Woche 41/2023: Weitestens bis nach Wesseling

Montag: Morgens auf der Radfahrt ins Werk wurde ich kein einziges Mal von einer roten Ampel aufgehalten, das kommt nicht oft vor. (Gut, die am Hofgarten, die sonst immer grün ist wenn ich komme war schon ziemlich dunkelgrün, aber sie hielt mich nicht auf. *Hüstel*) Ich will das nicht überbewerten, gar als Omen für den Tag oder die Woche sehen, doch war der Start in die Woche vergleichsweise angenehm mit angemessener Arbeitslust und einem nicht gar so tiefen Müdigkeitsloch am frühen Nachmittag.

Mittags nach ungestörtem Essen ging ich eine Runde durch den Park, heute mal in entgegengesetzter Richtung als sonst. Oft führt es zu ganz neuen Perspektiven, wenn man einen Weg andersherum geht, das als Philosophie zum Montag.

Mittags im Park

Auf dem Heimweg kam es beinahe zu einer Kollision mit einer Radfahrerin, die von links von einem abschüssigen Seitenweg auf den Radweg am Rhein schoss, ohne sich um den Querverkehr zu kümmern. Meine Unmutsäußerung erwiderte sie mit einem abfälligen „Ja ja ja“. Dass ich ihr kurz darauf, als sie mich überholte, keine weiteren Beschimpfungen hinterherrief, werte ich als Zeichen der Selbstbeherrschung. Es hätte ja auch nichts genützt. Ja ja ja.

Abends zu Hause

Dienstag: Vergangene Nacht schlief ich schlecht, ohne einen Grund benennen zu können. Weder ging von der Nebenmatratze besondere Unruhe aus, noch plagten mich Schmerzen oder Sorgen. Vielleicht fehlte dem Körper die gewohnte Alkoholzufuhr am Vortag. Das wäre zweifellos bedenklich.

»Parkplätze retten« und »Ausgewogene Verkehrspolitik für mehr Kauflust« fordert die Initiative Vorfahrt Vernunft auf großen Plakaten in der Innenstadt. Parkplätze, Kauflust und Vernunft im selben Atem- beziehungsweise Schriftzug zu nennen zeugt von einer gewissen Ignoranz.

Die Neigungsgruppe Gendergegner:innen hat neue Aufkleber beschafft und bringt sie an öffentlichen Orten an. Immer wieder bemerkenswert, wofür manche Zeit und Geld haben.

Morgens am Rhein fuhr ein Frachtschiff mit dem Namen „Amoureus Meppel“ vorbei. Das wäre ein schöner Romananfang: »Als Amourreus Meppel morgens nach schlecht durchschlafener Nacht erwachte, spürte er, dass dieser Tag die entscheidende Wendung in seinem Leben bringen würde.« Mein Tag verlief und endete hingegen in gewohnten Bahnen und bis zum Zeitpunkt der Niederschrift ohne nennenswerte Wendungen. Das ist nicht zu beklagen.

Mittwoch: Bereits am frühen Morgen wurde ich im Bad getadelt, nachdem beim Zähneputzen einige Wassertropfen auf den Boden geraten waren. Meine Entgegnung, genau deswegen seien Bäder üblicherweise mit Fliesen ausgelegt statt mit Edelvelours, blieb zunächst unwidersprochen.

Heute war es wieder sehr warm. Trotzdem lief ich abends nach erkältungsbedingt zweiwöchiger Pause wieder, es lief sich ganz gut. Am Rhein kamen mir im rasenden Tiefflug Scharen von Halsbandsittichen entgegen auf dem Weg zu ihren Schlafbäumen an der Nordbrücke, wo sie auch heute wieder die Umgebung darunter großflächig vollkötteln werden, während Hundehalter, jedenfalls die anständigen, die Ausscheidungen ihrer Lieblinge ordnungsgemäß in Beutelchen aufsammeln und entsorgen.

Morgen soll es regnen. Morgen habe ich einen Tag frei. Was will man machen.

Donnerstag: Ursprünglich geplant für den heutigen Inseltag war eine Wanderung auf dem Rheinsteig von Linz nach Bad Honnef. Aufgrund des angekündigten Regens war schon gestern klar, daraus wird nichts, dennoch hielt ich an dem freien Tag fest. Wie erwartet regnete es morgens. Anstatt früh aufzustehen, ließ ich es ruhig angehen und begann den Tag mit einem externen Frühstück in dem Café, an dem ich jeden Morgen vorbei komme, wo ich indes noch nie gefrühstückt hatte. Ich war sehr zufrieden und es war eine gute Entscheidung, bereits um kurz nach neun hinzugehen, ab zehn füllte es sich deutlich. Haben die alle nichts zu tun? Kein Wunder, dass die Wirtschaft schwächelt, wenn alle statt zu arbeiten in Cafés herumlungern.

Da es nach dem Frühstück aufhörte zu regnen, beschloss ich, doch noch zu wandern, spontane Alternative: am linken Rheinufer Richtung Köln, so dass ich bei eventuell wiedereinsetzendem Regen jederzeit abbrechen und mit der Bahn zurückfahren konnte. Tagesziel: ungefähr drei bis vier Stunden, weitestens bis nach Wesseling. Die vorsichtshalber eingesteckte Regenjacke und den Regenschirm benötigte ich nicht, im Gegenteil, es hellte zunehmend auf, die Sonne schien, auf halber Strecke verschwand auch die andere Jacke im Rucksack.

