Woche 13/2024: Nahezu unerschütterliche Höflichkeit und instagramable Gesichtszüge

Montag: Da man auch im Burgund nicht permanent nur essen und Wein trinken kann, liehen der Liebste und ich uns heute die hoteleigenen Fahrräder und fuhren damit durch Weinberge und -dörfer bis ins etwa fünfundzwanzig Kilometer entfernte Santenay, nach kurzer Rast mit Pain au chocolat und Rosinenschnecke (ohne Weinbegleitung) aus der örtlichen Boulangerie wieder zurück. Wie bereits im letzten Sommerurlaub wusste ich die bedarfsweise Unterstützung durch einen Elektroantrieb bei solchen Touren wieder sehr zu schätzen.

In den Weinbergen wurde emsig gearbeitet an den noch blattlosen Reben, auf dass der Jahrgang 2024 gelinge und von Kennern zu Höchstpreisen gekauft werde. Währenddessen stellte ich mir vor, statt Wein würde man seit Jahrhunderten Hanf anbauen und in Deutschland würde jetzt über die Legalisierung von Alkohol debattiert.

Kirschblüte bei Meursault
Vergangene Pracht in Meursault
‎⁨Chassagne-Montrachet⁩
Bei ‎⁨Chassagne-Montrachet⁩
Nicht nur dieser Ort steht zurzeit Kopf. Mehr dazu bei Bedarf hier.

Der Geliebte blieb unterdessen in Beaune und kaufte den hiesigen Lidl leer, auf dass wir am Samstag nicht mit zu viel Luft im Wagen nach Hause fahren.

Dienstag: Im Gegensatz zu gestern zeigte sich der Tag regnerisch-trüb. Nach dem deutlich späteren Frühstück begaben wir uns in die örtliche Kultur, genauer ins Cité des Climats et vins de Bourgogne, ein neu gebautes Informationszentrum über, wie sollte es anders sein: Wein. Thematisch reicht die gut gemachte, teilweise interaktive Ausstellung von der erdgeschichtlichen Entstehung der Region über Anbau und Herstellung bis zum korrekten Servieren von Wein und Cremant, wobei über den weit verbreiteten Irrtum aufgeklärt wird, Rotwein und Käse seien natürliche Verbündete; zu vielen Käsesorten passt Weißwein viel besser. Damit die Wissensvermittlung nicht zu theoretisch-trocken bleibt, wird auch ein Probierschlückchen gereicht.

Une œvre d’art
Die Bedürfniseinrichtungen in der zugehörigen Gastronomie sind sehr sauber

Mittwoch: Mindestens zweimal fand ich heute das Verhalten von Menschen, sagen wir: bemerkenswert. Zuerst im Frühstücksraum des Hotels, wo sich morgens eine größere Gruppe aufhielt, deren Mitglieder sich offenbar kannten, vielleicht Angehörige derselben Firma auf einer geschäftlichen Veranstaltung. Nach vollzogenem Frühstück hielt man sich noch länger auf, lief von Tisch zu Tisch und blieb dort schwatzend stehen. Eine Frau stand längere Zeit direkt an unserem Tisch und telefonierte. Nur meine nahezu unerschütterliche Höflichkeit hielt mich ab, ihr einen Platz auf meinem Schoß oder direkt meinen Stuhl anzubieten.

Vormittags nahmen wir an einer durch das Hotel vermittelten Führung durch ein örtliches Weingut teil. Mit uns vier Amerikaner, deren eine äußerlich gewisse Ähnlichkeit mit Yoko Ono aufwies. Sie verbarg ihr Antlitz zeitweise hinter einer riesigen Sonnenbrille und widmete ihre Aufmerksamkeit lieber ihrem Datengerät statt dem Vortrag. Das fand ich ungezogen gegenüber der jungen Erklärerin.

Donnerstag: Nachdem die Business-Bande offenbar abgereist war, herrschte morgens im Frühstücksraum wieder angenehme Ruhe. Zu hören waren nur leises Gemurmel, Frühstücksgeklapper, dezente Hintergrundmusik und das Rauschen des Eierkochbeckens. Am Ende kamen wir mit einem deutschen Paar ins Gespräch, das sich dankbar zeigte für ein paar Tipps zu Unternehmungen in der Umgebung, deren wir reichlich geben konnten.

Nach dem Frühstück fuhren wir nach Dijon, berühmt für seinen Senf, den es immer noch gibt, obwohl dort inzwischen weder welcher angebaut noch hergestellt wird, sagt der Liebste; ich habe keinen Grund, daran zu zweifeln. Ansonsten machten wir dort außer ein paar Einkäufen (Textilien und Tee) und der Stärkung in einem Bistrot nichts erwähnenswertes. In der Markthalle herrschte eine Stunde vor Schließung schon Abbaustimmung, viele Stände waren bereits abgeräumt, die Bar zu unserem Bedauern geschlossen.

Dijon mit beeindruckenden Schornsteinen

Beim Überfliegen eines Zeitungsartikels über einen Bonner Sternekoch (beziehungsweise Sternkoch, er hat nur und immerhin einen) empfand ich Dankbarkeit dafür, dass meine Eltern für mich die Namen Carsten Rainer und nicht Rainer Maria ausgewählt haben.

