Woche 10: Man verzichtet aufs Händeschütteln

Montag: „Wir werden alle sterben“, sagte der Geliebte, als morgens die Lichter angingen. Das ist wohl so ziemlich das einzige, was noch einigermaßen sicher ist.

Wegen der Erkältung schlecht geschlafen. Traum: Über Nacht hat Amazon meinen Arbeitgeber mit allen Konzernbereichen und Tochterunternehmen übernommen. Als ich morgens ins Werk komme, sehe ich zahlreiche Männer in schwarzen Anzügen mit Aktenrollkoffern und gegelten Scheitelfrisuren über die Flure huschen, vor meinem Büro wartet auch schon einer. Noch bevor ich mir einen Kaffee holen kann, interviewt er mich auf Englisch und tippt die Antworten sofort in sein Tablet ein. Unsere Chefs, Personalabteilung und Betriebsrat scheinen sich unterdessen aufgelöst zu haben, niemand ist erreichbar. Stattdessen höre ich im Telefon in Endlosschleife eine Frauenstimme, die in klebrig-lächelndem Werbeton Amazon-Angebote gegen Erkältung anpreist, dazu wiederholt sie ständig: „Jetzt Prime-Kunde werden, wenn Sie weiterhin wie gewohnt am Leben teilnehmen wollen. Möchten Sie sich jetzt registrieren lassen?“ – „Nein!“, schreie ich ins Telefon. – „Vielen Dank und herzlichen Glückwunsch, Sie können nun alle Vorzüge als Prime-Kunde nutzen.“

Im Laufe des Tages wird uns mitgeteilt, wer bleiben darf und wer gehen muss, die Nachricht erhalten wir per Paket. Nachmittags kommt der Bote, über der DHL-Jacke trägt er die grelle Weste von Amazon Logistics. Nachdem er mir die Sendung übergeben hat, verwandelt er sich in einen Halsbandsittich und filmt von draußen durch das Fenster, wie ich das Paket öffne; dies soll später als lustiges Unboxing-Video in den internen Kommunikationsmedien und auf Amazon Prime Video veröffentlicht werden, erst jetzt wird mir klar, dass ich morgens beim Interview mein Einverständnis dazu erteilt habe. Bevor ich das Paket öffnen konnte, wachte ich verstört auf und schlief nicht mehr ein.

Später, als der Chef wieder erreichbar war, meldete ich mich krank.

Dienstag: Sehr gut und lange geschlafen, es wird langsam besser. Einer versuchsweisen Umbettung ins Werk ab morgen steht demnach voraussichtlich nichts entgegen.

Dabei könnte ich mich durchaus daran gewöhnen: Bis mittags schlafen, nach Bad und knappem Frühstück aufs Sofa, Tee, Musik hören, Lesen in alten Tagebüchern und Herrndorfs „Arbeit und Struktur“ (wahrlich keine leichte Lektüre). Außerdem habe ich endlich mit der hoffentlich letzten Überarbeitung meines Bestsellers begonnen. Und wer weiß – was bitte nicht bedeuten soll, dass ich es herbei wünsche – die Quarantäne kann noch kommen, weil man Kontakt hatte mit jemanden, der Kontakt hatte mit … Sie wissen schon.

Mittwoch: Meinen Zustand als vollständig genesen zu bezeichnen wäre übertrieben, gleichwohl ging es einigermaßen im Werk. Das Schlimmste: Vermutlich zur Vermeidung der Virenverbreitung war das Dessertbuffet in der Kantine nicht befüllt. Kein Nachtisch nach köstlichem Spießbraten! Wie soll man da die Ruhe bewahren und nicht in Panik verfallen?

Donnerstag: Eine Bildunterschrift aus einem Zeitungsartikel zur Wahl in Thüringen: „Nach seiner Wahl und Vereidigung verweigerte Bodo Ramelow (links) dem rechten AfD-Vorsitzenden Björn Höcke den Handschlag.“ Man stelle sich vor, der zuständige Redakteur hätte eine Rechts-Links-Schwäche oder das Bild wäre von der anderen Seite aus gemacht worden.