Kurz nach vierzehn Uhr erreichte ich bereits Wesseling, nicht unbedingt die strahlendste Perle der Städtebaukunst. Da ich für das übliche Belohnungsbier keine ansprechende Gastronomie vorfand, belohnte ich mich stattdessen im einem großen Supermarkt angegliederten Selbstbedienungs-Café mit Kaffee und einer vorzüglichen Rosinenschnecke. Danach begann es zu regnen, so dass ich für den Weg zur Bahnhaltestelle in Wesseling den Schirm doch nicht ganz umsonst mitgeschleppt hatte. Insgesamt war es wieder beglückend.

Herbst hinter Bonn
Bei Bornheim-Hersel
Man macht es sich in der Sonne gemütlich
Industrieromantik kurz vor Wesseling
Gleichfalls

Gehört, gesehen und gelesen:

Auf dem Weg vom Frühstück nach Hause begegnete mir auf der Kreuzung eine aufgetakelte Schickse mit gepierctem Nasenflügel, die in ihr flach vor den Mund gehaltenes Telefon sagte: „… breitbeinig und willig …“. Dass sie dabei von sich selbst sprach, ist nicht anzunehmen, in diesem Fall allerdings auch nicht ganz auszuschließen.

An einem Lampenpfahl am Rhein klebt ein Zettel. Bevor ich den Inhalt wiedergebe, ein Hinweis an alle, die Lampenpfähle mit Zetteln bekleben: Wenn Sie beabsichtigen, dass andere Ihre Nachricht lesen, sollten die Zettel nicht wesentlich breiter als zehn Zentimeter sein, damit man nicht mehrfach halb hin und her um den Pfahl laufen muss, um den Text zu erfassen. Hier der Inhalt: »Davidoffs Brille blieb auf dieser Bank liegen. Um als Arzt praktizieren zu können, benötigt man beruflich eine Brille. Ich bitte den Finder um Rückgabe unter der Rufnummer 0176 …«. Dass für den Arztberuf neben einem abgeschlossenen Medizinstudium auch eine Sehhilfe erforderlich ist, war mir neu.

Im Café in Wesseling saßen am Nebentisch vier ältere Leute, deren einer nicht gut auf die Politiker zu sprechen war, insbesondere nicht Friedrich Merz. Immerhin. Dann sagte er sinngemäß: „Was wir wieder brauchen ist einer, der richtig durchgreift. Den hatten wir nur einmal, das war …“ Oh nein, jetzt kommt’s, dachte ich, aber nein: „… Helmut Schmidt.“

In Wesseling ging ich an einer Gruppe vorbei: ein kleiner Junge auf einem Spielzeugtraktor, drei oder vier Erwachsene und zwei große Hunde, ein weißer Labrador-Mischling oder ähnliches, der andere ähnlich groß und augenscheinlich genauso gutmütig. Der Junge schrie herzerweichend, weil der Labradormischling schwanzwedelnd direkt vor ihm stand, der andere Hund dahinter. „Willst du den Hund mal streicheln? Kuck mal, der ist ganz lieb. Streichel ihn doch mal“, sagte eine der Frauen zu dem Jungen. Doch der wollte nicht, schrie stattdessen weiter und war nicht zu beruhigen, ganz offensichtlich hatte er Todesangst. Es steht mir nicht zu und normalerweise habe ich kein Interesse daran, anderen Leuten Erziehungsratschläge zu geben, doch hier war ich kurz davor, einzugreifen. Der Junge tat mir sehr leid, hoffentlich wird er nicht später zum Hundehasser.

Laut Zeitung hat Mono heute Namenstag. Der Einohrige.

Freitag: Gute Nachricht, auch wenn Freitag der dreizehnte ist: Kurt Kister ist wieder da mit seiner Wochenkolumne Deutscher Alltag. In dieser Woche erfreut er unter anderem mit diesem Satz: »„Unsere“ Gegenwart wird, so glaube jedenfalls ich, weniger von künstlicher Intelligenz (KI) als vielmehr von natürlicher Unintelligenz (NU) gesteuert.« Möge er trotz Ruhestand noch lange für uns schreiben.

Samstag: Auch heute schien die Sonne, wobei es über Nacht deutlich kühler geworden ist und wohl auch vorerst bleiben soll. Deshalb tauschte ich die leichte Jacke der letzten Monate gegen die Daunenjacke und ich bin fest entschlossen, sie in den nächsten Wochen zu tragen. Auch wenn andere weiter in kurzen Hosen rumlaufen.

In der Zeitung die üblichen Nachrichten: Krieg in der Ukraine und jetzt Israel, Erdbeben in Afghanistan, bekloppte Amerikaner, Erstarken der AfD. Alle irre. Es gelingt mir immer weniger, über solche Dinge angemessen entsetzt zu sein. Ich weiß nicht, ob das gut oder schlecht ist.

Abends feierten wir das vom Karnevalsverein ausgerichtete Oktoberfest mit bayrischem Bier, Blasmusik und reichlich kultureller Aneignung zahlreicher Besucher in Form von Lederhosen und karierten Hemden. (Da ich zuletzt im Alter von etwa acht Jahren eine Lederhose hatte, erkläre ich mich diesbezüglich unschuldig.) Auf der Rückfahrt kam es zu einer anstrengenden Diskussion zwischen dem Taxifahrer, nach eigenen Angaben palästinensischer Abstammung, und dem Liebsten über Islamismus, Religion, Gewalt und den Angriff auf Israel. Während ich hinten saß und die Augen verdrehte, sah ich mich bestätigt in der Überzeugung, niemals mit Fremden über Politik zu diskutieren.

