Woche 52/2023: Akuter Magenstillstand und verkohlte Balkons

Montag: Nachlese zum Heiligabend gestern. Gegen zweiundzwanzig Uhr setzte akuter Magenstillstand ein, nachdem es wieder von allem zu viel gab: zunächst nach Ankunft bei des Geliebten Eltern Kuchen, von der Nachbarin mit sichtlich viel Hingabe zubereitet, eine übertrieben große Tasse Eierpunsch, Vorspeisen-Häppchen mit Fisch und Krabben, Rinderfilet zum Hauptgang, schließlich Dessert. Ein jedes für sich genommen köstlich (wobei eine wesentlich kleinere Tasse Eierpunsch völlig gereicht hätte), alles zusammen jedoch nicht zu bewältigen, auch nicht bei Verdünnung durch die in nennenswerten Mengen gereichten Getränke. Das ganze gewürzt, vielleicht etwas überwürzt durch Heldengeschichten, während ungefähr im Minutentakt ein grünes Kleingetränk mit Waldmeisternote eingeschenkt wurde.

Auch Zahl und Umfang der gegenseitig überreichten Geschenke waren reichlich. Vermutlich schrieb ich es schon: Wenn es nach mir ginge, gäbe es Geschenke nur noch für Kinder und bedürftige Personen, ich hingegen verzichte gerne auf jede Art von Gaben zu Weihnachten, Geburtstagen und weiteren Anlässen, zu denen sich Menschen zum Schenken genötigt sehen. Das geht natürlich nicht – Wenn das alle so sähen, brächen wesentliche Teile unserer Wirtschaft, vielleicht unser gesamtes Gesellschaftssystem zusammen, das unter anderem darauf basiert, dass wir möglichst viel Zeug kaufen, das niemand benötigt. Eine Lösung weiß ich dafür auch nicht. Wunschdenken: Mein größter Weihnachtswunsch ginge in Erfüllung, wenn wir endlich auf diese gegenseitige Pflichtschenkerei verzichten würden. Vielleicht mache ich einfach mal den Anfang: Wenn ich Anfang Februar Geburtstag habe, freue ich mich über Gratulationen, bitte jedoch dringend darum, von Geschenken abzusehen, ich habe alles, wirklich. Damit würde man mir einen großen Gefallen tun. (Wenn ich hiermit schenkfreudige Mitmenschen vor den Kopf stoße, tut es mir leid, ich bitte um Nachsicht. Gleichwohl wäre ich allen wirklich sehr dankbar.)

Doch blicken wir auf das Positive: Ich erwachte heute völlig katerfrei, was gemessen an den Vorabendgetränken erstaunlich ist. Nicht ganz so positiv: Gegen vier Uhr in der Frühe kehrten der Nachbar über uns und seine Gäste von irgendwoher zurück und verdeutlichten den übrigen Hausbewohnern, uns, durch Abspielen von Musik ihre Auslegung der stillen Nacht.

Wiederum sehr positiv: Da wir die Familienbesuchspflichen in Ostwestfalen bereits am vorherigen Wochenende erledigt hatten, ich berichtete, standen heute keine Reisen an. Stattdessen ruhige Sofastunden mit Lektüre der Sonntagszeitung und ein langer Spaziergang.

Besinnlichkeitsquisquilien zum Mitnehmen

Reisen werden wir morgen, nicht nach Ostwestfalen, sondern für ein paar Tage ins Burgund, übrigens ein Geschenk an den Geliebten. Darauf freue ich mich. Er bislang nicht so, das kommt bestimmt noch.

Abends schauten wir uns die Weihnachtsshow von Helene Fischer an. Mein Leben wäre keinen Cent ärmer, wenn wir das nicht getan hätten, andererseits hat es nach bisherigen Erkenntnissen keinen bleibenden Schaden hinterlassen.

Dienstag: Um halb neun morgens machten wir uns auf den Weg nach Beaune, wo wir nach fünfeinhalb Stunden recht entspannter Autofahrt ankamen; kurz vor Ankunft brach uns zum Wohlgefallen die Sonne durch die Trübnis. Nach einem Ankunftsgetränk im Hotel gingen wir eine Runde durch die unerwartet menschenvolle Stadt, wo meine Lieben umgehend damit begannen, diverse Textil- und Lebensmittelgeschäfte leer zu kaufen. (Auch ich erstand spontan eine preisreduzierte Winterjacke, gleichsam Liebe auf den ersten Blick. Soviel zur erst gestern geäußerten Konsumkritik.) Der Geliebte scheint zufrieden, immerhin.

