Woche 5/2025: Plakatwände mit den üblichen Gesichtern und inhaltslosen Parolen

Montag: Zu den Kindern kommt abends das Sandmännchen, um sie in den Schlaf zu geleiten. Mich besuchte hingegen sein fieser, pickeliger Bruder, das Weckmännchen. In der Frühe gegen halb vier holte es mich aus ereignislosen Träumen, erst gegen fünf durfte ich noch ein knappes Stündchen schlafen, ehe der erste Wecker zur neuen, großen Arbeitswoche rief. Das Arsc Der Bursche erscheint unregelmäßig zumeist in Nächten auf Montag nach einem langen, schlafreichen Wochenende wie dem vergangenen, da machste nix. Weder Meditieren noch (selbstverständlich tonlos) Gedichte von Eugen Roth und Heinz Erhardt zu rezitieren helfen dann, wach ist wach, in Seit- wie Rückenlage; Bauchlage habe ich nicht probiert. Immerhin kam mir währenddessen eine Idee, wie es auf meiner Romanbaustelle weitergehen könnte, falls ich da nach monatelanger Untätigkeit mal dran weiterzumachen mich aufraffen sollte. Außerdem bemerkte ich, wie nah die Wörter Dekret und Sekret nach der Wiederwahl des amerikanischen Präsidenten nicht nur sprachlich beieinander liegen.

Die Radfahrt zum Werk erfolgter bei ungewöhnlicher Milde, nicht einmal Handschuhe waren erforderlich. Auch die angekündigten Windböen erwiesen sich als gemäßigt. Erst im Laufe des Vormittags tosten sie um den Turm und trieben großflächige Wolken über das Firmament, wie ich während mehrerer Besprechungen vom Arbeitsplatz aus betrachten konnte. (Eigentlich müssten sie mir für die Aussicht was vom Gehalt abziehen, woanders zahlt man dafür Eintritt. Das bleibt bitte unter uns.)

Gegen Nachmittag machte sich der Schlafmangel bemerkbar in Form stark verringerter Arbeitslust, daher verließ ich das Büro nach Erledigung kleinerer Restarbeiten zur vorgesehenen Zeit. Auch das Wetter hatte sich wieder beruhigt, Restwinde schoben mich auf der Rückfahrt freundlich an.

Aus der Zeitung:

Man muss schon sehr genau hinschauen. (General-Anzeiger Bonn)

Dienstag: Viele Menschen fürchten offenbar, augenblicklich zu Staub zu zufallen, wenn sie warten müssen. Nicht zum ersten Mal sah ich, wie der Fahrer eines Lastenfahrrads mit hoher Geschwindigkeit eine rote Ampel ignoriert, vorne in der Ladekiste ein Kind, das Papis Fehlverhalten aufmerksam verfolgt. Es komme mir niemand mehr, ich müsse vor einer roten Fußgängerampel warten, vor allem wenn Kinder in Sichtweite sind. (Manchmal warte auch ich nicht gern.)

Die Stadt ist vollgehängt mit Wahlplakaten des örtlichen CDU-Kandidaten, alle paar Meter grinst er einen an. Das wäre schon Grund genug, ihn nicht zu wählen.

Blaue Stunde morgens

Mittwoch: Auf dem Rückweg vom Werk telefonierte ich über Hörsprechstöpsel in den Ohren mit einem Geburtstaghabenden, anschließend koordinierte ich per Kurznachrichten mit den Lieben die Speisefolge für das Abendessen. Von einem Gen Z-ler nur dadurch zu unterscheiden, dass ich nicht im Stande bin, im Gehen beiddäumig zu tippen.

Anschließend vor mir eine Kundin in der Bäckerei: „Genau … dann nehme ich tatsächlich so ein Dinkelbrot.“ Das danach vor mich hin gemurmelte „tatsächlich“ wird sie nicht gehört haben.

Der Tag lag im Schatten der Abstimmung im Bundestag über den Antrag der CDU zur Asylpolitik, der mit Zustimmung der AfD angenommen wurde. Abends schrieb ich ins Tagebuch: „Das könnte der Beginn einer unheilvollen Zeitenwende sein.“ Siehe dazu auch hier.

Donnerstag: Der mittägliche Treppengang musste aus Zeitgründen leider ausfallen, weil der Chef etwas zu verkünden hatte. Mit dem Verkündeten hatte ich gerechnet, irgendwann, jedoch nicht so bald. Ob sich dadurch für mich etwas verschlechtern wird, bleibt abzuwarten. Besser wird es jedenfalls nicht, besser als es zurzeit ist kann es kaum werden.

Nachmittags begann es zu regnen, deshalb fuhr ich mit dem Bus nach Hause. Als ich vom Busbahnhof (warum eigentlich „bahn“?) durch die Stadt ging, rief vor mir einer mehrfach: “Warum?“ Eine berechtigte Frage, die ich mir auch immer öfter stelle.

Freitag: Das Passwort meines Bürorechners war abgelaufen und musste erneuert werden. Ständig wird man aufgefordert, Passwörter zu aktualisieren oder erstmals sich auszudenken. Dabei werden die Kriterien für ein halbwegs sicheres Passwort immer komplexer: mindestens acht Zeichen lang, bestehend aus Groß- und Kleinbuchstaben, Sonderzeichen und Ziffern, deren Quersumme nicht zwölf ergeben darf. Es darf nicht leicht zu erraten sein, etwa aufsteigende Zahlenfolgen, den Namen des Nutzers oder das Geburtsdatum enthalten, zudem darf es nicht übereinstimmen mit den dreizehn zuletzt vergebenen. Dann muss man es sich auch noch merken können, ohne es irgendwo zu notieren. Vielleicht kommt es irgendwann zum Atomkrieg oder zur Kernschmelze, weil an entscheidender Stelle jemand das erforderliche Passwort vergessen oder dreimal falsch eingegeben hat.

Übrigens: Die Weltuntergangsuhr steht auf 11:58:31.

