Ausgedachtes: Noch einmal Sommer

IMG_2295 19.51.18Angesichts des schönen Spätsommerwetters, welches uns dieses Wochenende vergoldete, erinnerte ich mich einer Geschichte, die ich bereits vor längerer Zeit schrieb. Hier das erste Kapitel. Ich wünsche viel Vergnügen!

***

An diesem Samstag schien der Herbst eine Pause einzulegen und dem Sommer einen letzten Auftritt zu gewähren: Die Sonne strahlte vom wolkenlosen Himmel und ließ das Laub der Straßenbäume gelb leuchten, das Thermometer am Küchenfenster zeigte schon vormittags vierundzwanzig Grad, und die Menschen in der Stadt zeigten sich noch einmal in kurzen Hosen und Röcken, T-Shirts und Sandalen, die sie längst für den nächsten Sommer in ihren Schränken verstaut hatten, ließen noch einmal, vielleicht zum letzten Mal in diesem Jahr, die Sonne an die schon wieder bleiche Haut.

Schon morgens, als er die Tageszeitung und die Post aus dem Briefkasten holte, war Günther Aschheim der Kastenwagen mit der Beschriftung eines bekannten Autovermieters aufgefallen, der vor dem Haus nebenan stand, die geöffneten Heckklappen gaben den Blick frei auf Möbel, Kartons und anderen Hausrat, vier Jungs im Studentenalter schleppten die Sachen ins Haus. Kein ungewöhnlicher Anblick, das Haus war überwiegend von Studenten bewohnt, die Bewohner wechselten häufig. Nur der alte Herr Bruchsal, dem das Haus gehörte, wohnte seit eh und je dort, Hochparterre links, und würde es wohl bis an sein Lebensende tun, ein eigenartiger, doch stets gut gelaunter Kauz, seit vielen Jahren verwitwet, das Zusammenwohnen mit den jungen Leuten schien auch ihn jung zu halten, zudem konnte er von den Mieteinnahmen offenbar gut leben; das Einsammeln von Pfandflaschen aus den öffentlichen Papierkörben, bei dem man ihn regelmäßig beobachten konnte, war wohl mehr Marotte als Notwendigkeit.

Aschheim war um kurz nach sieben wach und sofort aufgestanden, so wie fast vierzig Jahre lang, als er jeden Morgen zur Universität ging, daran hatte sich seit seinem Ruhestand nichts geändert. Erika, seine Frau, war gerne immer noch ein bis zwei Stunden liegen geblieben. Aschheim bereitete ihnen dann das Frühstück, holte Brötchen, kochte Kaffee und las in der Zeitung, bis Erika aus dem Bad kam. Er genoss diese ruhige Stunde morgens, alleine, in der er mit niemandem sprechen musste.

Seine Arbeit, die dem Tag Struktur gab, fehlte ihm sehr, und das Gefühl, als Größe in seinem Fachgebiet der Chemie anerkannt zu sein, gefragt zu werden. Vor allem aber vermisste er die jungen Leute, die Studenten, die seine Vorlesungen besucht hatten, die Doktoranden, die er betreute – er war beliebt und begehrt als Dozent und Doktorvater, das wusste er, noch heute hielt er Kontakt zu mehreren seiner ehemaligen Doktoranden, die längst selbst an Hochschulen lehrten oder sich in gehobenen Positionen großer Chemiekonzernen befanden; wenn sich einer von ihnen bei ihm meldete, sei es, weil er Rat suchte, oder nur, um den Kontakt zu pflegen, spürte Aschheim etwas in ihm aufblühen.

Seit vier Jahren war er nun raus aus dem aktiven Unibetrieb, hielt sich jedoch über das Internet fachlich auf dem Laufenden, betreute eine Zeit lang noch einige Forschungsprojekte und veröffentlichte hin und wieder Artikel in Fachzeitschriften, auch hielt er noch ein paar wenige Vorlesungen als Gastdozent, doch je länger er raus war, desto weniger Anfragen kamen. Das Buchprojekt „Chemie im Alltag“, das er begonnen hatte, kam nicht so recht voran, er spürte, wie seine Energie nachließ, und das beunruhigte ihn. Nein, er wollte noch kein altes Eisen, Schrott sein, fühlte sich noch nicht wie ein Rentner, der die Vorzüge und Bequemlichkeiten des Ruhestandes genoss.

