Woche 10/2026: Es wird einfach zu viel gequatscht

Montag: Kürzlich äußerte ich mich über die wachsende Zahl an Baustellen in Bonn. Eine weitere macht derzeit eine schmale Durchgangsstraße in der Inneren Nordstadt, nicht weit von unserer Wohnung entfernt, vorübergehend zur Sackgasse, wie ich abends beim Gang zum Rewe sah. An der Einmündung ist sie ordnungsgemäß per Verkehrszeichen als solche gekennzeichnet, was zahlreiche Autofahrer nicht davon abhält, trotzdem reinzufahren, vielleicht ist es ja ein Scherz, vielleicht kommt man trotzdem durch, schließlich fährt man hier täglich durch, das wäre ja gelacht. Nicht gelacht, nur ein wenig gegrinst habe ich, als sie langsam rückwärts wieder rausrollten.

Ansonsten bleibt es spannend, nicht nur angesichts der Weltlage und der jüngsten Ereignisse im Nahen Osten. Gelesen in einem ansonsten lesenswerten Blogartikel über das Schwinden der Langeweile: „Psychologisch betrachtet, ist Langeweile ein extrem spannender Zustand.“ So weit ist es gekommen, nun ist sogar Langeweile spannend.

Apropos Weltlage, ein Gruß aus der Symbolbilder-Hölle:

(General-Anzeiger Bonn online)

Beim Blick aus dem Bürofenster über die sonnenbeschienene Stadt kam mir der alte Hit „Sun Of Jamaica“ in den Sinn und er blieb als Ohrwurm für längere Zeit. Sollte es Ihnen beim Lesen dieser Zeilen nun ähnlich ergehen, bitte ich um Entschuldigung.

Im Übrigen war der Beginn dieser aufgrund Leifsteil-Teilzeit kleinen Woche insgesamt angenehm, auch wenn der Arbeitstag erst nach siebzehn Uhr und damit für mein persönliches Empfinden viel zu spät endete. Das Gleitzeitkonto freut sich. Obschon ich dadurch später als gewöhnlich zu Hause war, suchte ich nicht sogleich das Sofa, sondern zuvor das Sportstudio auf. Ab und zu staune ich über mich selbst.

Dienstag: In größerer Runde stellten sich drei neue Kollegen vor, dabei nannten sie jeweils als erstes bereitwillig und ungefragt Familienstand und Anzahl der Kinder. Wie immer fragte ich mich: Warum tun die das?

„Alles gut“ hörte ich im Laufe des Tages in auffälliger Häufung von unterschiedlichen Personen, diese auch in Frageform erhältliche Floskel, gleichsam die moderne Variante von „Wie geht’s?“, von mir zumeist und situationsunabhängig mit „Hervorragend“ oder „Ausgezeichnet“ beantwortet, was regelmäßig zu Verwunderung oder Erheiterung führt. Nun ist nicht alles schlecht, aus meiner persönlichen Perspektive jedenfalls überwiegt das Gute bei weitem, dennoch erscheint mir „Alles gut“ mindestens so übertrieben wie „Ausgezeichnet“ und „Hervorragend“ am Montagmorgen.

Ohne Zweifel gut war der Fußweg in die Wertschöpfung und zurück, morgens noch etwas handkühl, nachmittags durch frühlingshafte Milde, die ich wegen eines anschließenden Termins nicht für ein Feierabendgetränk nutzte.

Mittwoch: Nach dem Mittagessen war ich zur Untätigkeit gezwungen, was für einen insichbeurlaubten Beamten besonders bitter ist. Das kam so: Vor ein paar Tagen wurde ein Windows-Update angekündigt, dessen Installation eine halbe bis eineinhalb Stunden dauern würde, währenddessen wäre der Rechner nicht nutzbar. Nachdem heute angezeigt wurde, dass das Update zur Installation bereitsteht, wählte ich die Mittagspause dafür, zumal ich vor dem Essen mit der Kollegin auf einen Spaziergang im Park verabredet war (selbstverständlich buchte ich mich dafür aus dem Zeiterfassungssystem aus), der Rechner sollte also genug Zeit für die Installation haben. Indes: Als ich nach knapp einer Stunde ins Büro zurückkehrte, zeigte der ansonsten schwarze Bildschirm nur den HP-Sicherheitswolf an, eine Aktivität war nicht erkennbar. Na gut, die maximal eineinhalb Stunden waren noch nicht rum. Als sich eine Stunde später immer noch nichts tat, rief ich den Helpdesk an, wo man mein Anliegen freundlich zur Kenntnis nahm und ein Ticket anlegte. Danach passierte weiterhin nichts. Dank dienstlichem iPhone konnte ich immerhin den Maileingang sichten und über Teams ein Gespräch führen, somit war ich nicht ganz untätig, vielmehr wie stets bemüht. Nach einer weiteren Stunde Schwarzsehens erlaubte ich mir entgegen der Anweisung, den Rechner aus- und wieder einzuschalten. Kurz darauf erschien wieder der Sicherheitswolf, darunter drehte sich nun das Rödelrädchen, das war vorher nicht da und ließ hoffen. Siehe da, nach weiteren zehn Minuten des Rödelns und Hoffens tat sich endlich was, schließlich erschien der Startbildschirm und ich konnte mich wieder anmelden. Da es inzwischen fast halb vier war, verzichtete ich auf die übliche Sichtung des Pressespiegels, arbeitete noch ein paar Sachen ab und verschob den Rest der offenen Aufgaben auf Freitag – morgen habe ich frei – und Montag. An mir hat es nicht gelegen.

Sicherheitswolf im Schneegestöber

Donnerstag: Am freien Tag frönte ich der Wanderlust. Nach dem Frühstück im Bäckereicafé am Hauptbahnhof fuhr ich mit der Bahn bis Bonn-Duisdorf. Ab da ging es durch das Vorgebirge* über die Orte Gielsdorf, Alfter, Brenig, Dersdorf, Waldorf bis Kardorf (nicht zu verwechseln mit Karstadt, hi hi), dort bog ich rechts ab, runter in die Rheinebene, durch das Eichenkamp-Wäldchen bis nach Uedorf, von dort mit der Stadtbahn zurück nach Bonn.

*Das klingt spektakulärer als es ist. So heißt die mäßig hohe Erhebung westlich des Rheins zwischen Bonn und Köln. Mehr dazu bei Bedarf hier.