Freitag: Heute ist Karfreitag. Die Franzosen, seit geraumer Zeit die saubere Trennung von Staat und Religion gewöhnt, schert das nicht. Derweil wird in Deutschland, wie jedes Jahr, darüber diskutiert, ob das Verbot von Tanzvergnügen an stillen Feiertagen noch zeitgemäß ist. (Meines Erachtens nicht. Wer Jesus betrauern möchte, kann das tun, doch sollte die ungläubige Mehrheit dadurch nicht behelligt werden.)

Nach dem Frühstück gingen meine Lieben mit kommerziellen Absichten in die Stadt. Da mich Einkäufe eher langweilen, machte ich einen Spaziergang in die nähere Umgebung des Hotels, unter anderem durch einen recht hypschen Park. Wegen einsetzenden Regens ging ich bald zurück mit feuchten Zehen und der Erkenntnis, dass die letztens erstandenen Adidas-Schuhe nur für trockenes Wetter geeignet sind.

Beeindruckende Unterwasservegetation
(Keine) Einkehrmöglichkeit im Parc de la Bouzaise

Samstag: Die Woche in Beaune ist vorüber. Nach dem Frühstück und Begleichung der beachtlichen Hotelrechnung (im Rahmen der Erwartung, das war es wert) machten wir uns bei trübem Regenwetter auf den Rückweg nach Bonn.

Kurz vor Luxemburg plagte meine Lieben Appetit auf Schnellessen, deswegen suchten wir an einer Raststätte das dortige Restaurant zum güldenen M auf. In einem solchen war ich schon seit Jahren nicht mehr. Man bestellt nicht mehr persönlich am Tresen unter Beantwortung zahlreicher Fragen, sondern wählt und bezahlt das Gewünschte an einem großen Bildschirm, erhält einen Beleg mit Wartenummer und holt das Mahl nach Aufruf nämlicher Nummer am Tresen ab. (In unserem Fall musste erst eine Servicedame den Beleg operativ aus dem Bestellapparat entnehmen, da er ihn nicht freiwillig preisgab. Ganz ohne Menschen geht es eben nicht, hat auch was Tröstliches.) Mein erster Cheeseburger nach langer Zeit zeigte mir, wie sehr ich derlei vermisst habe: überhaupt nicht. Aber wahrscheinlich war ich einfach nur verwöhnt nach einer Woche burgundischer Küche.

Danach suchten der Geliebte und ich die Toilettenanlage im Untergeschoss auf. Nach Überwindung der Bezahlschranke gerieten wir versehentlich in die Damenabteilung, wie wir erst beim Verlassen der Anlage bemerkten; bei der Beschilderung sehe ich Verbesserungspotential. Erstaunlicherweise wurden wir weder beschimpft, noch sind Verluste primärer Geschlechtsorgane zu beklagen.

Sonntag: Morgens um sieben von Blasendruck geweckt hörte ich in der Ferne zahlreiche Glocken durcheinander läuten, ganz leise und nicht störend. Vielleicht, weil die österliche Läuteordnung das so vorsieht, ich kenne mich da nicht aus. Nur die nahe Stiftskirche schwieg ohrenscheinlich, vielleicht hatte der zuständige Glöckner verschlafen, oder die Glocken waren mit der Bahn nach Rom gereist und standen nun auf der Rückreise wegen einer Stellwerksstörung vor Koblenz. Oder ein Anwohner hat erfolgreich gegen das Frühläuten geklagt.

Die Uhrenumstellung hatte ich erst für die kommende Nacht im Sinn (oder „auf dem Schirm“, wie es im Werk oft heißt), war deswegen etwas überrascht, bereits heute eine Stunde später das Bett zu verlassen. Das ist nicht schlimm, bis zum Montagmorgen, der in der kommenden Woche auf Dienstag fällt, wird sich das eingependelt haben.

Nach dem späten Frühstück, erstmal in diesem Jahr auf dem Balkon, unternahm ich einen besonders langen Spaziergang, zumal das wöchentliche Gehpensum urlaubsbedingt nicht erreicht war. In der Inneren Nordstadt zieht die berühmte Blüte der Zierkirschen wieder zahlreiche Besucher aus aller Welt an, um instagramable Fotos von sich zu machen beziehungsweise machen zu lassen. Dabei stellen sie, insbesondere die jungen Frauen, Posen und Gesichtszüge zur Schau, die nur schwer zu beschreiben und erst recht nicht nachzuahmen sind.

So jedenfalls nicht

Am frühen Abend unterbrach heftiger Regen mit Gewitter das Treiben, dies bitte ich ohne jede Schadenfreude zu verstehen. Nachdem der Regen durch war, der Himmel im Osten noch dunkel, füllte sich die Breite Straße wieder, auch die Blüten haben keinen Schaden genommen, ich habe extra noch mal für Sie nachgeschaut. Wenn Sie also ebenfalls eine Reise nach Bonn zum Blütenschauen planen, lassen Sie sich nicht davon abhalten, noch lohnt es sich.

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Kommen Sie gut durch die Woche. Joyeuses Pâques.

