Woche 7/2022: Das Misstrauen des Passanten gegen Baukräne bei Starkwind

Montag: Als ich morgens ins Werk fuhr, war es ungewöhnlich mild und schon erstaunlich hell, als hätte ich übers Wochenende einige Wochen verschlafen.

Noch immer verkauft die Kantine nur außer Haus; immerhin, andere Kinder haben gar keine Kantine. Erstmals in diesem Jahr nahm ich dank der oben genannten Milde, wenn auch windumtost, das Mittagessen im Freien hinter dem Mutterhaus ein. Danach ein kurzer Gang durch den Rheinauenpark, auch dazu kam ich länger nicht.

Nachdem meine Lieben mich gestern spontan genötigt hatten, eine größere Anzahl liebgewonnener, tadellos erhaltener Hemden auszusortieren, keines davon wesentlich älter als zwölf Jahre, erhielt ich heute eine Einweisung in die neue Kleiderschrankhängeordnung. Manchmal ist es zwecklos, nach dem Sinn zu fragen, glauben Sie mir. „So wird aus einem alten Rennpferd noch ein schicker Esel“, muss man sich dann auch noch sagen lassen.

Dienstag: „Ich weiß nicht, woran es gehängt hat“, sagte einer. Es ist aber auch wirklich nicht leicht mit der transitiven und intransitiven Form desselben Verbes.

Allen Kollegen, die meinen, mich unangekündigt in irgendwelche Skype- oder Teams-Konferenzen rufen zu müssen, sei mitgeteilt: Vergesst es.

Mittwoch: Ein angenehm ruhiger Arbeitstag mit einer abgesagten Besprechung und auch ansonsten nur wenigen Störungen. Dass ich das bei uns noch immer bevorzugte Kommunikationsmedium Skype seit gestern deaktiviert habe, bleibt bitte unter uns. Aber auch Teams-Nachrichten lassen sich sehr gut ignorieren.

Ansonsten hatte ich Freude an einem IT-System.

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„Niemand ist störungsfrei“, sagte der Geliebte, womit er zweifellos recht hat.

Donnerstag: Die Nacht war stürmisch, jedenfalls draußen. (In den Gemächern weniger, aus dem Alter sind wir langsam raus, was alles andere als zu beklagen ist.) Zu den daraus resultierenden Zugausfällen nahm der Sprecher der Deutschen Bahn Stellung: »Ich fürchte, unsere Reisenden müssen noch über einen längeren Zeitraum mit Einschränkungen leben.« Dazu bedarf es freilich keines Sturmes, ist man hinzuzufügen geneigt. Welche furchtbaren Gräueltaten mag man in einem früheren Leben begangen haben, um im Jetzt als Bahnsprecher sein Dasein zu fristen verdammt zu sein?

Bleiben wir noch etwas draußen: In einem Zeitungsartikel über Bonner Litfaßsäulen bezeichnet der Geschäftsführer des Fachverbands Außenwerbung (FAW) diese »als das älteste Out of Home-Medium«, derohalben* der Sprachnerv kurz schmerzhaft zuckte.

*Liebe N, dieses Wort, kürzlich in einem Forum gelesen und mir bis dahin gänzlich unbekannt, sei Ihnen gewidmet. Ist es nicht wunderschön?

Freitag: Nachmittags hatte ich einen Termin in Köln zur Abholung einer neuen Uniformjacke für den Fall, dass es irgendwann wieder Karneval geben wird. Nicht nur der ist ausgefallen: Während der Anprobe gewährten die mich umgebenden Spiegel einen irritierenden Blick auf die zunehmend lichter werdende Stelle am oberen Hinterkopf, die ich von vorne üblicherweise nicht sehe.

Gerade als wir das Geschäft verließen, blies Sturmtief Zeynep auf, von heftigem Regen begleitet, verzog sich hier im Rheinland indes recht zügig wieder. Zeynep hieß übrigens einst eine Mitarbeiterin im Friseursalon meines Vertrauens, mit deren Schneidekunst ich sehr zufrieden war. Auch sie hat sich seit geraumer Zeit verzogen.

