Affen ins All

Wie der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad verlauten ließ, möchte er gerne – nachdem der Iran bereits erfolgreich einen Affen ins All befördert hat – der erste Iraner im Weltall sein. Das geht nun leider nicht mehr, weil bereits der Affe oben ist, es sei denn, dieser hatte nicht die iranische Staatsbürgerschaft. Vielleicht war es aber auch kein tierischer Primat, sondern ein iranischer Staatsbürger, den man aufgrund seiner dichten Behaarung für einen solchen gehalten hatte; dann wäre die Chance des Präsidenten allerdings dahin.

Doch egal, ob Affe oder Astronaut: „Ich bin bereit, für den wissenschaftlichen Fortschritt des Landes sogar mein Leben zu opfern und der erste iranische Astronaut im All zu werden“, so Ahmadinedschad.

Liebe westliche Politiker, das ist eure Chance! Sammelt ein bisschen Geld ein und erfüllt ihm seinen Wunsch! Schickt ihn zum Mond, zum Mars, zum Jupiter oder gar in eine ferne Galaxie! Schneller, einfacher und endgültiger werdet ihr den nie los!

Abgeschrieben: Warten Sie doch kurz!

„Pünktlich wie die Eisenbahn“ – was früher ein Qualitätsmerkmal war, lässt heute, im Zeitalter der Deutschen Bahn AG und der von ihr erfundenen Floskel „wegen Verzögerungen im Betriebsablauf“, den derart bezeichneten in einem eher ungünstigen Licht erscheinen. „Verzögerungen im Betriebsablauf“ – meines Erachtens hat die Bahn hierfür einen Sprachpreis verdient, klingt es doch wie eine plausible Erklärung für verspätete Züge, sagt inhaltlich jedoch in etwa so viel aus wie „Der Zug kommt später, weil er unpünktlich ist“ oder ganz einfach „darum“.

Möglicherweise bin ich diesbezüglich ein wenig zu deutsch, böse Zungen nennen es vielleicht spießig, aber Unpünktlichkeit gehört seit jeher zu den Untugenden, welche zu verzeihen ich am wenigsten geneigt bin, nicht nur in Bezug auf öffentliche Verkehrsmittel, sondern insbesondere auf Menschen, die mit mir verabredet sind. Ebenso wenig verzeihe ich mir selbst Unpünktlichkeit, selbst wenn besagte Verkehrsmittel die Ursache sind – Pünktlichkeit ist für mich auch Ausdruck von Wertschätzung, aktiv wie passiv.

So liegt es nahe, diesem Thema ein paar Zeilen zu widmen. Doch muss ich das gar nicht, denn alles, was dazu zu schreiben wäre, steht bereits im von mir sehr geschätzten Blog Mind-Penetrator. Ich freue ich mich, den Text hier wiedergeben zu dürfen. Viel Vergnügen!

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Seit Anbeginn der Uhrzeit teilt sich die Menschheit in zwei Gruppen: die notorischen Zuspätkommer und die Pünktlichen.

Ich selber gehöre zur zweiten Gattung und schätze Pünktlichkeit sehr. Woraus wiederum resultiert, dass sich – sofern ich mich mit einem Zuspätkommer verabrede – grundsätzlich meine Wartezeit auf das Maximum verlängert. Und während man wartet – im Regen, bei brütender Hitze oder mit wippendem Fuß und angespannter Nervosität – durchläuft man bekanntlich mehrere Phasen seines Gemütszustandes:

Nach ca. 5 Minuten tritt eine gewisse Unsicherheit auf, die Zeit oder Ort in Frage stellen. Waren wir wirklich HIER verabredet? War es tatsächlich 20 Uhr?
Nach weiteren 5 Minuten kommt eine leichte Besorgnis hinzu: Es wird doch wohl nichts passiert sein?
Nach insgesamt 15 Minuten und – im Winter – eingefrorenen Gliedmaßen steigert sich dann langsam die Wut. Im schlimmsten Fall hat der Zuspätkommer sein Handy wieder einmal ausgeschaltet und ich stehe wie bestellt und nicht abgeholt in der Gegend rum. Umspielt – und nicht förderlich für den Blutdruck – wird das Ganze von Menschenmassen, die mich mit bemitleidendem Blick anschauen: „Och, schau mal, ganz allein hier!“

