Woche 32/2024: Zweifelhaftes Schuhwerk und leichte Vorfreude

Montag: Über den Tag ist hier alles Wesentliche notiert.

Nachtrag: Augen auf beim Fremdwortgebrauch, auch und gerade als Sprachpingel. Die Verwechslung von Rezension und Rezession ist äußerst peinlich für den Schreiber, birgt indes eine gewisse Komik für den kundigen Leser. Herzlichen Dank dem anonymen Hinweisgeber.

Dienstag: Morgens fuhr im Aufzug ein jüngerer Kollege mit mir, der vor mir aussteigen würde. Während er mit dem Datengerät beschäftigt war, befiel mich der Gedanke: Gleich sagt er ciao. Ich wurde nicht enttäuscht.

Weg ins Werk

Wie vor einiger Zeit schon berichtet, kann man bei uns das sogenannte ortsflexible Arbeiten vereinbaren, wenn man es möchte (ich möchte es nicht). Dann darf man mehrere Tage in der Woche zu Hause arbeiten, verzichtet dafür auf einen festen Schreibtisch im Werk. Das führt dazu, dass manchmal, wie heute, in den Nebenbüros Leute sitzen, die ich noch nie gesehen habe und schon gar nicht weiß, was sie dort tun. Aber das kann ich von mir selbst auch nicht immer so genau sagen.

Ich schrieb es schon mehrfach, wiederhole es aus gegebenem Anlass gerne: Das Glück der Welt liegt manchmal in einer Portion Erbseneintopf mit Wursteinlage. Heute Mittag in der Kantine.

Eher gering dagegen der Nährwert von Medaillen. Was ist nochmal der Grund dafür, dass Olympia-Sieger dennoch immer wieder darauf beißen?

Aller guten Dinge sind drei. Heute vor zehn Jahren kam es zu einer Begegnung, von der wohl keiner der Beteiligten gedacht hätte, dass sie bis heute nachwirkt und hier der Erwähnung würdig ist.

Im Laufe des Tages kam mir das Gespräch im Radio mit Bernd Stelter in Erinnerung, das ich am Sonntag während der Rückfahrt aus Bielefeld hörte. Dort sagte er sinngemäß: Wenn ein kleines Kind so richtig verdreht ist und herumschreit, denkt man: Vielleicht ist er müde, vielleicht zahnt er, vielleicht hat er etwas Kacke in der Hose. Genau das sollte man denken, wenn man das nächste Mal von einem mehr oder weniger Erwachsenen angebölkt wird: Vielleicht hat er Kacke in der Hose. Das ist wirklich sehr klug und hat mir heute geholfen. (Ich schreibe nicht, wann und zu welchem Anlass.)

Mittwoch: „Wir sind manchmal ein bisschen blessed“ sagte einer in der Besprechung. Es ergab in dem Zusammenhang keinerlei erkennbaren Sinn, klingt aber für derlei Empfängliche großartig. In derselben Runde fiel innerhalb einer Stunde achtmal das Wort challengen.

Was es alles gibt: Mittags gab es Kotelett ohne Knochen.

Ich las mal von PHS bzw. PCS, Post Holiday/Christmas Syndrom, die tiefe Unlust, nach dem Urlaub bzw. Weihnachten die Arbeit wieder aufzunehmen. An mir selbst beobachte ich zunehmend ein PLS, Post Lunch Syndrom. (Sie dürfen gerne raten, wann diese Notiz entstand.)

Danke liebe Medien, auch der Letzte dürfte inzwischen mitbekommen haben, dass Twitter nun X heißt oder, wie ihr nicht ermüdet es zu erklären, X vormals Twitter.

Donnerstag: Was es alles gibt, Teil 2: heute überraschte die Kantine mit Hüftsteak vom Bio-Hähnchen.

Verrückte Welt: Woanders kommen sie vor Hunger nicht in den Schlaf, wir kaufen fünflagiges Toilettenpapier De Luxe.

Das ist mal eine Geschichte: Der katalanische Separatistenführer Puigdemont hält in Barcelona vor Tausenden eine Rede und verschwindet spurlos, ehe die Polizei ihn verhaften kann. Das war nicht Puigdemont, das war Fantomas. Ooooh!

Freitag: Herren der Generation meines Vaters und meiner Onkel trugen gerne Slipper. In den letzten Tagen sah ich mehrfach junge Männer in diesem zweifelhaften Schuhwerk, bevorzugt ohne Socken. Eine zufällige Häufung oder ein neuer Modetrend? Wenn letzteres, wie konnte es dazu kommen? Gerne hochgezogene weiße Sportsocken, meinethalben auch in Sandalen, aber doch keine Slipper!

