Kein Schmähgedicht

Werter Präsident der Türken,

betrachte ich so all dein Wirken,

fällt es mir schon ziemlich schwer,

dich zu mögen – nein vielmehr

möchte ich, wie Böhmermann

dich verschmähen irgendwann:

Bezichtigen dich vieler Leichen,

mit einem Nazi dich vergleichen.

Dich Drecksack schimpfen, Kurdentöter,

Schwerverbrecher, Volksverräter,

einen Teufel und Despoten.

Doch lasse ich es, da verboten.

Womöglich schickst du uns sonst Panzer,

das möchte ich nicht.

Grüße

Stancer

Ode an den Montag

Montagmorgen, sieben Uhr. Bevor der Nachrichtensprecher im Radiowecker einen Satz zu Ende sprechen kann, bringe ich ihn mit einem blind beherrschten Knopfdruck zum Schweigen. Nicht die Schlummertaste – eine in meinen Augen höchst unsinnige Erfindung, sie verlängert das morgendliche Leiden nur unnötig. Ich bin wach, oder – na ja – ich schlafe jedenfalls nicht mehr. Eine neue Woche beginnt, fünf neue Arbeitstage, fünfmal früh aufstehen. Eine grausame Erkenntnis, jede Woche erneut. Noch ein paar Minuten bleibe ich liegen, beklage stumm das Dasein, dann aktiviere ich alle verfügbaren Kräfte, raus aus dem Bett, ins Bad, wo mich zwei müde Augen aus dem Spiegel bedauernd anschauen.

Später lustlos eine Tasse Kaffee und ein Glas Wasser am Küchentisch, mehr bekomme ich um diese Zeit nicht runter, an essen nicht zu denken. Es soll Menschen geben, denen es mühelos gelingt, schon frühmorgens ein ausgiebiges Frühstück im fröhlichen Kreise der Lieben zu genießen. Wie machen die das nur? Stattdessen Trübsal am Küchentisch. Wenn sich die Menschen aufteilen in Eulen und Lerchen, dann bin ich eine Miesmuschel. Montagmorgen ist Mist.

Es hilft nichts, um kurz vor acht muss ich mich unter Menschen begeben, verlasse den Küchentisch und schleppe mich zur Haltestelle der Bahn. Da ist wieder dieser komische Vogel mit dem Käppi, der den Fahrscheinautomaten mit Münzgeld aus einem Blechdöschen füttert und sich einen Einzelfahrschein zieht, jeden Morgen. Warum macht er das? Warum kauft er sich keine Mehrfahrten- oder Monatskarte? Vielleicht sieht er darin ja einen unangemessenen Vorschuss an die Verkehrsbetriebe, dessen Einlösung er sich nicht sicher sein kann, könnte ihn doch noch heute der Schlag treffen. Es gibt solche Menschen.

Im Büro ringe ich mir ein „Guten Morgen“ ab, wissend, dass nichts an diesem Morgen gut ist. Meine um diese Zeit schon gut gelaunten Kolleginnen und Kollegen, allesamt Lerchen, wissen, dass Sprechen für mich um diese Zeit höchste Qual bedeutet, und nehmen Rücksicht darauf, meistens jedenfalls. Nicht nur deshalb mag ich sie, trotz ihrer guten Morgenlaune.

Während der Rechner hoch fährt, gönne ich mir einen Kaffee und einen Biss ins mitgebrachte Bütterchen, so langsam gelingt es mit fester Nahrung. Das Telefon klingelt, Unverschämtheit. Da ich die angezeigte Nummer nicht kenne, ignoriere ich es, soll später noch mal anrufen, oder eine Mail schreiben – oder am besten mich in Ruhe lassen. Mit Desinteresse schaue ich die seit Freitag aufgelaufenen Mails an. Mein Körper sitzt am Schreibtisch, der Geist ist noch nicht angekommen, befindet sich noch im Wochenend-Modus; es fühlt sich an, als sei das Hirn in Bleiwatte gepackt. Verständnislos nehme ich zwei Mails zur Kenntnis, die am Sonntagnachmittag geschrieben wurden. Warum glauben manche Menschen, das tun zu müssen, wissen die am Wochenende nichts mit sich anzufangen?

