Gedanken über die Sprache

Die Sprache ist etwas wunderbares, ermöglicht sie uns doch in unvergleichlicher Weise durch Aneinanderreihung mannigfaltigster Wörter eine Art der Kommunikation, von der andere Spezies, zum Beispiel der gemeine Grottenolm, nur träumen können (so fern Grottenolme überhaupt träumen, ist das mal untersucht worden, wenn ja, warum?). Ich möchte sogar so weit gehen, zu behaupten, die Sprache ist eine Grundfeste der menschlichen Intelligenz, auch wenn das bei der Betrachtung von „Bauer sucht Frau“, „Deutschland sucht den Superstar“ und ähnlicher zivilisatorischer Randerscheinungen nicht auf Anhieb deutlich wird; ohne unsere Sprache säßen wir vermutlich noch auf Bäumen und hätten weder das Rad noch den Laubbläser erfunden.

Damit nicht genug: aus Sprache lassen sich ausgezeichnete Kunstwerke erschaffen, man denke nur an Goethe, Thomas Mann, Wilhelm Busch, Heinz Erhard und Mario Barth (finde den Fehler, Anm. d. Red.); nicht selten bietet das geschriebene wie gesprochene Wort kulturelle Hochgenüsse ähnlich einer Sinfonie oder Marianne Rosenberg.

So weit so gut.

Doch kann die Sprache statt des vorgenannten Genusses auch eine Belästigung darstellen. Beim Geschriebenen bewegt sich diese zumeist noch in erträglichen Grenzen: Nehmen Sie diesen Text, Sie können ihn getrost ignorieren, womit sich die Belästigung, welche von ihm ausgeht, minimiert. Anders hingegen die Sprache in ihrer ursprünglichen Form des gesprochenen Wortes, welches stets mit einer Geräuschentwicklung einher geht, der kaum zu entkommen ist.

Morgens in der Bahn: Mit einer der Tageszeit angemessenen Übellaunigkeit finde ich einen freien Sitzplatz und packe mein Buch aus, um nicht die Gesichter der Mitreisenden betrachten zu müssen. Nächste Haltestelle: Hauptbahnhof. Hier fallen sie ein, die Bahn wird zum Bersten voll, mir gegenüber nehmen zwei Personen Platz, ein Mann im Anzug und eine Frau im Kostüm, offenbar Kollegen, und nehmen sogleich das Gespräch auf über das Projekt, Zeitplan, Performance, Ressourcen, sich gegenseitig immer wieder mit „Okay“ und ähnlichem Verbalunrat bestätigend. Das ist schlimm.

Schlimmer ist, wenn statt der beiden unbekannten Personen plötzlich meine Kollegin Christine gegenübersitzt und das Gespräch sucht, und zwar mit mir. Damit kein Missverständnis entsteht: ich mag Christine sehr, sie ist ein herzensguter Mensch, sympathisch, stets gut gelaunt. Und genau das ist das Problem: ihre stets gute Laune bricht sich Bahn in zahlreichen Worten, welche sie ohne Rücksicht auf meine morgendliche Befindlichkeit auf mich niederprasseln lässt, und da ich ein höflicher Mensch bin, kann ich den verbalen Niederschlag nicht völlig unbeantwortet vorüberziehen lassen, wenigstens ein gelegentliches „Ja…“ oder „Hm…“ muss ich ihr schon gönnen, auch wenn mich um diese Zeit weder berufliche Dinge noch ihre Katze interessieren.

Ein weiterer Ort sprachlicher Belästigung ist der Aufzug. Da ich in einem Hochhaus arbeite, kann ich dem nicht entgehen. Die schlimmsten Zeitgenossen sind die, die meinen, im Aufzug witzig sein zu müssen, können sie sich doch ihres Publikums sicher sein, niemand kann der Kabine vorzeitig entkommen. So ringt man sich ein gequältes Lächeln ab und steigt bei nächster Gelegenheit aus, Treppensteigen soll ja angeblich gesund sein. Ich wünsche mir in Aufzügen eine Automatik, die augenblicklich ohrenbetäubende Rockmusik in Gang setzt, sobald jemand auch nur den Mund aufmacht.