„Außer Trump und Merz, außer AfD und Wahlkrampf gibt es auch noch andere Menschen und Dinge, mit denen man sich beschäftigen kann, beschäftigen sollte“ schreibt Kurt Kister in seiner Kolumne „Deutscher Alltag“, die wieder da ist. Das heißt, sie war nie weg, nur erhielt ich sie nicht mehr wöchentlich zugesandt, weil ich anscheinend aus dem Verteiler gefallen war. Da er in früheren Texten angedeutet hatte, aus Altersgründen nicht mehr zu schreiben, nahm ich an, nun wäre es soweit. Durch eine Kollegin, die die Kolumne weiterhin erhält, erfuhr ich eher zufällig, dass es sie weiterhin gibt, und abonnierte sie umgehend. Heute erhielt ich sie erstmals wieder, somit kann ich mich freitags wieder darauf freuen. (Es soll auch Menschen geben, die sich montags auf diesen Wochenrückblick freuen. Das freut mich sehr.)

Samstag: Nun also schon wieder Februar. In elf Monaten wird voraussichtlich wieder über ein Böllerverbot dabattiert. Wie bereits vergangene Woche dargelegt, empfand ich den Januar weder als unangenehm noch endlos. Der erste Tag des neuen Monats war sonnig und kalt, Dächer und beschattete Flächen waren mit Raureif* überzogen. Die wöchentliche Altglasentsorgung verband ich wie üblich mit einem Spaziergang durch die Nordstadt und an den Rhein, wo die Uferpromenade gut besucht war. In der Nordstadt werben große Plakatwände mit den üblichen Gesichtern und weiterhin inhaltslosen Parolen um meine Kreuze bei der Bundestagswahl. Dieses Mal fällt es mir wirklich schwer, zu entscheiden, welche Partei ich für die beste oder wenigstens für das kleinere Übel halte.

*Weiterhin widerstrebt es mir, das Wort ohne h zu schreiben, aber es hilft ja nichts

Februarblau

Sonntag: Der Sonntagsspaziergang musste wegen Dienst an den Trommelstöcken (in meiner ostwestfälischen Kindheit sagte man Stöckern) leider ausfallen, weil zwei Auftritte der Karnevalsgesellschaft in Euskirchen und Bad Godesberg sich mit den üblichen Wartezeiten (wer selbst im Karneval aktiv ist, weiß vermutlich, was ich meine) bis in den späten Nachmittag zogen.

Kleiner Nachtrag zu Dienstag: Laut einer Messung des ADAC im vergangenen Jahr ignorieren acht Prozent der Radfahrer rote Ampeln, steht in der FAS. Das erscheint mir sehr wenig, oder sie haben nicht in Bonn gemessen

Das Gute zum Schluss: Erfreulich waren in dieser Woche die wiederentdeckte Kister-Kolumne, ein eingetroffenes, erst am Dienstag zu öffnendes Päckchen und die Sofalesezeit nach den Auftritten.

***

Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche. Lassen Sie sich nicht um den Schlaf bringen, weder vom Weckmännchen noch von Friedrich Merz.

Woche 4/2025: Zwischen Feierabend und Abendfeier

Montag: Es ist immer wieder erstaunlich, wenn nicht erschreckend, wie viele Kollegen meiner Ebene am Wochenende Mails verschicken. Haben die nichts besseres zu tun?

Der Arbeitstag begann mit mehreren vom System geforderten Rechnerneustarts. Was muss das muss. Manchmal wünsche ich mir das für mein Hirn auch. Könnte helfen, vor allem am Montagmorgen. Ansonsten war die erste und vielleicht wichtigste Tätigkeit des Tages, den freien Tag für diese kleine Woche zu buchen, dieses Mal ausnahmsweise Freitag.

Während der Rechner neu startete, dachte ich über die Tagesfrage des Blogvermieters nach, die heute lautete: „Was ist dein Traumjob?“ Das ist schwierig zu beantworten, Privatier oder Pensionär zählen wohl nicht. Im Idealfall was mit länger Schlafen, viel Freizeit und gutem Einkommen. Also nichts von dem, was mir in jungen Jahren als Traumjob erschien wie Lokführer, Fahrdienstleiter auf einem kleinen Landbahnhof oder Schriftsteller. Auch als Pornodarsteller wird man nicht alle Tage Höhepunkte erleben. Dagegen fielen mir viele Jobs ein, an denen ich gar keine Freude hätte: Möbelschlepper etwa, oder Bundeskanzler. Vermutlich hat jeder noch so tolle Job seine regelmäßigen Schattenseiten, wenn man ihn lange genug ausübt. Mit meinem jetzigen bin ich ganz zufrieden, auch wenn er mich werktäglich zur Unzeit aus dem Tuch treibt und die freien Tage mehr sein könnten. Vielleicht ist das sogar mein Traumjob, ich habe es nur noch nicht bemerkt.

TikTok hat in Amerika vorläufig den Betrieb eingestellt. Das mag man als frühgeborener Nichtsnutz Nichtnutzer schulterzuckend zur Kenntnis nehmen. Doch wenn WordPress in Deutschland stillgelegt würde, fände ich das als – wenn auch erfolgloser – Kleinblogger betrüblich und wünschte ich mir vielleicht auch einen Trump, der es wieder heile macht.

Abends spielte ich Triebfahrzeugführer, Fahrdienstleiter und Schrankenwärter

Dienstag: Auch heute forderte der Bürorechner mehrfach zu einem Neustart auf, weil wieder irgendwas zu installieren war. Viel aufregender wurde es nicht, was keineswegs zu beklagen ist.

Heute ist übrigens Ehrentag der Hörnchen. Falls Sie auf einer Party sind, können Sie mit diesem Wissen spannende Gespräche beginnen.

Morgens war es kalt

Mittwoch: Nach anstrengend-gegenwindiger Radfahrt zum Büro belohnte bei Ankunft grandioses Morgenrot über dem Siebengebirge die Mühen. Wegen Spiegelungen der Bürobeleuchtung in den Fenstern war die Anfertigung eines vorzeigbaren Fotos nicht möglich, daher stattdessen ein Archivfoto aus Oktober 2023, das eine ähnliche Färbung zeigt.

