Sag niemals nie – Rückschau eines Bekehrten auf die erste Session

Über die Umstände zu berichten, wie es dazu kam, würde zu weit führen; vielleicht hole ich das später einmal nach. Fakt ist: Meine ursprüngliche Distanz gegenüber dem rheinischen Karneval ist seit etwa zwei Jahren in Auflösung begriffen beziehungsweise sich am auflösen, wie der Rheinländer sagt. Oder heißt es ‚auf am lösen‘? Egal. Anfang letzten Jahres unterschrieb ich den Antrag auf Mitgliedschaft bei der Karnevalsgesellschaft Fidele Burggrafen Bad Godesberg e. V., wohlgemerkt in der Absicht, den Verein durch meinen finanziellen Beitrag und ansonsten passive Mitgliedschaft zu unterstützen, also keine Uniform, kein Stippeföttchen. Ich hatte die Truppe zuvor bei mehreren Veranstaltungen kennen gelernt als sehr nette, lustige, offene Menschen, in deren Mitte ich mich sehr wohl fühlte (und noch immer fühle). Spätestens seit dem spontanen Geburtstagsständchen im letzten Jahr hatten sie mich gewonnen.

Es begab sich wenig später im Zeughaus der Burggrafen in Friesdorf, am späten Abend nach einer Tour über mehrere Sitzungen, die ich als Zivilist begleiten durfte. Vielleicht lag es an der gelösten Stimmung, eher am Kölsch, dass ich in einem unachtsamen Moment nicht nein sagte: Der Kapellmeister des Regimentsspielmannszuges kam auf mich zu und sprach „Wir müssen uns mal unterhalten“. Man hatte mitbekommen, dass ich seit Jahren einem Chor angehöre, woraus man schloss, ich müsse wohl singen können. Genau das suchten sie: einen Sänger, der den Saal während der Auftritte zum Mitsingen animierte. Das stimmte, ein Sänger fehlte ihnen, das hatte ich während der Auftritte, die ich sah, selbst bemerkt. Wenn der Kommandant das Publikum aufforderte „Steht mal auf, jetzt singen wir gemeinsam“, dann standen die meisten auf, der Spielmannszug hob an zum Potpourri rheinischer Lieder, die wenigsten jedoch sangen mit, einschließlich der Burggrafen auf der Bühne. Das sollte sich ändern. Mit mir. Au weia.

Da ich gemeinhin zu meinem Wort stehe, auch wenn es unter Alkoholeinfluss abgepresst wurde, fuhr ich also fortan donnerstags zu den Proben, auf dass ich fit werde für die Session 2016/2017. Dort bekam ich die Liedtexte in die Hand gedrückt, welche mein ostwestfälisches Sprachzentrum schon vor eine Herausforderung stellten: Hööt m’r Quetsch un decke Trumme brumme, hät dat Leid vum Johr e Engk jefunge, oder Se stonn su kromm un scheif, als wör’n se immer en d’r Seif‘, wobei mir das mit der Seif‘ auch die anwesenden Rheinländer nicht auf Anhieb übersetzen konnten. Für das häusliche Selbststudium erhielt ich eine CD mit den vom Spielmannszug dargebrachten Stücken und Potpourris.

Was ich kaum für möglich gehalten hatte: Schon ab der dritten Probe konnte ich dank häuslicher Übung ohne größere Mühe mitsingen, auch die Texte verstand ich einigermaßen. Anfangs ging mein Gesang noch im Trommeln und Flöten unter, was mir ganz recht war, doch in einer Folgeprobe brachte unser Chef Mikrofon und Lautsprecher mit, so dass ich akustisch Farbe bekennen musste: Nun war ich zu hören! Es ist ein riesengroßer Unterschied, ob man Mitsänger eines Chores ist, oder ob man sich elektrisch verstärkt als Solist gegen eine Kapelle durchsetzen muss. Auf was um alles in der Welt hatte ich mich nur eingelassen? Aber es ging ganz gut, ich traf auch als Einzelkämpfer die meisten Töne, und bezüglich meiner rheinisch-westfälischen Aussprache einzelner Wörter erhielt ich eine Menge wohlmeinender Ratschläge, die ich gerne annahm (und noch immer annehme). Bald brauchte ich auch keine Textblätter mehr, Texte und Abläufe der Potpourris hatte ich im Kopf. Alles in allem klappte das besser als erwartet.