Und es wird leer, und es wird ruhig. Ich warte. Ich danke den Smartphone-Erfindern, dank derer man wenigstens halbwegs beschäftigt aussehen kann, wenn man mit prüfendem Blick und wischendem Finger auf seinem Handy herumdaddelt. Währenddessen ärgere ich mich und tippe irgendein unnützes Zeug in mein Smartphone, in der Hoffnung, meine Wut so etwas zu drosseln.

Nach sensationellen vierzig Minuten erscheint ein grinsendes Gesicht in meinem Blickfeld. „Auf der Autobahn war Stau und ich habe keinen Parkplatz gefunden und eigentlich bin ich auch erst vor 5 Minuten losgefahren, es war alles so stressig heute.“
Ich lächele, es ist nichts besorgniserregendes passiert und irgendwie muss ich mit dem irren Grinsen meine Wut unterdrücken, dass der Film bereits vor 15 Minuten begonnen hat und die Ausreden auch schon einmal besser waren.

Findigerweise merke ich mir vor, die Uhrzeit des nächsten Treffens mindestens eine halbe Stunde vorzuverlegen.

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich nicht mit einer Verspätung von sensationellen 3 Stunden gerechnet und so stehe ich abholbereit um Punkt 11 Uhr an dem verabredeten Ort, während besagte Person nicht einmal aus den Federn gestiegen ist, wie sich im Nachhinein herausstellte. Wieder konnte ich analysieren, wie viele Gefühlsphasen man bei derart immensen Verspätungen durchlaufen kann. Es endet übrigens innerhalb der letzten Stunde in tiefster Wut und missglücktem Telefonterror – und einem Konzert, was – nach Erzählungen – der absolute Wahnsinn gewesen sein muss.

Gipfeln kann so etwas eigentlich nur, wenn man zu seiner eigenen Hochzeit und der voranstehenden kirchlichen Trauung eine halbe Stunde zu spät kommt. Und so haben wir alle gewartet und durchliefen wieder einmal sämtliche Phasen der Ungeduld und Wut.

Vermutlich würde es ein Zuspätkommer auch nicht pünktlich zu seiner eigenen Beerdigung schaffen – er hatte einen wichtigen Anruf und musste noch einiges klären…

Ein kollektives Zuspätkommen findet man übrigens zu einer Party. Die possierlichen Partygäste möchten nie die Ersten sein, schließlich sieht es nachher so aus, als hätte man nichts zu tun und würde den ganzen Tag auf die Party warten.
Also sitze ich um Punkt 20 Uhr mit Partyhütchen und Tröte auf der Couch – wartend .. und allein. Um 20:30 Uhr ist die dritte Flasche Bier leer, ich bin angetrunken, lutsche an dem 10. Käsehäppchen und habe eine gewisse Bettschwere.
20:45 Uhr: es klingelt. Ich schwanke zur Tür und empfange die Gäste. „Sind wir die ersten?“ Als ich die Frage bejahe, sieht man in den Augen der frisch eingetroffenen Freunde ein kleines Stückchen Hoffnung zerbrechen. Um 00:00 Uhr trifft dann auch der letzte Gast ein, der Luft holt für seine Ausrede. „Lass es einfach… du bist da, das ist gut. Bier und Käsehäppchen sind aus.“

Der moderne Mensch neigt ja zu einer gewissen Terminüberladung. Da schafft man nach Feierabend um 16:00 Uhr noch einen Arzttermin, Sport und das Treffen um 18:00 Uhr. Nur hat man a) den Stau nicht einberechnet, der überraschend – wie jeden Donnerstag – auftritt, und b) nicht daran denken können, dass sich beim Arzt eine Wartezeit von 45 Minuten ergibt oder c) die Bahn AUSNAHMSWEISE Verspätung hat.
Und so sitzt man wutentbrannt im öffentlichen Verkehrsmittel oder im Auto – je nach Belieben und Planung – mit geröteten Augen und ein wenig Schaum vor dem Mund.. und wartet. Und flucht leise in sich hinein, tippt wütend auf dem Handy herum.