Es ist ein natürlicher Reflex. So wie andere zwanghaft „Gesundheit“ rufen, sobald jemand in Hörweite niest, muss ich, wenn ein testosterongelenktes Kraftfahrzeug an mir vorbeiknallt, „Fahr zur Hölle du A …“ rufen oder wenigstens denken.

Samstag: Da der Wochenendeinstieg am Vorabend mit dem üblichen einleitendem Balkon-Cremant, Gaststättenbesuch und abschließendem Abendglas wiederum auf dem Balkon im Rahmen geblieben war, war am Morgen die postalkoholische Todessehnsucht nur von kurzer Dauer. Nach dem nicht sehr späten Frühstück und Auslesen der Tageszeitung verband ich den samstagsüblichen Gang zum Altglascontainer mit einem Besuch der örtlichen Buchhandlung, wo ich Karten erstand für die Lesung des Bloggerkollegen Thomas R. am 31. August gleich in der Nachbarschaft. Ich bin gespannt und freue mich darauf.

Sonntag: Die üblichen Sonntäglichkeiten mit Ausschlafen, Balkonfrühstück, Zeitungslektüre, Spaziergang und Blogslesen im Lieblingsbiergarten. Dem allgemeinen Gejammer über die derzeitige Sommerhitze schließe ich mich nicht an, verspüre gleichwohl eine leichte Vorfreude auf den nahenden Herbst.

Die Bemühungen der Stadt Bonn, Auto- und Radfahrer zu versöhnen, wirken genau so: bemüht

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Kommen Sie gut durch die Woche.

#WMDEDGT im August: Schlange und anderes Gemüse

Heute ist der fünfte August, am Fünften eines jeden Monats ruft die geschätzte Mitbloggerin Frau Brüllen zur Pflege der Tagebuchblogkultur auf. Hierzu schreibt der geneigte Teilnehmer einen Aufsatz zum Thema „Was machst du eigentlich den ganzen Tag?“, kurz #WMDEDGT, und verlinkt ihn hier.

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Heute versuchsweise in neuem Format

Geschlafen: Grundsätzlich gut, unterbrochen von Schnarchgeräuschen und daraus resultierenden Unmutsäußerungen.

Geträumt: Nach einer kollegialen Zusammenkunft hatte ich Schwierigkeiten, zurück zum Hotel zu finden. Erschwerend kam hinzu, dass ich mit nichts außer einem T-Shirt bekleidet war, das ich aus Verhüllungsgründen so weit es ging herunterzog. Übrigens nicht zum ersten Mal, manchmal fehlt auch das T-Shirt. Traumdeuter und -innen dürfen das gerne interpretieren.

Gelesen: Neben dem üblichen geschäftlichen Kram die Tageszeitung, im SPIEGEL und die abonnierten Blogs. Wie ich aus der Zeitung erfuhr, wird Helene Fischer heute vierzig. Auch wenn sie es nicht liest, meine Gratulation. Zum SPIEGEL siehe unten.

Geschrieben: Ein paar geschäftliche Mails, eine kurze eBay-Bewertung zu einer Lieferung (siehe unten), was ins Tagebuch, diesen Blogeintrag (logisch).

Gedacht: Ich sollte mir bald mal überlegen, was ich am 8. September bei den TapetenPoeten vorlesen werde.

Gelacht: Über einen bereits am späteren Freitagabend gehörten und notierten Dialog, den ich erst heute wieder las. Der ging so: „Was hatten Adam und Eva noch mal gegessen?“ – „Ne Schlange haben die gebraten.“ – „Nee, das war ein anderes Gemüse.“

Über einen Satz im SPIEGEL über Unterleibsspielzeug: „Weltweit mehr als zehn Millionen Mal. So viele »Womanizer« sind verkauft. Ein eingeführtes Produkt.“

Gewundert: Eine Frage, die mich immer wieder beschäftigt: Wie schaffen es andere Blogger, täglich einen langen, lesenswerten Artikel zu verfassen, außerdem Filme/Serien zu schauen und so viele Bücher zu lesen? Woher nehmen sie die Zeit? Schlafen die nicht?

Gegessen/getrunken: Kaffee und Wasser, mittags Bratwurst mit Wirsing und Bratkartoffeln, zum Dessert Vanillecreme mit Butterkeksbröseln darauf und Rhabarbermus darunter. Abends Laugengebäck mit Rosé. Zum Abschluss Underberg.

Gehört: Morgens im Radio „Sun Of Jamaica“ von Goombay Dance Band, das mich danach noch einige Zeit ohrwurmend begleitete. Als es Ende der Siebziger herauskam, war es ein großer Hit, wir kauften sogar die Single, möglicherweise habe ich sie noch. Heute frage ich mich: Wie konnte das sein? Wenn Sie es nicht kennen, haben Sie nichts verpasst und ich empfehle nicht, danach zu recherchieren, aus akustischen wie optischen Gründen.

