Überwachung

Die Bonner Piraten nehmen Anstoß an Kamera-Attrappen, die im Florentiusgraben an einigen Privathäusern angebracht sind. Sie befürchten, vorübergehende Passanten könnten sich, derer angesichtig geworden, „nicht mehr ungezwungen bewegen“. Das wirft die Frage auf, wie man sich denn ungezwungen bewegt, so man sich unüberwacht wähnt: in der Nase bohrend, Grimassen schneidend, ohne Hose, onanierend, gar den Deutschen Gruß zeigend? 

 So gesehen gibt es wohl noch zu wenig Kameras in der Stadt.

Weltuntergang

Wie aus Mayakreisen verlautet, wird am 21. Dezember dieses Jahres die Welt untergehen. Gewiss, bislang hat sich die Welt über derartige Ankündigungen hinweggesetzt und sich einfach weiter gedreht, etwa am 31. Dezember 999 (Papst Silvester zwo), 1. Februar 1524 (diverse Astronomen), 22. April 1959 (Sekte der Davidaner), 31. Dezember 1999 (Joseph Kibweteere); auch diverse Ankündigungen der allseits beliebten Zeugen Jehovas konnten unserer Erde bislang wenig anhaben.

Kleinere Weltuntergänge mit nur marginalen Auswirkungen auf das Gesamtgefüge hat es bis in die jüngste Vergangenheit immer wieder gegeben, zum Beispiel der Abstieg des 1. FC Köln in die zweite Bundesliga (Anm. d. Verf.: Ich hätte nie gedacht, dass ich so etwas mal schreiben würde), für Thomas Gottschalk nach Absetzen seiner Talkshow in der ARD, und für die FDP, die an ihrem Untergang gerade fleißig arbeitet, wobei nicht klar ist, ob sie es noch vor dem 21. Dezember schafft.

Auch für mich ereigneten sich schon Teil-Weltuntergänge, etwa als die Band Oasis ihre Auflösung bekannt gab, was sich im Nachhinein jedoch als halb so schlimm erwies, da sie kurz darauf wieder auferstand, gleich doppelt in Form von Beady Eye und High Flying Birds, beide klingen wie einst Oasis, alles ist wieder gut, ALDI Nord und ALDI Süd des Britpop, wenn man so will.

Ich bin mir sicher: Dieses Mal klappt es, am 21. Dezember gehen die Lichter aus, und wir sind live dabei. Was genau dann passieren wird, ist unklar, darauf kommt es auch nicht an; Hauptsache, es passiert. Ich sehe das positiv, so ein Gesamt-Weltuntergang hat durchaus Vorteile.

Nehmen wir das Sterben an sich. Irgendwann müssen wir es alle, dennoch ist der Tod für alle Beteiligten stets mit gewissen Unannehmlichkeiten verbunden, zum einen für den Gestorbenen (gerne wird auch vom „Verstorbenen“ gesprochen; was soll das sein? Man kann sich verfahren oder verschreiben, aber versterben, wie soll das gehen? „Oh, da habe ich mich wohl verstorben, entschuldigen Sie bitte…“), zum anderen noch viel mehr für die Hinterbliebenen, die nicht nur den Verlust eines geliebten Menschen verkraften, sondern auch die fachgerechte Entsorgung seiner sterblichen Überreste sicherstellen müssen. Wie angenehm ist es da doch, wenn wir alle auf einen Schlag ausgelöscht werden, ein gewaltiger Knall und alle sind weg, niemand muss trauern, niemand hat die Lauferei und die hohen Kosten einer Leichenentsorgung zu tragen.

Ich habe bereits alle Vorkehrungen getroffen. Der Job ist gekündigt, mein Erspartes müsste bei nur leicht gesenktem Lebensstandard bis zum 11. Oktober reichen, für den Rest nehme ich einen Kredit auf, Zinssatz egal.

Ich habe einen genauen Plan erstellt, in welcher Reihenfolge der Weinkeller leergetrunken wird. Die Vorräte würden zwar mindestens noch für drei Jahre reichen, aber man muss Opfer bringen, schließlich wäre es schade um jeden Tropfen, der umkommt.