Die erste Hälfte führt überwiegend durch rheinische Dörfer, es gibt es auch Abschnitte durch Wald und Feld. Das Wetter war bestens, schon nach einer halben Stunde wurde es so warm, dass die Daunenjacke im Rucksack verstaut wurde. Die Landschaft auf der zweiten Hälfte zwischen Vorgebirge und Rhein ist zunächst eintönig: Nachdem man ein tristes Gewerbegebiet mit viel Schotterfläche unterhalb von Kardorf hinter sich gelassen und die Vorgebirgsbahn (Stadtbahnlinie 18) überquert hat, flaniert man auf asphaltierten Wegen durch weite, ebene Felder ohne Baum und Strauch, dafür mit Hochspannungsmasten, ehe es ab der Rheinmittelterrassenkante (ein schönes Wort mit hohem Scrabblepunktepotential) wieder abwechslungsreicher wird. Zur Querung der Bahnstrecke Köln – Bonn muss man eine Anrufschranke passieren. Die ist grundsätzlich geschlossen, nur auf Anforderung per Knopfdruck an einer Gegensprechanlage wird sie geöffnet, falls nicht gerade ein Zug kommt. Wenn doch, sagt die freundliche Dame „Moment, eine Zugfahrt“, so wie bei mir heute, und öffnet anschließend. Ob am anderen Ende eine echte Eisenbahnerin sprach oder ein Bot (bzw. eine – wie heißt das – Botin?), war nicht klar zu erkennen. Egal, Hauptsache, man kommt über die Gleise und nicht unter die Räder.

Kurz vor dem Eichenkamp wich ich von der vorgegeben Route ab, weil die Karte eine schönere Strecke entlang des Bornheimer Baches in Aussicht stellte. Dazu überquerte ich die stark befahrene Landstraße 192 an einer nicht für Überquerungen vorgesehenen Stelle, es ging gut und hat sich gelohnt. Am Bach sah ich erstmals einen Eisvogel, jedenfalls glaube ich, dass es einer war, so ein blauglänzender. Im übrigen sah ich heute den ersten Schmetterling des Jahres, ob Tagpfauenauge oder Kleiner Fuchs war im Flattern nicht klar zu erkennen, und die erste Hummel.

Den Eichenkamp-Wald müssen erst kürzlich schwere Maschinen der Forstwirtschaft heimgesucht haben, einige Wege waren aufgewühlt, zum Glück wegen der Trockenheit der vergangenen Tage nicht mehr matschig. Ansonsten ist das Wäldchen erfüllt vom Dauerrauschen der Autobahn 555 in unmittelbarer Nähe.

Fazit: Eine schöne Wanderung, auch wenn die Freunde lauschiger Pfade durch wilde Wälder und Landschaften vielleicht etwas zu kurz kommen. Warum Komoot sie als „schwer“ klassifiziert, ist nicht nachvollziehbar. Mit gut zweiundzwanzig Kilometern ist sie nicht besonders lang, nennenswerte Steigungen und Wege mit Rutsch- und Stolpergefahr weist sie auch nicht auf, in fünf Stunden einschließlich Mittagsrast ist sie gut zu schaffen.

Blick von Gielsdorf auf die Rheinebene
Zwischen Gielsdorf und Alfter
Alfter
Ebenfalls
Brenig
Links die Rheinmittelterrassenkante
Anrufschranke
Unendliche Weiten und Hochspannung
Bornheimer Bach
Im Eichenkamp
Ebendorten

Freitag: Es ist immer wieder erstaunlich, wie viele Mails sich während eines freien Tages ansammeln können. Dadurch war ich heute gut beschäftigt mit Dingen, deren Inhalt und Notwendigkeit Außenstehenden, zum Beispiel Ihnen, nur schwer zu erklären wären, was nicht, dessen können Sie versichert sein, an Ihrer Intelligenz liegt. Das wichtigste: Es hängen keine Menschenleben davon ab.

Der Vormittag war wieder eine lückenlose Aneinanderreihung von Besprechungen. Es wird einfach zu viel gequatscht, diese Erkenntnis ist nicht neu und nicht als Klage zu verstehen; wie bereits mehrfach ausgeführt, werde ich dafür gut bezahlt. Auf zwischendurch per Teams-Chat eingehende Anfragen, ob ich kurz Zeit hätte, reagierte ich mit einem vor mich hin gemurmelten „Nein“, mein Redebedarf für den Tag war gedeckt, jedenfalls in Büroangelegenheiten. Zum Schluss war nicht alles abgearbeitet, auf dass kommende Woche auch noch was zu tun ist.

Samstag: Schon um sieben stand ich auf, da eine Reise nach Bielefeld anstand zum Besuch der Mutter. Auch wenn vorzeitiges Aufstehen wider meine Natur ist, gerade am Wochenende, so mag ich doch die ruhige Stimmung am Samstagmorgen in der Stadt, wenn noch wenige auf den Straßen sind. Nach pünktlicher Abfahrt in Bonn schaffte es die Bahn auch heute wieder, bis Bielefeld eine halbstündige Verspätung aufzubauen; vor nahezu jedem Halt blieben wir stehen und es kam die Ansage, unser Gleis sei noch belegt. Die Weiterfahrt verzögerte sich des öfteren, weil vor uns die Strecke noch nicht frei war. Als ob die ganze Zeit ein lästiger Bahntroll mit einer Handhebeldraisine vor uns her bummelte. Insgesamt dauerte es von Tür zu Tür fast fünfeinhalb Stunden, mit dem Auto hätte es, freie Autobahn vorausgesetzt, weniger als die Hälfte gedauert. Doch meine tiefe Abneigung gegen das Autofahren war stärker. (Diese Zeilen wurden während der Rückfahrt notiert, was als Wagenlenker nur schwierig zu bewerkstelligen wäre, wobei ich nicht ausschließe, dass viele Autofahrer diesbezüglich nur geringe Hemmungen haben, wenn man sieht, wie viele während der Fahrt auf ihr Datengerät schauen.)

Hier standen wir etwas länger wegen Überholung durch einen ICE

Die Rückfahrt verlief dagegen absolut pünktlich, es geht also doch manchmal. In Dortmund stieg jemand zu und setzte sich neben mich. Als er sein Notizbuch hervorholte und längere Zeit etwas hineinschrieb, anstatt aufs Datengerät zu schauen oder gar zu telefonieren, wurde er mir sogleich sympathisch. Aus Sympathiegründen holte ich ebenfalls mein Notizbuch aus der Tasche und notierte diese Beobachtung darin.