Gewesen: Beim Friseur um die Ecke, der nur kurz „Wie immer?“ fragte und mir danach weitgehend schweigend in weniger als einer Viertelstunde zu meiner vollen Zufriedenheit die Haare schnitt.

Gefreut: Über eine Lieferung mit Kindheitserinnerungen.

Wagen 778 der Stadtwerke Bielefeld, mit dem ich vermutlich des öfteren zur Schule fuhr, im Maßstab 1 zu 87

Geärgert: Heute über nichts und niemanden, was nicht heißt, ich wäre mit allem und jedem einverstanden gewesen. Aber man muss sich ja nicht immer gleich ärgern. Auch hege ich die Hoffnung, meinerseits niemanden geärgert zu haben.

Woche 31/2024: Begegnungen in lichtärmeren Gefilden und andere Abenteuerlichkeiten

Montag: Nach längerer Zeit und maximal siebeneinhalb Jahren vor der Zuruhesetzung, welch ein in jeder Hinsicht wunderbares Wort, träumte ich mal wieder von der großen Prüfung, die meinen Kollegen und mir in Kürze bevorstand. Dazu mussten wir noch einmal für ein paar Tage an der Fachhochschule im südhessischen Dieburg (die es außerhalb der Traumwelt seit dreißig Jahren nicht mehr gibt) antreten. Während sich im Kollegenkreis erhebliche Nervosität ausbreitete, blieb ich erstaunlich gelassen. Mit einem Lächeln wachte ich schließlich auf, was vor einem Montag nicht sehr häufig vorkommt.

„Vielseitigkeitsreiten“ ist auch ein schönes Wort mit einem breiten Interpretationsspielraum, das ich in olympischen Zusammenhängen wahrnahm.

Ein eher irritierendes Wort: Vor der Tagesschau wieder Werbung für Hundefutter mit „Kennerfleisch“.

Laut einer kurzen Zeitungsmeldung ist Wein entgegen früheren Erkenntnissen auch in kleinen Mengen der Gesundheit abträglich. Dessen ungeachtet gab es zum Abendessen welchen, in haushaltsüblichen Schlückchen.

Dienstag: Gedanke beim Feierabendbier in der Außengastronomie: Es ist schön anzusehen, wenn auch ältere (Ehe-)Paare noch händchenhaltend durch die Fußgängerzone flanieren. In sehr speziellen Liebeskonstellationen könnte dadurch, nicht aufgrund der Körperfülle der Händchenhaltenden sondern ihrer Anzahl, ein gewisses Verkehrshindernis entstehen.

Mittwoch: Wie vor einer Woche berichtet, soll der Mittwoch wieder mein Tag sein, an dem abends gelaufen wird. Wie ebenfalls dargelegt, lassen sich viele Gründe finden, es nicht zu tun. Heute zum Beispiel war es dazu bei geschlossener Wolkendecke viel zu warm. Ich tat es trotzdem, sogar ein wenig weiter als letzte Woche. Das war anstrengend, schweißtreibend, jedoch anschließend äußerst befriedigend. Jetzt also dranbleiben.

Wofür ich noch keine befriedigende Lösung gefunden habe ist die musikalische Laufbegleitung. Früher (bitte denken Sie sich bei Bedarf das hochgestellte „TM“ selbst dazu, falls Sie das originell finden) hatte ich dafür einen iPod, das war ein kleines, sehr leichtes Gerät, das man je nach Bauweise in der Hosentasche, am Hals oder per Klammer an der Kleidung befestigt trug und das nichts anderes tat als über einen Kabelkopfhörer eine begrenzte Menge zuvor daraufgeladene Musik abzuspielen, für eine Stunde Laufen völlig ausreichend. Leider hatten die iPods stets nur eine begrenzte Lebensdauer, irgendwann funktionierten sie nicht mehr, und irgendwann waren sie nicht mehr erhältlich. Stattdessen führt man nun das Telefon mit sich und streamt sich die Musik auf die kabellosen Ohrstöpsel. Das finde ich unbequem, für die Hosentasche ist mir das Gerät zu schwer, und diese Oberarmhalteriemen finde ich geckenhaft. Für Lösungsvorschläge wäre ich dankbar.

Donnerstag: Wichtigste Tätigkeit des Tages war das Absenden einer Mail an die Personalabteilung, meine künftige Wochenarbeitszeit betreffend.