Mittwoch: In der Euphorie des ersten Abends blieben wir gestern womöglich etwas länger als unbedingt nötig am Kaminfeuer der Hotelbar, wo nach mehreren Gläsern Burgunder der Geliebte nur mit Mühe und Unterstützung des Hotelpersonals davon abgehalten werden konnte, das Feuer mit weiteren Holzscheiten totzuwerfen.

Infolgedessen zogen wir uns heute nach dem Frühstück zunächst ins Zimmer zurück, das, wie das ganze Hotel, großartig ist. Es geht über zwei Etagen, oben auf der Empore befindet sich unter dem Dachfenster ein Sofa, ein hervorragender Ort zum Lesen und Bloggen, wo diese Zeilen entstanden, derweil von unten Schlafgeräusche zu vernehmen waren.

Nachdem vor ein paar Tagen Ingrid Steeger gestorben ist, wurde heute der Tod von Wolfgang Schäuble gemeldet. Einen direkten Zusammenhang gibt es nicht, wobei Klimbim und Politik manchmal schon Gemeinsamkeiten aufweisen.

Donnerstag: Fast den ganzen Tag regnete es, was die Stimmung nicht zu trüben vermochte. Nach dem Frühstück unternahmen wir eine Ausfahrt durch die Gegend südlich von Beaune, unter anderem durch Autun, wo wir ein einem überdimensionalen Termitenbau ähnelndes Bauwerk unbekannter Zweckbestimmung besichtigten.

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Wir durchfuhren großflächige Weinfelder, deren Reben für dieses Jahr ihre Pflicht erfüllt haben und die nach dem Beschnitt nur noch aus dunklen, blattlosen Holzstümpfen bestehen, dazwischen waagerecht gespannte Drähte, an denen Wassertropfen Perlenketten bildeten. In den Feldern immer wieder gegen den trüben Himmel steigende Rauchwolken von den Feuern des Rebschnittes, deren Asche später als Dünger zwischen den Reben ausgebracht wird, auf dass sie neue Zweige bilden, die dann im nächsten Winter wieder verfeuert werden. Und so weiter.

Auf dem Rückweg erstanden wir in Saint Aubin eine größere Menge des örtlichen Rebenproduktes, auf dass unsere heimischen Vorräte nicht zur Neige gehen, was auf absehbare Zeit nicht zu befürchten ist.

Freitag: Heute besuchten wir bei freundlicherem Wetter Dijon, unter anderem die örtliche Markthalle, schon wegen ihrer historischen Eisenkonstruktion sehenswert. Für das deutsche Auge gewöhnungsbedürftig, nicht nur in Dijon sondern generell in französischen Markthallen ist die Warenpräsentation: Hühner und andere Vögel wurden zwar gerupft, ansonsten ist alles dran, insbesondere Köpfe und Füße. Der gerupften Kreatur kann es egal sein, da sie sich bereits im Geflügeljenseits befindet, mit oder ohne Krallen. Anders dagegen am Fischstand Hummer und Taschenkrebse: Sie leben noch, jedenfalls einige von ihnen. Nicht einigermaßen erträglich in einem Wasserbecken, vielmehr liegen sie mit zusammengebundenen Scheren auf dem Trockenen oder geschreddertem Eis und warten mit letzten Zuckungen auf den Kochtopf des Käufers. „Geh weiter“ meint man in ihren Blicken zu sehen. Das finde ich schon ziemlich bedenklich. Gleiches gilt für Austern, nur sieht man es ihnen nicht an, da sie weder zucken noch kucken.

Wesentlich besser ging es augenscheinlich den Markthallenbesuchern, die sich an der Bar schon zur Mittagszeit dem Wein widmeten, was auch uns zu einem Gläschen im Stehen inspirierte, wo man schon mal da war.

Innenansicht
Außenansicht

Auf dem Rückweg machten wir kurz Halt in Nuits-Saint-Georges, wo ich erstmals im Leben ein französisches Postamt betrat und Briefmarken kaufte.

La Poste

Samstag: Mittags verließen wir Beaune in Richtung Bonn, wo wir nach erfreulich ereignisloser Fahrt am frühen Abend ankamen.

Auch in Beaune gibt es eine Markthalle, die wir vor Abreise besuchten. Allerdings ohne Marktschänke.

Aus einem Zeitungsartikel über Regeln für das Feiern von Silvester: »Vorsicht geboten ist bei Feuerwerkskörpern. Dass die nicht auf Passanten abgefeuert werden dürfen, sollte ein Allgemeinplatz sein.« Demnach also Feuer frei auf alles, was da kreucht und fleucht. Weiter: »Gastgeber haften dabei auch für ihre Gäste, wenn Raketen oder Böller aus ihrer Wohnung heraus gezündet werden und beispielsweise den Balkon der Nachbarn verkohlen«. Liest das vor Veröffentlichung keiner korrektur?

