Woche 26: C’est pas normal

Montag: „So perfekt kann der Morgen starten – denn der fruchtig-florale Guavenduft der Pflegedusche Bio-Guave/Grüne Minze* kombiniert mit einer frischen Minznote* belebt die Sinne und sorgt für gute Laune und den perfekten Wohlfühlmoment. Dusch dich einfach glücklich!“, lese ich auf der Tube eines Körperpflegeproduktes. Dass der an aufgelöste Gummibärchen oder ein bekanntes flügelverleihendes Koffeingetränk erinnernde Geruch den Weltschmerz eines gewöhnlichen Montagmorgens in einen fruchtig-floralen Wohlfühlmoment verwandelt, scheint indes zweifelhaft. Aber im Urlaub bin ich auch montags glücklich, mit wie ohne Gummibärenshampoo.

* (An diesen Stellen denken Sie sich bitte Kommas, auf der Tube fehlen sie.)

Dienstag: Im Urlaub gilt, was auch im Alltag gelten sollte, aufgrund beruflicher Fremdbestimmung jedoch nur schwer umzusetzen ist: Warum um sieben aufstehen, wenn die Welt um zehn auch noch da ist? Aber ach, hier in Malaucène wie zu Hause in Bonn: Spätestens ab acht redet irgendwo einer, Musik erklingt oder ein Handwerker lässt seine Gerätschaften brüllen.

„Alles gelb!“, ruft der Geliebte für gewöhnlich entsetzt aus, wenn nach Pollen- oder Sandflug alle Flächen stumm nach dem Putzlappen verlangen. Gleichlautend heute mehrfach mein Ausdruck des Entzückens, als wir während einer Autofahrt in die Umgebung durch ein Meer aus blühendem Ginster fuhren. Der Lavendel benötigt unterdessen noch ein paar Tage oder Wochen bis zur Postkarten- und Touristenlinsenreife.

Anschließend über den Mont Ventoux. Es ist ja schon verrückt genug, diesen Berg mit dem Fahrrad zu bezwingen, was dennoch erstaunlich viele glauben tun zu müssen. Doch gibt es nichts, was sich nicht steigern ließe: Wir sahen einen, der sich mit einem Tretroller quälte, also nicht so ein Elektroding, wie es jetzt die Großstadthipster nutzen dürfen, sondern einer mit vorne und hinten jeweils einem großen Rad und einem Trittbrett dazwischen, ohne weitere technische Unterstützung. Bergauf wäre er ohne das Vehikel vermutlich schneller und unangestrengter voran gekommen. Demnächst erklimmen sie den Mont Ventoux dann mit Rhönrad, Kett- oder Bobby Car?

Mittwoch: Die Gorch Fock soll bis Herbst nächsten Jahres fertig werden, steht in der Zeitung. Ob Frau von der Leyen wohl oft vor dem Einschlafen „Gorch Fuck“ ins Kissen murmelt?

Wo wir gerade beim Liegen sind: Eine der wichtigsten Errungenschaften menschlichen Schaffens ist zweifellos der Liegestuhl. In einem solchen lese ich zurzeit das wunderbare Buch „Lippen abwischen und lächeln“ von Max Goldt, meinem Lieblingsautor, der das Prinzip „Sätze sind Schätze“ perfekt beherrscht. Wie diesen:

„Nur im US-Bundesstaat Illinois gilt Pluto noch als Planet, weil dort Clyde Tombaugh geboren wurde, der als Entdecker der seit ihrer Degradierung weltweit immer mehr geliebten Fernkugel gilt.“

Allein für das Wort „Fernkugel“ bin ich geneigt, ihn zu küssen, selbst wenn ich mich dazu aus dem Liegestuhl erheben müsste.

Donnerstag: Zur Vermeidung größerer Hitzeschäden verdünnisieren wir uns für mindestens zwei Tage in die Alpen, wo es allerdings, trotz Ansicht beschneiter Gipfel, ebenfalls alles andere als kühl ist.