Woche 12/2024: Teilweise gleichgültig

Montag: Bereits um halb neun die erste Besprechung, die volle Konzentration und aktive verbale Teilnahme meinerseits erforderte. Das mag ich frühmorgens und erst recht montags überhaupt nicht. Man kann es sich nicht immer aussuchen.

Eine lästige Begleiterscheinung der Werktätigkeit sind Zielvereinbarungen und Leistungsbeurteilungen, aus denen sich die Höhe der jährlichen Bonuszahlung ergibt. Ich halte das für entbehrlich, ein Bonus motiviert mich nicht, besser, schneller oder mehr zu arbeiten. Wenn man mir also zusätzlich zum regelmäßigen Monatsgehalt etwas draufzahlen möchte, wogegen nichts einzuwenden ist, könnte man das wesentlich vereinfachen: Man nehme hundert Prozent der sogenannten variablen Vergütung, meinetwegen auch nur achtzig oder neunzig, teile sie durch zwölf und schlage sie monatlich dem Regelgehalt zu, das würde viel Zeit sparen. Aber mich fragt ja keiner. Zusätzlich muss mein Chef jedes Jahr eine Potentialeinschätzung zu meiner Karriereentwicklung abgeben. Ich habe diesbezüglich nur noch geringe Ambitionen, er weiß das, dennoch verlangen es die Regularien. Neben viel Lob und Anerkennung meiner zweifellos guten Arbeit *räusper* schrieb er: »Wirkt bzgl. Veränderungen teilweise etwas gleichgültig«. Treffender hätte er nicht auf den Punkt bringen können, dass mir mittlerweile vieles, um das allgemeines Geschrei gemacht wird, an südlichen Körperregionen vorbei geht. Offensichtlich kennt er mich gut.

Mit entspannter Gleichgültigkeit ließ ich am Nachmittag mehrere wirklich schlecht gemachte Präsentationen mit viel zu viel Text und wirren Grafiken über mich ergehen. Schnell verlor ich das Interesse am Inhalt und achtete nur noch darauf, wie oft die Vortragenden „Genau.“ sagten (sehr oft). Das ist nicht schlimm, weder wird das Vorgetragene später abgefragt noch ist es sonstwie prüfungsrelevant.

Abends las ich in der Zeitung: »Phänomen Kinderfüße – Ob nach der Kita oder dem Spielplatzbesuch: Jungs und Mädchen transportieren unglaubliche Mengen Sand in ihren Schuhen. Ein Orthopäde versucht, das Mysterium aufzuklären« Das Sommerloch scheint dieses Jahr besonders früh zu gähnen.

Dienstag: Des nachts geträumt: Kurz nach meiner Geburt beugten sich mehrere Wissenschaftler in weißen Kitteln über mein Kinderbettchen, einer sagte: „Wenn wir wüssten, wie es dazu kommen konnte, hätten wir die Welt entschlüsselt.“

Morgens gedacht: Kino und heimischem Bad ist gemeinsam, dass ich die gleichzeitige Anwesenheit anderer Menschen dort als äußerst störend empfinde. Deshalb meide ich Kinos schon seit längerem, wohingegen ich um den allmorgendlichen Badaufenthalt nicht herumkomme.

Dienstagsüblich ging ich zu Fuß ins Werk mit den üblichen Erschei- und Begegnungen.

Stau auf der Konrad-Adenauer-Brücke, in Zeiten knapper Zeit allgemein nur Südbrücke genannt

Als Fußgänger nimmt man Details am Wegesrand wahr, die dem Rad- und Autofahrer im Vorbeisausen zumeist verborgen bleiben.

Experten raten, mit Trinken nicht zu warten, bis der Durst kommt

Seit gestern ist das Büro neben meinem nach jahrelangem Leerstand wieder belegt, durch die hellhörig-dünne Rigipswand dringt wörtliche Rede, anscheinend telefoniert mein neuer Nachbar Umwohnender gerne. Für mich bedeutet das Umgewöhnung und Zurückhaltung bei den üblichen Selbstgesprächen, sobald ich mich allein wähne.

Vormittags kam die dicke Taube angeflogen, lief vor dem Fenster ein paar mal auf und ab, schaute abwechselnd auf den leeren Futterteller und auffordernd-vorwurfsvoll mich an, ehe sie wieder abflog und nicht wiederkehrte. Ich tat beschäftigt.

Mittwoch: Hey Basti, Alex, Chris und Flo, glaubt ihr wirklich, eure Eltern hätten für euch diese schönen Namen ausgesucht, damit ihr sie derart lächerlich verstümmelt?

Donnerstag: Am Rheinufer wurde morgens eine Schießbude aufgebaut, davor stand ein Taxi aus vergangenen Zeiten. Wenig später verstand ich: Sie waren Bestandteil von Dreharbeiten für eine ZDF-neo-Serie, wie ein an einem Pfahl angebrachter Aushang informierte. We häufig mag ich mich schon über Dinge am Wegesrand gewundert haben, bei denen es sich in Wahrheit um Filmrequisiten handelte. Manchmal dann für einen ziemlich schlechten Film.