Sonntag: Silvester. Morgens beim Brötchenholen sah ich in der Innenstadt mehrere Gruppen zumeist älterer Menschen, davor jeweils eine stadtkundige Erklärperson, die etwas über Bonns Wissens- und Sehenswürdigkeiten erzählt. Danach kehrten sie vielleicht zurück auf ihr Hotelschiff, wo heute Abend die Bordkapelle zum Tanz aufspielt. Warum auch nicht.

Irgendwo las ich „Hirschrücken“ und verband das Wort kurzzeitig mit einem mir bislang unbekannten Spiel, bei dem es darum geht, Rotwild durch die Gegend zu schieben, ehe sich die kulinarische Bedeutung einstellte. Manchmal sind mir meine eigenen Gedankengänge unheimlich.

Gelesen hier: »Der Meeresspiegel steigt und Noah ist 2023 schon wieder der beliebteste Name für neugeborene Jungs. Genau mein Humor.«

In den Blogs nun wieder die üblichen Jahresrückblicke, dazu auch gerne verwendet der einheitliche Fragenkatalog. („Haare kürzer oder länger“, „Bestes Essen“ und so weiter, vielleicht kennen Sie den.) Darauf verzichte ich auch in diesem Jahr, um Sie nicht über Gebühr zu langweilen. Nur so viel: Trotz aller Krisen, Kriege und Katastrophen war 2023 für mich persönlich ein sehr gutes Jahr, auch dem neuen schaue ich mit Zuversicht entgegen.

***

Ich danke Ihnen, meinen Leserinnen und Lesern, dass Sie hier ab und zu reinschauen, und hoffe, dass Sie das weiterhin tun werden. So bleibt mir nur noch, Ihnen alles Gute für das neue Jahr, Optimismus, Gesund- und Zufriedenheit zu wünschen. (Einen „guten Rutsch“ zu wünschen vermeide ich, weil es ein wenig nach Oberschenkelhalsbruch klingt.) Machen Sie es gut, wir lesen uns!

Woche 51/2023: Besinnliches Austrinken und Feierpflichten

Montag: Jeden Montagmorgen freue ich mich auf »Lükes Blick in die Woche« im General-Anzeiger, in der Herr Lüke stets eine kleine, lesenswerte Vorschau auf die zu erwartenden Ereignisse der nächsten Tage hält. Heute mit einer kleinen Gräte im Fisch: In einer ansonsten sprachlich geschliffenen Kolumne möchte ich nicht das Wort „lohnenswert“ lesen. Sonst im Übrigen auch nicht.

Was ich auch nicht lesen mochte, in diesem Fall mehr als vierzig Kollegen vermutlich ebenfalls nicht, war eine Mail mit dem alleinigen Inhalt „Danke“ als Antwort auf eine Nachricht des Chefs an die gesamte Abteilung, weil der Absender ohne nachzudenken auf „Allen antworten“ geklickt hatte. Hier kam meine extra für solche Fälle angelegte Mailsignatur zum Einsatz mit dem festen Text »Musste das wirklich an alle gehen?« und dem Zusatz »Bitte denken Sie an die Zeit und den Maileingang Ihrer Kollegen, bevor Sie „Allen antworten“ wählen«. Selbstverständlich schickte ich die Mail nur an den Absender, nicht an alle. Immerhin, er reagierte einsichtig.

Nicht nachgedacht hat offenbar auch die Verfasserin des Wortes „Krankenstandslevel“ in einer internen Mitteilung.

In letzter Zeit erhalte ich privat auffallend viele Mailnachrichten von mir unbekannten Damen mit Kopulationsbedarf. Liebe Damen, ich fürchte, nicht Ihrer Zielgruppe anzugehören. Gleichwohl werde ich Ihre Meldungen im Auge behalten. Vielleicht ist ja mal die richtige dabei.

Nebenwirkungen der Besinnlichkeit

Dienstag: Der Papst lässt eine gewisse Offenheit gegenüber der Segnung gleichgeschlechtlicher Paare erkennen, solange jede Ähnlichkeit mit der herkömmlichen Ehe ausgeschlossen ist. Hierzu heißt es in der Erklärung über die pastorale Sinngebung von Segnungen: »Jeder Mensch, auch wenn er in Situationen lebt, die nicht dem Plan des Schöpfers entsprechen, besitzt positive Elemente, für die er den Herrn loben kann.« Keine zwei Wochen vor 2024. Obwohl es mich nicht betrifft, weil ich der Katholischen Kirche in etwa so nahe stehe wie dem Deutschen Fußballbund oder Al Kaida, bin ich mir unsicher, ob ich darüber Belustigung oder Wut empfinde.