Symbolbild

Sehr wahrscheinlich bemerkte ich es schonmal, mittlerweile habe ich nicht mehr den Überblick, was ich hier schon alles schrieb und bin zu bequem, es zu recherchieren*: Neben „tatsächlich“, „genau“ und „quasi“ entwickelt sich „natürlich“ zunehmend zu einem beliebten Füllwort. Erst heute las ich es wieder mehrfach in einem Text an Stellen, wo es die Aussage nicht mehrte, weder im Sinne von „nicht künstlich“ noch „selbstverständlich“. Sehr wahrscheinlich verwende ich selbst regelmäßig unnötige Wörter in Wort und Schrift, ohne es zu merken, man selbst merkt sowas ja nicht, wenn es einem keiner sagt, ähnlich wie Mundgeruch. Wenn Ihnen diesbezüglich etwas auffällt, scheuen Sie sich bitte nicht, mir einen Hinweis zu geben, ich wäre sehr dankbar dafür.

*Habe ich dann doch getan, und tatsächlich: Am Samstag der 15. Woche vergangenen Jahres erwähnte ich es kurz.

Der angekündigte Regen ab Mittag kam zuverlässig. Entgegen der Vorhersage hörte es allerdings zum Nachmittag wieder auf, so dass mich der immer noch nordwärts blasende Wind trockenen Reifens nach Hause schob.

Donnerstag: Seit einiger Zeit bin ich beim Mittagessen im Kollegenkreis oft der letzte, der den Teller geleert hat. Egal ob ich als erstes am Tisch sitze oder später dazu komme, lange vor dem Dessert haben alle anderen aufgegessen. Dabei spreche ich bei Tisch weniger als die meisten anderen, auch esse ich nicht besonders langsam, mit dreißig mal Kauen oder so. Das ist nicht schlimm und ich sehe keinen Grund, daran etwas zu ändern. Es fällt mir nur auf.

Laut Zeitung haben heute Namenstag: Emerantiana, Ildefons, Liuthild. Laut anderer Quelle hingegen Eugen, Hartmut, Heinrich und Raimund. Die lügen uns doch an.

Freitag: Wie Montag bereits geschrieben, legte ich den freien Tag dieser kleinen Woche auf heute statt wie üblich Donnerstag, wodurch dieser Freitag seinen Namen verdient. Grund ist die Prunksitzung unserer Karnevalsgesellschaft ab dem frühen Abend. Ja, die hätte auch stattgefunden, wenn ich heute im Büro gewesen wäre, nur wäre dann eine gewisse Hektik aufgekommen zwischen Feierabend und Abendfeier, das muss ja nicht sein. Generell zählt unnötige Hektik für mich zu den Dingen, die unbedingt zu vermeiden sind.

Herr Buddenbohm war gestern in Bonn, wie er hier berichtet. Dabei kam er zu der zutreffenden Erkenntnis, dass diese Stadt zurzeit mit der Bahn schlecht zu erreichen ist. Ansonsten hat Bonn bei ihm keinen besonderen Eindruck hinterlassen, wie er abschließend schrieb: „Ich kann nach diesem kurzen Aufenthalt also die alte und sicher große Frage, warum es am Rhein so schön ist, weder abschließend beantworten noch auch nur die inkludierte Grundannahme bestätigen.“ Das kenne ich von eigenen Dienstreisen: Von der bereisten Stadt sieht man oft nur den Veranstaltungsort, das Hotel, vielleicht abends ein Restaurant, gegebenenfalls den Bahnhof sowie die Wege dazwischen. Die schönen Seiten bleiben verborgen, schließlich ist man nicht zum Vergnügen dort. Als zwar nur zugezogener, gleichwohl begeisterter Bonner lade ich Herrn Buddenbohm gerne ein zu einem Spaziergang durch die Südstadt, die Weststadt und über die Rheinpromenade, allesamt Orte, die sein Bonnbild vielleicht in etwas positiveren Farben leuchten lassen. Richten Sie ihm das gerne aus, da ich nicht annehme, dass er hier liest, was natürlich kein Vorwurf ist.

Samstag: Die Karnevalssitzung am Vorabend war großartig, das Programm wie die Stimmung im Saal und auf der Bühne sehr gut. Anschließend sprach mich ein Unbekannter im Foyer an und drückte sein Bedauern aus darüber, dass ich nicht mehr auf der Bühne singe. Auf mehrmaliges Nachfragen meinerseits versicherte er glaubhaft, es nicht ironisch zu meinen. Ich fühle mich geschmeichelt, indes ist es für alle Beteiligten im Saal das Beste, wenn ich weiterhin als Trommler meinen Beitrag zum Gelingen des Abends zu leisten mich bemühe. Hier ein paar Eindrücke:

Kasalla, die auch, das war mir nicht bewusst, gut a capella singen
Brings
Druckluft
Geschafft

Auch heute wirkte die Sitzung noch längere Zeit nach. Dadurch verzögerte sich der weitere Tagesverlauf – Frühstück, Zeitung und Blogs lesen – um mehrere Stunden, wir bitten um Verständnis. Doch nach der Sitzung ist vor der Sitzung: Bereits am Abend machten wir uns wieder auf nach Bad Honnef, wo der nächste Auftritt anstand. (Immer noch staune ich regelmäßig, wie sehr mich inzwischen Karneval und die aktive Teilnahme in Uniform begeistert. Noch vor zehn Jahren wäre das undenkbar gewesen.)

Sonntag: Nicht nur die politische Stimmung, auch der Zeiger der Waage schlägt weiter nach rechts aus, trotz der seit einer Woche konsequent durchgeführten arbeitstäglichen Treppenstiege über achtundzwanzig Etagen. Vielleicht ist dadurch die Beinmuskulatur zwar nicht sicht-, aber messbar gewichtsmehrend angewachsen. Wenngleich von Übergewicht weit entfernt, möchte ich den Trend gerne wenigstens aufhalten. Die Reduzierung kalorienreicher Getränke könnte ein Ansatz sein.

