Muttis Restetruhe

Hier ein erster Auszug aus meinem im Entstehen befindlichen, noch titellosen Bestseller. Ähnlichkeiten mit tatsächlich bestehenden Orten und Personen sind keineswegs zufällig.

***

Zu Beginn der Neunziger gab es noch nicht die zahlreichen Möglichkeiten zur Kontaktknüpfung im Internet; um jemanden kennen zu lernen, musste man raus. Aber wohin? Hier konnte Martin glücklicherweise auf die Erfahrungen von Thorsten zurück greifen, der über die einschlägigen Mög- und Örtlichkeiten in Ostwestfalen und dem südwestlichen Niedersachsen bestens informiert war. Mit einer Mischung aus Faszination und ungläubigem Entsetzen hörte Martin zu, wenn Thorsten mit leuchtenden Augen von Pornokinos, Parkanlagen, Saunen und Autobahnparkplätzen berichtete. Nein, das alles kam für Martin nicht in Frage und wäre für den Anfang zu viel gewesen, niemals hätte er sich – ob in Thorstens Begleitung oder ohne – an einen solchen Ort getraut. Doch zum Glück ging es auch ein paar Nummern kleiner: Bars und Kneipen für das spezielle Publikum.

Muttis Bierstube lag, eher zufällig, ganz in der Nähe einer der oben erwähnten Parkanlagen. Hierher, also in die Kneipe, nicht den Park, führte ihn Thorsten an einem Samstagabend, nachdem er längere Zeit gebraucht hatte, Martin dazu zu überreden. Widerwillig folgte er ihm zu der äußerlich auf den ersten Blick ganz normalen Kneipe; erst vor der Tür bemerkte er den kleinen Unterschied: Man zog nicht einfach am Türknauf und ging hinein, sondern man klingelte, woraufhin sich in Kopfhöhe ein kleines Kläppchen in der schweren Eisentür öffnete und der Einlass Begehrende einer Gesichtskontrolle unterzogen wurde. Am liebsten wäre Martin auf der Stelle nach Hause zu seiner Modelleisenbahn gefahren. Doch offenbar waren dem Türwächter ihre Gesichter genehm oder jedenfalls nicht des Unfriedens verdächtig, und also ward ihnen aufgetan.

Das Unbehagen, das Martin schon vor der Tür beherrscht hatte, verdoppelte sich dahinter noch einmal, obwohl augenscheinlich alles ganz harmlos war: Niemand war nackt oder sonstwie unangemessen (un-)bekleidet, sieht man einmal von Seidenblousons und Cowboystiefeln ab, und niemand stürzte sich auf sie in unzuchtverdächtiger Absicht. Stattdessen spürte er Blicke von allen Seiten, in denen er so etwas wie „Sieh an, Frischfleisch“ zu lesen glaubte, die jedoch bald wieder von ihnen abließen und sich dem zuvor Betrachteten widmeten. Es war etwas dunkler als er es in Kneipen üblicherweise gewohnt war, Zigarettenrauch und Marianne Rosenberg erfüllten den Raum. Ein wenig fühlte es sich an wie ein Zoobesuch, wobei nicht hundertprozentig klar war, wer sich vor und wer hinter den Absperrungen befand.

Das fast ausschließlich männliche Publikum war größtenteils älter als die beiden, von teilweise erschütternder freiwilliger Hässlichkeit: Martin sah blond gesträhnte Föhnfrisuren, riesige Ohrringe, gestutzte Schnauzbärte, Brillen in extravagantesten Bauarten und sonnenstudiogegerbte Haut. Hatte er zuvor ein Klischee schwuler Männer in seiner Vorstellung, so sah er es hier in erschreckender Weise bestätigt: die nasal-affektierte Art, wie sie miteinander sprachen, manchmal aufkreischten, und wie sie mit abgeknickten Handgelenken ihre Zigaretten hielten. So sollte er nun auch sein, oder bald werden? Dieser Gedanke war Martin fast so unangenehm wie die Vorstellung einer eigenen Familiengründung mit Haus und Hund. Durch das Fenster blickte er auf Bielefelds zentralen Busbahnhof, dahinter die Leuchtschrift eines Ladens mit dem Namen „Restetruhe“, wo man tagsüber Stoffballen und Gardinen kaufen konnte.

Über der Theke leuchtete ein gelbes Blinklicht auf, jemand begehrte Einlass. Kurz darauf betraten zwei mittelalte Herren den Raum und wurden mit Kreischen und Küssen der geföhnten Schnauzbärte begrüßt. Nach einer guten Stunde und zwei Bier hatte Martin für seinen Geschmack genug gesehen und gehört, daher drängte er Thorsten zum Gehen.

