#Aufschrei

Zur aktuellen Debatte über Sexismus kann und will ich mich nicht äußern, denn alles, was ich dazu zu sagen hätte, findet sich in einem wunderbaren Kommentar in der WELT beziehungsweise WELT KOMPAKT wieder:

Von den Schwulen lernen

(Tilman Krause)

Warum können die Deutschen eigentlich nicht spielerisch mit Sexualität umgehen? Sie könnten einiges von den Schwulen lernen – vor allem, dass es völlig okay ist, auch mal Objekt der Begierde zu sein.

Allein unter Heteros, versteht man ja manchmal die Welt nicht mehr. Hat da also in unserem gelobten Land ein älterer Herr zu einer jungen Dame gesagt, sie könne aber auch ein Dirndl gut ausfüllen. Daraufhin trägt die Frau über ein Jahr lang den Groll darüber stumm mit sich herum, um in dem Moment zum großen Halali auf den Mann zu blasen, als der an die Spitze seiner Partei aufrücken soll. Statt sich zu freuen! Statt charmant und wortgewandt in der Situation selbst zu kontern, falls sie sich aus irgendeinem Grunde nicht so sehr über das Kompliment gefreut haben sollte!

Eines ist jedenfalls sicher: Wäre Frau Himmelreich ein schwuler Mann, und hätte diesem Rainer Brüderle zur mitternächtlichen Stunde an der bekannt schummrigen Bar des Hotels „Maritim“ zu Stuttgart gesagt: „Alle Achtung, Du kannst aber auch gut eine Krachlederne ausfüllen, vorne wie hinten!“ – der schwule Mann hätte gejubelt, mindestens aber geschmunzelt. Er hätte natürlich auch sofort den Ball schlagfertig zurückgespielt. Wenn der schwule Mann 29 gewesen wäre, hätte er vielleicht nur gesagt: „Und wie Du, mein Alterchen, eine Badehose ausfüllst, das möchte ich mir lieber gar nicht vorstellen.“

Hätte er hingegen die doppelte Zahl an Jahren auf dem Buckel gehabt, wäre die Antwort vielleicht entgegenkommender ausgefallen, zum Beispiel so: „Du, ich kann auch noch was ganz anderes ausfüllen als eine Krachlederne!“ Schon wäre ein lustiger, frivoler Schlagabtausch zustande gekommen und am Ende jeder friedlich in sein eigenes Bett marschiert.

Bock auf ein paar lose Worte

Allein unter Heteros, fragt man sich nämlich angesichts der gegenwärtigen „Sexismusdebatte“ nur das eine: Warum können die Deutschen nicht spielerisch mit Sexualität umgehen? Warum würden sie am liebsten auch noch diesen so unglaublich viel Freude spendenden Bezirk mit einem „Code of Conduct“ einhegen und Verstöße gegen denselben beleidigt bei der nächsten Dienststelle für political correctness anzeigen? Warum rufen sie schon wieder nach einer abstrakten Reglementierung, anstatt sich lustvoll ins Leben selbst zu stürzen, anarchisch, wie es nun mal ist?
Wie kommt denn Frau Himmelreich darauf, dass Herr Brüderle es auf einen „sexuellen Übergriff“ abgesehen hatte? Vielleicht hatte er einfach nur ganz locker Bock auf ein paar lose Worte? Und selbst wenn Augenlust und überschüssige Hormone im Spiel gewesen sein sollten: Darf er die nicht haben, nur weil er 67 ist und für einen Schönheitswettbewerb nicht die allerbesten Chancen hätte? Wer jetzt vom „sabbernden alten Sack“ redet, der sich dergleichen gefälligst nicht „herausnehmen“ soll, der kommt mir jedenfalls sehr viel sexistischer vor, als der alte Herr selbst es mit seiner Anzüglichkeit war.

Denn wer sich da im Brustton der Empörung vor Ekel schüttelt, der gibt ja zu verstehen, dass er einem gut aussehenden, jüngeren Latin Lover mehr Zudringlichkeit einräumen würde, weshalb hier neben dem Sexismus auch noch die Frage der Macht ins Spiel kommt – freilich nicht die der gesellschaftlichen oder politischen Macht, sondern die Macht der Erotik und der menschlichen Schönheit, die ohnehin viel größer sind, als die andere ist.