Nachtrag zu Freitag: Dass es in Bonn, auch jenseits des Rheines, schön ist, belegt vielleicht die folgende, nicht repräsentative Auswahl an Bildern, entstanden heute beim Spaziergang. Wegen der Schönheit des Rheins verweise ich auf frühere Bilder und Beiträge.

Mozartstraße in der Weststadt
Humboldstraße, ebenfalls Weststadt
Ehemalige Bundesbedienstetensiedlung in Poppelsdorf
Hofgarten mit Universität, Baustellen und Pfützen

Selbstverständlich ist auch Bonn nicht überall schön:

Bahnunterführung zur Weststadt. Denken Sie sich gerne passenden Uringeruch dazu.
Architektonische Irrungen und Wirrungen in Poppelsdorf

Und immer wieder Botschaften:

Teils mit klarer Aussage …
… teils nicht ganz so klar.
Das Öffnen des hinterlegten Links erfolgt auf eigene Gefahr
Kuriose Geschäfte in der Innenstadt

Hier und da strecken die ersten Frühblüher ihre grünen Spitzen aus dem Boden und lassen darauf hoffen, dass es auch in diesem Jahr weiter geht. Deshalb vermag ich nicht einzustimmen in das nun wieder vielfach zu hörende und lesende Januarjammern. Vielmehr freue ich mich auf die ersten Schneeglöckchen, später Forsythien, Kirschblüte in der Inneren Nordstadt, Flieder, Kastanien, ehe im Herbst Astern das Auge erfreuen. Bis dahin dauert es noch etwas, andererseits wissen wir alle, wie schnell es alles wieder geht und wir uns fragen, wo das Jahr geblieben ist.

In anderen Blogs ist es Tradition, regelmäßig drei Dinge zu nennen, die gut waren. Gerade in Zeiten, da vor allem die schlechte Nachricht zählt, eine gute Gewohnheit. Deshalb erlaube ich mir, das zu übernehmen, besser kann man einen Wochenrückblick kaum abschließen. Also, in dieser Woche habe ich mich gefreut über:

1. eine Sprachnachricht aus München, obwohl ich Sprachnachrichten grundsätzlich eher als lästig empfinde. Von dieser Versenderin nicht.

2. begeistert schunkelndes und mitsingendes Publikum im Saal und gemeinsames Musizieren.

3. das Mittagessen mit einer lieben Kollegin, die ich länger nicht sah. Das nächste gemeinsame Essen ist bereits terminiert.

Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche. Wenn auch Sie der Januar drückt: Er ist ja bald vorüber.

Woche 3/2025: Es zu versuchen ist allemal besser als nichts zu tun

Montag: Morgens radelte ich bei minus vier Grad in die neue Arbeitswoche, das war erstaunlich erträglich. Mittags bei Rückkehr aus der Kantine (nach dreizehn Etagen Treppensteigen, jede Woche eine mehr) zeigte das Bürothermometer sechsundzwanzig Grad an, nachdem sich der Hochnebel verzogen hatte und die Sonne den Turm beschien. Das sind dreißig Grad Unterschied. Man macht schon was mit.

Auch akustisch: In einer Besprechung fiel achtmal innerhalb zehn Minuten „tatsächlich“. Ein weiteres fragwürdiges Wort ist weiterhin „anwerfen“, vor allem im Zusammenhang mit Ofen, Wasch- oder Spülmaschine. Ich fragte es schonmal: Mit was werden die Geräte beworfen, und warum?

Unser Ofen wurde abends folglich nicht angeworfen, sondern ganz klassisch befeuert. Das war sehr angenehm.

Dienstag: Auch heute Morgen war es, wenig überraschend, sehr kalt. Der Rhein hat sich wieder in sein Bett zurückgezogen, nur noch eingefrorene Pfützen am Wegesrand deuten auf das Hochwasser letzte Woche hin. Über dem Siebengebirge schimmerte Morgenröte. Ins Büro kam ich erst mit knapp halbstündiger Verzögerung wegen Feueralarm. Anscheinend gab es aber kein oder allenfalls ein sehr kleines Feuer, das bald unter Kontrolle war. Meine Unterstützung als Brandschutzhelfer wurde nicht benötigt.

Auch das Gänsepaar ist beeindruckt und deshalb vielleicht froh, nicht mit den anderen in den Süden geflogen zu sein
Hochwasserreste

„Für ein Land, auf das wir wieder stolz sein können.“ steht auf Wahlplakaten der CDU. Ich sehe keine Notwendigkeit, auf das Land stolz zu sein. Es reicht völlig, wenn ich hier zufriedenstellend leben kann und ansonsten in Ruhe gelassen werde.

Mittags in der Kantine gab es „Möhrengemüse bürgerlich“. Wie und wodurch wird Möhrengemüse bürgerlich? Gibt es auch aufmüpfiges?

Der Liebste hat beim Händler seines Vertrauens wieder einen größeren Posten Orangen bestellt, gestern sind sie eingetroffen. Sie sind perfekt, lassen sich leicht pellen und teilen, ohne dass man sich danach duschen und neu einkleiden muss, nebenbei schmecken sie auch ausgezeichnet. Einzig: Ihr Verzehr wird wohl wieder überwiegend an mir hängen bleiben.

Sogenannte Symbolfotos zu Zeitungsartikeln bergen zuweilen eine unfreiwillige Komik. Benjamin Westhoff vom General-Anzeiger Bonn scheint ein Experte auf dem Gebiet zu sein, in der heutigen Ausgabe gleich zweimal:

..

Mittwoch: In Alpen (Kreis Wesel) isst man Spargel-Döner, war morgens aus dem Radio zu erfahren. Wohl die niederrheinische Antwort auf Pizza Hawaii.