„Was, jetzt schon? Es ist doch noch gar nichts los.“

„Mir brennen die Augen schrecklich vom Zigarettenrauch“, log Martin.

Es dauerte danach mehrere Monate, bis Martin die Bierstube erneut betrat, und zwar alleine, ohne Thorstens schützende Hand. Zuvor hätte er zahlreiche Gelegenheiten dazu gehabt, aber immer fand er Gründe, die Jagd auf ein anderes Mal zu verschieben: Müdigkeit, Einladung zu einem Geburtstag, Verabredung mit Freunden, Kopfschmerzen oder simple Unlust – der Gedanke an die mittelalten Schnauzbärte mit gefärbten Strähnen in den Föhnfrisuren war seiner Abenteuerlust nicht gerade förderlich. Doch der Wunsch, endlich jemanden kennen zu lernen, trieb ihn eines Samstags endlich aus seinem Zimmer. Im Gehen erzählte er seiner Mutter so beiläufig wie möglich etwas von einer Geburtstagsfeier bei Kollegen.

„Was, so spät noch“, so die Antwort, dabei war es gerade erst kurz nach neun, im Grunde viel zu früh für die Szene. Er hasste es, seine Eltern anzulügen, fragte sich, ob sie ihm glaubten; aber es ging nicht anders, nicht, so lange er noch bei ihnen wohnte.

Bald stand Martin wieder vor der Eisentür mit der kleinen Sichtklappe, wusste, wenn er jetzt den Klingelknopf drückte, leuchtete drinnen über der Theke das gelbe Blinklicht und verkündete einen Neuankömmling. Die Aussicht, gleich gutachterisch von allen Seiten beäugt zu werden, ließ ihn kurz zögern. Sollte er nicht lieber zurück nach Hause fahren, kam heute nichts im Fernsehen? Aber wie sollte er das nun wieder seiner Mutter erklären: Der Geburtstag ist erst nächste Woche, habe mich doch glatt im Datum vertan, so was dummes? Verdammt, gab es denn wirklich keine andere Möglichkeit? Nein, jedenfalls nicht heute, also klingelte er endlich. Die Klappe ging auf, ein Augenpaar prüfte kurz seine guten Absichten, dann öffnete sich die Tür und ein glatzköpfiger Kerl mit viel zu knappem T-Shirt flötete „Hereinspaziert!“

Martins Befürchtungen, von lüsternen Blicken durchbohrt zu werden, erfüllten sich nur teilweise, denn der Laden war fast leer, vielleicht eine Handvoll Besucher verteilten sich um die Theke und schauten der älteren Dame dahinter, vielleicht war das Mutti, beim Gläserspülen zu, während sie sich mit den Herren gespielte Boshaftigkeiten zuwarf. Es war eindeutig noch zu früh. Thorsten hatte ihm schon gesagt, man brauchte vor Mitternacht eigentlich gar nicht herzukommen.

Martin behielt die Jacke an und wollte sich gerade an den Kopf der Theke setzen, als Mutti ihn im Tonfall eines Berliner Busfahrers anraunzte: „Da kannst du nicht sitzen, Schätzchen, Norbert kommt gleich.“ Norbert? Martin sah das kleine Messingschild mit diesem Namen eingraviert, das auf Höhe des von ihm unachtsam anvisierten Barhockers an die Kante der Thekenplatte geschraubt war, und er spürte, wie er rot wurde, weil nun wieder alle Augen auf ihn gerichtet waren. Also nahm er Platz auf einem anderen Hocker in gebührendem Abstand zu Norberts Thron. Wer war dieser Norbert, warum hatte der hier einen eigenen Platz? Würde Martin den auch bekommen nach dreißigjähriger Stammgastschaft? Der Gedanke ließ ihn schaudern.

„Was darf ich dir bringen?“ fragte Mutti, nun gar nicht mehr unfreundlich, dennoch erweckte sie den Eindruck, sich mit ihr besser nicht anzulegen; obwohl von Gestalt her klein und eher hager, traute Martin ihr ohne weiteres zu, einen hier eigenhändig vor die Tür zu setzen, wenn man nicht artig war. Er bestellte eine Cola, zündete sich eine Zigarette an und ließ den Blick schweifen.

Zigarettenrauch und Verzweiflung lagen in der Luft; über der kleinen Tanzfläche, auf der niemand tanzte, drehte sich unbeirrt eine Diskokugel und warf ihre Lichtblitze an die Wände. Der Glatzkopf, der ihn hereingelassen hatte, stand am Musikpult hinter der Theke und kümmerte sich um die Beschallung mit Schlagern und aktueller Musik.

