Natürlich normal

Ich werde erpresst. Wirklich, oder „ohne Scheiß“, wie meine Kollegin gerne zu sagen pflegt, wo andere „Spaß beiseite“ sagen. Montagmorgen fand ich nämliche Mail in meinem Eingang:

„Gutеn Tаg,

Mаsturbiеrеn ist nаtürlich nоrmаl, аbеr wеnn dеinе Fаmiliе und Frеundе dаvоn zеugеn, ist еs nаtürlich еinе grоßе Schаndе.

Ich hаbе dich еinе Wеilе bеоbаchtеt, wеil ich dich in еinеr Wеrbung аuf еinеr Pоrnо Wеbsitе durch еinеn Virus gеhаckt hаbе.

Wеnn Siе dаs nicht wissеn, wеrdе ich еs еrklärеn. еin Trоjаnеr gibt Ihnеn vоllеn Zugriff und Kоntrоllе übеr еinеn Cоmрutеr (оdеr еin аndеrеs Gеrät). Dаs bеdеutеt, dаss ich аllеs аuf Ihrеm Bildschirm sеhеn und Ihrе Kаmеrа und Ihr Mikrоfоn еinschаltеn kаnn, оhnе dаss Siе еs bеmеrkеn. Sо hаbе ich аuch Zugаng zu аll dеinеn Kоntаktеn.

Ich hаbе еin Vidео gеmаcht, dаs zеigt, wiе du аuf dеr linkеn Bildschirmhälftе mаsturbiеrst und аuf dеr rеchtеn Hälftе siеhst du dаs Vidео, dаs du gеrаdе аngеsеhеn hаst. Auf Knорfdruck kаnn ich diеsеs Vidео аn аllе Kоntаktе Ihrеr E-Mаil und Sоciаl Mеdiа wеitеrlеitеn.

Wеnn Siе diеs vеrhindеrn möchtеn, übеrwеisеn Siе еinеn Bеtrаg vоn 500 EUR аuf mеinе Bitcоin-Adrеssе.

Schritt 1: Gеhеn Siе zu <…> und еrstеllеn Siе еin Kоntо.

Schritt 2: Bеstätigеn Siе Ihr Kоntо mit Ihrеm Rеisераss оdеr Pеrsоnаlаuswеis.

Schritt 3: Zаhlеn Siе dаs Gеld аuf Ihr Cоinbаsе Bitcоin Kоntо übеr Ihrе Krеditkаrtе оdеr Ihr Bаnkkоntо еin.

Schritt 4: Schickеn Siе diе Münzеn аn diе untеn аngеgеbеnе Bitcоin-Adrеssе:

<…>
Sоbаld diе Zаhlung еingеgаngеn ist, löschе ich dаs Vidео und du wirst niе wiеdеr vоn mir hörеn. Ich gеbе Ihnеn 3 Tаgе, um diе Zаhlung zu mаchеn. Dаnаch wissеn Siе, wаs раssiеrt. Ich kаnn еs sеhеn, wеnn Siе diеsе E-Mаil gеlеsеn hаbеn, dаmit diе Uhr jеtzt tickt.
Es ist Zеitvеrschwеndung, mich аn diе Pоlizеi zu mеldеn, dа diеsе E-Mаil wеdеr in irgеndеinеr Fоrm nоch in mеinеr Bitcоin-Adrеssе nаchvеrfоlgt wеrdеn kаnn. Ich mаchе kеinе Fеhlеr. Wеnn ich fеststеllе, dаss Siе еinеn Bеricht еingеrеicht оdеr diеsе Nаchricht аn jеmаnd аndеrеn wеitеrgеgеbеn hаbеn, wird dаs Vidео sоfоrt vеrtеilt.

Grüßе!“

Ich nehme das sehr ernst, zumal ich – und nun sehen Sie mich leicht errötet – die Existenz dieses Filmes nicht völlig ausschließen kann. Wie der Erpresser ja selbst schreibt: Es ist ,natürlich normal‘, fast jeder tut es, auch wenn es nur wenige zugeben. Ich hingegen (Achtung, Wortspiel:) stehe dazu, warum auch nicht. Auch verschmähe ich nicht einen gut gemachten Porno, wüsste nicht, was daran verwerflicher sei als beispielsweise an einem Tatort.