Bis zu ihrer Trennung ging es ihnen gut, sie waren gesund, abgesehen von den üblichen Verschleißerscheinungen und ein paar nicht erstzunehmenden Wehwehchen, das Haus war längst abbezahlt, ebenso das Ferienhaus auf Gran Canaria, und zu seinen nicht gerade schmalen Pensionsbezügen kamen noch die Honorare, die Erika für ihre Tätigkeit als Klavierlehrerin an der Jugendmusikschule und ihre Publikationen über Johannes Brahms bekam. Ihren Beruf als Lehrerin am Gymnasium hatte sie schon vor Jahren aufgegeben, weil ihr irgendwann die Kraft fehlte, zwischen renitenten Schülern, statusbesessenen Eltern und der Schulverwaltung zerrieben zu werden. Stattdessen arbeitete sie nun freiberuflich, gab dreimal die Woche Klavierunterricht und konnte bereits mehrere Artikel in Fachzeitschriften und Magazinen platzieren, ihr Buch über Brahms verkaufte sich gut, auch für den WDR war sie schon tätig.

Ihre Kinder, Felix, der ältere, und Katja hatten das Elternhaus längst verlassen, waren verheiratet und hatten selbst Kinder, Felix arbeitete als Personalreferent bei einem großen Unternehmen in Hamburg, Katja als Anwältin in Leipzig. Sie konnten stolz auf die beiden sein, und waren es auch. Und dass sie sich außer zu Weihnachten sonst nur noch unregelmäßig, vielleicht vier- oder fünfmal im Jahr, sahen, damit hatten sie sich abgefunden, das war eben so.

***

Zum Gesamtwerk bitte hier entlang: http://www.netnovela.de/noch-einmal-sommer#.VFZXPocYmlV

Geißel der Menschheit

kreuzmüll

Ich bin wohl der letzte, der sich öffentlich zum Weltgeschehen äußern sollte. Weder habe ich die Bankenkrise verstanden, noch könnte ich erklären, wer aus welchem Grund gerade in Syrien, Irak, Libyen, Ägypten, Afghanistan, Israel oder der Ukraine gegen wen kämpft, und warum Deutschland dazu den einen Waffen liefert und den anderen nicht; ich durchblicke ja nicht einmal das Sitzplatznummerierungssystem der Bahn.

Dennoch, auch auf die Gefahr hin, dass man mich ob meiner vereinfachten, undifferenzierten Sichtweise einen naiven Idioten schilt, behaupte ich, ja bin ich aus tiefstem Herzen überzeugt: Die größte Geißel der Menschheit sind nicht Krankheiten, nicht Naturkatastrophen und auch nicht mobile Datengeräte. Des Menschen größte Geißel sind und waren Religionen, egal wen sie preisen und wie sie sich nennen. Und dazu muss ich gar nicht so weit wie in die vorgenannten Länder schauen.

Sommertag

Heute war möglicherweise der letzte spätsommerliche Tag in diesem Jahr, wer weiß das schon so genau. Das heißt: zum letzten Mal Temperaturen über 20 Grad, zum letzten Mal Biergarten, Menschen in kurzen Hosen und Ende der Grillsaison (während ich diese Zeilen schreibe, hüllt eine dunkle Qualmwolke von unserem Balkon aus die Innere Nordstadt ein, Verzeihung liebe Nachbarn, kommt so bald nicht wieder vor!)