Neun Uhr dreißig. Die Woche zieht sich. Telefonkonferenz. Man redet gegen die üblichen Störgeräusche an (wobei schon mancher Wortbeitrag quasi ein Störgeräusch ist), mir gelingt es nicht, mich am Gespräch zu beteiligen, dem besprochenen Thema Interesse entgegen zu bringen. Ich nehme eine bequeme Sitzposition auf dem Schreibtischstuhl ein, popele ausgiebig und ziehe Grimassen, ein echter Vorteil der Telefonkonferenz gegenüber einer Besprechung am Tisch. In jeder Hinsicht abwesend, lasse ich meinen Blick schweifen nach draußen, über den Rhein, und wünschte, jetzt dort unten zu sein, am Rheinufer, wo ich mit einem kühlen Getränk den Schiffen zuschauen könnte. Ob so ein Rheinschiffer wohl seinen Beruf liebt? Oder schaut er neidisch zu uns herauf, denkt sich „Die haben es gut in ihren klimatisierten Büros, mit geregelter Arbeitszeit, Fünftagewoche, Kantine und Bonuszahlung“? In der Tat, tauschen möchte ich nicht mit ihm, oder jedenfalls nur ganz selten.

Doch ab etwa sechzehn Uhr wird es besser. Die Aussicht auf den mehr nicht allzu fernen Feierabend lässt die Bleiwatte aufreißen wie ein Sonnenstrahl die Wolkendecke nach einem trüben Regentag. Auf dem Flur ist es ruhiger geworden, die ersten Lerchen sind schon abgezwitschert. Eine gute Stunde später fahre auch ich den Rechner runter mit halbwegs passabler Laune und der Gewissheit, dass es morgen besser wird.

Zu Hause tausche ich den Anzug gegen Laufklamotten, gleich wieder raus, runter zum Rhein, laufe bis zur Nordbrücke und auf der anderen Seite zurück. An manchen Tagen eine Qual, an anderen läuft es richtig gut, fast wie von selbst. Spätestens nach dem anschließenden Brausebad ist die Bleiwatte vollständig aufgelöst. Die Wetterkarte im Fernsehen zeigt die Vorhersage für Freitag an, ein erster Ausblick auf das nun schon etwas näher gerückte Wochenende. Während der Verlesung der Sportnachrichten lese ich, was die Ironblogger in der letzten Woche geschrieben haben. Später ein Glas Rotwein mit dem Liebsten, der Rest vom Wochenende. Dazu ein Abendzigarettchen. Zeitig ins Bett. Glücksgefühl.

Montagabend ist schön.

Zugewachsen

Wir leben in einer Zeit des Jugendwahns: Gesichtsfalten werden mit Cremes glattgespachtelt, Männer oberhalb der Fünfzig tragen T-Shirts mit tiefem V-Ausschnitt, Kapuzenshirts und aufgekrempelte oder per se etwas zu kurze, nach unten verengte Röhrenhosen, dabei zu jeder Jahreszeit Sneakersöckchen, welche einen Blick auf ihre runzligen Fesseln gewähren, in Sneakers mit heller Sohle oder Chucks; zudem transportieren sie ihre Pillen gegen nächtlichen Harndrang in trendigen Umhängetaschen oder Rucksäcken (schlimmstenfalls mit niedlichen Stoffbärchen daran baumelnd), anstatt dafür altersangemessene Herrenhandtaschen zu benutzen. Das ist nicht schlimm und auch nicht neu.

Doch gibt es seit einiger Zeit einen gegenläufigen Trend, den ich mit zunehmender Sorge wahrnehme: die Vergreisung der Jugend. Damit meine ich nicht diese seltsam-gruselige Krankheit, deren Namen zu recherchieren ich gerade zu faul bin, welche bereits Kleinkindern das Antlitz von Helmut Schmidt oder Inge Meysel im Spätherbst ihrer Jahre zuteil werden lässt. Vielmehr meine ich die freiwillige Verunstaltung junger Männer, die immer mehr um sich greift: Bärte. Nicht Drei- oder Mehrtagesbärte, denen eine gewisse Ästhetik abzusprechen mir fern liegt, zumal ich selbst seit längerem – allein schon aus Gründen der morgendlichen Zeitersparnis – auf die tägliche Rasur verzichte. Ich meine diese Rauschebärte, welche in früheren Zeiten Karl Marx, Rübezahl, der Nikolaus oder Vader Abraham trugen, allesamt Herren im gesetzteren Alter.

