Woche 28/2026: Unangemessene Schadenfreude und geschmolzene Tomaten

Montag: In einem Mailverkehr bat jemand nur edukativ um eine Auskunft in einer hier mangels allgemeinen Interesses nicht näher auszuführenden Angelegenheit. Edukativ, ein mir bislang unbekanntes Wort, der Duden kennt es auch nicht. Wie ich anschließend im allwissenden Netz recherchierte, bedeutet es sinngemäß: informierend, erhellend. Wenigstens bat er nicht darum, man möge ihn aufschlauen. Und ich habe wieder ein neues Wort gelernt.

Auch der müde Montag bietet bisweilen Erheiterung, heute dieses, gelesen im Kieselblog:

Der Spielplatz ist hier, weil es auch drei Hochhäuser mit Wohnungen hier gibt und nach der Düsseldorfer Spielplatzverordnung muss ab soundso viel Privathaushalten ein Kinderspielplatz her. Jetzt müssen die Leute in ihren sündhaft teuren Appartements noch den Spielplatz vollvögeln. Da der Platz nur aus einem schmalen Streifen mit wenigen Spielgeräten besteht, dürfte sich der Aufwand in gewissen Grenzen halten.

Dienstag: Weiterhin ist wegen der gesperrten Nordbrücke der Verkehr zeitungfüllendes Thema in Bonn. Einige Redaktierende des General-Anzeigers berichten über ihre täglichen Arbeitswege. Einer schreibt: „Fahrtzeit 30 Minuten Minimum, manchmal 40 oder 50 Minuten für sieben Kilometer. Viel Zeit zum Nachdenken.“ Ja, vielleicht darüber, ob für diese Strecke das Auto die richtige Wahl ist. Hat er wohl auch: Wie später in dem Artikel zu lesen ist, hat er sich inzwischen ein Fahrrad gekauft.

Gewiss, nicht alle haben es so gut wie ich, der zu Fuß zur Arbeitsstätte gehen kann, so wie heute. Auf dem Radweg am Rheinufer herrschte Hochbetrieb, darunter nicht wenige, die ohne erkennbare Hirnaktivität rasten, überholten und einbogen. Meine Beobachtung als regelmäßiger Radfahrer und Fußgänger, nicht erst seit der Brückensperrung: Die schlimmsten sind die Renn- und Lastenradfahrer (m/w/d), die augenscheinlich meinen, mit dem hohen Anschaffungspreis ihres Rades hätten sie sich auch Vorrang vor allen anderen Verkehrsteilnehmern erkauft.

Nachmittags ging ich mit leichter und völlig unangemessener Schadenfreude am stehenden Autoverkehr auf der Rheinuferstraße vorbei. Wenig später hörte ich einen darüber klagen, er hätte eine halbe Stunde vom Friedensplatz gebraucht. Vermutlich mit dem Auto, zu Fuß ist die Strecke auch bei bequemen Gehen zwischen fünf und zehn Minuten zu schaffen.

Bloggen verbindet, Teil 1: Im Briefkasten lag eine Postkarte aus Oldenburg, über die ich mich freue. Soweit ich mich erinnere, war ich einmal in Oldenburg, in den Achtzigern mit der Bahn von Bielefeld über Osnabrück, ab Oldenburg weiter über Delmenhorst zurück nach Bielefeld. Dabei stand aus Hobbygründen die Bahnfahrt im Vordergrund, von Oldenburg habe ich nur den Bahnhof und allenfalls sein Umfeld gesehen, daher kann ich mir über die Stadt kein Urteil erlauben; dem Vernehmen nach soll sie ganz schön sein.

Bloggen verbindet, Teil 2: Ebenfalls gefreut habe ich mich über eine WhatsApp-Nachricht aus München, die die Möglichkeit eines Treffens in absehbarer Zeit in Aussicht stellt. Darüber würde ich mich besonders freuen.

Mittwoch: Vorteil, wenn die Leute mit ihren Datengeräten beschäftigt sind: Im Aufzug wird nicht mehr so viel dummes Zeug gequatscht.

In der Kantine gab es was mit geschmolzenen Tomaten. Ab welcher Temperatur schmelzen Tomaten?