Gunkl über Olympia: „Sport ist ja sehr. Also, in letzter Zeit ist sehr Sport. Jüngst war ja Ball drüben rein, und seit ein paar Tagen ist Schnell nach drüben oder auch nur im Kreis, aber halt schnell, Ball drüben rein mit Naßmachen, Naßmachen mit schnell nach drüben und wieder zurück, Naßmachen von oben, Hopsihopsi mit Pferd und Hut, Sachen Wegschmeißen und vieles mehr. Sport halt.“

Freitag: In der Zeitung las ich erstmals, gleichsam als positives Gegenüber der Dunkelziffer, das Wort „Hellfeld“.

Eher an frühere Begegnungen in lichtärmeren Gefilden ließ mich hingegen diese Teams-Chatnachricht denken: „Ich komme etwas später Live Gang“.

Ansonsten erreichten mich per Mail zwei Lichtblicke: Das erst gestern an die Personalabteilung gerichtete Anliegen wurde bereits heute ganz in meinem Sinne beantwortet. Ab 1. September kann ich somit jede zweite Woche einen Inseltag einlegen.

Die zweite Mail befreite mich von der weiteren Beschäftigung mit einer äußerst lästigen Aufgabe, die mich einiges an Zeit und Nerven gekostet hätte.

Im Übrigen hält der Arbeitsalltag immer noch Gänsehautmomente bereit

Samstag: Morgens fuhr ich nach Bielefeld zum Mutterbesuch. Aus praktisch-bequemlichen Erwägungen mit dem Auto, abends war ein Treffen mit Freunden in einem anderen Stadtteil geplant. Zwei Staus hielten mich auf: der erste bei Leverkusen wegen einer gesperrten Fahrspur, der zweite kurz hinter dem Kreuz Dortmund/Unna, vermutlich wegen eines Schildes „Achtung Stau“, kurz dahinter löste er sich wieder auf. Ansonsten der übliche Irrsinn: Autos, die bereits beim Einfädeln auf die A59 überholen, weil ich mich an die zulässige Höchstgeschwindigkeit halte, andere, die ohne jede Rücksicht hinter einem LKW nach links rüberziehend mich zur Notbremsung nötigen und dann konsequent mit 110 Km/h auf der Mittelspur verbleiben, und ein ADAC-Abschleppwagen, der mich bei Remscheid auf der rechten Spur von hinten anlichthupte anstatt einfach zu überholen; wegen vorausfahrender Fahrzeuge konnte ich nicht schneller fahren, das kann ihm unmöglich entgangen sein. Was ist nur los mit den Leuten?

Klar, ich hätte die Bahn nehmen können, was zurzeit und bis auf Weiteres aus guten Gründen auch nicht mit Vergnügungssteuer belegt ist. Beim nächsten Bielefeld-Besuch werde ich das dennoch wieder tun, auch wenn es länger dauert und stets andere Abenteuerlichkeiten bereit hält.

Das Treffen mit den Kollegenfreunden war erfreulich. Bei Grillgut und Getränk tauschte man sich aus über Neuigkeiten, alte Zeiten und aktuelle Todesfälle, auch letzteres Thema gehört mittlerweile fest dazu.

Sonntag: Nach dem Frühstück begab ich mich wieder auf die Autobahn mit dem Vorsatz, auf der rechten Spur entspannt mitzufließen, egal wie langsam, ich hatte Zeit. Das ging einige Kilometer gut, bis mich Wohnwagengespanne, LKWs und notorische Langsamfahrer doch zum Spurwechsel motivierten, während Bernd Stelter im Radio kluge Dinge über Lebensfreude durch Gelassenheit sagte. Insgesamt empfand ich die Rückfahrt dennoch als deutlich entspannter gegenüber der Hinfahrt gestern, wobei das allgemeine Verkehrsverhalten der anderen objektiv betrachtet sicher kein anderes war.

Nach Rückkehr in Bonn und angemessener Begrüßung der Lieben widmete ich mich der mir wesentlich lieberen Fortbewegungsart in Form eines längeren Spaziergangs durch Poppelsdorf und Südstadt mit Einkehr und Blogslesen.

Der Geliebte trennt sich von überzähligem Schuhwerk und anderen Schrankinhalten. Dazu hat er am Hauseingang einen kleinen Sommerschlussverschenk eingerichtet, der gut angenommen wird:

Vorher
Nachher

Am frühen Abend hatten auch die verbliebenen Schuhe Abnehmer gefunden. Deshalb erfolgte eine Angebotsumstellung: Passend zur Jahreszeit trugen wir zwei Stapel Shorts zur Verschenkstelle. Es würde mich nicht wundern, wenn die bereits morgen früh weg sind.