Heute hingegen lassen sich bereits Zwanzig- bis Dreißigjährige mit großer Begeisterung die Physiognomie zuwuchern. Zum Beispiel Philipp, der Student von gegenüber*. Seine das Äußere bestimmenden Gene meinen es gut mit ihm; als er vor zwei Jahren einzog, war er ein Jüngling von ausnehmender Schönheit, mit jungenhaften Gesichtszüge von auffallender Symmetrie wie eine antike Marmorstatue, nur nicht so nackt. Ihn mit einer aschenbachschen Bewunderung zu beschwärmen drängte sich mir geradezu auf. Doch dann beschloss Philipp, sich nicht mehr zu rasieren. Anfangs sah das richtig gut aus, siehe oben; diese Mischung aus Jungenhaftig- und Männlichkeit entbehrte nicht ihres Reizes. Doch leider ließ Philipp es weiter wachsen, heute sieht er aus wie der Almöhi auf Stadtbesuch.

Bis vor einiger Zeit las ich regelmäßig ein Blog, dessen Verfasser Mitte dreißig und ebenfalls stolzer Träger eines papaschlumpfartigen Rauschebartes ist. Da er ungefähr in jedem zweiten Eintrag sein Gesichtsgewächs thematisierte, stets mit dem Hinweis darauf, dass seine Mitbewohnerin nur mäßig angetan von dem Gestrüpp war, verzichte ich irgendwann auf die weitere Lektüre, es wurde mir einfach zu haarig. Warum wollte er auch nicht auf seine Freundin hören?

Doch damit nicht genug: Auch die Kopfbehaarung wird zunehmend Gegenstand gewollter jungmännlicher Verunstaltung. Früher waren es Pferdeschwänze, die manche Männer aus mir unerfindlichen Gründen zum Zwecke der Selbstverhässlichung trugen. (Hier könnte ich darauf hinweisen, dass ich darauf verzichte, den reichlich ausgefransten Scherz anzubringen, mit Pferdeschwanz selbstverständlich nur die Frisur zu meinen und nicht tieferliegende Körperregionen; doch erspare ich uns diesen nur mäßig originellen Hinweis, daher betrachten Sie diesen Klammervermerk bitte als ungeschrieben.) Der heutige Jungmann trägt stattdessen eine Art Dutt am oberen Hinterkopf wie früher meine Großmutter mütterlicherseits; es ist wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis entsprechende Wollmützen angeboten werden mit einer kleinen Ausstülpung ähnlich einem Kondom. Was indes junge Männer dazu treibt, auch im Hochsommer Wollmützen über ihr Haupt zu stülpen, ist ein weiteres Rätsel dieser modisch fragwürdigen Zeiten.

Jungs, ich weiß nicht, welchem Wahn ihr verfallen seid, anzunehmen, hotzenplotzeske Rauschebärte seien eine Zierde. Angeblich sollen ja irgendwelche Berliner Hipster damit angefangen haben. Bitte glaubt mir, beim Barte des Proleten, es sieht einfach nur scheiße aus. Und wenn nicht mir, so wenigstens eurer Freundin oder Oma. Oder schaut einfach mal wieder in den Spiegel.

Der ostwestfälische Heimatdichter Heinrich Heidland brachte es einst auf den Punkt:

Vollbärte
Einst trug ihn Rübezahl, Karl Marx,
Der Öhi und der Nikolaus.
Heut’ junge Männer in den Parks.
Doch scheiße siehts noch immer aus.

—————

* Eine Kunstfigur, gegenüber ist das Landgericht, da wohnt kein Student und auch sonst niemand, jedenfalls nicht dauerhaft. Aber aus Gründen der Dramaturgie habe ich Philipp soeben erfunden; er steht stellvertretend für tausende junge Männer, auf die das Beschriebene haargenau** zutrifft.

** Ich hoffe, Sie erkennen das Wortspiel.

Ein Fall für die Schublade gemachter Erfahrungen

Seit der Mensch Geld als Zahlungsmittel erfunden hat, überlegt er, wie er es mit möglichst geringem Aufwand vermehren kann. Dabei hat sich bewährt, es anderen Leuten abzunehmen. Fragwürdige Methoden lernte ich am zurückliegenden Osterwochenende kennen, welches wir im elsässischen Colmar und seiner liebreizenden Umgebung verbrachten. Dort, im Elsass, kann man vorzüglich essen und ausgezeichneten Wein trinken, wofür nicht geringe Summen auszugeben mir keinerlei Schmerz bereitete. Doch sie können auch anders, die Elsässer: So wird in zahlreichen Geschäften Krempel feilgeboten, welcher augenscheinlich der Abzocke von Touristen dient; ganz vorne auf der Beliebtheitsscala scheinen Plüsch-Störche in allen Größen zu stehen, zumal der Storch wohl eine Art Wappentier der Umgebung ist, auch in seiner unverkäuflichen, natürlichen Erscheinungsform, wie Sie auf dem nachfolgenden Bild erkennen können (Pfeil).

storch - 1

Auch die örtlichen Einrichtungshäuser bieten tierähnliche Gegenstände an, deren Gebrauchswert sich dem schaufensterschauenden Betrachter nicht auf Anhieb erschließt:

pudel - 1

Ansonsten sind das Elsass und Colmar jedoch sehr schön, eine Reise dorthin unbedingt zu empfehlen.