Und dann denkt man auf einmal daran, mit WEM man sich trifft. Und man begreift, dass die Verspätung dieses Mal den anderen trifft. Die eigene Wartezeit um ein vielfaches verkürzt wird. Süffisantes Lächeln und Erleichterung machen sich breit. Wird er gleich gucken, der Zuspätkommer, wenn ich dieses Mal später komme….

Es ist Sonntag, 20 Uhr. Ich stehe allein im Kino und warte…..

 

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Quelle: http://mindpenetrator.blogspot.de/2013/01/warten-sie-doch-kurz.html

#Aufschrei

Zur aktuellen Debatte über Sexismus kann und will ich mich nicht äußern, denn alles, was ich dazu zu sagen hätte, findet sich in einem wunderbaren Kommentar in der WELT beziehungsweise WELT KOMPAKT wieder:

Von den Schwulen lernen

(Tilman Krause)

Warum können die Deutschen eigentlich nicht spielerisch mit Sexualität umgehen? Sie könnten einiges von den Schwulen lernen – vor allem, dass es völlig okay ist, auch mal Objekt der Begierde zu sein.

Allein unter Heteros, versteht man ja manchmal die Welt nicht mehr. Hat da also in unserem gelobten Land ein älterer Herr zu einer jungen Dame gesagt, sie könne aber auch ein Dirndl gut ausfüllen. Daraufhin trägt die Frau über ein Jahr lang den Groll darüber stumm mit sich herum, um in dem Moment zum großen Halali auf den Mann zu blasen, als der an die Spitze seiner Partei aufrücken soll. Statt sich zu freuen! Statt charmant und wortgewandt in der Situation selbst zu kontern, falls sie sich aus irgendeinem Grunde nicht so sehr über das Kompliment gefreut haben sollte!

Eines ist jedenfalls sicher: Wäre Frau Himmelreich ein schwuler Mann, und hätte diesem Rainer Brüderle zur mitternächtlichen Stunde an der bekannt schummrigen Bar des Hotels „Maritim“ zu Stuttgart gesagt: „Alle Achtung, Du kannst aber auch gut eine Krachlederne ausfüllen, vorne wie hinten!“ – der schwule Mann hätte gejubelt, mindestens aber geschmunzelt. Er hätte natürlich auch sofort den Ball schlagfertig zurückgespielt. Wenn der schwule Mann 29 gewesen wäre, hätte er vielleicht nur gesagt: „Und wie Du, mein Alterchen, eine Badehose ausfüllst, das möchte ich mir lieber gar nicht vorstellen.“

Hätte er hingegen die doppelte Zahl an Jahren auf dem Buckel gehabt, wäre die Antwort vielleicht entgegenkommender ausgefallen, zum Beispiel so: „Du, ich kann auch noch was ganz anderes ausfüllen als eine Krachlederne!“ Schon wäre ein lustiger, frivoler Schlagabtausch zustande gekommen und am Ende jeder friedlich in sein eigenes Bett marschiert.