Werbung ist oft rätselhaft

Mittwoch: Nachdem die Bundesregierung den Wegfall der Kaufprämie für Elektroautos beschlossen hat, erklärt Volkswagen, die Prämie in voller Höhe selbst zu übernehmen. Ähnliches verkündete Tesla. Das ist sehr großzügig, außerdem bemerkenswert: Zeigt es doch, dass wir alle, die mit oder ohne Autoerwerbsabsichten brav ihre Steuern zahlen, das bis Ende vergangener Woche auch zur Mehrung des VW-EBIT (und Sicherung der Manager-Boni) getan haben.

Bemerkenswert auch der Anruf des IT-Dienstleisters am frühen Nachmittag. Vorab zur Erklärung: Mein dienstlicher Rechner soll turnusmäßig getauscht werden. Das sollte bereits am vergangenen Mittwoch geschehen, ging aber nicht, weil der Rechner noch nicht an den Dienstleister, der den Tausch vornimmt, geliefert war. Dies teilte mir der Mitarbeiter des Dienstleisters, nennen wir ihn A, am Dienstag vergangener Woche telefonisch mit; sobald der Rechner geliefert sei, melde er sich wegen eines neuen Termins. So weit, so gut und unproblematisch, da der alte Rechner noch einwandfrei läuft.

Heute nun der Anruf, der ungefähr so ablief: Anrufer (nennen wir ihn B): „Hallo, hier ist B von <Dienstleister>, ich bin der Vertreter von A und rufe an wegen Ihres Rechners, ich soll einen Termin mit Ihnen machen.“ – Ich: „Das ist gut. Der neue Rechner wurde also inzwischen geliefert.“ – B: „Das weiß ich nicht …“ – Ich: „Deswegen wurde der Termin letzte Woche ja verschoben, weil der Rechner noch nicht geliefert wurde.“ – B: „Ah so …“ – Ich: „Für einen neuen Termin wäre es ja durchaus sinnvoll, wenn der Rechner inzwischen da wäre, nicht?“ – B: „Ja, da haben Sie recht. Ich frage nochmal nach und melde mich wieder.“ Offenbar ein echter Profi.

Donnerstag: Abends trafen wir uns mit einer Sektion der Karnevalsgesellschaft auf dem Weihnachtsmarkt, derweil Sturmtief Zoltan zürnte. Nicht schlimm, für uns war ein Tisch reserviert im Hinterzimmer einer Budengaststätte ungefähr von der Größe unserer Küche, nur voller Menschen, wohingegen größere Menschenansammlungen in unserer Küche seit mehreren Jahren nicht mehr vorkommen, was keineswegs zu beklagen ist. Neben uns in der Stube traf sich eine etwa dreißigköpfige Gruppierung eines anderen Bonner Karnevalsvereins, zu deren Zugangsvoraussetzungen offenbar gehört, eine Sprechstimme von mindestens hundertzwanzig Dezibel vorzuweisen. Mit anderen Worten: Es war unangenehm laut. Mit zunehmendem Alter behagt es mir immer weniger, mich in geschlossenen Räumen aufzuhalten, wo mehr als zehn Personen durcheinander reden. Erst recht, wenn dazu laute Musik, schlimmstenfalls Livemusik gespielt wird, wovon heute Abend zum Glück abgesehen wurde.

Jedenfalls rennt sie, wohin auch immer

Freitag: Auch am für mich letzten Arbeitstag des Jahres ließen sich Besprechungen nicht vermeiden. In einer sagte eine: „Ich wollte es nur mal gesagt haben.“ Womit das Grundproblem vieler Besprechungen auf den Punkt gebracht ist.

Samstag: Die meiste Zeit des Tages verbrachte ich in Gaststätten. Zuerst spontan mit den Lieben zum Frühstück im Café. Direkt danach mit Freunden zum „Austrinken“ ins Wirtshaus nebenan, das heute seinen letzten Tag hatte und danach für immer den Zapfhahn abdreht, deshalb „Austrinken“. Im Anschluss mit denselben Freunden auf (wirklich nur) ein Glas in die Weinbar gegenüber. Abends schließlich wieder mit den Lieben gegessen im Restaurant neben der Weinbar. So ein Hedonistenleben ist nicht immer leicht. Immerhin: Wenn die Gastronomie über Umsatzeinbußen klagt, ist mir das somit nicht anzulasten.

Ansonsten freute ich mich sehr über eine erhaltene Weihnachtskarte.

Die Briefkästen muss der Postbote selbst finden

Sonntag: Auch heute frühstückten wir im Café, einem anderen als gestern. Nicht spontan, vielmehr bereits vor Wochen reserviert. Auch dort war es sehr laut, vor allem eine auf mehrere Tische verteilte größere Gesellschaft neben uns mit drei lebhaften Kindern. Ich werfe ihnen das nicht vor; wer in Ruhe frühstücken möchte, bleibt am besten zu Hause, so einfach ist das. Leider war unser Appetit heute Vormittag noch nicht sehr ausgeprägt, daher ging einiges zurück. Mir tut das immer sehr leid, doch ist es nicht zu ändern. Die Gesellschaft nebenan traf daran keine Schuld.