Nicht so schön war das Erleben einer weiteren Methode der Geldbeschaffung, welches uns auf der Rückfahrt am Montagmittag widerfuhr. Auf der Autobahn bei Straßburg, in einer leichten Rechtskurve, überholte uns ein Audi mit deutschem „UN“-Kennzeichen (also Unna, nicht Vereinte Nationen) und gab uns durch Handzeichen und Warnblinker zu verstehen, ihm auf den Seitenstreifen zu folgen. Was wir auch taten, vielleicht war ja irgendetwas an unserem Wagen, was einer unbekümmerten Weiterfahrt im Wege stand. Kaum standen wir, entstieg dem Audi der in Anzug und Krawatte gekleidete Beifahrer, den ich einer im weitesten Sinne arabischen Herkunft zuordnen würde, kam zu uns und sprach durch das geöffnete Seitenfenster also dieses: Er habe gerade ein großes Problem, hier in Frankreich seine Bankkarten verloren, müsse aber mit Frau und Kindern, welche vorne im Audi säßen (was wir wegen der getönten Heckscheibe nicht überprüfen konnten) noch nach Hause fahren, ob wir ihm Geld leihen könnten, er würde es gleich morgen zurück überweisen. Als „Sicherheit“ reichte er mir ein abgewetztes iPhone, schwallte tausende Schwüre auf seine Ehre, seine Familie, seinen Gott und alles was ihm wert und wichtig war, und begann, sich güldenen Schmuck vom Handgelenk zu rupfen. Außerdem übergab er mir eine abgeranzte Visitenkarte.

baky - 1

Was tun? Sie kennen das vielleicht vom Bahnhof, wo fragwürdige Gestalten einem glauben machen wollen, für die dringend benötigte Fahrkarte fehlten ihnen noch ein paar Euro, ob man damit aushelfen könne. Bietet sich jedoch auf dem Bahnhof die Möglichkeit, mit einem freundlichen Nein das Gesuch ablehnen und wegzugehen, so saßen wir hier fest: Vor uns der Audi, links die vorbeirasenden Autos und rechts der lamentierende Autohändler. Und vielleicht bestand die vorgetragene Not ja wirklich, wer war ich, einem Bedürftigen die Hilfe zu verweigern? Also gab ich ihm zwanzig Euro, woraufhin er jedoch keine Spur Dankbarkeit erkennen ließ (den Schein aber trotzdem nahm), vielmehr sein Flehen verstärkte, mich geradezu beschimpfte ob des an den Tag gelegten Geizes. Bevor er seinen hässlichen Armschmuck in unser Auto werfen konnte, fuhr ich die Scheibe hoch. Er schrie noch ein paar Minuten herum, dann gab er auf, ging zurück zum Audi und fuhr ab. Auch wir konnten unsere Fahrt endlich fortsetzen, mit einem eigenartigen Gefühl an Bord.

Noch am selben Tag schrieb ich eine freundliche Mail an die angegebene Adresse, woraufhin – wenig überraschend – sofort eine Unzustellbarkeitsmeldung kam.

Was mich an der ganzen Sache ärgert:

  1. Zwanzig Euro weniger, die nun einem Halunken gehören.
  2. Unser Versäumnis, das Kennzeichen des Audis zu notieren.
  3. Unsere Unbedarftheit, die uns verleitete, auf den Seitenstreifen zu fahren anstatt einfach weiter.
  4. Meine nunmehr geringere Bereitschaft, fremden Menschen zu helfen. Da anzunehmen ist, dass wir nicht die einzigen waren und sein werden, werden auch andere Menschen nicht mehr helfen, wenn ich mal in Not sein sollte.

Aber es hat auch sein Gutes:

  1. Nur zwanzig Euro, nicht mehr. Abzüglich der Ironblogger-Gebühr für Nichtbloggen sogar nur fünfzehn.
  2. Er hat immerhin keine Knarre gezogen, um seinem Ansinnen Nachdruck zu verleihen.
  3. Ich habe wieder was zu erzählen.

Also lege ich das Erlebnis ab in die Schublade der gemachten Erfahrungen und begegne meinen Mitmenschen fürderhin mit erhöhter Wachsamkeit. Und immer schön das Kfz-Kennzeichen notieren!