Bock auf ein paar lose Worte

Allein unter Heteros, fragt man sich nämlich angesichts der gegenwärtigen „Sexismusdebatte“ nur das eine: Warum können die Deutschen nicht spielerisch mit Sexualität umgehen? Warum würden sie am liebsten auch noch diesen so unglaublich viel Freude spendenden Bezirk mit einem „Code of Conduct“ einhegen und Verstöße gegen denselben beleidigt bei der nächsten Dienststelle für political correctness anzeigen? Warum rufen sie schon wieder nach einer abstrakten Reglementierung, anstatt sich lustvoll ins Leben selbst zu stürzen, anarchisch, wie es nun mal ist?
Wie kommt denn Frau Himmelreich darauf, dass Herr Brüderle es auf einen „sexuellen Übergriff“ abgesehen hatte? Vielleicht hatte er einfach nur ganz locker Bock auf ein paar lose Worte? Und selbst wenn Augenlust und überschüssige Hormone im Spiel gewesen sein sollten: Darf er die nicht haben, nur weil er 67 ist und für einen Schönheitswettbewerb nicht die allerbesten Chancen hätte? Wer jetzt vom „sabbernden alten Sack“ redet, der sich dergleichen gefälligst nicht „herausnehmen“ soll, der kommt mir jedenfalls sehr viel sexistischer vor, als der alte Herr selbst es mit seiner Anzüglichkeit war.

Denn wer sich da im Brustton der Empörung vor Ekel schüttelt, der gibt ja zu verstehen, dass er einem gut aussehenden, jüngeren Latin Lover mehr Zudringlichkeit einräumen würde, weshalb hier neben dem Sexismus auch noch die Frage der Macht ins Spiel kommt – freilich nicht die der gesellschaftlichen oder politischen Macht, sondern die Macht der Erotik und der menschlichen Schönheit, die ohnehin viel größer sind, als die andere ist.

Opfer und Täter zugleich

Nun kann man natürlich einwenden: Auch Amerikaner und Engländer verstehen in dieser Hinsicht keinen Spaß. Irgendwie scheint diese Humorlosigkeit etwas mit dem Protestantismus zu tun zu haben und mit der aus ihm resultierenden Unkultur, der zufolge Erotik sich lange Zeit nur im heimischen Schlafzimmer entfalten durfte, zwischen standesamtlich geprüften Eheleuten.

Aber die Deutschen setzen noch insofern eins drauf, als sie es wieder einmal schwarz auf weiß festschreiben wollen, dass sie bitte schön nur Subjekt der Begierde zu sein wünschen. Mit der Rolle des Objekts kommen sie nicht klar. Das Tätervolk schlechthin, es verfügt einfach nicht über die Ausdrucksmittel, ein erotisches „Nein“ oder „Ich nicht“ zu signalisieren. Es kann sich dergleichen nur angewidert und brutal verbitten.

Damit entgeht ihm viel. Damit begibt es sich nicht nur der hohen Lust und raffinierten Kunst, dem anderen etwas zu versagen und ihn dennoch für sich einzunehmen. Dabei würgt es auch brachial Erfahrungen ab, die es, wer weiß, bereichern könnten. Also, liebe deutsche Heteros: Guckt euch doch mal an, wie’s die Schwulen machen. Seid Opfer und Täter zugleich! Das entspannt.

Dem habe ich absolut nichts hinzuzufügen.

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Quelle: http://m.welt.de/article.do?id=kultur%252Farticle113236308%252FAllein-unter-lustfeindlichen-Heteros&fb_action_ids=533094023389617&fb_action_types=og.recommends&fb_source=other_multiline&action_object_map=%257B%2522533094023389617%2522%253A473500096044205%257D&action_type_map=%257B%2522533094023389617%2522%253A%2522og.recommends%2522%257D&action_ref_map=%255B%255D

Konferenzgedöns

Besprechungen und Telefonkonferenzen sind ein nicht versiegender Quell der Qual, erst recht, wenn der Gegenstand der Diskussion nur mäßig bis gar nicht interessant ist. Wobei der Vorteil einer Telefonkonferenz darin liegt, dass man sich während der Veranstaltung ungeniert in der Nase bohren oder an beliebigen Körperstellen kratzen oder Grimassen schneiden und den anderen Teilnehmern den schlimmen Finger zeigen kann, ohne dass es zum Eklat führt – vorausgesetzt, man verfügt über ein nicht einsehbares Einzelbüro. Manchmal wünsche ich mir, ein talentierter Stimmenimitator zu sein; mit den Sätzen, die ich anderen Teilnehmern in den Mund legen würde, machte ich jede Telefonkonferenz zu einem unvergesslichen Erlebnis für alle Beteiligten.

