Foto der Woche: Glühwein und Trübe

Die Aktion „Foto der Woche“ von Aequitas et Veritas läuft bis zum 31. Dezember. Jede Woche zeigt man ein Foto und schreibt was dazu, etwa wann und wo man es gemacht hat, warum man es zeigt oder welche Gedanken man damit verknüpft.

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Ja, ich bin spät dran mit dem Wochenfoto. Wobei ich zunächst unschlüssig war, welches Bild ich zeigen soll. Ein möglicher Kandidat war die Aufnahme eines Papierkorbes am Rheinufer, der überquillt von Pappbechern, ebenso all seine Kollegen in der näheren Umgebung; teilweise liegen die Becher schon daneben, weil die Behälter überfüllt sind. Ursache ist die Gaststätte am Fähranleger, die Glühwein verkauft, natürlich nur zu Mitnehmen oder „To go“, wenn Ihnen das lieber ist. Dieser Verkauf findet erheblichen Zuspruch, ungefähr jeder zweite, der mir heute am Rhein begegnete, hielt so einen Becher in der Hand. Manchmal glaube ich, Geenpeace, Fridays For Future, BUND und wie sie alle heißen können ihre Aktivitäten wegen Aussichtslosigkeit einstellen. Wir sind nicht mehr zu retten.

Da volle Müllbehälter kein schöner Anblick sind, habe ich mich indes für ein anderes Motiv entschieden, ebenfalls auf meinem heutigen Spaziergang fotografiert.

Sie sehen die Poppelsdorfer Allee in spätherbstlicher Trübe, die heute während des gesamten Tages über der Stadt lag. Die Kastanien, die die Allee im Frühling mit weißen und hellroten Blüten erleuchten lassen, haben längst ihr Laub verloren. Ich mag solche Tage und hoffe, die Möglichkeit solcher Spaziergänge wird nicht demnächst eingeschränkt, weil zu viele Leute draußen Glühwein trinken mussten.

Woche 48: Sorgenfalten auf Liftbetreiberstirnen

Montag: Manchmal fallen mir völlig ohne Zusammenhang Sätze ein, für die ich akut keine Verwendung habe, die dennoch zum Vergessen zu schade erscheinen. Manchmal halten sie sich, bis ich sie notieren kann für eventuellen späteren Gebrauch. Ein solcher Satz meldete sich heute früh beim ersten Aufwachen; ob es noch der ausklingende Rest eines Traumes war, weiß ich nicht mehr, so wie die inhaltliche Erinnerung eines Traumes ohnehin die Ausnahme ist, meistens reißt der Film, in dem ich eben noch Hauptdarsteller war, mit dem Erwachen abrupt ab und es bleibt nichts davon übrig. Der in der heutigen Frühe gedachte Satz, eigentlich sind es zwei, eignet sich vielleicht als Beginn eines Romans, oder als Liedzeile für Revolverheld oder Max Giesinger. Er geht so: „Als er ankam, kannte er niemanden; als er ging, nicht einmal mehr sich selbst.“ Falls Sie damit etwas anfangen können, etwa in Ihrem Blog einen Aufsatz darum häkeln möchten, nur zu, bedienen Sie sich.

Kommenden Samstag ist „Kaufnixtag“, steht in der Zeitung. An diesem Tag soll man, wie der Name schon sagt, nichts kaufen und stattdessen über sein Konsumverhalten nachdenken. Finde ich gut, brauche ich allerdings nicht: Im geschätzten Schnitt an sechs Tagen je Woche kaufe ich nichts, weil ich nichts brauche. Wobei ich mich nicht als Minimalisten bezeichnen würde wie Christof H., der im selben Artikel zu Wort kommt. Angeblich besitzt er nur noch Dinge, die er unbedingt benötigt, und ehe er sich was kauft, überlegt er gründlich, ob er es wirklich braucht. So hat er nicht mal ein Bügeleisen – wenn er was zu bügeln hat, geht er zu den Nachbarn, so H. So einen will man ja nun auch nicht unbedingt neben sich wohnen haben.

Ansonsten bot der Tag kaum Anlass zur Beanstandung. Mittags gab es Currywurst mit Pommes Majo unter freiem Himmel, das ist ja ab und zu auch mal ganz schön.