Aber nun fünfhundert Euro zahlen? Für was? Wer weiß, wobei der mich sonst noch alles gefilmt hat: beim Spielen mit der Modelleisenbahn vielleicht, beim Popeln, Kacken, oder bei Missachtung einer roten Fußgängerampel, alles Verrichtungen, welche man ungern gefilmt weiß. „Das machen doch alle!“, höre ich Sie nun gähnen, also das mit der Ampel, meinen Sie. Gewiss, aber das kann im Falle des Erwischtwerdens ganz schön teuer sein, während man sich jederzeit straffrei für lau den Jürgen würgen darf, wenn man es nicht gerade auf der Freibadwiese oder in der Straßenbahn tut. Nein, keinen Cent werde ich anweisen, ist ja auch viel zu kompliziert mit diesem Bitcoingedöns; bis ich das geschafft habe, ist die Frist eh verstrichen.

Meine Kontakte haben sicherlich besseres zu tun, als mir im Zustand freudiger Erregung zuzuschauen, dennoch kann ich es ihnen nun möglicherweise nicht ersparen, sei es drum. Falls Sie zum ausgewählten Kreis der Empfänger gehören, wäre ich Ihnen dennoch dankbar, wenn Sie der rechten Bildschirmhälfte etwas mehr Aufmerksamkeit widmen und von Erstaunens- oder Beifallsbekundungen Abstand nehmen.

Grüße

Woche 27: „Nein!“ – „Doch.“ – „Oooh…“


Montag: In der Provence soll die Millionärsdichte besonders hoch sein. Wie ermittelt man die? Werden die Wohlhabenden gezählt wie Weißstörche oder Flamingos, und bekommen sie anschließend einen Ring an den Knöchel?

Dienstag: „Hätte unser Herrgott die Homo-Ehe gewollt, hätte er nicht Adam und Eva erschaffen, sondern als erste Menschen Adam und Klaus oder Eva und Bettina.“ So schreibt Ortwin B. aus Niederkassel-Mondorf in seinem Leserbrief an den General-Anzeiger. Die Frage, warum sein Herrgott die gleichgeschlechtliche Liebe überhaupt gewollt hat oder sie zumindest billigend in Kauf nimmt, bleibt indes offen.

Mittwoch: Das Pont de l’Orme, ein wunderbares Restaurant an einem magischen Ort etwas außerhalb von Malaucène, hat unter neuer Führung wieder geöffnet. Satt und zufrieden sind wir mit der Welt ein weiteres Stückchen versöhnt.

Donnerstag: Wie ich der Zeitung entnehme, scheint das Leben als Pandabär nicht das schlechteste zu sein. Vielleicht sollte ich meine Idee der Wiedergeburt als Schwarzer Kellerpilz in einem Spitzenweingut noch einmal überdenken.

Freitag: „Wir sind berühmt dafür, die beste militärische Ausrüstung der Welt herzustellen. Wenn Sie an Militärausrüstung denken, dann denken Sie hoffentlich nur an die USA.“ Also sprach Donald Trump vor Vertretern der zwölf Mitgliedsstaaten der sogenannten Three-Seas-Initiative. Vergleichbare Sätze erwartete man bislang nur von Vertriebschefs von Tempo, Tesa, Vorwerk, Miele und Verpoorten.

Tatort Malaucène: Am Nachmittag erschien der Dorfpolizist vor unserem Haus, teilte uns mit, in der Nachbarschaft sei eine Dame zu Tode gekommen und fragte, ob uns etwas aufgefallen sei. Wenig später wurde ihr Gatte von der Gendarmerie abgeholt. Seitdem geht mir die Titelmusik von „Hasch mich, ich bin der Mörder“ nicht aus dem Kopf.


Samstag: „… den dienstbaren Geist pflegt man nur zu sehen, wenn man ihn braucht, so wie man eine Lampe anschaltet, um das Licht zu empfangen, ohne aber die Lampe selbst wirklich wahrzunehmen oder sie gar zu würdigen.“ (Aus: „Monsieur Jean und sein Gespür für Glück“ von Thomas Montasser.) Vielleicht sollte man das viel öfter beherzigen, zum Beispiel wenn der Paketzusteller an einem heißen Sommertag mal wieder die Bestellung in den fünften Stock schleppt.