Wohl keine baldigen Abnehmer wird der Unrat finden, der unweit unserer Wohnung abgelegt wurde, vielmehr ist eine Vermehrung zu befürchten:

Es ist nicht immer einfach, Dinge mit Gelassenheit zu betrachten

Spaziergangsimpressionen:

Poppelsdorfer Allee, wo die Kastanien durch Miniermottenbefall bereits eine erste herbstliche Anmutung annehmen
..
..
Fragen
Südstadt, hier die Lessingstraße

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Kommen Sie gut durch die Woche, bleiben Sie gelassen.

Woche 30/2024: Manchmal genügen kleine Anlässe, um den Alltag anzulächeln

Montag: Ein ganz gewöhnlicher Wochenbeginn mit den üblichen Starthemmungen, schwerer Mittagsmüdigkeit, beeindruckender Bewölkung am frühen und Rosé am späteren Abend. Es hätte schlimmer kommen können.

Mit herzlichen Grüßen an das Fachblog für Bewölkung

Anmerkung zur Weltpolitik: Nachdem Joe Biden endlich einsichtig geworden ist, haben die Amerikaner im November nun die Wahl zwischen einer geeigneten Kandidatin und einem verurteilten Irren. Sie werden sich wahrscheinlich für den Irren entscheiden.

Dienstag: Zu Fuß ins Werk und zurück. Die für das Wetter zuständige Instanz hatte das perfekt eingerichtet: Morgens und abends war es trocken, am Nachmittag zog ein heftiger Regenschauer über die südliche Stadt, wo mein Schreibtisch steht.

Mittags in der Kantine gab es Hühnereintopf. Das wäre nicht der Erwähnung wert, wäre er nicht angereichert gewesen mit langen Hühnerfleischfasern in großer Zahl, geschmacklich einwandfrei, beim Löffeln jedoch erheblich um sich nässend und das Hemd bekleckernd. Dass ich nicht in der Lage bin zum unfallfreien Verzehr von Burgern und Hotdogs, war mir bekannt. Dass das auch für Eintopf gilt, war mir neu.

Mittwoch: Nach meinen Konjektaneen zu Taylor Swift vergangene Woche erreichten mich mehrere Zuschriften offenbar ähnlichaltriger Leser, denen es bezüglich der Wahrnehmung der Dame so geht wie mir. Das finde ich sehr beruhigend.

Abends benutzte ich nach längerer Zeit mal wieder die Laufschuhe ihrer Zweckbestimmung entsprechend. Das lief ganz erfreulich, daher der Vorsatz, von nun an wieder regelmäßig zu laufen, einmal die Woche sollte möglich sein. Mal sehen, wie lange ich es dieses Mal durchhalte, ehe Wetter, Unlust, Unpässlichkeit oder eine Kombination daraus mich wieder monatelang davon abhalten.

Erfreulich auch der anschließende spontane Biergartenbesuch mit dem Liebsten. Manchmal genügen kleine Anlässe, um den Alltag anzulächeln.

Donnerstag: Da am Nachmittag ein Gesundheitstermin anstand, verzichtete ich auf den donnerstagsüblichen Fußmarsch. Während der Radfahrt ins Werk erreichte mich ein Gedanke, wie sie gelegentlich aufkommen, wenn nichts besonderes zu bedenken ist. In diesem Falle eine Frage auf dem Gebiet des Verkehrswesens: Warum gibt es das Wort „Vorfahrt“, jedoch nicht, logisch daraus folgend, „Nachfahrt“?

Freitag: Ein weiterer Aprilsommertag. Morgens nötigte mich Regen zur Nutzung der Stadtbahn, nachmittags fühlte ich mich mit Regenjacke und Schirm inmitten von T-Shirts und kurzen Hosen deplatziert.

Die heutige Tagesfrage „Wenn du zwei kostenlose Flugtickets gewinnen würdest, wohin würdest du reisen?“ würde ich gerne mit einer Gegenfrage beantworten: Wieso ich?

Eine weitere Frage, die ich mir selbst immer wieder stelle: Wozu setzt man, wenn man sich irgendwo im Netz anmeldet, das Häkchen bei „Dieses Gerät merken“, wenn die Seite bei der nächsten Anmeldung dieses Gerät zuverlässig wieder vergessen hat?

Aus der Zeitung: In seinem Leserbrief äußert sich Frank W. aus R. zum Thema Pride-Demonstrationen und falsche Pronomen. Darin schreibt er: „Denn ich bin mir ziemlich sicher, dass sich die meisten Menschen überhaupt nicht für die hormonellen Befindlichkeiten ihrer Mitbürger interessieren. Möge doch jeder nach seiner Fa­çon glücklich werden. Was mir in diesem Zusammenhang allerdings gehörig auf den Keks geht, ist das permanente und penetrante Sichtbarmachen, Flaggezeigen und das immer weiter um sich greifende Zeichensetzen von oder für (angeblich?) benachteiligte(n) Personengruppen.“ Als im weitesten Sinne Betroffener müsste ich das empörend finden. Allerdings, auch auf die Gefahr hin, der Nestbeschmutzung bezichtigt zu werden: Ein wenig verstehe ich ihn.