Dienstag: In einem einstündigen Workshop waren sechs Agenda-Punkte zu besprechen. Davon gingen sechs Minuten ab, um festzustellen, wer noch alles im Call war. Nach gut dreißig Minuten war der Recap erledigt, die restlichen Themen, unter anderem die Timeline, konnten auch innerhalb der vorgesehenen Zeit abgearbeitet werden, da die meisten Teilnehmer einen harten Anschlag hatten.

In der Mittagspause kamen mir zwei Herren entgegen, natürlich unmaskiert und nebeneinander, offenbar in ein wichtiges Gespräch vertieft. Im Moment unserer Begegnung drückte einer der beiden gegen einen Nasenflügel und entleerte das noch offene Nasenloch papierlos-sprühend in den Rinnstein. Wann und wodurch ist solchen Menschen wohl die Erziehung abhanden gekommen?

Karl Dall ist gestern gestorben. Das ist traurig, ich mochte ihn. Vielleicht geht mit ihm auch das dümmliche, dem presseeigenen Synonymzwang entsprungene Wort „Blödelbarde“ von uns, wohl niemand wird es vermissen. „Modezar“ müssen wir ja zum Glück auch nicht mehr hören und lesen. Nur mit dem „Medienmogul“, dem „Poptitan“ und der „Röckröhre“ müssen wir wohl noch einige Zeit leben.

Laut Zeitung hat in Florida ein Vierundsiebzigjähriger mit einem Aligator gekämpft, um ihm einen Hundewelpen aus dem Maul zu ziehen. Ist das noch Mut oder schon Irrsinn?

Mittwoch: Zufällig las ich morgens erneut eine Mail, die mir im Januar eine liebe Kollegin geschickt hatte: „Hallo Herr K, ich wünsche Ihnen auf diesem Weg auch noch ein gutes 2020. Mit vielen schönen kleinen Begebenheiten und der ein oder anderen Super-Begebenheit, an die Sie sich dann im hohen Alter noch gerne erinnern.“ Bei nicht allzu kleinlicher Auslegung des Begriffes „gerne“ kann man wohl ohne Übertreibung feststellen, der zweite Wunsch hat sich erfüllt.

In der Schweiz werden Paketzusteller übrigens als „Päcklipöstler“ bezeichnet. Da muss ich sofort an Emil Steinberger denken, wie er vielleicht die Tür öffnet und sagt: „Ah, sieh an, der Päckchlipöschtler ischt da!“ Kennen Sie den noch? Wenn nicht, schauen Sie bitte hier.

Seit heute gehört ein neues, geräuscherzeugendes Gerät zu unserem Hausstand, das der Päcklipöstler (beziehungsweise ÜPSler) brachte. Jetzt gilt es, herauszufinden, welchem Zweck es neben der Geräuscherzeugung dient.

Donnerstag: In Hagen wurde laut Zeitung ein Mann verhaftet, weil er 140 Tuben Haftcreme gestohlen hatte. Manches kann man sich einfach nicht ausdenken.

Freitag: Morgens im Radio die Wahl zwischen Fußballmeldungen auf WDR 2 und französischer Werbung auf Nostalgie. Da mein Hirn zu früher Stunde nur auf Teillast fährt und somit voll beschäftigt war mit der Abwägung, welches von beiden Geräuschen das schlimmere sei, kam es nicht auf die Idee, das Radio einfach abzuschalten.

„Ich bin kein Morgenmuffel; ich werde nur viel zu oft gezwungen, vor meiner guten Laune aufzustehen“, schreibt Herr Emil. Ein Satz, den ich mir – natürlich im Präteritum – gut auf meinem Grabstein vorstellen könnte.

„Die neuen Corona-Regeln sorgen in Bonn bei Lebensmittelhändlern für Sorgenfalten“, steht in der Zeitung. Noch so einer.

Sorgenfalten auch auf Liftbetreiberstirnen, weil die Bundeskanzlerin die Schließung der Skigebiete für angebracht befindet. Je nachdem, wer gefragt wird, scheint die Welt ohnehin nur aus sicheren Orten zu bestehen: Kinos, Theater, Supermärkte, Straßenbahnen, Flugzeuge, Fußballstadien, Hotels, Restaurants, Freudenhäuser, nun also auch Skipisten. Schließlich sei Bewegung an der frischen Luft gesund, so ein Sprecher der Liftlobby.