Die Tage war es wieder so weit, eine halbstündige Telefonkonferenz stand an. Da mich das Thema halbwegs interessierte, hörte ich zu, doch fiel es mir zunehmend schwer, mich auf den Inhalt zu konzentrieren, denn der Hauptredner verwendete in jedem Satz mindestens einmal das Wörtchen „quasi“. Und nicht nur das, die Verwendung des Wortes war offenbar ansteckend, denn bald benutzte es auch der nächste, bis ich nur noch ein Rauschen aus „Blablabla quasi bla quasi blablablabla quasi quasi“ wahrnahm. In meiner Verzweiflung griff ich zum Stift und zählte mit, hier das Ergebnis:

quasi

Da kam mir folgende Idee: Viele Menschen fangen in Besprechungen früher oder später an zu malen oder kritzeln, um wach zu bleiben, zum Beispiel
– Ausmalen von Buchstaben,
– Das Haus vom Nikolaus,
– heimliches Porträtieren anderer Teilnehmer,
– phantasievolle Zeichnungen und Bilder ohne realen Hintergrund,
– das bekannte Bullshit-Bingo spielen oder
– Tic Tac Toe spielen gegen sich selbst oder den Sitznachbarn.

Daher nun mein Aufruf: Schickt mir eure schönsten Besprechungskritzeleien, gerne auch mit ein paar erläuternden Worten zu den Umständen, unter denen sie entstanden sind. Ich werde sie dann hier veröffentlichen. Die E-Mail-Adresse für diese Aktion ist meetingmurx@gmx.de

Ich freue mich auf eure Zuschriften!

Eigentlich wunschlos glücklich

Meine persönliche Lebenssituation ist, zusammengefasst, mit „wunschlos glücklich“ wohl ganz gut beschrieben. Ja, mir fällt in der Tat nichts ein, was, wenn es käme beziehungsweise wegfiele, meine Zufriedenheit dauerhaft zu steigern vermöchte: kein Geldgewinn, keine neue Liebe, kein Abenteuer, keine große Reise, auch nicht ein neuer Job; nichts könnte mich glücklicher machen, als ich bin. (Na gut, weniger krumme Füße vielleicht, aber irgendwann hätte ich mich auch an die gewöhnt.)

Und doch – manchmal habe ich diesen Traum:

Ich bin jung, um die fünfundzwanzig, und studiere, vielleicht Chemie, Architektur oder Literatur, egal, Hauptsache nicht Medizin, Jura oder BWL.

Mit zwei anderen Jungs wohne ich in einer WG in der Altstadt; abends sitzen wir in unserer Küche, essen Pizza, trinken Bier, rauchen was, nennen uns gegenseitig „Alda“, dann reden wir bis in die Nacht über Fußball und Frauen oder zocken Computerspiele. Mein gesamtes Zeugs findet locker Platz in meinem WG-Zimmer, oder in einem Kleintransporter, wenn ich umziehen muss. Und das muss ich irgendwann, aber noch nicht. Auf dem Dachboden bei meinen Eltern liegt auch noch einiges, zum Beispiel meine früher so geliebte Carrera-Bahn. Muss ich irgendwann mal holen, aber das hat Zeit.

Nur selten rasiere ich mich, laufe meistens mit einem Dreitagebart herum; meine Haare trage ich mittellang und kümmere mich nur wenig um die Frisur. Erst wenn es gar nicht mehr geht, gehe ich zum türkischen Zehn-Euro-Frisör um die Ecke und lasse sie ganz kurz schneiden, sechs Millimeter. Meine Kumpels ziehen mich gerne auf wegen meiner starken Brustbehaarung, aber das ist nur der Neid der kindlich-glatten. Meine Freundin fährt voll darauf ab. Alda…

Meine Jeans trage ich tief, so dass die Boxershorts über den Bund hinausschauen. Im Sommer laufe ich in T-Shirt, Shorts und Flip Flops durch die Stadt. Mit den Jungs verbringe ich viele Stunden im Freibad oder auf der Wiese im Hofgarten, flirte lieber mit den Mädels auf der Decke nebenan, statt für die Klausur zu lernen.