In einer Besprechung am späteren Nachmittag schlug jemand in völlig unreligiösem Zusammenhang vor, eine Sache agnostisch* anzugehen. Während der Besprechung schaute ich dem Verkehrsgewühl unterhalb des Turmes zu: Neben den planmäßigen drei Buslinien verkehren auf der zweispurigen Straße zurzeit auch die Schienenersatzverkehre für zwei Stadtbahnlinien in Richtung Bad Godesberg und den RE 5 Köln – Koblenz. Für die Stadtbahnersatzbusse ist außerdem vor der Deutschen Welle eine Pausenhaltestelle eingerichtet, so dass während der mehrminütigen Pausen der Busse die übrige Verkehr über die Gegenfahrbahn daran vorbei fahren muss. Wenn sie mal frei ist. Die Planung dazu erfolgte offensichtlich auch agnostisch.

*Dazu der Duden: den Agnostizismus betreffend, ihn vertretend, von ihm ausgehend. – Agnostizismus: Weltanschauung, nach der die Möglichkeit einer Existenz des Göttlichen bzw. Übersinnlichen rational nicht zu klären ist, also weder bejaht noch verneint wird

Abends war ich im Sportstudio. Dort wurde ich kurz unwirsch, das kam so: Das Zirkeltraining im Parcours funktioniert, sobald mehrere Personen trainieren, nur, wenn sich alle an die recht einfache Regel halten, nach jeder einminütigen Einheit im Uhrzeigersinn an das nächste Gerät zu wechseln. Für die, die das noch nicht wissen, ist das auf mehreren Schildern beschrieben. Nun gibt es immer wieder welche, die trotzdem nach einem nicht nachvollziehbaren Zufallsprinzip das Gerät belegen, worauf sie gerade Lust haben, gerne auch für mehrere Einheiten nacheinander sitzen bleiben. So einer war heute da. Als ich mit vorwurfsvollem Blick an das von ihm belegte Gerät trat, weil es für mich das nächste in der Folge war, fragte er: „Willst du hier ran?“ Nachdem ich diese völlig überfüssige Frage bejaht hatte, sagte er „Hm …“, schaute mich nochmal kurz an, wohl in der vergeblichen Hoffnung, dass ich sage „Bleiben Sie gerne sitzen, ich mache solange am nächsten Gerät weiter“, und gab schließlich den Platz für mich frei. Zwei Geräte später dasselbe: „Willst du hier ran?“ In nicht allzu freundlichen Worten erklärte ich ihm das Prinzip Zirkeltraining, er sagte „Ist ja gut, nicht so laut …“ und zog weiter. Vielleicht sehe ich das auch zu eng.

Donnerstag: Den freien Inseltag nutze ich für eine Wanderung auf der siebten Etappe des Natursteig Sieg von Herchen nach Schladern. Wie alle anderen bisher bewanderten Etappen ist auch diese landschaftlich schön und abwechslungsreich, zum großen Teil durch Wälder. Abwechslungsreich auch die Wege, von (wenigen) asphaltierten Abschnitten bis zu schmalsten Pfaden, gesäumt von Brennnesseln, Disteln und Brombeerranken, die dem geschundenen Körper einige Schrammen und Schmerzen zufügten.

Am Siegufer bei Hoppengarten säumen riesige Herkulesstauden den Weg, immerhin in sicherem Abstand, so dass man nicht damit in Berührung kommt. Ihre Blätter sollen bei Hautkontakt eine Art Sonnenbrand auslösen, weshalb man sie üblicherweise beseitigt. Hier im Naturschutzgebiet lässt man sie ungeschoren. Ich finde sie faszinierend und mag sie, trotz ihrer Unbeliebtheit.

Auch hat es die Strecke mit Steigungen und einigen Stolperstellen in sich. Komoot klassifiziert sie mit „schwer“, was nicht unbedingt viel bedeutet, oft wird eine eher anspruchslose Strecke allein aufgrund ihrer Länge als schwer eingestuft. Doch diese ist wirklich schwer, insbesondere der schmale Weg bei Dattenfeld – das Warnschild am Anfang verspricht nicht zu viel: Rechts geht es steil hoch, links steil runter -, sowie der steile Anstieg nach der Siegbrücke in Dreisel. Erstmals kamen die Wanderstöcke zum Einsatz, die sich bestens bewährten; vermutlich hätte ich die Strecke ohne sie nicht geschafft. Als ich nach fünfdreiviertel Stunden den Bahnhof von Schladern erreichte, war ich geschafft, durchgeschwitzt und sehr zufrieden. Die anschließende Currywurst mit Bierbegleitung auf dem Bonner Marktplatz fand ich sehr verdient.