Idee für den Titel eines Dramas: »Das Misstrauen des Passanten gegen Baukräne bei Starkwind«

Samstag: Vielleicht haben Sie auch manchmal diese Momente, wenn Sie etwas lesen und denken: Ja genau, so ist es, besser kann man es nicht beschreiben. Einen solchen Genau-so-ist-es-Moment bescherte mir heute Herr B. mit Folgendem:

»Ich interessiere mich nicht für Sport, also für keine einzige Sportart auch nur ansatzweise, und ich halte es im Grunde für eine fürchterliche Zumutung, wie oft im Radio und in allen anderen Medien etwas zum Thema Sport vorgetragen wird. In meinem Erleben und Denken ist Sport ein drolliges Nischenthema und ich weiß wirklich nicht, warum ich damit lebenslang so überreich und an dermaßen vielen Stellen behelligt werde. […] Ich höre also dauernd Sport im Radio, aber ich höre es doch nicht, also nicht verstehend. Ich höre Sport etwa so wie Radio Moskau. Ich weiß, da spricht ein Mensch, aber es hat irgendwie keinen Inhalt, keine verständliche Botschaft. Da wird etwa die Bundesligatabelle ritualisiert runtergebetet, ich höre jedes Wort, aber es ergibt keinen Zusammenhang und nichts davon bleibt hängen, nichts davon könnte ich hinterher wiedergeben, keinen einzigen Sachverhalt, außer eben grob: Sport.«

Und das nicht nur zu Zeiten von Olympia oder irgendwelcher überflüssiger Welt- und Eurpoameisterschaften, deren Hauptzweck ja gerade nicht im Sport liegt, sondern in reichhaltigen Geldflüssen und Ansehensaufhellungen zweifelhafter Staatssysteme, erlaube ich mir hinzuzufügen.

Sonntag: Während des Spaziergangs begegneten mir zwei jüngere Männer und mutmaßlich ihre Partnerinnen dahinter. Der eine Mann hatte ein Kleinkind vor seine Brust gebunden, der andere schob einen Kinderwagen, die Damen führten Hunde an Leinen. Während unserer Begegnung sagte der mit dem vorgebundenen Kind zu dem anderen: „Dazu kommt noch der Druck des Marktes.“ In solchen Momenten bin ich, ohne es begründen zu können, sehr froh, mein Leben zu leben und nicht deren.

»Hanau ist überall«, hat jemand aus bekanntem Anlass an eine Wand gesprüht. Wer schon einmal in Hanau war, wird mir, auch ungeachtet der entsetzlichen Morde vor drei Jahren, sicher zustimmen: Zum Glück nicht.

Zum Schluss ein paar Bilder der Woche.

Der Rest vom Fest I, gesehen am Donnerstagmorgen
Der Rest vom Fest II – Überraschend hatte abends beim Rückweg das Büdchen am Rhein geöffnet und nötigte mich zur Einkehr
Freitagmorgen. Abends lagen sie unterhalb der Treppe.
Geprüfte Störlichbögen kann man nie genug im Haus haben.
Mit Alkohol wäre das nicht passiert.
Profunde diem.

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Ich wünsche Ihnen eine angenehme, möglichst sturm- und störungsfreie Woche.

Woche 6/2022: Gehen, Grünkohl und Glück

Montag: Morgenstund’ hat Gold im Mund und Erdogan hat Omikron, mit milden Symptomen. So steht auch mal was positives über ihn in der Zeitung.

Wie ich erst heute las, war bereits am vergangenen Freitag „Tag des Zustellers“, an dem der geneigte Empfänger aufgerufen war, seinem Post- und Paketboten Dank und Lob entgegen zu bringen. Man sollte ohnehin viel öfter loben, nicht nur die Zustellkraft an dafür festgelegten Tagen; stattdessen nur Gemotze und Gezeter, wenn mal etwas nicht funktioniert. – Anders in Amerika: Dort werden – ebenfalls heute gelesen – Paketzusteller per Zettel am Klingelschild dazu aufgefordert, vor der Türkamera zu tanzen, auf dass es anschließend bei TikTok hochgeladen wird. Die meisten Boten folgen der Aufforderung, da ihnen bei Weigerung eine schlechte Bewertung droht. Ich weiß nicht, ob die amerikanische Verfassung etwas vergleichbares enthält wie Artikel 1 Absatz 1 des deutschen Grundgesetzes, jedenfalls erscheint die Unantastbarkeit der Menschenwürde hier fraglich.

Dienstag: Was Sie vielleicht auch noch nicht wussten: Heute vor hundert Jahren gelang erst­mals der expe­rimen­telle Nach­weis der Richtungs­quante­lung von Drehimpulsen, schreibt Wikipedia.