Sonntag: Das Entsetzen traf morgens ein, gerne hätte ich darauf verzichtet. Schon als ich die Nachricht auf dem Telefon sah, kannte ich aufgrund der Absenderin den Inhalt, bevor ich sie gelesen hatte. Schlechte Neuigkeiten Kollegen M. aus unserem Team betreffend. Vor kurzem war er nach einer Urlaubsreise zusammengebrochen, seitdem lag er im Koma, sein Zustand kritisch. Persönlich sahen wir uns nicht sehr oft, weil sein Arbeitsplatz in Norddeutschland war, dafür trafen wir uns mindestens ein- bis zweimal wöchentlich in virtuellen Runden. M. war ungefähr in meinem Alter, was mal wieder zeigt, wie unerwartet und schnell es vorbei sein kann. Sowohl fachlich als auch menschlich wird er uns sehr fehlen. Das wird die kommenden Arbeitstage und -wochen in einen Grauschleier hüllen.

Gerne würde ich diesen Wochenrückblick positiv beenden, nur fällt mir gerade nichts ein; verzeihen Sie bitte.

Abends holte ich für uns Gyros vom Griechen unseres Vertrauens. Damit die Woche doch noch etwas positiv endet.

Spaziergangsbild mit dunklen Wolken

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Kommen Sie gut durch die Woche, möglichst ohne Entsetzen.

Woche 40/2023: So langsam wird das was mit dem Herbst

Montag: Morgens schwirrten mindestens fünf, wenn nicht sechs Wespen durch das Bad, nachdem sie durch das gekippte Fenster eingedrungen waren. Vielleicht war es ihnen draußen zu kalt, wofür ich volles Verständnis hätte. Da sie sich überwiegend im oberen Drittel des Raumes aufhielten, kamen wir uns nicht ins Gehege. Auch sonst ließ ich ihnen gegenüber Milde walten, lange haben sie nicht mehr zu leben.

Unterdessen entwickelt sich in Frankreich gerade eine gewisse Hysterie wegen anderer Insekten: Bettwanzen, nach deren Sichtung laut Berichten sogar Züge vorübergehend außer Betrieb genommen werden.

Es gibt übrigens Wanzenpflanzen, wie bei Wikipedia zu lesen ist. Manches kann man sich einfach nicht ausdenken.

Der Arbeitstag verlief erwartet ruhig, weil die meisten Kollegen entweder Urlaub haben oder einen auf Brücke machten, und er endete zeitig.

Balkonblick, abends

Dienstag: Der Tag der Deutschen Einheit verlief in feiertagsangemessener Ruhe. Beim späten Frühstück auf dem Balkon fielen die ersten Regentropfen auf die Markise, bis in den Nachmittag hinein regnete es stärker; das ließ wohliges, bislang vermisstes Herbstempfinden aufkommen. Nach dem Regen unternahm ich einen Spaziergang auf regennassen, von Blättern und Kastanien bedeckten Wegen durch die Südstadt, wo in unmittelbarer Nähe immer wieder stachelige Kastanienfrüchte zu Boden schlugen, zerplatzten und ihre braunglänzenden Kerne freigaben, auf dass sie von Kindern aufgesammelt oder von Autoreifen zermalmt werden. In den Vorgärten bunt blühende Astern und verblühende Hortensien. Die Kleidung der Menschen ist uneinheitlich: Während die einen noch in T-Shirt und kurzer Hose in den Straßencafés sitzen und ihre Tätowierungen zeigen, haben andere schon die Daunenjacke aus dem Schrank geholt.

Mittwoch: Im lesenswerten Blog von Frau Fragmente las ich das schöne Wort „unterwältigt“ und freute mich darüber. Viel mehr ist über diesen Tag nicht zu berichten, das ist nicht schlimm.

Donnerstag: Gestatten Sie mir einige Zeilen über den nicht-motorisierten Verkehr, die Arten der Fortbewegung, denen meiner unmaßgeblichen Meinung nach der Vorzug zu geben ist gegenüber dem Kraftfahrzeug, auch dem elektrisch betriebenen, weshalb ich für die Bemühungen unserer Oberbürgermeisterin, das Autofahren in der Innenstadt wenigstens für diejenigen, die immer noch aus reiner Bequemlichkeit oder Poserlust das Auto wählen, so unattraktiv wie möglich zu machen, weiterhin Sympathie empfinde, auch wenn das innerfamiliär zu sich ständig wiederholenden Diskussionen führt. Doch darum soll es gar nicht gehen.

Eines der ständigen Ärgernisse ist das Unvermögen, vielleicht auch der Unwille von Fußgängern und Radfahrern – beiden Gruppen fühle ich mich gleichermaßen zugehörig -, die ihnen zugedachten Wege zu benutzen und die der jeweils anderen zu meiden. Während ich für mich beschlossen habe, mich darüber nicht mehr zu erregen, haben andere eine kreative Form gefunden, ihrem diesbezüglich Unmut Ausdruck zu verleihen:

Morgens am Rhein
Ebenda

Szenenwechsel. Als ich nachmittags nach einem Termin in Bonn-Kessenich mit der Straßenbahn, einem weiteren dem Auto gegenüber zu bevorzugenden Verkehrsmittel, nach Hause fuhr, stieg in der Südstadt ein junger Mann mit einem Fahrrad in die Bahn ein und am Hauptbahnhof wieder aus, insgesamt eine Fahrtstrecke von weniger als zwei Kilometern. Hat man ihm den Zweck eines Fahrrades nicht erklärt? Gleichwohl sympathischer als die Rennradraser in ihren lächerlichen bunten Strampelanzügen und mit Windschutzbrillen, die sich am Rheinufer ohne Rücksicht auf andere Radfahrer und Gegenverkehr aufführen, als wären sie alleine auf der Welt.

Freitag: Erstmals wurde es morgens während der Radfahrt zum Werk kalt an den Händen, vor dem Gesicht bildeten sich Atemwölkchen. So langsam wird das was mit dem Herbst.

