sonntag, 5. November 2023 – #WMDEDGT

Am fünften eines jeden Monats ruft die geschätzte Mitbloggerin Frau Brüllen zur Pflege der Tagebuchblogkultur auf. Hierzu schreibt der geneigte Teilnehmer einen Aufsatz zum Thema „Was machst du eigentlich den ganzen Tag?“, kurz #WMDEDGT, und verlinkt ihn auf dem Brüllen-Blog.

Dann wollen wir mal:

Bereits vor dem Frühstück brach der Liebste zu einer Dienstreise nach Paris auf. Zwar ging sein Thalys erst mittags ab Köln, aber wegen mannigfacher Bauarbeiten der Bahn zwischen Bonn und Köln und daraus folgend einer noch größeren Unzuverlässigkeit als ohnehin erschien ein frühzeitiger Aufbruch sicherer. Es fuhr dann alles pünktlich und er kam wie vorgesehen an.

Beim Brötchenholen ging ich über den Münsterplatz, wo die anlässlich des „Bonn leuchtet“-Festes aufgebauten Ess-, Trink- und Kramsbuden bereits geöffnet waren und auf Kundschaft warteten; eine versuchte, mit ukrainischer Folklore zu locken. Viel zu tun werden sie heute trotz verkaufsoffenem Sonntag nicht gehabt haben, das Wetter war mit Regen und kühlem Wind nicht sehr einladend für kulinarische Außenaktivitäten.

Nach dem Frühstück mit dem Geliebten und Lachs brachte ich das Auto zur Werkstatt im Bonner Norden, weil eine Kontrolleuchte leuchtete. Normalerweise obliegen Kraftfahrzeugangelegenheiten dem Liebsten, der das Auto überwiegend nutzt, aber der saß ja im Thalys nach Paris. Daher musste ich das übernehmen, wobei mir schon der Gedanke, autofahren zu müssen, üblicherweise schlechte Laune macht. So schlimm war es dann nicht; nachdem das Auto abgestellt, der Serviceumschlag ausgefüllt und mit darin eingestecktem Fahrzeugschlüssel in den dafür vorgesehenen Einwurf der Werkstatt eingeworfen war, besserte sich die Laune bei einem längeren Spaziergang durch die äußere Nordstadt und an den Rhein. Zwischenzeitlich schien gar die Sonne, nur einmal musste ich kurz den Regenschirm aufspannen.

Vorstadt-Tristesse im Bonner Norden

Als weitere Aufgabe war mir übertragen, zwei Birnen kleinzuschneiden und in Zucker einzulegen, um sie später, nachdem der Zucker eingezogen war, in den Rumtopf im Keller zu geben, der bereits vor einigen Monaten angesetzt wurde. Bei der Gelegenheit unternahm ich die wichtige Qualitätskontrolle (nur einen Esslöffel voll) und war zufrieden.

Zwischendurch verbrachte ich längere Zeit auf dem Sofa mit der Lektüre der Sonntagszeitung, die uns aus irgendwelchen, vermutlich Kosten-Gründen, seit einiger Zeit bereits samstags zugestellt wird. Doch da bin ich eigen, sie heißt Sonntagszeitung und wird daher sonntags gelesen, wo kämen wir denn da hin. Darin einiges über Bürokratie in Deutschland, die auch Vorteile hat, sowie über das Happy Meal Project von Sally Davies. Vielleicht kennen Sie letzteres längst, mir war es neu. Frau Davies hat im April 2010 bei dem beliebten Restaurant mit dem güldenen M einen Hamburger und eine Portion Pommes erstanden, nicht in Verzehrabsicht, sondern um zu beobachten und dokumentieren, wie sie sich im Laufe der Zeit entwickeln. Das Ergebnis erstaunt: Im August dieses Jahres, also dreizehn Jahre und vier Monate später, sind äußerlich kaum Änderungen erkennbar, weder schimmelt das Brötchen noch weist das Fleisch Gammelspuren auf. Das ist Qualität. Für Weiteres bitte hier entlang.

Da ich heute dreimal, an unterschiedlichen Stellen, das Wort „Eskapismus“ las, dessen Bedeutung ich nicht kannte, recherchierte ich hier und weiß das nun auch. (Es bedeutet Realitätsflucht, wenn Sie es auch nicht wissen und nicht nachschlagen wollen, weil es nicht so wichtig ist. Bitte sehr.)

Was heute noch anliegt: Mit der Mutter in Bielefeld telefonieren, wie jeden Sonntag, und den Koffer packen für eine dreitägige Dienstreise von morgen bis Mittwoch nach Berlin. Mit der Bahn. Ich merke gerade, wie sich beim Gedanken daran meine Laune wieder trübt, aber vielleicht wird es ja ganz gut. Sie werden es lesen, wenn Sie mögen.