Nach einem Tag Heimarbeit (nicht wegen Quarantäne, sondern weil ein Handwerker an der weiteren Vollendung unseres Bades wirkte, das noch immer nicht ganz fertig ist und dadurch langsam wie eine Miniatur der Elbphilharmonie oder des Berliner Flughafens anmutet, jedenfalls bezüglich des Zeit-, hoffentlich nicht Kostenrahmens, und der viel länger für die Montage eines Waschtischunterschrankes und eines Handwaschbeckens benötigte als er und ich dachten, was mir einen ganzen Arbeitstag zu Hause bescherte statt wie gehofft nur ein paar Stunden) stelle ich erneut fest: Kann man mal machen, muss aber nicht sein.

Und weil der Handwerker es nicht richtig gemacht hat – als nebenberufliche Bauaufsicht eigne ich mich nicht, habe ich auch nie behauptet – arbeitete der Geliebte abends nochmal einiges nach. Sie bauen auf, sie reißen nieder / So gibt es Arbeit immer wieder.

Freitag: Gehört: „Hüftschwung hast du keinen. Jedenfalls nicht beim Tanzen.“

Wie ich nachmittags erfuhr, fällt in der kommenden Woche aus bekanntem Grund die Veranstaltung aus, die für mich eine Dienstreise in die Nähe von Ulm bedeutet hätte. Niemals in den mittlerweile zahlreichen Jahren meines Lebens erlebte ich etwas, das vergleichbare Auswirkungen auf das öffentliche und geschäftliche Leben hatte wie dieses Virus. Was mag passieren, wenn sich mal eines ausbreitet, das wirklich bedrohlich ist? Positiv: Man verzichtet aufs Händeschütteln.

Zugegeben – ein großer Kinderfreund war ich nie. Und doch würde ich keinem Kind wissend und wollend Leid antun (ebenso den meisten Erwachsenen nicht). Bei dem schrecklichen Blag aus der Kijimea-Reklame könnte ich mir allerdings vorstellen, eine Ausnahme zu machen.

Aus der Zeitung: „Statt Wasser sprudelte Wein aus den Leitungen: Ein technischer Defekt beim Abfüllen spülte Lambrusco von einer lokalen Kellerei in einige Häuser von Castelvetro di Modena in der Emilia-Romagna.“ Technischer Defekt – das ist noch unplausibler als die kürzlich schon erwähnte Geschichte des Mannes, der mit einer Banane im Anus zum Arzt kommt, weil er angeblich nach dem Duschen ausgerutscht und in die Obstschale gestolpert ist, Sie erinnern sich vielleicht.

Samstag: Glückwunsch dem Mann im Radio, nachdem auch er bemerkt hat, dass Torn von Ava Max Elemente von ABBA enthält.

Sonntag: Italien sperrt weite Teile im Norden ab, um der Ausbreitung des Virus Einhalt zu gebieten. Dessen ungeachtet wirbt eine vermutlich nicht ganz günstige ganzseitige Anzeige in der heutigen Sonntagszeitung: „Dolce Vita und jahrtausendealte Kultur, aber auch imposante Landschaften und idyllische Dörfer locken in Italien. Bleibt die Frage: Wo bitte soll man bei dieser Fülle nur anfangen?“ Inzwischen dürfte der Inserent die Frage wohl anders formulieren.

 

Woche 9: Pflicht ist Pflicht und Fisch ist Fisch

Montag: Nachtrag zu gestern: Als wir nach dem Godesberger Zug in Uniform und mit Instrumenten zurück zur Stadthalle gingen, kam uns ein Jugendlicher entgegen, der lautstark anbot, sein Geschlechtsteil zu zeigen, das nach eigenem Bekunden eine beachtliche Größe aufweise, und öffnete seine Hose. Die Medien nennen es gerne „in schamverletzender Weise“, wenn jemand öffentlich seinen Löres präsentiert. Letztlich kam es dann doch nicht zum Äußersten, der Schlüpfer blieb oben und die Großpenisbehauptung unbewiesen, vielleicht weil die Freunde des Knaben ihn von weiterem Tun abhielten. Was auch immer seine Beweggründe gewesen sein mögen – falls er eine Karriere als Exhibitionist anstrebt, sollte er noch etwas üben.