Man möge eine Situation schildern, in der man sich fehl am Platz gefühlt habe, lautet die Schreibidee des Tages. Damit ließe sich eine mittellange Liste füllen, spontan fallen mir ein: immer beim Schulsport, in der Tanzschule, auf manchen Geburtstags- und Hochzeitsfeiern, machmal auch im Büro und öfter bei Besprechungen. Und heute Mittag in der Kantine, als sich Kollege R. ungefragt zu mir setzte und das Gespräch suchte. Ich habe überhaupt nichts gegen R., nur möchte ich manchmal einfach in Ruhe und gesprächsfrei essen, Mitesser dabei allenfalls aus sicherer Distanz beobachten. Bei seinem Eintreffen hatte ich meinen Teller zum Glück schon zu Dreiviertel geleert, daher wünschte ich nach dem Dessert ein schönes Wochenende und ließ ihn sitzen. Das mag unhöflich gewesen sein, doch bin ich sicher, er wird darüber hinweg kommen und sich gelegentlich wieder zu mir setzen. Vielleicht sollte ich mal an meiner abnehmenden Sozialerträglichkeit arbeiten.

Für Sonntag, den dritten Dezember nachmittags nehmen Sie sich bitte nichts vor, falls Sie sich dann im Raum Bonn aufhalten. Es ist noch nicht sicher, vielleicht werden wir dann zu zweit was vorlesen. Weitere Informationen folgen demnächst.

Samstag: Zum Frühstück besuchten wir ein Café am Marktplatz, aufgrund gewisser Aktivitäten am Vorabend war der Appetit noch etwas eingeschränkt. Der Geliebte sah sich immerhin schon wieder in der Lage, dazu ein Glas Sekt zu nehmen, mich grauste. Während wir im Außenbereich des Cafés kauten, baute sich hinter uns vor dem Rathaus eine Kundgebung der Gruppe Extinction Rebellion auf. Zunächst verlas man zweimal hintereinander Bekanntes über Temperaturanstieg, Politik und Kapitalismus, danach zog man an die Adenauerallee, um den Verkehr zu stören. Ich finde gut und richtig, was die machen, habe allerdings kaum Hoffnung, dass das irgendwas nützt, weil wir Menschen, mich eingeschlossen, unser Verhalten nicht ändern wollen und uns ungern über die Notwendigkeit belehren lassen.

Anschließend erforderte die vorgenannten Vorabendaktivitäten einen längeren Aufenthalt auf dem Sofa, wo sich nichts nennenswertes ereignete.

Sonntag: Der übliche Ablauf mit Ausschlafen, Frühstück (immer noch) auf dem Balkon, Sonntagszeitung ohne erwähnenswerte Bemerknisse, langem Spaziergang durch die Innere Nordstadt, Weststadt, Poppelsdorf, Südstadt mit Einkehr auf ein Glas, dabei die Blogs gelesen, man war wieder fleißig in den vergangenen Stunden. Die Spaziergangsbekleidung mit Pullover und Jacke erwies sich als etwas zu warm, das macht nichts, irgendwie muss man den Herbst ja anlocken. Zwischendurch fielen ein paar wenige Regentropfen, immerhin.

Wandholzkunst in der Inneren Nordstadt
Südstadt: Ich weiß es doch auch nicht.

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Kommen Sie gut durch die Woche.

Woche 39/2023: Alles ist für irgendwas gut

Montag: Der Arbeitstag lief trotz Montag und aufkommender Erkältung (nein, ich weiß nicht, ob Corona, es interessiert mich auch nicht sonderlich; wenn es schlimmer wird, gehe ich nicht arbeiten, ganz einfach) ganz zufriedenstellend. Für den Abend war zu einem kollegialen Grillen bei Wachtberg-Berkum eingeladen. Vielleicht noch euphorisiert von der erfreulichen Radtour mit dem Liebsten am Vortag hatte ich kurzfristig beschlossen, auch zum Grillen mit dem Fahrrad zu fahren. Vielleicht nicht die klügste Entscheidung bei einer aufkommenden Erkältung, zumal mir erst auf dem Weg zunehmend klar wurde, warum der Ort Wachtberg heißt und nicht etwa Wachttal oder wenigstens –ebene. Auch die Rückfahrt gestaltete sich mangels Wegekenntnis und Straßenbeleuchtung zunächst abenteuerlich trotz aktivierter Navigation im Datengerät, das in der Hosentasche vor sich hin brabbelte. Hier war es klar von Nachteil, nicht zur jungen Generation zu gehören, der es mühelos gelingt, mit Blick auf das Gerät in der Hand Fahrrad zu fahren; ich benötigte hingegen volle Aufmerksamkeit für die unbeleuchtete Strecke durch Wald und Feld, über Stock und Stein, immerhin auf dem Rückweg fast durchgängig bergab. – Morgen hat das Fahrrad Pause. Das Sitzfleisch auch.

In der Zeitung wird ein Student vorgestellt, der Dependency and Slavery Studies studiert, im dritten Mastersemester. Bin ich der einzige, der darin eine gewisse Komik sieht?

Dienstag: Am frühen Nachmittag, als sich der Frühherbst noch einmal mit Sonne und angenehmer Wärme von der besten Seite zeigte, beschloss ich, krank zu sein, meldete mich ab, fuhr mit der Bahn nach Hause und legte mich sofort ins Bett, das ich bis auf Weiteres für den einzig sinnvollen Aufenthaltsort für mich halte, derweil die Nase läuft und der Kopf in bleiernde Watte gehüllt ist.