Woche 22: Liebestolle Frösche und Anlass zum Sektverzehr

Montag: „In Wipperfürth gibt es keine queere Szene“, steht in der Zeitung. Das ist bedauerlich.

Abgesehen von einer weitgehend unbegründeten, diffusen Todessehnsucht gegen Mittag verlief der Tag ansonsten ohne erwähnenswerte Ereig- und Erkenntnisse. Also nichts, was sich mit einem Glas Rotwein am Abend nicht beheben ließe.

Was überleitet auf das neue Sammelgebiet des Geliebten: Liköre als Kaffeezusatz. Seitdem freut er sich wieder, wenn ich abends nach Hause komme.

Später auf dem Balkon sah ich eine kleine Fliege in meinem Weinglas ertrinken. Von den möglichen Todesursachen neben Totlachen wohl nicht die unangenehmste.

Dienstag: Zu den in Bonn immer noch ungewöhnlich hohen Inzidenzwerten erklärt die Stadtverwaltung: „Bei den täglichen Fallzahlen der Neuinfizierten von weniger als 50 Personen im Vergleich zur Bevölkerungszahl von etwa 330 000 haben kleine Schwankungen bei den Meldungen große Auswirkungen auf die Inzidenz: Eine zusätzliche Fallzahl von 24 Personen pro Tag an sieben Tagen macht eine Steigerung der Inzidenz von plus 50 aus.“ Wie wenn die Bahn die Gründe für ihre Unpünktlichkeit so erklärte: „Wenn zehn Züge zwanzig Minuten später im Zielbahnhof eintreffen, entsteht schnell eine Verspätung von zweihundert Minuten.“ #ahja

Das Mittagessen nahm ich auf einer Bank am Teich hinter dem Mutterhaus zu mir, wo liebestolle Frösche in großer Zahl um die Wette quakten. Das war sehr schön.

Mittwoch: Schon wieder Freitag. Da ich normalerweise donnerstags zu Fuß ins Werk wandele, was morgen wegen des Feiertages nicht möglich oder jedenfalls nicht sinnvoll ist, ging ich bereits heute. Am Rheinufer entdeckte ich dabei auf die Freiluft-Gallerie des Fotografen Till Eitel, der über eine längere Strecke Fotos aus Paris an Laternenpfählen angebracht hat; gleichsam Paris am Rhein:

Weitere Informationen dazu entnehmen Sie folgender Tafel:

Falls Ihr Interesse geweckt ist, sollten Sie sich beeilen, ehe die üblichen Idioten alle Bilder entfernt oder zerstört haben. Wie nicht anders zu erwarten, habe sie damit bereits begonnen. Warum nur liegt es offensichtlich in der menschlichen Natur, Dinge mutwillig und sinnlos kaputt zu machen?

Ansonsten können Sie sich die Bilder, auch die bereits fehlenden, bequem vom Sofa aus hier anschauen.

Am frühen Abend erreichte den Liebsten eine gute Nachricht, die Anlass zum Sektverzehr bot. Gut, ohne diese hätten wir vermutlich auch Sekt getrunken, allein schon wegen des vorgezogenen Wochenendes, aber so war es noch notwendiger.

Donnerstag: Irgendwas mit dem Leib Christi. Als Religionsschmarotzer nehme ich den arbeitsfreien Tag gerne an und danke dem Papstkonzern sehr dafür.

Wie man hört, werden dieser Tage wieder Grills „angeschmissen“, womit und warum auch immer. Was haben sie den Menschen getan?

Dazu passend die folgende Frage, die zufällig mein Ohr streifte: „Eine Schmeißfliege – wirft die eigentlich irgendwas, oder heißt die nur so?“

