Woche 2/2025: Lustfahrt nach Kaisersesch und alltägliche Akrobatik

Montag: Obwohl der Tag mit einem Zahnarztbesuch begann, war es kein schlechter Wochenstart. Die am vergangenen Freitag abgelöste Krone befindet sich nun wieder an der vorgesehenen Stelle, mal sehen, wie lange dieses Mal. „Der Weisheitszahn muss irgendwann raus“, sagt der Zahnarzt. Ich weiß. Diese eine Chance sei ihm noch gewährt.

In die Büros ist das Leben zurück gekehrt, rundherum wieder geschäftiges Geplapper, wo die Tage zuvor angenehme Stille herrschte. Diese Woche wäre eigentlich kleine Woche, also Viertagewoche mit freiem Donnerstag. Der scheitert jedoch an bis dahin angesammelten Stunden auf dem Gleitzeitkonto, weil das zum Jahreswechsel auf Null gesetzt wurde und seitdem nicht genug Arbeitstage waren, um genug frische Stunden anzuhäufen. Ich könnte den freien Tag trotzdem nehmen, dann fiele das Konto vorübergehend ins Minus. Das ist nicht verboten, doch irgendwie fühlt sich das für mich wie Betrug an. Aus ähnlichen Gründen vermeide ich es auch stets, mein Girokonto zu überziehen. Gut, dann fallen auch noch vermeidbare Zinsen an. – Vielleicht bin ich doch ein besserer Arbeitnehmer als selbst angenommen.

Der Urlaub im September ist gebucht, zwei Wochen Malaucène in Südfrankreich; nachmittags leitete der Liebste die Bestätigung des Vermieters weiter. Auch wenn bis dahin noch viel Zeit vergeht, in der viel passieren kann, freue ich mich schon jetzt sehr darauf. Es ist immer gut, wenn man sich auf etwas freuen kann.

Abends sah ich im Fernsehen eher zufällig den Jahresrückblick von Dieter Nuhr. Ich mag ihn, auch wenn (oder gerade weil?) er umstritten ist; bei manchen seiner Äußerungen denke auch ich: Uiuiui. Der folgenden Satz findet aber vielleicht auch Zustimmung in Kreisen, die ihn gerne in die rechte Ecke stellen: „Wenn deutsche Männer sich beschweren, etwas sieht schwul aus, dann sieht es in hundert Prozent der Fälle besser aus als die, die sich beschweren.“

Dienstag: Tagesgerecht ging ich zu Fuß ins Werk und zurück. Der Rheinpegel ist angestiegen, die Anlegestege geraten langsam in die Waagerechte. Überall nun wieder Wahlplakate, die mir nicht nur wegen aussageloser, beliebig austauschbarer Parolen (wie diese: „Mehr für dich. Besser für Deutschland.“) nicht weiterhelfen; ich bin dieses Mal leider völlig ratlos, wen ich wählen soll. Immerhin weiß ich, wen ganz bestimmt nicht.

Im Büro teils nervenzehrende Unruhe, weil in beiden Nebenbüros unentwegt und laut gesprochen wurde, gerade so, dass ich nicht alles verstand, aber doch immer wieder einzelne Satzteile wahrnahm (auch nebenan ging es zeitweise um Politik), was meiner Konzentration nicht sehr dienlich war. Ansonsten einer der seltenen Tage ohne einen einzigen Besprechungstermin.

Laut einer Umfrage zum Thema Arbeitseifer gibt knapp die Hälfte der befragten Arbeitnehmer ihr Bestes am Arbeitsplatz, berichtet die Zeitung. Das ist, gemessen am allgemeinen Gejammer, ein beachtlicher Wert, finde ich. Zur Aufrechterhaltung meiner Motivation habe ich beschlossen, den Donnerstag doch frei zu nehmen und das Gleitzeitkonto vorübergehend zu überziehen, es kostet ja nichts und füllt sich bald wieder. Wie ich den Tag verbringen werde, entscheide ich dispositiv nach Wetterlage. Gesetzt sind schon mal Ausschlafen und Frühstück im Kaufhof-Restaurant. Mir wird gewiss nicht langweilig.

Nach dem Mittagessen zwölf Etagen zu Fuß nach oben. Läuft.

Morgens

Mittwoch: „Wir laufen da full speed ahead“ sagte einer in der Besprechung. Noch schöner wäre gewesen: „Wir sind tatsächlich full speed ahead unterwegs.“

Wie lange muss man eigentlich noch „Frohes Neues“ sagen, gibt es da Richtlinien? So ganz neu ist es ja inzwischen nicht mehr; ob froh, wird sich zeigen. Bis jetzt bin ich immerhin verhalten zufrieden.

Vielen Dank an den Blogger-Kollegen in Duisburg für den Brief, der heute im Briefkasten lag, wieder mit mechanischer Schreibmaschine erstellt. Wie immer habe ich mich sehr darüber gefreut und werde so bald wie möglich antworten. Gut, dass ich letzte Woche bereits Ergänzungsbriefmarken zu zehn Cent gekauft habe.

Donnerstag: Wie geplant begann der freie Tag mit einem externen Frühstück und Zeitungslektüre im Kaufhof-Restaurant. Kurz zuvor wechselte der Regen zu starkem Schneefall. So oder so kein Wanderwetter. Alternativ unternahm ich eine Lustfahrt mit der Bahn in die Eifel, konkret nach Kaisersesch, das stand schon länger auf meiner Liste. Trotz gewisser Stockungen wegen Bauarbeiten zwischen Bonn und Remagen war es sehr erfreulich, besonders die Fahrt von Andernach bis Kaisersesch und zurück durch die verschneite Eifel.

Da sich nicht nur Wandern, sondern auch Bahnlustfahren bei mir appetitanregend auswirkt, suchte ich nach Rückkehr in Bonn ein Lokal auf für die traditionelle Currywurst mit Bierbegleitung.

Kurz nach Ankunft in Kaisersesch
Ebendorten
Auf der Rückfahrt zwischen Urmersbach und Monreal

Freitag: Wegen unklarer Glättesituation nahm ich morgens die Bahn. Eine sinnvolle Entscheidung, auf dem Fußweg von der Haltestelle zum Werk war es stellenweise recht rutschig. Langsam komme ich in ein Alter, wo man da etwas aufpassen sollte; ein Oberschenkelhalsbruch kann schnell das baldige Ende bedeuten, was meinem Plan zuwider liefe, mich irgendwann totzulachen, nachdem ich mich selbst verarscht habe. Vielleicht aus ähnlichen Gründen blieben heute viele Kollegen dem Büro fern, auf dem Flur herrschte angenehme Stille.

Zurück ging ich zu Fuß und besichtigte das inzwischen aufgelaufene Rheinhochwasser. Schon oft hat man es gesehen, doch geht man jedes Mal wieder schauen.

..
..

