Gedanken zum Gedenken

friedhof

Nicht ohne Grund gilt der November als grauer, stiller Monat: Der Himmel trübe, die Sonne zeigt sich seltener und ihre Strahlen spenden kaum noch Wärme an des Menschen Haut, weshalb er sich in Schals und dicke Jacken hüllt, nachdem er schon vor Wochen kurze Hosen und Flip Flops im Schrank verstaut hat (nun gut: während ich diese Zeilen nachfeile, ehe ich sie dem Leser zumuten möchte, strahlt die Sonne von einem blauen Himmel bei milden elf Grad – der November ist auch nicht mehr, was er mal war); die Kraniche haben sich kreischend in den Süden verzogen, ebenso die Rentner, die es sich leisten können; die meisten Bäume haben sich ihres Laubes entledigt, welches nun gelb-matschig den Gehsteig vergoldet, sofern es nicht von Laubbläsern weggelärmt wurde; Eisdielen haben geschlossen, die Scheiben von innen mit speiseeismotivlich bedrucktem Packpapier verklebt, oder das Lokal beherbergt vorübergehend eine Boutique für Damenbekleidung, was die Frage aufwirft, wo der Damenbekleidungshändler im Sommerhalbjahr seinem Geschäft nachgeht. Vielleicht packt er ja im März alles in einen Lieferwagen und macht sich damit auf nach Madagaskar, während über ihm die Rentner und Kraniche kreischend zurückkehren.

Im November gedenkt der Mensch seiner Toten, hierzu hat er den Volkstrauertag und den Totensonntag erfunden. Weiß der Himmel, warum ausgerechnet im November, gestorben wird schließlich das ganze Jahr, der Sensenmann packt ja nicht im März seine Sense ein und düst ab nach Mauritius. Aber wahrscheinlich bildet die Novembertrübe mit den allgegenwärtigen Blattleichen dem Gedenken einen passenderen Rahmen als sommerliches Freibadwetter.

Der Tod übt eine unerklärliche, diffuse Faszination auf mich aus. So gilt meine Aufmerksamkeit den Todesanzeigen in der Zeitung, insbesondere den Geburtsdaten der Verblichenen. Ist jemand meines Alters oder gar jünger dabei, überkommt mich eine Art wohliger Schauer, genauer erklären kann ich das nicht, es ist dieser gewisse Grusel, der mit dem Gefühl der näher kommenden Einschläge einhergeht, eine innere Stimme, die da flüstert: »Siehst du, Freundchen, fühl dich nicht so sicher, auch dein Name könnte hier bald schon stehen«, worauf dann ein diabolisches Lachen wie am Ende von Michael Jacksons ‚Thriller‘ folgt. Vielleicht ist es ein ähnlicher Grund, der Menschen veranlasst, Splatterfilme oder Tatort zu kucken, die AfD zu wählen oder Helene Fischer zu hören. Haaaaahahahahahar…

Oder bin ich lebensmüde? Also nicht im Sinne größter auswegloser Verzweiflung, sondern eher nach dem Grundsatz »Wer saufen kann, kann auch arbeiten«, Verzeihung: »Wenn es am schönsten ist, soll man aufhören«, also eine positive Lebensmüdigkeit, falls es das gibt. Ja ich gebe zu, schon über Selbsttötung nachgedacht zu haben. Also nur theoretisch, ohne jegliche konkrete Absicht – keine Sorge, ich hege zurzeit keine Suizidabsichten, habe sie mangels Grund auch noch niemals gehegt und bin guter Hoffnung, dass es nicht dazu kommen wird. Und falls doch, wüsste ich schon, wie ich es anstellte, ganz ohne Schmerzen, Blut und Sauerei; zum einen, weil ich schmerz-, wärme- und kälteempfindlich bin, zum anderen, um denjenigen, die mich finden, den Tag nicht völlig zu versauen.

Was mögen meine letzten Worte sein? Vielleicht einfach nur »Oh oh…« oder »Ach du Scheiße«, oder »Zicke zacke Kranich- (bzw. Rentner-)Kacke« oder »Ich will ein Eis«, woraufhin mir mit tränenerstickter Stimme bedeutet wird, das sei schwerlich möglich, es sei November und die Eisdielen geschlossen. Doch nein: die am Kaiser-Karl-Ring hat noch geöffnet, kein Packpapier, keine Damenwäsche; die Zugvögel bleiben angesichts der milden Winter ja auch immer öfter hier. Man eilt also los, mir eine Portion Eis zu holen, und was sage ich, nachdem mir der Becher gereicht wurde? Vielleicht: »Das Eis hat keine Konsistenz.« Diesen Satz hörte ich vor einiger Zeit ein etwa achtjähriges Mädchen nörgeln, welches mit seinem Vater zuvor die oben besungene Eisdiele aufgesucht hatte. Was veranlasst etwa achtjährige Mädchen, solche Sätze zu sagen? Mit acht war mir das Wort ‚Konsistenz‘ unbekannt, aber heute reifen die Blagen ja immer früher heran. Vielleicht sage ich am Ende aber auch einen klugen Satz, den mir niemand zugetraut hätte und der, unter Tränen notiert, später oft zitiert wird, neben »Mehr Licht« und »Störet meine Kreise nicht«.

