Woche 17: Ein Sonntag ohne Blues

Montag: Eigentlich lebt man nur für die Aussicht auf Freitagabend. Dabei sind es oft kleine Aufmerksamkeiten lieber Kolleginnen, welche das Leben auch am Montagmorgen etwas schöner erscheinen lassen.

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Dienstag: Während die Debatte über die Endlagerung von Atommüll noch lange nicht beendet ist, gibt der nun entdeckte Appetit der Wachsmottenraupe auf Polyethylen ein wenig Anlass zur Hoffnung, den weltweiten Plastikmüllberg irgendwann zu schleifen. Darüber gerät die drängende Frage, wohin mit dem Millionen von Portemonnaies verstopfenden Kupfergeld, zu unrecht etwas aus dem Blickfeld.

Mittwoch: Aufgewacht mit einer wunderbaren Morgenschwellung. Das konnte so nicht stehen bleiben. (Die Angst, eine Erektion zu sehen, daran zu denken oder zu haben, heißt übrigens Ithyphallophobie.)

Heute ist der Tag gegen den Lärm. Mancher empfindet ja schon Amselgesang am frühen Morgen als Lärm. Was sind das nur für Menschen? Ansonsten widmete ich mich dem Thema schon.

Donnerstag: Während des Fluges über den Atlantik schied ein Riesenkaninchen aus bislang unbekanntem Grund dahin. Es hieß Simon. Die Fluggesellschaft zeigt sich „betrübt“. Weitgehend geklärt ist indessen die Todesursache mehrerer namenloser Hühner, deren wohlschmeckende Beine heute Mittag in der Kantine gereicht wurden. Davon steht nichts in der Zeitung, auch Peta schweigt bislang.

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Aus: Die Welt Kompakt, 27.4.2017

Freitag: ‚Gigil‘ ist philippinisch und bezeichnet den unwiderstehlichen Drang, jemanden zu kneifen, weil man ihn liebt. Der Drang ist mir sehr vertraut, das Wort war mir indes neu.

Samstag: Erkenntnis des Tages: Neben Schwimmen, Fahrrad fahren und Zauberwürfel ordnen gehört offenbar auch Trompete spielen zu den Dingen, die man nie verlernt.

Sonntag: Ein Sonntag wie im Bilderbuch mit Sonne, Biergarten, Balkon und, dank Feiertag, ohne den Sonntagnachmittagsblues ob des dräuenden Gewölks einer neuen Arbeitswoche. – Im Zusammenhang mit nordkoreanischen Raketenspielen schreibt die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung: „In Tokio wurde am Morgen die U-Bahn für zehn Minuten angehalten, um sicherzustellen, dass von dem Angriff keine Gefahr drohte.“ Demnach können in Tokio also Raketen nur einschlagen, solange die U-Bahn in Betrieb ist. Dieser Zusammenhang war mir bislang so nicht bekannt.

Slo

Nachdem ich als Kind in einem Tierpark zum ersten Mal gesehen hatte, wie eine Landschildkröte an einem Salatblatt knabberte, wusste ich, so eine muss ich haben. Es bedurfte einiger Quengelarbeit, bis mein Vater mit mir in eine örtliche Zoohandlung fuhr und ich mir eine aussuchen durfte; damals standen die noch nicht so sehr unter Artenschutz und kosteten höchstens zwanzig Mark. Ich nannte sie ‚Slo‘, wie die von Steiff, welche ich selbstverständlich ebenfalls besaß, und obwohl ich sie – im Gegensatz zu ihrer Plüsch-Schwester – nicht mit ins Bett nehmen durfte, liebte ich sie wie andere ihren Hund. Stundenlang beobachtete ich Slo in ihrem kleinen Gehege in unserem Garten und fütterte sie mit allem Möglichen, sie fraß mit unendlichem Appetit wirklich alles – von Kopfsalat bis Nutellabrot.