Dem Glücklichen schlägt bekanntlich keine Stund. Ob überschäumendes Glück jemandes Anlass war, an einer Bonner Bushaltestelle diese Wanduhr zu hinterlassen, war nicht in Erfahrung zu bringen.

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Mittwoch: Der Tag war ein wenig kopflastig, denn er begann mit einem (schmerzfreien) Zahnarztbesuch zur planmäßigen Esszimmerreinigung und endete mit einem Friseurtermin (ebenfalls weitgehend schmerzfrei).

Ein leichtes Stimmungstief am Abend wurde mit Döner gelindert. Satz des Abends: „Ich bin lieb, du hast nur eine andere Auffassung von lieb.“

In Bonn und anderen rheinischen Städten werden demnächst Bereiche festgelegt, in denen unter bestimmten Auflagen, wie Alkoholverbot, demnächst Karneval gefeiert werden darf; für diese Bereiche wurde das schöne Wort „Brauchtumszonen“* ersonnen. Na dann Alaaf.

Ansonsten Vorfreude meinerseits, denn morgen ist schon wieder Donners- und somit Zufußinswerkgehtag.

*Lesen Sie dazu bitte auch hier.

Donnerstag: Mittags gab es in der Kantine Grünkohl. Bitte denken Sie sich hierzu das entsprechende Foto eines Dreikammer-Mitnahmegefäßes mit Kartoffeln, Grünkohl, einer Mettwurst und Senf darin. Gehen, Grünkohl und Glück – es kann kein Zufall sein, dass diese Wörter denselben Anfangsbuchstaben haben.

Der Radiosender WDR 4* spielt ab heute achtzig Stunden lang Achtziger-Hits. In der Weinbar unseres Vertrauens war letzthin** Achtziger-Abend, ein Plattenleger legte entsprechende Schallplatten (richtige aus Vinyl) auf. Anscheinend erfreut sich diese Epoche, zumindest in musikalischer Hinsicht, gerade großer Beliebtheit, was daran liegen mag, dass die Programmgestalter, wie ich, in jener Zeit die Stürme ihrer Jugend erlebten, daher kann ich das gut verstehen und freue mich darüber. Vielleicht sollte ich über die Achtziger demnächst mal einen längeren Aufsatz verfassen. (Während der Niederschrift vorstehender Zeilen spielten sie Shakin‘ Stevens, auch in den Achtzigerjahren war nicht alles toll, aber mir allemal lieber als heute Max Giesinger.)

*WDR 4 war in den heute besungenen Achtzigern ein absolut unerträglicher Schlagerdudelstörsender, ich erwähnte es vor einiger Zeit schon. So ändern sich die Zeiten.

**Es freut mich sehr, aus Gründen, die Sie hier auf jeden Fall nachlesen sollten, erst- und sicher nicht letztmals dieses Wort zu gebrauchen. Herzlichen Dank, liebe N., für die Widmung!

Freitag: Mittags auf dem Weg in die Kantine sah ich die ersten Krokusse … Kroken? Kroki? Sie wissen schon, diese gelben Stehglöckchen, auf Wunsch auch in weiteren Farben erhältlich, die heute waren jedenfalls gelb, krokusgelb. Auch nach all den Jahren immer wieder beruhigend, wenn das Leben draußen erneut erwacht.

Abends beim Laufen fiel etwa einen Meter vor mir ein Vogelschiss zu Boden. Ähnliches passierte mir bereits oft im Leben, augenscheinlich ist mein Schutzengel ganz brauchbar.

Während sich meine Lieben später wegen irgendwas zankten, las ich bei Frau Anje den Satz »lächle, du kannst sie nicht alle töten« – und lächelte.

Samstag: »Mama hebt Kaffeegläser auf für‘n Gelee / Du bist schon ewig in der IG Chemie«, sang Klaus Lage in den Achtzigern. Ein wahres Kleinod deutscher Liedtextdichtung, nur knapp erreicht von Giesingers »Wenn wir uns begegnen / dann leuchten wir auf wie Kometen«.

Sonntag: Laut unserer Rechtsordnung dürfen bereits Jugendliche ab vierzehn Jahren alkoholische Getränke zu sich nehmen, vorausgesetzt, ihre Eltern sind dabei. Das nennt man dann „begleitetes Trinken“, das habe ich mir nicht ausgedacht.