Das Wort „Hochachtungsvoll“ kannte ich bislang nur als nicht ganz so freundliche Grußformel. Seine Verwendung als Grad der Alkoholisierung einer Person ist mir neu und gefällt mir. Da ich während des Bonner Rosenmontagszugs das Bier nur vorsichtig und in kleinen Schlucken zu mir nahm und ansonsten permanent aus der Luft gegriffene und vom Boden aufgesammelte Süßigkeiten nachschob, blieb mein Füllgrad indes marginal, somit steht meiner Werktauglichkeit ab morgen, außer einer zu erwartenden gewissen Unlust, nichts im Wege.

Dienstag: Mubarak und Marie-Luise Nikuta sind gestorben. Während mir die Nachricht über Mubaraks Tod allenfalls ein Schulterzucken auslöst, mir war nicht mal bewusst, dass er noch lebte, denke ich bei Nikuta: och nö!

Gelesen bei Wolfgang Herrndorf, der am 8.2.2011 in „Arbeit und Struktur“ schrieb:

„Traum: Auf der Oberfläche der Sonne verursacht eine von der Erde ausgesandte Sonde eine Störung. Zuerst sieht man nur einen kleinen schwarzen Fleck, der sich aber rasch ausbreitet. Schließlich erlischt die Kernfusion auf der Sonne ganz. Mit C. suche ich im Dunkeln nach Kerzen, aber sinnvoll scheint das nicht. Es kann nur noch Tage oder Stunden dauern, bis die Temperatur auf diesem Planeten für immer bei minus 273 Grad angekommen ist, da helfen Kerzen jetzt auch nicht weiter. Wir resignieren.“

Ist da nicht gerade dieses Parker-Dings auf dem Weg zur Sonne?

Mittwoch: Das Corona-Virus breitet sich in Europa aus, jetzt ist es auch in Heinsberg angekommen, nicht weit weg von hier. Aus Gründen, die ich nicht benennen kann, nehme ich die Nachrichten darüber weiterhin weniger in Sorge um mich und meine Lieben zur Kenntnis, stattdessen mit einem irritierend wohligen Grusel, dabei langweilen mich Thriller für gewöhnlich. Es könnte noch interessant werden.

Völlig uninteressant hingegen das derzeitige Brimborium um die CDU. Die sollen endlich einen neuen Oberchristen bestimmen, und gut ist.

Ansonsten: Politischer Aschermittwoch = Kasperltheater für Große

Donnerstag: Offseite der Abteilung in der Eifel. Dort höre ich solche Sätze: „Wir sind da low key unterwegs“ – „Fünf Minuten Biobreak, dann machen wir weiter“ – „Ich bin overloaded.“ Vorschlag zur Fastenzeit: Sechs Wochen lang Anglizismen meiden, vor dem blathering überlegen, wie man es auf Deutsch sagen könnte.

Freitag: Die Bahn auf dem Rückweg vom Werk war angenehm leer, was einem ja in diesen Zeiten, wo fremdes Niesen und Husten lebensbedrohend sein kann, sehr gelegen kommt. Dann, im Tunnel, gab es über dem Zug einen Blitz und einen lauten Knall, daraufhin gingen drei Viertel der Lampen im Wagen aus, die Bahn fuhr aber weiter, wenn auch langsamer, bis zur nächsten Haltestelle. Dort hörte ich durch die Wand zur Fahrerkabine den Fahrer mit der Leitstelle das weitere Vorgehen beraten, danach kam er heraus, ging durch den Wagen, prüfte irgendwas, anschließend fuhren wir langsam weiter. Am Bundesrechnungshof hieß es dann „Alle aussteigen, Bahn kaputt“, vielleicht war es auch etwas freundlicher formuliert. Die folgende Bahn wurde dann, wie befürchtet, ziemlich voll, dennoch fand ich einen Sitzplatz.