Samstag: „Doch es besteht Hoffnung, dass die Menschheit das Killer-Virus in den Griff bekommt. Das käme dann einer zweiten Mondlandung gleich.“ Das steht nicht in der Bildzeitung, sondern im Bonner General-Anzeiger. Übrigens beinhaltete allein das Apollo-Programm zwischen 1969 und 1972 sechs Mondlandungen, habe ich mal eben recherchiert.

Nicht zu entkommen in diesen Tagen sind die in Wort und Schrift allgegenwärtigen Aufrufe zum kollektiven Konsumterror, der gestern mit dem sogenannten „Black Friday“ begann. Ergänzend zu meinen diesbezüglichen Ausführungen von Montag ist hierzu in der Bonner Nordstadt eine gewisse Ablehnung zu erahnen.

Sonntag: Erster Advent. WhatsApp-Gruppen werden wieder geflutet von Spruchbildern, Gifs und Filmchen mit Kerzen-, Glocken- und Schneemannmotiven. Weihnachten wird überbewertet.

Überbewertet werden auch Werbeverweigererhinweise auf Briefkästen. Das dachte sich jedenfalls offenbar ein Zettelverteiler in der Inneren Nordstadt.

Wie auch immer – ich wünsche Ihnen eine angenehme Adventszeit. Ob mit viel oder wenig Konsum entscheiden Sie. Machen Sie das Beste daraus!

Foto der Woche: Kraft

Die Aktion „Foto der Woche“ von Aequitas et Veritas läuft bis zum 31. Dezember. Jede Woche zeigt man ein Foto und schreibt was dazu, etwa wann und wo man es gemacht hat, warum man es zeigt oder welche Gedanken man damit verknüpft.

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Wer Asterix gelesen hat, weiß, dass die Mistel wichtiger Bestandteil des Zaubertrankes ist, den der Druide Miraculix den Galliern regelmäßig kocht und der ihnen übermenschliche Kräfte verleiht, um die Römer zu verdreschen. Ob dieser Baum in der Bonner Nordstadt ebenfalls Kraft aus Misteln bezieht, darf indes eher bezweifelt werden. Jedenfalls ein beeindruckender Anblick.

Woche 47: In etwas kleinerem Rahmen

Montag: „Ich bin damit fein“, sagte einer in der Besprechung. „Ich eher grob“, darauf ein anderer. Irritation beim ersten, weil er den Witz wohl nicht verstanden hat.

Auf dem Rückweg vom Werk kam mir ein erbloglicher Gedanke. Da es regnete und ich nach Hause wollte, verzichtete ich darauf, kurz anzuhalten und eine Notiz zu fertigen. Leider hatte sich der Gedanke nach Ankunft im trockenen Heim restlos verflüchtigt, nicht das kleinste Stichwort war hängen geblieben.

Er kehrte zurück, als ich in den immer inspirierenden Ausführungen von Herrn B. das erweckende Stichwort „Früher“ las. Wobei ich nicht mehr weiß, wie er entstanden war (der Gedanke, nicht Herr B). Während ich also durch den Regen heimwärts radelte, fiel mir der von vielen gerne dahergesagte Satz „Früher war alles besser“ ein – warum er mir einfiel, weiß ich nicht mehr -, und ich dachte weiter: Nein, früher war keineswegs alles besser, nur vieles anders. Wenn wir heute Abend schlafen gehen und morgen früh um sieben schlüge der Kalender wieder, sagen wir: 1985, wären die meisten wohl ziemlich unzufrieden.

„Nichts ist beständiger als der Wandel“, schrieb man mir. Nichts ist hohler als eine Phrase, entgegne ich.

Dienstag: Zu den Dingen, die früher nicht besser waren und voraussichtlich auch nicht besser werden gehört der qualvolle Moment beim Verlassen des Bettes am frühen Morgen. Was vielleicht etwas besser war: Früher konnte man Führungskräften ein Thema nahebringen, ohne gleich eine Powerpoint-Präsentation fertigen zu müssen.

Doch zurück in die Gegenwart. Aus einer internen Mitteilung: „Generell gilt, dass alle Geschäftsreisen geschäftsrelevant sein sollten.“ Sollten erscheint in diesem Zusammenhang bemerkenswert, nicht nur in diesen Zeiten.

