Treue – eine Frage der Definition

Ich mag heterosexuelle Menschen. Ganz ehrlich, ich begegne ihnen ohne Vorbehalte, und irgendetwas wird sich die Natur ja dabei gedacht haben, dass es so viele von ihnen gibt. Sie müssen niemals die dämliche Frage „Und wer ist bei euch die Frau?“ beantworten, also jedenfalls in den meisten Fällen nicht, und alles ist bestens geregelt: sie zieht die Brut auf, er schaut Fußball. Das war schon immer so und wird voraussichtlich auch immer so sein. So weit, so gut. Und mit ebendieser Beständigkeit wird sich auch das für mich größte Rätsel des Heterodaseins, wenn nicht der menschlichen Existenz überhaupt behaupten.
Treue.
Was genau ist Treue? So viel ist klar: es reimt sich auf Reue. Und das ist das Problem: Wenn das Weibchen einem anderen Männchen als dem seinen auf den knackigen Hintern schaut, wenn das Männchen von den weiblichen Formen seiner Kollegin fasziniert ist, wenn es gar zu Berührungen kommt, bis hin zum Knutschen und zur Kopulation, dann wird es schwierig. Schlechtes Gewissen, Beichte, Krise, das Ende. Sie nennen es Affäre, Ausrutscher, Betrug. Zahlreiche Romane, Filme und Fernsehserien gäbe es nicht ohne diese Problematik.

Ich stehe ratlos davor und frage: Hä?

Leute, entspannt euch, es ist doch nur die temporäre Befriedigung eines uns von der Natur auferlegten Triebes, ein bisschen Marktwertanalyse, Selbstbestätigung, vielleicht ein wenig fummeln, maximal Austausch von Körperflüssigkeiten, ein bisschen hin und her, bis das schöne Gefühl kommt. Und deswegen wollt ihr euch gleich trennen? Mal ehrlich, ich liebe Entenbrust mit Orangensoße, aber deswegen muss ich die doch nicht jeden Tag haben, ab und zu ist doch eine Currywurst, ein Schnitzel Wiener Art oder gar ein Menü aus dem Restaurant mit dem güldenen M auch mal ein Genuss, oder etwa nicht?

Ich schweife ab. Treue. Ja, ich liebe meinen Partner über alles, er ist die Nummer eins, er ist der, der zu mir gehört, und umgekehrt. Aber man trifft uns auch ohne den anderen an. In der Stadt, in der Kneipe, in der Sauna, im Darkroom. Und ja, es kommt dort durchaus zu Übergriffen, Berührungen, Austausch von Körperflüssigkeiten. Das schöne daran ist: Ich darf das, und er auch, ganz ohne Heimlichtuerei und schlechtes Gewissen. Treue ist, wenn ich danach abends mit IHM einschlafe und am nächsten Morgen wieder mit IHM aufwache.

Ich bin treu, schon seit vielen Jahren.

12 Gedanken zu “Treue – eine Frage der Definition

  1. Es ist ein Unterschied, ob man eine Affäre hat, oder regelmäßig auf der Suche nach sexueller Befriedigung mit anderen Partnern ist.
    Eine Affäre entsteht, weil man jemanden besonderen traf, der einen anzieht und man nicht widerstehen kann.

    Sexuelle Befriedigung ist beliebig, austauschbar und mit jedem möglich.
    Ebenso wie ich für jemanden ein „irgendwer“ sein will, genauso wenig will ich mich mit „irgendwem“ abgeben (müssen).

    Ich kann mit einer offenen Beziehung nicht umgehen. Ich denke, dass Sex einen Teil meiner Beziehung ausmacht und wenn mein Partner den mit jedem anderen genauso haben kann, wozu braucht er dann mich?

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  2. Hi Martin,

    deine letzte Frage bringt es genau auf den Punkt: Sex ist nur ein Teil der Beziehung. Dein Partner braucht dich auch für andere, und zwar wesentlich wichtigere Dinge. Und umgekehrt natürlich. Und je länger ihr zusammen seid, desto wichtiger werden diese anderen Dinge.

    Das ist natürlich nur, wie der ganze Artikel, meine persönliche Ansicht, ich erhebe keinerlei Anspruch darauf, dass diese allgemein gültig oder gar „richtig“ ist!

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  3. ach, carsten,
    lange nichts mehr von dir gehört und gelesen.
    naja, gelesen schon… habe mal älteres überflogen.
    vielleicht möchte ich ja mal so ne treue-diskussion anzetteln. 😉
    den hier könnten wir tauschen. 🙂
    lg, jannis

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  4. hallo carsten,
    du bist mal wieder flott! 🙂
    na dann schaue ich mal, wie ich das jetzt mache. apropos: darf ich ein bild hinzufügen?
    eines von dir? eines, das ich frei auswählen darf?
    lg, jannis

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  5. Stancer, ich hab´s mir gedacht, dass es um die Treue geht.

    Ich hab aber nicht erwartet, dass das das einzige sein soll, das euch in eurer schon so lange währenden Partnerschaft als das Nonplusultra gilt – also die differenzierte Betrachtung derselben meine ich.

    Ich hatte, als ich jung war *grins* auch meine Sturm-und-Drang-Phase und lebte und liebte nach dem Motto „ich bin doch MIR treu“. Meinen damaligen Partner habe ich geliebt und ich war vom ersten bis zum letzten Moment auch in ihn ver~liebt.

    Getrennt haben wir uns trotzdem.

    Und ich bin mit zwei Gedanken aus dieser Phase rausgegangen:

    Zum Einen ist es irgendwann (bei mir dann eben nach 7 Jahren) ermüdend, auf den Sex reduziert zu werden und zu reduzieren, denn ich denke/ fühle, dass der Mensch nicht lebt, weil er körperlichen Austausch hat, sondern geistigen. Und um letzteren geht es nicht bei diesem Thema, oder?

    Und der andere Gedanke: Ich habe jeden Morgen, wenn ich neben (m)einem Partner aufwache, die Möglichkeit UND die Pflicht, mich für oder gegen ihn zu entscheiden und ich genieße es (wenn ich denn dann in einer Beziehung bin), mich für ihn allein zu entscheiden. Ich weiß, dass ich andere haben könnte, wenn ich wollte. Ich will aber nicht. Denn das, was mir mein Partner gibt, ist das, was ich will, selbst wenn das mit den Jahren weniger (Sex) oder besser (geistige Reife) wird.

    Ich glaube nicht, dass ihr so lange liebend zusammen seid, weil ihr euch die offene Partnerschaft erlaubt.

    So leicht lass ich Dich nicht aus dieser Diskussion *grins*

    Ada

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  6. Wie du ja auch schon aus den vorangegangen Kommentaren lesen konntest, ein schwieriges Thema, für das es m. E. kein „richtig“ und „falsch“ gibt. Natürlich ist das nicht der zentrale Punkt unserer Beziehung, mit den Jahren spielt Sex ohnehin nicht mehr die große Rolle, andere Dinge sind da viel wichtiger, und wenn es „nur“ das gemeinsame Einschlafen und Aufwachen ist.

    Für mich/uns gilt jedenfalls: Man kann Liebe und Sex trennen, wobei Sex ohne Liebe (also mit anderen) kein Problem ist; umgekehrt ist es schon schwieriger.

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