Unangenehmen Verpflichtungen wie Verwandtschaftsbesuche habe ich auf das kommende Jahr verschoben, auch auf die Anfrage meines Freundes Karl, ob ich ihm im Februar beim Umzug helfen könne, habe ich freudig zugesagt.

Selbstverständlich fahre ich über Silvester gerne mit drei befreundeten Pärchen und ihren gar reizenden Kindern nach Oberstorf, zumal meine bisherigen Ausreden von Jahr zu Jahr dünner wurden, und wenn meine Kollegin Christine im April auf die Malediven fliegt, hüte ich gerne ihre Katzen, ist doch selbstverständlich.

Bislang hat noch niemand Verdacht geschöpft ob meiner Zusagen zu Dingen, die ich bislang mied wie der Feingeist das Dschungelcamp, dafür sind mein Ansehen und meine Beliebtheit in letzter Zeit stark gestiegen, ich werde gefragt, gelobt und gepriesen.

Morgen bei der Landtagswahl werde ich die FDP wählen, nur um einmal zu spüren, wie sich das anfühlt.

Sie benötigen hunderttausend Euro, jemanden, der mit Ihrem Hund Gassi geht, einen Sklaven, oder einfach nur jemanden, den sie morgens schon in der Bahn vollquatschen können? Ich stehe gerne zur Verfügung, ab dem 22. Dezember. Anfragen werden schnell und unbürokratisch wohlwollend geprüft.

Und wenn die Welt doch nicht untergeht? Na wer wird denn gleich mit dem schlimmsten rechnen…

Von Ziegelsteinen und Kartoffelstärke

Eine der größten Fragen der Menschheit, genau genommen sind es ja zwei, lautet seit geraumer Zeit: Woher kommen wir, wohin gehen wir? Die nachfolgenden Ausführungen erheben keinerlei Anspruch darauf, diese Frage aufzugreifen oder auch nur annähernd einer Antwort zuzuführen, das überlasse ich gerne anderen, die sich auf diesem Gebiet auskennen, die die Frage gar überhaupt als beantwortenswert erachten, denn bei genauer Betrachtung ist es mir ziemlich egal, eines Tages sind wir halt da, und irgendwann dann wieder weg, das haben wir schon immer so gemacht, um ein beliebtes Argument älterer Kollegen zu zitieren.

Weitaus interessanter erscheint mir die Frage der Herkunft und des Verbleibs alltäglicher Dinge. Nehmen wir einen an Profanität kaum zu überbietenden Gegenstand wie den Ziegelstein. Woher kommen Ziegelsteine? „Dumme Frage, aus der Ziegelei natürlich“, werden Sie nun antworten, und ich werde entgegnen, nun, Sie sind wohl eine(r) von der schlauen Sorte. Ziegelei also. Ziegeleien gab es in meiner Kindheit und Jugend fast so zahlreich wie Pfannen auf dem Dach, also Dachpfannen meine ich, keine teflonbeschichteten Bratgefäße. Ziegeleien waren zumeist aus roten Ziegelsteinen gebaut, was mir schon als Kind ein Rätsel war. Nun könnten Sie, als ausgewiesener Schlaumeier, wiederum behaupten: „Aus was denn sonst, aus Styropor? Immerhin stellen Ziegeleien Ziegelsteine her!“

Gewiss; aber wie machen die das? Ich meine, die fangen mit der Produktion doch erst an, wenn die Fabrikationsstätte fertiggestellt ist, also woher kommen die vielen Ziegelsteine, die die Ziegeleibaufachfirma für den Bau des Werkes verwendet hat? – Dafür gibt es eine ganze Reihe nachvollziehbarer Erklärungen.

Die erste: Die leihen sich die Ziegel in entsprechender Anzahl bei einer anderen, schon fertigen und somit produzierenden Ziegelei mit der Vorgabe, dass die daraus zu bauende Steinbräterei gleichwertige Steine in dreifacher Anzahl zurück liefern muss, wenn die eigene Produktion begonnen hat. Somit unterstützt der Lieferant zwar zunächst die Konkurrenz, beutet sie hernach aber unbarmherzig aus.

