Schmerzwach: Sonntagabend-Gefühle (am Montag)

Liebe Leser (so es euch denn gibt),

mit großer Freude kündige ich euch die Zusammenarbeit mit Jannis an, der den schönen Blog Schmerzwach
http://schmerzwach.blogspot.com/
betreibt und der dabei, ich gebe es zu, viiiiiel fleißiger ist als ich. Ich darf hier also regelmäßig Texte aus seinem Blog einstellen, die mir besonders gut gefallen, und genau so wird er es mit dem einen oder anderen Textchen aus meiner Feder in seinem Blog tun. Den Anfang mache ich mit seinem Text Sonntagabend-Gefühle, den er bereits 2009 geschrieben hat und der mir so richtig aus der Seele spricht. Viel Vergnügen!

Sonntagabend-Gefühle
Vielleicht haben es manche Kinder schon im Kindergartenalter…
Vielleicht wurde deswegen der Tatort Sonntag abends erfunden, damit man sich ablenken, durch die Spannung abschalten kann…
Vielleicht wurde „Das Traumschiff“ deswegen erfunden, um in andere Gefilde zu flüchten, nicht an den anderen Tag zu denken…
Dieses Sonntagabend-Gefühl, dieses „Scheiße-ich-muss-morgen-zur-Arbeit“-Gefühl, oder in die Schule, zur Uni, was auch immer. Dieses unangenehme Alltagstun…
Dieses maue Gefühl, diese innere Erregung, diese Qual…
Dieses Denken: Scheiße, Mann, ich will das nicht. Nicht schon wieder! Warum muss das denn schon wieder sein? Kann das nicht mal aufhören?! Ich will einfach meine Ruhe haben. Nicht aufstehen müssen, nicht studieren müssen, nicht arbeiten müssen; keine Verantwortung tragen, keine unangenehmen Aufgaben erledigen, nicht erwachsen sein…
Manchmal macht dieses Sonntagabend-Gefühl eine Pause- im Urlaub, in den Ferien. Aber dann fängt es wieder von vorne an. Schlimmer als je zuvor.
Manchmal ist es auch besonders schlimm: Wenn der Stress größer wird, vor Prüfungen, Jahresabschlüssen oder Präsentationen.
Manchmal ist es gar unerträglich, doch wohl nicht zu ändern.

Der frühe Vogel nervt

Man gewöhnt sich ja bekanntlich an alles: schlechtes Essen in der Kantine, Casting-Shows im Fernsehen, das Gelaber mancher Kollegen, Laubbläser-Terror im Herbst und Mobiltelefonierer in der Bahn. An eines jedoch werde ich mich niemals gewöhnen: morgens aufstehen zu müssen, wobei zwar die Betonung auf „morgens“ liegt, das Aufstehen an sich aber schon einen Akt allergrößter Überwindung für mich bedeutet. Gut, sagen wir mal, alles was vor elf Uhr liegt, nicht dass der Eindruck entsteht, ich sehnte mich in die dauerhafte Bettlägerigkeit oder gar unter des Käfers Keller; aber vor elf aufzustehen verstößt eklatant gegen mein inneres Wohlbefinden.

Dabei ist es nahezu unerheblich, ob der Wecker um fünf losgeht oder „erst“ um halb acht; sobald es so weit ist, wird ein Leidensprozess in Gang gesetzt, der bis mindestens zehn Uhr anhält, manchmal, vor allem Montags, ganztägig. Während dieser Phase gilt: bloß nicht ansprechen!

Was ich liebe: aufwachen, kurzer Blick auf die grün leuchtenden Ziffern des Weckers, noch Stunden bis zum Aufstehen, umdrehen, in die Decke kuscheln (oder, schöner noch, an den Bettnachbarn), weiter schlafen; was ich hasse: aufwachen, nur noch Minuten bis zum Aufstehen, der Zauber der Nacht ist gebrochen, kein Einschlafen mehr möglich; diese Minuten, dieses Warten auf den Wecker sind schlimmer als von eben diesem aus den Träumen gerissen zu werden.

Der Tiefpunkt meines Daseins ist erreicht, wenn der Wecker dann pünktlich zu den Nachrichten los geht und, noch ehe der Sprecher die aktuelle Uhrzeit aufsagen konnte, von mir mit einem automatischen, jahrelang geübten Handgriff zum Verstummen gebracht wurde; von der Schlummertaste mache ich indes keinen Gebrauch, da sie meines Erachtens das Leiden nur unnötig verlängert. So verbringe ich dann zwei bis drei Minuten in tiefster Qual, verfolge kurz die allmorgendliche Diskussion der beiden inneren Stimmen:
A: „Aufstehen.“
B: „Ich will nicht!!“
A: „Aufstehen!“
B: „Ich will nicht…“
A: „AUFSTEHEN!!!“
Jeden Morgen gewinnt A, das ist irgendwie blöd, aber nicht zu ändern.

Schlimmer noch als der Ruf des Weckers ist der Moment, da A endgültig obsiegt hat und ich mich aus dem Tuche ins Bad quäle, mit einem kurzen Umweg durch die Küche an der Kaffeemaschine vorbei. Was einem da für absurde Gedanken durch den Kopf gehen, man sollte sie endlich mal aufschreiben!

Es gibt keine Lösung für dieses Problem. Früher, als ich um fünf Uhr aufstehen musste, war das Leiden nur unwesentlich größer als heute, da ich bis halb acht liegen bleiben kann. Morgens aufstehen ist einfach wider meine Natur. Vielleicht sollte ich doch endlich eine Karriere als Schrift- oder Pornodarsteller beginnen. Für ersteres fehlt mir leider das Talent, und zweiteres… na lassen wir das.