Morgens ging es noch

Sogar Lesen wurde anstrengend, deshalb schloss ich die Augen und schlief bald ein. Nach dem Aufwachen, die Dämmerung setzte bereits ein, geriet ich in einen interessanten Zwischenzustand zwischen Schlafen und Wachen, Gedanken kamen und zogen vorbei, keine unangenehmen, wie Schiffe auf dem Rhein, manche lösten sich während des Denkens einfach auf, nach Treffer versenkt. Auch manche aufschreibenswerte Formulierung fiel mir ein, verdampfte mangels Notizwille aber wieder.

Apropos auflösen: Im SPIEGEL ein kritischer Artikel über ein Unternehmen, dass im Todesfalle die Kompostierung des Körpers anbietet, „Reerdigung“ nennen sie das. Ein Kritikpunkt ist, der Körper löst sich nach der vorgesehenen Zeit keineswegs vollständig auf, vor allem Knochen bleiben übrig, die anschließend geschreddert werden. Da sich das im Prospekt pietätlos liest, werden die Knochen laut Unternehmen „verfeinert“, welch wunderbare Formulierung. Andere sehen in dieser Methode eine Störung der Totenruhe, was auch immer das sein soll. Bei was soll der Tote gestört werden, wacht er womöglich gar auf?

Mittwoch: Meine größte Leistung lag heute darin, im Laden nebenan eine Flasche Milch zu kaufen für das Müsli zum Frühstück. Dazu schenkte mir die freundliche Verkäuferin eine winzige Stulle, anlässlich der Woche des Butterbrotes, wie sie sagte. Belegt war sie mit einer nicht näher zu definierenden, vermutlich veganen und durchaus wohlschmeckenden rötlichen Paste. Geschmackssinn und Appetit sind unbeeinträchtigt. Ansonsten verbrachte ich die meiste Zeit schlafend. Mehr ist für diesen Tag nicht zu vermerken. Im Übrigen bin ich ein großer Freund der These, alles ist für irgendwas gut.

Donnerstag: Da ich mich morgens weiterhin ungesund fühlte, entschloss ich mich für einen weiteren Tag im Bett. Die Nase hat sich im Laufe des Tages etwas beruhigt, Müdig- und Duseligkeit im Kopf haben sich gelegt. Morgen versuche ich es wieder mit Werktätigkeit.

Freitag: Der erste Arbeitstag nach dreitägigem Siechen verlief zufriedenstellend, ich habe während der Abwesenheit nichts wesentliches verpasst. Die Nase schnupft noch etwas nach, was will man erwarten; mit der Rückkehr zum gewohnten Stofftaschentuch warte ich noch ein paar Tage.

Im Anschluss hatte ich einen Beratungstermin bei Fielmann, auf Drängen des Liebsten. Nicht wegen Sehnot: Schon lange habe ich immer wieder Schwierigkeiten, Gesprächen zu folgen, wenn Hintergrundgeräusche wie Livemusik oder Restaurantraunen stören, was ich oft, wie mehrfach beschrieben, eher als Vor- denn als Nachteil empfinde, etwa in der Bahn oder der Kantine. Nicht so schön, wenn wir zu zweit oder dritt in der Gaststätte sitzen und jeder zweite Satz wiederholt werden muss, deshalb der Termin. Der freundliche junge Hörexperte schaute mir in die Ohren, erkannte rechts einen engen Gehörgang, ansonsten alles bestens. Danach durfte ich einen Kopfhörer aufsetzen (für Rheinländer: anziehen) und per Knopfdruck die Wahrnehmung verschieden hoher Töne bestätigen. Schließlich musste ich aus Zimmerlautsprechern gesprochene einsilbige Wörter wiederholen, für einen Ostwestfalen, gleichsam Experte der Einsilbigkeit, kein Problem. Nur einmal hörte ich falsch, „Reis“ statt „Preis“, was aber fast allen passiert, so der Hörmann. (Er hieß übrigens Brausen, was ich für seinen Beruf sehr passend finde.)

Ergebnis: Ein paar altersgerechte Schwächen bei hohen Frequenzen sind erkennbar, jedoch insgesamt weit entfernt von der Notwendigkeit einer Hörhilfe. Vielleicht sollten sich auch einfach meine Gesprächspartner etwas mehr Mühe beim Sprechen geben. Abends in der Gastronomie verstand ich meine Lieben trotz erheblichem Brauhausbrausen im Saal übrigens recht gut. Es geht doch.

Da für morgen ein Besuch der Mutter in Bielefeld ansteht, machte ich abends, als verantwortungsvoller Sohn ohne kurzfristige Erbabsichten, in Anbetracht der ausklingenden Erkältung doch noch einen Coronatest, ebenfalls mit zufriedenstellendem Ergebnis.

Samstag: Wegen des Mutterbesuchs verließ ich Bett und Haus zu samstäglicher Unzeit, das war nicht schlimm, ich hatte an den Tagen zuvor ausreichend geschlafen.

Die Reise nach Bielefeld erfolgte mit dem Bahn-Nahverkehr, wozu leistet man sich ein zum Deutschlandticket gewandeltes Jobticket und fährt dann doch meistens mit dem Rad oder geht zu Fuß ins Werk, nicht wahr. Ein Blick in die Bahn-App beim Morgenkaffee ließ eine interessante Reise erwarten: fast alle Verbindungen verspätet oder ausgefallen, auch die von mir vorgesehene. Eine andere, wenige Minuten früher, war noch grün, die sollte es sein, ebenfalls mit zweimal umsteigen.