Das alles ist natürlich nichts gegen Menschen, die gar kein Gegenüber aus Fleisch und Blut benötigen, um zu sprechen; die Mobiltelefonie macht es ihnen möglich, einen ganzen Eisenbahnwaggon zu unterhalten durch ein Gespräch mit einer Person, die sich gerade in einem anderen Erdteil befindet. Ein solcher Mensch ist unser Nachbar: auch bei geschlossenen Fenstern hört man ihn schon von weitem kommen, wenn er in die Straße einbiegt, sich dem Haus nähert, die Treppe im Hausflur hochgeht; man hört ihn noch plappern, wenn er längst seine Wohnungstür hinter sich geschlossen hat. Ich glaube, er kann nichts dafür, es ist einfach sein Schicksal, stets von einer Klangwolke umgeben zu sein.

Da sich die oben genannte Rockmusik-Automatik in Aufzügen wohl nicht durchsetzten wird, schlage ich eine andere Lösung vor: ein generelles Redeverbot an Orten, wo andere Menschen unschuldig gezwungen sind, mitzuhören, wie eben Busse, Bahnen und Aufzüge. Neben den bereits vorhandenen Verbotsschildern für den Verzehr von Speiseeis oder die Benutzung im Brandfalle könnte ein Symbol nach folgendem Muster die gesetzlich verankerte Sprachlosigkeit durchzusetzen helfen:

sprechverbot

Ich erkläre mich hiermit bereit, meine Designrechte an dem Symbol den maßgeblichen gesetzgebenden Stellen gegen ein geringes Honorar zur Verfügung zu stellen.

Besuch

(Aktualisiert 21.8.2010)

„Besuch ist etwas wunderbares, zum einen wenn er kommt, zum anderen, wenn er wieder geht.“ Ich weiß nicht, von wem dieser kluge Satz stammt, jedenfalls birgt er viel Wahrheit in sich, vor allem der zweite Teilsatz. Sagen Sie es bitte nicht weiter, aber im Grunde meines Herzens mag ich keinen Besuch, weder in aktiver noch in passiver Form, sprich, weder nehme ich anderer Leute Gastfreundschaft gerne länger in Anspruch, noch verfüge ich selbst über eine ausgeprägte solche.

Im Gegensatz zu meinem Nachbarn, der augenscheinlich an Einsamkeit verdorrte, hätte er nicht fast allabendlich Gäste um sich, genieße ich die Ungestörtheit innerhalb der eigenen vier Wände außerordentlich. Der eigene Kühlschrank, das eigene Bett, das eigene Klo; zudem niemand, den ich mit Speisen und Getränken versorgen oder mit dem ich Konversation halten muss zu Themen, die mich, sagen wir mal, nur mittelbar interessieren (Fußball, Haustiere, sein neues Auto, um nur einige zu nennen).

Dabei haben aktive Besuche gegenüber passiven einen Vorteil: Man kann gehen, wenn es reicht, meistens jedenfalls, wohingegen man dem Sitz- oder (je nach Anlass) Liegefleisch seines Gastes oft machtlos gegenüber steht / sitzt / liegt, so sehr man auch gähnt oder auffällig-unauffällig auf die Uhr schaut, woraus dann folgender Dialog erwachsen kann:

Ich: (auf die Uhr schauend, gähnend)
Gast: Musst du morgen früh raus?
Ich: Ja, gegen sechs.
Gast: hm… (eine bequemere Sitzposition einnehmend)
Ich: Noch ein Bier?
Gast: Gerne, eins geht wohl noch.
Ich: (siehe oben)

Besonders unlieb sind mir Übernachtungsbesuche: Als Gast kann ich eben nicht gehen, wenn es an der Zeit ist, gegen fremde Betten und Bäder habe ich eine natürliche Abneigung, und ich weiß nie, wie ich mich morgens verhalten soll, wenn ich schon wach bin und aufstehen möchte, vom Gastgeber aber noch kein Mucks zu vernehmen ist. – Schlimmer noch in der Rolle des Gastgebers: meine ganze Aufmerksamkeit muss ich anderen Menschen widmen, die sich in meiner Wohnung aufhalten und die meinen gewohnten Tages- und Nachtablauf durcheinander bringen.