Selbstverständlich sollte auch das „mit Augenmaß“ erfolgen, ein weiterer Begriff, den man häufig liest und hört, der gleichwohl bei genauerer Betrachtung unsinnig ist. Was soll dabei herauskommen, wenn man mit den Augen misst? Doch bevor ich mich in weiteren Haarspaltereien verliere, sei dieser Wochenrückblick beendet.

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Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Start in eine neue, möglichst schmerzfreie Woche.

Woche 5/2022: Ganz in Ordnung

Montag: Die Stadt Freiburg im Breisgau hat eine weitere Variante der geschlechterneutralen Sprache für sich entdeckt. In Stellenausschreibungen wird nun ausschließlich die weibliche Form verwendet, ergänzt durch ein kleines „a“, das für „alle“ steht und das bekannte „m/w/d“ ersetzt. Also beispielsweise „Stahlträgerin (a)“. Dazu die Stadtverwaltung: »Mit einer klaren und zugleich auffordernden Botschaft werden unmissverständlich alle Menschen angesprochen.« Da fühlt man(n) sich doch mitgedacht.

Dienstag: Wenn man von der Dame am Werksempfang morgens mit Namen begrüßt wird, hat man es irgendwie geschafft.

Die Wochenmail von Kurt Kister kam bereits heute. Für alle, die sie aus völlig unerfindlichen Gründen noch nicht abonniert haben, sei daraus zitiert:

»Wenn Sie mal jemandem begegnen, der im Zusammenhang mit Nachdenken, Lesen und Schreiben immer nur von „Texte erstellen“ oder „Inhalte produzieren“ redet, dann wissen Sie, dass er oder sie mutmaßlich auch in einer Digitaldistributionsagentur tätig ist und solche wasserlosen Verben für die Sprache der Zukunft hält.«

Wenn Ihnen das gefällt und Sie ähnliches wöchentlich lesen möchten, bitte hier entlang.

Ein Vorhaben für das nächste Lebensjahr ist das Anlegen einer Liste mit Dingen, über die ich mich nicht mehr aufregen möchte, weil es nichts nützt. Etwas, worüber ich mich zum Zeitpunkt der Niederschrift dieses Absatzes sehr aufgeregt habe, ist das Wegwerfen von Lebensmitteln. Das kommt auf jeden Fall auf die Liste, wobei nicht sicher ist, ob es mir gelingen wird, darüber künftig hinwegzusehen.

Was auch darin stehen wird ist der Gebrauch dämlicher Wörter wie „okayish“, das ich heute gelesen habe und das wohl soviel heißen soll wie „ganz in Ordnung“.

Mittwoch: Zu meinen Leibgerichten (ein Wort, über das auch gelegentlich nachzudenken ist) zählen unter anderem Entenbrust und Grünkohl. In der Kantine gab es heute beides in Kombination. Ganz in Ordnung.

Donnerstag: Die schönste der drei Bonner Rheinbrücken ist Friedrich-Ebert-Brücke, auch Nordbrücke genannt. Gebaut wurde sie vor fünfundfünfzig Jahren, somit haben wir bald etwas gemeinsam. Leider sind ihre Jahre gezählt, 2034 endet ihre Nutzungszeit, dann muss sie abgebrochen und neu gebaut werden, steht in der Zeitung. Mit einem Neubau meinerseits ist dann eher nicht zu rechnen.

Noch schöner war freilich die alte Rheinbrücke zwischen Bonn und Beuel, die 1945 leider einer großangelegten überregionalen Maßnahme der damaligen Regierung zur Stadtbildänderung zum Opfer fiel und danach durch einen schlichten Zweckbau ersetzt wurde.

Freitag: Als am 4. Februar 1967 in Bielefeld ein Kind mit schwarzen Haaren geboren wurde, ahnte niemand, dass daraus mal einer der erfolglosesten Blogger werden würde, allein schon, weil es noch keine Blogs gab. So wie jetzt niemand weiß, was dereinst aus Kindern wird, die heute erstmals das Licht der Welt erblicken. Sofern in einer vergleichbaren Anzahl an Jahren die zurzeit laufenden Maßnahmen zur Selbstabschaffung der Spezies noch nicht abgeschlossen sind.