Mir gegenüber saß ein älterer Herr, also jedenfalls älter als ich, und das ist ja schon ganz schön alt, der in einem vollgeschriebenen Moleskinebuch las, vielleicht ein altes Tagebuch. Wie ich im Spiegelbild der dunklen Fensterscheibe beobachtete, hob er zwischendurch den Blick aus dem Buch und schaute sinnierend in den Wagen. Vielleicht war er gerade an einer Stelle angelangt, wo etwas ganz anders beschrieben war als er sich jahrelang zu erinnern glaubte. Das kenne ich.

Ich fühle mich kränklich. Keine gute Voraussetzungen für das traditionelle „Fischtrinken“ des Karnevalsvereins zum Sessionsschluss heute Abend. Aber Pflicht ist Pflicht und Fisch ist Fisch, zudem bin ich noch bei Appetit, was ich als ein gutes Zeichen werte.

Samstag: In der Zeitung lese ich das Wort „Menetekel“ und recherchiere seine Bedeutung (in etwa: Ankündigung von Unheil). Unterdessen ist in Bonn der erste Corona-Fall festgestellt worden. Ich fühle mich weiterhin krank, gehe jedoch von einer normalen Erkältung aus. Zudem zumindest teilweise eine Folge des „Fischtrinkens“.

Sonntag: Wie ich in der Zeitung lese, gefährdet die Corona-Epidemie möglicherweise die Austragung der Fußball-Europameisterschaft in diesem Jahr. Es hat eben fast alles auch seine guten Seiten.

Woche 8: Träume von Buchstabensuppe

Montag: Am Morgen sah ich auf dem Bahnsteig zwei etwa elfjährige Mädchen, augenscheinlich Zwillinge, zudem exakt gleich gekleidet, etwas, was man nur noch selten sieht. Wie lange mag es noch dauern, bis zwei identische Tätowierungen ihre Knöchel und Waden verunzieren?

Beim Holen des ersten Kaffees sah ich eine volle Flasche Jever Fun in der Kaffeeküche des Werkes. Welche Marketing-Spacken kamen wohl auf die Idee, ausgerechnet ein alkoholfreies Bier mit dem Attribut „Fun“ zu versehen?

„Wir müssen hier noch die Akronyme ziselieren“, sagt einer in einer Besprechung, was für mich so gar keinen Sinn ergibt, erst recht nicht, nachdem ich die Wörter im Duden nachgeschlagen habe. „Wir werden dazu ein kleines Übergangssystem bauen, geboren um zu sterben“, sagt ein anderer, was wesentlich mehr Sinn ergibt; in diesem Sinne sind wir letztlich alle kleine Übergangssysteme.

Unterdessen schlägt Verkehrsminister Scheuer vor, Pakete künftig per U-Bahn auszuliefern. Das ist toll: Dann gehen wir nicht nur zum Lachen in den Keller, sondern auch, um ein Paket in Empfang zu nehmen.

Laut Tageszeitung haben heute Namenstag:  Benignus, Bonosus, Evermod. Liest sich wie Scrabble nach drei Kästen Jever Fun.

Dienstag: Aus einer Reklame für Zigaretten: „Fashion Statement. Mit dem Oversized Model.“ Rauchen kann tödlich sein. Und Werbung kann wehtun.

Tagung in Bad Breisig. Vor mir sitzt einer mit Camp-David-Hemd. Für die kommende Nacht erwarte ich Träume von Buchstabensuppe.

Auch hier sollten die Marketing-Strategen vielleicht noch mal in sich gehen:

Lautes Gähnen in öffentlichen Verkehrsmitteln gehört auch zu den Dingen, die völlig zu unrecht unsanktioniert sind.

Mittwoch: Die Träume von Buchstabensuppe blieben aus; was ich stattdessen träumte, habe ich vergessen.

Nun kann man zu Camp-David-Hemden stehen, wie man will, wie so vieles auf Erden ist das Geschmackssache. Was allerdings mag im Leben des Menschen schiefgelaufen sein, der an der Tagung in einem Trainingsanzug im Design der Neunziger teilnahm? Karl Lagerfeld würde im Grabe rotieren. (Das mit den Neunzigern ist nur eine ungeprüfte Behauptung von mir. Jedenfalls so ein Teil aus einer anderen Zeit, mit dem die Generation Alda-Knöchelfrei nicht aus dem Haus gehen würde.)

