Der frühe Vogel nervt

Man gewöhnt sich ja bekanntlich an alles: schlechtes Essen in der Kantine, Casting-Shows im Fernsehen, das Gelaber mancher Kollegen, Laubbläser-Terror im Herbst und Mobiltelefonierer in der Bahn. An eines jedoch werde ich mich niemals gewöhnen: morgens aufstehen zu müssen, wobei zwar die Betonung auf „morgens“ liegt, das Aufstehen an sich aber schon einen Akt allergrößter Überwindung für mich bedeutet. Gut, sagen wir mal, alles was vor elf Uhr liegt, nicht dass der Eindruck entsteht, ich sehnte mich in die dauerhafte Bettlägerigkeit oder gar unter des Käfers Keller; aber vor elf aufzustehen verstößt eklatant gegen mein inneres Wohlbefinden.

Dabei ist es nahezu unerheblich, ob der Wecker um fünf losgeht oder „erst“ um halb acht; sobald es so weit ist, wird ein Leidensprozess in Gang gesetzt, der bis mindestens zehn Uhr anhält, manchmal, vor allem Montags, ganztägig. Während dieser Phase gilt: bloß nicht ansprechen!

Was ich liebe: aufwachen, kurzer Blick auf die grün leuchtenden Ziffern des Weckers, noch Stunden bis zum Aufstehen, umdrehen, in die Decke kuscheln (oder, schöner noch, an den Bettnachbarn), weiter schlafen; was ich hasse: aufwachen, nur noch Minuten bis zum Aufstehen, der Zauber der Nacht ist gebrochen, kein Einschlafen mehr möglich; diese Minuten, dieses Warten auf den Wecker sind schlimmer als von eben diesem aus den Träumen gerissen zu werden.

Der Tiefpunkt meines Daseins ist erreicht, wenn der Wecker dann pünktlich zu den Nachrichten los geht und, noch ehe der Sprecher die aktuelle Uhrzeit aufsagen konnte, von mir mit einem automatischen, jahrelang geübten Handgriff zum Verstummen gebracht wurde; von der Schlummertaste mache ich indes keinen Gebrauch, da sie meines Erachtens das Leiden nur unnötig verlängert. So verbringe ich dann zwei bis drei Minuten in tiefster Qual, verfolge kurz die allmorgendliche Diskussion der beiden inneren Stimmen:
A: „Aufstehen.“
B: „Ich will nicht!!“
A: „Aufstehen!“
B: „Ich will nicht…“
A: „AUFSTEHEN!!!“
Jeden Morgen gewinnt A, das ist irgendwie blöd, aber nicht zu ändern.

Schlimmer noch als der Ruf des Weckers ist der Moment, da A endgültig obsiegt hat und ich mich aus dem Tuche ins Bad quäle, mit einem kurzen Umweg durch die Küche an der Kaffeemaschine vorbei. Was einem da für absurde Gedanken durch den Kopf gehen, man sollte sie endlich mal aufschreiben!

Es gibt keine Lösung für dieses Problem. Früher, als ich um fünf Uhr aufstehen musste, war das Leiden nur unwesentlich größer als heute, da ich bis halb acht liegen bleiben kann. Morgens aufstehen ist einfach wider meine Natur. Vielleicht sollte ich doch endlich eine Karriere als Schrift- oder Pornodarsteller beginnen. Für ersteres fehlt mir leider das Talent, und zweiteres… na lassen wir das.

Ein einschneidendes Erlebnis

Liebe ist, dem Liebsten morgens beim Frühstück das Brötchen aufzuschneiden. Blöd ist, wenn man dabei die Schärfe des neuen Luxus-Brotmessers unterschätzt und dieses nach vollzogener Tat auf den Mittelfinger trifft, das bringt dann Farbe in den trüb-grauen Herbsttag, in diesem Falle rote.

Stefan brachte mich in die Unfallaufnahme des St.-Petrus-Krankenhauses (was er sicher auch getan hätte, wenn es nicht sein Brötchen gewesen wäre); dort musste ich nicht lange warten, die Leute waren sehr nett, und ein junger, durchaus attraktiver Arzt nähte den Einschnitt mit drei Stichen zu.

Und was macht man als nächstes in einem solchen Fall? Richtig: darüber bloggen und twittern.

Das wirklich blöde an so einer Verletzung ist ja, ab morgen ständig die Frage „Wie ist das denn passiert?“ beantworten und damit meine Ungeschicklichkeit deutlich machen zu müssen. Vielleicht sollte ich aus Gründen der Zeitersparnis Infokärtchen anfertigen, die ich dann Fragenden wortlos aushändigen kann.

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(Falls diesen Eintrag wider Erwarten jemand liest, hoffe ich, ihm die Freude an diesem Tag damit nicht beeinträchtigt zu haben.)