Nach dem Frühstück unternahm ich einen Spaziergang an den Rhein, der im Bonner Norden bereits wieder Teile der Uferpromenade überspült. Für die kommenden Tage ist noch mehr angekündigt.

Heute ist sowohl der Vierte Advent als auch Heiligabend. Vielfach war in den vergangenen Wochen Klage zu hören, dadurch gingen uns einige Tage verloren. Die derart Klagenden können beruhigt sein: Auch dieses Jahr wird zuverlässig erst nach dreihundertfünfundsechzig Tagen beendet sein, darauf können Sie sich verlassen.

Aufgrund von Feierpflichten ab dem Nachmittag musste dieser Wochenrückblick bereits frühzeitig abgeschlossen werden. Sollten sich im Laufe des Tages noch Erwähnenswertigkeiten ergeben, werden diese gegebenenfalls in der kommenden Woche nachgereicht.

***

Ich wünsche Ihnen schöne Weihnachtstage mit reichlich Geschenken, falls sie auf sowas Wert legen, eine angenehme, im Idealfall arbeitsfreie Woche und, wenn wir uns vorher nicht mehr lesen, einen guten Start ins neue Jahr.

Woche 50/2023: Vielleicht lässt die Evolution den Menschen irgendwann einen dritten Arm wachsen

Montag: Der erste Arbeitstag der Woche verlief weitgehend ohne die regelmäßig auftretende Montagsbetrübnis. Mittags in der Kantine konnte ich erleben, was dieses „Slow Food“ bedeutet: In Sichtweite zerteilte und aß ein junger Kollege einhändig mit einem Messer eine Pizza, was augenscheinlich nicht ganz einfach war. Die zweite Hand war derweil unabkömmlich zur Bedienung des Datengeräts. Ich konnte es nicht bis zum Ende verfolgen, auch meine Mittagspause ist endlich. Vielleicht lässt die Evolution den Menschen irgendwann einen dritten Arm wachsen. Andererseits las ich vor einiger Zeit, ich weiß nicht mehr, wo und in welchem Zusammenhang, die jungen Leute essen heute nur noch ungern mit Messer und Gabel, aus genau dem oben beschriebenen Grund. Ob das stimmt, weiß ich nicht, unwahrscheinlich erscheint es mir nicht.

Nach dem Essen eine kurze Parkrunde mit Aussicht auf einen Schwan

Die letzte Teams-Besprechung ging bis siebzehn Uhr. „Ich wünsche euch noch einen schönen Nachmittag und nachher einen schönen Feierabend“, sagte der Organisator zum Abschied. Bei „nachher“ lachte ich (stummgeschaltet) auf und schaltete den Rechner ab.

Dienstag: In der Kantine erprobt man offenbar zurzeit eine neue Tischanordnung. Dadurch wählte ich heute nicht, wie sonst, wenn ich allein esse, einen Zweier- sondern einen Sechsertisch, da die Zweier entfernt worden sind. Eine der Fragen, die ich üblicherweise mit ja beantworte, obwohl ich nein meine, ist „Dürfen wir uns dazusetzen?“, gestellt um kurz vor zwölf. Kurz darauf saß ich mit einer entfernt bekannten und zwei unbekannten Personen am Tisch. Freundlicherweise versuchte man nicht, mich in das Gespräch einzubeziehen, dennoch löffelte ich das Dessert etwas schneller als gewöhnlich.

Nachdem mir in der vergangenen Woche aus Wetter- und Termingründen ein Besuch der Glühweinbude am Rheinpavillon nicht möglich war, freute ich mich heute Abend auf dem Rückweg umso mehr darauf. Aber ach: Die Bude wurde gerade abgebaut, warum auch immer. Nun gibt es in der Innenstadt zahlreiche Alternativen, doch diese Bude hatte durch ihre Lage direkt am Rhein was Besonderes. Schade.

Alternative

Mittwoch: »Weltklimakonferenz ruft zur Abkehr von fossilen Energien auf«, meldet der SPIEGEL. Für dieses schmale Ergebnis ein so hoher Aufwand? So wird das nichts mit unserer Rettung.

Apropos schmal: Epubli hat die Novemberabrechnung meiner Buchverkäufe geschickt. Ich danke der einen Käuferin sehr und freue mich über Nachahmung.