„… wie man auf Neudeutsch sagt“, höre ich mehrfach in einem Vortrag, wobei das derart Beschriebene wie gewohnt weder neu noch deutsch ist.

Nicht Neu- sondern eher typisch Deutsch dieses: In den Bahnhöfen von Sinzig und Bad Breisig wurden die Bahnsteige erhöht, so dass der Reisende ebenerdig ein- und aussteigen kann. So weit, so löblich, nur: Vermutlich aus Kostengründen erfolgte die Erhöhung nicht auf voller Länge, an den Enden wurde über einige -zig Meter die ursprüngliche Höhe beibehalten. Macht ja nichts, ging ja vorher auch, denken Sie? Sie irren: Aufgrund irgendwelcher Eisenbahnbau- oder Betriebsvorschriften dürfen die niedrigeren Bereichen, also die mit der ursprünglichen, vor kurzem noch ausreichenden Höhe, nicht mehr genutzt werden. Stattdessen macht der Triebfahrzeugführer des Rhein-Express nun bei jedem Halt eine Durchsage, wonach aufgrund der verkürzten Bahnsteige die hinteren drei Türen nicht geöffnet werden können. Wenn man also ganz hinten steht und die Durchsage nicht durch den Kopfhörer gedrungen ist, hat man Pech gehabt und darf noch etwas weiter reisen.

Dazu passt ganz gut das Zitat von Kurt Tucholsky, das ich neulich las und notierte: „Wenn der Deutsche hinfällt, steht er nicht auf, sondern sieht sich um, wer schadensersatzpflichtig ist.“

Donnerstag: Dank karnevalistischer Aktivität gehöht nunmehr auch Flerzheim nicht länger zu den Orten, die ich trotz über zwanzig Jahren InBonn-Wohnens bislang allenfalls von den Zielanzeigen der Omnibusse her kannte. Ansonsten verliefen die drei Auftritte des Tages zufriedenstellend und ohne größere Schäden an Mensch und Trompete.

Im krassen Gegensatz zu Karneval und Spaß stehen die Ereignisse in Hanau, von denen ich erstmals während der Busfahrt nach Flerzheim erfuhr. Hierzu erlaube ich mir zu wiederholen, was ich schon vor einiger Zeit schrieb: Wir erleben gerade den doppelten Klimawandel. Einen meteorologischen, der die Welt aufheizt, und einen gesellschaftlichen, der sie bräunt. Ich weiß nicht, welchen wir mehr fürchten müssen.

Wenig Sorgen bereitet mir hingegen bislang das Coronavirus. Warum auch immer.

Freitag: „Keine Klärschlammverbrennung in Bonn aus Umweltgründen“, fordert eine örtliche Partei auf einem Plakat. Woanders demnach schon, weil die Umwelt dort weniger schützenswert ist?

Weil das alte ziemlich verschlissen war, kaufte nachmittags ich ein neues Armband für die Uhr mit DHL-Logo, die ich vor Jahren geschenkt bekam. Ich ließ es gleich im Laden austauschen, was wohl aufgrund der Bauart der Uhr ziemlich schwierig war und relativ lange dauerte. „Hoffentlich verstehen die von Logistik mehr“, sagte die Dame, als sie mir die Uhr zurück gab.

Bei Herrn Buddenbohm las ich zum ersten Mal das Wort „Erikativ“. Freu. Staun. Recherchier: Soweit ich mich erinnere, und das ist wirklich lange her, wurde mir in der Schule diese Wortart noch als Interjektion beigebracht.

Samstag: „Behörden sind fieberhaft mit einer Neubewertung der Rolle der Partei in Politik und Gesellschaft beschäftigt“, steht in der Zeitung. Es wäre besser, sie gingen das mit kühlem Kopf an.

Sonntag: Aus Zeitgründen bereits notiert am Samstagabend, somit eher eine vage Ahnung des Kommenden. Dieses kann (mindestens) zwei Ausprägungen haben. Erstens: Wir werden morgen um sechs Uhr aufstehen, um am Godesberger Zug teilzunehmen. Zweitens: Wegen Sturmtief Yulia wird der Zug, Achtung, Wortspiel: abgeblasen, früh aufstehen werden wir trotzdem, weil die Abblaseentscheidung erst um elf fallen soll. Ich werde berichten.