Eine besonders perfide Erscheinung häuslicher Störung stellt der spontane, nicht angekündigte Besuch dar. Sonntagnachmittag, draußen ist es kalt, den ganzen Tag schon regnet es, die Stube ist warm, du hast es dir mit einem Buch oder einer DVD gemütlich gemacht, dazu eine Kanne Tee, alles ist gut. So lange, bis das Telefon klingelt und du den Fehler machst, dranzugehen. „Ich bin‘s, wollte nur hören ob du zu Hause bist, wir sind gerade in der Nähe und wollten fragen, ob wir gleich mal auf einen Sprung vorbeikommen können, in zehn Minuten sind wir da.“ Ehe du antworten oder gar protestieren kannst, ist das Gespräch beendet, keine fünf Minuten später klingelt es an der Tür, vor die steht dein Bruder nebst Gattin und den lieben Kleinen, zwei an der Zahl. Vielleicht rufen sie auch gar nicht erst an, sondern klingeln direkt, was du nicht ignorieren kannst, da sie längst das Licht in deiner Wohnung gesehen haben. Freude beteuernd legst du das Buch weg oder schaltest den Fernseher aus („Wir stören doch hoffentlich nicht?“ – „Aber nein, gar nicht…“) und widmest dich voll und ganz deinen lieben Gästen; das machst du so gut, dass sich der angekündigte „Sprung“ zu einem abendfüllenden Programm dehnt, so lange, bis die lieben Kleinen endlich müde und quengelig werden.

Nicht ohne Grund sind die Begriffe „Besuch“ und „Heimsuchung“ miteinander verwandt. Auch eine gewisse klangliche Ähnlichkeit zwischen „Besuch“ und „Vesuv“ ist nicht zu übersehen, überrollte dieser Vulkan doch im Jahre 79 nach Christi die Stadt Pompeji mit der Gewalt eines unangekündigten Verwandtschaftsbesuchs, der einem den Kühlschrank leer und die Haare vom Kopf frisst.

Sollten Sie einmal in der Nähe sein, scheuen Sie sich nicht, bei mir vorbeizuschauen. Nur anklingeln muss nicht unbedingt sein.

Ich bin halt anders…

Nein, ich schaue das Fußballspiel nicht, so wie ich bislang keines gesehen habe, Danke der Nachfrage, es interessiert mich einfach nicht. Es reicht doch völlig aus, die kollektiven Aufschreie der Stadt zu hören bei jedem Tor oder was auch immer da gerade passiert. Keiner versteht mich anscheinend, alle schauen Fußball, selbst Leute, die ansonsten mit Fußball nichts am Hut haben, schließlich spielen „wir“! „Wir“?? Also „ich“, was ja per definitionem Bestandteil von „wir“ ist, ganz bestimmt nicht, insofern distanziere ich mich ausdrücklich von diesem in diesen Tagen so häufig missbrauchten Wort.

Ich bin anders. Und wissen Sie was? Ich bin es gerne!

Je apprendre francaise

In der sechsten Klasse stand ich vor der Wahl, welche zweite Fremdsprache ich erlernen wollte. Gut, von wollen konnte keine Rede sein, man musste sich damals entscheiden zwischen Latein und Französisch, Pest oder Cholera. Die grundsätzliche Nutzlosigkeit des Lateinischen für den Hausgebrauch war mir durchaus bewusst, doch war es wohl die Begeisterung für Asterix, die mich meine Entscheidung schließlich treffen ließ. Französisch hingegen mochte ich damals überhaupt nicht, was möglicherweise auf die in meiner Jugend noch aktive Mireille Matthieu zurückzuführen war (an Louis de Funes kann es dagegen nicht gelegen haben, die Filme waren ja synchronisiert), jedenfalls befand ich diese Sprache für keinesfalls lernenswert. So mühte ich mich denn bis zu meinem Abitur durch lateinische Texte, Cäsar, Deklinationen und ähnliches mit dem Ziel des Großen Latinums. Was ich dabei nicht gelernt habe: mich auf Lateinisch zu verständigen, wozu auch und mit wem, mein Verhältnis zur katholischen Kirche war schon damals nicht von Innigkeit geprägt, aber das ist ein anderes Thema, hatten wir hier, glaube ich, schon.