Laut kleiner kalender ist heute Ehrentag der Zimmerpflanze. „Die Pflege der eigenen Zimmerpflanzen sollte nie vergessen werden, denn immerhin handelt es sich bei Pflanzen um Lebewesen“, so der etwas ungelenke Begleittext. Millionen von Weihnachtssternen wird das nichts nützen, die nun wieder, oft noch in voller Pracht, entsorgt werden, weil das namensgebende Fest vorüber ist. So sind die Menschen. Jedenfalls viele.

Samstag: Der Tag verlief zunächst in angenehmer Samstäglichkeit mit lange Schlafen und externem Frühstück in einer für uns neuen Lokalität, womit wir sehr zufrieden waren. Den wöchentlichen Altglasentsorgungsgang verband ich wieder mit einem Spaziergang an den weiterhin hochwässrigen Rhein.

Abends besuchten wir das GOP., ein Varieté-Theater, wo Menschen unglaubliche Akrobatik auf die Bühne bringen. Einer ließ sich mitsamt anhängender Turnpartnerin an den Zähnen nach oben ziehen, zwei warfen sich eine größere Anzahl Jonglierkegel zu, während sie sich aus- und wieder ankleideten, junge Frauen verbogen ihre Leiber derart, dass die Vermutung nahe lag, sie verfügten über Gummiknochen. Insgesamt faszinierend für mich, der weder länger als eine Sekunde auf einem Bein stehen noch freihändig Fahrrad fahren kann.

Wobei letzteres nicht so schwer zu sein scheint, viele andere tun es auch. Dabei ziehen sie die Jacke aus, telefonieren, schreiben WhatsApp-Nachrichten, schauen Serien und verzehren warme Mahlzeiten. Alltägliche Akrobatik auf zwei Rädern, wer will ihnen verübeln, wenn sie dabei Verkehrsregeln wie rote Ampeln nicht immer im Blick haben. Vielleicht kann ich es doch, nur erscheint es mir zu riskant, es auszuprobieren.

Sonntag: Die Tage äußerte ich mich über Wörter, die ich aus unerklärlichen Gründen trotz ihrer Unschuld nicht ausstehen kann. Dazu wäre ein weiteres zu ergänzen: Snack. Einfach grauenhaft.

Im Übrigen ein angenehmer Sonntag mit Spaziergang auf die andere Rheinseite, wo die Auen der Siegmündung und die Hundewiese vor dem Deich überflutet sind. Beim Gehen sah ich zahlreiche am Straßenrand entsorgte Weihnachtsbäume, nur wenige haben Nadeln abgeworfen, die meisten noch gut in Schuss. Auch so ein Unfug mit Tradition. Nur meine persönliche Meinung, es liegt mir fern, ein Verbot zu fordern.

Weiterhin sah ich über Schwarzrheindorf eine Formation Kraniche in Richtung Süden ziehen. Vermutlich Spätentschlossene.

Siegauen
Hundewiese, zurzeit für Seehunde (Verzeihung)
Schwarzrheindorf

***

Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche, rutschen Sie nicht aus.

Das sagt man nicht

Warnung: Der folgende Text enthält das N-Wort in der Ursprungsfassung.

Der einst beliebte, dauerjugendliche, gleichwohl inzwischen etwas in die Jahre gekommene Moderator Thomas Gottschalk hat vor einigen Wochen auf sich aufmerksam gemacht mit seinem Buch, in dem er beklagt, man dürfe heute vieles nicht mehr sagen, was vor einigen Jahren noch zulässig gewesen sei. Ich habe das Buch nicht gelesen und beabsichtige es aus Zeitgründen bis auf weiteres nicht zu tun. Dennoch erlaube ich mir, Herrn Gottschalk zu widersprechen. Man darf durchaus noch alles sagen, was das Strafgesetzbuch nicht ausdrücklich aus guten Gründen verbietet. Schriebe ich zum Beispiel, der alte weiße Mann stamme vom Neger ab, so bliebe das strafrechtlich unverfolgt, dennoch müsste ich als Folge einen gewissen Ansehensverlust in Kauf nehmen, zu recht. Dass wir diesen inzwischen als „N-Wort“ umschriebenen Begriff früher mit Selbstverständlichkeit benutzten, war zumindest von mir keine böse Absicht, wir wussten es einfach nicht besser. Roberto Blanco war einer und der tanzende Sängerimitator von Boney M., Tina Turner eine, ebenso die dunkelhäutige Puppe der Nachbarstochter, und der schokoladenumhüllte Zuckerschaum auf einer Rundwaffel hieß so, auch wenn das mit dem Kuss gar keinen Sinn ergibt. „Denk an die armen N-Kinder in Afrika“ sagte die Oma, wenn der Teller nicht leergegessen wurde. – Heute wissen wir es besser, daher meiden wir solche Wörter, das ist gut und richtig so.

Wobei ich gestehe, manchmal staune ich, welche Begriffe mittlerweile Empörungspotenzial enthalten. Kürzlich etwa war es der „Oberindianer“ aus Udo Lindenbergs altem Hit „Sonderzug nach Pankow“. Ein Berliner Chor sollte oder wollte das Lied ohne dieses Wort singen, um amerikanische Ureinwohner nicht zu grämen. Womöglich ist das den Betroffenen herzlich egal, weil sie ganz andere Probleme haben oder vielleicht demnächst bekommen, wenn Häuptling Orangehaut wieder an der Macht ist.

In bestimmten Kreisen gilt es schon seit längerer Zeit als unschicklich, Personen dem äußeren Anschein nach als Frau oder Mann zu bezeichnen, schließlich wisse man nicht, ob die derart bezeichnete Person sich nicht einem anderen oder keinem Geschlecht zugehörig fühlt, nur noch nicht dazu kam oder es gar nicht beabsichtigt, eine äußere Angleichung vornehmen zu lassen. Statt „Frau“ gab es den Vorschlag, von „Personen mit Menstruationshintergrund“ zu sprechen. Eine komische Vorstellung, etwa an der Fleischtheke oder in der Bäckerei, wenn es heißt: „Ich glaube, die junge Person mit Menstruationshintergrund ist vor Ihnen dran.“ Inzwischen tendiert man diesbezüglich wohl zu „sich weiblich lesende Person“, was die Situation beim Bäcker nicht viel weniger komisch macht.

Beziehungsweise bei der Bäckerin – ein weiteres Thema, das angeblich „die Gesellschaft spaltet“: die geschlechtsneutrale Ansprache einschließlich korrekter Pronomen, auf Neudeutsch gendern. In unterschiedlichen Formen wird es praktiziert: mit Genderstern, Binnen-I, Doppelpunkt, klassisch durch Nennung der männlichen und weiblichen Form wie „Liebe Kolleginnen und Kollegen“. Manche benutzen konsequent die weibliche Form, Männer und alle anderen sind mitgedacht, sagen sie; andere wiederum wechseln innerhalb desselben Textes oder Satzes, dann entstehen irritierende Formulierungen wie „Grundschullehrer und Busfahrerinnen verlangen höheres Gehalt“. Ob das der Sache dienlich ist, ich weiß es nicht.