Opfer und Täter zugleich

Nun kann man natürlich einwenden: Auch Amerikaner und Engländer verstehen in dieser Hinsicht keinen Spaß. Irgendwie scheint diese Humorlosigkeit etwas mit dem Protestantismus zu tun zu haben und mit der aus ihm resultierenden Unkultur, der zufolge Erotik sich lange Zeit nur im heimischen Schlafzimmer entfalten durfte, zwischen standesamtlich geprüften Eheleuten.

Aber die Deutschen setzen noch insofern eins drauf, als sie es wieder einmal schwarz auf weiß festschreiben wollen, dass sie bitte schön nur Subjekt der Begierde zu sein wünschen. Mit der Rolle des Objekts kommen sie nicht klar. Das Tätervolk schlechthin, es verfügt einfach nicht über die Ausdrucksmittel, ein erotisches „Nein“ oder „Ich nicht“ zu signalisieren. Es kann sich dergleichen nur angewidert und brutal verbitten.

Damit entgeht ihm viel. Damit begibt es sich nicht nur der hohen Lust und raffinierten Kunst, dem anderen etwas zu versagen und ihn dennoch für sich einzunehmen. Dabei würgt es auch brachial Erfahrungen ab, die es, wer weiß, bereichern könnten. Also, liebe deutsche Heteros: Guckt euch doch mal an, wie’s die Schwulen machen. Seid Opfer und Täter zugleich! Das entspannt.

Dem habe ich absolut nichts hinzuzufügen.

***

Quelle: http://m.welt.de/article.do?id=kultur%252Farticle113236308%252FAllein-unter-lustfeindlichen-Heteros&fb_action_ids=533094023389617&fb_action_types=og.recommends&fb_source=other_multiline&action_object_map=%257B%2522533094023389617%2522%253A473500096044205%257D&action_type_map=%257B%2522533094023389617%2522%253A%2522og.recommends%2522%257D&action_ref_map=%255B%255D

5 Gedanken zu “#Aufschrei

  1. Schon sehr komisch, dass ein Jahr verstreichen muss, bis die Damen sich meldet. Auch wenn ich ein Mensch bin, der vieles hinterfragt, denke ich, sie hätte einfach einen guten Konter geben sollen und gut ist.

    Das nun eine Staatsdebatte draus entstanden ist, ist für Menschen, die wirklich sexuell belästigt werden (egal ob Mann oder Frau), nicht wirklich förderlich, denn nun werden sie verglichen und eventuell nicht ernst genommen.

    Insofern denke ich, hat die Dame der Gesellschaft mehr geschadet als genutzt.

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  2. Naja, „Von den Schwulen lernen“… schön und gut.

    Aber im Grunde genommen läuft die Aussage dieses Artikels doch nur auf die These hinaus, dass jedermannn von den Schwulen sowas wie Offenheit und Toleranz lernen könne.

    Zumindest, was den sexuellen Bereich betrifft.

    Aber sonst …?
    Da bleiben mir nur Hoffnungen und ansonsten nur Erfahrungen, bzw. Zweifel.

    Naja – wir werden ja sehen, ob dieser Kommentar morgen noch sichtbar ist, bzw. ob ich daraufhin nicht demnächst mal wieder um einen Blogfreund ärmer bin.

    Mir beweist dieser Artikel eigentlich nur, dass jeder Mensch die Welt nur durch seine eigene Brille sieht. Mein Kentnissstand ist, dass in Sachen Brüderle nach wie vor die Parole gilt „Nix Genaues weiß man nicht“. Immerhin sind sich alle Quellen, die ich bislang zur Verfügung habe, darüber einig, dass diese Journalistin ihr Schweigen über diese scheinbar unerträgliche sexuelle Belästigung durch den Abgeordneten Brüderle sehr, sehr lange mit sich herum getragen haben muss, bevor sie sich dann jetzt endlich damit an die Öffentlichkeit getraut hat.

    Die einzig relevante Frage, die jeden vernünftigen Menschen interessieren muss, ist eigentlich nur die:

    WARUM ERST SO SPÄT?!?

    Erst wenn diese Frage eindeutig geklärt ist, kann man substanziell weiter diskutieren.

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