(Blick von der Restaurant-Terrasse unseres Hotels in Monetier-les-Bains)

Am Abend schauen wir rosébegleitet vom Balkon aus den Sternen beim Aufgehen über den Bergen zu. Dazu kommt man ja sonst auch viel zu selten.

Freitag: Tag zwei unserer alpinen Hitzeflucht. Während Monetier-les-Bains seinen Charakter eines alten, gewachsenen Alpendorfs bewahrt hat, finden wir hier in Les 2 Alpes (der Ort heißt wirklich so) einen reinen Touristenort vor, der ausschließlich aus Hotels zu bestehen scheint. Im Winter muss das hier eine Filiale der Hölle sein. Doch auch jetzt begegnen uns ständig Skifahrer in voller Montur mit ihren Gleitbrettern über der Schulter, ein bei Temperaturen um dreißig Grad irritierender Anblick.

Wenige Stunden später verstehe ich, nachdem wir erst mit der Seilbahn, dann mit einer interessanten Mischung aus U- und Standseilbahn auf dreitausenvierhundert Höhenmeter fuhren, wo ich unerhofft mit völlig ungeeigneten Sommerschläppchen durch echten, tiefen Schnee stapfe.

Schrieb ich am Dienstag, es sei verrückt, mit dem Fahrrad oder Tretroller über den Mont Ventoux zu fahren? Es geht noch viel verrückter:

Wie ich bereits bemerkte, besteht dieser Ort überwiegend aus Hotels. Umso schwerer wiegt die Frage, warum wir ausgerechnet in dem Hotel untergekommen sind, das am Abend im Außenbereich eine Party mit Livemusik feiert. Immerhin gab es Feuerwerk. Aus gegebenem Anlass: Jede Cover-Band sollte gegen Unterschrift zur Kenntnisnahme folgenden Merksatzes verpflichtet werden: Finger weg von AC/DC, ihr könnt nur verlieren!

Samstag: Auf der Rückfahrt nach Malaucène machten wir noch einen Abstecher (auch so ein beklopptes Wort, selbstverständlich wurde niemand abgestochen) nach Alpe d’Huez, ein Ort, der Les 2 Alpes in künstlicher Touristen-Kulissenhaftigkeit in nichts nachsteht. Was mich durchaus selbstkritisch fragen lässt: Muss man wirklich mit der Seilbahn auf jeden Berg kommen? Muss man wirklich auch im Sommer Ski fahren oder in Schläppchen durch Schnee stapfen? Muss man im Winter frische Erdbeeren essen? Nun könnten Sie zu recht fragen: Muss man wirklich mit einem Dieselauto fast tausend Kilometer von Bonn nach Südfrankreich fahren und wieder zurück? Nein, vermutlich muss man nicht, macht es aber trotzdem. Der Mensch ist ein inkonsequentes Wesen.

Am Abend beobachte ich eine kleine Eidechse, wie sie erst senkrecht die Hauswand hochkrabbelt, dann kopfüber unter einem Fenstersturz verschwindet. Als wäre die Schwerkraft für sie aufgehoben. Man muss nicht mit der Seilbahn auf dreitausend Meter hoch fahren, sondern nur ab und zu den Blick vom Telefonbildschirm heben, um echte Naturwunder zu erleben.

Sonntag: „Très chaud / C’est pas normal“ („Sehr heiß / nicht normal“) hört man in diesen Tagen alle klagen. Der Klimawandel ist im Alltag angekommen. Ob es was nützt? Wurde eigentlich schon die Verschwörungstheorie geäußert, die Hitze sei „von denen da oben“ gesteuert, um uns von anderen Themen abzulenken?

Nachtrag am späten Sonntagabend: Da die Hitze in der Provence in den Bereich des Unerträglichen stieg und keine Milderung in Aussicht steht, beschlossen wir mittags spontan, die Flucht nach Hause zu ergreifen, zumal wir diesbezüglich vor vier Jahren schlechte gesundheitliche Erfahrungen machten, man wird schließlich nicht jünger. Diese Zeilen wurden somit in heimischen Bonner Gefilden geschrieben, wo es zwar nicht kühl, aber auch nicht mehr so heiß ist. Besser ist das.