Fazit: eine empfehlenswerte Wanderung, möglichst nur mit Stöcken zu gehen und nicht unbedingt an so warmen Tagen wie heute. Wobei mir das Wetter gnädig war: Bis zum späten Mittag war es bewölkt und trocken, erst dann kam die Sonne raus.

Die öffentlichen Verkehrsmittel nach Herchen und von Schladern funktionierten bestens. (Nur für die Chronik: Seit dieser Woche fahren auch auf der 66 die neueren „Plastikbahnen“ von 2003, die bisher nur auf der 16 und 63 eingesetzt wurden.)

Herkulesstauden oder Riesenbärenklau. Jedenfalls groß.
Warnschild in Dattenfeld
Kurz nach dem Schild
Ein Männlein steht im Walde
Mit sowas kenne ich mich aus
Über die Sieg bei Dreisel
Schmaler Pfad
Zurück in Bonn – geschafft

Auch ein Wandertag entbindet nicht von der täglichen Bloglesepflicht. Heute gelesen bei Herrn Schwenzel:

des­halb ist es viel­leicht am bes­ten, dring­lich­keit mit sorg­falt zu be­geg­nen, dann ver­mehrt sich dring­lich­keit auch nicht.

Einer meiner Grundsätze im Büroalltag.

(Ich habe mir erlaubt, ein Komma zu ergänzen und ein überzähliges z zu entfernen, ich hoffe, das ist in Ordnung.)

Freitag: Bonnie Tyler ist gestorben, entnahm ich morgens der Zeitung; freundlicherweise verzichtete die Berichterstattung auf das im Zusammenhang mit der Sängerin häufig verwendete Wort „Rockröhre“. Für mich ein weiterer Och-nö-Moment. Des weiteren wird verwiesen auf ihre großen Hits „Total Eclipse Of The Heart“ und „Holding Out For A Hero“. Ich persönlich mochte das nicht so bekannte „Loving You’s A Dirty Job“ lieber, das sie 1985 zusammen mit Todd Rundgren sang.

„Falls es euer aktueller Workload zulässt…“ schrieb einer in einer Mail. Was mich daran erinnert, es wird höchste Zeit, die Liste zu aktualisieren.

Samstag: Apropos Liste – Zeit für die nächste Frage aus der Liste der tausen Fragen.

Frage 161 lautet: „Was ist dein größtes Defizit?“ Vermutlich meine äußerst lückenhaften Englischkenntnisse. Nach der Schulzeit, wo ich das Fach frühzeitig abwählte, benötigte ich es nur selten, seitdem ist es verkümmert. Es mangelt an Vokabelkenntnissen, vor allem fällt es mir schwer, jemanden englisch sprechenden zu verstehen, selbst wenn er mir bekannte Wörter verwendet. Ähnliches gilt für Französisch, wobei ich das nicht in der Schule gelernt habe, weil ich mich damals aus heute nicht nachvollziehbaren Gründen für Latein entschieden hatte, sogar als Abiturfach. Beides, Englisch- wie Französischkenntnisse könnte ich heute gut gebrauchen, ersteres zunehmend immer und überall, und sei es, um ohne nachzuschlagen zu wissen, was mit Workload und ähnlichem Verbalunrat gemeint ist, zweiteres in Frankreich, wo wir seit nunmehr zwanzig Jahren mindestens einmal jährlich Urlaub machen. „Dann lern es doch“, mögen Sie jetzt einwenden. Da schlägt das nächste Defizit zu: Mir fehlt die Begabung, Sprachen zu lernen, Erlerntes zu behalten und in der Praxis umzusetzen. Hinzu kommt eine gehörige Portion Bequemlichkeit, mich ernsthaft zu bemühen. Vielleicht ist das mein größtes Defizit.

Sonntag: In der Sonntagszeitung ein Interview mit dem Kabarettisten Jochen Busse, der sich entschieden hat, sich aus Gesundheits- und Altersgründen (er ist fünfundachtzig) zurückzuziehen und in einer Seniorenresidenz zu leben. Das ist schade, ich sah ihn gerne, mag seine näselnde Stimme, auf der ein Teil seiner Komik beruhte. Er wird fehlen.