Sichtung während der Fahrt: Die Forsythien beginnen zu blühen. Jedes Jahr freue ich mich darüber, als ob etwas in mir fürchtete, sie könnten irgendwann die Blüte dauerhaft einstellen.

Sonntag: Die warme Frühlingssonne lockte zahlreiche Menschen zu Fuß und Rad nach draußen, auf den dicht bevölkerten Rheinuferwegen sah man viele Sonnenbrillen und über dem Arm getragene Jacken – ich hatte gar nicht erst eine angezogen -, vermehrt auch kurze Hosen. Auch ich unternahm den tagesüblichen, wetterunabhängigen Spaziergang, heute auf die andere Rheinseite, wo in den Auen vor Schwarzrheindorf die Mirabellen in voller Blüte stehen. Besonders erfreulich: Der Lieblingsbiergarten hat schon geöffnet. Daran konnte ich nicht vorbeigehen. Nach Rückkehr schien die Sonne auf unseren Balkon, so dass ich die Sonntagszeitung erstmals in diesem Jahr draußen lesen konnte. Bis sie hinter den Häusern verschwand und es sogleich kühler wurde.

Mirabellenblüte
Utepils

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche.

(18:30)

Woche 8/2026: So langsam muss mal ein Schlussstrich unter den Winter gezogen werden

Montag: Anlässlich des Rosenmontags wurde der freie Tag dieser kleinen Woche auf heute vorverlegt. Die aktive Karnevalssaison endete für mich mit der Teilnahme unseres Musik-Corps am Zug in Wachtberg-Niederbachem. Der erwartete Regen begann pünktlich mit Start des Umzugs, er fiel zum Glück nur kurzzeitig, anschließend ließ sich sogar die Sonne blicken. Dank Regenschutzhülle konnte er die Stimmung nicht wesentlich senken. Störender war unsere Platzierung direkt hinter einem Wagen, der die Umgebung aus großen Lautsprecherboxen mit Karnevalsmusik der nach meinem persönlichen, unmaßgeblichen Empfinden eher üblen Sorte beschallte. Das erschwerte uns das Spielen, auch dürfte für die Zuschauer am Straßenrand die Mischung aus Wackelkontakt und Ruetz-Marsch wenig erbaulich gewesen sein. Nach gut zwei Stunden war auch das überstanden. Das war es dann, in neun Monaten geht es wieder los. Ob schon oder erst, mag jeder für sich bewerten.

Der verpackte Chronist (Mitte) in voller Konzentration (Foto: Sandra Schmitz)

Abends vor dem Schlafen beendete ich die Lektüre von „Man kann auch in die Höhe fallen“ von Joachim Meyerhoff. Schade, ich hätte es gerne noch mehrere hundert Seiten weiter gelesen. Ein wunderbares Buch, auch wenn die teflonbeschichtete Robustheit der Mutter auf Dauer etwas anstrengend wird.

Bei Blogissimo las ich zum Thema Duzen und Siezen: „Blogger duzen sich natürlich auch untereinander.“ Nein, natürlich nicht. Ich werde Sie hier selbstverständlich weiterhin siezen, ungeachtet dessen, ob Sie bloggen oder nicht.

Dienstag: Morgens kurvten Kehrmaschinen lärmend durch die Fußgängerzone und fegten den Rosenmontag auf. Wie stets fragte ich mich, warum die Dinger so laut sein müssen.

Über dem ersten Arbeitstag der Woche lag Montagsmüdigkeit, was weniger auf ethanolische Nachwirkungen der Karnevalstage zurückzuführen war, vielmehr trübte eine aufkommende Erkältung das Wohlempfinden und den Arbeitseifer. Dennoch wies die Aufgabenliste zum Arbeitsende erstaunlich viele Erledigungshaken auf, wobei ich eine Aufgabe nach einer anstrengenden, das Thema betreffende Besprechung, in der alle durcheinander redeten und vieles mehrfach gesagt wurde, abhakte, indem ich mich für nicht mehr zuständig erklärte. Fühlt sich gut an, sollte ich öfter tun.

Weg ins Werk
Heimweg

Abends, zum Zeitpunkt der Niederschrift dieser Tagesnotiz, fühle ich mich bematscht im Kopf und erwäge, mich morgen krank zu melden.

Mittwoch: Etwa ein Drittel der Frühnachrichten im Radio bestand aus Sport, erst Olympia, dann Fußball. Das zeigt mir ein weiteres Mal, wie sehr sich meine Welt von der der Mehrheit der Menschen unterscheidet, die das offenbar interessant und wichtig findet. Witzig fand ich die Meldung zum Aschermittwoch, an dem sich die Katholen ein Aschekreuz auf die Stirn malen lassen: Einige Kirchen boten es auch als Aschekreuz to go an, ohne vorher einen Gottesdienst über sich ergehen lassen zu müssen.

Trotz Erkältung schlief ich ganz gut. Einen Anteil daran hatte vielleicht der Schnaps, den mir der Geliebte vor dem Schlafengehen gereicht hatte („Trink den, Wick Medinait ist auch mit Alkohol, das ist nichts anderes.“) Beim Aufwachen war die Nase zu, auf den Ohren lag ein Sausen, daher beschloss ich, heute im Bett zu bleiben. Nachdem die Lieben aus dem Haus waren, schlief ich wieder ein und wachte erst gegen Mittag wieder auf.

Draußen schien freundlich die Sonne und ich beschloss, das Bett zu verlassen und nach Körperpflege und immerhin mit Appetit verzehrtem Mittagsfrühstück die weitere Genesung auf das Sofa zu verlagern, wo ich Musik hörte und diese Zeilen notierte. Mit zunehmender Müdigkeit zog ich mich wieder zurück ins Bett, wo ich den Nachmittag in angenehmer Weise verschlief.

Donnerstag: Da ich mich morgens nicht wesentlich besser fühlte, beschloss ich, auch heute der Werktätigkeit zu entsagen, dem Bundeskanzler zum Unwohlgefallen. Außerdem regnete es, für sich genommen selbstverständlich kein hinreichender Grund, der Arbeit fern zu bleiben.

