Abgeschrieben: Warten Sie doch kurz!

„Pünktlich wie die Eisenbahn“ – was früher ein Qualitätsmerkmal war, lässt heute, im Zeitalter der Deutschen Bahn AG und der von ihr erfundenen Floskel „wegen Verzögerungen im Betriebsablauf“, den derart bezeichneten in einem eher ungünstigen Licht erscheinen. „Verzögerungen im Betriebsablauf“ – meines Erachtens hat die Bahn hierfür einen Sprachpreis verdient, klingt es doch wie eine plausible Erklärung für verspätete Züge, sagt inhaltlich jedoch in etwa so viel aus wie „Der Zug kommt später, weil er unpünktlich ist“ oder ganz einfach „darum“.

Möglicherweise bin ich diesbezüglich ein wenig zu deutsch, böse Zungen nennen es vielleicht spießig, aber Unpünktlichkeit gehört seit jeher zu den Untugenden, welche zu verzeihen ich am wenigsten geneigt bin, nicht nur in Bezug auf öffentliche Verkehrsmittel, sondern insbesondere auf Menschen, die mit mir verabredet sind. Ebenso wenig verzeihe ich mir selbst Unpünktlichkeit, selbst wenn besagte Verkehrsmittel die Ursache sind – Pünktlichkeit ist für mich auch Ausdruck von Wertschätzung, aktiv wie passiv.

So liegt es nahe, diesem Thema ein paar Zeilen zu widmen. Doch muss ich das gar nicht, denn alles, was dazu zu schreiben wäre, steht bereits im von mir sehr geschätzten Blog Mind-Penetrator. Ich freue ich mich, den Text hier wiedergeben zu dürfen. Viel Vergnügen!

***

Seit Anbeginn der Uhrzeit teilt sich die Menschheit in zwei Gruppen: die notorischen Zuspätkommer und die Pünktlichen.

Ich selber gehöre zur zweiten Gattung und schätze Pünktlichkeit sehr. Woraus wiederum resultiert, dass sich – sofern ich mich mit einem Zuspätkommer verabrede – grundsätzlich meine Wartezeit auf das Maximum verlängert. Und während man wartet – im Regen, bei brütender Hitze oder mit wippendem Fuß und angespannter Nervosität – durchläuft man bekanntlich mehrere Phasen seines Gemütszustandes:

Nach ca. 5 Minuten tritt eine gewisse Unsicherheit auf, die Zeit oder Ort in Frage stellen. Waren wir wirklich HIER verabredet? War es tatsächlich 20 Uhr?
Nach weiteren 5 Minuten kommt eine leichte Besorgnis hinzu: Es wird doch wohl nichts passiert sein?
Nach insgesamt 15 Minuten und – im Winter – eingefrorenen Gliedmaßen steigert sich dann langsam die Wut. Im schlimmsten Fall hat der Zuspätkommer sein Handy wieder einmal ausgeschaltet und ich stehe wie bestellt und nicht abgeholt in der Gegend rum. Umspielt – und nicht förderlich für den Blutdruck – wird das Ganze von Menschenmassen, die mich mit bemitleidendem Blick anschauen: „Och, schau mal, ganz allein hier!“

Und es wird leer, und es wird ruhig. Ich warte. Ich danke den Smartphone-Erfindern, dank derer man wenigstens halbwegs beschäftigt aussehen kann, wenn man mit prüfendem Blick und wischendem Finger auf seinem Handy herumdaddelt. Währenddessen ärgere ich mich und tippe irgendein unnützes Zeug in mein Smartphone, in der Hoffnung, meine Wut so etwas zu drosseln.

Nach sensationellen vierzig Minuten erscheint ein grinsendes Gesicht in meinem Blickfeld. „Auf der Autobahn war Stau und ich habe keinen Parkplatz gefunden und eigentlich bin ich auch erst vor 5 Minuten losgefahren, es war alles so stressig heute.“
Ich lächele, es ist nichts besorgniserregendes passiert und irgendwie muss ich mit dem irren Grinsen meine Wut unterdrücken, dass der Film bereits vor 15 Minuten begonnen hat und die Ausreden auch schon einmal besser waren.