Ein anderer Satiriker macht weiter, auch wenn er umstritten ist und gelegentlich aneckt: Dieter Nuhr. Manchmal denke auch ich: Ui, das war heftig, der traut sich was. Erst kürzlich wurde er wieder kritisiert wegen angeblicher Verharmlosung von Gewalt gegen Frauen, unter anderem im SPIEGEL. Dazu der Leserbrief von Andreas D.: »Die aus Ihrer Sicht primitiven und „traurigen“ Anhänger von Dieter Nuhr lachen über dessen sprachlich eloquente, inhaltlich überspitzte Darstellung von Lebenswirklichkeiten, nicht über die Opfer von Femiziden. Das nennt man gemeinhin Satire, auch wenn er Befindlichkeiten im links-ideologischen Glaubensbereich verletzt.« Dem habe ich nichts hinzuzufügen und schaue ihn mir weiterhin gerne an.

Daraus würde er vielleicht auch was machen: Nachmittags beim Spaziergang entstand ein etwas seltsamer Dialog zwischen mir und dem offenbar migrationhintergründigen Wirt der Gaststätte in der Südstadt, wo ich mir ein Bier gönnte. Als ich beim Bezahlen nach Kartenzahlung fragte, sagte er, nein, das gehe nicht, da müsse er ja Gebühren zahlen. Auf meinen Einwand, stattdessen müsse er sich dann eben mit Bargeld plagen, kam er irgendwie auf die schlechte Luftqualität in Deutschland, soweit ich mich erinnere über eine Aussage ähnlich „Irgendwas ist immer“. Er überlege sogar, zurück nach Afghanistan zu gehen. Meine Antwort „Da ist es bestimmt besser“ erwiderte er mit „Jedenfalls die Luft.“ Das ließ ich so im Raume stehen, mein Spaziergangsbier werde ich wohl künftig woanders trinken.

Poppelsdorfer Allee

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche. Es wird wieder warm, daher vergessen Sie nicht, viel zu trinken.

18:00

Woche 2/2022: Außerhalb der Geschäftszeiten

Montag: Die Ruhe des Jahreswechsels ist vorüber – der Maileingang sprudelt wieder, besprechungsschwanger der Kalender.

Apropos Besprechungen: Wie ich eher zufällig erfuhr, gibt es eine „Allgemeine Laber-Zeitung“. Indes trügt der Titel, es ist nicht das Zentralorgan des eitlen Wortschwalls (das vielleicht auch, ich habe es nicht geprüft), vielmehr ist der Name des Blattes auf den Fluss Laber zurückzuführen, der dessen ostbayrisches Erscheinungsgebiet durchfließt.

Aus der heimischen Tageszeitung hingegen dieser Laber-Satz: »Das Berliner Humboldt Forum ist nach dem Start auf unterschiedlichen Wegen unterwegs.«

Dienstag: Früher, als man sich noch mit Anderen traf, gab es ein beliebtes Spiel: Einer aus der Runde ließ die anderen einen Begriff erraten, wobei er bestimmte Wörter nicht benutzen durfte, also zum Beispiel durfte er nicht „Bäume“ sagen, wenn Wald zu erraten war. Daran fühlte ich mich heute erinnert beim Lesen der Nachricht, dass sich Gianna Nannini und Silvio Berlusconi auf das Amt des italienische Staatspräsidenten bewerben wollen. Grund: Dem zuständigen Redakteur ist es gelungen, in diesem Zusammenhang auf die Wörter „Rockröhre“ und „Medienmogul“ zu verzichten.

Mittwoch: Das Langrüsslige Stockrosenspitzmäuschen findet sich auf der Liste der Rüsselkäfer in Deutschland. (Warum es sich lohnt, ab und zu mal bei Wikipedia reinzuschauen.)

Ein mir nicht bekannter Kollege überraschte mich mit einem cold call, wie er es nannte. Wobei, ein „fernmündliches Auskunftsersuchen“ ist jetzt auch nicht so viel besser.

Donnerstag: In der Kantine gab es heute Grünkohl. Ich mag dieses Speiseblattwerk sehr gerne, vor allem wenn es mit einer Mettwurst garniert ist, und finde es bedauerlich, dass man es nur im Winter isst. Erdbeeren gibt es inzwischen das ganze Jahr über (was ich ausdrücklich nicht gutheiße), Grünkohl nur im Winter; gerecht ist das nicht. Indes käme mir nie über die Lippen „Da könnte ich mich reinsetzen“, wie manche es bei ähnlichen Gelegenheiten wissen lassen, nach wie vor erscheint mir diese Vorstellung höchst unappetitlich.