Ich bin sportlich aktiv, laufe dreimal die Woche, gehe regelmäßig zu McFit, und samstags treffen wir uns zum Bolzen im Hofgarten. Wir schauen Bundesliga in der WG, WM und EM beim Rudelgucken in der Kneipe, manchmal fahren wir ins Stadion. Ein Leben ohne Fußball ist für mich nicht vorstellbar.

Mein bester Freund kennt mich schon sehr lange und sehr genau, wir lachen über denselben Scheiß, während die anderen sich fragen, was daran jetzt lustig ist; wir haben denselben Musik- und Filmgeschmack, manchmal labern wir stundenlang nur in Filmzitaten. Er ist da, wenn ich scheiße drauf bin, Stress mit dem Studium oder der Freundin habe, und er tritt mich in den Arsch, wenn ich nicht aus dem Quark komme. Seine direkte Ehrlichkeit ist manchmal brutal, aber wäre er sonst mein bester Freund?

Meine Freundin. Sie ist der beste Kumpel von allen. Klar, manchmal schaue ich schon anderen Frauen hinterher, dann sagt sie Sachen wie „Meine Titten sind dicker“, anstatt rumzuzicken. Wir haben viel und ziemlich versauten Sex, auch an ungewöhnlichen Orten, in der Zugtoilette, im Maisfeld oder im Kino, als wir fast alleine in der Vorstellung sind. Sie will ständig, ich kann fast immer. Manchmal schauen wir zusammen Pornos, anschließend filmen wir uns beim Ficken und stellen es hinterher bei Youporn ein. Es ist einfach geil mit ihr.

Dann endet der Traum. Ginge er weiter, dann vielleicht etwa so:

Vor mir liegen massenhaft Klausuren, Hausarbeiten und Prüfungen, für die ich was tun muss, erst noch in sicherer Entfernung, doch je näher sie rücken, desto hektischer und panischer werde ich, und hinterher frage ich mich, für was ich das alles gelernt habe.

Völlig offen ist, wovon ich mal leben werde. Werde ich, nach unzähligen Bewerbungen und Praktika, einen Job finden, für den sich das Studium gelohnt hat, der gut bezahlt ist und Spaß macht? Oder werde ich mich von einem Aushilfsjob zum nächsten hangeln, kann gerade mal meine Einzimmerwohnung in einem heruntergekommenen düsteren Plattenbau bezahlen?

Aber vielleicht läuft es ja gut, ich ziehe mit meiner Freundin zusammen, hundert Quadratmeter Vierzimmer Altbau renoviert im Musikerviertel. Irgendwann wollen wir nicht mehr im Aufzug und für Youporn vögeln, sondern wir wollen Kinder, denen wir dann so Namen wie Maximilian und Paula geben, und ohne es zu merken, habe ich bald auch diesen unerträglich süßen Tonfall junger Väter drauf, wenn ich mit ihnen spreche.

Mit Ende dreißig wohnen wir in einem Haus inmitten vieler ähnlicher Häuser in der Neubausiedlung vor der Stadt, haben zwei Kinder und einen Hund; samstags mähe ich den Rasen, wie alle hier, sonntags besuchen wir die Schwiegereltern, damit sie uns wohlgesonnen bleiben und auf die Kinder aufpassen, wenn wir mal in Ruhe ins Restaurant oder Kino wollen. Ohne zu vögeln freilich.

Dann wache ich auf und bin froh, dass es nur ein Traum war. Dann bin ich wieder wunschlos glücklich.