Die zweite: Zuerst wird ein primitiver Brennofen gebaut, nicht viel mehr als ein Loch in der Erde, vergleichbar einem Holzkohlenmeiler (auch wenn dieser kein Loch in der Erde ist, sondern ein erdebedeckter, in sich glimmender Holzhaufen), und in diesem Ofen werden die ersten handgeformten Ziegel gebrannt; wenn genug davon zusammen gekommen sind, entsteht daraus ein halbwegs professioneller Ringofen, mit dem schon ein paar Ziegel mehr pro Monat gefertigt werden können; hiermit baut man dann Lagerhalle, Verwaltungsgebäude, Mitarbeitertoiletten und ganz zum Schluss den raffiniert ausgeleuchteten Verkaufs- und Präsentationsraum, „Showroom“, wie der Marketingler sagt, in welchem diverse Hohlblock- Dach- und Firstziegel dem interessierten Bauherren feilgeboten werden, nicht zu vergessen gelbe und bräunliche Klinker für das Einheitsneubausiedlungseinfamilientraumhaus mit Krüppelwalmdach und trapezförmigem Erker vor der Küche, Sie wissen was ich meine. – Schon nach wenigen Jahren kann so das Ziegelwerk quasi aus dem Nichts entstehen und die Menschheit mit täglichen Frischziegeln erfreuen.

Die dritte: Ziegel werden bekanntlich aus Lehm gemacht. Also vergräbt man einen fertigen Ziegelstein – woher der kommt, soll jetzt mal offen bleiben, um die Sache nicht unnötig zu verkomplizieren – man vergräbt ihn also an einer Stelle mit lehmigem Boden und genügend Platz, und überlässt den Rest der Natur. Diese Erklärung erschien mir als Kind die plausibelste, hatte ich doch oft genug die Kartoffelproduktion im Garten meiner ländlichen Großeltern begleitet: Furche in die Erde buddeln, Einzelkartoffeln im Abstand von einem halben Meter hinein, Erde drauf, warten, gießen. Nach Wochen wächst ein kniehohes Gewächs aus jeder Kartoffel, weiße Blüten, später grüne Beeren und bunte Kartoffelkäfer; die Beeren darf man nicht essen und die Käfer muss man umbringen, obwohl sie die Kartoffeln gar nicht antasten, aber sicher ist sicher.

Im Herbst, wenn die Blätter gelb geworden sind, öffnet man die Grube wieder, und siehe da, die im Frühjahr vergrabene Kartoffel hat sich auf wundersame Weise vermehrt, und ihre Kinder warten nun darauf, zu Salz-, Pell-, Brat- oder Herzoginnenkartoffeln, Pommes Frites oder Kroketten verarbeitet zu werden. Oder zu Kartoffelstärke; die Stärke der Kartoffel liegt ja gerade in ihrer mannigfachen Verarbeitungsmöglichkeit, denken Sie nur an die aus keiner gemütlich-geselligen Bierrunde wegzudenkenden Chipsletten. Obwohl diese wohl gar nicht aus Kartoffeln gemacht werden, wie ich kürzlich einem Appetit abregender Magazinartikel über Lebensmittelherstellung entnahm, sondern aus zahlreichen anderen mehr oder weniger naturnahen Grundstoffen, so weit ich mich erinnere waren Sägemehl und Torf auch darunter.

Aus dem vergrabenen Ziegel-Ei * also wächst dann in den nächsten dreißig bis fünfzig Jahren eine Ziegelei, zunächst eine ganz kleine, die sich jedoch aufgrund eigener (Re-)Produktion sehr schnell vergrößert und in rauhen Mengen Klinker, Hohlblock- und Dachziegel produziert. Dachziegel sind ja gewissermaßen die Chipsletten unter den Ziegelprodukten.

Wo früher Ziegeleien waren, sind heute Einkaufszentren, Baumärkte, Parkplätze oder triste Gewerbegebiete. Sie sind einfach verschwunden, die Ziegeleien meiner Kindheit. Daher zurück zur Ausgangsfrage: woher kommen denn nun die Ziegelsteine und Klinker für die Krüppelwalmdachvorstadtsiedlungsjungfamilienhäuser? Die Antwort liegt inhaltlich nahe, räumlich fern: aus China, woher sonst? Alles kommt heute aus China, vom Flachbildfernseher bis zum Stecknadelkopf, also natürlich auch Ziegelsteine.

