Perforiert

Die Perforation der Menschheit begann vor mehreren Jahrtausenden. Waren es anfangs Schmuckstücke aus Holz, Knochen, Stein, Perlmutt oder anderen Materialien links und rechts des Steppenpfades, welche sich die Ureinwohner aus religiösen, (spi-)rituellen, ästhetischen oder was weiß ich was für Gründen durch Ohren, Nasenflügel, Lippen oder Genitalien trieben, so wurden nach Einzug der Zivilisation schon ganze Coladosen in eingeborenen Ohrläppchen gesichtet, hoffentlich waren sie zuvor geleert worden.

Meine frühesten Begegnungen mit Piercings waren die Ohrringe diverser Tanten: Klunker und künstliche Perlen, die an kurzen Kettchen baumelten, oder wellensittigschaukelartige Reifen, die fast bis zur Schulter der jeweiligen Dame reichten. Nachdem ich erfahren hatte, dass man dafür richtige Löcher in die Ohren sticht, konnte ich nächtelang nicht schlafen, und wenn doch, träumte ich von glühenden Nägeln und Mamas Nähmaschine.

Später, in der Schule, trugen dann auch Jungs Ohrschmuck, meistens einen kleinen dezenten Ring oder einen Knopf ähnlich wie meine Steifftiere, nur ohne diese kleine gelbe Fahne; als Junge trug man nur einen, wobei es dem Vernehmen nach darauf ankam, welches Ohr durchbohrt war – links war ,normal‘, rechts schwul, vielleicht war es auch umgekehrt. Manche trugen beidseitig, was auch immer das zu bedeuten hatte. Insgeheim bewunderte ich diese Jungs, hätte mir auch gerne so ein Dings stechen lassen, traute mich aber nicht in Erwartung elterlicher Ermahnung, außerdem fühlte ich mich nicht cool genug für so etwas verwegenes.

Erst später, im gesetzten Alter von dreißig, längst war ich dem elterlichen Haushalt entfleucht, suchte ich auf Überreden einer guten Freundin mit ebendieser einen örtlichen Ohrlochstecher auf, klack, tat gar nicht weh, und schon hatte ich einen Knopf im Ohr, welcher beim nächsten Elternbesuch das erwartete „Was hast DU denn da??“ hervorrief, ernste Sanktionen waren indes nicht mehr zu befürchten. Meine Teddy-Cool-Phase währte nicht lang, keine fünf Jahre später war das Teil wieder raus, inzwischen dürfte das Löchlein zugewachsen sein, nur wenn man ganz genau hinschaut, kann man es noch erahnen.

Gehe ich heute durch die Stadt, so stelle ich fest, dass sich die Jungs zunehmend wieder den vorgenannten Ureinwohnern exotischer Regionen annähern: nicht mehr dezente Ring- und Knöpflein zieren das adoleszente Ohrläppchen, sondern massive Ösen mit einem Durchmesser von bis zu einem Zentimeter umschmiegt das zarte Fleisch. Das wirft Fragen auf.

Erstens: Warum? Gut, so eine Ohr-Öse mag praktisch sein. So kann man darin bequem eine Zigarette oder einen Kugelschreiber aufbewahren und hat die Hände frei für Bierflasche und Smartphone. Auch kann man Kleiderbügel darein hängen, sollte man mal in eine Umkleidekabine ohne Wandhaken geraten. Weitere Vorteile erschließen sich nicht auf Anhieb.

Zweitens: Wie macht man solche Löcher? Mit dem einfachen Klack-Gerät meiner spätjugendlichen Erfahrung ist es da wohl nicht getan; wie also, um alles in der Welt? Nimmt man dafür einen Aktenlocher oder eine Stanze, und wenn ja, mit oder ohne Vollnarkose? Seitdem ich darüber nachdenke, schlafe ich wieder schlechter, schrecke nachts schreiend und nass geschwitzt hoch aus Träumen von lodernden Schmiedeessen, Locheisen, schwerer Hämmer, glühenden Zangen und sadistisch lachenden Folterknechten.

In der Reife meiner Jahre erkenne ich, dass die mir von der Natur gegebenen Löcher und sonstigen Körperöffnungen ausreichen, um damit im Leben einigermaßen klar zu kommen. Sicher scheint indes, dass der Mensch sich auch in tausend Jahren noch freiwillig durchbohrt, um etwas hindurchzustecken, so fern er dann noch auf Erden wandelt. Ganz sicher ist jedoch: solange es Menschen gibt, wird es Arschlöcher geben.