Sturmfrei

Mal eine Woche alleine sein, die Wohnung für sich haben, ist nicht das schlechteste, dachte ich mir, als er plante, im Oktober noch mal eine Woche nach Frankreich zu fahren; ich hätte mitfahren können, wollte aber nicht, drei mal waren wir in diesem Jahr schon dort, und das ist mir persönlich genug. Ich würde die Woche schon ‚rum kriegen, die Zeit nutzen, abends ungestört an meinem Romandings weiter schreiben, meine geliebten Bruckner-Sinfonien durch die Wohnung schallen lassen (er hasst Bruckner), das eine oder andere Date klar machen, kurz, die scheinbaren Vorteile des Single-Daseins auskosten.

Am letzten Samstag morgens um sieben fuhr er los. Als das Auto um die Ecke war, kroch ich zurück in das plötzlich sehr große und sehr leere Bett, wo ich bis mittags blieb, dann kurz was einkaufen, dann frühstücken, alleine. Alleine frühstücken ist doof, vor allem am Wochende; kurz: er war kaum weg, schon vermisste ich ihn und ersehnte seinen Anruf, dass er gut angekommen sei.

Wie habe ich nun die Woche genutzt? Bruckners fünfte, gestern Abend, immerhin. Etwas geschrieben habe ich auch, nämlich das hier, immerhin. Dates? Fehlanzeige, keine Lust, kein Bedarf, keine Gelegenheit; nachher treffe ich Dennis auf ein paar Bier, immerhin.

Die Vorzüge des Single-Daseins? Es gibt sie nicht, jedenfalls erkenne ich keine.

Morgen Abend kommt er zurück, ich kann es kaum erwarten!

Der erste Arbeitstag…

…nach dem Urlaub. Sechs Uhr aufstehen, weil es sich bewährt hat, zwei Stunden früher im Büro zu sein, um ungestört die E-Mails sichten zu können. Nach zwei Wochen in T-Shirt und kurzer Hose wieder mit Jacke aus dem Haus gehen, der Herbst ist nahe. Die Laune ist auch eher herbstlich, nur ohne bunte Blätter. Die Bahn ist schon unangenehm voll ist, die Schulferien sind vorbei, schade nicht nur für Schüler und Lehrer. Das Bürogebäude mit leichtem Unbehagen betreten, als erster alleine im Büro, alles sieht noch so aus wie vor dem Urlaub, auch mein Name steht noch außen an der Tür, beruhigend irgendwie. Den Rechner anschalten, Kaffee holen, warten, bis der Rechner hochgefahren ist; im Kaffee liegt Trost, auch wenn er nicht sonderlich schmeckt.

Der spannende Augenblick, das Unbehagen steigt wie vor einem Zahnarztbesuch: Outlook starten. Zweihundert Mails, hab’s schon schlimmer erlebt. Zuerst die Mails vom Chef sichten, keine Imponderabilien dabei. Dann die anderen, viele sofort löschen, andere später lesen, einige in Aufgaben verschieben. Das Unbehagen klingt langsam ab. Kurz nach acht, Chef kommt rein, sichtlich gut gelaunt, fragt, wie der Urlaub war, wünscht guten Start. Erleichterung. Alle E-Mails gesichtet und sortiert, keine Katastrophen dabei. Erste Zigarette.

Um halb zehn überraschend Mitarbeiter-Feedback-Gespräch mit Chef und Teamleiter. Man ist zufrieden mit mir, na also; Anflug von Motivation. Zweite Zigarette.

Zwei Besprechungen, erfreulich kurz, dennoch lästig. Einige Aufgaben abarbeiten. Viel arbeiten zieht viel Arbeit nach sich, wer will das schon, daher: Feierabend. Morgen ist auch noch ein Tag, und übermorgen, und…

Nach Hause. In der Bahn einem letzten Kurzbehosten neidvoll auf die Beine starren.

Zu Hause. Der Urlaub ist vorbei, der Alltag hat mich wieder. Müde, aber erstaunlich gut gelaunt.

Gedanken zum Urlaubsende

Zwei Wochen Provence neigen sich dem Ende zu, nachher werden wir anfangen, unsere Sachen zu packen und kistenweise Wein in unser Auto schleppen, den wir hier gekauft haben, morgen früh fahren wir zurück nach Bonn mit der üblichen Schwere im Herzen. Dieses Mal fällt mir der Abschied besonders schwer, allein schon des Wetters wegen: Erlaubten uns hier Temperaturen um die dreißig Grad, die Tage in kurzer Hose und T-Shirt überwiegend draußen zu verbringen, so erwartet uns zu Hause Regenwetter um die fünfzehn Grad. Gut, seit den frühen Morgenstunden bläst der Mistral und bringt eine vorübergehende Abkühlung, als wolle er uns den Abschied erleichtern, und doch scheint die Sonne und das Licht ist sehr freundlich.