Er gehört zu mir, wie mein Name an der Tür, und ich weiß, er bleibt hier …

Die anderen Gäste waren durchweg älter, keiner von ihnen weckte Martins Interesse, und doch hätte er sich jetzt gerne unterhalten, man muss ja nicht gleich … Zwei unterhielten sich angeregt miteinander und tatschen sich dabei immer wieder an, was Martin irritierend fand. Einmal schauten sie zu ihm herüber, einer flüsterte dem anderen etwas ins Ohr, sie kicherten wie Schulmädchen, Martin wurde wieder rot, dann ließen sie wieder von ihm ab und würdigten ihn für den Rest des Abends kaum noch eines Blickes.

Am anderen Kopfende der Theke gegenüber saß ein schmieriger mittelalter Typ mit schulterlangen Haaren und aufwändiger Brille, der immer wieder zu Martin herüberschaute, während der, so gut es ging, den Blicken auswich. Kaum hatte Martin seine Cola leer, stellte Frau Mutti ihm das nächste Glas hin. Bevor er etwas sagen konnte, sagte sie „Du bist eingeladen“ und machte eine Kopfbewegung in Richtung Schmiertyp, der ihm daraufhin grinsend mit seinem Bier zuprostete. Dem Gebot der Höflichkeit folgend hob Martin sein Glas, nickte ihm knapp zu und nippte kurz. Leichte Panik kroch in ihm hoch. Was erwartete der jetzt von ihm, sollte er hingehen und sich artig für die Einladung bedanken? Womöglich sich betatschen lassen und später mit zu ihm fahren? So gerne Martin jetzt mit jemandem gesprochen hätte, der musste es nun wirklich nicht sein. Ehe er sich weitere Gedanken über eine angemessene Reaktion machen konnte, stand der Typ auf, kam zu Martin herüber und setzte sich auf den freien Platz zwischen ihm und Norberts Stammplatz.

„Hallo, ich bin Andreas, wie heißt du?“

„Martin“, antwortete er wahrheitsgemäß, mehr fiel ihm im Moment nicht ein.

„Martin …“ wiederholte der Typ. „Du bist sehr hübsch, Martin, weißt du das?“

Nein, das wusste er nicht, jedenfalls hatte es ihm bislang noch keiner gesagt. Gewiss, es gab wohl Hässlichere, im Großen und Ganzen war er mit seinem Spiegelbild ganz zufrieden, selbst morgens nach dem Aufstehen. „Danke …“ antwortete er knapp und ihm wurde heiß, vermutlich errötete er gerade wie eine Johannisbeere im August. Hätte er jetzt „du auch“ oder etwas in der Art erwidern sollen? Das wäre eine glatte Lüge gewesen, und lügen sollte man nicht. Das Gespräch stockte. Der Blick des Typen – wie heißt der noch, Andreas? – durchbohrte Martin, während er auf sein Colaglas starrte. Konnte es jetzt nicht klingeln, eine Horde gut aussehender Jungs hereinspazieren, und den Kerl von ihm ablenken? Oder noch besser Thorsten, der ihn erlöste? Aber der war jetzt vermutlich bei seinem Freund oder irgendwo in einem dunklen Park oder auf einem Autobahnparkplatz. Die Tatsache, in einer Beziehung zu leben, war für Thorsten kein Grund, nicht trotzdem mal an diesen Orten vorbeizuschauen, der andere musste das ja nicht unbedingt wissen. „Festhalten und weiter suchen“, so seine Philosophie. Martin musste noch viel lernen. Er schaute den Kerl kurz an, grinste verlegen, dann widmete er sich wieder der Cola.

„Warum bist du so schüchtern?“, nahm der Kerl den nächsten Anlauf. Dabei beließ er es nicht, er legte seine Hand auf Martins Unterarm und ließ sie nach oben wandern, Oberarm, Schulter, Rücken, Hinterkopf und den Rücken wieder hinunter. Angstschweiß brach Martin aus. Hunde und Wespen spüren es, wenn der Mensch Angst hat, hatte er mal gelesen. Eine Wespe hätte er jetzt erschlagen können, Andreas, oder wie der hieß, nicht ohne Weiteres.

Martin musste pinkeln, traute sich jedoch nicht runter zu den Klos, womöglich hätte sein Verehrer das missverstanden und wäre ihm gefolgt. Jedoch schien auch den, neben anderen Gelüsten, die Blase zu drücken.