Schiesshalle mit Schreibfehler

Vormittags geriet ich beim Erstellen einer Anwendungsbeschreibung in den Zustand, der allgemein als Flow bezeichnet wird. Das ist auch mal ganz schön.

„Da scheint am Code was faul zu sein“, hörte ich in einer Besprechung, woraufhin kurzzeitig olfaktorisches Ungemach in meine geistige Nase drang.

„Hallo … mögen Sie Kinder?“ – „Nein, ich finde Kinder furchtbar.“ – „Auch Ihre eigenen?“ – „Das sind die schlimmsten.“ – Dieser Dialog hätte ablaufen können, als mich auf dem Heimweg in der Innenstadt eine junge Frau ansprach, die zum Infostand einer Kinderschutzvereinigung gehörte, der geschickterweise so an einer baustellenbedingten Engstelle platziert war, dass man ihm und seiner Besatzung nicht ausweichen konnte. Tatsächlich lief es so ab: „Hallo der Herr, darf ich Sie kurz …“ – „NEIN DANKE.“ – „Sind Sie Anwalt?“, rief sie mir noch hinterher, wie auch immer sie darauf kam.

Das schlimmste Kind ist im Übrigen das aus der Kijimea-Reklame. Ähnlich wie der überdrehte Seitenbacher-Schwabe ein überzeugender Grund, das beworbene Produkt zu meiden.

Freitag: Würde ich dazu neigen, mich über Dinge aufzuregen, hätte ich morgens Gelegenheit dazu gehabt, als ein stehend warnblinkender Lieferwagen die Radspur an der stark befahrenen Adenauerallee in voller Breite blockierte und mich mit dem Rad auf den Gehweg nötigte. Statt zu zürnen machte ich ein Foto davon und schickte es mit dem vorgesehenen Formular ans Ordnungsamt. Das nützt überhaupt nichts, indes war mir heute danach.

Die frühe Besprechung am Montag war nicht vergebens: Vorletzte Woche Mittwoch beklagte ich, dass sich eine Werksangelegenheit aus rein formalistischen Gründen voraussichtlich um vier Wochen verzögern wird, »Es sei denn, bestimmte Kollegen drücken ein Auge zu, was so wahrscheinlich ist wie Trumps Verzicht auf die Präsidentschaftskandidatur und die Erreichung der Klimaziele durch die Bundesregierung«, schrieb ich dazu. Die Welt kann hoffen: Kurz vor Arbeitsende erreichte mich die Nachricht, dass die Kollegen zugestimmt haben. Für den höchst unwahrscheinlichen Fall, dass Beteiligte hier mitlesen: Vielen Dank!

Samstag: Morgens brachen wir auf nach Beaune im Burgund, wo wir nach etwa fünf Stunden weitgehend ereignisloser Fahrt angekommen sind. (Da wir zum Zeitpunkt der Notiz noch hier sind, ist Perfekt wohl die korrekte Zeitform.) Das Hotelzimmer war bei Ankunft noch nicht bezugsfertig, deshalb gingen wir in die Stadt auf einen ersten weinbegleiteten Imbiss. Das Wetter zeigt sich aprilig mit Sonne und ab und an etwas Regen, dazu weht kühler Wind durch die Straßen. Ansonsten fanden wir die Stadt und das Hotel dem ersten Eindruck nach so vor, wie wir sie zuletzt nach Weihnachten zurückgelassen hatten. Wir sind sehr zufrieden.

Sonntag: Zu sonntagsunangemessener Zeit waren wir morgens auf, weil der Geliebte weit vor acht Uhr, somit lange vor meiner Sprechzeit, nicht mehr schlafen konnte und das Gespräch suchte. Offensichtlich war die Weinmenge am Vorabend unzureichend, das müssen wir bei der Abendplanung künftig berücksichtigen.

Nach dem Frühstück unternahmen wir eine Ausfahrt nach Cluny, wo wir die Reste der einstmals größten christlichen Kirche der Welt besichtigten, bevor sie den Menschen der Region als Steinbruch diente; im achtzehnten Jahrhundert nahm man es mit dem Denkmalschutz noch nicht so genau. Man muss nicht gläubig sein, um von den Rudimenten auch heute noch angemessen beeindruckt zu sein.

Auf dem Weg dorthin machten wir Halt in Chagny, wo heute Markt war. Neben den üblichen Produkten wie Käse, Obst, Gemüse, Brathähnchen, Billigtextilien und Handyhüllen war an einem erstaunlich gut frequentierten Stand lebendiges Geflügel zu erstehen. Die Tiere wurden einem Gatter entnommen und in einen geräumigen Karton verbracht, der zugeklebt dem Käufer übergeben wurde. Das ließen die Vögel ohne erkennbaren Widerstand über sich ergehen, als hätten Sie mit ihrem Schicksal abgeschlossen. Manchmal ist das ja von allen Optionen die beste.

Was würde PETA sagen?
Robuster Marktbeschickerhumor

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Abgeschossen ist nun auch dieser Wochenrückblick, kommen Sie gut durch die neue Woche.