»Russland verbietet Deutsche Welle – Moskau reagiert drastisch im Streit um ein Sendeverbot des deutschsprachigen Programms seines Staatssenders RT DE«, schreibt die Zeitung. Das ist gemein von Herrn Putin, keine Frage. Und doch verstehe ich die Empörung nicht ganz – welche Reaktion hat man denn sonst erwartet?

Aus gegebenem Anlass verbrachten wir den Abend in einem Restaurant. Sie sehen mich hier in freudiger Erwartung.

Samstag: Ein weiteres Zitat aus dem Welzer-Wälzer, ein ausgezeichnetes Buch übrigens über den menschlichen Wahnsinn:

»… Dummheit kann sehr gefährlich werden, wenn sie mit Macht gepaart ist. Dann kann in mörderischen Gesellschaften so etwas wie Adolf Eichmann dabei herauskommen, unter milderen Bedingungen des demokratischen Rechtsstaats so etwas wie Andreas Scheuer*«

Harald Welzer: Nachruf auf mich selbst.

*Für spätere Generationen und den eher unwahrscheinlichen Fall, dass dieses Blog dann noch existiert und gelesen wird: Während Adolf Eichmann aufgrund unrühmlicher Taten voraussichtlich längerfristigen Eingang in Geschichtsbücher gefunden hat, wird Andreas Scheuer vermut- und hoffentlich in nicht allzu ferner Zukunft vergessen sein. Deshalb zur Erinnerung: Andreas Scheuer (CSU) war von 2018 bis 2021 Bundesverkehrsminister. In diesem Amt stach er durch herausragende Unfähigkeit, gepaart mit unerschütterlicher Selbstherrlichkeit hervor. Sein „Meisterstück“ war die gescheiterte PKW-Maut, für die er mit den Betreiberfirmen milliardenschwere Verträge abgeschlossen hatte, kurz bevor das Vorhaben für rechtlich unzulässig erklärt wurde, was erhebliche Schadensersatzpflichten aus ScheuerSteuermitteln nach sich zog. Zudem beglückte er sein Heimatland Bayern stets mit überproportional hohen Bundesmitteln für die Verkehrsinfrastruktur, womit er allerdings nur eine beliebte Tradition seiner CSU-Amtsvorgänger fortsetzte. Böse Zungen behaupten, durch ihn hätte das Wort „bescheuert“ deutliche Verstärkung erlangt.

Übrigens: „Ich bin halt ein Mann, was soll ich machen“ ist eine äußerst fragwürdige Begründung für bescheuertes Verhalten.

Sonntag: Im Wein liegt bekanntlich Wahrheit, im Champagner womöglich Weisheit, worauf folgendes hindeutet, gehört gestern Abend: „Es gibt ja viele Tiere, die sind klein; wenn sie wachsen, werden sie größer.“

Apropos Tiere: Was treibt eigentlich Menschen dazu, die Kacke ihrer Hunde in kleinen Beutelchen aufzusammeln, wenn sie diese anschließend ins nächste Gebüsch werfen?

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Kommen Sie gut durch die Woche.

Woche 4/2022: Außerordentliches Gutfinden und Aezv

Montag: Was hat dieser Admiral jetzt falsches über Putin gesagt, dass sich alle so empören? Gut, die Krim ist nicht „weg“, sie ist eindeutig noch da, nur zurzeit schraffiert und unter anderer Leitung, sie wird auch in absehbarer Zeit voraussichtlich nicht versinken. Insofern verstehe ich die Aufregung nicht.

An Tagen wie diesen schreibe ich ungefähr jedes dritte Wort mindestens zweimal, weil die Finger nach dem Wochenende noch nicht wieder mit der Tastatur synchronisiert sind, vielleicht kennen Sie das.

Dienstag: Fernsehreklame für Ungesundes soll verboten werden, ist zu lesen. Dann bleibt außer der Werbung für die Apothekenumschau nicht mehr viel übrig.

Mittwoch: Die Türkei soll dem Journalisten Deniz Yücel dreizehntausend Euro wegen widerrechtlicher Inhaftierung zahlen, hat der Europäische Gerichtshof entschieden. Das wird in Ankara erhebliche Erheiterung ausgelöst haben, Erdogans Lachen dürfte bis nach Luxemburg zu hören gewesen sein.

Uns hingegen wird das Lachen bald vergehen: Wie die Zeitung meldet, ist die Schokoladenhasenversorgung in diesem Jahr gefährdet. Auch das noch.