Besser zum Reinsetzen geeignet ist unser neues Auto, das wir heute abgeholt haben. Selbst ich, Kraftfahrzeugen und ihrer Benutzung wenig Interesse und Begeisterung, vielmehr Skepsis bis Ablehnung entgegenbringend, komme nicht umhin, das neue Auto recht schön zu finden, was an Euphorie genügen soll. Als die Menschen noch ins Büro gingen, war es üblich, wenn ein Kollege sich ein neues Fahrzeug zugelegt hatte, die Arbeit zu unterbrechen und gemeinsam die Tiefgarage zu einer Bewunderungsrunde aufzusuchen. Manche machten ein Buhei darum, als wäre ihnen ein Kindlein geboren. Schon damals stand ich unbeteiligt daneben, bemüht, mein Desinteresse zu verbergen. Ähnlich, wie wenn jemand den frisch geschlüpften Nachwuchs zur allgemeinen Niedlichfindung mit ins Werk brachte.

Ganz anders der Liebste: Während ich diese Zeilen notiere, ist er nach Lektüre der Bedienungsanleitung schon wieder unten beim Wagen, alle technischen Funktionen und Finessen zu studieren und probieren. Vielleicht schläft er die kommende Nacht im Auto. (Gibt es, neben der Betrachtung von Fußballspielen, etwas Uninteressanteres als Auto-Bedienungsanleitungen?)

Freitag: Er schlief dann doch im Bett.

Im Eingang eine Rundmail zum Thema Vorruhestandregelung. Ein Zeichen?

Samstag: Am frühen Nachmittag bemerkte der Nachbar im Keller ein undichtes Kupferrohr, aus dem heißes Wasser tropfte. Aufgrund eines noch wenig erforschten Naturgesetzes passiert sowas gerne am Wochenende. Bei Anruf der Hausverwaltung ließ mich eine Ansage wissen, ich riefe außerhalb der Geschäftszeiten an, ach was. Immerhin endete die Ansage mit der Nennung einer Mobilnummer für Notfälle. Da tropfende Kupferrohre unabhängig von der Temperatur des austretenden Wassers wohl als Notfall zu werten sind, wählte ich die genannte Nummer, erreichte den Chef der Hausverwaltung, bat um Entschuldigung für die Störung und schilderte mein Anliegen, woraufhin der freundliche Chef zusagte, ein Unternehmen zu verständigen und sich wieder zu melden. Und also geschah es – keine Stunde später war das Rohr provisorisch abgedichtet, demnächst muss es getauscht werden. Ich finde, in einer Welt (und diesem Blog) voller Gemecker sollte man derlei mal loben.

Sonntag: Zurück zum Gemecker. Vielleicht nicht neu für Sie, dennoch erscheint es angebracht, darauf hinzuweisen, nachdem ich gestern erneut darüber gelesen habe: Aufgrund eines mehrere hundert Jahren alten Rechtsanspruchs erhalten die beiden christlichen Kirchen vom Staat jährlich mehrere hundert Millionen Euro überwiesen, ohne Zweckbindung und Verwendungsnachweis. Wohlgemerkt neben der Kirchensteuer, das heißt, wir alle zahlen das, unabhängig davon, wie wir zur Kirche und ihren Aktivitäten stehen, vom aufrechten Katholiken und allsonntäglichen Messebesucher bis zum religionskritischen Atheisten und Missbrauchsopfer. Allein im vergangenen Jahr konnten sich die beiden großen Glaubenskonzerne über Staatsleistungen von fast sechshundert Millionen Euro freuen. Das sollte man vielleicht wissen, wenn zum nächsten dazu aufgerufen wird, für die Sanierung einer Kathedrale zu spenden.

Dabei wäre es möglich und es ist im Grundgesetz vorgesehen, diesen Geldfluss zum Versiegen zu bringen, dazu müsste ein entsprechendes Gesetz erlassen werden. Bislang sah keine Regierung Handlungsbedarf, es hätte ja auch nicht so gut ausgesehen mit dem „C“ im Parteinamen. Vielleicht greift die neue Regierung das Thema auf, im Koalitionsvertrag ist es immerhin vorgesehen, und die Ampel springt für diesen Geldstrom auf rot.