Gut, die erste Teilfrage, das „Woher“, wäre also geklärt. Bleibt die zweite, und auch die ist schnell beantwortet: während alte Ziegelsteine früher Verwendung fanden als Beeteinfassung im Garten oder als Hofpflasterung, oder gar nach dem Kriege trümmerfraulich ** aufbereitet und geputzt wieder der natürlichen Ziegelsteinbestimmung zugeführt wurden, werden sie heute entweder von Manufactum aufgekauft und zu einem goldnahen Kilopreis im bekannten Katalog der guten Dinge als stilvolles Baumaterial angeboten, oder aber in großen lärmenden Maschinen geschreddert. Man sieht es überall: was gestern noch ein stolzes Parkhaus war, ist heute ein Haufen Schotter. Und wohin damit? Ganz klar: Der wird nach China exportiert. Dort wird er zu feinem Mehl zermahlen und ist wesentlicher Grundstoff für Chipsletten. Ohne es genauer recherchiert zu haben, gehe ich davon aus, das die chinesischen Schriftzeichen für „Dachziegel“ und „Chipslette“ eine große Ähnlichkeit aufweisen, vielleicht nur durch einen winzigen Strich in der Stimmmodulation zu unterscheiden.

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* Hierfür bitte ich den Leser aufrichtig um Vergebung. Ich habe lange (mindestens zwanzig Sekunden lang) überlegt, ob ich diesen humoristischen Flachwurzler wirklich bringen soll, aber es war wie ein Niesreiz, den man zwar einige Zeit unterdrücken kann, allein schon, um dem unvermeidlich-dämlichen Ausruf „Gesundheit!“ seiner Umgebung zu entgehen, aber schließlich entfährt es einem dann doch mit voller Wucht, ob man will oder nicht. Es lag nicht mehr in meiner Macht.

** Hier erstaunt mich das Textverarbeitungsprogramm: Es stellt die Existenz des Wortes oder zumindest seine Schreibweise nicht durch eine rote Schlangenlinie in Frage. Dem Duden, 24. Auflage, ist es unbekannt.

Was fehlt

Manches ist nahezu unendlich: das Universum, die Dummheit, die Woche am Montagmorgen oder der menschliche Erfindergeist, welcher so sinnvolle und lebenserleichternde Dinge hervorgebracht hat wie den elektrischen Eierkocher, den Kapselheber, den Laubbläser oder RTL; unendlich ließe sich die Aufzählung fortführen.

Allein die Errungenschaften auf dem weiten Feld der Telekommunikation eröffnen uns Möglichkeiten, von denen wir früher nicht einmal zu träumen gewagt hätten. Wir sind heute immer und überall erreichbar, noch vor wenigen Jahren, als uns der Fernmeldedienst der Deutschen Bundespost bestenfalls mit grauen Wählscheibentelefonen, gelben Telefonzellen und sogenannten öffentlichen Sprechstellen versorgte, undenkbar. Damit nicht genug: fast jeder verfügt heute über ein sogenanntes Smartphone, bevorzugt das neueste Modell einer bestimmten Marke mit einer stilisierten angebissenen Frucht auf der Rückseite, welches er unentwegt anstarrt, wo auch immer er gerade sitzt, steht oder geht; dem – aus Bequemlichkeitsgründen gänzlich unrecherchierten und dadurch weitgehend unbestätigten – Benehmen nach soll die Zahl der Unfälle, bei denen Passanten miteinander oder mit Laternenpfählen kollidiert sind, in den letzten fünf Jahren sprunghaft angestiegen sein.

Die allgegenwärtige Erreichbarkeit, gepriesen und besungen sei sie bis ans Ende aller Tage, hat, wie fast alles auf der Welt, auch Nachteile, zum einen für den, der vielleicht gerade nicht erreicht werden möchte, zum anderen und vor allem für denjenigen, der gar nicht betroffen ist. Genau hier sehe ich zwei Ansatzpunkte für den menschlichen Erfindergeist, die meines Wissens und erstaunlicherweise bislang noch nicht aufgegriffen worden sind.