Positiv: Die erste Bahn bis Wuppertal war pünktlich, die zweite bis Hamm verspätet, allerdings wartete die dritte bis Bielefeld in Hamm auf die zweite. Und bis Hamm hatte ich durchgehend einen Sitzplatz, sogar am Fenster. Andere, sehr viele andere nicht. So komme ich zu

Negativ: Es ist mir ein Rätsel, warum man als Betreiber (National Express und Eurobahn) oder Besteller, ich weiß nicht, wer schuld ist, zu Beginn der Herbstferien (das hatte ich bei Planung der Reise nicht bedacht, gebe ich zu) auf einer solchen Strecke nur einteilige Triebzüge einsetzt. Die Fahrgäste quetschten sich in den Gängen wie Pinguine im Schneesturm. Ab Hamm stand auch ich im Gang, immerhin nicht ganz so gequetscht, ab Rheda-Wiedenbrück setzte ich mich, wie andere auch, in die erste Klasse. Ich wäre bereit gewesen, den Mehrpreis zu entrichten, fand in der Bahn-App aber keine Möglichkeit dazu. Dann eben nicht.

Wieder positiv: Für die Rückfahrt entschied ich mich daher für die gute alte Deutsche Bahn und ihren ICE. Hier muss und möchte ich die Vielgescholtene ausdrücklich loben: Der Zug fuhr in Bielefeld pünktlich mit reichlich freien Sitzplätzen ab und erreichte (nach bemerkenswertem Fahrtverlauf: Hagen und Wuppertal wurden einfach durchfahren, dafür Halt in Solingen) pünktlich Köln, wo diese Zeilen getippt wurden voller Hoffnung, auch das letzte Stück ohne nennenswerte Verspätung zu schaffen. – Nachtrag: Im Sinne des Fahrplans kam der Zug nicht pünktlich in Bonn an, vielmehr eine Viertelstunde zu früh. Das erlebt man auch nicht oft.

Gelesen auf einem Werbeplakat in Köln: »Dyson macht unsichtbaren Staub sichtbar«. Meine Erwartung an einen Staubsauger, zumal einen hochpreisigen, wäre genau das Gegenteil.

Gehört auf der Hinfahrt in der überfüllten Eurobahn nach Hamm, eine ältere Dame zu ihrem Begleiter: „Wir sind eine Rucksackgesellschaft geworden.“ Womit sie zweifellos recht hat.

Sonntag: Nach Krankheit und Ostwestfalenbesuch endlich wieder ein Sonntag mit gewohntem Ablauf: Ausschlafen, Frühstück mit den Lieben, Sonntagszeitung, Spaziergang. Während der Dreimonatskalender im Büro auf dem unteren Blatt bereits November anzeigt, ist es weiterhin irritierend sommerlich. So fanden Frühstück und Zeitungslektüre, mit Wespenbesuch, auf dem Balkon statt, und der morgens gewählte Pullover erwies sich beim Spaziergang als zu warm. Außerdem hat der Lieblingsbiergarten am Rhein noch immer geöffnet, und wo ich da schon mal zufällig vorbeikam – Sie wissen schon. Alles ist für irgendwas gut.

Alle Bötchen sind schon da

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Kommen Sie gut durch die Woche.

Woche 38/2023: Wie lange noch

Montag: Der Tag begann mit theatralischem Türenschlagen meinerseits, weil ich mich morgens aus nichtigem Grund zu unrecht angeblafft fühlte; das sollte man nicht tun, schon gar nicht an einem Montagmorgen. Mehr als über des Geliebten Geblaffe ärgerte ich mich anschließend stundenlang darüber, derart ungehalten reagiert zu haben. Bei Rückkehr war beiderseits der Verdruss verdunstet, das kommt schon mal vor.

Ausnahmsweise habe ich den Sportteil mal nicht überblättert: Im aktuellen SPIEGEL ein Bericht über einen Extremkletterer, der ohne Helm und jede Sicherung hunderte Meter hohe, steile Felswende erklimmt. Meine größte Herausforderung heute lag mal wieder darin, trotz weißem Hemd mittags in der Kantine das Nudelgericht mit Tomatensoße zu wählen. Es ist gutgegangen.

Im Rheinauenpark sind zwei Brücken nach monatelanger Sperrung und Neubeplankung wieder begehbar, was neue Optionen für den Mittagsspaziergang öffnet beziehungsweise alte wiedereröffnet. Das ist zu loben.

Gelesen bei Herrn Fischer (und durchaus ein wenig gestaunt):

»Können wir die auch mal pragmatisch ein bisschen loslassen? Oder sind wir erst zufrieden, wenn Herr Nachbar nicht nur eine Wärmepumpe einbaut, sondern die von uns sorgfältig recherchierte exakt richtige und einzig mögliche Wärmepumpe – weil schließlich alle anderen Wärmepumpenhersteller auf ihren Websites falsch gendern?«

Schauen Sie bitte hier.

Dienstag: Zu Fuß ins Werk und zurück bei angenehmem Jackenwetter.

Hinweg
Rückweg

„Abschied ist ein scharfes Schwert“ war ein großer Hit von Roger Whittaker. Den singt er jetzt nicht mehr, und auch sonst nichts: Vergangene Woche ist er gestorben, wie gemeldet wird; ein weiterer Ach-der-lebte-noch-Moment, die sich in den letzten Jahren häufen, vielleicht geht Ihnen das auch so. Er wurde siebenundachtzig Jahre alt, war somit im Alter meiner Eltern, kam mir stets älter vor als sie, vielleicht lag das an dem Busfahrerbart. In den Siebzigerjahren, als er noch ausschließlich auf Englisch sang, fand ich den gar nicht so schlecht, wir hatten mehrere Langspielplatten von ihm im Haus, die ich mir ganz gerne anhörte, vielleicht auch deshalb, weil ich die Liedtexte kaum verstand. Er konnte nicht nur singen, auch ganz außergewöhnlich pfeifen. Als er in den Achtzigern anfing, auf Deutsch zu singen, wurde er für mich unerträglich. Nicht nur die Sprache hatte sich geändert, auch sein Musikstil, der gut zum damals nicht minder unterträglichen Radiosender WDR 4 passte, wo sie ihn regelmäßig spielten.