„Ich bin gleich wieder bei dir, Martin, muss mal kurz für kleine Jungs“, sagte er, zwinkerte albern und ging Richtung Toilette. Kurz bevor er aus Martins Blickfeld verschwand, drehte er sich noch einmal zu ihm um und grinste ihn schmierig an.

Das war Martins Chance. „Ich möchte bitte bezahlen!“, rief er Mutti zu.

„Soll ich Andi was ausrichten?“, fragte sie, nachdem er bezahlt hatte, und zwinkerte ihm zu.

„Nicht nötig“, sagte er und sah zu, so schnell wie möglich hier raus zu kommen. Das war also die schwule Szene, von der er ab jetzt ein Teil war, ob er wollte oder nicht. Mit Aussicht auf die Restetruhe jenseits der Fenster.

Woche 14: Junge, sonnenbebrillte, synchroneisschleckende Damen

Montag: Immer noch Ostern. Bis auf eine kurzfristige und zugegebenermaßen überflüssige Ungehaltenheit meinerseits wegen unsachgemäßer Mülltrennung verlief die Verrichtung unserer Wohnzimmerbaustelle weitgehend im milden Lichte der Harmonie. Da die gröbsten Gewerke geschafft sind, konnte ich mich am Nachmittag wieder der Arbeit am Bestseller widmen. Wenn man nach dem Schreiben einer Sexszene den dringenden Wunsch nach einer Zigarette verspürt und noch beim Rauchen grinsen muss, hat man wohl nicht alles falsch gemacht. Das Wohnzimmer ist übrigens sehr schön geworden. Hoffentlich kann ich das über den Bestseller auch irgendwann sagen.

Dienstag: „Frohe Ostern gehabt zu haben“ hörte ich heute zweimal: Einmal ironisch von einer regelmäßigen Leserin dieses Blogs, die meine bisweilen auftretende sprachliche Pedanterie kennt, und einmal ernst gemeint.

Wie sich inzwischen herausgestellt, ist mein Anmeldegesuch für das Mitmachblog vergangene Woche im Spamordner der Administratoren gelandet. Das sollte mir zu denken geben. Es hat dann aber doch noch geklappt.

Laut Zeitungsbericht sagt Verkehrsminister Andreas Scheuer Funklöchern den Kampf an. „Wir haben die Pflicht, dafür zu sorgen, dass die Bürger nicht im Funkloch stecken bleiben“, sagte er gegenüber Zeitungen (ausgerechnet) der Funke-Mediengruppe. Weiterhin plant Funke – Verzeihung: Scheuer einen „Mobilfunkgipfel“ und einen „Funklochmelder“, was auch immer das ist. Echt funky.

Mittwoch: Wie heute in der Zeitung steht, konnte Volkswagen seinen Absatz auf dem US-Markt erheblich steigern, insbesondere wegen hoher Nachfrage nach SUVs. Unterdessen ist in Deutschland die Autodichte auf 555 Fahrzeuge je 1.000 Einwohnern gestiegen. Nicht nur Autos, auch Panzer erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. So weckt der Wiedereinstieg der Briten in das Projekt „Boxer“ bei der deutschen Rüstungsindustrie Hoffnungen auf einen Liefer-Großauftrag. Hoffentlich nicht nach Amerika, sonst wird es dort wegen der vielen SUVs bald eng. Geradezu edel dagegen die Entscheidung des Waffenherstellers Heckler & Koch, seine Produkte nur noch an rechtsstaatlich-demokratische Länder ohne Korruptionskultur zu liefern. Friedensaktivisten fordern von H&K dennoch einen Opferfonds für Menschen, die durch den unrechtmäßigen Einsatz von H&K-Gewehren Ungemach erlitten. (Demnach kann Leid durch Waffen also auch rechtmäßig zugefügt werden. Interessante These.) – Damit ist der menschliche Irrsinn in nur vier kurzen Zeitungsmeldungen an einem Tag ganz gut auf den Punkt gebracht.

Donnerstag: Die Nachricht über einen personellen Wechsel in der obersten Führungsebene meines Arbeitgebers hebt die Laune auf unserer Etage.

„Die Welt da draußen ist im Grunde voller Aufsatzthemen, vielleicht ist sie auch deswegen oft so unerträglich“, las ich heute in dem auch ansonsten sehr lesenswerten Blog Buddenbohm und Söhne.