Und schließlich die Partizipform wie „Radfahrende“. Besonders Sprachpingelige meinen, das sei falsch. Wenn einer, der sonst immer mit dem Rad fährt, heute ausnahmsweise den Bus nimmt wegen Hagel und Sturm, dann sei er eben nicht rad-, sondern busfahrend. (Jedoch kein Busfahrer, der sitzt vorne links; oder die Busfahrerin, klar.) Ein Sonst-immer-Rad-heute-aber-Busfahrender. Mit Verlaub, das halte ich für Unfug. Wer eine junge Person in der Kneipe fragt, was sie denn macht, und zur Antwort bekommt, sie studiere, wird wohl verstehen, was sie meint, auch wenn sie in diesem Moment gerade nicht an ihrer Masterarbeit schreibt. Und aufgepasst: Diese Methode ergibt nur im Plural Sinn, weil ein(e) Studierende(r) nun einmal genauso männlich bzw. weiblich ist wie ein(e) Student(in).

(Das laut Straßenverkehrsordnung vorgegebene Zeichen 237 für einen Radweg bildet übrigens immer ein Herrenrad ab. Gab es dagegen schon Proteste?)

Ein Argument für das Gendern soll eine Studie liefern: Menschen wurden aufgefordert, bekannte Politiker zu nennen. Die derart Befragten nannten überdurchschnittlich viele männliche Politiker. Wurde hingegen nach Politiker:innen (oder eine andere Form) gefragt, wurden mehr Frauen genannt. Das mag sein und ist nachvollziehbar. Doch ist das wirklich ein Problem? Wenn es heißt, Angestellte im Einzelhandel wünschen sich mehr Urlaub, denkt wohl niemand, Verkäuferinnen begnügten sich mit weniger Freizeit.

Ich fremdele mit dem Gendern noch etwas. Im Schriftbild stört es meinen Lesefluss, gesprochen klingt es wie mit erhobenem Zeigefinger. Zugegeben, ein sehr flachwurzelndes Argument. Vielleicht muss ich mich nur noch daran gewöhnen; das dahinterstehende Anliegen kann ich zumindest nachvollziehen, ich zähle mich nicht zu den geifernd-eifernden Gegnern.

Man soll auch nicht mehr Schwule und Lesben sagen, wenn gleichpolig Liebende gemeint sind, denn damit grenzt man andere Lebens- und Liebesformen aus, wie Bi-, Trans-, Inter- und Asexuelle. Stattdessen heißt es nun LGBTQ*…-Community; jeder Buchstabe steht für eine andere Vorliebe und die Reihe scheint jährlich länger zu werden. Bei „Wetten dass..?“, ich glaube noch bevor Thomas Gottschalk es übernahm, trat mal einer auf, der die Zahl Pi auf fünfzig oder mehr Stellen hinter dem Komma fehlerfrei aufsagen konnte. Gäbe es die Sendung noch, könnte dort vielleicht demnächst jemand reüssieren, indem sie oder er alle Buchstaben der oben genannten Reihe hersagen und zudem erklären kann. Ich kann es trotz persönlicher Betroffenheit (für mich bitte das G) nicht.

Jüngstes Beispiel verdächtiger Wörter ist der Lumumba, jenes unter anderem auf Weihnachtsmärkten beliebte Kakaogetränk mit alkoholischer Geschmacksverstärkung. Angeblich geht das Wort zurück auf einen erschossenen schwarzen Freiheitskämpfer, woraus die Herleitung „Brauner mit Schuss“ entstanden sein soll. Das erscheint mit etwas weit hergeholt. Sollte es jedoch stimmen, dass das Getränk aus genau diesem Grund zu seinem Namen kam, so bin ich der letzte, der darauf beharrt, es weiter so zu nennen. Vielleicht wäre Schokohol eine Alternative. Ohnehin trinke ich lieber Glühwein, Eierpunsch und Feuerzangenbowle. Gelegentlich auch nicht-alkoholische Getränke.

Insgesamt erscheint mir ein etwas entspannterer Umgang mit solchen Wörtern manchmal angebracht, das gilt für beide Seiten. Niemandem wird etwas genommen, wenn er Paprikaschnitzel oder Schokokuss sagt. Andererseits muss man nicht in jedes vermeintlich verdächtige Wort Diskriminierungspotenzial hinein interpretieren. Sonst beklagt Herr Gottschalk demnächst die Ächtung von Eisbombe (gewaltverherrlichend), Matjesfilet Hausfrauenart (antifeministisch), Götterspeise (blasphemisch), und die blaue Partei mit der schokofarbenen Gesinnung hat wieder was zu hetzen.

Wobei, das Wort Gottschalk ist bei näherer Betrachtung auch nicht ganz ohne. Aber über Namen macht man sich nicht lustig. Auch nicht, wenn jemand Frauenschläger heißt; allenfalls darf man sich da fragen, womit deren Vorfahren einst ihren Lebensunterhalt bestritten. Vermutlich beließen sie es nicht beim Gebrauch falscher Pronomen.

Apropos schlimme Wörter: Es gibt welche, die völlig unverdächtig und allgemein gebräuchlich sind, die ich gleichwohl gar fürchterlich finde, ohne dass ich begründen könnte, warum. Neben den üblichen Anglizismen wie Call, Meeting und roundabout sind das: schlendern, schmunzeln, schlemmen, stöbern, schlecken, shoppen und lecker. Die darf Thomas Gottschalk weiterhin sagen, niemand außer mir wird daran Anstoß nehmen.

Woche 1/2025: Schon mal ein guter Anfang

Montag: Um nicht ganz aus der Übung zu kommen, fuhr ich heute mal wieder ins Büro. Dort war nicht sehr viel zu tun, der Maileingang während der Weihnachtsurlaubstage überschaubar. Auch sonst war es ruhig, in den anderen Büros und mittags in der Kantine nur wenige Menschen. Das Arbeitsende kam zeitig, morgen habe ich schon wieder frei, um das Gleitzeitkonto zu putzen. Ab Donnerstag dann wieder voller Einsatz. Oder ab nächsten Montag. Spätestens Dienstag.

Weiterhin waren die letzten Fächer des Büro-Adventskalenders zu leeren. Statt den Schokoladeninhalt direkt zu verzehren, verstaute ich ihn vorerst in der Schreibtischschublade. Die Lust auf Süßes hält sich im Moment in Grenzen, neben drei Schoko-Nikolausen (oder -läusen?) liegen dort sogar noch zwei Nougat-Marzipan-Baumstämme. Danke, ansonsten geht es mir gut.

Vergangene Woche äußerte ich mich despektierlich gegenüber der menschlichen Bequemlichkeit, stets den Aufzug statt die Treppe zu nutzen. Als keineswegs konsequenter Mensch nehme ich ihn selbst täglich, um ins Büro zu kommen, das allerdings zurzeit im achtundzwanzigsten Stock liegt, sei zu meiner Ausflucht angeführt. Hierzu ist der Entschluss ergangen, ab sofort einmal täglich wenigstens für eine Teilstrecke aufwärts das Treppenhaus zu benutzen. Damit habe ich heute sogleich begonnen, sogar zweimal: nach dem Treffen der Kollegin vormittags über sieben, nach dem Mittagessen sogar zehn Stockwerke. Das ist schon mal ein guter Anfang.