Die meiste Zeit verbrachte ich schlafend im Bett, unterbrochen vom Mittagsfrühstück, außerdem bereinigte ich in wacher Stunde mein Kontaktverzeichnis. Auf die Löschung mancher Kontakte, deren dahinter stehenden Personen längst nicht mehr im Lichte wandeln, verzichtete ich; so richtig ist ein Mensch erst dann gestorben, wenn sein Kontakt aus allen Adressbüchern gelöscht wurde.

Mit Rückkehr des Geliebten am späten Nachmittag kehrte eine gewisse Geschäftigkeit ein und ich verlagerte, genug geschlafen habend, mein Dasein wieder vom Bett aufs Sofa. So kam ich doch noch zu einem freien Donnerstag, wenn auch ohne Auswärtsfrühstück, Wandern, Currywurst und Bier.

Morgen versuche ich es wieder mit Büro, so der Plan. Heimbüro scheidet aus, weil sich der Rechner am Arbeitsplatz befindet, zudem empfinde ich ohnehin eine tiefe Abneigung dagegen.

Freitag: Nach gut durchschlafener Nacht ohne läufige Nase fühlte ich mich morgens soweit genesen, dass ich einen Arbeitsversuch wagen konnte. Im Gegensatz zur Nase lief der Arbeitstag gut, die Müdigkeit war geringer als an einem durchschnittlichen Montag; kein Wunder bei der Schlafmenge der letzten Tage.

Im Laufe des Berufslebens lernt man viele spezifische Fachbegriffe, die es nur in der jeweiligen Firma gibt und die bei Außenstehenden auf Unverständnis stoßen oder gar Belustigung hervorrufen. Es ist wohl nicht übertrieben, wenn ich das heute gehörte Produktionsprodukt dazu zähle.

Aus einer internen Mitteilung über offene Stellen im Unternehmen: „Jetzt reinschauen – vielleicht wartet eine nächste spannende Herausforderung auf Dich!“ Danke, ich möchte für den Rest meiner Jahre einfach nur in Ruhe meine Arbeit machen. Und vor allem nicht von euch geduzt werden.

Was schön war: Der außerplanmäßige Fußmarsch zurück bei aufmildender Temperatur, nachdem ich morgens zur Schonung des genesen(d)en Körpers mit der Bahn statt dem Fahrrad ans Werk gefahren war.

Dialog des Abends: „Würdest du dir selbst trauen?“ – „Natürlich.“ – „Ich meine, wenn du ich wärst.“ – „Hm, da wäre ich vorsichtig.“ Wir mögen uns trotzdem immer noch sehr, meistens jedenfalls.

Samstag: Mittags war ich mit einer Gruppe verabredet, um gemeinsam das Haus der Geschichte zu besuchen, das seit geraumer Zeit nach Renovierung und mit aktualisierter Präsentation der Sammlung wieder geöffnet hat. Ohne dieses Gruppentreffen wäre ich wohl nicht so bald dorthin gekommen, als Bonner wohnt man einfach zu nah dran, Sie kennen das vielleicht, wenn Sie selbst in der Nähe einer Sehenswürdigkeit wohnen.

Vorher frühstückte ich im Bäckereigeschäft am Hauptbahnhof. Dort arbeitet ein stets auffallend freundlicher, gut gelaunter Verkäufer. Die Warteschlange kann noch so lang, die Kunden können noch so knurrig sein, er hat stets für jeden ein freundliches Wort; Stress scheint ihm fremd zu sein, er vermittelt den Eindruck, echte Freude an seiner Arbeit zu haben. Das erinnert mich an meinen früheren Kollegen Günther W., der am Schalter des Postamts in Bielefeld-Stieghorst arbeitete. Während Schalterbeamte der Post nicht gerade als die Verkörperung von Freundlichkeit galten, schon gar nicht die im Hauptpostamt am Bahnhof, zu deren Repertoire es gehörte, Postbenutzer (das Wort Kunden schien ihnen suspekt zu sein) zum Nebenschalter zu schicken, ohne einmal aus ihrer Zeitung aufzuschauen, war W. im ganzen Stadtteil wegen seiner fröhlichen Art bekannt und beliebt. Eine zeitlang saßen wir Schalter an Schalter, nach einem Tag kannte ich seine Sprüche. Jedenfalls verlor die Post mit seiner Pensionierung einen echten Sympathieträger, der einiges zur Verbesserung ihres Ansehen beigetragen hatte. An ihn musste ich heute beim Frühstück denken. Liebe Firma Merzenich, ich empfehle Ihnen, dem Mitarbeiter eine Prämie zu zahlen.

Ihnen empfehle ich die Ausstellung im Haus der Geschichte, sie ist unbedingt sehenswert. Sie bildet die deutsche Geschichte ab von der Kapitulation 1945 bis heute mit zeitgenössischen Dokumenten, unter anderem dem Schmierzettel von Günter Schabowski, als er 1989 versehentlich die sofortige Grenzöffnung der DDR auslöste, Filmen, Gegenständen und vielem mehr. Apropos Schabowski: Auch nach nunmehr sechsunddreißig Jahren erzeugen mir die Bilder der jubelnden Menschen, die ihr Glück kaum fassen können, als sie erstmals die Berliner Mauer passieren dürfen, feuchte Augen. Leider währte diese Freude für viele von ihnen nicht sehr lange, auch das wird ausführlich thematisiert, Stichwort Treuhand. Die Ausstellung endet mit Digitalisierung, Covid-19-Pandemie, Ukrainekrieg und der Ahrtalflut. Die Zeit verging sehr schnell, es ist kaum möglich, an einem Nachmittag alles zu sehen. Wenn Sie mal in Bonn sind oder gar hier wohnen, nehmen Sie sich die Zeit, es lohnt sich sehr.

Wussten Sie, dass die FDP 1949 per Wahlplakat forderte, jetzt müsse mal endlich ein Schlussstrich gezogen werden, wie heute ein gewisser Bernd Höcke?

..

Nun ist wieder Fastenzeit. Bislang von mir weitgehend ignoriert, habe auch ich mir dieses Mal etwas vorgenommen: Das Wort „aber“ zu meiden. Weil es oft echt nervt, zuletzt fiel mir das wieder auf während der am Dienstag erwähnten Besprechung.

Sonntag: Nach dem Frühstück entfernten wir die Lichterketten auf dem Balkon, auch wenn der Geliebte meint, das lohnt sich nicht, weil wir sie ohnehin bald wieder anbringen werden, womit er nicht ganz unrecht hat; ähnliche Gedanken äußerte ich erst kürzlich, soweit ich mich erinnere.