Auch eine Uniform wurde mir ausgehändigt. Jeden, der nach meinem Umzug nach Bonn 1999 oder auch nur vor zwei Jahren behauptet hätte, ich würde mal die Uniform einer Karnevalsgesellschaft tragen, hätte ich des Vogelbesitzes bezichtigt. Uniform? Ich? Im Leben nicht. In der Mittagspause erzählte ich meinen Kollegen davon. Die Blicke hätte Sie mal sehen sollen! „Du? Karneval?? – Was kommt als nächstes, trittst du einem Fußballverein bei?“ Man wird sich ja wohl weiterentwickeln dürfen! Na gut, das mit dem Fußball ist äußerst unwahrscheinlich. Aber wer weiß …

Dann wurde es ernst: Der erste Auftritte beim Ordensfest im November, zugleich Tag meiner Vereidigung. Obwohl nur vereinsintern ohne öffentliches Publikum, glitt mir vor dem ersten Ton fast das Mikrofon aus der schweißnassen Hand. Doch es klappte ganz gut trotz einzelner Textunsicherheiten, sogar das eine oder andere Lob bekam ich zu hören.

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(Fotos: Armin Silberling)

Richtig ernst wurde es dann bei der großen Prunksitzung in der Godesberger Stadthalle vor achthundert Gästen, darunter unsere Nachbarn und eine Delegation der Kölner SPITZbuben, meines Chores, die besonders genau hinhörte. Beim Einmarsch in den Saal war ich noch sehr nervös, dennoch war es ein erhebendes Gefühl, als Teil dieser grün-weißen Truppe auf der Bühne zu stehen und einen kleinen Beitrag dazu zu leisten, dass die Menschen vor uns im Saal einen schönen Abend haben. Nachdem auch dieser Auftritte gut geklappt hatte, schwebte ich beim Ausmarsch fast durch den Saal und das gebildete Spalier. Später fragte mich eine Dame gar nach einer Autogrammkarte, ich nehme an, sie wollte mich ein wenig veräppeln.

Bereits am nächsten Tag, nach viel zu kurzer Nacht, hatten wir einen Auftritt in Recklinghausen, wo man augenscheinlich auch Karneval feiert, wenn auch mit „Helau“ statt „Alaaf“. Während ich vom Bus aus noch morgenmüde die verschneite Landschaft des Bergischen Landes an mir vorüberziehen ließ, bewunderte ich die Energie und gute Laune der Burggrafen und -gräfinnen, die sogar schon wieder in der Lage waren, sich Bier zuzuführen, als wäre gestern nichts gewesen.

Nach der Ankunft in Recklinghausen lernte ich einen weiteren wesentlichen Bestandteil des Karnevalistendaseins kennen: Warten. Die Veranstaltung begann um vierzehn Uhr, wir waren bereits eine Stunde vorher in der Halle.

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Während die Harten unter uns schon wieder dem Bier zusprachen, vertrieb ich die Zeit mit Kaffee und einer Frikadelle. Dann endlich Beginn der Sitzung. Doch vor unserem Einmarsch mussten wir noch eine mindestens viertelstündige Eröffnungsrede mit nicht enden wollenden Gruß- und Dankesworten abwarten. Auch dieser Auftritt lief gut, einige Gäste sangen mit, was will man mehr. Auf der Rückfahrt schmeckte dann auch mir wieder das Bier. Am Abend fiel ich sehr früh und sehr müde ins Bett.

Besonders zu erwähnen ist die Fahrt ins französische Sarreguemines, gleich hinter der Grenze bei Saarbrücken. Der erste Auftritt am frühen Samstagabend hatte etwas leicht groteskes: In einem großen Supermarkt nahe des Hotels marschierten wir vor dem Kassenbereich zu Musik einmal auf und wieder ab, was viele Supermarktkunden mit Freude und Interesse (und Mobiltelefon-Kameras) aufnahmen, einigen war aber auch ein ‚A quoi ça rime?‘ ins Gesicht geschrieben. Danach gabs im Supermarkt-Restaurant ein Abendessen auf Kosten des Hauses, immerhin.

Danach brachte uns der Bus zur Stadthalle, wo an diesem Abend eine große Karnevalssitzung veranstaltet wurde. Unser Auftritt war erst in zwei Stunden, daher wieder: Warten. Immerhin war die Versorgung mit Freibier sichergestellt, so dass war nicht gar so nüchtern auf die Bühne mussten. Dennoch, oder gerade deswegen, lief der Auftritt wieder gut.