Ebenfalls bezugnehmend auf den Eintrag vergangener Woche wurde ich darauf hingewiesen, dass die Mehrzahl von Teelicht „Teelichte“ heißt und nicht „Teelichter“. Das ist für einen Sprachpingel wie mich, der gerne Anstoß nimmt an anderer Leute liederlichem Sprachgebrauch, peinlich. Doch ein Blick in den Duden zeigt: Beides ist korrekt. (Glück gehabt.)

Dennoch danke für den Hinweis.

Dienstag: Wie morgens gemeldet wurde, gingen bei der Polizei Notrufe wegen vorzeitig gezündeter Silvesterraketen ein. Warum auch nicht, die Polizisten freuen sich bestimmt, wenn sie was zu tun haben.

Auch dieses heute endende Jahr war das wärmste seit Messbeginn, steht in der Zeitung. An diese Meldung müssen wir uns wohl gewöhnen, jedes Jahr wieder um Silvester, jeweils mit aktueller Jahreszahl.

Im Zusammenhang mit der Kennzeichnung Bonner Fahrradstraßen fällt das Wort „Planungsmeinungen“. Interessant.

Nachmittags schrieb ich den persönlichen Jahresrück- und -ausblick ins Tagebuch, wie jedes Jahr. Damit will ich Sie gar nicht weiter behelligen, vielleicht nur der letzte Satz: Trotz aller weltpolitischen und klimatischen Unwägbarkeiten blicke ich für mich und uns persönlich mit Zuversicht dem neuen Jahr entgegen. – Mag sein, dass das naiv ist. Aber das von vielen nicht nur in den Blogs zu recht beklagte 2024 war für uns persönlich auch nicht schlecht.

Den Silvesterabend verbrachten wir in einem Restaurant an der Adenauerallee, wo ein viergängiges Menü serviert wurde. Essen, Weinbegleitung und Service waren ausgezeichnet. Leider setzte bei mir beim dritten Gang die Sättigung ein, vielleicht komme ich wirklich langsam ins Seniorentelleralter. Dank Unterstützung meiner Lieben kam nichts um.

Das Essen war so zeitig beendet, dass wir gemütlich am Rhein entlang nach Hause spazieren konnten, wo wir vor Mitternacht ankamen. Während der Gehens sahen wir auf beiden Rheinseiten schon zahlreiche vorzeitige Raketen ihre bunten Lichter streuen, hoffentlich ohne Notrufauslösung. Je mehr wir uns der Innenstadt näherten, desto mehr Menschen, vor allem mit Raketen und Böllern hochgerüstete junge Männer versammelten sich am Ufer. Ich vermute eine Schnittmenge mit jenen Testosteronträgern, die im übrigen Jahr in sogenannten Sportwagen mit knallfurzenden Auspuffen durch die Innenstadt brausen. Nur eine Vermutung.

Ich bin übrigens froh, in Bonn zu wohnen und nicht in Hamburg oder Berlin. Der Liebste und ich waren vor Jahren mal zu Silvester in Hamburg. Schon auf dem Weg zur Party am frühen Abend wurden uns in der Menschenmenge alle paar Meter Knaller vor die Füße geworfen; nicht diese kleinen roten Pengmacher, sondern richtig fiese, dicke, laute Dinger. Da beschloss ich, Silvester nie wieder in einer so großen Stadt zu verbringen.

Diesen Jahreswechsel erlebten wir hingegen in altersgerechter Entspanntheit: Mit einem Glas Cremant in der Hand schauten wir vor dem Haus zu, wie andere wieder viel Geld in die Luft jagten.

Rückweg

Mittwoch: Frohes neues Jahr, mit lange schlafen, knappem Frühstück und einem Spaziergang mit dem Liebsten.

Was von 2024 übrig blieb

Donnerstag: Vergangene Nacht schlief ich schlecht, schätzungsweise bis vier Uhr wälzte ich mich wach, obwohl draußen Regentropfen auf die Fensterbank trommelten, was normalerweise schlaffördernd wirkt. Doch wurde das Trommeln untermalt, zeitweise übertönt durch Schnarchen in Stereo Dolby Surround von nebenan.

Erstmals in diesem Jahr ging ich, durch immer noch leichten Regen, zu Fuß ins Werk. Das übliche Foto mit Rhein, Promenade, Siebengebirge und Mutterhaus im Hintergrund denken Sie sich heute bitte, da ich durch den Regenschirm gehindert war, es zu schießen. Es war ohnehin noch dunkel.

„Frohes Neues“ aus allen Mündern. Der Arbeitstag fühlte sich montäglich an, Laune und Arbeitseifer entsprachen ungefähr der Trübnis vor dem Bürofenster. Vielleicht eine Folge des Schlafmangels. Dazu wenig passend eine längere Teams-Besprechung am Vormittag mit einem Lieferanten für ein geplantes Vorhaben, die mehr Aufmerksamkeit meinerseits erforderte als verfügbar. Irgendwie kamen wir dennoch ganz gut durch und vorzeitig zum Ende. Ansonsten weiterhin in den Büros nebenan wenig Betrieb, dafür war mittags die Kantine erstaunlich gut besucht. Meine Hoffnung auf ungestörtes Alleinessen mangels der üblichen Mitesser erfüllte sich nicht, als sich ein gesprächsbereiter Kollege zu mir setzte. Die Unterhaltung war dann aber recht angenehm, insbesondere die Erkenntnis: Mit dem möchte ich auch nicht tauschen. Anschließend ging ich dem neuen Vorsatz entsprechend elf Etagen durch das Treppenhaus hoch ins Büro, ab da weiter mit dem Aufzug. Nicht gleich zu Beginn übertreiben.

„Herzlichen Glühstrumpf“ sagte ein Kollege in anderem Zusammenhang, was meinen Sprachnerv leicht zucken ließ.

Entgegen meiner Abneigung sah ich mich abends genötigt, mit dem Auto zur Musikerprobe nach Bad Godesberg zu fahren. Wegen Regens erschien mir die übliche Radfahrt unangenehm, der Stadtbahnnutzung stand der derzeitige Schienenersatzverkehr entgegen. Ich habe nie behauptet, ein konsequenter Mensch zu sein, der gegen die Verlockungen der Bequemlichkeit immun ist.

Freitag: Morgens nach Ankunft im Büro zeigte sich vorübergehend ein Anflug von Morgenröte und Sonnenaufgang über dem Siebengebirge, ehe dichte Wolken den Himmel verdunkelten; bald darauf war der Turm von Schnee umtost. Zumindest diesbezüglich ist meine Arbeitsstelle aussichtsreich.