Noch eine Zeitungsmeldung: Siebzehn bzw. zwei Prozent der Franzosen nehmen grundsätzlich gar keine festnetzigen bzw. mobilen Anrufe an, sechsundzwanzig bzw. dreißig Prozent nur von bekannten Anrufern. Dagegen sind nur etwa dreißig Prozent der Deutschen in der Lage, zu flanieren, ohne dabei zu telefonieren. Das stand nicht in der Zeitung, es ist eigene Beobachtung.

Donnerstag: Heute war Sperrmüllabholung. Laut Harald Welzer hat 2020 die von Menschen hergestellte tote Masse, vom Faustkeil bis zum Lastenrad, die Biomasse überstiegen, seitdem überwiegt das Tote das Lebende. Angesichts dessen, was allein in meinem Umfeld alles bestellt wird, und was oft schon wenig später zur Entsorgung (oder „Zum Verschenken“) am Straßenrand steht, sei die Frage gestattet: 2020 erst?

Freitag: Morgens im Radio spielten sie „The Riddle“ von Nik Kershaw, an sich nichts Besonderes, das spielen die von mir bevorzugten Radiosendern recht regelmäßig. Warum ich es erwähne: 1984, kurz nachdem es herausgekommen war, fand ich es großartig, wobei ich mit siebzehn vermutlich ein anderes Attribut zum Ausdruck meiner Begeisterung heranzog, erinnere mich aber nicht mehr an das seinerzeit gängige Jugendwort für außerordentliches Gutfinden. Deshalb war es über mehrere Wochen mein Wachwerdelied am Morgen: Gleich nach dem Wecker legte ich die Nadel ins kreisende Vinyl und drehte die Lautstärke hoch bis kurz vor die Schmerzgrenze. Danach war ich ungefähr so wach wie heute nach dem Brausebad; tägliches Duschen war in unserem Haushalt zu der Zeit noch unüblich, heute nahezu unvorstellbar. Unvorstellbar damals wäre für mich indessen gewesen, bei diesem Lied auch achtunddreißig Jahre später noch das Radio lauter zu stellen, während ich mir morgens die Zähne putze (und danach dusche). Die Single habe ich noch, wenn auch länger nicht benutzt.

Apropos Zeitvergang: Die Sanduhr rieselt, auch für mich. Wie mag sich der Mensch mit fünfundfünfzig fühlen? In einer Woche werde ich es voraussichtlich wissen.

Samstag: Manchmal fallen mir auch ohne konkreten Anlass Dinge ein, die lange weg waren, verräumt und vergessen irgendwo in abgelegenen Hirnwindungen, und die auch jetzt noch, nach nicht nachvollziehbarer Rückkehr, die Mundwinkel zucken lassen. Wie folgender weder tiefgründige noch feinsinnige Minidialog, den ich vor vielen Jahren hörte, wann und wo weiß ich nicht, der etwa so ging: „Hast du ein Bad genommen?“ – „Wieso, fehlt eins?“ Darüber könnte ich mich beömmeln.

Sonntag: Erstmals, nach zweieinhalb Wochen seit wir es haben, fuhr ich heute mit unserem neuen Auto, was auch als Maß meiner Autofahrbegeisterung zu werten ist. Wenn man Autofahren mag, fährt es sich gut, ich war indes sehr zufrieden, als es unbeschädigt wieder auf seinem Stellplatz stand.

Mit dem Sonntag endet die Woche. Außer in der Hörzu, dort ging die Fernsehprogrammwoche von Samstag bis Freitag, warum auch immer; als Kind habe ich das nicht verstanden, danach war es mir egal. Ob das heute immer noch so ist, weiß ich nicht, wer braucht noch Fernsehprogrammzeitschriften.

Über das große Ende von allem las ich in meiner aktuellen Bettlektüre:

»Ich persönlich halte die Apokalypse für eine sehr tröstliche Vorstellung: Die große Kränkung beim individuellen Tod ist ja der Umstand, dass alle noch da sind, nur man selbst nicht mehr. Wenn alle zugleich sterben müssen, geht keine Party weiter, an der man als Gestorbener nicht teilnehmen könnte – man verpasst nichts durch sein Nichtdabeisein. Kein FOMO*. Das schiene mir sehr schön, deshalb würde ich mich zustimmend zur Apokalypse verhalten, wenn sie denn da wäre.«

Harald Welzer: Nachruf auf mich selbst.