Feuer aus

„Wenn Gott gewollt hätte, dass wir rauchen, hätte er uns einen Schornstein wachsen lassen“, schrieb ich vor vielen Jahren auf Twitter; ob ich dafür Sternchen bekam, weiß ich nicht mehr. Inzwischen habe ich beides hinter mir gelassen: Twitter und das Rauchen.

Vor nunmehr zwei Monaten rauchte ich die letzte Zigarette. Das ist noch nicht so wahnsinnig lange her, doch bin ich guter Hoffnung, dass es wirklich die letzte war, mindestens für die nächsten, sagen wir … gut, sagen wir besser nichts, man wird sehen.

Dabei war ich kein besonders starker Raucher, zuletzt rauchte nur noch am Abend ein bis zwei Zigaretten, am Wochenende, wenn Alkohol dazu kam, deutlich mehr, dann konnte schon mal eine halbe Schachtel am Abend in Rauch aufgehen; mit jedem Glas Wein wurde der Drang stärker, noch eine anzustecken, zumal meine Lieben ebenfalls dem Dunst nicht abgeneigt sind. Ohne Alkohol bereitete es mir indessen keine Probleme, stunden- oder tagelang auf Tabak zu verzichten. Insofern war ich überzeugt, nicht süchtig zu sein, sondern nur aus Gründen eines nicht näher zu bestimmenden Genusses ab und zu eine anzustecken. Worin etwa der Genuss lag, sich aus Gründen eines gewissen Gruppenzwangs bei Minusgraden mit anderen vor eine Kneipe zu stellen, weil das Rauchen drinnen aus guten Gründen seit längerem verboten ist, hätte ich nicht sagen können.

So richtig angefangen mit Rauchen hatte ich – idiotischerweise, darf man es wohl nennen – mit vierzig Jahren, also in einem Alter, wo viele es sich längst abgewöhnt haben. Zuvor hatte ich jahrelang ab und zu mal einen Zigarillo gepafft, freilich ohne Lungenzüge. Ich weiß nicht mehr, was genau mich dazu bewogen hatte, aber eines Tages dachte ich mir: Kauf doch mal eine Schachtel Zigaretten. So tat ich, rauchte nach dem Besuch eines speziellen Etablissements die erste Zigarette auf dem Bahnsteig des Kölner Hauptbahnhofs, fand nach kurzem Hüsteln Gefallen daran und blieb erstmal dabei. Ob die zuvor in dem Etablissement erfahrenen Genüsse völlig anderer Art ausschlaggebend waren, weiß ich nicht mehr.

Die Schädlichkeit für die Gesundheit stand und steht für mich außer Frage. Dafür umso fraglicher der Nutzen: Rauchen führt zu keinem Rausch (jedenfalls ohne illegale Zuschlagstoffe), bringt auch sonst kein nennenswertes Wohlgefühl mit sich, zudem schmeckt es nicht, kostet viel Geld, schädigt die Umwelt (ein weggeworfener Zigarettenstummel enthält so viel Gift wie ein Eimer Glyphosat) und man stinkt aus allen Poren; wer selbst nicht raucht und eine Aufzugfahrt mit einem kurz zuvor geraucht habenden macht, weiß, was ich meine. Daher fasste ich zehn Jahre später den Beschluss, aufzuhören. Das war gar nicht so einfach wie gedacht, gerade im Urlaub und am Wochenende, siehe oben. Deshalb benötigte ich noch knapp anderthalb Jahre länger.

Im letzten Frankreich-Urlaub war es dann so weit, wobei ich nicht sicher sagen kann, was genau der Auslöser war: der horrende Preis von acht Euro fünfzig für eine normale Schachtel oder die in Frankreich markenunabhängig-einheitliche schwarze, wenig appetitanregende Gestaltung mit den bekannten, teils abschreckenden, teils unfreiwillig komischen Bildern darauf. Jedenfalls mein Entschluss: Nach dieser Schachtel ist Schluss. Das klappte problemlos.