Freitag: „Plötzlich musste jedes heiklere Wort […] unter Anführungszeichen gesetzt werden – nicht nur, weil kaum noch jemand wusste, wie nun innerhalb der permanenten Ersetzungsdynamik ständig wieder verfallender Worte der dernier cri des korrekten Bezeichnens lautete, sondern auch, weil man offenbar nicht wissen konnte, ob eine ironische Wortwahl auch verstanden werden würde. Öffentliche Vernunft und erwachsene Fähigkeit, mit Sprache umzugehen, durften nun nicht mehr mit Selbstverständlichkeit erwartet werden. Anführungsstriche sollten davor schützen, entweder die anderen für Idioten halten zu müssen oder selbst von ihnen dafür gehalten zu werden.“ (aus: Robert Pfaller – Erwachsenensprache)

Samstag: Der erste wärmere Frühlingstag. Wie jedes Jahr zu diesem Anlass titelbilden die Zeitungen zwei junge, sonnenbebrillte, synchroneisschleckende Damen, dazu ein möglichst sinnloser Text wie dieser: „Lara und Laura genießen das erste Eis in der Sonne. Mit Temperaturen von über 20 Grad können sich die Rheinländer auf das erste sommerliche Wochenende freuen.“

Sonntag: So geht Frühling:

KW14 - 1

So eher nicht:

KW14 - 1 (1)

Ein Hinweis an die radfahrende Dame, die mich gegen 14:30 Uhr auf dem Verbindungsweg vom Rhein zum Ausgustusring trotz reichlich Platz zu beiden Seiten von hinten anklingelte und behauptete, ich ginge auf dem Radweg: Das Verkehrszeichen 240 kennzeichnet einen gemeinsamen Rad- und Fußweg, auf dem Radfahrer keinerlei Vorrechte gegenüber den Fußgängern genießen. Bitte bedenken Sie dies, bevor Sie das nächste Mal die Klingel und Ihr Mundwerk betätigen.

KW14 - 1 (2)

Fundsache in der FAS: „Leider habe ich keine Ahnung, ob und wogegen ich versichert bin, weil mich all diese Lebenssachen krank machen und ich daher unterschreibe, was man mir hinhält, und bezahle, was auf der Rechnung steht, Hauptsache, man lässt mich dann in Ruhe.“ (Thomas Glavinic)

Über Musik, Hirnradio und Klangschalen

Dies ist mein erster Beitrag als stolzer, frisch zugelassener Autor des Mitmachblogs. Der Text ist schon etwas älter, für meinen Einstand habe ich ihn behutsam aufgefrischt.

***

Ich entstamme eine musik-affinen Familie: Meine Mutter sang im Kirchenchor und in der Küche, mein Vater hörte gerne Oberkrainer und Egerländer Volksmusik, und mein Bruder spielte Trompete. So lag es nahe, dass auch ich von einer musikalischen Ader durchzogen werde. Meine früheste musikalische Erinnerung ist die Büsumer Wattenkapelle, die bei Ebbe mit Dschingderassabumm und einer Schar Touristen durch das Watt marschierte; ich war fasziniert, besonders von der großen Trommel, die genau einen Takt kannte, unabhängig vom gespielten Stück: bumm – bumm – bummbummbumm; bumm-bumm- … und so weiter.

Folglich wurde ich im zarten Grundschulalter genötigt, ein Musikinstrument zu erlernen, den Klassiker, Blockflöte; nichts, womit ich Eindruck machen oder größeren musikalischen Genuss erzeugen konnte, aber immerhin eine Grundlage. Später spielte ich ebenfalls Trompete und folgte meinem Bruder in den örtlichen Posaunenchor. Viel lieber hätte ich Kirchenorgel oder Schlagzeug gelernt, was jedoch aus Platz- (Orgel) und Nervengründen (Schlagzeug) nicht auf familiäre Gegenliebe stieß. Übrigens verwendet die französische Sängerin Zaz in ihren Konzerten sogar die in Esoterikerkreisen beliebten Klangschalen als Musikinstrument. Ein Laubbläser wäre vielleicht auch eine orchestrale Bereicherung.

Wenn man von frühester Kindheit an mit Vaters Egerländer Heimatmusik aufwächst, hält man sie einige Jahre lang für normal, wobei ich nicht so weit gehen will zu behaupten, man mag sie; erst später merkt man dann, welches Grauen doch dieser Art Musik innewohnte. Der Mensch entwickelt sich halt weiter, durch Disco, Formel Eins und Musikladen im Fernsehen sowie Schlagerralley und Mal Sandocks Hitparade im Radio. Die Älteren von Ihnen werden sich erinnern: die Aufnahmetaste des Kassettenrekorders im Anschlag und lautes Fluchen, wenn der dämliche Moderator reinquatscht oder mitten im Song die Verkehrshinweise kommen.