Woche 11/2024: Bedankt euch bei den Tauben

Montag: Es regnete den ganzen Tag, deshalb war die Stadtbahn heute Verkehrsmittel der Wahl. Dankenswerterweise wurde sie nicht bestreikt, was zurzeit alles andere als selbstverständlich ist. Bitte nicht als Klage verstehen, ich gönne den Öffentlichen Verkehrsbetreibenden eine angemessene Bezahlung. Wenn die nur per Arbeitskampf zu erzielen ist, ist das so, das müssen wir aushalten.

Dennoch ließ meine persönliche Stimmung heute zu wünschen übrig, allgemeine Unbehaglichkeit lag über dem Tag; sollte ich mich mit einem Tier vergleichen, wäre Miesmuschel die passende Entsprechung gewesen. An solchen Tagen machen mich schon Kleinigkeiten aggressiv, etwa Bilder mit Menschen, die ihre Finger zu Herzen formen, oder der junge Kerl, der mir auf dem Rückweg in der Bahn gegenübersaß, einen Kugelschreiber in der Hand hielt und unentwegt mit dem Daumen den Druckknopf betätigte, klick-klick-klick-klick, während seine Aufmerksamkeit, wie soll es anders sein, dem Datengerät galt. Damit nicht genug, zog er einen zweiten Kugelschreiber aus der Jackentasche, hielt nun beide in der Hand und drückte abwechselnd darauf herum, klick-kleck-klick-kleck.

Dabei bot der Tag, objektiv betrachtet, wenig stimmungstrübendes Unbill, auch dem Wetter ist nichts anzulasten, grundsätzlich mag ich Regentage, meine Laune wäre auch bei Sonnenschein nicht heller gewesen. Auch solche Tage muss man aushalten.

Gelesen bei Herrn Buddenbohm und „genau so ist es “ gedacht:

»Ab und zu überlege ich, allerdings nur aus müßigem Interesse, keineswegs anlassbezogen oder gar mit finsterer Absicht, bei gewissen Aspekten des Lebens, wie sie wohl für mich ausfallen würden, lebte ich allein, ohne Familie und Partnerin. Und ich denke, saisonale Deko hätte ich dann sicher nicht. Kein einziges Stück. Stets nach Möglichkeit Blumen oder auch Grünzeug der Jahreszeit auf dem Tisch, das schon, aber bunte Hasen und bemalte Eier und dergleichen … nein.«

Dienstag: Der Tag war durchgehend trübe und kühl, auch meine Stimmung aufgrund eines familiären Themas, für das ich noch keine passende Lösung weiß, zunächst weiterhin gedämpft. Sie hellte deutlich auf nach einem klärenden Telefongespräch meine künftige Wochenarbeitszeit betreffend. Wenn alles meiner Vorstellung und Hoffnung entsprechend verläuft, noch maximal neun Monate in Vollzeit, vielleicht auch nur sechs.

Trüb und kühl

Abends wurde ich untreu gegenüber meinem langjährigen Frisiersalon. Auf Empfehlung probierte ich einen anderen aus. Ohne Termin kam ich sofort dran, der Haarschnitt erfolgte ohne unnötige Wortwechsel zu meiner vollen Zufriedenheit für nicht einmal den halben Preis gegenüber vorher. Als künftiger Teilzeitarbeitnehmer muss man frühzeitig nach Einsparmöglichkeiten schauen.

Mittwoch: Aufgrund einer meteorologischen Fehleinschätzung traf ich morgens mit dem Fahrrad die falsche Auswahl des Verkehrsmittels, um ins Werk zu gelangen; der Niesel zeigte sich wesentlich ergiebiger als vermutet. Dadurch saß ich zunächst mit nassen Hosenbeinen am Schreibtisch. Als Kind und Jugendlicher waren mir nasse Hosenbeine zuwider, heute sehe ich es wesentlich gelassener, zumal nach gut einer Stunde alles getrocknet war. Andere müssen in Jogginghose zu Hause arbeiten, das ist viel schlimmer.

Mittags gingen wir kurz vor der Hauptspeisezeit zu dritt in die Kantine, dort ein jeder seinem Appetit folgend zu einer anderen Ausgabetheke. Danach verloren wir uns im allgemeinen Mahlzeitgemenge und fanden trotz intensiver Suche nicht mehr zueinander. Daher aß ich den Erbseneintopf von Mitessern unbegleitet, er schmeckte dennoch vorzüglich, den dürfte es gerne viel öfter geben. Nächstes Mal vereinbaren wir einen Sammelplatz.

Man sagt übrigens nicht mehr „Nachbarn“, es heißt jetzt „Umwohnende“, ist der PSYCHOLOGIE HEUTE zu entnehmen.

Donnerstag: Von meinen Lieben muss ich mir des öfteren den Anwurf gefallen lassen, zu viele unnötige Fragen zu stellen. Deshalb werde ich fortan und bis auf weiteres jedes Fragen im häuslichen Umfeld weitestgehend reduzieren. Doch bin ich nicht der einzige mit Fragen: „Was sind das da für gelbe Blumen?“ fragte mich heute einer ungefähr in meinem Alter, als wir mittags durch den Park gingen, und zeigte auf die Narzissen. Manchmal frage ich mich – aber nein, ich frage ja nicht mehr.