Erstens: den Anrufbeantworter. Sie sagen, den gibt es schon? Dem muss ich deutlich widersprechen. Was heute als Anrufbeantworter bezeichnet wird, war in den 1990er-Jahren ein großer grauer Kasten mit einer normalen Kassette darin, den man als Zusatzgerät zu seinem Fernsprechanschluss erstehen konnte, heute ist das irgendwas, vielleicht ein kleiner, in das Telefongerät integrierter Chip oder so, spielt auch keine große Rolle, jedenfalls hat sich die grundsätzliche Funktion des sogenannten Anrufbeantworters, von Menschen mit Zeitmangel auch gerne als „AB“ bezeichnet, das sind die, die auch „O-Saft“ oder „TelKo“ sagen, nicht geändert: er zeichnet die Worte des Anrufers auf, die dieser mangels persönlicher Erreichbarkeit des Angerufenen dem Gerät anvertraut, wenn er es denn tut, meine Mutter zum Beispiel tut es in der Regel nicht („Ich komme mir immer so blöd vor, wenn ich mit diesem Dings spreche, weiß dann immer gar nicht was ich sagen soll.“) Mehr macht der Anrufbeantworter nicht. Vor allem: er beantwortet keine Anrufe. Das muss der Angerufene noch immer schön selbst tun, nachdem er die hinterlassene Botschaft abgehört hat.

Zwei typische Situationen, die die lebensqualitätssteigernde Wirkung eines echten Anrufbeantworters, also eines, der diesen Namen tatsächlich verdient, verdeutlichen sollen:

Im Büro. Bei Ihnen brennt so richtig die Hütte, weil der Herr Geschäftbereichsleiter plötzlich und unerwartet bis heute Mittag, zwölf Uhr, eine Präsentation zum Thema Mitarbeitermotivation benötigt, welches keiner so beherrscht wie Sie. Kollege Krause aus der Nachbarabteilung ruft an, benötigt ihr Expertenwissen zu einem bestimmten Prozess, der in Ihren Regelungsbereich fällt, zu recht erwartet er eine kompetente und fundierte Auskunft, quasi aus erster Hand. Nun wäre es ein leichtes für Kollegen Krause, im Regelungshandbuch für diesen Prozess nachzusehen, welches für alle Mitarbeiter, somit auch für ihn, im firmeneigenen Intranet hinterlegt ist. Doch ist Kollege Krause Rheinländer, und der Rheinländer schätzt bekanntlich das gesprochene Worte viel mehr als das geschriebene, auch mag er es gerne, wenn die zur eigentlichen Problemlösung erforderlichen Ausführungen um die eine oder andere Anekdote ergänzt werden. Als Krauses Nummer im Sichtfeld Ihres Telefons erscheint, bricht Ihnen der Schweiß aus; nicht dran zu gehen ist aus Gründen der Höflichkeit und der firmeninternen Kommunikationsrichtlinien keine Option, auf der anderen Seite die Präsentation, die Zeit rinnt dahin… Hier nun wäre ein echter Anrufbeantworter eine unschätzbare Hilfe, mit freundlich-geduldiger Stimme ähnlich eines Navigationsgerätes beauskunftet er zum einen Krauses Frage die Regelung betreffend, zum anderen diskutiert er mit ihm die Fußballergebnisse des vergangenen Wochenendes aus.

Zu Hause. Nach einem langen, gesprächsreichen Arbeitstages freuen Sie sich auf Ruhe, die Tageszeitung und eine Tasse Tee. Kaum haben Sie es sich in Ihrem Lieblingssessel bequem gemacht, die Zeitung aufgeschlagen und die dampfende Teetasse erstmals vorsichtig zum Munde geführt, das Pfefferminz- oder Darjeelingaroma schon in der Nase, passiert das unvermeidliche: das Telefon schellt. (Anmerkung: Natürlich „schellen“ Telefone heutzutage nicht mehr, viel mehr geben sie, je nach Gerät, Einstellung und persönlichem Geschmack ihres Besitzers, Melodien, Laute oder sonstige Geräusche derart nervtötender Natur von sich, dass man gar nicht anders kann als das Gespräch anzunehmen, allein um das Geräusch verstummen zu lassen. Insofern ist das „Telefonschellen“ als Wort artverwandt mit dem „Kotflügel“ oder der „Stoßstange“.) Normalerweise ignorieren Sie abendlich-heimisches Telefonklingeln, da Sie für heute genug telefoniert haben und im übrigen sonst der Liebste die Gespräche annimmt, zumal die meisten ohnehin für ihn bestimmt sind. Doch ist der Liebste gerade nicht verfügbar, weil er sich entweder gerade der Darmentleerung hingibt, die menschliche Peristaltik nimmt im Allgemeinen wenig Rücksicht auf mitmenschliche Kommunikationsbedürfnisse, oder er befindet sich seinerseits gerade in einem Mobilgespräch mit seinem äußerst telekommunikationsfreudigen Freund Paul.