Sonntag: Nach langer Zeit mal wieder Urlaubskarten geschrieben, so richtige aus Pappe und mit Briefmarke. Fühlt sich gut an.

Gedanken zum Gedenken

friedhof

Nicht ohne Grund gilt der November als grauer, stiller Monat: Der Himmel trübe, die Sonne zeigt sich seltener und ihre Strahlen spenden kaum noch Wärme an des Menschen Haut, weshalb er sich in Schals und dicke Jacken hüllt, nachdem er schon vor Wochen kurze Hosen und Flip Flops im Schrank verstaut hat (nun gut: während ich diese Zeilen nachfeile, ehe ich sie dem Leser zumuten möchte, strahlt die Sonne von einem blauen Himmel bei milden elf Grad – der November ist auch nicht mehr, was er mal war); die Kraniche haben sich kreischend in den Süden verzogen, ebenso die Rentner, die es sich leisten können; die meisten Bäume haben sich ihres Laubes entledigt, welches nun gelb-matschig den Gehsteig vergoldet, sofern es nicht von Laubbläsern weggelärmt wurde; Eisdielen haben geschlossen, die Scheiben von innen mit speiseeismotivlich bedrucktem Packpapier verklebt, oder das Lokal beherbergt vorübergehend eine Boutique für Damenbekleidung, was die Frage aufwirft, wo der Damenbekleidungshändler im Sommerhalbjahr seinem Geschäft nachgeht. Vielleicht packt er ja im März alles in einen Lieferwagen und macht sich damit auf nach Madagaskar, während über ihm die Rentner und Kraniche kreischend zurückkehren.

Im November gedenkt der Mensch seiner Toten, hierzu hat er den Volkstrauertag und den Totensonntag erfunden. Weiß der Himmel, warum ausgerechnet im November, gestorben wird schließlich das ganze Jahr, der Sensenmann packt ja nicht im März seine Sense ein und düst ab nach Mauritius. Aber wahrscheinlich bildet die Novembertrübe mit den allgegenwärtigen Blattleichen dem Gedenken einen passenderen Rahmen als sommerliches Freibadwetter.

Der Tod übt eine unerklärliche, diffuse Faszination auf mich aus. So gilt meine Aufmerksamkeit den Todesanzeigen in der Zeitung, insbesondere den Geburtsdaten der Verblichenen. Ist jemand meines Alters oder gar jünger dabei, überkommt mich eine Art wohliger Schauer, genauer erklären kann ich das nicht, es ist dieser gewisse Grusel, der mit dem Gefühl der näher kommenden Einschläge einhergeht, eine innere Stimme, die da flüstert: »Siehst du, Freundchen, fühl dich nicht so sicher, auch dein Name könnte hier bald schon stehen«, worauf dann ein diabolisches Lachen wie am Ende von Michael Jacksons ‚Thriller‘ folgt. Vielleicht ist es ein ähnlicher Grund, der Menschen veranlasst, Splatterfilme oder Tatort zu kucken, die AfD zu wählen oder Helene Fischer zu hören. Haaaaahahahahahar…

Oder bin ich lebensmüde? Also nicht im Sinne größter auswegloser Verzweiflung, sondern eher nach dem Grundsatz »Wer saufen kann, kann auch arbeiten«, Verzeihung: »Wenn es am schönsten ist, soll man aufhören«, also eine positive Lebensmüdigkeit, falls es das gibt. Ja ich gebe zu, schon über Selbsttötung nachgedacht zu haben. Also nur theoretisch, ohne jegliche konkrete Absicht – keine Sorge, ich hege zurzeit keine Suizidabsichten, habe sie mangels Grund auch noch niemals gehegt und bin guter Hoffnung, dass es nicht dazu kommen wird. Und falls doch, wüsste ich schon, wie ich es anstellte, ganz ohne Schmerzen, Blut und Sauerei; zum einen, weil ich schmerz-, wärme- und kälteempfindlich bin, zum anderen, um denjenigen, die mich finden, den Tag nicht völlig zu versauen.