Französisch. (Nein, ich begebe mich jetzt nicht hinunter in die Niederungen des bekannten humoristischen Flachwurzlers, der auf „… nur mit der Sprache hapert es“ endet, obwohl es mich, das gebe ich zu, kurz in den Fingern gejuckt hat. Auch könnte ich jetzt schreiben, dass ich erst durch Cadinot-Filme wieder mit dem französischen in Berührung kam; auch das würde an dieser Stelle zu weit führen, zumal die Sprache dort nun wirklich die geringste Rolle spielt.) Seit nunmehr vier Jahren fahren wir regelmäßig im Urlaub in die Provence, a) weil es dort schön ist, b) weil es dort guten Wein gibt und c) weil unsere Nachbarn dort ein Haus haben, das sie uns für ein recht geringes Entgelt überlassen. Ja, es ist wirklich wunderschön dort. Noch schöner wäre es, wenn ich mich dort verständigen könnte. Die späte Rache einer verfehlten Mittelstufen-Entscheidung. Gut, ich bin durchaus in der Lage, ein Baguette zu kaufen oder ein Bier zu bestellen, womit die wichtigsten Überlebensfunktionen halbwegs gesichert sind; schwieriger wird es da schon bei der Speisekarte im Restaurant, die zumeist konsequent in französisch gehalten ist, verständlicherweise oder eben gerade nicht. Ganz schlimm wird es, wenn ein Eingeborener versucht, verbal mit mir zu kommunizieren. Die Folgen sind Schweißausbruch und von blödem Grinsen begleitetes Schulterzucken.

Das geht so nicht weiter!

Da es nicht unwahrscheinlich ist, dass wir unseren Urlaub wieder in der Provence verbringen werden, habe ich beschlossen, in meiner Jugend sträflich versäumtes nun nachzuholen. Dazu habe ich mir gleich nach dem letzten Urlaub ein Lehrbuch mit zwei CD’s von Langenscheidt gekauft mit der festen Absicht, es nicht nur auf meinem Schreibtisch liegen zu haben, bevor es irgendwann verschämt im Bücherregal verschwindet, sondern es zu nutzen, konsequent, täglich mindestens eine halbe Stunde. Und das mache ich auch. Meistens. Also nicht täglich, meine ich, aber doch mit einer Regelmäßigkeit, die das wöchentliche deutlich überschreitet.

Und das ist verdammt schwer!

Das mit der Lerndisziplin ist das eine, schlimmer ist es, das gelesene im Kopf zu behalten, ob es nun Vokabeln sind oder Konjugationen, Zahlen, Wochentage… und dazu diese Aussprache, diese Nase-zu-Vokale und verschluckten Konsonanten! Dass ich mal gerade im dritten Kapitel angekommen bin und mich noch weit entfernt davon fühle, einen halbwegs verständlichen Satz zu sprechen, ist nicht gerade ermutigend, aber aller Anfang ist schwer, so sagt man doch. Noch viel weiter bin ich davon entfernt, einen von einem anderen gesprochenen Satz zu verstehen, die Wörter zu erkennen: alles ist so schnell und klingt so ähnlich. Ja, ich fühle mich wie ein Grundschüler, der gerade behutsam an das Alphabet herangeführt wird.

Aber da bleibe ich jetzt dran, schließlich will ich im nächsten Frankreichurlaub auch mal was sagen/verstehen, außerdem hier demnächst meine Artikel in sauberstem Französisch veröffentlichen!

Heimatgedanken

Bielefeld gibt es wirklich, lassen Sie sich von anders lautenden Behauptungen nicht beirren. Ich muss das wissen, es steht als Geburtsort in meinem Personalausweis, ich habe dort 32 Jahre meines Lebens verbracht. Davon 26 Jahre in einem östlichen Stadtteil namens Stieghorst, dort steht mein Elternhaus; Stieghorst ist das, was ich wohl als meine Heimat bezeichnen muss. Meine Eltern leben dort, in ihrem/unserem 1960er-Jahre Reihenhaus in einer Siedlung, die überwiegend aus 1960er-Jahre-Reihen- und Mietshäusern besteht.