Findigerweise merke ich mir vor, die Uhrzeit des nächsten Treffens mindestens eine halbe Stunde vorzuverlegen.

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich nicht mit einer Verspätung von sensationellen 3 Stunden gerechnet und so stehe ich abholbereit um Punkt 11 Uhr an dem verabredeten Ort, während besagte Person nicht einmal aus den Federn gestiegen ist, wie sich im Nachhinein herausstellte. Wieder konnte ich analysieren, wie viele Gefühlsphasen man bei derart immensen Verspätungen durchlaufen kann. Es endet übrigens innerhalb der letzten Stunde in tiefster Wut und missglücktem Telefonterror – und einem Konzert, was – nach Erzählungen – der absolute Wahnsinn gewesen sein muss.

Gipfeln kann so etwas eigentlich nur, wenn man zu seiner eigenen Hochzeit und der voranstehenden kirchlichen Trauung eine halbe Stunde zu spät kommt. Und so haben wir alle gewartet und durchliefen wieder einmal sämtliche Phasen der Ungeduld und Wut.

Vermutlich würde es ein Zuspätkommer auch nicht pünktlich zu seiner eigenen Beerdigung schaffen – er hatte einen wichtigen Anruf und musste noch einiges klären…

Ein kollektives Zuspätkommen findet man übrigens zu einer Party. Die possierlichen Partygäste möchten nie die Ersten sein, schließlich sieht es nachher so aus, als hätte man nichts zu tun und würde den ganzen Tag auf die Party warten.
Also sitze ich um Punkt 20 Uhr mit Partyhütchen und Tröte auf der Couch – wartend .. und allein. Um 20:30 Uhr ist die dritte Flasche Bier leer, ich bin angetrunken, lutsche an dem 10. Käsehäppchen und habe eine gewisse Bettschwere.
20:45 Uhr: es klingelt. Ich schwanke zur Tür und empfange die Gäste. „Sind wir die ersten?“ Als ich die Frage bejahe, sieht man in den Augen der frisch eingetroffenen Freunde ein kleines Stückchen Hoffnung zerbrechen. Um 00:00 Uhr trifft dann auch der letzte Gast ein, der Luft holt für seine Ausrede. „Lass es einfach… du bist da, das ist gut. Bier und Käsehäppchen sind aus.“

Der moderne Mensch neigt ja zu einer gewissen Terminüberladung. Da schafft man nach Feierabend um 16:00 Uhr noch einen Arzttermin, Sport und das Treffen um 18:00 Uhr. Nur hat man a) den Stau nicht einberechnet, der überraschend – wie jeden Donnerstag – auftritt, und b) nicht daran denken können, dass sich beim Arzt eine Wartezeit von 45 Minuten ergibt oder c) die Bahn AUSNAHMSWEISE Verspätung hat.
Und so sitzt man wutentbrannt im öffentlichen Verkehrsmittel oder im Auto – je nach Belieben und Planung – mit geröteten Augen und ein wenig Schaum vor dem Mund.. und wartet. Und flucht leise in sich hinein, tippt wütend auf dem Handy herum.

Und dann denkt man auf einmal daran, mit WEM man sich trifft. Und man begreift, dass die Verspätung dieses Mal den anderen trifft. Die eigene Wartezeit um ein vielfaches verkürzt wird. Süffisantes Lächeln und Erleichterung machen sich breit. Wird er gleich gucken, der Zuspätkommer, wenn ich dieses Mal später komme….

Es ist Sonntag, 20 Uhr. Ich stehe allein im Kino und warte…..

 

***

Quelle: http://mindpenetrator.blogspot.de/2013/01/warten-sie-doch-kurz.html

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