Nachdem am Vormittag die einzige Besprechung des Tages ins nächste Jahr verschoben worden war, war dies einer der seltenen Arbeitstage ganz ohne Termine. Abgesehen von der täglich im Kalender fest geblockten Mittagspause. Während dieser saß erneut in meinem Blickfeld ein jüngerer Einhandesser, den Blick fest auf das Datengerät in der rechten Hand gerichtet, derweil er mit der Gabel in der linken das Backfischfilet zerteilte, was einige Geschicklichkeit voraussetzte: Ich hatte wegen der fest angebratenen Panade schon mit Messer und Gabel einige Mühe. Der offensichtlich einhandgeübte Kollege benötigte dabei nicht mehr Zeit für den Verzehr als ich mit zwei Händen. Respekt.

Welchen vernünftig-nachvollziehbaren Grund mag es geben, „ein halbes Dutzend“ zu sagen statt einfach „sechs“?

Donnerstag: »Man sieht sich immer zweimal im Leben«, hörte ich einen sagen. Manchmal klingelt das ein wenig bedrohlich.

Der Rhein füllt sich wieder, wie ich auf dem Hin- und Rückweg sah, die ersten Schilder für eine Sperrung wegen Hochwassers sind aufgestellt. Möglicherweise ist das der Grund für den am Dienstag beklagten vorzeitigen Abbau der Glühweinbude am Ufer.

Morgens

Die Liste des Grauens wurde fortgeschrieben.

Im bin mir nicht sicher, ob es langfristig eine gute Idee ist, die Ukraine in die EU aufzunehmen. Nur so ein Gefühl.

Freitag: Für einen Freitag waren heute ungewöhnlich viele Kollegen in den Büros, normalerweise haben Kollegin A., wie ich konsequente Heimbüroverweigererin*, und ich freitags fast das ganze Gebäude oder wenigstens die Etage für uns alleine. Was wollten die da alle heute, haben die kein Zuhause, wo sie Unruhe verbreiten können?

*Aus Vereinfachungsgründen ausnahmsweise generisches Femininum. Den Teilsatz „konsequente Heimbüroverweigererin, wie ich konsequenter -verweigerer bin“, wollte ich Ihnen nicht zumuten.

Dass sich das Jahr dem Ende entgegen neigt merkt man auch daran, dass sich zahlreiche Kollegen in den Weihnachtsurlaub verabschieden mit den saisonüblichen Grüßen und Wünschen sowie dem seit fast vier Jahren etablierten Zusatz „Bleibt gesund“, in letzter Zeit wieder häufiger gehört.

Fast kein Kantinen- oder Kaffeeküchenplausch mehr mit gleichaltrigen (oder den wenigen verbliebenen älteren) Kollegen ohne die Frage, wie lange man noch zu arbeiten habe, nicht nur in diesem Jahr, sondern generell. Da neigt sich auch etwas dem Ende entgegen.

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Samstag: Aus terminlichen Gründen wurden die familiären Weihnachtsbesuchspflichten bereits an diesem Wochenende erfüllt. Und also machten sich auf der Liebste und ich nach Ostwestfalen, erst zu meiner Mutter, nachmittags weiter zum Treffen und Essen mit der Schwiegerfamilie. Gegen halb elf löste sich die Gesellschaft auf (dieser Satz wäre auch geeignet zur Einleitung einer Dystopie über das Ende der Menschheit), wir fuhren ins Hotel, mutmaßlich waren alle zufrieden.

Der NRW-Minister Laumann erscheint äußerlich eher wie ein westfälischer Rübenbauer statt ein Politiker. Das macht ihn sympathisch und ist keineswegs despektierlich gemeint, Rübenbauer ist ein ehrbarer Berufsstand, mehr als zum Beispiel Bundesverkehrsminister, jedenfalls wenn man die Amtsträger der letzten Jahre zum Maßstab nimmt. Herr Laumann hat nun geäußert, er sei froh, dass Jesus geboren wurde, verdanke diesem Ereignis doch seine Partei, die CDU, ihre Existenz. Es würde mich nicht wundern, wenn Herr Merz daraus folgernd demnächst verlauten lässt, die Existenz der CDU sei der beste Beweis, dass Jesus lebt. Halleluja.

Sonntag: Nach dem Frühstück im Hotel verließen wir bei trübem Himmel, innerlich heiter Ostwestfalen; bereits gegen dreizehn Uhr trafen wir sonnenbeschienen zu Hause ein. Driving home for Christmas mal anders.

Finde den Fehler
Kann denn Liebe toxisch sein?