Doch nehmen sich die sechshundert Millionen für die Kirchen vergleichsweise günstig aus im Verhältnis zu den dreißig Millionen, mit denen die Stadt Bonn ihre Oper jährlich subventioniert. Der entsprechende Intendantenvertrag wurde erst kürzlich verlängert, Jahre zuvor beschlossene Vorgaben zur Kostensenkung wurden für nichtig erklärt. Wie im Übrigen absehbar ist, muss die Bonner Oper dringend saniert werden, nach den Erfahrungen mit vergleichbaren städtischen Objekten können wir ganz sicher mit einer mehrjährigen Betriebseinstellung, deutlicher Überschreitung von Zeit- und Kostenrahmen rechnen. Aber das kennen Sie aus Ihren Städten vielleicht auch.

Es ist nicht immer ganz einfach, nicht zu meckern. Aber ich arbeite an mir, versprochen.

Denken Sie beim Begriff „Heiliger Stuhl“ auch als erstes an klerikale Exkremente?

Woche 12: Frühlingsanfang und Glücksmomente

Montag: Wie empirische Untersuchungen belegen, sind fünf von fünf Zeitungen nicht imstande, in einem Artikel über die italienische Sängerin Gianna Nannini auf das Attribut „Rockröhre“ zu verzichten.

Dienstag: Heute ist Frühlingsanfang. Jedoch statt blauen Bandes, das durch die Lüfte flattert, nur weiße Dampfwölkchen vor den Gesichtern der in der Kälte auf die Bahn Wartenden. Apropos blau: „Hört Facebook mit?“, fragt Die Welt Kompakt. Das ist jetzt keine ernstgemeinte Frage, oder?

Mittwoch: Auf Vorschlag der Gewerkschaft Verdi machte ich am Morgen einen Spaziergang ins Büro. Neben Bewegung an der frischen Luft gibt so ein Spaziergang stets auch Gelegenheit zum Nachdenken. Zum Beispiel darüber, was Menschen, die „Lübien“ sagen, wenn sie Libyen meinen, wohl sonst noch so sagen: Sülberlöffel? Kürschkonfitüre? Lündenblüten?

Donnerstag: Der Leiter des Ernst-Abbe-Gymnasiums in Berlin-Neukölln heißt übrigens Tilmann Kötterheinrich-Wedekind.

Freitag: Schlagersänger Heino löste Empörung aus, nachdem er Nordrhein-Westfalens Heimatministerin ein Doppelalbum mit Volksliedgut übergeben hatte, dem eine schwarz-bräunliche Färbung anhaften soll. Abgesehen davon, dass ich immer noch nicht weiß, was genau das Aufgabengebiet eines Heimatministeriums ist: Erkennt denn wirklich niemand die Satire, die hinter dieser Gabe steckt?

Samstag: Vergangene Nacht träumte ich, der Geliebte hätte meine Modelleisenbahn mit einer dicken Schicht Mett überzogen. Fall sich Traumdeuter unter den Lesern befinden, wäre ich für Deutungshinweise sehr dankbar. – Der Bonner General-Anzeiger berichtet über Nutrias in den Rheinauenteichen, welche ob ihrer Possierlichkeit inzwischen zu einer Attraktion geworden sind. Häufig werden sie irrtümlich mit Bisamratten verwechselt. Übrigens kann man aus ihnen auch eine warme Mahlzeit zubereiten, zum Beispiel mit Pilzen, Knödeln und Rotkohl: https://www.kochbar.de/rezept/405138/Nutria-in-Pilzsosse.html Ob sich aus ihnen auch Mett anfertigen lässt, entzieht sich meiner Kenntnis.

Wo wir gerade bei Nagetieren sind: In derselben Zeitung bringt Wolfgang Pichler unter dem Titel „Der Zug der Lemminge“ seine von mir uneingeschränkt geteilte Skepsis gegenüber der viel gepriesenen Digitalisierung zum Ausdruck. Zitat: „Es läuft etwas schief, wenn ein Haushaltsgerät mich herumkommandiert, zulabert, ausspioniert, anschwärzt, seinem Arbeitgeber verkauft. Sein Arbeitgeber: Das sollte ich sein, nicht die Firma Facemazoogle.“

Sonntag: Am Morgen erreichte mich die Nachricht vom Tod eines alten Eisenbahnfreundes. Mit ihm verbrachte ich einst wunderbare Sonntage auf dem Führerstand einer Dampflok, während derer wir uns gegenseitig Gedichte von Eugen Roth und Heinz Erhard um die Ohren hauten. Das waren echte Glücksmomente. Machs gut, lieber Schorsch! Bitte bestelle Anne, Harry und all den anderen Dampfkleinbahnern, die inzwischen bei euch dort drüben sind, liebe Grüße von mir!

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