Dann kam der Herbst, Slo musste Winterschlaf halten, möglichst ungestört in einer Kiste voll Laub und Torf an einem kühlen Ort: in unserem Vorratskeller. Ich machte es, wie es in den Büchern stand, aber es funktionierte einfach nicht: Im Frühjahr wachte sie nicht mehr auf und ich begrub sie im Garten, hinten am Zaun unter der Trauerbirke.

Ich durfte von meinem Taschengeld eine neue Schildkröte kaufen, die leider ebenfalls nur eine Saison überlebte. So ging das ein paar Jahre, ehe ich auf winterschlaflose Wasserschildkröten umstieg.

Vielleicht wundern sich die Leute, die letztes Jahr mein Elternhaus gekauft haben, wenn sie demnächst hinten am Zaun das Beet umgraben.

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Dieser Aufsatz ist mein erster Beitrag zum Schrei(b)projekt 9+1 von Jule.

Woche 16: Gehabt zu haben

Montag: Ostern geht mir an den Eiern vorbei. Es ist schon bemerkenswert, dass die Christen, welche ja zuvörderst Gottes Güte und Barmherzigkeit lobpreisen, ausgerechnet das Kreuz anbeten, einst ein Instrument zur Tötung auf besonders grausame Weise. Was würde wohl heute Kirchtürme, bayrische Klassenzimmerwände und zweifelhafte Halsketten zieren, hätte es damals schon Giftspritze und elektrischen Stuhl gegeben?

Dienstag: Trotz mehrstündigem Ausfall der Bürokaffeemaschine am Morgen und dem gehörten Satz „Frohe Ostern gehabt zu haben“ war der erste Arbeitstag gar nicht schlecht. Noch elf Wochen bis zum nächsten Urlaub. Klingt fern, ist es aber nicht.

Mittwoch: Heimarbeit wird nicht besser, indem man sie wichtigtuerisch durch das Wort ‚Homeoffice‘ zu erhöhen sucht. Warum sind nur so viele Menschen so scharf darauf? Nach einem Vormittag heimischer Tätigkeit war ich heute Mittag froh, wieder im Büro zu sein, wo ich die Grenze zwischen Privat und Beruflich gezogen wusste.

Donnerstag: Manche Menschen rühmen sich multipler Orgasmen. Ich kann immerhin vierzehn mal am Stück niesen. Von „Gesundheit“-Rufen bitte ich Abstand zu nehmen.

Freitag: Facebook will Gedanken lesen und Peta beklagt ein Küken, das seine Mutter niemals kennenlernen wird. Millionen Küken lachen sich darüber auf dem Weg in den Schredder tot.

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(Aus: Die Welt Kompakt, 21.4.2017)

Samstag: Mittlerweile zeigen auch junge Männer zunehmend bei jeder Witterung entblößte Fesseln. Weit entfernt davon, daran Anstoß zu nehmen, frage ich mich dennoch: Warum tun die das?

Sonntag: Durch das Blog 1ppm wurde ich auf einen bemerkenswerten Artikel über das Aussterben des Bindestrichs aufmerksam, ein Phänomen, welches schon lange mein Befremden erregt. Schön und treffend erscheint mir in diesem Zusammenhang der Begriff ‚Deppenleerzeichen‘, den ich als neues Kleinod meines Wortschatzes begrüße. Dass es hier jedoch auch zu viel des Guten geben kann, zeigt eine Praxis für Chirurgie in der Bonner Friedrichstraße.

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Woche 15: Sieben Tage ohne die tanzende Mutter

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Montag: Abendveranstaltung der Lirac-Winzer anlässlich der von uns besuchten Weinmesse in Avignon. Das Verhalten der Mitmenschen an den Häppchenplatten inspiriert mich zu einem Gedicht:

Was immer gilt auf dieser Welt,

das gilt auch jetzt und hier:

Sobald umsonst es etwas gibt,

da wird der Mensch zum Tier.

Dienstag: Das Angebot französischer Supermärkte ist für das deutsche Auge bisweilen ungewohnt.

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Mittwoch: Laut einem Zeitungsbericht konsumieren die Deutschen jährlich im Schnitt 29,3 Liter Wein. Rein rechnerisch deckt mein persönlicher Konsum somit ungefähr den Jahresbedarf der Mainzelmännchen ab.