Ob es am perfekten Al Dente der Spaghetti lag, die es mittags in der Kantine gab, weiß ich nicht, jedenfalls löste sich beim Essen erneut die Zahnkrone oben rechts hinten, zum zweiten Mal innerhalb von zwölf Monaten. Das hielt mich nicht davon ab, auch heute nach der Mittagspause über elf Etagen die Treppe zu nehmen, notfalls ginge das ganz ohne Zähne. Glücklicherweise erreichte ich nach Rückkehr ins Büro noch die Zahnarztpraxis meines Vertrauens, was am Freitagmittag nicht selbstverständlich ist; bereits für Montagmorgen wurde mir ein Reparaturtermin eingeräumt. Vielleicht kommt der Zahn doch bald raus, schon lange empfiehlt mir das der Zahnarzt, weil er locker sitzt und Probleme bereiten könnte. Dieser Konjunktiv hielt mich bislang davon ab, da mir der Zahn bislang keinen Kummer machte. Bis auf den gelegentlichen Kronenabwurf halt. Mal hören, was der Dentist Montag sagt.

Kurz vor Feierabend hüllte die Spätnachmittagssonne den Rheinauenpark in gar wunderbares Licht. Die Ufos am oberen Bildrand sind nur Spiegelungen der Bürobeleuchtung.

Samstag: Der Wecker melde sich zu wochenendlicher Unzeit bereits um acht Uhr, da eine Vereinspflicht zu erfüllen war. Diese bestand aus der gemeinsamen Probe mit dem befreundeten Musikverein aus und in Morsbach-Holpe, einem idyllischen Ort im Bergischen Land, der unser Musikcorps demnächst bei der Prunksitzung der Karnevalsgesellschaft unterstützen wird. Meine anfänglich trübe Stimmung infolge des verhinderten Ausschlafens hellte sich augenblicklich auf, als das erste Stück gemeinsam gespielt wurde. Welch ein Unterschied gegenüber dem Gewohnten, mit so vielen Leuten und unterschiedlichen Instrumenten zu musizieren! Die Begeisterung versetzte mich in länger anhaltendes Grinsen, was beim Trommeln glücklicherweise nicht hinderlich ist; das frühe Aufstehen hatte sich gelohnt.

Im Bergischen Land liegt Schnee. Blick auf Waldbröl-Heide

Sonntag: Die amtlich angekündigte Eisglätte fand in Bonn zum Glück nicht statt, nur Regen ließ ein längeres Verweilen im Bett verlockend erscheinen. Doch auch dieser Tag begann früh, erneut aus karnevalistischen Gründen. In einer Godesberger Kirche wurde die jährliche Mundart-Messe gehalten, an der unsere Karnevalsgesellschaft beteiligt ist mit Musik und Lesungen in rheinischer Sproch. Wie für andere der Heiligabend, ist dies (nicht nur) für mich regelmäßig der einzige Grund im Jahr, mich länger in einer (kalten) Kirche aufzuhalten. Wie immer war es sehr kurzweilig, weil der diensthabende Pastor seine Sache sehr gut macht, gelegentlich wird auch gelacht und applaudiert, was in Gottesdiensten ja sonst eher selten vorkommt. Warum eigentlich? Wenn es den gütigen Gott gibt, hat er bestimmt nichts dagegen.

Vielleicht hat er auch nichts gegen Silvesterfeuerwerk: Fast so heftig wie das zurückliegende sind nun die allgegenwärtigen Forderungen nach einem Verbot, nachdem es – wie jedes Jahr – zu Verletzungen und Todesfällen durch unzulässiges Pyromaterial und mangelnde Vorsicht kam. (Das in diesem Zusammenhang häufig benutzte Wort „tragisch“ ist nur angebracht, soweit Unbeteiligte betroffen sind. Ansonsten ist es schlicht Dummheit.) Seit vielen Jahren geben meine Lieben und ich für derlei Zeug kein Geld mehr aus, auch könnte ich auf Licht- und Knallbegleitung des Jahreswechsels verzichten; das neue Jahr beginnt trotzdem, die bösen Geister bleiben. Gleichwohl stört es mich im angemessenen Rahmen nicht, solange andere nicht bewusst damit belästigt werden, siehe die Anmerkungen vom Dienstag. Auch liegt es mir fern, alle, die Spaß daran haben, pauschal als Vollidioten zu betrachten. Deshalb erscheint mir ein generelles Verbot nicht sinnvoll, zumal die Mehrheit der Pyrofreunde vermutlich besonnen und – soweit man das hier so nennen kann – vernünftig handelt. Vielmehr würden es bestimmte Parteien als weitere Bestätigung ihrer zweifelhaften Thesen missbrauchen.

Spaziergang am Nachmittag. Es gibt kein schlechtes Wetter.

***

Ich wünsche Ihnen ein angenehmes Jahr 2025 mit viel Gesund- und Zufriedenheit sowie wenigstens etwas Optimismus. Es nützt ja nichts, nur noch die bösen Geister zu sehen. Und eine gute Woche; wenn Sie jetzt wieder zu arbeiten beginnen, lassen Sie es möglichst ruhig angehen. Hektisch wird es wieder früh genug.

Woche 52/2024: Alternative Tischmanieren und Raclette über Teelichtern

Montag: Weiterhin sind wir in Beaune, Frankreich. Nachtrag zu gestern Abend: Wir waren zum Essen in einem Restaurant, das wir schon von früheren Besuchen kennen und schätzen. Es ist gut, nicht sehr teuer und der Service sehr freundlich. Während des ersten Ganges betrat ein jüngeres Paar mit einem etwa zwei Jahre alten Kind den Raum, sie wurden am Nebentisch platziert. Das Kind zeigte sich lebhaft, es lief herum, plapperte, quengelte, eine alles in allem altersgerechte Verhaltensweise, die vielleicht bei denjenigen, für die Kinderliebe nicht an oberster Stelle steht, ein gewisses Störgefühl auszulösen vermag. Bald warf das Kind das Blumentöpfchen vom Tisch, das nun, getrennt nach Topf, Pflanze und Erde auf dem Boden lag. Die Eltern scherte es nicht weiter, auch sahen sie sich nicht veranlasst, das Malheur zu beheben oder wenigstens zu melden. Als die freundliche Bedienung das sah, zeigte sie sich wenig erfreut. Offenbar hatte man mehr compréhension für kindliche Lebhaftigkeit erwartet, kurz darauf wurden Kind, Malsachen und alles andere zusammengepackt und sie verließen abschiedslos das Lokal. Am Nebentisch, also unserem, wurde dies mit Erleichterung zur Kenntnis genommen, beinahe hätten wir applaudiert. Dem Kind ist kein Vorwurf zu machen. Doch was geht in solchen Eltern vor?