Ein einschneidendes Erlebnis

Liebe ist, dem Liebsten morgens beim Frühstück das Brötchen aufzuschneiden. Blöd ist, wenn man dabei die Schärfe des neuen Luxus-Brotmessers unterschätzt und dieses nach vollzogener Tat auf den Mittelfinger trifft, das bringt dann Farbe in den trüb-grauen Herbsttag, in diesem Falle rote.

Stefan brachte mich in die Unfallaufnahme des St.-Petrus-Krankenhauses (was er sicher auch getan hätte, wenn es nicht sein Brötchen gewesen wäre); dort musste ich nicht lange warten, die Leute waren sehr nett, und ein junger, durchaus attraktiver Arzt nähte den Einschnitt mit drei Stichen zu.

Und was macht man als nächstes in einem solchen Fall? Richtig: darüber bloggen und twittern.

Das wirklich blöde an so einer Verletzung ist ja, ab morgen ständig die Frage „Wie ist das denn passiert?“ beantworten und damit meine Ungeschicklichkeit deutlich machen zu müssen. Vielleicht sollte ich aus Gründen der Zeitersparnis Infokärtchen anfertigen, die ich dann Fragenden wortlos aushändigen kann.

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(Falls diesen Eintrag wider Erwarten jemand liest, hoffe ich, ihm die Freude an diesem Tag damit nicht beeinträchtigt zu haben.)

Sturmfrei

Mal eine Woche alleine sein, die Wohnung für sich haben, ist nicht das schlechteste, dachte ich mir, als er plante, im Oktober noch mal eine Woche nach Frankreich zu fahren; ich hätte mitfahren können, wollte aber nicht, drei mal waren wir in diesem Jahr schon dort, und das ist mir persönlich genug. Ich würde die Woche schon ‚rum kriegen, die Zeit nutzen, abends ungestört an meinem Romandings weiter schreiben, meine geliebten Bruckner-Sinfonien durch die Wohnung schallen lassen (er hasst Bruckner), das eine oder andere Date klar machen, kurz, die scheinbaren Vorteile des Single-Daseins auskosten.

Am letzten Samstag morgens um sieben fuhr er los. Als das Auto um die Ecke war, kroch ich zurück in das plötzlich sehr große und sehr leere Bett, wo ich bis mittags blieb, dann kurz was einkaufen, dann frühstücken, alleine. Alleine frühstücken ist doof, vor allem am Wochende; kurz: er war kaum weg, schon vermisste ich ihn und ersehnte seinen Anruf, dass er gut angekommen sei.

Wie habe ich nun die Woche genutzt? Bruckners fünfte, gestern Abend, immerhin. Etwas geschrieben habe ich auch, nämlich das hier, immerhin. Dates? Fehlanzeige, keine Lust, kein Bedarf, keine Gelegenheit; nachher treffe ich Dennis auf ein paar Bier, immerhin.

Die Vorzüge des Single-Daseins? Es gibt sie nicht, jedenfalls erkenne ich keine.

Morgen Abend kommt er zurück, ich kann es kaum erwarten!

Der erste Arbeitstag…

…nach dem Urlaub. Sechs Uhr aufstehen, weil es sich bewährt hat, zwei Stunden früher im Büro zu sein, um ungestört die E-Mails sichten zu können. Nach zwei Wochen in T-Shirt und kurzer Hose wieder mit Jacke aus dem Haus gehen, der Herbst ist nahe. Die Laune ist auch eher herbstlich, nur ohne bunte Blätter. Die Bahn ist schon unangenehm voll ist, die Schulferien sind vorbei, schade nicht nur für Schüler und Lehrer. Das Bürogebäude mit leichtem Unbehagen betreten, als erster alleine im Büro, alles sieht noch so aus wie vor dem Urlaub, auch mein Name steht noch außen an der Tür, beruhigend irgendwie. Den Rechner anschalten, Kaffee holen, warten, bis der Rechner hochgefahren ist; im Kaffee liegt Trost, auch wenn er nicht sonderlich schmeckt.

Der spannende Augenblick, das Unbehagen steigt wie vor einem Zahnarztbesuch: Outlook starten. Zweihundert Mails, hab’s schon schlimmer erlebt. Zuerst die Mails vom Chef sichten, keine Imponderabilien dabei. Dann die anderen, viele sofort löschen, andere später lesen, einige in Aufgaben verschieben. Das Unbehagen klingt langsam ab. Kurz nach acht, Chef kommt rein, sichtlich gut gelaunt, fragt, wie der Urlaub war, wünscht guten Start. Erleichterung. Alle E-Mails gesichtet und sortiert, keine Katastrophen dabei. Erste Zigarette.

Um halb zehn überraschend Mitarbeiter-Feedback-Gespräch mit Chef und Teamleiter. Man ist zufrieden mit mir, na also; Anflug von Motivation. Zweite Zigarette.

Zwei Besprechungen, erfreulich kurz, dennoch lästig. Einige Aufgaben abarbeiten. Viel arbeiten zieht viel Arbeit nach sich, wer will das schon, daher: Feierabend. Morgen ist auch noch ein Tag, und übermorgen, und…

Nach Hause. In der Bahn einem letzten Kurzbehosten neidvoll auf die Beine starren.

Zu Hause. Der Urlaub ist vorbei, der Alltag hat mich wieder. Müde, aber erstaunlich gut gelaunt.