Ich müsste mal wieder was schreiben…

Vor einiger Zeit ließ ich mich hier über meine Freude am Schreiben auf der einen und über meine saumäßige Schreibdisziplin auf der anderen Seite aus. Was hat sich seitdem geändert? Nichts. Jedenfalls nichts in Richtung einer erkennbaren Verbesserung. Obwohl, ich schreibe seit einigen Monaten sehr regelmäßig und relativ viel: kurze Texte, nicht länger als 140 Zeichen, die sogar eine gewisse Leserschaft finden und von dieser zuweilen mit einem gelben Sternchen bedacht werden, Sie wissen was ich meine.

Auch einen längeren Text habe ich (seit über einem Jahr, insofern relativiert sich der Begriff „länger“ etwas) in Arbeit, ich weiß noch nicht, was daraus werden soll, ein Roman, eine Kurzgeschichte vielleicht. Das Problem ist (normalerweise hasse ich diese Phrase als Einleitung eines Satzes, in diesem Falle trifft sie jedoch den Nagel ins Auge): Ich schreibe nicht weiter daran, jedenfalls nicht regelmäßig. Dabei mangelt es nicht an Zeit und auch nicht an Ideen. Ich schreibe einfach nicht, warum auch immer. Nehmen wir einen typischen Sonntag, der eigentlich ideale Tag für schriftliche Betätigung. Erstmal ausschlafen, das ist ja klar. Dann ein ausgedehntes Frühstück mit meinem Partner, das ist uns heilig. Keine Ahnung, warum die diese Sonntagszeitung immer so umfangreich machen. Im Kulturteil lese ich über erfolgreiche Buchneuerscheinungen und die Schilderung eines normalen Arbeitstages des Autors. Schlechtes Gewissen packt mich und der feste Entschluss, mich später an den Schreibtisch zu setzen. Nach dem Frühstück verlagere ich mich in meinen bequemen Lieblingssessel am Fenster, wo ich die Zeitung zu Ende lese, anschließend blättere ich noch etwas in den Zeitschriften, die ich endlich mal lesen sollte, zumal die nächste Ausgabe bald kommt.

Das Wetter ist schön, wir beschließen, einen Spaziergang zu machen; danach, von der Wirkung frischer Luft getrieben, werde ich meiner kreativen Tätigkeit nachgehen. Der Weg führt uns am Biergarten vorbei. Wollen wir kurz auf eins…? Klar wollen wir. Kaum sitzen wir am Tisch unter hohen schattigen Kastanien, kommen Freunde von uns dazu, zufällig, nur auf ein Bier. Dabei bleibt es natürlich nicht, es ist so gemütlich, das Bier schmeckt. Als wir am frühen Nachmittag nach Hause kommen, lege ich mich hin, ein Stündchen nur. Als ich die Augen wieder aufschlage, schlägt die Kirchturmuhr sechs. Ich fühle mich noch etwas matt, zwinge mich aber vom Sofa. Einen Kaffee, eine Zigarette, dann an die Arbeit.

Während ich den Rechner starte, schauen mich ungeöffnete Post und zu tätigende Überweisungen anklagend an, die sich im Laufe der Woche auf dem Schreibtisch angesammelt haben. Deren Erledigung geht natürlich vor, erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Nachdem alles geöffnet, abgeheftet und überwiesen ist, öffne ich nun endlich die Datei meines Textes, der nun schon so lange seiner Vollendung harrt. Die erste halbe Stunde ist eine Qual. Ich lese das bereits geschriebene, ändere, ergänze oder streiche vielleicht das eine oder andere Wort oder einen ganzen Satz. Dann nähere ich mich dem vorläufigen Ende meines Textes, also der Stelle, an der es weiter gehen müsste. Ich habe lange nicht mehr meine Twitter-Timeline nachgelesen, nur ganz kurz. Zwei Tweets verlangen nach einer Antwort meinerseits, was ich umgehend voller Witz und Charme erledige.

Zurück zum Text. Also, wo war ich stehen geblieben. Der Satz, der jetzt geschrieben werden will, ist mit Abstand der schwerste. Er muss das vor längerer Zeit geschriebene verbinden mit dem noch zu schreibenden. Ein Blick auf die Uhr: ich muss meine Eltern anrufen, sonntags um diese Zeit rufe ich sie immer an, die warten sicher schon. Danach wird mir der Satz wie von selbst aus der Feder fließen, weil ich denn den Kopf etwas freier habe nach Erledigung familiärer Pflichten. – Keiner da, sind wohl unterwegs. Dann eben nicht. Gut, zum Text also. Ich beginne den problematischen Satz, kette mühsam Wort an Wort, bringe ihn zu Ende, Punkt. Nein, das geht nicht, er passt zum übrigen Text wie eine weiße Hand, die man einem Dunkelhäutigen transplantiert hat, weil gerade keine andere zur Hand, also ich meine, verfügbar war. Das Bild ist witzig, daraus kann man einen guten Tweet machen, der mir Sternchen, RT´s und Neufolger bringen wird, also wieder bei Twitter rein, wo ich neben der Platzierung des witzigen Tweets kurz die Timeline überfliege (33 Neueingänge, davon vier Antworten auf meine Tweets, denen ich gewohnt elegant entgegne).