Nach Ankunft drängte es mich zum Spaziergang raus, zumal wir den Tag gestern mit wenig Draußenzeit überwiegend im Auto und an diversen Esstischen verbracht hatten. Mit dem Gang verbunden war ein Gebäckkaufauftrag des Liebsten auf dem Weihnachtsmarkt, der heute gut besucht war. Das machte es recht anstrengend, nur einen bestimmten Stand aufzusuchen und den Markt danach so schnell wie möglich wieder zu verlassen, derweil Kinderwagenschieber durch die Gassen schlichen und alle paar Meter stehen blieben.

Nach dem Kekskauf belohnte ich meine Mühen mit einem angereicherten Kirschwarmgetränk. Dabei sah ich ein älteres gemischtes Paar vorübergehen, er trug einen längeren Jeansrock, sie hatte die Hosen an.

An einem anderen Getränkeausschank stand eine größere Gruppe rot-weiß gekleideter Weihnachtsmänner, teilweise mit Zigaretten und Bierflaschen in der Hand, manche hatten unter Missachtung der heiligen Kleiderordnung die Mütze abgenommen. Immerhin verteilten sie Süßigkeiten an vorübergehende Kinder. Alles in allem wird diese Ansammlung bei Eltern weihnachtsmanngläubiger Kinder einigen Erklärungsbedarf erzeugt haben.

Zum Spazieren kam ich auch noch

Im Übrigen hätte ich nichts gegen die Abschaffung von Weihnachten. Damit stehe ich im Kreis der Lieben, Verwandten und Bekannten wohl ziemlich alleine.

***

Ich wünsche Ihnen eine angenehme Vorweihnachtswoche, bald ist es erstmal wieder überstanden.

Woche 49/2023: Selbstbeherrschung ist und bleibt ein mühsam zu beackerndes Feld

Montag: Da ich einen Weinkarton für den Kollegen zu transportieren hatte und wegen einer ungünstigen Niederschlagsprognose für den Nachmittag entschied ich mich morgens für die Stadtbahn. Die verspätete sich aufgrund üblicher Imponderabilien, das störte mich nicht weiter. Es stand morgens kein Termin an, und das Gleitzeitkonto sollte bis zum Jahresende möglichst leer laufen.

Die jugendliche Hosenmode erfährt zurzeit einen unvorteilhaften Wandel, wie ich auch heute während der Hinfahrt wieder sah: Bevorzugte man in Jungenkreisen bislang enganliegende Beinkleider, gerne etwas kürzer mit bei jeder Witterung freiliegenden Fußfesseln, so hüllen sie sich nun zunehmend in weit geschnittene, bollerige Beinsäcke. Es ist äußerst angenehm, an derartige Trends nicht (mehr) gebunden zu sein.

Gelesen in einer internen Mitteilung über den Werksweihnachtsmarkt am kommenden Donnerstag: »Wer es lieber „flüssig“ mag, muss sich zwischen klassischem oder leckerem Apfel-Zimt-Glühwein entscheiden.«

Dienstag: Heute ist der fünfte, daher ist alles Wesentliche zum Tage bei Interesse hier nachzulesen.

Mittwoch: Deutschland ist in Aufregung wegen der Ergebnisse der jüngsten Pisa-Studie, der mittelfristige Schaden für die Wirtschaft soll mehrere Billionen Euro betragen, wie auch immer zweifellos kluge Leute das berechnet haben. Als Gründe werden ein hoher Ausländeranteil mit schlechten Deutschkenntnissen, Benachteiligung bei finanzschwachem Elternhaus und Lehrermangel vermutet. Ohne in rentnerbeiges Genörgel verfallen zu wollen: Kann es nicht auch daran liegen, dass immer mehr vor allem junge Menschen Teile ihres Hirns ins Datengerät ausgelagert haben? Vielleicht ist das nicht schlimm, weil bei den Tests Kenntnisse abgefragt wurden, die aufgrund fortschreitender Digitalisierung mittel- bis langfristig nicht mehr benötigt werden, jedenfalls nicht, solange noch Strom fließt. Rechnen? Taschenrechner-App. Schreiben? ChatGBT. Längere Texte lesen und verstehen? Zeitverschwendung.

Passend dazu erreichte mich abends eine Nachricht

Mittags nach Rückkehr aus der Kantine (heute wieder vorzüglich) tönte im Werkshof „Last Christmas“ in erheblicher Lautstärke. Gerade als mein rechter Fuß im Takt zu wippen begann, verstummte es wieder.

Donnerstag: »Ihr Paket ist da!«, verkündet ein Benachrichtigungszettel des rot-weißen Paketdienstleisters. Offen bleibt, wer mit Ihr gemeint ist, auch, wie da zu deuten ist. Hier ist es jedenfalls nicht, der unbekannte Empfänger erfährt auch nicht, wo es sich befindet und wie er dessen habhaft werden kann. Danke, DPD, für dieses nette Weihnachtsrätsel.