Freitag: Laut einer Zeitungsmeldung wurden die Vorstandsvergütungen bei der Deutschen Bank wegen Gewinnrückgangs und Postbank-Problemen für das Jahr 2023 gekürzt. Inklusive Boni erhalten die Herrschaften zusammen nur noch 64,6 Millionen Euro gegenüber 64,9 Millionen im Vorjahr. Das ist hart und wird ihnen zu denken geben.

Doch nicht nur Geld macht glücklich.

Das Leben geht weiter

Apropos unersättlich: Die Vogelfütterung vor dem Bürofenster wird bis auf weiteres eingestellt, obwohl der Futtervorrat noch nicht aufgebraucht ist. Grund: Bislang labten sich abwechselnd Raben, Elstern, Amseln, Rotkehlchen, Meisen und Halsbandsittiche am Teller. Sie kamen, pickten einige Körner und flogen ihres Weges; eine Tellerfüllung reichte etwa zwei Tage, ehe nachgefüllt werden musste. Jetzt pickt eine dicke Taube den Teller innerhalb einer Stunde leer, nur die Rosinen bleiben ungepickt zurück, anscheinend mag sie kein Trockenobst. Nicht, dass ich ihr das nicht gönnte, doch erscheint sie mir reichlich verfressen, das muss ich nicht unterstützen. Außerdem ist das Füttern von Tauben in Bonn verboten. Liebe Vogelschar der Gronau, es tut mir leid. Bedankt euch bei den Tauben.

Samstag: Der Wecker weckte zu samstäglicher Unzeit, da ein Mutterbesuch in Bielefeld anstand. Dort, in Mutters Stube, fiel mir eher zufällig ein, dass heute unser kleiner Hochzeitstag ist, als ich das Hochzeitsfoto auf der Anrichte sah. Kleiner Hochzeitstag, ich erklärte es vermutlich schon, weil wir heute vor sechs Jahren nach Öffnung der Ehe für alle nochmals „richtig“ heirateten, nachdem wir bereits siebzehn Jahre zuvor im Mai die Eingetragene Lebenspartnerschaft gefeiert hatten. Deshalb ist der große, oder richtige Hochzeitstag weiterhin im Mai. Kann sein, dass ich das nächstes Jahr wieder erkläre, bitte sehen Sie es mir nach.

Im General-Anzeiger wird jeden Samstag eine rheinische Redewendung vorgestellt und erklärt. Heute eine echte Delikatesse, die für Nichtrheinländer und Zugezogene wie mich unerläutert kaum zu verstehen ist: »Han, sähten se, däten se et net, ävver krieje, sähten se, künnt sin, datt se et dähte«, wörtlich übersetzt: »Haben, sagten sie, täten sie es nicht, aber kriegen, sagten sie, könnte sein, dass sie es täten«. Na, ahnen Sie, was es bedeuten könnte? Nicht? Hier die Auflösung: »Der Artikel ist laut Lieferant zurzeit vergriffen, kommt aber vielleicht bald wieder rein.« Herrlisch.

Aus einer Weinbeschreibung, ebenfalls im General-Anzeiger: »Dahinter zeichnen die Aromen ein feines Porträt mit schwarzer Kirsche, Hagebutte und Holunderbeeren, frisch gemahlenem schwarzem Pfeffer, getrockneten Malvenblüten und gespitzter Bleistiftmine.« Gespitzte Bleistiftmine. Die spinnen, die Weinexperten.

Sonntag: Jochen Schmidt in der FAS: »Ich bin immer neidisch, wenn irgendwelche Berufsgruppen streiken, weil es bei mir überhaupt niemand merken würde, es merkt ja schon niemand, wenn ich arbeite!« Ich verstehe genau, was er meint.

Immer wieder bleibe ich daran hängen, wenn jemand sagt oder schreibt, drei Maschinen Wäsche gewaschen zu haben. Dann stelle ich mir einen Waschkeller vor, in dem drei Waschmaschinen nebeneinander vor sich hin rotieren. Das ist äußerst sprachpingelig, ich weiß. Lassen Sie sich dadurch bitte nicht davon abhalten, weiterhin von drei Maschinen zu sprechen, auch wenn Sie nur eine haben. Es fällt mir dann halt auf, das soll nicht Ihre Sorge sein.

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Kommen Sie gut und möglichst behaglich durch die Woche.

Woche 10/2024: Freie Fahrt für Freie Demokraten und sonnenbebrillte Aperoltrinker

Montag: Weiterhin von läufiger Nase und bellendem Husten belästigt beschloss ich am frühen Nachmittag, mich krankzumelden, alle Termine für morgen abzusagen, nach Hause zu fahren und mich ins Bett zu begeben. Manchmal geht es nicht anders, morgen sehen wir weiter, oder übermorgen.

Abends schaute ich auf Welt TV eine reißerische – nun ja: Dokumentation über die Auslöschung der Menschheit durch Außerirdische, die nicht frei war von unfreiwilliger Komik; alle paar Sekunden schlug irgendwo mit entsprechender Geräuschanimation ein Feuerball ein. Im ersten Werbeblock die Erkenntnis: Die Menschheit hätte es nicht anders verdient.

Dienstag: Die meiste Zeit des Tages verbrachte ich liegend. Alles Weitere ist hier nachzulesen.