Unser Tischgewächs blieb unbehelligt

Interessant an einem Hotelaufenthalt sind stets auch die anderen Gäste und ihre Verhaltensweisen. Ich vermute, wer in der Gastronomie oder Hotelbranche arbeitet, erlebt vieles, womit man erfolgreich ein Buch oder Blog füllen könnte. (Für entsprechende Blogempfehlungen wäre ich dankbar.) Beim Frühstück fiel mir heute der vielleicht zwanzigjährige Angehörige einer größeren Familie auf, der ungefähr im Minutentakt das Büffet aufsuchte, um noch etwas nachzuholen. Das ganze in kurzen Hosen. Nicht dass ich dem Anblick junger Männerbeine grundsätzlich abgeneigt wäre, aber warum trägt er im Dezember in einem Fünfsternehotel kurze Hosen? Muss der sich oder anderen etwas beweisen?

Sehr nett im übrigen das ältere Ehepaar aus Freiburg, mit dem wir abends in der Hotelbar ins Gespräch kamen. Offensichtlich sind wir nicht die einzigen, die das Verhalten und Auftreten anderer Gäste interessant finden.

Das Hotel hat drei Stockwerke, somit ist es den meisten Menschen möglich, auch ein Zimmer im oberen Stock über die Treppen zu erreichen. Dennoch folgen die meisten Gäste der natürlichen Bequemlichkeit und nehmen den Aufzug, nur selten begegnet mir jemand im Treppenhaus. Im Erdgeschoss gibt es einen Fitnessraum. Dank Aufzug ist er auch für Bewegungssuchende aus den oberen Stockwerken jederzeit bequem erreichbar.

Die Hotelbar. In dem Topf neben dem Feuer wird ausgezeichneter hausgemachter Glühwein warmgehalten, wir haben ihn mehrfach für Sie probiert.

Dienstag: Der Heiligmorgen begann nicht allzu spät und recht entspannt. Nach dem Frühstück gingen wir eine Runde durch die Stadt, die gut gefüllt war mit Autos und Menschen in letzten Besorgungsabsichten für die bevorstehende fête la Noël. Einige Geschäfte, unter anderem Textilläden, hatten bis achtzehn Uhr geöffnet, für Spätentschlossene oder mögliche Weihnachtsverweigerer.

Nach dem Stadtbummel machten wir einen Spaziergang durch den nahegelegenen Parc de la Bouzaise, wo sich Blesshühner und eine Kleingruppe Gänse (neben graugemusterten Wildgänsen auch eine weiße, letztere vielleicht kurz zuvor dem Braten entkommen) vom Fest unbeeindruckt zeigten.

Nach Rückkehr im Hotel gönnten wir uns vor dem heiligen Abend noch etwas Ruhe. Während ich auf dem Sofa die Zeitung und Blogs las, waren von den Lieben nebenan bald leise Schlafgeräusche zu vernehmen. Zwischendurch zuckte immer wieder das Datengerät auf von den tagesüblichen Grüßen und Wünschen in diversen WhatsApp-Gruppen. Im erweiterten Sinne mit Festbezug traf außerdem per Mail eine Empfehlung für bessere Erektionen ein.

Trotz gegenseitigen Nichtschenkpaktes blieben wir dann doch nicht ganz unbeschoren, woher auch immer die Geschenke kamen.

Den Abend verbrachten wir im Hotelrestaurant, wo ein siebengängiges Festmenü in passender Weinbegleitung gereicht wurde. Das war ausgezeichnet, wenn auch des Guten etwas zu viel: Spätestens ab dem vierten Gang konnte ich außer wenigen Probierhappen kaum noch was essen, das zu jedem Gang extra gereichte Brot blieb unangerührt. Das ist nur schwer mit meiner Flüchtlingskinderziehung zu vereinbaren, wonach Teller grundsätzlich leergegessen werden. Allerdings setzt die Magenkapazität hier natürliche Grenzen. Immerhin kam kein Wein um, immer das Positive sehen.

Zuviel des Guten war auch die musikalische Begleitung durch zwei Damen, die mit Geige und Harfe von Raum zu Raum zogen. Sie spielten sehr gut, sogar Stücke von ABBA und Queen, allerdings war es zu laut für Tischgespräche. Deshalb waren wir ihnen nicht böse, als sie weiter zogen und andere Gäste erfreuten.

Nach dem Essen suchten wir mit dem Paar aus Freiburg nochmals für ein Nachtglas die Hotelbar auf. In der Ecke neben dem Kamin saß ein jüngerer Mann augenscheinlich indischer Physiognomie, beschäftigt mit Buch, Datengerät und Getränken. Der saß da schon so, als wir Stunden zuvor ins Restaurant aufgebrochen waren, und er wirkte nicht unzufrieden.

Hotelfensterblick, morgens, mit Weinbergen der Côte d’Or im Hintergrund
Im Parc de la Bouzaise
Sofablick. Mehr braucht es manchmal nicht zur Zufriedenheit.
Nächstes Jahr aber wirklich nichts. (Foto: der Geliebte)

Mittwoch: Beim Aufwachen erwog ich, heute nichts oder überhaupt niemals mehr etwas zu essen. Das späte Frühstück – wir waren die letzten im Frühstücksraum, das Personal war schon mit dem Abräumen des Buffets beschäftigt – fiel mit einem Croissant und einem Pain au chocolat jeweils im Kleinformat, einem Glas Saft und einer Tasse Kaffee entsprechend geringfügig aus.

Mittags deckte ich meinen Bedarf an etwas Bewegung und frischer Luft mit einem Spaziergang über die Remparts, die zu etwa Dreivierteln erhaltene alte Stadtbefestigung um die historische Innenstadt von Beaune. Im Gegensatz zu den vergangenen Tagen waren kaum Autos auf den Straßen, nur wenige Menschen flanierten und führten ihre Hunde oder Kinder aus. Aus einem Fenster drangen Fetzen von „All I Want For Christmas“ von Mariah Carey an mein Ohr, dem in diesen Tagen kaum zu entkommen ist. And Aaaaaahahahahaii …

Nachmittags wurden die meisten Sachen einschließlich getätigter Einkäufe gepackt und ins Auto geladen, auf dass wir morgen zeitig nach Hause aufbrechen können. Wie üblich begleitet von Diskussionen zwischen meinen Lieben. Laut einem beliebten Klischee zerbrechen Ehen an falsch gedrückten Zahnpastatuben. Wie viele Partnerschaften mögen wegen unterschiedlicher Auffassungen über das richtige Packen des Autos bei der Urlaubsabreise in Schieflage geraten?

Nach dem Abendessen nahmen wir den letzten Vin Chaud à la maison in der Hotelbar. Der Inder hatte sich dort inzwischen über drei Sessel häuslich eingerichtet und wirkte weiterhin sehr zufrieden. Die Sitzgruppe gegenüber belegten ein Mann und zwei Teenagerjungs, letztere mit Alpaka-Frisuren. (Diese Bezeichnung für die aktuelle Haarmode junger Männer las oder hörte ich kürzlich irgendwo und finde sie sehr trefflich.) Gesprochen wurde fast nicht, alle drei waren intensiv mit ihren Datengeräten beschäftigt. Manchmal hielt einer dem anderen das Gerät vor die Nase, der grinste dann kurz und widmete sich wieder dem eigenen. Unterbrochen wurde ihr Tun durch einen zwischenzeitlich servierten Imbiss, der mit alternativen Tischmanieren vertilgt wurde, den Blick möglichst wenig vom Bildschirm abgewandt. Sie hatten auf ihre Weise Spaß, nehme ich an.