Anschließend unternahm ich bei nahezu frühlingsmilder Temperatur, von Vogelgesang begleitet, einen Spaziergang bis nach Graurheindorf und am Rhein entlang zurück. Die Begrünung der Bäume lässt noch auf sich warten, so langsam muss mal ein Schlussstrich unter den Winter gezogen werden, finde ich. Immerhin setzte der Regen aus, erst während des letzten Viertels der Runde fielen ein paar Tropfen, die mit dem Schirm problemlos abzuwehren waren.

Hihi …
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Hochwasser

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut und möglichst gesund durch die Woche.

19:00

Woche 12/2025: AFAICS

Montag: An den inflationären Gebrauch des Wortes „spannend“ als Synonym für interessant hat man sich inzwischen gewöhnt, selbst Pilze und Schnecken können heutzutage spannend sein. Eine gewisse Steigerung stellt da die Ankündigung von „exciting news“ dar, heute gleich zweimal in unterschiedlichen Zusammenhängen gelesen. Meine Aufregung über das derartig Verkündete hielt sich in Grenzen.

Dienstag: Der strahlende Sonnenschein bildete einen deutlichen Kontrast zum kalten Wind, der mir morgens auf dem Fußweg ins Werk entgegen blies. Auch die Läufer am Rheinufer liefen überwiegend langebehost, wer wollte es ihnen verdenken. Verdenken kann man einigen von ihnen allenfalls, dass sie dabei konsequent und ohne Not auf dem Radweg laufen, das aber unabhängig von Temperatur und Hosenlänge.

Nachmittags hatte ich einen Termin beim Hals-Nasen-Ohren-Arzt, um das Hörvermögen mal wieder überprüfen zu lassen. Während ich – wie schon mehrfach geschrieben – es keineswegs als Nachteil empfinde, nicht mehr alles so genau zu hören, erst recht nicht das Gerede fremder Menschen am Nebentisch oder in der Bahn, liegt mir der Liebste schon lange in den Ohren, endlich was gegen meine Hörschwäche bei Hintergrundgeräuschen zu unternehmen. Indes der Befund: Keine Verschlechterung zum letzten Mal, weiterhin keine Hörhilfe erforderlich. Mit meinem Hinweis, er müsse einfach deutlicher sprechen, wenn wir etwa in einer Gaststätte sind, stoße ich regelmäßig auf taube Ohren.

Wie mir Epubli schrieb, hat im Februar jemand mein Buch gekauft. Ich sage herzlichen Dank und wünsche viel Vergnügen damit.

Wie die Zeitung berichtet, hat in Gera ein Mann in der Straßenbahn seine Gattin mit einer brennbaren Flüssigkeit in Brand gesetzt. Dazu die Zeitung: „Die Tat in Gera lässt den Atem stocken: Am helllichten Tag brennt eine Frau“ – hätte er sie etwa besser abends anzünden sollen? „Das ist kein alltägliches Geschehen“, wird dazu eine Polizeisprecherin zitiert. Die Frau versteht ihr Hand- beziehungsweise Mundwerk.

Herr Gunkl schreibt: »Der* Erwiderung „Das ist polemisch!“ wird meist dann gebracht, wenn der Formulant dieses Vorwurfs gerade bemerkt hat, daß seine Argumente einem deutlichen, sauberen Schachmatt erlegen sind.«

*Das sollte wohl „Die“ heißen. Trotzdem treffend.

Mittwoch: Ein (mir) neuer Gruß aus der Küche der Kommunikationshölle erreichte mich morgens: „AFAICS“. Wie eine kurze Recherche ergab, steht das für „as far as I can see“. Soweit ich das sehe, vollendeter Bullshit.

In Zeiten zunehmender Falschmeldungen ist ein Abo für Qualitätsmedien gut angelegtes Geld: Laut Zeitung ist der Trigema-Chef Wolfgang Grupp im echten Leben niemals dem Affen Charlie begegnet. Für diese Nachricht zahlt man doch gerne.

Abends schrieb ich einige Zeilen an meinem nur langsam vorankommenden Romandings, das, so viel sei verraten, völlig ohne Liebe und Triebe auskommt. Es ist nicht so, dass mir dazu die Zeit fehlte, es mangelt nur am regelmäßigen Aufraffen und Machen. Ich weiß nicht, woran das liegt; dieses Blog regelmäßig zu befüllen schaffe ich ja auch.

Donnerstag: Da große Woche ist, musste ich heute arbeiten, das war nicht schlimm. Auf dem Rückweg erlaubte ich mir, da es deutlich milder geworden ist, das erste Freiluftbier der Saison, wofür die Norweger das Wort Utepils verwenden, ich erwähnte es schon in den Vorjahren. Ort des Genusses war der Außenbereich des Rheinpavillons, auf einer Schräge unmittelbar am Ufer, gleichsam auf (Bull-)Augenhöhe mit den Schiffen. Nächsten Donnerstag habe ich wieder frei, voraussichtlich ohne Freiluftbier, weil es wieder kühler werden soll. Haben die Norweger auch ein Wort für Bier in geschlossenen Räumen? Wobei der Bedarf für ein solches Wort überschaubar sein dürfte, aber hey, das gilt ja für viele Wörter, dennoch werden sie häufig hergeplappert. (Woher kommt eigentlich dieses pubertär-dämliche „aber hey“?)

Hinweg
Utepils

Freitag: Eine nicht neue, heute bei Ankunft im Turm bestätigte Erkenntnis ist, manchen Menschen geht die Kombination der Wörter „guten“ und „Morgen“ nur schwer über die Lippen. Vielleicht hat man es ihnen nicht beigebracht. Das ist indes kein Hindernis, um Teamleiter zu werden.

Ebenfalls nicht neu die Frage, warum Toilettenkabinen nicht schall- und geruchsdicht gebaut werden. Zu den Dingen, die ich ganz besonders wenig schätze, gehört die akustische und olfaktorische Zeugenschaft anderer Leute Darmentleerung. Nicht zu Hause und erst recht nicht in Gemeinschafts-Verrichtungsorten wie in Bürogebäuden und Gaststätten.

„Älterwerden hat nicht viele, aber doch einige Vorteile“ schreibt Kurt Kister in seiner wöchentlichen Kolumne Deutscher Alltag, die ich seit heute nach Neuanmeldung wieder empfange, nachdem ich aus rätselhaften Gründen schon zweimal aus dem Verteiler gefallen bin.