Nach vollzogener Tat zogen wir weiter in eine nahegelegene Kneipe, deren Publikum wir durch unsere grün-weiße Anwesenheit optisch bereicherten, während der Spielmannszug die Musikanlage mühelos übertönte. Es kam jedoch nicht zum Rauswurf, im Gegenteil, man sprach uns interessiert an, wollte wissen, woher wir kommen, was wir dank der Grenznähe auch ohne Französischkenntnisse beantworten konnten. Auch der Wirt schien begeistert, denn immer wieder gab er Runden alkoholischer Getränke aus, welche er in großen Injektionsspritzen direkt in den Mund verabreichte, aus Sicherheitsgründen ohne Nadel.

Ein Burggraf hatte sich zum Verzicht auf Mehrwertgetränke bereiterklärt, stattdessen fuhr er uns den ganzen Abend mit dem vereinseigenen Kleinbus zurück ins Hotel. Dafür noch mal ein janz janz hääzlich Dankeschön, lieber Daniel! Da wir schon eine der ersten Fahrten nutzten, war das Dreigestirn einigermaßen fit am Sonntagmorgen.

Nach dem Frühstück brachte uns der (große) Bus wieder in die Stadthalle, wo wir erstmal wieder zwei Stunden warten mussten bis zum Start der Cavalcade de Sarreguemines, immerhin mit kostenlosem Mittagessen und begleitenden Getränken, wobei ich vorläufig bei Cola blieb, trotz der bekannten Risiken und Bedenken gegen dieses Getränk. Gegen Mittag trafen weitere Busse mit zugteilnehmenden Gruppen ein, unter anderem eine faszinierende Schalmeienkapelle, die eine mitreißende Kostprobe ihres Könnens lieferte, was unser Spielmannszug nicht unbeantwortet ließ.

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Dann machten sich die Gruppen auf zum Bahnhof, wo die Calvacade startete. Wieder warten, was sich etwas anstrengend gestaltete, da vor und hinter uns jeweils ein Wagen mit unangenehm laut wummernder Musik stand. Wenn wir nachher zwischen denen marschieren mussten, dann Mahlzeit. Kurz nach zwei ging es dann endlich los. Da der Krachwagen mit großem Abstand vor uns fuhr, wurde es halb bis viertel so schlimm. Nein, gar nicht schlimm, es wurde sehr schön, zumal sich auch die Sonne immer wieder blicken ließ. Unser Spielmannszug spielte während des Zuges fast die ganze Zeit, mir selbst kam dabei eine eher dekorative Rolle zu mangels Mikrofon und Lautsprecher, aber das war nicht schlimm, ich sang trotzdem mit, nur für mich, übungshalber. Während des Zuges wurden wir von den Zuschauern mit Konfetti beworfen, offenbar gereicht das den Franzosen zum plaisir. Noch Tage später fand sich das Zeug in den Ecken unserer Wohnung.

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Die Rückfahrt nach Bonn verzögerte sich um gut eine Stunde, weil zuvor ein ungeschickt geparkter PKW abgeschleppt werden musste, der den Bussen die Ausfahrt vom Platz versperrte. Dennoch war die Stimmung im Bus bestens, endlich schmeckte auch mir wieder das Bier.

Auch unser Haus dekorierten wir, als Außenposten der Burggrafen in der Bonner Innenstadt, grün-weiß:

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Nächster Höhepunkt war der Weiberfastnacht-Donnerstag, den ich erstmals seit vielen Jahren nicht auf der Party meiner Firma verbrachte, sondern in grün-weißer Mission. Die Burggrafen hatten fünf Auftritte an diesem Tag, alle mit Gesang: den ersten im Forschungsministerium, wo auf der Bühne Bier gereicht wurde, den letzten in Lannesdorf.

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Dank mehrfacher Ölung während des Tages hielt meine Stimme bis zum Schluss durch. Nach dem letzten Auftritt begaben wir uns noch auf ein bis fünf Abendglas ins Zeughaus. Der Freitag, den ich mir vorsorglich frei genommen hatte, gestaltete sich dennoch erfreulich und ungewohnt katerfrei.

Am Freitagabend ging es weiter beim traditionellen Godesberger Abend und Abschluss der Kneipentour des Godesberger Prinzenpaares im Sudhaus am Friedensplatz, mit dem großen Vorteil eines kurzen Heimwegs.