Na ja, fast: Ein Wochenende später rauchte ich aus besonderem Anlass nochmals eine, die ich mir vom Geliebten schnorrte, danach war wirklich Schluss. Ein- bis zweimal war ich danach noch versucht, am Samstagabend nach dem dritten oder vierten Glas Wein zu sagen: „Gib mir mal eine.“ Aber ich blieb standhaft und die Frage ungestellt. Seitdem scheint in der Verdrahtung meiner Hirnwindungen ein Schalter umgelegt, ich verspüre keinerlei Drang mehr danach, ein rauchendes Stäbchen in den Fingern zu halten und daran zu ziehen, auch nicht, wenn meine Lieben sich in meinem Beisein weiterhin dem zweifelhaften Genuss hingeben.

Im Gegensatz zu meinem Vater, der früher sehr starker Raucher gewesen war und sich nach einer zweiwöchigen, für alle Beteiligten anstrengenden Entwöhnungsphase zum Rauchhasser wandelte, liegt es mir fern, Raucher mit missionarischem Eifer zum Verzicht zu bekehren. Es stört mich nicht, wenn in meiner Umgebung geraucht wird. Selbst wenn mir der Rauch ins Gesicht weht (so wie ein Marmeladenbrot immer auf die bestrichene Seite fällt, zieht Rauch, unabhängig von der Windrichtung, stets in Richtung der Nichtraucher), zeige ich mich meistens tolerant.

Nur eins verstehe ich nicht, und ich verstand es nicht, als ich selbst noch rauchte: Warum ist es in Deutschland immer noch gesetzlich erlaubt, öffentlich für Zigaretten zu werben? Wie kann es sein, dass unsere Politiker vor der Lobby der Tabakindustrie immer noch kuschen?

Übrigens habe ich nicht die Absicht, in absehbarer Zeit auch auf Alkohol zu verzichten. Der Genuss, der ausgeht vom Nachmittagsbier im Urlaub, dem Pastis vor und dem Wein zum Essen und vom kühlen Rosé am Sommerabend auf dem Balkon, überwiegt mögliche Nachteile. Aber wer weiß …

Noch ein Twitter-Eintrag gefällig? Folgender entstand offenbar während einer Dienstreise im Hotel: „Der Vorteil eines Raucherzimmers: Ich darf rauchen. Der Nachteil: Andere vor mir durften es auch.“

Woche 25: Eine äußerst angenehme Form des Tuns

Montag: Aufzugfahrt des Grauens. In der gut gefüllten Kabine telefonierte eine Frau lautstark auf Englisch, ein junger Mann verschlingt ein Brötchen. Fehlte nur noch, dass jemand über seine Erektions- oder Verdauungsstörungen berichtet.

Wie die Frau in der Fernsehreklame: „Über meine Darmprobleme spreche ich nur ungern“, sagt sie. Was sie nicht davon abhält, anschließend mit großer Freude ins Detail zu gehen und ein notlinderndes Mittel zu preisen, dessen Name mir sogleich wieder entfallen ist.

Wie die Tagesschau anschließend verkündet, ist die Zahl der Atomsprengköpfe im vergangenen Jahr auf vierzehntausend gesunken. Somit kann sich die Menschheit nur noch vierzehn mal auslöschen. (Das ist natürlich nur so dahin geschrieben, es entzieht sich meiner Kenntnis, wie viele Sprengköpfe man für einmal benötigt. Vierzehntausend dürften aber wohl locker einige Auslöschungen ermöglichen.)

Hier ein schöner Film über eine mittlerweile vergessene Epoche der Elektromobilität auf Schienen:

Dienstag: Aufgrund einer technischen Störung ist die Klingelanlage in unserem Haus ausgefallen. Schwiege zudem auch noch das Telefon, wären wir dem Paradies ein Stück näher.

Mittwoch: Die Vertreibung aus dem Paradies erfolgte kurzfristig durch Reparatur der Klingelanlage.

„Reden hilft immer“, sagt der Kollege in einer Besprechung. Mein goldenes Schweigen bedeutet in diesem Falle nicht Zustimmung.