Donnerstag: Ein südhessisches Unternehmen vermietet laut Zeitungsbericht Hühner, wobei die während der Mietzeit gelegten Eier dem Mieter zufallen. Das bringt mich auf eine Geschäftsidee: Seit diesem Jahr sind Rauchmelder in Wohnungen Pflicht. Man könnte Hühner zu Rauchmeldern ausbilden und dann mit dem geschützten Warenzeichen ‚Alarmglucken‘ an den Markt gehen.

Unterdessen fordert die AfD, der evan­ge­li­schen und ka­tho­li­schen Kir­che den Sta­tus ei­ner Kör­per­schaft des öf­fent­li­chen Rechts zu ent­zie­hen, was das Ende von Kirchensteuer und Religionsunterricht in Schulen (und vielleicht irgendwann gar des karfreitäglichen Vergnügungsverbotes) nach sich ziehen würde. Ich bin weit davon entfernt, den Ideen der AfD Sympathie zu bekunden, aber diese erscheint gar nicht so verkehrt.

Freitag: Allerdings bedeutete dies, konsequent weitergedacht, auch die Abschaffung aller kirchlichen Feiertage wie diesem. Das mag die Wirtschaft freuen, dürfte jedoch auch beim atheistischstenen AfD-Wähler nur auf wenig Zustimmung stoßen.

Samstag: Ein einwöchiger Frankreichaufenthalt bietet neben vielen anderen auch den großen Vorteil, sieben Tage lang nicht aus dem Radio von einem gewissen Max Giesinger wegen einer tanzenden Mutter belästigt zu werden.

Sonntag: So schön der Urlaub war – das Wohlgefühl ausgehend von der ersten Nacht im eigenen Bett und der ersten Darmerleichterung auf heimischer Brille nach Rückkehr ist kaum zu steigern. Nur an die rheinische Kühle nach einer Woche in provencalischem Kurzehosenwetter muss ich mich noch etwas gewöhnen.

Zum Schluss noch ein paar Bildeindrücke der zurückliegenden Woche:

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Zu Hause ist es indessen auch ganz schön:

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Woche 14: Ein Höllenjob

Montag: Für mich immer wieder unfassbar, wie viele Worte um so einen Unfug wie Fußball gemacht werden. Mit der dafür aufgewendeten Energie könnten vermutlich mehrere Kernkraftwerke ersetzt werden.

Dienstag: Schaun mer mal. Auch so eine abgegriffene Phrase aus der Kaiserzeit, welche zu hören körperliche Schmerzen verursacht.

Mittwoch: Weltweites Entsetzen wegen des Giftgasangriffs in Syrien. In diesem Zusammenhang hört man immer wieder von „illegalen Waffen“. Mein persönliches Entsetzen über die daraus folgende Idee, es könnte auch legale Kriegswaffen geben, ist nur unwesentlich geringer.

Unterdessen steht in der Zeitung, De­niz Yü­cel leide unter der Einzelhaft. Was haben die denn erwartet: freudiges Jubilieren?

Donnerstag: Manchmal stellt sich beim Hochfahren des Rechners spontan gute Laune ein.

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Freitag: Wenn ich das richtig verstanden habe, kam es zu einem Skandal um ein niederländisches Kindermalbuch, weil es einen Erdogan zum Ausmalen enthielt. Vielleicht habe ich das auch falsch verstanden.

Heute hielt ich mich in Dortmund auf. Noch immer erfüllt es mich mit Wehmut, wenn der Zug bei der Ankunft in den dortigen Bahnhof einfährt. Die Gründe können Sie in meinem Bestseller nachlesen, sollte er irgendwann mal fertig werden.

Samstag: Fahrt mit meinen Lieben nach Avignon, wo in der kommenden Woche die Weinmesse Découvertes en Vallée du Rhône ausgerichtet wird, auf welcher ich wieder meine dekorativ-repräsentative Funktion als Importeursgattin wahrzunehmen habe.

Sonntag: Es ist ein Höllenjob.

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