Als vor einigen Jahren das Elternhaus verkauft wurde, nachdem mein Vater gestorben war (er war zwei Jahre älter als Roger Whittaker), waren die alten Platten noch da, ich nahm sie an mich und besitze sie noch heute. Vielleicht sollte ich sie mal wieder hören.

Der Ohrwurm des Tages war indes nicht von Roger Whittaker, sonders dieses, auf Wunsch auch auf Englisch. Warum auch immer, Ohrwürmer fragen oft nicht nach Gründen. Jedenfalls wunderschön.

Mittwoch: Nachtrag zu gestern – laut Wikipedia war Roger Whittaker ein Sänger, Liedermacher und Kunstpfeifer. Vor vielen Jahren durch Loriot bekannt geworden, ist mir das Berufsbild des Kunstpfeifers seitdem nicht mehr begegnet.

Donnerstag: »Chemie wird nachhaltig« lautet die Überschrift eines Zeitungsartikels. Welch ein Unsinn.

Der Arbeitstag bestand im Wesentlichen aus einer recht erfreulichen größeren Zusammenkunft in Präsenz und einem nicht minder erfreulichen Abendprogramm mit Essen und Trinken in Porz-Wahn.

„In hundert Metern hast du dein Ziel erreicht“ – Wie ich während der Fahrt dorthin im Wagen des Kollegen feststellen musste, wird man mittlerweile auch von Navigationssystemstimmen geduzt. Ein weiterer Grund, weniger Auto zu fahren.

Freitag: Da ich die Veranstaltung am Vorabend rechtzeitig verlassen hatte, kam ich morgens ganz gut aus dem Hotelbett und ging sogar frühstücken, was ich sonst bei beruflich veranlassten Übernachtungen zumeist meide wegen der Gefahr, bereits morgens reden zu müssen, schlimmstenfalls über Arbeitskram. Auch sonst wirkte nichts unangenehm nach.

Nach einem freitagsangemessen frühen Arbeitsende ging ich zu Fuß nach Hause. Am Rheinufer bewunderte ich das neue Toilettenhaus, das seiner inneren wie äußeren Beschmierung entgegensieht, und bedauerte fast ein wenig, gerade nicht zu müssen.

Noch äußerlich unbeschmiert

Etwas weiter rheinabwärts steht vor dem ehemaligen Plenarsaal dieses Kunstwerk, dessen Namen ich mir nicht merken kann und das ich deshalb hilfsweise „Bundesgalgen“ nenne. Daran hat sich nun ein Graffitischmierer betätigt. Ich weiß, man soll deren Frevel nicht im Netz verbreiten; hier sei mir eine Ausnahme gestattet – nicht, weil der Schriftzug besonders gelungen oder sonstwie zeigenswert wäre, vielmehr weil ich mich frage, wie er den dort oben in luftiger Höhe angebracht haben mag.

Bundesgalgen mit Banane

Samstag: Laut einer Befragung zu Rechtsextremismus in Deutschland befürworten knapp sieben Prozent der Befragten eine Diktatur. Wieder einmal fragt man sich: Was geht in diesen Leuten vor? Was, glauben sie, würde sich dadurch für sie oder generell verbessern? Können wir denen nicht eine Flugreise nach Nordkorea spendieren, ohne Rückflug? (Wie lange wird es noch möglich sein, derartiges zu äußern, ohne staatliche Repressalien fürchten zu müssen?)

Abends besuchten wir das GOP-Theater, ein Varieté-Theater im ehemaligen Regierungsviertel. Dort war nicht nur viel sehenswerte Haut zu bewundern, auch und vor allem beeindruckten die Mitwirkenden auf der Bühne damit, welche Bewegungen und Verrenkungen menschliche Körper zu vollbringen vermögen, während ich nichtmal freihändig Fahrrad fahren kann.

Sonntag: Auch kurz nach Beginn des kalendarischen Herbstes zeigte sich das Wetter noch sommerlich. Deshalb entfiel auch heute der Sonntagsspaziergang zugunsten einer längeren Radtour mit dem Liebsten, rechtsrheinisch bis Erpel, dort mit der Fähre rüber nach Remagen, linksrheinisch zurück, insgesamt fast fünfzig Kilometer, die sich auch ohne Elektrounterstützung gut fahren ließen. In einem kleinen, sehr netten Biergarten mit Strandkörben am Rhein vor Rolandseck stärkten wir uns mit Bier aus der Eifel. Wir wohnen nun seit vierundzwanzig Jahren in Bonn und haben diese wirklich schöne Tour nie zuvor gemacht. Da muss man sich schon fragen: Warum eigentlich nicht? Wahrscheinlich einfach zu naheliegend.

Rhein bei Unkel
Erpel aus der Fährbootperspektive
Drachenfels bei Königswinker, links daneben Schloss Drachenburg

In Unkel sah ich vor einem Lokal ein Schild mit dem Hinweis, man könne leider nicht öffnen wegen Personalmangels. Ein Zustand, wie zu befürchten ist, an den wir uns mittelfristig gewöhnen müssen, nicht nur in gastronomischen Zusammenhängen. Schon heute fallen aus demselben Grund Busse und Bahnen aus, Läden bleiben geschlossen, Pakete werden verzögert zugestellt. Vielleicht kommen demnächst auch Polizei und Feuerwehr nicht mehr auf Notruf, weil niemand mehr diesen Job machen will.

Als ich abends Gyros holte, leuchtete das ehemalige Krankenhaus in der Nachbarschaft sehr sehenswert.

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Kommen Sie gut durch die Woche.