Was mögen meine letzten Worte sein? Vielleicht einfach nur »Oh oh…« oder »Ach du Scheiße«, oder »Zicke zacke Kranich- (bzw. Rentner-)Kacke« oder »Ich will ein Eis«, woraufhin mir mit tränenerstickter Stimme bedeutet wird, das sei schwerlich möglich, es sei November und die Eisdielen geschlossen. Doch nein: die am Kaiser-Karl-Ring hat noch geöffnet, kein Packpapier, keine Damenwäsche; die Zugvögel bleiben angesichts der milden Winter ja auch immer öfter hier. Man eilt also los, mir eine Portion Eis zu holen, und was sage ich, nachdem mir der Becher gereicht wurde? Vielleicht: »Das Eis hat keine Konsistenz.« Diesen Satz hörte ich vor einiger Zeit ein etwa achtjähriges Mädchen nörgeln, welches mit seinem Vater zuvor die oben besungene Eisdiele aufgesucht hatte. Was veranlasst etwa achtjährige Mädchen, solche Sätze zu sagen? Mit acht war mir das Wort ‚Konsistenz‘ unbekannt, aber heute reifen die Blagen ja immer früher heran. Vielleicht sage ich am Ende aber auch einen klugen Satz, den mir niemand zugetraut hätte und der, unter Tränen notiert, später oft zitiert wird, neben »Mehr Licht« und »Störet meine Kreise nicht«.

Wird man mir eine Todesanzeige in der Tageszeitung spendieren, wenn ja, was wird darin stehen? Bitte nicht »Plötzlich und unerwartet« oder so was. Vielleicht sollte ich mal gelegentlich einen Entwurf dazu erstellen, dazu ist es nie zu früh. Gleiches gilt für einen Grabsteinspruch, sofern meine Hinterbliebenen meine bleiche Hülle für eines Grabsteines würdig halten. »Wenn es am schönsten ist…«, siehe oben, finde ich gar nicht so schlecht. Ist mir aber egal, meinetwegen können sie nach meinem Ableben die noch brauchbaren Organe und sonstigen Körperteile entnehmen (der Organspenderausweis befindet sich in meinem Portmonee rechts) und den Rest entweder der Kadaververwertung zuführen oder, und das fände ich stilvoll, verbrennen und die Asche durch die Feuerbüchse einer Dampflok der Harzer Schmalspurbahn auf dem Weg zum Brocken jagen, oder gerne auch einer Lok der Dampf-Kleinbahn Mühlenstroth auf dem Weg nach Rödelheim. Aber dem steht wohl das deutsche Bestattungsrecht entgegen; was das angeht, verstehen die ja leider wenig Spaß.

Wie mag die Trauerfeier ablaufen? Da ich mittlerweile der hierfür traditionell zuständigen Institution den Rücken gekehrt habe, wohl ohne Kreuz und Pastor. Wer also wird die Trauerrede halten, und was wird er / sie sagen? Aber wieso überhaupt Trauer, vielleicht sind die ja alle froh, wenn ich mein Schirmchen endlich zugeklappt habe, wer mag es ihnen verübeln? Wenn ich mir was wünschen dürfte, dann eine Feier, die den Namen verdient: mit Musik von ABBA oder Oasis oder dieses Zeug, was die den ganzen Tag in Frankreich auf Radio Nostalgi spielen, meinetwegen auch mit Werbe- und Nachrichtengeplapper zwischendurch; außerdem keine schwarze Kleidung und kummervolle Mienen, dafür reichlich Bier und Wein, und Cola für die Kinder, und Häppchen.

Wie alt will ich werden? Keine Ahnung. Siebzig? Achtzig? Gar noch älter? Oder sind siebenundvierzig Jahre genug? Wenn es am schönsten ist… siehe oben. Irgendwann wird der Tod anklopfen, oder klingeln, oder er trifft per E-Mail oder Facebooknachricht ein, was weiß ich; zum Glück weiß heute niemand, wann. Aber dass er kommt, das ist – trotz Gentechnik und Gesundheits-Apps – sicher und trotz aller damit verbundenen Unannehmlichkeiten auch gut so. Und was danach kommt, darüber habe ich mir schon vor längerer Zeit meine Gedanken gemacht.