Ob des schönen Wetters waren wir draußen, wo es wieder manches zu sehen und knipsen gab:

1910-011910-021910-03
1910-041910-05

Panico

panik

Lieber Beueler Gastwirt,

letzten Mittwoch ließen Sie meiner lieben Kollegin S. in ungelenken Worten eine Nachricht zukommen, in der Sie sie darum baten, nicht länger ihr Lieblingsitaliener sein zu müssen:

„Liebe S.
habe eine schlechte Nachricht ich weiß das du demnächst oder schon da bist in Afrika seit da wir grosse angst haben von ebola möchten wir jeglichen Kontakt zu Personen vermeiden die nach Afrika fliegen es ist wirklich kein Spaß wir bitten aus angst unser Restaurant zu vermeiden und unsere grosse sorge zu akzeptieren wir haben alle diese Entscheidung nicht einfach treffen möchten aber da wir wirklich grosse sorge haben was dieses Thema angeht möchte n wir das ihr bitte Rücksicht nimmt es ist vielleicht für euch nichts besorgniserregend aber für uns ja ich Bitte deshalb unsere Entscheidung zu akzeptierten da wir angst vor ebola haben und unser Restaurant vermeidet wir möchten euch alles gute wünschen und bitte nicht persönlich nehmen das wir den persönlichen Kontakt vermeiden
mit freundlichen grüßen … “

Hm – solche Formulierungen kennen wir vor allem aus Spammails, die uns beispielsweise nach Zahlung einer Gebühr von nur wenigen tausend Euro die Überweisung eines Millionenbetrages in Aussicht stellen oder uns über die Vorzüge einer Penisvergrößerung zu überzeugen suchen. Indes, die Rückfrage von S. , die tatsächlich eine Woche zuvor aus Tansania zurückgekehrt war, wo sie zusammen mit ihrem Mann den Kilimandscharo bestiegen hatte, ergab: Das war kein Spam, das haben tatsächlich Sie geschrieben. Respekt.

Bitte lassen Sie mich der erste sein, der Ihnen zu dieser weitsichtigen Entscheidung gratuliert. Gerade in der Gastronomie ist neben der eigenen auch die Gesundheit der Gäste ein hohes Gut, unsere Behörden lassen da bekanntlich und zum Glück nicht mit sich spaßen. Da gilt es, Opfer zu bringen, notfalls auch den Verlust eines Stammgastes, der dafür sicher Verständnis hat und kein Aufhebens daraus macht, indem er zum Beispiel seinen Freunden und Bekannten von Ihrer freundlichen Bitte erzählt, zumal diese, wenn sie klug sind, ebenfalls von ihm Abstand nehmen.

Aber reicht es wirklich aus, nur Afrikabesucher Ihrer Gaststube zu verweisen? Erste Ebolafälle sind bekanntlich auch in den USA und Spanien aufgetreten, hier erscheint mir Konsequenz angezeigt. Auch ist Ebola nicht die einzige Gefahr, die droht. Daher hier einige Ratschläge, welchen weiteren Personen Sie Ihre Gastfreundschaft umgehend kündigen sollten (sie werden es bestimmt nicht persönlich nehmen):

Schwule, Bekannte von Schwulen und Leser von Ralf-König-Comics. Aids ist längst noch nicht besiegt.

Schweinefleischesser, Sparschweinbesitzer und Menschen mit schweinischen Gedanken. Die nächste Schweinegrippewelle kommt bestimmt, H1N1 ist zu unrecht etwas in Vergessenheit geraten.

Italiener. Man weiß noch nicht genau, was es ist, aber es muss hochansteckend sein. Anders ist nicht zu erklären, warum sie mehrfach Silvio Berlusconi zu ihrem Häuptling wählten und komische Nachrichten an ihre Gäste schreiben.

Am besten überhaupt alle Menschen – irgendwas hat ja jeder, und wenn es ein erheblicher Dachschaden ist. Vielleicht wäre es überhaupt das beste, Sie machen Ihren Laden zu, setzen sich auf den Arsch an den Po und verdingen sich künftig als Spampoet.

Mit der Ihnen gebührenden Hochachtung
Ihr Stancer

(Name und Anschrift des Lokals sind der Redaktion bekannt)