So bleibt Ihnen nichts anderes übrig, zum einen von Höflichkeit, zum anderen von Neugier getrieben, den bequemen Sessel zu verlassen und sich zur Geräuschquelle zu begeben. An der angezeigten Nummer erkennen Sie, es ist Felix, ein guter Bekannter von Ihnen. Sie mögen Felix, er ist ein angenehmer ruhiger Zeitgenosse mit dem richtigen Maß an Humor in seinem Wesen, am liebsten mögen Sie ihn zur rechten Zeit am rechten Ort von Angesicht zu Angesicht, vielleicht in Begleitung zweier (oder mehr) kühler Biere. Fernmündlich indes kann es mit ihm anstrengend sein, denn nachdem die üblichen Freund- und Höflichkeiten ausgetauscht sowie die gegenseitigen Informationsbedürfnisse gestillt sind, entstehen Pausen, Pausen, die anlässlich persönlicher Begegnungen mit einem Schluck Bier überbrückt werden können. Und obwohl es offenbar nichts mehr zu sagen gibt, macht er keine Anstalten, das Gespräch zu beenden, aber da man Ihnen hingegen beigebracht hat, es sei unhöflich, dies als Angerufener zu tun, schweigen Sie sich an, sekundenlang.



In dieser misslichen Lage könnte nun wieder der Anrufbeantworter helfen. Während Sie in teeseliger Ruhe den Lokalteil der Zeitung studieren, tauscht sich die freundliche Stimme über die neuesten Ereignisse aus Ihrem und Felix‘ privaten Umfeld aus, und wenn die unvermeidliche Schweigephase anbricht, könnte das Gerät leise Musik in die Leitung spielen oder auch Werbung und Ihnen damit zu ein paar Euro extra verhelfen.



Die Idee ließe sich gar weiterspinnen: Der Anrufbeantworter könnte erweitert werden zu einem Anrufinitiator. Sie geben zuvor per Tastatur oder Spracherkennung stichpunktartig das Anliegen des von Ihnen zu tätigenden Anrufes ein, den Rest erledigt das Gerät für Sie. Verfügt nun gar der Anzurufende über einen Anrufbeantworter, könnten die Geräte die Angelegenheit unter sich klären, niemand müsste mehr sprechen, keiner würde von überflüssigen Anrufen behelligt, wäre das nicht wunderbar?

Komme ich nun zum zweiten Ansatzpunkt sinnvoller, bislang unberücksichtigt gebliebener Erfindungen: dem Anrufunterbrecher. Jeder kennt es, jeden ärgert es: Sie sitzen im Zug oder in der Straßenbahn, lesen vielleicht ein Buch oder hängen einfach nur Ihren Gedanken nach, das soll ja sehr gesund und wichtig sein für die Regeneration der neuronalen Funktionalitäten, bis das Mobliltelefon Ihres Gegenübers sich mit einer Melodie meldet, je bekannter desto lauter, vielleicht irgendein Schrott von Lady Gaga; da Ihr Gegenüber entweder eine Frau ist und daher das Gerät erst umständlich aus Ihrer Handtasche herauswühlen muss oder weil der Besitzer des Gerätes für diesen sogenannten Klingelton viel Geld bezahlt hat, den nach wenigen Sekunden abzustellen er aus genau diesem Grunde zu recht ablehnt, kommen auch Sie und alle anderen Reisenden des Wagens für unendlich lang erscheinende Sekunden in diesen Genuss, völlig kostenlos.