Nachtrag Sonntagabend: Nachdem sich Frau Yuilia zumindest in Bonn-Bad Godesberg von relativ sanfter Seite zeigte, konnte der Zug ziehen. Nach stundenlangem Trompetenspiel sind meine Lippen nunmehr erschlafft. Mit letzter Kraft nippen sie am Champagner.

Woche 7: Ein E-Boy ist kein elektrisches Gerät zur kurzfristigen Linderung spezieller Unterleibsbedürfnisse

Montag: Aus der aktuellen Ausgabe der PSYCHOLOGIE HEUTE:

„Den ganzen lieben Tag lang bestimmt die Macht des Negativen unsere Stimmung, hat bei unseren Entscheidungen das letzte Wort. Sie ist die treibende Kraft hinter den Nachrichten und prägt den öffentlichen Diskurs; Journalisten bedienen sich ihrer, Politiker, Marketingleute, Blogger, Social-Media-Nattern, Internettrolle und weiß der Kuckuck wem sonst noch an unserer Aufmerksamkeit und unseren Bildschirmen liegt.“

Ich bedanke mich ausdrücklich für den Begriff „Social-Media-Nattern“ und erkläre ihn hiermit für mein persönliches Wort des Tages, ach was: der Woche.

Schon seit einiger Zeit, ich berichtete bereits, glaube ich einen Trend bei jungen Männern zu beobachten, sich auch im Winterhalbjahr außerhalb sportlicher Betätigung in kurzen Hosen zu zeigen, also draußen, bei Wind und Wetter. Allein heute begegneten mir im Laufe des Tages gleich drei Exemplare. Sie werden ihre Gründe haben. Vielleicht ist das ja nur die logische Fortsetzung der seit längerem unabhängig von Geschlecht und Temperatur sich ausbreitenden Knöchelfrei-Mode. Oder der mit zunehmender Beliebtheit getragenen Hosen mit möglichst weit aufgerissenen Knien, wohingegen ich schon weitaus geringer beschädigte Textilien dem Hausmüll zuführe. Aber warum nicht, wenn man die entsprechenden Beine vorzuweisen hat.

In Deutschland gibt es übrigens 124 Fünfsterne-Hotels, wie ich auf dem Werbebildschirm in der U-Bahn-Haltestelle las. Somit wissen Sie das nun auch. Vielleicht sitzen Sie ja mal bei Günther Jauch und er fragt Sie genau das, und schon können Sie die Million einsacken.

Dienstag: Während schlafloser Momente in der vergangenen Nacht habe ich noch ein wenig darüber nachgedacht: Vielleicht ist das mit den kurzen Hosen ja auch eine Weiterentwicklung der E-Boy-Bewegung, über die ich am Wochenende las. Zur Erklärung: Ein E-Boy ist kein elektrisches Gerät zur kurzfristigen Linderung spezieller Unterleibsbedürfnisse, sondern, soweit ich das verstanden habe, ein sehr junger Mann, der mit einem besonders guten Aussehen (und ansonsten zumeist keinen weiteren besonderen Vorzügen und Fähigkeiten) ausgestattet ist und damit im Internet herumposiert.

Oder das ist so eine in Social-Media-Nattern-Kreisen sich ausbreitende Challenge wie vor einiger Zeit diese Eiskübelnummer, kann ja sein: Wer sich bei unter zehn Grad den kalten Wind durch das Beinhaar wehen lässt, setzt ein Zeichen gegen Paradont- oder Leberzirrhose oder sowas.

Oder das ist ein neuartiges Männlichkeitsdings. Vielleicht etabliert sich, neben bereits bestehenden dümmlichen Begriffen wie „Warmduscher“ oder „Schattenparker“ für nicht ganz so Harte, demnächst der „Hosenträger“.

Mittwoch: Einige weitere Vorschläge, falls nicht bereits in einschlägigen Verzeichnissen zu finden: Cola-Light-Besteller, Papiertaschentuchschnäuzer, Armbeugenhuster, BinnenI-Schreiber und Achselrasierer.