Abends meckerte im Fernsehen eine Ziege, daraufhin der Geliebte: „Hast du was gesagt?“ Die häusliche Harmonie ist intakt.

Mein Desinteresse an Fußball ist nahezu grenzenlos. Dennoch: Die 0:6-Niederlage der Nationalmannschaft gegen Spanien finde sogar ich beachtlich.

Mittwoch: Ich habe übrigens beschlossen, meine Werktätigkeit grundsätzlich nicht mehr zu unterbrechen, nur weil auf dem Bildschirm unten rechts eine Skype-Meldung aufleuchtet. Kennen Sie das, wenn man mit einer Person momentan nicht kommunizieren möchte, weil man ihr Anliegen ahnt, das Ungemach und viel zusätzliche Arbeit mit sich bringt? Vieles erledigt sich ohnehin von selbst.

Wir sollten mehr Mut zum Lassen aufbringen: Man kann das eine lassen, ohne das andere zu tun.

Donnerstag: Ich weiß, in einem Rechtsstaat ist es aus guten Gründen nicht zulässig und ich fordere es auch nicht. Wenn indes diesen Coronaleugnern und Verquerdenkern im Falle des Falles die medizinische Behandlung verweigert würde mit der Begründung, es ist ja nur eine leichte Erkältung, wäre das nicht konsequent?

Nach einem Tag mit zu vielen Besprechungen waren abends meine Buchstaben aufgebraucht. In solchen Momenten sehne ich mich an einen Ort der Ruhe, ohne Menschen und lärmende Hausgeräte. Manchmal wünsche ich mir eine Arbeit, bei der ich nicht viel reden muss und zum Feierabend sehe, was ich geschafft habe.

Freitag: Zurzeit wird diskutiert, ob Knallerei und Feuerwerk zu Silvester in diesem Jahr verboten werden sollen. Die Hersteller von Knallwerk sehen ihre Branche deswegen bereits in die Luft gehen. „Man darf jetzt nicht die Pandemie als Vorwand nehmen, um all die Dinge zu verbieten, die einem schon immer nicht gefallen haben“, wird Baden-Württembergs Ministerpräsident dazu zitiert. – Warum eigentlich nicht?

Heute wäre der Bonner Weihnachtsmarkt eröffnet worden, ein weiterer Satz im Konjunktiv. Wegen dieses Coronjunktivs verlegten wir die Eröffnung in etwas kleinerem Rahmen auf unseren Balkon.

Samstag: Normalerweise ignoriere ich Leserbriefe in Zeitungen, weil mir anderer Leute Meinungen meistens wenig interessant erscheinen. Manchmal lohnt sich dennoch, mal hineinzuschauen. Heute fand ich im General-Anzeiger dieses:

„Nie haben die Massen nach Wahrheit gedürstet. Von den Tatsachen, die ihnen missfallen, wenden sie sich ab und ziehen es vor, den Irrtum zu vergöttern, wenn er sie zu verführen mag. Wer sie zu täuschen versteht, wird leicht ihr Herr, wer sie aufzuklären sucht, stets ihr Opfer. Der Anteil des Unbewussten an unseren Handlungen ist ungeheuer und der Anteil der Vernunft sehr klein.“

Der Leserbriefschreiber zitiert den französischen Arzt Gustave Le Bon, der das bereits 1895 im Buch „Psychologie der Massen“ geschrieben hat.

Sonntag: Der Tag begann trüb und blieb es auch, mit leichtem Nieselregen, so richtiges November-Totensonntagswetter. Solche Tage mag ich sehr. Wie jeden Sonntag machte ich einen längeren Spaziergang, hoffend, aufgrund des Wetters nicht allzu vielen Menschen zu begegnen. Diese Hoffnung erfüllte sich nur unzulänglich, auch andere scheinen solche Tage zu mögen oder sich dadurch nicht von Außenaktivitäten abhalten zu lassen. Wer wollte es ihnen verübeln.

Wie das ZDF ankündigt, wird Markus Lanz bereits am kommenden Mittwoch auf das Jahr 2020 zurückblicken. Das erscheint arg verfrüht: Das dicke Ende kommt doch womöglich erst noch.

Aus einer Promotionsbeilage des Landes NRW im SPIEGEL:

Wünschen wir ihr viel Erfolg bei ihren Bemühungen.