Nachdem der Samstag ohne nennenswerte karnevalistische Aktivitäten verlaufen war, kam der Godesberger Zoch am Sonntag, den wir bei bestem Wetter durch eine große Gruppe, Musik und mehrere Wagen bereicherten. Statt elektrisch verstärkt zu singen, bewarf ich unschuldige, „Kamelle!“ rufende Menschen am Wegesrand mit Waffeln aus zwei großen Taschen, die an meinen Seiten hingen.


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Nach dem Zoch dann Einmarsch mit Musik in die Godesberger Stadthalle, wo wir unsere interne Nach-Zoch-Party feierten. Gegen zweiundzwanzig Uhr wurden wir höflich aber bestimmt aus der Halle gefegt. Zuhause angekommen, hängte ich die Uniform, die ich in den Wochen zuvor mit echtem Stolz getragen hatte, erstmal an den Haken für die nächsten neun Monate. Zum Abschluss des Tages gönnten der Liebste und ich uns noch ein Glas Riesling, um nicht allzu trocken einschlafen zu müssen, derweil unser dritter Stern im Bettuch verschwand.

Der Rosenmontag rundete die Session schließlich gebührend ab. Nach dem Frühstück ging das Dreigestirn zum Bonner Zoch, der gleich bei uns um die Ecke durch die Breitestraße zieht und danach eine wunderbare Straßenparty hinter sich lässt. Hierfür waren sogar einige Burggrafen aus Godesberg angereist, um gemeinsam mit uns zu schauen und zu trinken, wobei ich mich angesichts des folgenden Arbeitstages mit zweiterem stark zurückhielt.

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Als ich schließlich zusammen mit dem Geliebten und Herr meiner Sinne und Schritte nach Hause ging, empfand ich leichte Wehmut.

Fazit: Es hat alles riesigen Spaß gemacht, trotz mancher Anstrengung und Wartezeit, das gehört dazu. So schließe ich die Session und meinen Aufsatz mit zwei Erkenntnissen:

  1. Ich freue mich auf November, wenn wieder dat Trömmelsche jeht und mer aal parat stonn,
  2. nächstes Jahr nehme ich mir auch noch den Dienstag frei.

Im Übrigen werde ich niemals Prinz. Allein schon weil das ziemlich albern aussähe mit meinen dürren Spillerbeinen in diesen Strumpfhosen.

Allaaf gehabt zu haben!

***

Wichtiger Nachtrag: 

An den Herrn Präsidenten und den Kommandanten, und an alle, die durch viel Arbeit im Hintergrund das Gelingen des Vorgenannten ermöglicht haben: Herrlisch, herrlisch, herrlisch – und ein ganz ganz hääzlisch Dankeschön!!

Woche 8: Schön is das Leben, scheißejal wie alt mer sin

Montag: Das von dieser Band, deren Namen ich mir nicht merken kann, Wirsindjulymond oder so, gesungene Loblied auf die perfekte Welle, den perfekten Tag verliert schon wenige Minuten später erheblich an Glaubwürdigkeit, als derselbe Radiosender von einer Steigerung der weltweiten Waffenexporte um acht Prozent seit 2012 berichtet.- Am Abend die nächste niederschmetternde Nachricht: Laut einem heute-Bericht gibt es 250 Arten von Kopfschmerzen. Lügt die Werbung etwa?

Dienstag: Das närrische Wettrüsten im Annagraben hat mit dem Anbringen einer Flagge der Bonner Ehrengarde an Haus Nummer 31 eine neue Stufe erreicht. Für Dreigestirn und Regimentsspielmannszug der KG Fidele Burggrafen wurde Gefechtsbereitschaft befohlen.

Mittwoch: Kurzer Hassmoment auf der Rückfahrt aus Köln: Das Radio spielt Madness von Muse, ich drehe die Lautstärke bis an die Grenze akustischer Erträglichkeit hoch und singe mit. Wer das Lied nicht kennt: Es beginnt recht verhalten und steigert sich zu einem grandiosen, gänsehautauslösenden Finale. Und genau in dieses quatscht der bescheuerte Moderator hinein! Wie früher, als das Herunterladen von Musik noch mittels Kassettenrekorder und Überspielkabel während Mal Sondocks Hitparade erfolge. Schon damals hassten wir den Radiosprecher dafür, wenn er uns den Anfang oder das Ende zerlaberte. Oder wenn mitten im Lied der Hinweis kam, dass keine Meldungen zu Verkehrsstörungen vorliegen.

