Rheinische Bekehrung, Teil II

Gestern begann mit der Weiberfastnacht der Höhepunkt eines alljährlich wiederkehrenden Ausnahmezustandes, der Karneval genannt wird. Jedenfalls im Rheinland; woanders nennen sie es auch Fasching oder Fastnacht. In vielen Firmen und Behörden wird spätestens ab elf Uhr die (mehr oder weniger) produktive Arbeit eingestellt; bunt kostümiert widmet sich die Belegschaft dem Verzehr von Kölsch, Sekt, Schnittchen, Mettbrötchen und Berlinern. Uniformierte Karnevalsgesellschaften kommen nicht zur Ruhe, reisen mit Bussen von Veranstaltung zu Veranstaltung.

Auch der Angestellte Carsten K., beschäftigt in der Bonner Zentrale eines großen Konzerns, aufgrund seiner ostwestfälischen Herkunft bislang karnevalistisch eher flachwurzelnd, verließ um kurz nach elf seinen Arbeitsplatz, um zusammen mit seinen Kollegen das von der Geschäftsbereichsleitung gestiftete Buffet dezimieren zu helfen. Zufällig hatte K. an diesem Tag Geburtstag, was seine Krawatte jedoch nicht davor bewahrte, von närrischer Frauenhand abgeschnitten zu werden (er trägt nur noch an Weiberfastnacht Krawatte, ansonsten hat er sich dieses völlig überflüssigen Symbols geschäftiger Tätigkeit schon lange entledigt).

Gegen zwölf Uhr wurde K. von seinen Kollegen sanft gedrängt, mit ihnen ins Erdgeschoss zu fahren, wo eine Überraschung auf ihn wartete: Die Karnevalsgesellschaft Fidele Burggrafen aus Bad Godesberg war mit zahlreichen grün-weiß uniformierten Männern und Frauen, Trommeln und Pfeifen im Foyer angetreten, um ihm ein ganz persönliches Geburtstagsständchen zu bringen. Zum Sprechen nicht fähig und innerlich zu Tränen gerührt nahm K. das Ständchen, den ihm zu Ehren aufgeführten Stippeföttche-Tanz sowie die anschließenden Bützchen dankbar entgegen, nur stammelnd nach Worten ringend konnte er seinen Dank zum Ausdruck bringen und wurde anschließend genötigt, zusammen mit den Grünweißen und nur mäßiger Textkenntnis „Es war einmal ein treuer Husar“ zu singen.

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(Bilder: Armin Silberling)

Liebe Burggrafen, noch immer zutiefst gerührt, danke ich euch sehr, dass ihr euch die Zeit genommen habt für dieses wirklich wunderschöne Geburtstagsgeschenk! Vielen Dank für den überreichten Umschlag! Ich verspreche euch, wenn ich das nächste Mal für euch singe, bin ich textsicher.

Liebe Kollegen, vielen Dank, dass ihr mitgespielt habt, ohne mich einzuweihen! Ihr seid wirklich klasse.

Liebes Unternehmen, vielen Dank, dass die Burggrafen in deiner Halle nur für mich aufspielen durften, ungestört von Sicherheitspersonal und unbemerkt von der Unternehmenskommunikation.

Und: Lieber Liebster, vielen Dank, dass du das alles hinter meinem Rücken eingefädelt hast!

Ich müsste mich dann mal bald um meine Uniform kümmern.

4 Gedanken zu “Rheinische Bekehrung, Teil II

  1. Närrisch trifft es! Für mich eine Unart Krawatten abzuschneiden. Auch wenn es dann heißt „Sie Spielverderber“, Krawatten und insbesondere Seidenkrawatten Kosten auch Geld und Wert der Dinge wird einfach nicht mehr geschätzt. Wenn es sich bei den Krawatten um Firmenkrawatten mit Logo handelt, kann ich noch nachvollziehen wieso sich manche Herren vielleicht auch freuen… Das gehört sich trotz alledem nicht.

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