Samstag: Beim Brötchenholen morgens waren um die Münsterkirche herum in auffälliger Anzahl Männer in Anzug und Frack zu sehen, die zugehörigen Frauen in bunten Kleidern, teilweise mit seltsamen Kopfbedeckungen. Vielleicht eine Kostümmesse.

Auf der ungeschriebenen Liste der dümmsten Begriffe stünde Dooring-Unfälle ziemlich weit oben. Ziemlich dumm finde ich auch das Wort chillen, vor allem, wenn Menschen deutlich über fünfzig es äußern.

Aus der Zeitung: Vivien O. beklagt sich, dass ihr ein Mobilfunkanbieter Geld vom Konto abgebucht hat, obwohl sie angeblich keinen Vertrag abgeschlossen hat. Die Verbraucherberatung nennt es gar „besonders hinterlistig“. So trug es sich zu: Die Dame ließ sich in der Fußgängerzone ansprechen und zur Teilnahme an einem Gewinnspiel animieren. Dabei zog sie aus mehreren Losen eines heraus, das sich als Gewinn zweier kostenloser SIM-Karten erwies. Zur Erledigung der notwendigen Formalitäten wurde sie daraufhin in ein nahes Geschäft gebeten, wo ihre Personalausweisdaten und Bankverbindung (für kostenlose SIM-Karten?) aufgenommen wurden. Mit Verlaub: Das ist nicht hinterlistig, das ist einfach nur dumm.

Sonntag: Lange geschlafen, spät gefrühstückt. Sonntagszeitungslesen auf dem Balkon noch an der Gänsehautgrenze, später beim Spaziergang wurde es warm. Letzterer enthielt eine Umleitung, weil die Rheinpromenade teilweise gesperrt, die Sperrung ordnungsamtlich überwacht war. Wegen Sturmschäden, wie ein Schild den interessierten Flaneur und zahlreiche Radfahrer wissen ließ, konkret eines umgestützten Baumes, der quer über dem Weg lag. Das verwunderte etwas, ein Sturm war mir in den zurückliegenden vierundzwanzig Stunden nicht aufgefallen. Den Lieblingsbiergarten erreichte ich dennoch ohne nennenswerte Verzögerung.

Ansichten der äußeren Nordstadt:

Idyll in Hafennähe
Ehemaliges Unigebäude an der Römerstraße, dem Abbruch geweiht

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Kommen Sie gut durch die Woche.

Woche 29/2024: Wenn die Muse nicht in Kusslaune ist

Montag: Abends sitze ich auf dem Balkon unter der ausgefahrenen Markise, auf die nach einem sonnig-warmen Tag Regen fällt. Rechts von mir, auf dem Balkon gegenüber, beschallt eine Amsel die Siedlung, offenbar stört sie der Regen nicht. Darüber schreien Möwen, die nach subjektivem Empfinden immer mehr und lauter werden, wie so manches in diesen Zeiten.

Während es über mir prasselt, warte ich vergeblich auf den Kuss der Blogmuse, doch die küsst heute wohl woanders, oder sie hat das montägliche Antriebslos gezogen, ich kenne das. Lassen wir es also dabei. Vielleicht morgen wieder mehr. Oder übermorgen. Oder demnächst.

Vielleicht dieses noch: Laut kleiner kalender haben heute Donald und Wladimir Namenstag. Es gibt schon erstaunliche Zufälle.

Dienstag: Wenn die Muse nicht in Kusslaune ist, bleibt immer noch und jederzeit, neben den Schlechtigkeiten der Welt, das Wetter als Thema, gerade in diesem verwässerten Sommer. So auch heute: Morgens beim Fußmarsch in die Werktätigkeit brannte die Sonne schon sehr intensiv auf die schattenlose Uferpromenade, auch ohne Jacke war es mir zu warm. Und das will schon was heißen, wenn es mir zu heiß wird.

Nachmittags zog ein Gewitter über die Stadt, das von meinem Schreibtisch im 28. Stock aus beeindruckend anzusehen war. (Kann man das so schreiben, beeindruckend anzusehen? Sie wissen schon, was ich meine.) Als ich kurz darauf zum Heimweg aufbrach, hatte es sich deutlich fast auf Jackentemperatur abgekühlt, wärmte sich jedoch bald wieder auf. Der Regen muss heftig gewesen sein, die Straßen am Rheinufer standen handbreit unter Wasser. Radfahrer wichen aus auf den Gehweg, ein Auto pflügte durch die Gischt, Fußgänger blieben zögernd stehen vor breiten Rinnsalen, die über die Promenade in den Rhein strömten. Mangels Alternative ging ich, den Elementen trotzend, weiter und prüfte, ob die Schuhe wasserdicht sind; Ergebnis: sind sie nicht.