Rempards mit Moosansicht
Rempards mit Burgund-typischer Dachdeckkunst

Donnerstag: Nachdem auch die letzten Sachen ohne größeren Zank im Auto verstaut waren, verließen wir vormittags Beaune. „Passt bitte gut auf euch auf, die Welt wird nicht besser“, gab uns die Frau des netten Freiburger Ehepaars mit auf den Weg, womit sie zweifellos recht hat.

Auch an der Grenze zu Luxemburg gibt es Kontrollen gegen illegale Einreise. Etwas rätselhaft der Kontrollposten bei Trier: Er ist erst weit hinter der Grenze eingerichtet, nach einem Parkplatz und einer Abfahrt auf deutschem Gebiet. Schleusern wird es somit recht einfach gemacht, ihrem Geschäft nachzugehen. Bestimmt hat man sich dabei was gedacht.

Nach entspannter und sonnenbeschienener Fahrt kamen wir am späten Nachmittag in Bonn an. Dort waren die letzten fünf Törchen des Adventskalenders „Edle Tropfen in Nuss“ abzuarbeiten, was der Ankunft eine gewisse Leichtigkeit verlieh. Zum Abendessen besuchten wir den persischen Lieblingsitaliener. Nach einer Woche mit französischer Küche ist eine Steinofenpizza auch mal wieder ganz schön.

Für den letzten Urlaubstag morgen habe ich einen Wanderbeschluss gefasst.

Freitag: Mittags brach ich auf zur Wanderung, wegen der jahreszeitlich beschränkten Tagesbelichtung nicht sehr lang. Mit dem Bus fuhr ich bis Holzlar, von dort wanderte ich bei Sonnenschein über den Ennert und den mir bislang unbekannten Finkenberg zwischen Küdinghoven und Beuel zurück nach Bonn. Unterwegs begegneten mir vergleichsweise viele Menschen, was am Brückentag zwischen den Jahren liegen mag, viele haben frei, zudem ist die Strecke stadtnah. Jedenfalls war es wieder beglückend, auch wenn die meisten Bäume kahl Winterschlaf halten. Immerhin zeigen sich Moose und Stechpalmen verlässlich dauergrün.

Nach Ankunft in der menschenvollen Bonner Innenstadt belohnte ich mich für die Mühen mit einer Feuerzangenbowle auf dem Remigiusplatz, wo der Weihnachtsmarkt erstmals in diesem Jahr ein paar Tage länger geöffnet bleibt und zum Dreikönigsmarkt wurde, irgendwie muss es ja heißen. Neben mir bestellte und bekam jemand einen Lumumba. Wir kürzlich zu lesen war, soll man das nicht mehr sagen, weil es wohl irgendwie rassistisch ist. Herrje. Ohne Zweifel halte ich es für richtig, nicht mehr Mohrenkopf oder Zigeunerschnitzel zu gebrauchen, auch wenn mir die Diskussion darum bisweilen etwas hysterisch erscheint. Aber Lumumba? Was kommt da demnächst noch? Vielleicht Granatapfel, Götterspeise, Russisches Brot oder Matjes nach Hausfrauenart? AfD und Freie Wähler werden sich freuen, fürchte ich.

Ennert-Wald im Winterschlaf
Hardweiher
Moosansicht
Stilleben auf dem Finkenberg
Der Rhein mal von der anderen Seite

Samstag: Seit Mitternacht darf wieder Silvesterknallwerk verkauft werden. Wie das Radio morgens meldete, hatten die ersten Licht-Schall-Rauchfreunde bereits seit dem Nachmittag vor den Verkaufsstellen gewartet. Zu den Nebenwirkungen hinsichtlich Müll und Lärm befragt, antworteten sie, das hätten sie auf dem Schirm. Dann ist es ja gut.

Nicht auf dem Schirm, sondern auf dem Sofa verbrachte ich große Teile des Tages und war damit sehr zufrieden.

Abends gab es Raclette über Teelichtern, die Öfchen befanden sich in dem am Dienstag gezeigten Geschenkeberg. Das funktioniert erstaunlich gut, schmeckte bestens und machte satt. Und das Spielerische kam auch nicht zu kurz.

..

Sonntag: Im Gegensatz zu den Vortagen blieb dieser Tag trüb und kalt, die Pfützen auf den Wegen waren gefroren. Den letzten Sonntagsspaziergang des Jahres verband ich mit einer Probefahrt der neuen Straßenbahnwagen. Zum Glück kam auch gleich einer, im Moment fahren sie noch im Mischbetrieb mit den alten auf der Linie 61. Damit fuhr ich bis bis zur Endhaltestelle in Auerberg und flanierte am Rhein entlang zurück, ein gut einstündiger Marsch, den ich so noch nicht gegangen war. Die neuen Wagen laufen sehr ruhig, was dem an Straßenbahnzügen nicht so interessierten normalen Fahrgast vielleicht gar nicht auffällt.

Wagen 2253 verlässt die Endhaltestelle in Auerberg
Rheinufer gegenüber Graurheindorf

***

Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche und einen guten Start in ein neues, möglichst angenehmes Jahr. Vielen Dank, dass Sie meinen Gedanken und Erkenntnissen hier wöchentlich folgen. Passen Sie gut auf sich auf, die Welt wird voraussichtlich nicht besser.

Woche 51/2024: Das gastronomische Angebot wird gut angenommen

Montag: Vergangene Woche zählte ich ein paar komische Wörter auf, die mir irgendwann in den Sinn gekommen waren und bis zu einer möglichen Verwendung auf einer Liste notiert wurden. (Die wenigsten davon waren übrigens neu, wie ich erst heute nach Internetrecherche in einer *hüstel* kurzen Phase verminderter Arbeitslust bemerkte.) Hierzu übersandte mir mein geschätzter Mitschreiber L. einige Ergänzungen, die ich Ihnen mit seiner Erlaubnis gerne zur Kenntnis gebe: Pornokasse, Muschibude, Suboptimierer, Polendioxid, Effie Biest, Saufpate, Affenschein.

Auch anderen fallen komische Wörter ein: „Es ist Besinnlichzeit“, beginnt eine saisonale Grußmail im Bürorechner. Komische Blüten treibt auch immer wieder das Streben nach geschlechterneutraler Sprache. So heißt es in einer Mitteilung der Unternehmenskommunikation „Gewinnende“ als Variante von „Gewinner:innen“. Müsste es nicht „gewonnen Habende“ heißen?