Unbedingt lesenswert: Frau Anjes Betrachtungen zu Gendern und Heiraten.

Mittwoch: Da ich mich morgens nicht unwohler fühlte als üblich um diese Zeit, entschloss ich mich zur Wiederaufnahme der Werktätigkeit; wenn es nicht ging, konnte ich ja wieder nach Hause fahren und mich ins Bett legen. Auf einer Skala von eins bis zehn lag das Wohlbefinden nach Ankunft im Büro bei maximal sechs komma fünf, dennoch verlief der Arbeitstag insgesamt recht angenehm und er endete spät. Auch die offene Angelegenheit mit der Querschnittsabteilung konnte zum Abschluss gebracht werden, wenn auch einen Tag zu spät, was, wie schon gestern beklagt, aus rein formalistischen und nicht im Geringsten sachlichen Gründen zu einer mindestens vierwöchigen Verzögerung eines Vorhabens führen wird. Es sei denn, bestimmte Kollegen drücken ein Auge zu, was so wahrscheinlich ist wie Trumps Verzicht auf die Präsidentschaftskandidatur und die Erreichung der Klimaziele durch die Bundesregierung. Alle sind sich einig, dass das vor über zwanzig Jahren festgelegte Vorgehen Mist ist, ein echter Bullshit-Job im Graeberschen Sinne, der allen Beteiligten viel Arbeit bereitet und keinerlei erkennbaren Nutzen hat, doch niemand sieht sich in der Lage, es zu ändern. Wie den Klimawandel. Ich habe beschlossen, mich heute und in der Zukunft nicht mehr darüber zu ärgern, zumal auch das (gut) bezahlte Arbeitszeit ist. Gleichwohl werde ich jede sich bietende Gelegenheit nutzen, dagegen zu stänkern. Ich fühle mich bereits viel wohler.

In den Niederlanden wurden die Bußgelder für Verkehrsverstöße angehoben, steht in der Zeitung. Unter anderem kostet Falschparken jetzt mindestens hundertzwanzig Euro, bei Rot über die Ampel dreihundert und Telefonieren ohne Freisprecheinrichtung vierhundertzwanzig Euro. Undenkbar im Land der freien Fahrt für Freie Demokraten.

Donnerstag: Mit der Erkältung wird es immer besser, die Rückkehr zum Stofftaschentuch steht kurz bevor.

Morgens

Auf dem Rückweg vom Werk erregte augapfelstreichelnde Werbung (mindestens) die Aufmerksamkeit.

Schönes Haar ist ihm gegeben

Nach Rückkehr fragte mich der Geliebte, wie und wo ich beerdigt werden möchte. Außerdem hat er ein aufwändiges Blumengebinde gekauft. Gewiss, mein Husten wies in den vergangenen Tagen einen leicht finalen Klang auf, doch manchmal neigt er zur Übertreibung. Im übrigen ist es mir völlig egal, in welcher Weise man meine Überreste dereinst dem ewigen Kreislauf zuführen wird und ich verstehe Leute nicht, die dazu konkrete Vorstellungen und Wünsche haben.

Freitag: In Deutschland fehlen Grundschullehrer, wurde morgens im Radio gemeldet. Diese Not zu lindern könnte auch die Hochschule Aachen entsprechende Studiengänge anbieten. Kann sie aber nicht mangels Gebäude. Es gäbe schon eins, nur kann das nicht genutzt werden, da nicht barrierefrei. Dass eine Körperbehinderung Zugangsvoraussetzung für das Lehramt ist, ist mir neu. Die AfD lacht sich kaputt. (Bevor Empörung aufbraust und man mich des Ableismus bezichtigt: Ich bin für Barrierefreiheit. Doch ist ihre Abwesenheit meines Erachtens kein geeignetes Argument, sinnvolle und notwendige Dinge gar nicht zu tun.)

„Ich bin ein naturverliebter Mensch“ sagte einer in der Besprechung, was großen Raum für Spekulationen eröffnet.

Heute ist nicht nur Weltfrauentag, sondern auch:

Finde den Fehler.

Mittags gab es Currywurst mit Pommes und Kraut. Wann fing das an, dass es statt Krautsalat überall nur noch Coleslaw gibt, und hört das irgendwann wieder auf? (Ja, ich weiß, dass das nicht dasselbe ist.)

Ein berufliches Vorhaben meine Wochenarbeitszeit betreffend nimmt konkrete Formen an. In Kürze werde ich dazu wohl eine Entscheidung treffen, die das Leben noch etwas schöner macht, vor allem Donnerstags.

Samstag: Ich habe beschlossen, den Winter für beendet zu erklären. Zur Bekräftigung dieses Beschlusses habe ich die Winterjacke gegen die leichtere Daunenjacke getauscht. In der Sonne ist es fast warm, aber auch nur dort, wie ich beim ersten Freiluftbier der Saison auf einem schattigen Außengastronomieplatz feststellte, weil alle Sonnenplätze von sonnenbebrillten Aperoltrinkern belegt waren.