Doch es gab es neben Ernst Mosch einen zweiten Faktor, der geeignet war, meine Freude an der Musik zu trüben, vor allem am Singen. Dieser Faktor hieß Ferdinand K. und war Musiklehrer an unserem Gymnasium. Er ließ uns schrecklichste Lieder singen, was für sich ja noch nicht so schlimm gewesen wäre. Aber er ließ uns auch einzeln vorsingen, vor der Klasse, was für einen pubertierenden Schüler kurz vor oder im Stimmbruch nun wirklich kein Vergnügen ist. Jedenfalls hatte ich vor jeder Musikstunde einen echten Horror, mindestens so schlimm wie vor den Sportstunden.

Dabei bestand rückblickend kein besonderer Grund dazu, denn ich kann ja singen, also konnte ich es damals vermutlich auch schon, traute mich nur nicht. Nun weisen meine gesanglichen Solo-Qualitäten vielleicht noch etwas Verbesserungspotential auf, was mich in den Neunzigern nicht davon abhielt, als Sänger einer Keller- und Hobbyband zu agieren; immerhin zwei Auftritte hatten wir mit unseren größten Hits Don’t You und Does Your Mother Know, bevor wir uns auflösten, der Erfolgsdruck war einfach nicht mehr zu ertragen. Aber für einen Chor reicht es, jedenfalls hat man mir in dem Kölner Männerchor, dem ich seit Jahren angehöre, bislang noch nicht nahegelegt, mein Talent anderweitig zu nutzen. Auch der Spielmannszug der Karnevalsgesellschaft, den ich seit nunmehr zwei Jahren im Rahmen meiner Möglichkeiten stimmlich unterstütze, duldet mich weiterhin.

Auch der passive Musikkonsum ist weiterhin mein regelmäßiger Lebensbegleiter, wobei mein Musikgeschmack unter anderem Klassik (gerne: Bruckner, Brahms, Tschaikowsky, Smetana), die Radiohits der Achtziger (immer noch grandios: True Faith von New Order), Britpop der Neunziger (beste Band aller Zeiten: Oasis) und mehr oder weniger aktuelle Musik umfasst. Nur diese deutschsprachigen Jammerbarden wie Revolverheld und Max Giesinger, die müssen nicht unbedingt sein. Mein absoluter Lieblings-Radiosender: Radio Nostalgie aus Frankreich. Nach spätestens Drei Tagen Urlaub in der Provence hat man zwar jedes Lied mindestens einmal gehört, aber das macht nix. Dort mag ich sogar die Werbung, weil ich nichts verstehe.

Das Kapitel Musik wäre unvollständig ohne die Erwähnung meines Hirnradios. Das springt sofort an, sobald keine reale Musik zu hören ist, und ich kann wenig Einfluss auf die Programmauswahl nehmen. Wenn es sich einmal auf ein Lied festgelegt hat, dann spielt es das stundenlang, mehrere tausend Strophen. Im günstigsten Fall ein Lied, das ich mag, meistens jedoch eins, das es morgens beim Zähneputzen im Radio aufgeschnappt hat, zum Beispiel dieses unsägliche Lied über die frustrierte tanzende Mutter vom Giesinger, was einen langen Arbeitstag durchaus zu trüben vermag.

Während ich diese Zeilen niederschreibe, spielt mein Hirnradio übrigens die 624. Strophe von Wolfgang Petrys Wahnsinn. Es ist die Hölle, Hölle, Hölle, Hölle. Ob dagegen eine Klangschalentherapie hilft?

Woche 13: Baustelle statt Eiersuche

Montag: Hauptvorwurf im aktuellen Facebook-Skandal ist, wenn ich es richtig verstanden habe, die unverlangte Zusendung von Wahlwerbung für Donald Trump. Das ist zweifellos übel, dennoch ein Scherz gegenüber dem, was ich heute bei einem Facebook-Ableger ansehen musste: Kurzfristiges Desinteresse gegenüber geschäftlichen Verrichtungen trieb mich am Vormittag zu Instagram, wo ich auf ein verstörendes Werbefilmchen für ein Epiliergerät stieß. Zu sehen war ein durchaus als wohlgeraten zu bezeichnender junger Mann, der mit ebendiesem Gerät seiner Körperbehaarung zu Leibe rückt. Entsetzt musste ich ansehen, wie die vordem prachtvolle Jungmännerbrust mit wenigen Handgriffen blank geschoren wird wie die eines Fünfjährigen, mit Grausen sah ich das Gerät durch wunderbaren Beinpelz fahren, eine triste, blasse Schneise hinter sich lassend, während dunkle Haare traurig zu Boden fallen. Nur mit großer Mühe konnte ich einen #Aufschrei „WARUM?“ unterdrücken; noch größerer Mühe bedurfte es, mich anschließend wieder auf das Tagwerk zu konzentrieren. Da haben die für zielgruppengerechte Werbung zuständigen Algorithmen wohl kläglich versagt.