Ansonsten war es nicht mehr ganz so kalt, dafür lag der Tag komplett im Nebel, der Turm blieb durchgehend umwölkt, was sich indes nicht stimmungstrübend auswirkte. Immerhin wurde ich deshalb nicht durch längeres Ausdemfensterschauen von der Arbeit abgehalten, weil es dort absolut nichts zu sehen gab.

Fensterblick

Donnerstag: Beim Treppensteig nach dem Mittagessen waren wir heute zu dritt. Ein Kollege entwickelte dabei besonderen Ehrgeiz: Nicht nach dreizehn Etagen, meiner aktuellen Wochenmarke, hörte er auf, auch nicht nach zwanzig. Erst nach Erreichen unserer achtundzwanzigsten Etage war er zufrieden. Auch ich hielt durch bis oben, es war kaum anstrengender als die Teilstrecke. Ab sofort also alle achtundzwanzig, was eigentlich erst in einigen Monaten angestrebt war.

Nachmittags vernahm ich Kleinkindgeräusche auf dem Flur. Offenbar trug jemand seinen frischen Nachwuchs zum Einholen der Niedlichfindebekundungen durch die Büros. Schnell setzte ich mir den Kopfhörer auf und täuschte eine Besprechung vor. Bis zu meinem Büro kamen sie dann aber nicht. Womöglich hat sich mein Antinatalismus inzwischen herumgesprochen.

Für den Abend hatte das Unternehmen zum Neujahrsempfang in ein nahegelegenes Hotel eingeladen, eine erfreuliche Alternative zu einer Weihnachtsfeier. Erfreulich kurz fiel der offizielle Teil durch die Leitung aus, ehe wir uns gepflegten Gesprächen, Häppchen und Getränken zuwenden durften. Alles in allem ein sehr netter Abend, also nett im Sinne von nett, nicht kleine Schwester von sch … Später nahm ein DJ seine Tätigkeit auf, mit ungünstiger Auswirkung auf die Saallautstärke und die gepflegten Gespräche. Da wurde es Zeit, zu gehen.

Überraschend viele Kollegen erwiesen sich als Leser dieses Blogs. Ich muss künftig wohl noch mehr aufpassen, was ich hier schreibe.

Freitag: Laut Radiomeldung am Morgen ist die Eurobahn, die in Nordrhein-Westfalen Nahverkehr betreibt, pleite. Schon länger fällt sie durch hohe Unzuverlässigkeit und Zugausfälle auf. Nun wird die Übernahme des Unternehmens durch den Zweckverband erwogen, für den symbolischen Preis von einem Euro. Ob danach eine Umbenennung in 1-Euro-Bahn erfolgt, ging aus der Meldung nicht hervor.

Mittags in der Kantine gab es laut Anzeige „Reibeküchlein“. Danach war ich satt. Wenn das Reibeküchlein waren, wüsste ich gerne, was nach deren Verständnis Reibekuchen sind.

Zum Ausgleich schloss sich wieder eine Treppenbesteigung an. Erkenntnis: Man kann auch ohne motivierende Begleitung achtundzwanzig Etagen am Stück hochgehen. Also dann.

Samstag: Aus einem Zeitungsartikel über die neuen Bonner Straßenbahnwagen und ihre Vorgänger: „Die Niederflurbahnen, die gerade nach Posen verkauft wurden, haben im vergangenen Jahr 30-jähriges Jubiläum gefeiert.“ Das war vermutlich eine wilde Party mit Quietschvergnügen und sprühenden Funken.

Eher ruhig dagegen unser Abend zu Hause mit Spießbraten vom Grill, Radio Nostalgie aus dem Netz und angemessener Weinbegleitung.

Sonntag: In der Innenstadt sah ich Demonstranten gegen die zunehmende politische Bräunung. Leider bin ich inzwischen pessimistisch, dass die Entwicklung dadurch noch aufzuhalten ist, was ist nur los mit den Leuten. Andererseits gilt auch hier wie beim Klimawandel: Es zu versuchen ist allemal besser als nichts zu tun. Der sonntagsübliche Spaziergang führte ansonsten bei sonniger Kälte durch die Südstadt, den Stadtteil Kessenich bis zur Straßenbahn-Endhaltestelle in Dottendorf, von wo mich einer der oben genannten Jubilare wieder zurück brachte. Viel mehr gibt es über den Tag nicht zu berichten.

Poppelsdorfer Allee in leichtem Dunst
Symbolbild

***

Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche. Lassen Sie sich durch Amtsübernahme in Amerika nicht verrückt machen. Auch die vier Jahre vergehen. Was danach kommt, wird sich zeigen.

Woche 2/2025: Lustfahrt nach Kaisersesch und alltägliche Akrobatik

Montag: Obwohl der Tag mit einem Zahnarztbesuch begann, war es kein schlechter Wochenstart. Die am vergangenen Freitag abgelöste Krone befindet sich nun wieder an der vorgesehenen Stelle, mal sehen, wie lange dieses Mal. „Der Weisheitszahn muss irgendwann raus“, sagt der Zahnarzt. Ich weiß. Diese eine Chance sei ihm noch gewährt.

In die Büros ist das Leben zurück gekehrt, rundherum wieder geschäftiges Geplapper, wo die Tage zuvor angenehme Stille herrschte. Diese Woche wäre eigentlich kleine Woche, also Viertagewoche mit freiem Donnerstag. Der scheitert jedoch an bis dahin angesammelten Stunden auf dem Gleitzeitkonto, weil das zum Jahreswechsel auf Null gesetzt wurde und seitdem nicht genug Arbeitstage waren, um genug frische Stunden anzuhäufen. Ich könnte den freien Tag trotzdem nehmen, dann fiele das Konto vorübergehend ins Minus. Das ist nicht verboten, doch irgendwie fühlt sich das für mich wie Betrug an. Aus ähnlichen Gründen vermeide ich es auch stets, mein Girokonto zu überziehen. Gut, dann fallen auch noch vermeidbare Zinsen an. – Vielleicht bin ich doch ein besserer Arbeitnehmer als selbst angenommen.