Donnerstag: Erstmalig las ich den Titel „Hallenfeldwebel“. Ohne dem Mann nahetreten zu wollen, zumal ich ihn nicht kenne: Das klingt ein wenig wie Taschenbillard.

„Ich habe keinen Zweifel daran, dass Künstliche Intelligenz reguliert werden muss. Firmen wie unsere können nicht einfach vielversprechende Technologien entwickeln und die Entscheidung, wie sie eingesetzt werden, dem Markt überlassen“, schreibt Sundar Pichai, Chef des Google-Mutterkonzerns Alphabet in einem Zeitungsartikel. Schon klar – Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen.

Freitag: Was ist im Zeitalter von Outlook so schwer daran, bevor man jemandem eine Besprechungsanfrage schickt, einen kurzen Blick in seinen Kalender zu werfen, ob er dann überhaupt Zeit hat?

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die „Allen-antworten“-Funktion in Mailprogrammen verboten gehört. Es wäre wirklich viel gewonnen, wenn sich Menschen vor Absenden einer Mail kurz Gedanken machen würden, wen sie in „Cc“ nehmen wollen und warum.

Samstag: Nachmittags nahm unser Musikcorps am Zoch in Graurheindorf teil.

KW7 - 1

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Während eines Liedes, bei dem ich mangels Trompetenerfordernis lediglich eine dekorative Funktion erfüllte, löste sich mein selbstgebastelter Halteriemen, woraufhin die Trompete heftig Kontakt aufnahm mit dem Asphalt der Estermannstraße, was dem Trichter eine charakteristische neue Form verlieh. Auf die Qualität meines Spielens hatten die Dellen keinen erkennbar negativen Einfluss, die war heute vorher schon einigermaßen miserabel.

Größerer Sachschaden entstand auch in Barlingerode Ost, dem betrieblichen Mittelpunkt meiner Modelleisenbahn. Nachdem sich das Sturmtief „Sabine“ Anfang der Woche in vielen Regionen, gemessen an den Ankündigungen, eher als laues Lüftchen erwiesen hatte, was anscheinend bei vielen Menschen eine irritierende Enttäuschung hervorrief, zog heute beim Lüften eine Böe über den Bahnhof hinweg und erfasste einen dort ungebremst abgestellten Güterwagen, der daraufhin in den Abgrund stürzte und Totalschaden erlitt. Wie eine Recherche bei E-Boy – Verzeihung: eBay ergab, ist auf die Schnelle leider kein gleichartiges Modell zu erwerben. (Falls Sie jemanden kennen, der sich von einem Exemplar des Roco-Modells 66065 trennen möchte, lassen Sie es mich bitte wissen. Vielen Dank.)

Am späteren Abend, nach gutem Essen und Trinken, stellte der Geliebte eine gar zauberhafte Verbindung her zwischen Augen- und Gaumenschmaus: „Ich mag ja gefüllte Tulpen. Am liebsten mit Nougat.“

Ansonsten lernte ich mit „Leibesfruchtpfleger“ eine neues Wort, für das ich allerdings in absehbarer Zeit persönlich nur wenig Verwendung sehe.

Sonntag: Welchen Schaden einmal die Leibesfrucht eines jungen Elternpaares nimmt, das mir heute auf dem Weg zum Brötchenkauf begegnete, ist nicht absehbar. Mama schob den Kinderwagen, der mutmaßliche Vater trottete displaystarrend hinterher, und auch das maximal dreijährige Kind im Wagen war bereits mit einem Datengerät beschäftigt. Früh übt sich, was ein Digitalsklave und eine Social-Media-Natter werden will.