Ich lösche den soeben geschriebenen Satz, der so gar nicht passen wollte und beginne einen neuen, wobei ich im Schreiben merke, ja, der fügt sich harmonisch an, davon noch zwei, drei weitere und der Schreibfluss würde mich erfassen. – Telefon. Meine Mutter. Detailreich erzählt sie mir die mehr oder weniger bedeutenden Ereignisse ihrer zurück liegenden Woche, ich ihr meine, wenn auch vielleicht nicht ganz so bis in alle Einzelheiten (manches müssen Mütter ja auch nicht wissen). Eine knappe halbe Stunde später, nachdem alles wesentliche ausgetauscht ist, widme ich mich wieder der Schrift. Der Satz steht wie eine Eins, perfekt, nun also der nächste, der mich dem Traum schriftstellerischen Ruhmes näher bringen wird. Mein Held betritt eine Kneipe. Ich habe Durst. Genauer: Kaffeedurst. Koffein wird die kreativen Gedanken erblühen lassen. Der Weg zur Kaffeemaschine führt mich an meinen Zigaretten vorbei. Gute Idee, lange nicht geraucht. Genüsslich stoße ich die bläulichen Wolken durch die Balkontür nach draußen, während der Kaffee duftend durchläuft.

In der Tat gehen mir die folgenden Sätze wesentlich besser von der Hand, der Text wächst, ich fühle mit meinem Helden, ich komme gut voran. Die Uhr leider auch. Nachdem ich den Satz zu Ende gebracht habe, muss ich aufhören, unaufschiebbare Einladung zum Essen, wir sind sowieso schon spät dran. Morgen; morgen werde ich an dieser Stelle nahtlos anknüpfen, das nehme ich mir fest vor. Wenn nicht… siehe oben.

3 Gedanken zu “Ich müsste mal wieder was schreiben…

  1. Das ist wunderbar! und spricht sowas von vollkommen aus der Seele. *seufz* Heute ist Samstag, heute habe ich nichts zu tun, außer mich kreativ zu betätigen. Stattdessen fällt mir alles ein, was sich heute noch so praktischerweise erledigen lässt, angefangen von lästiger Wäsche waschen, über kleinere Hamsterkäufe für das lange Wochenende, man könnte ja mal die Eltern anrufen, wie wäre es denn, wenn man die Brötchen heute selber backt, anstatt sie kaufen zu gehen? ein gemütliches Bad wäre doch jetzt genau das richtige, vielleicht bereit ich einfach schonmal das warme Essen für später vor…. etc etc etc… ach is schon wieder so spät…

    Es ist ja nicht so, als hätte ich eine grobe Rohfassung eines Romans nicht schon auf dem Wechseldatenträger, nein nein, man müsste sich nur darangeben und das Ding editieren, unwichtiges, unlogisches ausbessern oder eben löschen, neues hinzufügen, ach diese Motivation… was kommt heute eigentlich im Fernsehen?

    Liebe Grüße und vielleicht les ich ja noch mehr von dir, schreiben über das Nichtschreiben finde ich nebenbei äußerst spannend zu lesen 😉

    PencilPaper 🙂

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  2. Ich habe gerade erfolgreich einen Berg Klamotten zum fröhlichen Anprobieren und dann wieder alles komplett zurückschicken bei einem bekannten Onlinehändler bestellt, Tee gekocht habe ich auch und meinem Magen verlangt es nach etwas Essbarem. Nebenbei muss ich auf Kommentare antworten, heute ist aber auch wirklich wieder keine Zeit zum schreiben! ärgerlich, wirklich, wirklich ärgerlich.

    Ich bin gespannt, wie es bei dir nach dem Essen aussieht, Motivation kommt ja auch hin und wieder, wenn sich der Körper wohl fühlt.

    PS: Der Wechseldatenträger ist angeschlossen und das zu überarbeitende Dokument ist geöffnet. Es ist 8 Seiten lang und ich freue mich wahnsinnig darauf, es komplett zu überarbeiten ._____.

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