Der Urlaub im September ist gebucht, zwei Wochen Malaucène in Südfrankreich; nachmittags leitete der Liebste die Bestätigung des Vermieters weiter. Auch wenn bis dahin noch viel Zeit vergeht, in der viel passieren kann, freue ich mich schon jetzt sehr darauf. Es ist immer gut, wenn man sich auf etwas freuen kann.

Abends sah ich im Fernsehen eher zufällig den Jahresrückblick von Dieter Nuhr. Ich mag ihn, auch wenn (oder gerade weil?) er umstritten ist; bei manchen seiner Äußerungen denke auch ich: Uiuiui. Der folgenden Satz findet aber vielleicht auch Zustimmung in Kreisen, die ihn gerne in die rechte Ecke stellen: „Wenn deutsche Männer sich beschweren, etwas sieht schwul aus, dann sieht es in hundert Prozent der Fälle besser aus als die, die sich beschweren.“

Dienstag: Tagesgerecht ging ich zu Fuß ins Werk und zurück. Der Rheinpegel ist angestiegen, die Anlegestege geraten langsam in die Waagerechte. Überall nun wieder Wahlplakate, die mir nicht nur wegen aussageloser, beliebig austauschbarer Parolen (wie diese: „Mehr für dich. Besser für Deutschland.“) nicht weiterhelfen; ich bin dieses Mal leider völlig ratlos, wen ich wählen soll. Immerhin weiß ich, wen ganz bestimmt nicht.

Im Büro teils nervenzehrende Unruhe, weil in beiden Nebenbüros unentwegt und laut gesprochen wurde, gerade so, dass ich nicht alles verstand, aber doch immer wieder einzelne Satzteile wahrnahm (auch nebenan ging es zeitweise um Politik), was meiner Konzentration nicht sehr dienlich war. Ansonsten einer der seltenen Tage ohne einen einzigen Besprechungstermin.

Laut einer Umfrage zum Thema Arbeitseifer gibt knapp die Hälfte der befragten Arbeitnehmer ihr Bestes am Arbeitsplatz, berichtet die Zeitung. Das ist, gemessen am allgemeinen Gejammer, ein beachtlicher Wert, finde ich. Zur Aufrechterhaltung meiner Motivation habe ich beschlossen, den Donnerstag doch frei zu nehmen und das Gleitzeitkonto vorübergehend zu überziehen, es kostet ja nichts und füllt sich bald wieder. Wie ich den Tag verbringen werde, entscheide ich dispositiv nach Wetterlage. Gesetzt sind schon mal Ausschlafen und Frühstück im Kaufhof-Restaurant. Mir wird gewiss nicht langweilig.

Nach dem Mittagessen zwölf Etagen zu Fuß nach oben. Läuft.

Morgens

Mittwoch: „Wir laufen da full speed ahead“ sagte einer in der Besprechung. Noch schöner wäre gewesen: „Wir sind tatsächlich full speed ahead unterwegs.“

Wie lange muss man eigentlich noch „Frohes Neues“ sagen, gibt es da Richtlinien? So ganz neu ist es ja inzwischen nicht mehr; ob froh, wird sich zeigen. Bis jetzt bin ich immerhin verhalten zufrieden.

Vielen Dank an den Blogger-Kollegen in Duisburg für den Brief, der heute im Briefkasten lag, wieder mit mechanischer Schreibmaschine erstellt. Wie immer habe ich mich sehr darüber gefreut und werde so bald wie möglich antworten. Gut, dass ich letzte Woche bereits Ergänzungsbriefmarken zu zehn Cent gekauft habe.

Donnerstag: Wie geplant begann der freie Tag mit einem externen Frühstück und Zeitungslektüre im Kaufhof-Restaurant. Kurz zuvor wechselte der Regen zu starkem Schneefall. So oder so kein Wanderwetter. Alternativ unternahm ich eine Lustfahrt mit der Bahn in die Eifel, konkret nach Kaisersesch, das stand schon länger auf meiner Liste. Trotz gewisser Stockungen wegen Bauarbeiten zwischen Bonn und Remagen war es sehr erfreulich, besonders die Fahrt von Andernach bis Kaisersesch und zurück durch die verschneite Eifel.

Da sich nicht nur Wandern, sondern auch Bahnlustfahren bei mir appetitanregend auswirkt, suchte ich nach Rückkehr in Bonn ein Lokal auf für die traditionelle Currywurst mit Bierbegleitung.

Kurz nach Ankunft in Kaisersesch
Ebendorten
Auf der Rückfahrt zwischen Urmersbach und Monreal

Freitag: Wegen unklarer Glättesituation nahm ich morgens die Bahn. Eine sinnvolle Entscheidung, auf dem Fußweg von der Haltestelle zum Werk war es stellenweise recht rutschig. Langsam komme ich in ein Alter, wo man da etwas aufpassen sollte; ein Oberschenkelhalsbruch kann schnell das baldige Ende bedeuten, was meinem Plan zuwider liefe, mich irgendwann totzulachen, nachdem ich mich selbst verarscht habe. Vielleicht aus ähnlichen Gründen blieben heute viele Kollegen dem Büro fern, auf dem Flur herrschte angenehme Stille.

Zurück ging ich zu Fuß und besichtigte das inzwischen aufgelaufene Rheinhochwasser. Schon oft hat man es gesehen, doch geht man jedes Mal wieder schauen.

..
..

Laut kleiner kalender ist heute Ehrentag der Zimmerpflanze. „Die Pflege der eigenen Zimmerpflanzen sollte nie vergessen werden, denn immerhin handelt es sich bei Pflanzen um Lebewesen“, so der etwas ungelenke Begleittext. Millionen von Weihnachtssternen wird das nichts nützen, die nun wieder, oft noch in voller Pracht, entsorgt werden, weil das namensgebende Fest vorüber ist. So sind die Menschen. Jedenfalls viele.