Dienstag: Üblicherweise gehe ich jeden Dienstag und Donnerstag zu Fuß ins Werk und zurück. Seit einiger Zeit nehme ich dabei morgens am Rheinufer eine dreirädrige Gruppe junger Radfahrer wahr, die mich überholt. Das Auffällige daran ist der eine, der dabei unentwegt in Englisch auf die anderen einredet. Wenn sie sich von hinten nähern, höre ich ihn plappern, und ich höre ihn noch, wenn ihre Rücklichter als kleine rote Punkte aus meinem Blickfeld verschwinden. Jeden Dienstag und Donnerstag; an den anderen Tagen plappert er vermutlich auch. Die anderen sind wahrlich nicht zu beneiden.

Als vor allem morgens der wörtlichen Rede eher abgeneigter Mensch staune ohnehin immer wieder, wieviel so früh schon geredet und telefoniert wird, beim Gehen, Laufen, auf dem Rad. So wie manche Menschen zu fürchten scheinen, zu Staub zu zerfallen, wenn sie nicht minütlich aus einer stets griffbereiten Wasserflasche trinken oder irgendwo kurz warten müssen, sind andere anscheinend zum ständigen Reden verdammt.

Alle Jahre wieder diese Meldung: Etwa jeder zweite Beschäftigte ist auch an den Urlaubstagen um Weihnachten und Neujahr für Kollegen, Vorgesetzte und Kunden erreichbar. Auch so ein unerklärlicher, mir fremder Zwang.

Mittwoch: Da ich der anderen Hälfte angehöre, verstaute ich nach Arbeitsende den Rechner im Büroschreibtisch, schaltete das dienstliche Telefon aus und freute mich auf ein paar Tage Urlaub …

Donnerstag: … in Beaune im Burgund, wo wir nach störungsfreier, überwiegend verregneter Fahrt am frühen Nachmittag eintrafen. Da wir das Hotel bereits kennen, es ist unser vierter Aufenthalt hier, fühlte sich die Ankunft ein wenig wie Heimkehr an, was den Geliebten veranlasste, durch Anbringen mitgebrachter Lichterketten das Revier zu markieren.

Auch innerlich verlief die Fahrt nicht allzu trocken, selbstverständlich nicht für den diensthabenden Fahrer
..

Leider auch eingetroffen ist meine Erkältung, die sich bereits am Montag als erste vage Ahnung andeutete, sich in der Nacht zu Dienstag mit Halskratzen bemerkbar machte und heute mit laufender Nase ihre Pracht entfaltet.

Freitag: Nach nicht allzu spätem Frühstück unternahmen wir eine Ausfahrt nach Lyon in die dortige Markthalle. Das Anfahren des Parkhauses war wegen des dichten Stadtverkehrs nicht sehr einfach, was mich selbst als Beifahrer auf dem Rücksitz anstrengt, während der Liebste als Fahrer es mit immer wieder bewundernswerter Gelassenheit hinnahm.

Die Markthalle ist einen Besuch wert. Wie in vielen anderen französischen Städten kann man dort nicht nur Lebensmittel aller Art kaufen, auch das gastronomische Angebot wird gut angenommen, an mancher Theke schon mittags Partystimmung.

Nach der Markthalle gingen wir eine Runde durch die sehenswerte Stadt, ehe wir zurück nach Beaune fuhren, wo wir erst nach Einbruch der Dunkelheit ankamen, was um diese Jahreszeit nicht sehr spät ist. Immerhin werden die Tage ab übermorgen wieder länger.

Den Abend verbrachten wir im Hotel, zunächst an der Hotelbar im Kaminzimmer. Heute mit Livemusik, dargeboten von zwei mäßig begabten Sängerinnen, die bekannte Melodien wie „Last Christmas“ und „Halleluja“ recht eigenwillig interpretieren und meine grundsätzliche Abneigung gegen Livemusik als Hintergrundbegleitung bestätigten. Dass niemand applaudierte, schien sie nicht zu beirren. (Nein, vermutlich könnte ich es nicht besser, deshalb lasse ich es auch.) Unser Essen wurde nebenan im Frühstücksraum serviert, wo der Gesang, vermischt mit anderer Musik aus dem Lautsprecher, kaum noch störte; mit jedem Glas Wein weniger.

Markthalle in Lyon
Das Angebot von Geflügel ist für das deutsche Auge bisweilen ungewohnt
Man beachte das Gespinst der Fahrleitungen für die O-Busse
Blick über die Rhone

Samstag: Vormittags besuchen wir bei feuchtkaltem Wetter den Markt in Beaune. Auch hier gibt es eine Markthalle, freilich viel kleiner als in Lyon und vom Angebot her längst nicht so interessant. Außerdem ohne gastronomische Einkehrmöglichkeit, deshalb verweilten wir nur kurz.

Schokoschnecken. Zur Vermeidung von Missverständnissen wurde es dazu geschrieben.

Nach Rückkehr brachen meine Lieben auf zu einer Supermarktbesichtigung. Mangels Interesse verblieb ich im Hotel und genoss ein paar Stunden Alleinzeit, was zwischendurch ja auch mal ganz schön ist.

Sonntag: In der Nacht bis in den Vormittag hinein umtosten starker Regen und Sturm das Hotel. Da mein Bett direkt unter dem Dachfenster steht, war ich in angenehmster Weise gleichsam live dabei. Aus anderen Gründen, an denen ein Digestif aus der Hölle am Vorabend beteiligt war, kamen wir erst kurz vor Schluss zum Frühstück. Danach unternehmen der Liebste und ich eine Ausfahrt nach Chablis, wo wir bei der örtlichen Coopérative mehrere Flaschen des gleichnamigen Weines erstanden. Das Wetter hatte sich beruhigt, auch die Sonnen ließ sich kurz blicken.

Zurück fuhren wir über Flavigny, wo wir die Fertigungsstätte von Anisbonbons besuchten und einige der hübsch dekorierte Blechdosen kauften.

Dabei durchfuhren wir zahlreiche auf den ersten Blick malerische Dörfer, auf den zweiten Blick ist viel Verfall und Leerstand zu erkennen. Oft sind die Ortseingangs- und Ausgangsschilder verhüllt, vermutlich eine Alternative zu den andernorts auf den Kopf gedrehten Schildern, mit denen die französische Landbevölkerung ihren Unmut über die Politik aus Paris zum Ausdruck bringt. Immerhin stehen, wie zum Trotz, an vielen Straßenecken bunt geschmückte Weihnachtsbäume.

Die Tage in Beaune sind übrigens unser gegenseitiges Weihnachtsgeschenk anstelle von gegenständlichen oder gutscheinbaren Gaben, was meiner diesbezüglichen Ideenlosigkeit (man hat ja alles) sehr entgegen kommt. Ich hoffe, die anderen halten sich auch daran, sonst stehe ich am Heiligabend blöd da.

Chablis
La Poste in Chablis
Bei ‎⁨Flavigny-sur-Ozerain⁩

***

Kommen Sie gut durch die Woche, allen Leserinnen und Lesern wünsche ich angenehme Weihnachtstage!