Prognose

Neulich wachte ich nachts mal wieder ohne besonderen Grund auf und es dauerte einige Zeit, bis ich wieder einschlief. In solchen Wachphasen kommen manchmal Fragen, Ideen, Gedanken, wie dieser: Wie geht es mit der Menschheit weiter, was könnte sein in zehn, hundert, tausend, hunderttausend, eine Million Jahren? Vielleicht so:

In zehn Jahren wird sich nicht sehr viel geändert haben. Die Sommer sind noch etwas heißer, in einigen Regionen das Wasser knapper. Unser Konsum- und Reiseverhalten ändert sich dadurch nicht. An die ständigen Nachrichten über Dürren, Waldbrände, Unwetter und Überschwemmungen haben wir uns gewöhnt, wir akzeptieren sie als Preis für Wohlstand, Wachstum und unbegrenzte (Auto-)Mobilität.

Nach wie vor ist das Auto das Verkehrsmittel Nummer eins, dem sich, trotz aller Bemühungen, die Innenstädte vom Autoverkehr zu befreien, alle anderen unterzuordnen haben, immerhin inzwischen überwiegend mit Elektroantrieb. Der Anteil der SUV hat sich weiter vergrößert. Der Umgang der Verkehrsteilnehmer untereinander ist noch rauer, vor allem Auto- gegen Radfahrer. Auf deutschen Autobahnen gibt es weiterhin kein Tempolimit. Das Autoposen mit knallenden Auspuffen ist strengstens verboten und wird hart bestraft. Immerhin.

Die Union regiert wieder, vielleicht heißt der Bundeskanzler Linnemann, vermutlich nicht Merz. Koalitionspartner sind die Grünen. Die AfD ist weiter erstarkt, auf Bundesebene will noch keine Partei mit ihr zusammenarbeiten. Anders in den Bundesländern: In Sachsen ist sie Koalitionspartner der CDU, in Thüringen stellt sie den Ministerpräsidenten.

Die Meinungsfreiheit ist weiterhin sichergestellt, doch wird die Empörung vor allem in den elektronischen Hetzwerken immer schriller, sobald jemand öffentlich eine von der Allgemeinheit abweichende Meinung äußert oder falsch, womöglich gar nicht gendert.

Auf CSD-Paraden kommt es zunehmend zu Anfeindungen und Gewalt, von rechten Gruppen wie von Islamisten.

Der Duden empfiehlt beim Gendern die Schreibweise mit Doppelpunkt.

Die Pünktlichkeit des Bahn-Fernverkehrs liegt im Jahresschnitt bei dreiundvierzig Prozent. Den Verkehrsminister stellt die CSU.

Die Rolling Stones veröffentlichen ein neues Album und gehen noch einmal auf Abschiedstournee.

In hundert Jahren wird Deutschland, wie die meisten europäischen Länder, von Rechtsautoritären regiert. Eine nennenswerte Opposition gibt es nicht, die Grünen sind verboten. Abweichende Meinungen von der offiziellen Linie und jede Kritik an Regierung und Präsidenten werden hart bestraft. Es kommt zu Inhaftierungen und Einweisungen in Umerziehungslager, aus denen viele nicht zurückkehren. Die Todesstrafe ist wieder eingeführt.

Immer mehr Regionen der Welt sind wegen hoher Temperaturen und Wassermangels dauerhaft unbewohnbar, immer mehr Menschen streben in Richtung Norden, wo es zu heftigen Konflikten und Verteilungskämpfen kommt. Deutschland hat seine Grenzen geschlossen, ein strenges Einwanderungsgesetz regelt, dass Zuwanderung nur noch unter bestimmten Voraussetzungen wie einer hohen Qualifikation, perfekten Deutschkenntnissen und passender Hautfarbe möglich ist. Das Recht auf Asyl ist aufgehoben, Abschiebungen sind jederzeit möglich.

Homosexualität ist verboten und führt zu Haftstrafen. Die Regenbogenflagge gilt als verfassungsfeindliches Symbol.

Strom und Wasser werden rationiert, immer wieder kommt es zu stundenlangen Stromausfällen, vor allem in den Armensiedlungen.

Die Rolling Stones geben ihr letztes Konzert.

In tausend Jahren ist die Zahl der Menschen drastisch gesunken, nachdem die Strom- und Wasserversorgung weltweit zusammengebrochen ist. Zudem sind Milliarden von Menschen im Dritten Weltkrieg und durch mehrere Pandemien umgekommen. Staatliche Strukturen, öffentliche Ordnung, Recht und Gesetz existieren nicht mehr, es gilt das Recht des Stärkeren. Was wir heute Zivilisation nennen, gibt es nicht mehr.

Weite Teile der Erde sind unbewohnbar, viele Gebiete und Regionen im Meer versunken. Häufige Unwetter mit Hagel, Tornados und Überschwemmungen setzen den verbliebenen Menschen zu, hinzu kommt eine erhebliche weltweite Rattenplage.

In hunderttausend Jahren ist der Mensch, bis auf ein paar indigene Völker in den wenigen verbliebenen Dschungelgebieten und Keith Richards, nahezu ausgestorben. Nach Ausbruch mehrerer Supervulkane wie den Phlegräischen Feldern bei Neapel und unter dem Yellowstone-Nationalpark war die Erde jahrelang in Dunkelheit gehüllt, was zu erheblichen Ernteausfällen führte.

In einer Million Jahren ist die Erde vollständig vom Menschen befreit, all seine Spuren, Städte, Straßen und Bauwerke sind verschwunden unter Wasser, Erdschichten und Eis. Nur ein paar Atommüllreste strahlen im Boden noch vor sich hin. Die Ratten und Keith Richards stört es nicht.