„Introvertierte lächeln weniger, sie sind nach innen gerichtet und laden die Außenwelt daher mit ihrem Gesichtsausdruck nicht zu Reaktionen ein. Das geschieht unbewusst und heißt nicht, dass sie weniger glücklich sind“, lese ich hier. Das gefällt mir sehr, weil es grundsätzlich auch für Menschen aus Ostwestfalen gilt. Mit einer Einschränkung: Montags stimmen mein Gesichtsausdruck und inneres Empfinden weitgehend überein.

Gespräch der Lieblingsmenschen am Abend: „Ich bin drahtig!“ – „Ja, Maschendraht.“

Donnerstag: Dieselben Menschen während einer Fronleichnam-Wanderung durch das Siebengebirge: „Diese Raupen mit den Haaren, wenn man die anfasst, dann …“ – „Du meinst den Eichenprozessionsspinner.“ – „Ja genau, diese Kirchenraupen.“

Trotz längerem Aufenthalt anschließend auf dem Weinfest oberhalb von Rhöndorf verlief der Tag weitgehend in Harmonie und ohne größere Ausfälle, getrübt nur durch zwei kurze Regenschauer und ein Gewitter in sicherer Entfernung.

Freitag: Donald Trump hat per Twitter den Krieg mit Iran vorläufig abgesagt, weil der zu erwartende Verlust von hundertfünfzig Soldaten schwerer wiegt als eine abgeschossene Drohne. Ein Versehen, oder ist er womöglich besonnener, als wir bislang annahmen? (Bitte denken Sie sich hier ein scherzauflösendes Gelächter.)

Samstag: Erstmals höre ich im Radio das skandalumtoste Lied von Sarah Connor, in welchem ein gewisser Vincent besungen wird, dem der Gedanke an Mädchen keine freudige Spezialdurchblutung auslöst. Darum so viel Geschrei? Das Lied ist nicht schlecht gemacht, wird nur von den üblichen, leider immer lauter werdenden Moralfanatikern schlecht geredet.

Sonntag: Den ersten Urlaubstag am gewohnten wie geliebten Ort mit süßem Nichtstun verbracht, wobei vor dem Haus sitzend zu lesen, während im Hintergrund der Straßenbrunnen und Radio Nostalgi umeinander plätschern, ja auch eine gewisse, äußerst angenehme Form des Tuns ist.

Unter anderem las ich einen SPIEGEL-Artikel über Strafen für weggeworfenen Kleinstmüll in Mannheim: „Für Zigarettenstummel, Pappbecher, Essensreste und Verpackungen werden 75 Euro Bußgeld fällig, für Kaugummis, Farbdosen, Styropor oder Hundekot sogar 100 Euro.“ Sind Sie je einer achtlos in die Fußgängerzone geworfenen Farbdose begegnet? Gleichwohl erscheinen 100 Euro dafür angemessen.

Woche 24: Einfache Lösungen

Montag: „Nachhaltiges Motorradfahren darf nicht zu Kompromissen in der Leidenschaft führen“, lese ich zum Thema Elektro-Motorrad im mir zufällig in die Hände geratenen zweifelhaften Testesteronblättchen eines Herstellers nicht minder zweifelhafter koffeinhaltiger Energiegetränke.

Noch was zu Pfingsten:

„Wer ahnte, daß zum Weihnachtsfest

Cornelia mich sitzen lässt?

Das war noch nichts: zu Ostern jetzt

hat sie mich abermals versetzt!