Am Brassertufer

Daraus resultierende Fußfeuchte hielt mich nicht vom Feierabendweizen auf dem nun wieder sonnenbeschienen Marktplatz ab, wo diese Zeilen mühsam ins Datengerät getippt wurden.

Keine oder allenfalls unbezahlte Werbung. Paulaner, Erdinger oder jedes andere Weißbier hätte ich genauso fotografiert.

In einem Zeitungsartikel über Windräder und Weltkulturerbe las ich das Wort „Kulturverträglichkeitsprüfung“ und freute mich ein weiteres Mal über die wunderbaren Wortschöpfungsmöglichkeiten unserer Sprache.

(Ich glaube, sie küsst wieder.)

Mittwoch: Morgens während des Brausebades hörte ich im Radio erstmals bewusst Taylor Swift. WDR 4 berichtete über das bevorstehende Konzert der Dame in Gelsenkirchen und darüber, wie sie deswegen alle eskalieren. (So heißt das jetzt wohl.) Deswegen spielten sie, obwohl nach eigener Aussage spezialisiert auf „Achtziger und die größten Klassiker“ (was sie nicht davon abhält, ab und zu auch Max Giesinger zu spielen, der weder Achtziger noch – Gott bewahre – ein großes Klassiker ist) ein Lied von ihr. Ich fand es angenehm anhörbar, indes wüsste ich nicht, was ihre Musik abhebt von der vergleichbarer Künstlerinnen, warum ausgerechnet sie damit so viel erfolgreicher ist als andere. Das Lied kam mir nicht bekannt vor, als hätte ich es schon oft gehört, ohne zu wissen, dass es von ihr ist. Auch blieb es mir nicht nicht in Erinnerung, weder können ich den Titel nennen (irgendwas mit no heroes?) noch die Melodie summen. Vermutlich werde ich es nicht wiedererkennen und ihr zuordnen, wenn ich es das nächste Mal zufällig höre.

Was wiederum die Frage aufwirft: Wie kann es sein, dass dieser Superstar dermaßen gründlich nicht in meiner Wahrnehmung vorkommt, wo doch alle Welt von ihr angetan ist? Desinteresse? Das Alter? Selbst am Fußball, der mich kein bisschen interessiert, komme ich nicht ganz vorbei, weiß, wer Thomas Müller ist und wie der aktuell amtierende Bundestrainer heißt. Wie also kann es sein?

Aus der Zeitung: „Die Bundesstadt war und wird mit seinen Gassen und Einbahnstraßen nie eine Autostadt sein.“ Auf der Liste der Lieblingsfehler ganz weit oben.

Donnerstag: Ein freier Tag, Inseltag, Wandertag. Heute eine Runde durch die Waldville, ein Waldgebiet westlich von Bonn, bequem mit der Bahn zu erreichen; am Bonner Hauptbahnhof steigt man ein und zehn Minuten später in Alfter-Impekoven wieder aus. Spektakuläre Ausblicke wie Rhein- oder Siegsteig bietet die Tour nicht, dafür viel Strecke durch den Wald, was es auch an heißen Tagen wie heute erträglich macht.

Etwa eine halbe Stunde nach Erreichen des Waldes vernahm ich in naher Hörweite einen umstürzenden Baum, erst Knacksalven, dann den dumpfen Aufschlag auf den Boden. Da dem Umsturz kein Kettensägengetöse voranging, wird der Baum wohl eines natürlichen Todes gestorben sein. Das bringt mich zu grundsätzlichen Betrachtungen über die Natur, die mir während des Gehens in den Sinn kamen. Was ist das überhaupt, Natur? Viele denken dabei an das Ursprüngliche, vom Menschen Unberührte. Demnach gäbe es in Deutschland nur noch wenig Natur, auch die meisten Wälder wurden und werden seit Jahrhunderten bewirtschaftet. Doch ist nicht letztlich alles Natur, einschließlich Mensch, den auch die Natur hervorgebracht hat, mit all seinen Fehlern und allem, was er erschaffen hat bis hin zu Tiktok, Laubläsern und Atombomben? Warum diese natürliche Fehlentscheidung nicht längst korrigiert wurde, weiß nur die Natur. Vielleicht hat sie bereits damit begonnen, die Menschen wollen es nur nicht sehen.