Das schlimmste kommt erst noch: das Gespräch. Nach dem unvermeidlichen „Wo bist du“ – achten Sie mal drauf, kein, wirklich kein öffentlich geführtes privates Telefongespräch kommt heute ohne diese Frage aus, welche früher nur in Ausnahmesituationen gestellt wurde, so stellte sie in den 1980er-Jahren die Münchner Band „Spider Murphy Gang“ in ihrem gleichnamigen Lied, wenngleich in gänzlich anderem Zusammenhang – hernach also werden Sie unfreiwillig Zeuge, wie eine Liebesbeziehung beendet wird oder was es abends zu essen geben soll und welche Zutaten folglich noch einzukaufen sind. Trägt ihr Gegenüber einen Anzug oder ein Kostüm (hiermit meine ich die gleichfarbige Rock-Jackett-Kombination geschäftstätiger Frauen, den Anzug für Damen sozusagen, und nicht etwa den zu Karneval vielfach angetroffenen Schotten), entfällt möglicherweise die Wo-bist-du-Frage, was das von Business-Phrasen geprägte Gespräch jedoch für den Unbeteiligten kein Stück erträglicher macht.

Hier setzt nun meine Idee an: Ein kleines Gerät für die Hosentasche, vielleicht sogar ein sogenanntes App für Ihr Smartphone, ein Knopfdruck, und ein hierdurch ausgelöster Störsender bringt die Mobilkommunikation in Ihrem näheren Umfeld umgehend zum Erliegen, nur noch ein kurzes „Hallo… hallo… scheiß Bahn!“ (in solchen Fällen hat meistens die Bahn die Schuld, eigentlich hat die Bahn immer Schuld), dann herrscht wieder Ruhe im Zug, Sie können fortfahren mit Lesen oder dem Ausfegen Ihrer Hirnwindungen.

Ich bin mir sicher, die Grenzen des Machbaren und Sinnvollen sind noch lange nicht erreicht. Vorsorglich habe ich mir für meine beiden oben beschriebenen Ideen schon mal das Patent sichern lassen. Interessierte Hersteller der Telekommunikationsbranche mögen mich bitte vertrauensvoll mittels der Kommentar-Funktion oder mit Direktnachricht kontaktieren.

Bestseller

Neulich träumte mir, ich sei ein erfolgreicher Schriftsteller, der mit seinem Debütroman „Vom Leid des Kronkorkens“ innerhalb kürzester Zeit die Spitzen aller deutschen Bestsellerlisten erobert hat. Das Interview, welches der Feuilletonist einer führenden überregionalen Tageszeitung – im Folgenden der Einfachheit halber F genannt – anlässlich der Verleihung eines bedeutenden Literaturpreises mit mir führte, können Sie unten nachlesen. Da es die nachträgliche Wiedergabe eines Traumes ist, kann ich leider keine Garantie dafür übernehmen, dass das Interview genau so stattfand; mögliche Erinnerungslücken wurden phantasievoll aber plausibel ergänzt.

F: Herr Kah, Ihr Buch hat innerhalb von nur drei Wochen die Top Fünf fast aller deutschen Bestsellerlisten erreicht, selbst Marcel Reich-Ranicki äußerte sich schon verhalten begeistert. Wie erklären Sie sich den unglaublichen Erfolg Ihres Einstiegswerkes?

Ich: Keine Ahnung, ich fühle mich noch immer wie in einem Traum.

F: Können Sie uns etwas zur Entstehung des Buches sagen?

Ich: Es kam jäh über mich wie ein Anfall, als ich unter der Dusche stand, plötzlich war die Geschichte da und wollte aufgeschrieben werden, noch nass und nur mit einem Handtuch umwickelt, um meinen Kopf, stützte ich an meinen Schreibtisch und begann aufzuschreiben, was mir eine fremde Stimme in die Feder diktierte, Wort für Wort, Satz für Satz, Kapitel für Kapitel; nach zwei Wochen ununterbrochenen Schreibens war es dann fertig.

F: Sie meinen, Sie haben zwei Wochen lang ununterbrochen…

Ich: Bis auf kurze Unterbrechungen, die der menschlichen Natur geschuldet sind, sie verstehen. Man staunt, bei welchen Verrichtungen man alles schreiben kann: beim Essen, auf der Toilette, beim…

F: Gewiss, gewiss. Herr Kah, mit Ihrem Werk haben Sie ein Thema aufgegriffen, welches bislang in der Weltliteratur noch nicht behandelt wurde und womit Sie anscheinend den Nerv der Zeit getroffen haben. Wie kamen Sie dazu, ausgerechnet hierüber zu schreiben?