*Zugegeben, ich musste nachschlagen, was FOMO bedeutet. Falls Sie es wider Erwarten auch nicht wissen: Fear Of Missing Out – die Angst, etwas zu verpassen, oder Aezv, was etwas sperriger wirkt.

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Kommen Sie gut durch die Woche.

Woche 3/2022: Schau an

Montag: „Über Sinn und Unsinn existieren hier verschiedene Versionen“, sagte der Geliebte am Morgen. Damit könnte er Politiker werden.

Hier eine Version Unsinn aus einem Mailverkehr: »Meine 5cent s. unten. Ich sehe aktuell keinen action need bei mir. Falls doch – let me know.« Weshalb ich mein Gehalt auch stets ein bisschen als Schmerzensgeld betrachte.

Dienstag: Wie zu lesen ist, war am vergangenen Sonntag Welt-Nichts-Tag. Davon habe ich nichts mitbekommen. – Ach so.

Abends beim Blogslesen traf ich auf eine hübsche Zufälligkeit.

Mittwoch: „Mit freundlichen Grüßen“ heißt auf Ungarisch „Üdvözlettel“, falls Sie mal Herrn Orban schreiben möchten.

Hier ein vorzügliches Gespräch über entspanntes Schauen, Gendern und Gelassenheit.

Donnerstag: Es zeugt von einem sehr speziellen Humor, wenn man bereits morgens um halb zehn mit „Mahlzeit“ in eine Besprechung einsteigt.

Der Schauspieler Hardy Krüger ist gestorben. Wieder so ein Fall, wo ich denke: Ach, lebte der noch?

Freitag: Heute ist Weltknuddeltag. Bitte fühlen Sie sich umarmt, selbstverständlich unter Einhaltung der in Ihrem Bundesland geltenden Regelungen, Sie wissen schon.

In einem Zeitungsbericht über den bald wieder startenden Dschungel-Unfug auf RTL las ich den Namen des Teilnehmers Eric Stehfest. Ich habe keine Ahnung und es interessiert mich nicht sonderlich, wer das ist und was er macht; eine Idee drängt sich aufgrund des Namens jedenfalls auf, was mich für längere Zeit immer wieder den Namen aufsagen und grinsen ließ.

Samstag: Ich habe gesündigt. Eigentlich wollte ich nicht darüber schreiben, indes drängt es mich zur Beichte. Nämlich: Häufig schon prangerte ich diejenigen an, die mit Gehkaffee in Einwegbechern herumlaufen. Wenn mir so einer begegnet, womöglich gar unter Missachtung der innenstädtischen Maskenpflicht, so denke ich: Was für ein A… Schau an*. – Nun raten Sie mal, wer ein solches A…, also ein solcher Trottel war, vergangenen Samstagabend bereits. Es begab sich, dass eine große, bekannte Gemischtwarenkette mit angeschlossenem Kaffeehandel im Rahmen eines Bonuskonzepts unter mir nicht näher bekannten Voraussetzungen gratis Kaffee ausgab. Als meine Lieben aus der örtlichen Filiale der Kette kamen, vor der ich auf sie gewartet hatte, hielt ich plötzlich diesen Becher in der Hand. Da wir in Eile waren und zum Bahnhof mussten, blieb keine Zeit für den örtlichen Verzehr, vielmehr mussten wir auf dem Weg dorthin trinken, was naturgemäß nur ohne Maske möglich ist, erst recht, wenn man keine weitere Hand frei hat, weil die unbebecherte eine Tasche zu tragen hat. Zum Glück war der Becher schnell geleert und ordnungsgemäß entsorgt. Trotz Wohlgeschmack mit Karamellnote war es kein Genuss. Kommt nicht wieder vor.

* Na na na… Hier sollte ursprünglich das A-Wort stehen, mit dem früher unverträgliche Menschen bezeichnet wurden. Dessen Gebrauch ist in unserem Haushalt mittlerweile untersagt, stattdessen sagen wir nun „schau an“.

Sonntag: Bilder statt Worte.

Aus der Reihe „Architektur-Alpträume“, gesehen in Bonn-Kessenich. Ansonsten ist es da aber ganz schön.
Dann lieber dieses immobile Schnäppchen (aus einer Anzeige in der F. A. S.)
Herr Linder rät: Immer schön auf dem rechten Weg bleiben.

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Kommen Sie gut durch die Woche.