Versagt hat augenscheinlich auch der Verstand von VW-Chef Matthias Müller: Für das Jahr 2017 bekam er eine Vorstandsvergütung von gut zehn Millionen Euro. Hätte der Aufsichtsrat nicht ein neues Vergütungssystem eingeführt, hätte er sogar vierzehn Millionen Euro erhalten. „Ich habe also auf einen großen Betrag verzichtet“, so Müller im Interview mit dem SPIEGEL. Wohl nur harten Gemütern gelingt es, hier Tränen des Mitleids zurückzuhalten.

Dienstag: Bei der ermüdenden Lektüre eines IT-Designdokuments am Morgen steigerte sich das Lesevergnügen schlagartig, als ich auf die Begriffe „Team-Betroffenheitsmatrix“ und „Bargeldäquivalenz-Relevanz“ traf, Wortperlen, wie sie wohl nur die deutsche Sprache zu gebären imstande ist.

Mittwoch: „Neue Besen kehren gut“, las ich heute in einem Interview und verdrehte innerlich die Augen ob der abgedroschenen Phrase. Dann las ich weiter: „… doch alte kennen die Ecken.“ Das fand ich, da mir neu, gar nicht so schlecht, auch wenn es bei Lichte betrachtet natürlich Unfug ist: Nicht der alte Besen kennt die Ecken, sondern derjenige, der ihn schwingt, und dabei spielt das Alter des Besens eine eher untergeordnete Rolle. Doch wirkte sich dies bei konsequenter Anwendung äußerst nachteilig auf das Versmaß des Sprichwortes aus, erst recht bei gendergerechter Ausgestaltung.

Ebenfalls gar nicht schlecht fand ich kurz nach dem Aufwachen eine Radioreklame, und das will was heißen. Die ging in etwa so: Sie: „Warum hast du meiner Mutter gesagt, die Fliesen seien aus Italien?“ Er: „Sie sind doch aus Italien.“ Sie: „Wir haben sie bei Fliesen-Dings gekauft.“ Er: „Stimmt. Aber deine Mutter reist nun durch Italien und lässt uns in Ruhe.“ Es kommt nicht oft vor, dass ich schon vor dem Aufstehen grinsen muss, wenn auch nur ganz kurz.

Donnerstag: „Die kleine Anstrengung der Höflichkeit kann mindestens von der Faulheit der eigenen Befindlichkeiten befreien; und ihre Erfahrung kann andere erinnern, dass auch sie in der Lage sind, sich über ihre Launen und Stimmungen zu erheben (ein Umstand, der in der Postmoderne weitgehend vergessen scheint, da er einer ganzen Generation von antiautoritär Erzogenen niemals zur Kenntnis gebracht worden sein dürfte.“ (Aus: Robert Pfaller – „Erwachsenensprache“)

Freitag: „Für mich haben Kunst, Kultur, Aufklärung und Liberalismus den gleichen Stellenwert wie für andere Menschen ein religiöser Glaube. Theater ist für mich Menschendienst, wie die Kirche für Christen Gottesdienst ist. Wie würden Christen reagieren, lebten sie in einem Land, in dem ihnen die Heilige Messe oder der Gottesdienst für nur einen einzigen Sonntag im Jahr untersagt wäre, mit der Begründung, einmal im Jahr dürfe die Religion durchaus mal ruhen, es sei schließlich nur ein Tag im Jahr!“ (Aus dem Blog Tapfer im Nirgendwo, den Gesamttext finden Sie hier.) Dem stimme ich uneingeschränkt zu und brachte meine Karfreitagskritik auch schon hier und da zum Ausdruck. Doch mit zunehmendem Alter sehe ich das mit einer gewissen Milde. Ja, es ist ohne Frage inakzeptabel, wenn eine Religionsgemeinschaft mit staatlicher Unterstützung auch Nicht-Christen wie mir in die Freizeitgestaltung eingreift. Andererseits finde ich den Preis, ausnahmsweise keine Sportveranstaltung besuchen zu dürfen oder bei der Spielhalle des Vertrauens vor verschlossener Tür zu stehen, für einen arbeitsfreien Tag durchaus akzeptabel.