Ansonsten findet sich das Wort „Dreißig“ in meinen Notizen dieser Woche, dem offenbar eine gewisse Bedeutung zukam, die mir leider entfallen ist. Früher, als es noch nicht als ekelig und abstoßend galt, Stofftaschentücher zu benutzen (was mich nicht davon abhält, es dennoch weiterhin mit großer Überzeugung zu tun), war es üblich, darin einen Knoten zu machen, wenn man irgendetwas nicht vergessen wollte; beim nächsten Schnäuzen zog man es aus der Tasche und wusste: „Richtig, ich muss ja noch gefüllte Tulpen kaufen und die Sexpuppe aus der Reinigung holen.“ Einmal erblickte ich den Knoten und wusste nicht mehr, an was er mich erinnern sollte. So ähnlich geht es mir jetzt auch. Was wollte ich über „Dreißig“ schreiben? Sollte es mir wieder einfallen, reiche ich es selbstverständlich nach.

Umweltsau

Ich bin eine Umweltsau, weil ich …

… Fleisch esse. Alle Bemühungen, es einzuschränken, waren bislang vergebens. Immerhin wähle ich mittlerweile in der Kantine ab und zu und somit öfter als früher ein vegetarisches Gericht, der Wille zur Besserung ist also erkennbar. Außerdem kann man von einem Tiger nicht erwarten, dass er Gras frisst.

… Nespresso trinke, mehr aus Gewohnheit denn Überzeugung, wobei der Kaffee schon ziemlich gut ist. Daran etwas zu ändern dürfte in diesem Haushalt schwer durchzusetzen sein. Ich kann es ja mal versuchen, wenn die aktuelle Maschine defekt wird; bislang wurden die mit großer Verlässlichkeit nach ein paar Jahren undicht.

… Dampflokomotiven toll finde und einen Verein unterstütze, der welche bewahrt und betreibt, wenn auch nur manchmal am Wochenende und ziemlich kleine. Trotzdem, auch die werden mit Kohle gefüttert.

… mir bislang wenig Mühe gebe, möglichst ohne Plastik auszukommen. Immerhin nehme ich beim Einkaufen schon lange keine Plastiktüten mehr.

… täglich dusche. Na ja, ob einmal wöchentlich Baden eine sinnvolle Alternative ist, darf bezweifelt werden.

… eine klassische Glühbirne in meiner Schreibtischlampe habe und die toll finde. Als der Verkauf von Glühbirnen zu Ende ging, habe ich mir sogar noch einen Vorrat angelegt.

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… schonmal eine kaputte Energiesparlampe im Hausmüll entsorgt habe und mir dabei vorkam wie ein Rebell.

… ich mich nur wohlfühle bei mindestens dreiundzwanzig Grad in der Wohnung.

Ich bin keine Umweltsau, weil ich …

… kaum Auto fahre, stattdessen Bahn und (ab und zu, wenn es nicht regnet und/oder kalt ist) Fahrrad.

… Flugreisen meide.

… auf Kreuzfahrten verzichte. Nicht nur aus Umweltgründen.

… Skiurlaub, womöglich mit Schnee aus der Kanone, absurd finde.

… keinen Kaffee aus Pappbechern trinke. Überhaupt gibt es keinen vernünftigen Grund, mit einem Kaffee durch die Gegend zu laufen.

… nicht sterbe, wenn eine Frage unbeantwortet bleibt, weil ich nicht sofort Google, Siri oder Bing frage.

… ich nicht (mehr) rauche und anschließend die Zigarettenkippen in die Gegend werfe.

… nur selten neue Klamotten kaufe, und wenn, dann im Laden und nicht im Netz.

… keine Kinder in die Welt setze. Mehr kann man als Einzelner wohl nicht tun.  (Sie dürfen mich wegen dieser These gerne beschimpfen.)

Weitere Optimierungen sind denkbar. So könnte ich Wasser sparen, indem ich mich des Morgenstrahles beim Duschen entledige. Das würde indes zu Diskussionen führen, die die um die Nespressomaschine in den Schatten stellten.

Im Übrigen bin ich überzeugt, ohne es zu wissen oder beweisen zu können, dass die viel bejubelten Elektroautos und -fahrräder ebenso wenig eine Lösung sind wie vegane Leberwurst. Elektroroller schon gar nicht.

Ansonsten fürchte ich, auch dafür dürfen Sie mich meinethalben beschimpfen, es ist bereits zu spät, um den Klimawandel noch aufzuhalten. Was indes kein Grund ist, es nicht mehr zu versuchen.