Der Meister des Symbolbilds stellt wieder sein Können unter Beweis:

(General-Anzeiger Bonn)

Samstag: In der Inneren Nordstadt hat die Kirschblüte begonnen und sie lockt die ersten Fotografenden an. Falls auch Sie deswegen in nächster Zeit eine Reise nach Bonn planen, warten Sie noch etwas, die Bäume in den beiden Hauptblühstraßen brauchen noch etwa zwei Wochen, bislang sind nur erste, wenig fotogene Knospen erkennbar, die von einigen ebenfalls fotografiert werden, warum auch immer.

Frühblüher in der Maxstraße

Sonntag: Ein großer Textilhändler in der Innenstadt bietet laut Schild im Schaufenster Styles ab 25,99€ an, wie ich während des Spaziergangs sah. Warum auch nicht. Ansonsten lockt der Frühling wieder zahlreiche Menschen nach draußen, das jahreszeittypische Nebeneinander von T-Shirts und Daunenjacken. Auch die Natur hat umgestellt auf Frühling: Forsythien und Magnolien stehen in voller Blüte, die Kastanien in der Südstadt bringen zartes Grün hervor. In der Außengastronomie auf dem Münsterplatz fand ich einen freien Platz, aus Vernunftgründen bestellte ich eine Limonade. Direkt gegenüber, am Fuße des Beethoven-Denkmals, säugte unter den Augen zahlreicher Cafébesucher eine Frau an freigelegter Brust ihr Kind, das für einen Säugling ungewöhnlich groß wirkte.

Zum guten Schluss: Erfreulich in dieser Woche waren der Hörbefund, das erste Freiluftbier und mehrere geschriebene Zeilen.

***

Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche.

Woche 25/2023: Wer nicht melden will, muss schwitzen

Montag: Meine Morgenstimmung hätte Erika Fuchs, die damalige Übersetzerin der Donald-Duck-Comics, wohl mit einem »SEUFZ!“ treffend auf den Punkt gebracht. Bei Ankunft im Werk lag eine Störung der Schließtechnik vor, die mir zwar Zugang zum Büro gewährte, jedoch nicht in den Gebäudeteil mit der Kaffeemaschine. Stöhn. Im Laufe des Morgens wurde die Störung behoben und die Stimmung hob an. Auch sonst zeigte sich der erste Arbeitstag nach zwei Wochen Urlaub recht freundlich, die Zahl der eingegangenen Mails war erstaunlich niedrig, darunter keine Problemfälle mit weiterem Seufzpotenzial.

Es ist heiß, die Rasenfläche hinter dem Bürogebäude ist verdorrt, bereits jetzt, dabei hat der Sommer noch gar nicht richtig begonnen. Wo soll das hinführen?

Am frühen Abend, als ich Brötchen für das Abendessen holte, ging ich durch die Innenstadt und dachte: Was für komische Leute. Ich kann das an nichts festmachen, objektiv gesehen waren es die gleichen wie sonst auch. Vermutlich, sofern sie mich überhaupt wahrnahmen, fanden sie mich genauso komisch. Ich kann es ihnen nicht verdenken.

Dienstag: Nur weil es etwas wärmer ist, ist das kein Grund, nicht zu Fuß ins Werk zu gehen.

Promenade
Provence am Mutterhaus

Nach langer Zeit mal wieder insgesamt fast vier Stunden Besprechung in Präsenz mit elf Menschen, Kaffee und Kaltgetränken in einem immerhin angenehm temperierten Besprechungsraum. Danach fühlte ich mich erschöpft. Man ist nichts mehr gewohnt.

Früher sagte man: „Der führt was im Schilde“; heute: „Der verfolgt eine Agenda“.

Mittwoch: Es musste so kommen. Vormittags kam jemand von der Haustechnik, um die Jalousie im Büro zu reparieren, die nicht mehr herunterfährt. Leider ohne Erfolg, die Fachfirma muss ran. Dass bis auf Weiteres nachmittags die Sonne ins Büro scheint und zusätzlich wärmt, kann ich niemanden zum Vorwurf machen, außer mir selbst. Erst am Montag habe ich die Störung gemeldet, obwohl sich das Teil seit Wochen nicht mehr bewegt. Im Winter hatte ich wochenlang gefroren, weil es im Büro wegen defekter Heizung (oder wegen Putin) an manchen Tagen nicht wärmer als achtzehn Grad wurde. Als dann eines Tages die Jalousie oben blieb, dachte ich: Muss ich mal melden, hat keine Eile. Dann kam der Urlaub. Wie die Oma schon wusste: Wer nicht melden will, muss schwitzen. Mein Zweitname sei Prokrastin. Der Ventilator ist einstweilen mein bester Freund.

Diese Besprechung hätte eine Mail sein können, dachte ich nach einer Teams-Runde, die für eine halbe Stunde angesetzt und schon nach wenigen Minuten beendet war. Das mal positiv sehen.

Ansonsten ein weiterer warmer Tag mit kurzem Gewitter am Nachmittag, dessen kühlende Wirkung sich binnen kurzer Zeit verflüchtigte. Eigentlich hatte ich mir für den Abend vorgenommen, zu laufen. Doch bei der Wärme – och nö.

Donnerstag: Die für heute angekündigten Unwetter zeigten sich zumindest hier bei uns einigermaßen gemäßigt. Planmäßig konnte ich zu Fuß ins Werk gehen, erst gegen Mittag kam der erste Regen auf, der sich zu einem Gewitterschauer aufbaute und bald wieder nachließ, das gleiche nochmal am späten Nachmittag kurz vor end of business. Außerhalb der Regenphasen war es weiterhin warm, die »Herbstliche Gnocchi-Gemüsepfanne« mittags in der Kantine brachte keine innere Abkühlung, ebensowenig die Schilder »Kein Winterdienst« in den Rheinauen.

Den diesjährigen Preis für Verpackung verdient dieses französische Keksprodukt

Freitag: Ich lasse es dem Universum als kleine Zankerei zum Wochenende durchgehen, dass morgens, gerade als ich eingeseift unter der Dusche stand und nicht eingreifen konnte, im Radio mal wieder Giesingers Lied über die frustrierte tanzende Mutter gespielt wurde, was mich danach noch längere Zeit ohrwurmend begleitete.