Samstag: Eine der deprimierendsten Kindheitserfahrungen war es, wenn mich die anderen Kinder nicht mitspielen ließen. Das hat sich mit der Zeit ausgewachsen, inzwischen ist man ja froh, wenn man nicht jeden Mist mitmachen muss. Beim Mitmachblog indes würde ich gerne mitmachen. Anscheinend bin ich zu blöd, mich dort zu registrieren: Trotz vor einer Woche ausgefülltem und abgesandtem Anmeldeformular und zusätzlicher Bittstellung per Mail reagieren die nicht. Vielleicht wollen sie mich auch einfach nicht. Wer wollte es ihnen verdenken.

Sonntag: Meine beiden Lieblingsmenschen hielten es für angezeigt, vier aufeinanderfolgende arbeitsfreie Tage für eine umfassende Neugestaltung des Wohnzimmers zu nutzen. Während woanders Eier gesucht werden, verbringen wir die Ostertage in einer beeindruckenden Baustelle. Apropos Ostern: Was ist eigentlich aus dem Eierskandal geworden?

Henne und Ei

Auch auf die Gefahr hin, mich dem Vorwurf einer in letzter Zeit eher monothematischen Orientierung ausgesetzt zu sehen: Ich stehe zu meiner unverbesserlichen Skepsis gegenüber der geradezu religiösen Verehrung von allem technisch Machbaren, ohne Rücksicht darauf, ob es sinnvoll ist. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Meine Bankgeschäfte zu Hause am Rechner zu erledigen statt Überweisungsträger auszufüllen, Bahnfahrkarten selbst auszudrucken statt in der Warteschlange am Schalter zu stehen, jemandem, der mir nicht allzu nahe steht, per Kurznachricht zum Geburtstag zu gratulieren statt ein Kärtchen zu schreiben oder ihn gar anzurufen, das alles sind Annehmlichkeiten, die ich nicht mehr missen möchte. Aber benötige ich wirklich eine Lausch- und Laberdose in der Wohnung, wenn ich das Licht im Klo ein- und ausschalten möchte? Für fast alles gibt es heute eine App, demnächst vielleicht auch für Laubbläser und Entfernung von Körperbehaarung. (Nicht ganz ohne Genugtuung nehme ich zur Kenntnis, dass sich nach dem aktuellen Datenskandal bei Facebook diese Skepsis zunehmender Beliebtheit erfreut. Allerdings wird das mittel- bis langfristig weder Facebook noch Google noch Amazon noch der „Digitalisierung“ generell auch nur einen Kratzer zufügen.)

Früher galt es als eisern, ein Loch ins Eis zu hacken und darin zu baden. Heute, fünf Minuten auf den Bus zu warten und nicht aufs Telefon zu kucken. Alle 18 Minuten schauen wir drauf, las ich neulich irgendwo, und das erscheint mir sehr hoch gegriffen, wenn ich die Displayboys und -girls in der Bahn und auf der Straße betrachte. Vielleicht habe ich mich auch verlesen und tatsächlich stand dort „Alle 18 Minuten schauen wir nicht aufs Telefon.“ Aber was heißt „wir“? Hier gilt dasselbe wie für den massenhaften Missbrauch des Wörtchens anlässlich von Fußballweltmeisterschaften, wenn es heißt „Wir spielen gegen England“: Ich ganz bestimmt nicht. Also nicht, dass ich es niemals aus der Tasche krame und schaue, aber jedenfalls nicht alle achtzehn Minuten, höchstens alle … ach egal.

Ich gehöre noch zu der Generation, die eine (völlig analoge) Armbanduhr trägt und der es mühelos  gelingt, ohne Kopfhörer aus dem Haus zu gehen. Auf meiner noch ungeschriebenen Liste der Dinge, die Menschen dämlich aussehen lassen, steht das Tragen von großen Kopfhörern in der Öffentlichkeit an dritter Stelle. Davor kommen Telefonieren mit flach vor den Mund gehaltenem Telefon und auf Platz eins Kaugummi kauen. Das Kauen eines Kaugummis lässt Menschen ja oft dümmer erscheinen als sie vielleicht sind. Nach den Kopfhörern kämen tätowierte Waden, Hosen mit eingerissenen Knien und mit Mützenschirm nach hinten getragene Kappen. Ach ja, und Selfiestangen. Wohl kein Gegenstand vermag die Verblödung der Menschen eindrucksvoller zu verdeutlichen. So eine Liste sollte ich wirklich bald mal anlegen.

Eins steht für mich indessen fest: Ohne einen abschießenden Beweis dafür beibringen zu können, bin ich mir der Existenz eines Zusammenhangs zwischen zwanghaftem Aufs-Telefon-Schauen und Wahnsinn sicher. Nur ist es hier wie mit der Henne und dem Ei: Offen bleibt, was Ursache und was Wirkung ist.

***

(Dies ist mein erster Beitrag für das Mitmachblog.)