Seit 1999 wohne ich in Bonn, nicht gerade weit weg von Bielefeld, aber doch so weit, dass es mich nur noch relativ selten in meine ostwestfälische Heimat verschlägt, vielleicht vier- bis fünfmal im Jahr. (Ostwestfalen, was für ein im Grunde unsinniges Wort, etwa so wie Doppelhaushälfte; von ersterem könnte man, rein mathematisch betrachtet, den Mittelwert bilden und käme auf „Falen“, zweiteres ließe sich zu „Haus“ kürzen.) Gestern nun war ich wieder dort. Das erste, was man wahrnimmt, wenn man an der Endhaltestelle der Stadtbahn aussteigt, ist das Einkaufszentrum, ein in den frühen 1970er-Jahren gebautes Gebäudekonglomerat, das an Hässlichkeit seinesgleichen sucht, gleichwohl in dieser oder ähnlicher Form in wohl jeder größeren Stadt zu finden ist: drei- bis fünfstöckige Flachdachbauten mit viel Beton und Waschbetonverkleidungen, mittendrin eine Gaststätte mit dem Namen „Alt Stieghorst“, was nicht einer gewissen unfreiwilligen Komik entbehrt.

Stieghorst hat sich seit meiner Kindheit stark verändert: Die Stadtbahn endete früher in Sieker und man musste in den Bus umsteigen, um nach Stieghorst zu gelangen; die Textilfabrik, deren Schornstein früher den Stadtteil überragte und der eine Art Wahrzeichen war (was schon einiges über Stieghorst aussagt), ist dem Erdboden gleich gemacht und das Gelände neu bebaut worden; das kleine Wäldchen an der Stieghorster Straße mit der alten Fabrikantenvilla darin existiert nicht mehr und musste Wohnhäusern weichen; wo einst die Glasbaufirma in unserer Straße stand, die der Familie eines alten Freundes von mir gehörte, gähnt jetzt eine große freie Fläche. Das sind nur einige Beispiele von vielen.

Obwohl sich so vieles verändert hat, was ja völlig normal ist, nicht nur in Stieghorst sondern überall, ist es nach wie vor sehr vertraut. Und doch frage ich mich, je mehr, desto älter ich werde und desto länger es her ist, dass ich dort lebte: Wie kann es sein, dass ich mich dort als Kind, Jugendlicher und auch noch junger Erwachsener so wohl gefühlt habe? Wie konnte es 26 Jahre dauern, bis ich dort weg zog? Alles ist so vorstädtisch, die Architektur überwiegend hässlich, eine gewisse Spießigkeit springt einem überall entgegen; selbst mein Elternhaus empfinde ich kaum noch als „Heimat“, obwohl ich dort die bislang meiste Zeit meines Lebens verbrachte. Vielleicht liegt es daran, dass sich das Haus von innen mindestens so stark verändert hat wie Stieghorst im Ganzen, neue Möbel, neue Farben, nichts ist so geblieben wie damals, als ich auszog; vielleicht liegt es aber auch einfach an dem räumlichen und zeitlichen Abstand, den ich inzwischen zu Stieghorst im Allgemeinen und zu meinem Elternhaus im Besonderen gewonnen habe.

Ich liebe meine Eltern, habe ein sehr gutes Verhältnis zu ihnen, freue mich sehr, wenn ich sie sehe, ich weiß, dass das viel zu selten ist. Und doch beschleicht mich so etwas wie Erleichterung, wenn ich wieder im Auto sitze und auf die A2 Richtung Bonn auffahre. Bonn ist nun mein Lebensmittelpunkt, ja meine Heimat. Und ich bin mir sicher, wenn meine Eltern eines – hoffentlich sehr fernen – Tages nicht mehr sind, wird es mich nach Bielefeld-Stieghorst voraussichtlich nie wieder verschlagen. – Das klingt hart, oder?