Ich: Sehen Sie, das erklärt vielleicht gerade den Erfolg meines Buches: Die Bücherschränke sind voll mit Werken über Liebe, Sex, Mord und Totschlag, Körperausscheidungen, Familienschicksale; zu diesen Themen gibt es im Grunde nichts, was nicht schon irgendwann geschrieben wurde. Mein Buch behandelt ein Thema, das jeden betrifft, vom Kleinkind bis zum Greis, vom Hartz IV- Empfänger bis zum Top-Manager. Ich möchte Ihre Frage mal umformulieren: Warum hat bislang noch niemand darüber geschrieben?

F: Es gelingt Ihnen, den Leser mit einer sehr dichten Sprache zu fesseln…

Ich: … nicht wahr, da bekommt das Wort Dichter eine ganz neue Bedeutung (albernes Lachen)

F: M-hm… Herr Kah, gerade mit Ihrem Romanhelden, Malte-Kevin, diesem gleichsam beneidens- wie bedauernswerten Halbidioten, liebt, leidet und empfindet der Leser in einer nahezu unbeschreiblichen Weise, er könnte als unsterbliche Figur ist die Weltliteratur eingehen, Seite an Seite mit Christian Buddenbrook, Oskar Matzerath und Wachtmeister Dimpfelmoser – Hand aufs Herz: steckt etwas Malte-Kevin in Ihnen?

Ich: Nein. In mir steckten schon einige, das können Sie mir glauben, aber ein Malte-Kevin noch nicht, das wüsste ich…

F: (errötend) Nein, nein, das meinte ich nicht, vielmehr wollte ich wissen… also, trägt Ihr Roman autobiografische Züge?

Ich: Sehen Sie, so ein bisschen Malte-Kevin sind wir doch alle: wir essen, trinken, spielen gelegentlich an uns herum, bohren in der Nase, wenn es keiner sieht, schauen uns Pornos an, hören gerne Volksmusik…

F: Sie mögen Volksmusik?

Ich: Natürlich nicht. Sie?

F: Nun, ab und zu schaue ich schon das Musikantenstadel, wenn es nichts besseres gibt, das Fernsehprogramm wird ja auch immer schlechter…

Ich: Interessant… Wann haben Sie gemerkt, dass Sie Volksmusik lieben?

F: Nun ja, lieben, so weit möchte ich nicht gehen, aber… ähem… – Herr Kah, haben Sie schon ein neues Werk in Arbeit, werden Sie versuchen, an den Erfolg vom „Leid des Kronkorkens“ anzuknüpfen?

Ich: Nein. Ich werde nie wieder etwas schreiben. Wissen Sie, nach dem Erfolg des „Kronkorkens“ kann ich mir nicht vorstellen, etwas vergleichbares oder gar besseres zu schreiben; alles, was jetzt noch käme, könnte dagegen nur farb- und tonlos erscheinen.

F: Was werden Sie stattdessen tun?

Ich: Ich spiele mit dem Gedanken, mir die Brust vergrößern zu lassen, und dann… mal sehen.

F: Eine Brustvergrößerung als… äh… Mann?

Ich: Ja warum denn bitte nicht? Wir leben im Zeitalter der Gleichberechtigung, Frauen arbeiten in metallverarbeitenden Berufen, die Zahl der Stahlträgerinnen ist in den letzten zehn Jahren sprunghaft gestiegen, sie fahren Bus, ja selbst ein Laubbläser in Frauenhand ist heutzutage nichts außergewöhnliches mehr; da werde ich als Mann mir ja wohl die Brust vergrößern lassen dürfen!

In diesem Moment ging der Wecker los und beendete jäh das Gespräch. Leider kann ich mich nicht erinnern, was das Thema meines Romans „Vom Leid des Kronkorkens“ war, welcher mir diesen Erfolg bescherte. Aber die Idee mit der Brustvergrößerung gefällt mir immer besser.