Utepils, wie der Norweger sagt

Schon lange erwäge ich, mir einen Hut zu kaufen. Heute wäre es beinahe dazu gekommen, ich befand mich bereits im Hutfachgeschäft und probierte vor dem Spiegel mehrere Hüte an. Doch keiner davon sagte mir richtig zu, mal war es die Farbe, mal die Breite der Krempe oder die Form des Hutbands; bei jedem dachte ich: Das sieht komisch aus. Vielleicht sollte ich demnächst nochmal in Begleitung dort hingehen, ganz ab bin ich von der Idee noch nicht. Sie muss noch etwas reifen.

Sonntag: Aus dem Interview der Sonntagszeitung mit dem Bayer-Chef Bill Anderson: »In großen Unternehmen verbringen manche Beschäftige ihr halbes Leben damit, wie sie für ihre Ideen die Zustimmung ihrer verschiedenen Vorgesetzten bekommen und welche Powerpoint-Folien sie für deren Nachfragen vorbereiten müssen.« Sie sehen mich heftigst nicken.

Nachmittags ging ich spazieren, wie jeden Sonntag.

Magnolienpracht am ehemaligen Krankenhaus
Mirabellenblüte auf der anderen Rheinseite
Stilleben mit Klo unter der Autobahn

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Kommen Sie gut durch die Woche, genießen Sie den Frühling.

#WMDEDGT im März: Präparate und Parteiprogramm

Heute ist der fünfte März, am Fünften eines jeden Monats ruft die geschätzte Mitbloggerin Frau Brüllen zur Pflege der Tagebuchblogkultur auf. Hierzu schreibt der geneigte Teilnehmer einen Aufsatz zum Thema „Was machst du eigentlich den ganzen Tag?“, kurz #WMDEDGT, und verlinkt ihn hier.

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Anfangs war ich versucht, auf meine Teilnahme in diesem Monat zu verzichten, denn gemacht im Sinne von aktivem Tun habe ich wenig, nachdem ich mich gestern krankgemeldet habe und heute zu Hause geblieben bin.

Um 10 Uhr verließ ich erstmals das Bett, nach nicht sehr aufwändiger Körperpflege begab ich mich an den Küchentisch, wo der Geliebte alles Erforderliche für das Frühstück bereitgestellt hatte: Rosinenstuten, Butter, Marmelade, eine Kanne Tee. Dazu diverse aufbauende Präparate, denen ich gewöhnlich mit Skepsis begegne und die einzunehmen ich zurzeit von meinen Lieben genötigt werde.

Die Lokführer wollen wieder streiken, las ich in der Zeitung, künftig auch ohne Ankündigung und über die Ostertage. Dazu wird Herr Weselsky zitiert: »Damit ist die Eisenbahn kein zuverlässiges Verkehrsmittel mehr.« Nach Lesen des Wortes „Damit“ musste ich unmittelbar husten, weil mir Lachen ohne zu husten im Moment nicht möglich ist.

Bevor ich zurück ins Bett ging, schaute ich kurz in den Werks-Maileingang, nicht aus Strebsamkeit oder Furcht, etwas zu verpassen, sondern in der Hoffnung, eine Querschnittsabteilung habe endlich die lange erwartete Stellungnahme geschickt, die bis heute abgegeben werden musste, um das Vorhaben einer anderen Abteilung nicht um vier Wochen zu verzögern. Die Hoffnung erfüllte sich nicht, dann eben nicht. Es kommen dadurch voraussichtlich keine Menschen zu Schaden.

Vormittags machten sich Gerüstbauer daran, das Nachbarhaus weiter einzurüsten, zu welchem Zweck ist unklar. Dabei gingen sie geräuschvoll vor, vermutlich geht das nicht anders. Zeitweise klang es, als übten sie mit den einzelnen Elementen Weitwurf, jeder Wurf wurde wortreich kommentiert.

Aus Interesse, was uns mittelfristig drohen könnte, begann ich, das AfD-Programm lesen; vermutlich man muss krank sein, um es zu lesen, insofern war heute die passende Gelegenheit dazu. Vieles liest sich harmlos, bei mancher vermeintlicher Tatsachendarstellung dachte ich: Wie kommen die bloß darauf? Darüber schlief ich wieder ein, trotz Gerüstwerferlärmes nebenan, und wachte erst gegen sechzehn Uhr wieder auf.

Gegen halb fünf kam der Geliebte gut gelaunt zurück und brachte einen langen handgeschriebenen Brief aus Bayern mit hoch, über den ich mich riesig gefreut habe. Liebe M., vielen lieben Dank dafür, er hat mir den Tag verschönert!

Zum Abendessen holte der Liebste was vom türkischen Imbiss, den wir am vergangenen Samstag während der kulinarischen Altstadtführung kennen gelernt hatten, für mich eine (oder ein?) Gözleme, vielleicht etwas trocken, indes schmackhaft und völlig ausreichend in meinem Zustand.

Husten und Naselaufen sind deutlich zurückgegangen, ob durch die vereinnahmten Präparate oder die Schonung, sei dahingestellt. Deshalb werde ich morgen voraussichtlich wieder ins Werk fahren.

Gleich muss ich noch eine Beileidskarte schreiben, somit werde ich heute doch noch was getan haben. Wenn auch im Futur zwei.