Morgens auf dem Fahrrad umspielte mich ungewohnt angenehme Junikühle, fast schon war es zu kalt ohne Jäckchen. Nachmittags auf dem Rückweg wieder Wärme.

Der Kollege, der immer gar wunderbare Wörter benutzt, schickte per Mail ein kurzes Heads-up, worin er einen Optionenraum aufzeigt. Es ging um Probleme mit einem neu eingeführten Prozess. Als ich vor Wochen die zugehörige Prozessanweisung las, war mein Gedanke: Das wird nicht funktionieren, doch verzichtete ich, da es nicht viel mehr als ein aus jahrelanger Erfahrung gewachsenes Bauchgefühl war und zudem mangels fachlicher Zuständigkeit, auf entsprechende Kommentare in Richtung der Verantwortlichen; man hätte es auf Wunsch von höchster Stelle so oder so eingeführt. „Ihr macht das schon“ ist oft klüger als „Ich würde das anders machen“.

Samstag: Der General-Anzeiger stellt in einer Beitragsreihe ab heute spannende regionale Ausflugslokale vor: »Ein kühles Getränk, ein Sitzplatz mit Aussicht und dazu am besten noch ein Sonnenuntergang.« Das ist vor Spannung kaum auszuhalten. Warum heißt es immer häufiger „spannend“, wenn „interessant“ oder einfach nur „nett“ gemeint ist? Ist das Bequemlichkeit, nach dem passenden Wort zu suchen?

Mittags in der Fußgängerzone sprach mich ein sehr junger Mann von der Seite an, was ich überhaupt nicht mag, nicht von jungen Männern noch von mittelalten Frauen. Da er nicht den Eindruck erweckte, um Bargeld anzuhalten und auch sonst ganz hübsch anzusehen war, ließ ich ihn sprechen, und also frage er, ob er mir etwas aushändigen dürfte. In seiner Hand hielt er einige Zettel und Prospekte, die als christlich-religiöse Druckerzeugnisse auszumachen waren. Ich lehnte dankend ab. „Darf ich wenigstens für Sie beten?“, fragte er dann, wogegen ich nichts einzuwenden hatte, etwas Fürbitte schadet nicht. „Wie heißen Sie denn?“, wollte er noch wissen. Das wurde mir etwas zu intim, daher verweigerte ich die Auskunft. Wenn er seinem Gott später sagt, dieser ältere Kerl mit kurzer Hose, Chucks und rotem Polohemd, wird der schon wissen, wem das Gebet gilt.

Sonntag: Ein ruhiger, warmer Tag. Auch die Sonntagszeitung widmet sich der Frage, warum den fünf Insassen des Tauchbootes, die auf dem Weg zum Wrack der Titanic ums Leben gekommen sind, mehr Aufmerksamkeit zuteil wurde als mehreren hundert Flüchtlingen, die kürzlich im Mittelmeer ertrunken sind. Vielleicht weil wir uns ein paar übermütigen Reichen näher fühlen als den namenlosen Menschen auf der verzweifelten Suche nach einem besseren Leben, was weiß ich. Menschen sind und bleiben seltsam.

Im Zusammenhang mit der zerdrückten Tauchkapsel ist hier und da das Wort „tragisch“ zu vernehmen. Das halte ich für falsch. Der geplatzte Tauchgang ist vergleichbar mit Jugendlichen, die im Übermut auf abgestellte Güterwaggons klettern und dort vom Schlag der Oberleitung getroffen werden. Das ist nicht tragisch, sondern einfach dumm.

Beim Spaziergang durch die Nordstadt und an den Rhein begegneten mir nur wenige Menschen. Auch im Lieblingsbiergarten waren die meisten Tische frei, das zahlreiche Personal unausgelastet. Entweder ist es den Leuten zu heiß, oder sie sind im Urlaub.

Keine Werbung, jedenfalls keine bezahlte

In einer Seitenstraße rollte vor mir langsam ein riesiger weißer Mercedes-SUV, dessen linker Vorderreifen platt war. Er fuhr in eine Parkbucht, der Fahrer stieg aus, ging in die Hocke und betrachtete das Schlamassel. Obwohl völlig unangebracht, musste ich ganz kurz innerlich grinsen.

Statt Alkohol bevorzugt die Jugend zunehmend Fruchtgetränke, das ist zu loben. Auch damit kann man manches falsch machen.

Falsch
Richtig

Beim Gehen fragte ich mich: Werden die eigentlich inzwischen mit diesen weißen Hörstöpseln in den Ohren geboren?

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Kommen Sie gut durch die Woche, möglichst ohne Seufzen und Stöhnen.

Woche 9/2022: Jedem seinen Alb

Montag: Nachdem ich gegen halb vier in der Frühe aus einem nicht sehr unangenehmen Traum erwacht war, hinderten mich innere wie äußere Unruhe zunächst am Wiedereinschlafen. Erst gegen fünf fand ich erneut in den Schlaf, ehe mich die Radionachrichten um halb sieben zum Aufstehen in eine neue Woche motivierten. (Sie dürfen hier gerne eine gewisse Ironie vermuten.)

Dienstag: Auch die zurückliegende Nacht war von wenig Schlaf gesegnet. Dieses Mal war es der Nachbar von oben, der mit Freunden bis drei Uhr offenbar eine kleine Karnevalssitzung in seiner Wohnung abhielt, zwar nicht mit lauter Musik, dafür mit wiederholter Polonaise über die nur mäßig schallgedämpfte Stahlwendeltreppe und mehrfachem geräuschvollem Möbelrücken. Eine am Morgen schriftlich verfasste Protestnote meinerseits wird ihn vermutlich so wenig beeindrucken wie den russischen Präsidenten Friedensdemonstrationen im Ausland. Zu weitergehenden Sanktionen fehlen mir leider die Möglichkeiten, da wir keine Geschäfts- noch sonstige Beziehungen mehr pflegen. „Guter Zaun – gute Nachbarschaft“ las ich kürzlich irgendwo. Da ist was dran. Leider sind Zäune selten schalldicht.

Morgens kam mir einer entgegen, komplett dunkel gekleidet mit schwarz vermummtem Gesicht unter tiefgezogener Kapuze, die Augen nicht zu sehen, wie der Tod persönlich auf dem Weg zu seinem Tagwerk. Statt einer Sense trug er eine Große Packung Tabak mit sich, darauf deutlich sichtbar der Hinweis „Rauchen tötet“. Manchmal passt es einfach.