Wird man mir eine Todesanzeige in der Tageszeitung spendieren, wenn ja, was wird darin stehen? Bitte nicht »Plötzlich und unerwartet« oder so was. Vielleicht sollte ich mal gelegentlich einen Entwurf dazu erstellen, dazu ist es nie zu früh. Gleiches gilt für einen Grabsteinspruch, sofern meine Hinterbliebenen meine bleiche Hülle für eines Grabsteines würdig halten. »Wenn es am schönsten ist…«, siehe oben, finde ich gar nicht so schlecht. Ist mir aber egal, meinetwegen können sie nach meinem Ableben die noch brauchbaren Organe und sonstigen Körperteile entnehmen (der Organspenderausweis befindet sich in meinem Portmonee rechts) und den Rest entweder der Kadaververwertung zuführen oder, und das fände ich stilvoll, verbrennen und die Asche durch die Feuerbüchse einer Dampflok der Harzer Schmalspurbahn auf dem Weg zum Brocken jagen, oder gerne auch einer Lok der Dampf-Kleinbahn Mühlenstroth auf dem Weg nach Rödelheim. Aber dem steht wohl das deutsche Bestattungsrecht entgegen; was das angeht, verstehen die ja leider wenig Spaß.

Wie mag die Trauerfeier ablaufen? Da ich mittlerweile der hierfür traditionell zuständigen Institution den Rücken gekehrt habe, wohl ohne Kreuz und Pastor. Wer also wird die Trauerrede halten, und was wird er / sie sagen? Aber wieso überhaupt Trauer, vielleicht sind die ja alle froh, wenn ich mein Schirmchen endlich zugeklappt habe, wer mag es ihnen verübeln? Wenn ich mir was wünschen dürfte, dann eine Feier, die den Namen verdient: mit Musik von ABBA oder Oasis oder dieses Zeug, was die den ganzen Tag in Frankreich auf Radio Nostalgi spielen, meinetwegen auch mit Werbe- und Nachrichtengeplapper zwischendurch; außerdem keine schwarze Kleidung und kummervolle Mienen, dafür reichlich Bier und Wein, und Cola für die Kinder, und Häppchen.

Wie alt will ich werden? Keine Ahnung. Siebzig? Achtzig? Gar noch älter? Oder sind siebenundvierzig Jahre genug? Wenn es am schönsten ist… siehe oben. Irgendwann wird der Tod anklopfen, oder klingeln, oder er trifft per E-Mail oder Facebooknachricht ein, was weiß ich; zum Glück weiß heute niemand, wann. Aber dass er kommt, das ist – trotz Gentechnik und Gesundheits-Apps – sicher und trotz aller damit verbundenen Unannehmlichkeiten auch gut so. Und was danach kommt, darüber habe ich mir schon vor längerer Zeit meine Gedanken gemacht.

2 Gedanken zu “Gedanken zum Gedenken

  1. Nach Süden würde ich als Rentner nicht mal reisen wollen, wenn ich das Geld dazu hätte, denn ich mag den Herbst! Besonders wenn es draußen grau und trüb ist und es drinnen schön gemütlich wird. 🙂
    Naja, jedem das Seine!

    Aber keine Sorge … er neigt sich ja schon wieder dem Ende entgegen, der Herbst. In nicht einmal einem Monat werden die Tage wieder länger, und der Kreislauf des Lebens beginnt wieder von Neuem.

    Besonders richtig liegst du mit dem Zitat »Wer saufen kann, kann auch arbeiten«! In der Tat gibt es gewisse Arbeiten, die kann man leider wirklich nur unter Alkoholeinluss ausüben! 😉

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  2. Im übrigen bin ich doch recht zuversichtlich, dass du noch viele dieser Kreisläufe erleben wirst … es sei denn, du leidest an irgendeiner lebensbedrohlichen Krankheit, wovon ich nicht ausgehe.

    Bei der derzeitigen durchschittlichen Lebenserwartung giltst du mit deinen 47 ja fast noch als Jüngling. 😉

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