Samstag: Der Tag verlief zunächst in angenehmer Samstäglichkeit mit lange Schlafen und externem Frühstück in einer für uns neuen Lokalität, womit wir sehr zufrieden waren. Den wöchentlichen Altglasentsorgungsgang verband ich wieder mit einem Spaziergang an den weiterhin hochwässrigen Rhein.

Abends besuchten wir das GOP., ein Varieté-Theater, wo Menschen unglaubliche Akrobatik auf die Bühne bringen. Einer ließ sich mitsamt anhängender Turnpartnerin an den Zähnen nach oben ziehen, zwei warfen sich eine größere Anzahl Jonglierkegel zu, während sie sich aus- und wieder ankleideten, junge Frauen verbogen ihre Leiber derart, dass die Vermutung nahe lag, sie verfügten über Gummiknochen. Insgesamt faszinierend für mich, der weder länger als eine Sekunde auf einem Bein stehen noch freihändig Fahrrad fahren kann.

Wobei letzteres nicht so schwer zu sein scheint, viele andere tun es auch. Dabei ziehen sie die Jacke aus, telefonieren, schreiben WhatsApp-Nachrichten, schauen Serien und verzehren warme Mahlzeiten. Alltägliche Akrobatik auf zwei Rädern, wer will ihnen verübeln, wenn sie dabei Verkehrsregeln wie rote Ampeln nicht immer im Blick haben. Vielleicht kann ich es doch, nur erscheint es mir zu riskant, es auszuprobieren.

Sonntag: Die Tage äußerte ich mich über Wörter, die ich aus unerklärlichen Gründen trotz ihrer Unschuld nicht ausstehen kann. Dazu wäre ein weiteres zu ergänzen: Snack. Einfach grauenhaft.

Im Übrigen ein angenehmer Sonntag mit Spaziergang auf die andere Rheinseite, wo die Auen der Siegmündung und die Hundewiese vor dem Deich überflutet sind. Beim Gehen sah ich zahlreiche am Straßenrand entsorgte Weihnachtsbäume, nur wenige haben Nadeln abgeworfen, die meisten noch gut in Schuss. Auch so ein Unfug mit Tradition. Nur meine persönliche Meinung, es liegt mir fern, ein Verbot zu fordern.

Weiterhin sah ich über Schwarzrheindorf eine Formation Kraniche in Richtung Süden ziehen. Vermutlich Spätentschlossene.

Siegauen
Hundewiese, zurzeit für Seehunde (Verzeihung)
Schwarzrheindorf

***

Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche, rutschen Sie nicht aus.

Das sagt man nicht

Warnung: Der folgende Text enthält das N-Wort in der Ursprungsfassung.

Der einst beliebte, dauerjugendliche, gleichwohl inzwischen etwas in die Jahre gekommene Moderator Thomas Gottschalk hat vor einigen Wochen auf sich aufmerksam gemacht mit seinem Buch, in dem er beklagt, man dürfe heute vieles nicht mehr sagen, was vor einigen Jahren noch zulässig gewesen sei. Ich habe das Buch nicht gelesen und beabsichtige es aus Zeitgründen bis auf weiteres nicht zu tun. Dennoch erlaube ich mir, Herrn Gottschalk zu widersprechen. Man darf durchaus noch alles sagen, was das Strafgesetzbuch nicht ausdrücklich aus guten Gründen verbietet. Schriebe ich zum Beispiel, der alte weiße Mann stamme vom Neger ab, so bliebe das strafrechtlich unverfolgt, dennoch müsste ich als Folge einen gewissen Ansehensverlust in Kauf nehmen, zu recht. Dass wir diesen inzwischen als „N-Wort“ umschriebenen Begriff früher mit Selbstverständlichkeit benutzten, war zumindest von mir keine böse Absicht, wir wussten es einfach nicht besser. Roberto Blanco war einer und der tanzende Sängerimitator von Boney M., Tina Turner eine, ebenso die dunkelhäutige Puppe der Nachbarstochter, und der schokoladenumhüllte Zuckerschaum auf einer Rundwaffel hieß so, auch wenn das mit dem Kuss gar keinen Sinn ergibt. „Denk an die armen N-Kinder in Afrika“ sagte die Oma, wenn der Teller nicht leergegessen wurde. – Heute wissen wir es besser, daher meiden wir solche Wörter, das ist gut und richtig so.

Wobei ich gestehe, manchmal staune ich, welche Begriffe mittlerweile Empörungspotenzial enthalten. Kürzlich etwa war es der „Oberindianer“ aus Udo Lindenbergs altem Hit „Sonderzug nach Pankow“. Ein Berliner Chor sollte oder wollte das Lied ohne dieses Wort singen, um amerikanische Ureinwohner nicht zu grämen. Womöglich ist das den Betroffenen herzlich egal, weil sie ganz andere Probleme haben oder vielleicht demnächst bekommen, wenn Häuptling Orangehaut wieder an der Macht ist.

In bestimmten Kreisen gilt es schon seit längerer Zeit als unschicklich, Personen dem äußeren Anschein nach als Frau oder Mann zu bezeichnen, schließlich wisse man nicht, ob die derart bezeichnete Person sich nicht einem anderen oder keinem Geschlecht zugehörig fühlt, nur noch nicht dazu kam oder es gar nicht beabsichtigt, eine äußere Angleichung vornehmen zu lassen. Statt „Frau“ gab es den Vorschlag, von „Personen mit Menstruationshintergrund“ zu sprechen. Eine komische Vorstellung, etwa an der Fleischtheke oder in der Bäckerei, wenn es heißt: „Ich glaube, die junge Person mit Menstruationshintergrund ist vor Ihnen dran.“ Inzwischen tendiert man diesbezüglich wohl zu „sich weiblich lesende Person“, was die Situation beim Bäcker nicht viel weniger komisch macht.