Donnerstag: Schön is das Leben, scheißejal wie alt mer sin, mir ston immer midden drin.

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Freitag: Die Radioreklame für Seitenbacher ist scheiße, bitte verzeihen Sie meine Wortwahl, aber ein anderes Wort will mir dafür nicht einfallen. Sie war es immer schon, die ständige hysterische Widerholung des Markennamens nervt, strengt an, man will es einfach nicht hören. Insofern verwundert es, dass diese Produkte überhaupt gekauft werden.

So geht schöne Reklame:

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Samstag: Bevor ich morgen als kleiner grün-weißer Punkt im Godesberger Zoch aufgehe, möchte ich heute einfach nur hier sitzen.

Sonntag: Kamelle!

Woche 7: In karnevalistischer Mission


Montag: Die Frage „Und sonst so?“ sollte mit Stromstößen nicht unter zwei Ampere geahndet werden.

Dienstag: Skiurlaub und Apres Ski – für mich eine Idee der Hölle. Gut, das habe ich über Karneval vor noch nicht allzu langer Zeit auch gedacht.

Mittwoch: Eine Dienstreise nach Bad Breisig mit Wagenwechsel in Remagen inspirierte mich zum Gedicht.

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Donnerstag: In Rheinland-Pfalz ist es noch erlaubt, in Raucherräumen innerhalb von Gaststätten zu rauchen. Das finde ich unverantwortlich, wie auch ein Blick in meine Zigarettenschachtel am heutigen Morgen unterstreicht.

Freitag: Während der beste US-Präsident aller Zeiten die Presse beschimpft, bleiben die im Zusammenhang mit dem G20-Treffen angekündigten Ausschreitungen rund um das Bonner WCCB aus. Auch das Treffen der Bonner Ironblogger am Abend in einer beliebten Gaststätte verlief weitgehend gewaltfrei.

Samstag: Busfahrt nach Sarreguemines in karnevalistischer Mission. Mein Widerstand gegen das erste Bier brach nach genau vierunddreißig Minuten.

Sonntag: Attendre le cavaldade. Allez hop.

Woche 6: Mindestens zweimal gelächelt

Montag: Auf dem Weg ins Büro sah ich in der Heussallee die ersten Schneeglöckchen blühen. Das entlockte mir trotz Montagmorgen ein kurzes Lächeln.

Dienstag: Ich müsste endlich mal wieder was richtiges bloggen.

Mittwoch: Fremde Menschen bieten mir per Elektropost Geld an. Was wissen die, was ich noch nicht weiß?

Donnerstag: Ein früher Feierabend und ein Sofa. Manchmal ist die Zutatenliste für eine Portion Lebensglück sehr kurz. – Die Werbung gebiert das Wort „Druckkopfschmerzen“. Seltsam, hat mein Drucker noch nie gemeldet.

Freitag: Die Aussicht auf ein ruhiges, unverplantes Wochenende ohne Termine und Verpflichtungen lässt mich schon am Morgen lächeln.

Samstag: In einer schlaflosen Nachtminute fiel mir ein wunderbarer Satz ein, das nahezu perfekte Wortspiel, welches diesem Blog zur Zierde gereicht hätte. Leider muss ich es Ihnen vorenthalten, da ich es vergessen habe.

Sonntag: Nordkorea erprobt Raketen, die 500 Kilometer weit fliegen und dann ins Meer plumpsen. In der Reihe der darüber Empörten stehen ganz vorne die USA, die auch in der Reihe der Atomraketensinnvollfinder ziemlich weit vorne stehen. Ist das nicht verrückt? – Mein Lieblingskiosk in der Inneren Nordstadt, der sich durch eine überwiegend attraktive Verkäuferschaft auszeichnet, schließt. Ein guter Grund, mit dem Rauchen aufzuhören. Eigentlich. Quasi. Sozusagen. Aber vielleicht erledigt sich das ja irgendwann von selbst durch die vorgenannten Raketen.