Der Tag endete mit einem Weihnachtsmarktbesuch und anschließendem Essen im Kollegenkreis. Mein Zurückhaltungsvorhaben bezüglich Getränkeverzehr gelang nur so halb. Selbstbeherrschung ist und bleibt ein mühsam zu beackerndes Feld.

Freitag: Erfreulicherweise lagen im Büro keine anspruchsvollen, heute dringend zu erledigenden Geschäfte an; auch der Eingang an Mails, Anrufen und sonstigen Belästigungen war gering. Daher konnte ich nach Abarbeitung einiger Dinge zeitig das Werk verlassen.

Die Gruppendruckbetankung am Vorabend zog heute eine gewisse Unpässlichkeit nach sich. Eigentlich mag ich Glühwein nicht in größeren Mengen. Doch kaum war der Becher geleert gewesen – es nützte nichts, durch langsameres Trinken eine niedrigere Frequenz anzustreben, weil der Trunk dann durch Abkühlung ungenießbar wird – schon stand der nächste auf dem Tisch. Dazu wurde später ein cremeartiger Likör mit adventlichen Aromen gereicht, vom Chef persönlich, was soll man da machen.

Danach suchten wir eine spanische Gaststätte auf. Das Essen war gut (andere würden es als „lecker“ bezeichnen), mehrere Platten und Teller mit unterschiedlichen Speisen wurden serviert, von denen sich jeder nahm, und wovon später, als alle gesättigt waren, erschreckend viel zurück ging. Anscheinend wurde für die Zubereitung in großen Mengen Knoblauch nicht der höchsten Qualitätsstufe verwendet, jedenfalls beklagten meine Lieben heute bis zum Abend entsprechende Ausdünstungen meinerseits.

Samstag: Aus einem Zeitungsbericht über Extras, die Firmen ihren Mitarbeitern zur Arbeitsluststeigerung gewähren: »Richtet ein Unternehmen einen Fitnessraum ein, kann man ihn nutzen, muss es aber natürlich nicht.« Das finde ich sehr beruhigend.

Auch gelesen und für gut befunden:

»Wer glaubt, dass sich ein vergangenes oder zukünftiges Ereignis ändern lässt, indem man sich lange genug schlecht fühlt oder Sorgen macht, der lebt auf einem anderen Stern mit anderen Gesetzen.«

William James

Gesehen:

Claudia W. und Jan-Malte L. aus B. bereiten ihre Kinder Lea-Charlotte (links) und Paula-Marie für das nächste Pisa-Debakel vor.

Sonntag: In der aktuellen Ausgabe der PSYCHOLOGIE HEUTE, die ich noch bis Juni erhalte, ehe das Abonnement endet, ein interessanter Artikel über (positive) Alleinzeit in Abgrenzung zur (negativen) Einsamkeit. Darin wird der Begriff „aloneliness“ genannt, für den es wohl keine passende deutsche Entsprechung gibt. Er bezeichnet die Unzufriedenheit, wenn man nicht genug Zeit für sich selbst zur Verfügung hat.

Bestandteil meiner persönlichen Alleinzeit ist der regelmäßige Spaziergang am Sonntag. Dieser führte mich heute bei Sonnenschein und milder Temperatur zunächst nach Bonn-Beuel, und zwar – welch Zufall – genau dorthin, wo ich eine Woche zuvor einige meiner Aufsätze einem erlesenen Publikum vortragen durfte. Im Kellergeschoss desselben Gebäudes betreibt der Modelleisenbahnclub Köln eine beeindruckende Anlage in Spur 1, die heute öffentlich zugänglich und in Betrieb zu besichtigen war.

Dieser Triebwagenzug der Baureihe 515/815 beeindruckte mich besonders

Danach ging es in einer größeren Schleife über Schwarzrheindorf (mit spontanem Besuch des örtlichen Weihnachtsmarktes), die Nordbrücke und am Rhein entlang zurück nach Hause, wo die heutige Alleinzeit endete.

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Kommen Sie gut durch die Woche.

24 T – Mutmaßungen über die Freiheit des Scheiterns, Tag 10

Vorbemerkung: Vor einigen Wochen fragte mich Frau Graugans an, ob ich Lust hätte, mich mit einem Text an ihrem Blogprojekt 24 T zu beteiligen, einer Art virtuellem Adventskalender. Als ich das Thema sah, dachte ich erst: Was?, siehe Überschrift. Gleichwohl habe ich mich sehr über die Anfrage gefreut und gerne mitgemacht.

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Wer nichts wird In der Fußgängerzone wäre ich neulich fast jemandem begegnet, mit dem ich bis vor einiger Zeit noch – nun ja: befreundet wäre ein zu …

24 T – Mutmaßungen über die Freiheit des Scheiterns, Tag 10: Carsten Kubicki