Frühwerke: Es lebe der Sport

Mit dem Schreiben kürzerer Texte begann ich 1985, also im zarten Alter von achtzehn Jahren. Vorbild und Quelle der Inspiration waren damals die Geschichten von Ephrahim Kishon, dessen Bücher ich liebte. Doch bereits ein Jahr später hörte ich wieder damit auf; den genauen Grund weiß ich heute nicht mehr, vermutlich Zeitmangel wegen des beginnenden Berufslebens oder neue Interessen. Neulich übergab mir meine Mutter eine Mappe („brauchst du das noch oder kann das weg?“), die sie beim Aufräumen irgendwo zwischen Fotoalben und alten Schulbüchern gefunden hatte: die Texte meiner ersten Schaffensphase!

Nach erster Sichtung stelle ich fest: so schlecht war ich damals gar nicht. Da ich noch keinen Rechner besaß (die Jüngeren unter Ihnen können sich das vermutlich nicht vorstellen), schrieb ich die Texte handschriftlich vor und tippte sie dann mit Schreibmaschine ab (für die Jüngeren: eine Schreibmaschine ist eine Art Laptop, das nur Word in Times New Roman Courier kann, allerdings wesentlich lauter, dafür gab es Modelle, die ganz ohne Strom auskamen).

Hier nun eine Kostprobe meines damaligen Schaffens. Schon in jungen Jahren war mir der (Schul-)Sport zutiefst verhasst, aber da erzähle ich denjenigen, die hier ab und zu mal reinschauen, ja nichts Neues. Den nachfolgenden Text schrieb ich hasserfüllt gegen Ende der „Dreizehneins“, als ich Sport endlich abwählen durfte (Deutsch und Mathe ging schon vorher, so viel zu unserem Schulsystem). So brachte ich zur letzten Sportstunde nicht nur eine Flasche Sekt mit, sondern auch eine Kopie dieses Textes und überreichte ihn Herrn F., unserem Sportlehrer. Ich weiß nicht, ob er ihn gelesen hat, jedenfalls kann ich mich nicht erinnern, dass er danach noch ein Wort mit mir gesprochen hat.

Bitte sehen Sie mir nach, dass ich den Text nicht durch Abtippen in ein zeitgemäßes Format gebracht habe, sondern nur die Originale gescannt habe.

Voila, hier nun die Bekenntnisse eines Sportgeschädigten. Zum Lesen bitte anklicken. Viel Vergnügen!

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Über Meinungsfreiheit

„Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten […]“, so steht es im Artikel 5 Absatz 1 unseres Grundgesetzes. Das ist gut und richtig. Doch gibt es anscheinend nicht wenige Zeitgenossen, die in dem Recht zur Meinungsäußerung gleichsam eine Pflicht erkennen: In Leserbriefen werden die Nebeneinkünfte des SPD-Kanzlerkandidaten oder das Unkraut im Stadtpark kommentiert; taucht in der Fußgängerzone ein Kamerateam des WDR oder von RTL auf, stürzen sie sich darauf, um ihre Ansichten zu Urheberecht oder Zölibat in die Welt zu bringen (ich selbst mache seit jeher einen großen Bogen um Fernsehleute in Fußgängerzonen), und kein Internetforum, in welchem auf einen Beitrag etwa über die Preiserhöhung der Post nicht seitenlang Kommentare folgen, die spätestens nach dem dreizehnten Eintrag absolut gar nichts mehr mit dem Ursprungsbeitrag zu tun haben – Stille Post 2.0 gewissermaßen.

Ich frage mich: wen interessiert das? Wer will wirklich wissen, welche Meinung wildfremde Menschen zu einem bestimmten Thema haben? Die Leserbriefe in der Tageszeitung überblättere ich genau so schnell wie den Sportteil, und Diskussionen in Internetforen finde ich so spannend wie einer Kohlmeise beim Kacken zuzuschauen.

Kein Zweifel, die Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut, nicht umsonst an prominenter Stelle in unserer Verfassung geschützt. Für mich bedeutet Meinungsfreiheit aber auch die Freiheit von einer Meinung, mit anderen Worten: ich muss nicht zu allem und jedem eine eigene Meinung haben. So ist es mir egal, ob jüdische und muslimische Jungs beschnitten werden dürfen, und ,Bundesligatabelle‘ ist für mich nur ein Wort wie ,Kompostbeschleuniger‘ – ich habe eine ungefähre Vorstellung, was es bezeichnet, jedoch fehlt mir jedes Interesse, mich damit zu befassen.

Selbstverständlich gibt es viele Themen, zu denen auch ich eine Meinung habe, doch nehme ich mir gerne die Freiheit, diese für mich zu behalten. Die vorstehenden Zeilen zum Beispiel sind nichts weiter als eine persönliche Meinungsäußerung meinerseits. Wenn Sie ähnlicher oder anderer Meinung sind, scheuen Sie sich bitte nicht, einen Kommentar zu hinterlassen!