Schillernd wie ein Regenbogen

Es ist noch nicht sehr lange her, dass es mich am Wochenende raus zog ins Nachtleben, auf Partys, in Kneipen und Spelunken. Nicht an jedem Wochenende, aber doch regelmäßig. Dabei verschob sich die Motivation im Laufe der Zeit: Ließ mich anfangs, so mit siebzehn, achtzehn, der jugendliche Leichtsinn zuvörderst einen Alkoholrausch erstrebenswert erscheinen, so war es später die Suche nach dem libidinösen Abenteuer oder gar der großen Liebe. Das Internet stand mir zum Zwecke convenienter Anbahnung derartiger Bedürfnisse noch nicht zur Verfügung, man musste dazu vor die Tür.

Was ich schon damals nicht verstand: Warum wurde das immer erst so spät voll im EXIT, im Heat, in Muttis Bierstube, wie meine bevorzugten Abenteuerspielplätze in Bielefeld hießen? Warum hatte es keinen Zweck, vor dreiundzwanzig Uhr das Haus zu verlassen, begleitet von Mutters Frage „Wo willst du denn jetzt noch hin?“

Dort saß ich dann, stundenlang, nächtelang bei Bier oder, je nach gewähltem Verkehrsmittel, Cola an der Theke und schaute dem Barmann beim Gläserspülen zu, während mein Traumprinz jeden Moment eintreffen musste. Manchmal kam ich ins Gespräch, seltener zum Abenteuer, nach dessen Vollzug ich zumeist ohne jede Euphorie, dafür eher mit der Frage „War das jetzt wirklich nötig?“ in der Nacht nach Hause fuhr, manchmal noch einsamer als am Abend zuvor losgefahren. Die große Liebe fand ich dort nie. Die fand ich erst viel später, bei ganz anderer Gelegenheit bei Tageslicht, aber das ist eine andere Geschichte.

1999 zog ich mit dem Liebsten nach Bonn. Dort liegt Köln mit seiner großen Szene gleichsam vor der Haustür oder, je nach Betrachtungsweise, Bonn vor den Toren Kölns. Die Suche nach der großen Liebe hatte sich glücklicherweise inzwischen erledigt, das gelegentliche Interesse an Spaß und Abenteuer war hingegen noch nicht ganz verklungen und gemäß gegenseitiger Vereinbarung auch erlaubt. Oft nahmen wir den Zug um kurz nach halb elf, zusammen mit anderem feierfreudigem Jungvolk, zu dem wir uns auch noch zählten. Vom Bahnhof Köln Süd liefen wir zum Rudolfplatz, wo unsere Kneipen waren, erster Anlaufpunkt das Corner. Irgendwann kam der Punkt, wo unser Bedarf an Schlagermusik gedeckt war und uns der Sinn nach „ernsterer“ Unterhaltung war. Diese fanden wir im Midnight Sun, einem Etablissement, dessen Zweck detailliert zu beschreiben die Richtlinien von WordPress in moralisch-sittlicher Hinsicht möglicherweise überschreiten würde.

Oft war ich auch alleine dort, weil der Liebste nach Kölsch, Corner und Kuhn* des Vergnügens müde mit dem nächsten Zug zurück nach Bonn fuhr, während ich noch ein paar Stündchen blieb. Nicht selten war es bereits wieder hell draußen, wenn für mich die Mitternachtssonne untergegangen war und ich von Bier und Befriedigung beschwingt gen Südbahnhof ging.

Das Midnight Sun gibt es nicht mehr. Irgendwann wurde es umbenannt in Basement, aber da hatte ich schon die Lust an durchkreuzten Nächten weitgehend verloren. Inzwischen ist auch das Basement Geschichte, letzten Herbst wurde es gar als Lagerraum angeboten.

Mittlerweile habe ich das Alter jener Herren erreicht, bei deren Anblick ich mich in all den Spelunken fragte: Was will der alte Sack denn noch hier? Ja, ich bin nun selbst ein alter Sack, und wissen Sie was? Das ist herrlich! Mit meinem Spiegelbild bin ich noch einigermaßen zufrieden, selbst am Montagmorgen. Ohne Wehmut schaue ich auf die oben geschilderten Nächte zurück, in denen ich vieles erlebte. Doch die ruhigen Frei- und Samstagabende, die ich jetzt mit meinen beiden Lieben zu Hause verbringe, möchte ich nicht dagegen tauschen. Rausch und Abenteuer inbegriffen, manchmal bis in die Morgenstunden, wenn auch anders.

Dafür bin ich sehr dankbar.

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* Kuhn, Dieter-Thomas, Schlagersänger; beliebt nicht nur im Corner, aber dort besonders: „… schillernd wie ein Regenboooooooooohogen …“