Und wieder klingt leise die Frage an: wäre es nicht schön, hier zu leben, für immer hier zu bleiben, so wie andere es bereits vor uns getan haben? Es gibt einiges, was dafür spricht: besseres Wetter, wobei es auch hier sehr kalte Winter und heftige Unwetter gibt, freundliche (und äußerst attraktive) Menschen, alles läuft scheinbar irgendwie entspannter ab als in Deutschland, guter Wein und gutes Essen, liebliche Landschaften, malerische Städte und Dörfer; die Aufzählung ließe sich lange fortsetzen.

Meine Antwort auf diese Frage ist ein klares Nein.

Urlaub ist ein vorübergehender Ausnahmezustand, zur Erholung, indem man räumlichen wie innerlichen Abstand sucht und findet vom heimischen Alltag, von der Arbeit und sonstigen Verpflichtungen, denen man teils freiwillig, teils gezwungen unterliegt. Genau dieser notwendige Ausnahmezustand ist ja gerade aufgehoben, wenn man hier auf Dauer lebt, denn auch hier muss man ja von irgendetwas leben und kann nicht seine Tage lesend und faulenzend auf der Terrasse verbringen, so wie es nur im Urlaub möglich ist. Es sei denn, eine plötzliche Erbschaft oder ein Lottogewinn oder die üppigen Tantiemen eines gelandeten Bestsellers schaffen die Unabhängigkeit von einem Arbeitgeber. Da ich meines Wissens nicht über reiche und dazu erbenlose Verwandte verfüge, nicht Lotto spiele und meine Schreibkünste sich in sehr überschaubaren Grenzen halten, besteht diesbezüglich keine „Gefahr“.

Und selbst wenn doch: der Alltag verlagerte sich dann vom scheinbar kalten, unfreundlichen und hektischen Deutschland ins zu recht viel gepriesene Südfrankreich. Irgendwann verlangt der Geist erneut nach einer Auszeit, einem Ausnahmezustand vom Alltag, das Spiel geht von vorne los.

Ja, die Städte und Dörfer hier mit ihren alten Natursteinhäusern, Straßencafés und Bistros unter alten Platanen, umgeben von einer wunderschönen Landschaft aus unbeschreiblichen Farben, darüber ein (meistens) strahlend blauer Himmel, dies alles gibt einem das Gefühl, an einem Ort zu sein, der schöner nicht sein kann. Und doch ist es nicht viel mehr als eine Fassade für gelungene zwei bis drei Wochen Urlaub; hier auf Dauer zu leben, ist für mich indes nahezu unvorstellbar, jedenfalls erwüchse daraus keine dauerhafte Steigerung meiner allgemeinen Lebenszufriedenheit.

Nicht zuletzt die Sprache: ich spreche (leider immer noch) nicht französisch, und selbst wenn ich es endlich lernte, was ich mir schon so oft vorgenommen habe, so könnte ich mich hier verständlich machen, mich mit den Menschen unterhalten, also Unterhaltung im Sinne einer Kommunikation, die über den Kauf eines Baguettes oder die Bestellung eines Bieres hinaus geht; dies jedoch, so gut ich es auch lernte, niemals so, wie ich mich daheim mit Freunden, Nachbarn, Kollegen und meiner Familie unterhalten kann, mit allen Feinheiten und allem Sprachwitz, welche nur die Muttersprache bietet. Und das wäre für mich eine erhebliche Einbuße an Lebensqualität!

Menschen wie Peter Mayle haben ihr Glück gefunden, indem sie dauerhaft in der Provence sesshaft geworden sind; für mich kommt das jedoch nicht in Frage. Gerne komme ich hierher, um den ein- bis dreiwöchigen Ausnahmezustand zu genießen, doch freue ich mich danach wieder auf mein Zuhause im schönen Bonn am Rhein. Auch dort gibt es warme Sommer und herrliche Orte, an denen man diese genießen kann; zudem eine wunderbare Wohnung, mitten in der Stadt und doch ruhig (von gelegentlichen nachbarschaftlichen Unruhephasen abgesehen, aber die gibt es in der Provence auch, vielleicht sogar schlimmer), im Winter mit Zentralheizung und einem Kaminofen. Zudem Menschen, die ich kenne, die ich mag, mit denen ich mich gerne umgebe, und: mit denen ich uneingeschränkt sprechen kann.

Fazit: Der Ausnahmezustand ist wunderschön, bei genauer Betrachtung ist der Regelzustand jedoch viel schöner!

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