Bei Buschhoven
Unendlicher Weizen bei Dünstekoven
Am Wegesrand immer wieder Tümpel, in denen Frösche wohnen. Bei Nahen des Wanderers springen sie panisch ins Wasser und verharren im Tauchgang, bis die Gefahr vorüber ist. Die Teichfrösche der Schwiegereltern waren da früher deutlich gelassener.
Der Eiserne Mann gilt als Sehenswürdigkeit der Waldville, wobei Geschichte und Zweckbestimmung des Pömpels nicht völlig geklärt sind.
Birkenbild
Entsprechende Waldgeräusche denken Sie sich bitte
Extra für Frau Lotelta: Auch in der Waldville wachsen Stechpalmen

Ungefähr im letzten Viertel verließ mich Komoot: Mitten im Wald endete plötzlich die Anzeige der geplanten Route. Nun ist die Waldville nicht der Amazonas, daher fand ich auch ohne mobile Navigation problemlos den Weg zurück, vielleicht etwas anders als ursprünglich geplant, was die Wanderlust nicht trübte.

Wenige Minuten nach Rückkehr in Impekoven kam eine Bahn und brachte mich mit lobenswerter Pünktlichkeit (wie auch bei der Hinfahrt) zurück nach Bonn, wo ich mir, mangels gastronomischer Möglichkeiten in Impekoven, das Belohnungsweizen gönnte und mich auf den nächsten Inseltag freute, von denen ich demnächst, wenn alles meinen Vorstellungen entsprechend verläuft, wesentlich mehr haben werde.

Freitag: Nachwirkungen von gestern sind nicht nur Erinnerungen an einen schönen Wandertag, sondern auch Insektenstiche in größerer Anzahl, wie ich erst heute bemerkte. Obwohl ich vorher Insektenspray aufgelegt hatte, fanden die Tierchen offenbar Gefallen an meiner Haut, insbesondere der linken Hand; im Laufe des Tages bemerkte ich an weiteren Stellen juckende Pöckchen. Auch das ist Natur.

Am Wochenende bleibt es warm. „Denkt daran, viel zu trinken!“ sagte die Kollegin am Ende der Besprechung. Das bekomme ich hin.

Aus einem Zeitungsbericht über Straßenmusiker: „Allerdings kann in Bonn nicht einfach jede Person in die Fußgängerzone gehen und auf seinem Instrument klimpern.“ Schon wieder.

Endlich Wochenende

Entgegen der Gewohnheit verbrachten wir den Abend nicht in der örtlichen Gastronomie, sondern auf dem Balkon, wo der Liebste erstmals auf dem Grill Pizza zubereitete. Hierzu wurde entsprechendes Grillzubehör (Pizzastein, Wärmehaube, Pizzaschieber) beschafft sowie Teig vorbereitet. Es bedarf noch etwas der Übung, bis das Ergebnis auch in optischer Hinsicht perfekt (oder wenigstens rund) ist, geschmacklich jedenfalls war es überzeugend. Ein wenig frage ich mich, ob sich dieser immense Aufwand lohnt, wo man doch in vielen Lokalen ausgezeichnete Pizza serviert bekommt. Eine ähnliche Frage stelle ich mir, wenn Leute selbst Brot backen. Andererseits, wenn sie Freude daran haben und es schmeckt, warum nicht.

Samstag: Heute war es sehr heiß, selbst der Gang zum Altglascontainer strengte mehr an als die Wanderung am Donnerstag, ein Zusammenhang mit dem zu Entsorgenden ist nicht auszuschließen. (Gestern Abend beim Pizzagrillen und -essen wurde der erwähnten kollegialen Rat streng befolgt.) Anstrengend auch die Menschen in der Fußgängerzone, die heute besonders langsam vor mir hergingen.

Nach Rückkehr begab ich mich auf das klimatisierte Sofa, um zu lesen, unter anderem dieses im SPIEGEL vom immer lesenswerten Jochen-Martin Gutsch über eine Schwanenfamilie: „Aber sie scheißen viel.“ Insgesamt dreimal kam das Fäkalwort in unterschiedlichen Formen in dem Text vor. Mich stört das überhaupt nicht, nur erstaunt es, dass man ihm das erlaubt.

Sonntag: Statt Spaziergang heute eine Radtour nach Bonn-Mehlem, wo administrative Vereinstätigkeiten ohne besonderen Bloggenswert (Adressieren und Frankieren von etwa siebenhundert Briefumschlägen für den Versand der nächsten Mitgliederzeitung) zu erledigen waren. Auf dem Hinweg geriet ich in einen kurzen, heftigen Regenschauer, dessen Unannehmlichkeit sich wegen vorsorglich mitgeführter Regenjacke und kurzer Hose in Grenzen hielt. Auch das ist Natur.

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Kommen Sie gut durch die Woche.