Nun freu’ ich mich auf Pfingsten –

nicht im geringsten!“

Heinz Erhardt

Dienstag: Meine derzeitige Stadtbahnlektüre: „Tagebuch schreiben“ von Olaf Georg Klein. Interessantes Buch. Demnach schrieb 1834 ein gewisser Ralph Waldo Emerson: „Jede unwillkürliche Abneigung, die in deinem Inneren aufsteigt, verdient Beachtung. Sie ist der Widerschein einer zentralen Wahrheit.“

Wesentlich profaner dagegen, was ein nicht minder gewisser Carsten K einhundertdreiundsiebzig Jahre später, offenbar nach sittenlosem Treiben, notierte: „Es war ganz nett, aber manche Dinge bedürfen bei Tageslicht nicht unbedingt einer Wiederholung.“ Ziemlich betrübt dagegen der Eintrag einige Monate später, rückblickend habe ich keine Ahnung, was mich da drückte: „Eigenartige düstere persönliche Stimmung, wie ein Schatten, eine Vorahnung, aber von was? Vor allem: Warum empfinde ich eine Art Befriedigung dabei? Ich fühle mein Ende nahen und finde das auch noch gut. Werde ich langsam verrückt?“ Es lohnt sich wirklich, ab und zu mal in alten Tagebüchern zu blättern.

Christian Wüst schreibt im aktuellen SPIEGEL zum Thema Segen der Digitalisierung:

„Dass Google und die anderen Wundertüten des Silicon Valley beim Beseitigen läppischer Lästigkeiten große Kollateralschäden verursachen, jedoch kein einziges echtes Problem lösen, ist für den von Siri umsorgten Konsumtölpel nicht erkennbar – und vielleicht auch gar nicht von Interesse. […] Die Datenspeicher, in denen die globale Kakophonie der sozialen Netzwerke zusammenfließt, zählen zu den größten Verbrauchern im Stromnetz.“ 

Mittwoch: „Komplexität entsteht nur, wenn man die Dimensionen vermischt“, sagt der Projektleiter, der nicht müde wird zu betonen, er bevorzuge einfache Lösungen, in einer nicht enden wollenden Besprechung. Ein Satz, dem eine gewisse Esoterik innewohnt. Wenig professionell dagegen die für alle Teilnehmer sichtbaren, an die Wand projizierten Mailbenachrichtigungen, welche im Minutentakt, begleitet von einem Signalton, aufblenden.

Sehr professionell dagegen am Abend der Triebfahrzeugführer der verspäteten RB 48 auf dem Weg nach Bonn, der um Entschuldigung bittet, dass wir nicht vom schnelleren RE 5 überholt werden.

Donnerstag: Laut Zeitungsbericht möchte ein gewisser Horst Burbulla in den Bonner Rheinauen durch die Stadt Bonn einen hundertsechzig Meter hohen Aussichtsturm bauen lassen und ihn dann für fünfzig Jahre pachten. Mit Verlaub: Sollte wirklich die Stadt Bonn den Turm bauen, kann Herr Burbulla froh sein, wenn er in fünfzig Jahren fertig ist.

Freitag: Auch in unserer geordneten zivilisierten Welt ist nicht zu übersehen, dass der Mensch im Grunde noch immer ein wildes, von Instinkten gesteuertes Tier ist.

KW24 - 1

Samstag: Samstag in der Stadt. Ich bin der Meinung, jedes Betätigen der Autohupe sollte mit einer Gebühr von mindestens fünf Euro belegt werden, welche automatisch mit der Kraftfahrzeugsteuer eingezogen wird.

Sonntag: Laut Meldung in der Sonntagszeitung mögen einundfünfzig Prozent der befragten Berufstätigen die Arbeitszeit genauso wie die Freizeit. Seltsamerweise ist mir noch niemand begegnet, der das von sich behauptet. Siehe auch Eintrag vom Dienstag, erster Absatz.

 

Poem eines Skeptikers

Leben heißt Veränderung, Stillstand ist der Tod.

Wer rastet, rostet, und die Ampel zeigt für ihn bald Rot.

„Das machen wir schon immer so“ wird ungern nur gehört,

stattdessen gilt: Der neue Besen nur erfolgreich kehrt.

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Alte Geige, guter Ton?

Wir brauchen mehr Innovation!

Digitalisensation!

Globalisiert euch – Disruption!

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Es heißt: „Wer mit der Zeit nicht geht, der gehet mit der Zeit.“

Nur wer agil sein Ziel verfolgt, der kommt im Leben weit.

So höre ich die Rufe laut nach immer frischen Winden.

Indessen kann mich niemand zwingen, das alles gut zu finden.