Woche 30: Kraft und Inspiration

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Montag: Es ist so, ich kann es nicht ändern: Mit Fußball, Kindern, Hunden/Katzen und schnellen Autos kann ich absolut nichts anfangen. Jedes Mal, wenn eines dieser Themen Gegenstand des Gesprächs wird, zerquirlen die Worte des Gegenübers zu einem mir unverständlichen Brei, und lautes Rauschen des Desinteresses legt sich darüber.

Dienstag: Man mag es mir als Altersdiskriminierung zur Last legen, aber meiner Meinung nach sollte ein Mann spätestens ab fünfundvierzig auf Ohrringe und Flanking verzichten. Nasenpiercings sind indes unabhängig von Alter und Geschlecht scheiße.

Mittwoch: In Mali ist ein Bundeswehr-Hubschrauber abgestürzt. Ich möchte keinesfalls zynisch oder gehässig erscheinen, aber: Was hat ein Bundeswehr- Hubschrauber in Mali verloren?

Donnerstag: Manche Menschen müssen, wo immer sie sind, Dinge tun, die den Anschein geschäftiger Tätigkeit erwecken.

Freitag: Nach einem dreiviertelstündigen Fußmarsch ins Büro erscheint mir mein Tag- und somit Wochenwerk im Grunde genommen getan.

Samstag: Aus gegebenem Anlass bitte nochmals höflich aber bestimmt darum, davon Abstand zu nehmen, mir unaufgefordert Handyfotos unter die Nase zu halten, insbesondere wenn sie Katzen, Speisen oder Enkelchen zeigen.

Sonntag: „Querencia“ ist spanisch und bezeichnet einen Ort, an dem man sich sicher fühlt, aus dem man Kraft und Inspiration zieht. So wie mein Bett und unser Balkon. (aus: Einzigartige Wörter von David Tripolina)

Perforiert

Die Perforation der Menschheit begann vor mehreren Jahrtausenden. Waren es anfangs Schmuckstücke aus Holz, Knochen, Stein, Perlmutt oder anderen Materialien links und rechts des Steppenpfades, welche sich die Ureinwohner aus religiösen, (spi-)rituellen, ästhetischen oder was weiß ich was für Gründen durch Ohren, Nasenflügel, Lippen oder Genitalien trieben, so wurden nach Einzug der Zivilisation schon ganze Coladosen in eingeborenen Ohrläppchen gesichtet, hoffentlich waren sie zuvor geleert worden.

Meine frühesten Begegnungen mit Piercings waren die Ohrringe diverser Tanten: Klunker und künstliche Perlen, die an kurzen Kettchen baumelten, oder wellensittigschaukelartige Reifen, die fast bis zur Schulter der jeweiligen Dame reichten. Nachdem ich erfahren hatte, dass man dafür richtige Löcher in die Ohren sticht, konnte ich nächtelang nicht schlafen, und wenn doch, träumte ich von glühenden Nägeln und Mamas Nähmaschine.

Später, in der Schule, trugen dann auch Jungs Ohrschmuck, meistens einen kleinen dezenten Ring oder einen Knopf ähnlich wie meine Steifftiere, nur ohne diese kleine gelbe Fahne; als Junge trug man nur einen, wobei es dem Vernehmen nach darauf ankam, welches Ohr durchbohrt war – links war ,normal‘, rechts schwul, vielleicht war es auch umgekehrt. Manche trugen beidseitig, was auch immer das zu bedeuten hatte. Insgeheim bewunderte ich diese Jungs, hätte mir auch gerne so ein Dings stechen lassen, traute mich aber nicht in Erwartung elterlicher Ermahnung, außerdem fühlte ich mich nicht cool genug für so etwas verwegenes.

Erst später, im gesetzten Alter von dreißig, längst war ich dem elterlichen Haushalt entfleucht, suchte ich auf Überreden einer guten Freundin mit ebendieser einen örtlichen Ohrlochstecher auf, klack, tat gar nicht weh, und schon hatte ich einen Knopf im Ohr, welcher beim nächsten Elternbesuch das erwartete „Was hast DU denn da??“ hervorrief, ernste Sanktionen waren indes nicht mehr zu befürchten. Meine Teddy-Cool-Phase währte nicht lang, keine fünf Jahre später war das Teil wieder raus, inzwischen dürfte das Löchlein zugewachsen sein, nur wenn man ganz genau hinschaut, kann man es noch erahnen.

Gehe ich heute durch die Stadt, so stelle ich fest, dass sich die Jungs zunehmend wieder den vorgenannten Ureinwohnern exotischer Regionen annähern: nicht mehr dezente Ring- und Knöpflein zieren das adoleszente Ohrläppchen, sondern massive Ösen mit einem Durchmesser von bis zu einem Zentimeter umschmiegt das zarte Fleisch. Das wirft Fragen auf.

Erstens: Warum? Gut, so eine Ohr-Öse mag praktisch sein. So kann man darin bequem eine Zigarette oder einen Kugelschreiber aufbewahren und hat die Hände frei für Bierflasche und Smartphone. Auch kann man Kleiderbügel darein hängen, sollte man mal in eine Umkleidekabine ohne Wandhaken geraten. Weitere Vorteile erschließen sich nicht auf Anhieb.

Zweitens: Wie macht man solche Löcher? Mit dem einfachen Klack-Gerät meiner spätjugendlichen Erfahrung ist es da wohl nicht getan; wie also, um alles in der Welt? Nimmt man dafür einen Aktenlocher oder eine Stanze, und wenn ja, mit oder ohne Vollnarkose? Seitdem ich darüber nachdenke, schlafe ich wieder schlechter, schrecke nachts schreiend und nass geschwitzt hoch aus Träumen von lodernden Schmiedeessen, Locheisen, schwerer Hämmer, glühenden Zangen und sadistisch lachenden Folterknechten.

In der Reife meiner Jahre erkenne ich, dass die mir von der Natur gegebenen Löcher und sonstigen Körperöffnungen ausreichen, um damit im Leben einigermaßen klar zu kommen. Sicher scheint indes, dass der Mensch sich auch in tausend Jahren noch freiwillig durchbohrt, um etwas hindurchzustecken, so fern er dann noch auf Erden wandelt. Ganz sicher ist jedoch: solange es Menschen gibt, wird es Arschlöcher geben.