Mittwoch: Nach dem Mittagessen bei aktueller Vorfrühlingshaftigkeit im Freien unternahm ich einen Spaziergang durch den Rheinauenpark, wo der Wasserstand der Teiche wegen Wartungsarbeiten zurzeit stark abgesenkt ist. Dort fauchte mich eine Wildgans am Wegesrand an, sonst die friedlichsten Wesen. Vielleicht erzürnte sie das Niedrigwasser. Vielleicht war sie einfach nur gereizt, wie so viele in dieser Zeit.

Bei der Rückfahrt wurde ich auf dem Radstreifen zweimal von abbiegenden Autos behindert. Darüber hätte ich mich erzürnen können, aber wem wäre damit geholfen gewesen?

Gar nicht erzürnt, eher erleichtert nahm ich eine abends im Briefkasten vorgefundene Absage des Arbeitgebers auf eine Bewerbung zur Kenntnis, bleiben mir dadurch doch viel zusätzliche Arbeit und am Ende zwei Klausuren erspart. Andere wurden halt für noch geeigneter gehalten, das ist völlig in Ordnung.

Ich weiß nicht, ob ich es schon mal erzählt habe, als Täglichblogger über fünfzig hat man da nicht immer den Überblick: Manchmal träume ich, in absehbarer Zeit stünde eine große schriftliche und mündliche Abschlussprüfung an, für die es noch viel zu lernen gibt, mehr als bis dahin Zeit zur Verfügung steht, und von der alles abhängt, wie einst das Abitur und die Laufbahnprüfung für die Weihen der gehobenen Beamtenlaufbahn. Das sind diese Träume, bei denen sich unmittelbar nach dem Erwachen breites Grinsen der Erleichterung einstellt. Andere werden von wilden Tieren verfolgt oder stehen nackt im Aufzug, ich schreibe Klausuren, so hat ein jeder seinen Alb.

Immerhin hat mich das damalige Bestehen der Prüfungen davor bewahrt, heute im Social-Media-Team eines Unternehmens zu arbeiten, wo ich fremde Leute ungefragt duzen muss.

Im Übrigen bewundere ich Menschen mit besonderen Fähigkeiten. Abends sah ich einen, der sich aus dem örtlichen Imbisslokal eine Currywurst im flachen Pappschälchen geholt hatte, damit auf sein Fahrrad stieg und freihändig davonradelnd die Wurstscheiben aufgabelte. Freihändig Fahrrad zu fahren gehört zu den Dingen, die ich nie gelernt habe, genauso wenig wie bei rollendem Rad auf- und abzusteigen. Daher staune ich immer wieder, mit welcher Leichtig- und Selbstverständlichkeit andere es tun, auch ohne Currywurst im Pappschälchen.

Da war er schon weggeradelt. Mir gefiel das Motiv dennoch.

Donnerstag: »Stand with Belarus« fordert ein verwitterter, ausgeblichener Aufkleber, den ich morgens auf dem Fußweg ins Werk an einem Lampenpfahl sah. Das hat sich inzwischen irgendwie erledigt, wenn auch völlig anders als von dem Aufkleber (also sowohl dem Klebezettel als auch der ihn aufklebenden Person) ursprünglich gemeint.

„Das ist sowas von irrational“, sagte einer, der mir entgegenkam, zu seinen beiden Begleiterinnen. Wir können nur vermuten, was er meinte, aber vermutlich hat er recht.

Ansonsten war es morgens kalt und optisch ansprechend.

Aus der Reihe „Schiefe Bilder“: »Die Verkehrsberuhigung des Rheinufers zwischen Rosental und Zweiter Fährgasse soll ab Juli Fahrt aufnehmen«, schreibt der General-Anzeiger zur angestrebten städtischen Verkehrswende. Wünschen wir ihr gute Fahrt.

Freitag: Weiterhin verkauft die Kantine zur zum Mitnehmen. Als ich mittags bei der Entgegennahme des Zweikammer-Mehrweg-Mitnahmegefäßes die Dame an der Kasse fragte, ab wann man dort wieder stationär essen darf, von einem richtigen Teller und mit anschließendem Dessert, stellte sie eine Rückkehr zum Normalbetrieb ab nächster Woche in Aussicht. „Wenn alles gut geht“, fügte sie hinzu. Schiefgehen kann zurzeit ja vieles, vom Ausfall der Heizung bis hin zum Atomkrieg. Hoffen wir also mit ihr, dass alles gut geht.

Samstag: Die Zeitung berichtet Neues von der Endlos-Baustelle der Bonner Beethovenhalle. Nicht eine erneute Steigerung der Baukosten oder Verzögerung der Fertigstellung waren Gegenstand, sondern die Wasserhähne in den Sanitäranlagen, aus denen künftig nur noch kaltes Wasser zur Handreinigung laufen wird. Falls die Halle jemals fertig und in Betrieb gehen wird. Von zahlreichen Gaststätten und öffentlichen Toiletten nichts anderes gewohnt sehe ich darin kein Problem, doch sind empörungsvolle Leserbriefe Bonner Bürger diesen Mangel betreffend in Kürze zu erwarten.

Auch auf die Gefahr hin, anbiedernd zu wirken, was nicht beabsichtigt ist – ein weiteres Mal komme ich nicht umhin, Herrn B. zu zitieren, weil er schreibt, was ist:

»… wobei ich auch das Wort spannend furchtbar finde, und zwar nicht erst seit neuerer Zeit, sondern schon seit alle Menschen alles spannend finden, ihre Aufgaben, ihre Jobs, ihre Beziehungen, die Entwicklungen, den Krieg, alles ist spannend und ich denke immer, ihr spinnt doch.«

Sonntag: Ausgeschlafen, langer Spaziergang, Sonnenschein, schauen wir zum Ende der Woche mal auf die positiven kleinen Dinge, die es auch noch gibt.

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„Utepils“ ist nicht der Name der Biermarke einer Brauerei in Frauenhand, sondern verwenden laut PSYCHOLOGIE HEUTE die Norweger dieses Wort für das erste, besonders wohlschmeckende Bier des Jahres, das bei Frühlingssonnenschein draußen genossen wird. Also immerhin etwas, auf das man sich noch freuen kann.

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Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche. Lassen Sie sich durch die aktuellen Ereignisse nicht allzu sehr die Stimmung beeinträchtigen und bewahren Sie sich den Blick für die kleinen, angenehmen Dinge. Ich versuche es ebenfalls.