Freitag: Mittags war ich beim Friseur, nicht weil es dringend nötig gewesen wäre, sondern weil seit dem letzten Besuch vier Wochen vergangen sind. Manches tut man ja vor allem, weil der Kalender es vorschreibt, denken Sie an Weihnachten, das uns zum Glück nur einmal im Jahr zwingt, Teile der menschlichen Vernunft, an deren Existenz ich nicht nur wegen Weihnachten zunehmend zweifle, ich schweife etwas ab, außer Kraft zu setzen. Es ist ein größerer Friseursalon mit zahlreichen Friseurinnen und nicht ganz so vielen Friseuren, die darin ihr Handwerk ausüben, die meisten mit Tätowierungen, teilweise sehr lustigen Namen und einer Preisspanne zwischen neunundzwanzig und einundvierzig Euro, wobei ich nicht behaupten kann, mich von den Teuren besser frisiert zu fühlen als von den Günstigeren. Nachdem meine langjährige, nur geringfügig tätowierte Stammfriseurin, Frau U, seit ein paar Jahren nicht mehr dort arbeitet, bin ich auf der Suche nach einer neuen Stammkraft. Aber ach, wenn immer ich mich an eine gewöhnt hatte, verließ sie kurz darauf das Geschäft, wurde schwanger, solche Sachen halt, es lag hoffentlich nicht an mir. (Die Schwangerschaften ganz sicher nicht.) Heute bediente mich Herr M, ein jüngerer Friseur. Bevor er mir mit der Schermaschine zu Leibe rückte, steckte er rätselhafte Klemmen in mein Deckhaar, wozu auch immer, ich habe ihn nicht danach gefragt und voll auf sein Können vertraut. Und ich wurde nicht enttäuscht – er redete nicht Unnötiges, fragte nicht nach meinen Wochenendplänen, frisierte konzentriert mit zufriedenstellendem Ergebnis. Und günstig war er auch. Bei dem bleibe ich gerne, falls auch er länger bleibt. Wenigstens wird er voraussichtlich nicht schwanger.

Übrigens benötigt man für einen Friseurtermin keinen negativen Covid-Test mehr, für einen Biergartenbesuch schon. Es vereinfacht das Leben oft sehr, wenn man nicht danach strebt, alles zu verstehen. Das gilt für Haarklemmen wie für Testregelungen.

Samstag: Meinen ersten #WMDEDGT-Beitrag finden Sie hier zur gefälligen Kenntnisnahme. Alles Weitere zum Tag dorten.

Sonntag: Und auf einmal sind sie alle wieder da, die Menschen und ihre Autos, es wird einige Zeit dauern, bis ich mich daran wieder gewöhnt habe, eigentlich möchte ich das gar nicht. Am meisten von allen verachte ich – da wiederhole ich mich, sehen Sie es mir nach – diese bärtigen, zumeist migrationshintergründigen PS-Äffchen, die mit ihren albernen Knallkarren völlig sinnlos durch die Innenstadt brausen und sich dabei vermutlich untenrum gut bestückt vorkommen. Sollte das rassistisch sein, so bin ich wohl ein Teil-Rassist, sei es drum. Lange Zeit dachte ich, ich könnte Menschen nicht deshalb verachten, weil sie Dinge tun, die ich nicht oder anders tun würde. Heute weiß ich: Doch, ich kann. Vielleicht ist der Sinn des Sausens auch ähnlich dem des Froschquakens, nur bei weitem nicht so schön. PS-Fröschchen statt -Äffchen, was meine Verachtung nicht geringer macht. Mögen sie zur Hölle fahren.

Die Woche begann mit Todesbetrachtungen, so soll sie auch enden. Aus der F.A.S.: „Zumal ja eine Beerdigung infolge des Ablebens eine alte, bewährte Form des Recyclings ist, die als außerordentlich nachhaltig bezeichnet werden kann.“

Ich wünsche Ihnen eine angenehme neue Woche ohne Gedanken an das Ende, allenfalls ans Wochenende!

Mir fehlen die passenden Worte

Gerne schriebe ich was kluges über die Folgen der unfassbaren Ereignisse in Paris am vergangenen Freitagabend. Über meine Fassungslosigkeit. Über die Ahnung, dass sich ähnliches jederzeit wiederholen kann, überall, auch hier in Bonn, wo vor drei Jahren nur deshalb nichts passierte, weil die Bombe am Hauptbahnhof wegen Konstruktionsfehlern nicht hochging. Über das wiedererwachte Unbehagen, aus dem Haus zu gehen, morgens mit der Stadtbahn zur Arbeit zu fahren und abends zurück, oder mit dem Zug nach Köln; den bald beginnenden Weihnachtsmarkt zu besuchen, demnächst Karnevalszüge, oder im Sommer den Kölner Christopher Street Day – welch prädestinierte Ziele für Verrückte!

Jetzt erst recht, heißt es, wir dürfen uns von der Angst vor Terror nicht einschüchtern lassen, denn genau dann hätten die Wahnsinnigen ihr Ziel erreicht. Ja, das stimmt wohl, jedoch für einen Menschen wie mich, mit großem Talent zum Katastrophisieren, leichter gesagt als getan.

Darüber würde ich gerne was schreiben, aber ich fürchte, mir fehlen dazu die passenden Worte.