Beziehungsweise bei der Bäckerin – ein weiteres Thema, das angeblich „die Gesellschaft spaltet“: die geschlechtsneutrale Ansprache einschließlich korrekter Pronomen, auf Neudeutsch gendern. In unterschiedlichen Formen wird es praktiziert: mit Genderstern, Binnen-I, Doppelpunkt, klassisch durch Nennung der männlichen und weiblichen Form wie „Liebe Kolleginnen und Kollegen“. Manche benutzen konsequent die weibliche Form, Männer und alle anderen sind mitgedacht, sagen sie; andere wiederum wechseln innerhalb desselben Textes oder Satzes, dann entstehen irritierende Formulierungen wie „Grundschullehrer und Busfahrerinnen verlangen höheres Gehalt“. Ob das der Sache dienlich ist, ich weiß es nicht.

Und schließlich die Partizipform wie „Radfahrende“. Besonders Sprachpingelige meinen, das sei falsch. Wenn einer, der sonst immer mit dem Rad fährt, heute ausnahmsweise den Bus nimmt wegen Hagel und Sturm, dann sei er eben nicht rad-, sondern busfahrend. (Jedoch kein Busfahrer, der sitzt vorne links; oder die Busfahrerin, klar.) Ein Sonst-immer-Rad-heute-aber-Busfahrender. Mit Verlaub, das halte ich für Unfug. Wer eine junge Person in der Kneipe fragt, was sie denn macht, und zur Antwort bekommt, sie studiere, wird wohl verstehen, was sie meint, auch wenn sie in diesem Moment gerade nicht an ihrer Masterarbeit schreibt. Und aufgepasst: Diese Methode ergibt nur im Plural Sinn, weil ein(e) Studierende(r) nun einmal genauso männlich bzw. weiblich ist wie ein(e) Student(in).

(Das laut Straßenverkehrsordnung vorgegebene Zeichen 237 für einen Radweg bildet übrigens immer ein Herrenrad ab. Gab es dagegen schon Proteste?)

Ein Argument für das Gendern soll eine Studie liefern: Menschen wurden aufgefordert, bekannte Politiker zu nennen. Die derart Befragten nannten überdurchschnittlich viele männliche Politiker. Wurde hingegen nach Politiker:innen (oder eine andere Form) gefragt, wurden mehr Frauen genannt. Das mag sein und ist nachvollziehbar. Doch ist das wirklich ein Problem? Wenn es heißt, Angestellte im Einzelhandel wünschen sich mehr Urlaub, denkt wohl niemand, Verkäuferinnen begnügten sich mit weniger Freizeit.

Ich fremdele mit dem Gendern noch etwas. Im Schriftbild stört es meinen Lesefluss, gesprochen klingt es wie mit erhobenem Zeigefinger. Zugegeben, ein sehr flachwurzelndes Argument. Vielleicht muss ich mich nur noch daran gewöhnen; das dahinterstehende Anliegen kann ich zumindest nachvollziehen, ich zähle mich nicht zu den geifernd-eifernden Gegnern.

Man soll auch nicht mehr Schwule und Lesben sagen, wenn gleichpolig Liebende gemeint sind, denn damit grenzt man andere Lebens- und Liebesformen aus, wie Bi-, Trans-, Inter- und Asexuelle. Stattdessen heißt es nun LGBTQ*…-Community; jeder Buchstabe steht für eine andere Vorliebe und die Reihe scheint jährlich länger zu werden. Bei „Wetten dass..?“, ich glaube noch bevor Thomas Gottschalk es übernahm, trat mal einer auf, der die Zahl Pi auf fünfzig oder mehr Stellen hinter dem Komma fehlerfrei aufsagen konnte. Gäbe es die Sendung noch, könnte dort vielleicht demnächst jemand reüssieren, indem sie oder er alle Buchstaben der oben genannten Reihe hersagen und zudem erklären kann. Ich kann es trotz persönlicher Betroffenheit (für mich bitte das G) nicht.

Jüngstes Beispiel verdächtiger Wörter ist der Lumumba, jenes unter anderem auf Weihnachtsmärkten beliebte Kakaogetränk mit alkoholischer Geschmacksverstärkung. Angeblich geht das Wort zurück auf einen erschossenen schwarzen Freiheitskämpfer, woraus die Herleitung „Brauner mit Schuss“ entstanden sein soll. Das erscheint mit etwas weit hergeholt. Sollte es jedoch stimmen, dass das Getränk aus genau diesem Grund zu seinem Namen kam, so bin ich der letzte, der darauf beharrt, es weiter so zu nennen. Vielleicht wäre Schokohol eine Alternative. Ohnehin trinke ich lieber Glühwein, Eierpunsch und Feuerzangenbowle. Gelegentlich auch nicht-alkoholische Getränke.

Insgesamt erscheint mir ein etwas entspannterer Umgang mit solchen Wörtern manchmal angebracht, das gilt für beide Seiten. Niemandem wird etwas genommen, wenn er Paprikaschnitzel oder Schokokuss sagt. Andererseits muss man nicht in jedes vermeintlich verdächtige Wort Diskriminierungspotenzial hinein interpretieren. Sonst beklagt Herr Gottschalk demnächst die Ächtung von Eisbombe (gewaltverherrlichend), Matjesfilet Hausfrauenart (antifeministisch), Götterspeise (blasphemisch), und die blaue Partei mit der schokofarbenen Gesinnung hat wieder was zu hetzen.

Wobei, das Wort Gottschalk ist bei näherer Betrachtung auch nicht ganz ohne. Aber über Namen macht man sich nicht lustig. Auch nicht, wenn jemand Frauenschläger heißt; allenfalls darf man sich da fragen, womit deren Vorfahren einst ihren Lebensunterhalt bestritten. Vermutlich beließen sie es nicht beim Gebrauch falscher Pronomen.

Apropos schlimme Wörter: Es gibt welche, die völlig unverdächtig und allgemein gebräuchlich sind, die ich gleichwohl gar fürchterlich finde, ohne dass ich begründen könnte, warum. Neben den üblichen Anglizismen wie Call, Meeting und roundabout sind das: schlendern, schmunzeln, schlemmen, stöbern, schlecken, shoppen und lecker. Die darf Thomas Gottschalk weiterhin sagen, niemand außer mir wird daran Anstoß nehmen.