Woche 13: Baustelle statt Eiersuche

Montag: Hauptvorwurf im aktuellen Facebook-Skandal ist, wenn ich es richtig verstanden habe, die unerverlangte Zusendung von Wahlwerbung für Donald Trump. Das ist zweifellos übel, dennoch ein Scherz gegenüber dem, was ich heute bei einem Facebook-Ableger ansehen musste: Kurzfristiges Desinteresse gegenüber geschäftlichen Verrichtungen trieb mich am Vormittag zu Instagram, wo ich auf ein verstörendes Werbefilmchen für ein Epiliergerät stieß. Zu sehen war ein durchaus als wohlgeraten zu bezeichnender junger Mann, der mit ebendiesem Gerät seiner Körperbehaarung zu Leibe rückt. Entsetzt musste ich ansehen, wie die vordem prachtvolle Jungmännerbrust mit wenigen Handgriffen blank geschoren wird wie die eines Fünfjährigen, mit Grausen sah ich das Gerät durch wunderbaren Beinpelz fahren, eine triste, blasse Schneise hinter sich lassend, während dunkle Haare traurig zu Boden fallen. Nur mit großer Mühe konnte ich einen #Aufschrei „WARUM?“ unterdrücken; noch größerer Mühe bedurfte es, mich anschließend wieder auf das Tagwerk zu konzentrieren. Da haben die für zielgruppengerechte Werbung zuständigen Algorithmen wohl kläglich versagt.

Versagt hat augenscheinlich auch der Verstand von VW-Chef Matthias Müller: Für das Jahr 2017 bekam er eine Vorstandsvergütung von gut zehn Millionen Euro. Hätte der Aufsichtsrat nicht ein neues Vergütungssystem eingeführt, hätte er sogar vierzehn Millionen Euro erhalten. „Ich habe also auf einen großen Betrag verzichtet“, so Müller im Interview mit dem SPIEGEL. Wohl nur harten Gemütern gelingt es, hier Tränen des Mitleids zurückzuhalten.

Dienstag: Bei der ermüdenden Lektüre eines IT-Designdokuments am Morgen steigerte sich das Lesevergnügen schlagartig, als ich auf die Begriffe „Team-Betroffenheitsmatrix“ und „Bargeldäquivalenz-Relevanz“ traf, Wortperlen, wie sie wohl nur die deutsche Sprache zu gebären imstande ist.

Mittwoch: „Neue Besen kehren gut“, las ich heute in einem Interview und verdrehte innerlich die Augen ob der abgedroschenen Phrase. Dann las ich weiter: „… doch alte kennen die Ecken.“ Das fand ich, da mir neu, gar nicht so schlecht, auch wenn es bei Lichte betrachtet natürlich Unfug ist: Nicht der alte Besen kennt die Ecken, sondern derjenige, der ihn schwingt, und dabei spielt das Alter des Besens eine eher untergeordnete Rolle. Doch wirkte sich dies bei konsequenter Anwendung äußerst nachteilig auf das Versmaß des Sprichwortes aus, erst recht bei gendergerechter Ausgestaltung.

Ebenfalls gar nicht schlecht fand ich kurz nach dem Aufwachen eine Radioreklame, und das will was heißen. Die ging in etwa so: Sie: „Warum hast du meiner Mutter gesagt, die Fliesen seien aus Italien?“ Er: „Sie sind doch aus Italien.“ Sie: „Wir haben sie bei Fliesen-Dings gekauft.“ Er: „Stimmt. Aber deine Mutter reist nun durch Italien und lässt uns in Ruhe.“ Es kommt nicht oft vor, dass ich schon vor dem Aufstehen grinsen muss, wenn auch nur ganz kurz.

Donnerstag: „Die kleine Anstrengung der Höflichkeit kann mindestens von der Faulheit der eigenen Befindlichkeiten befreien; und ihre Erfahrung kann andere erinnern, dass auch sie in der Lage sind, sich über ihre Launen und Stimmungen zu erheben (ein Umstand, der in der Postmoderne weitgehend vergessen scheint, da er einer ganzen Generation von antiautoritär Erzogenen niemals zur Kenntnis gebracht worden sein dürfte.“ (Aus: Robert Pfaller – „Erwachsenensprache“)

Freitag: „Für mich haben Kunst, Kultur, Aufklärung und Liberalismus den gleichen Stellenwert wie für andere Menschen ein religiöser Glaube. Theater ist für mich Menschendienst, wie die Kirche für Christen Gottesdienst ist. Wie würden Christen reagieren, lebten sie in einem Land, in dem ihnen die Heilige Messe oder der Gottesdienst für nur einen einzigen Sonntag im Jahr untersagt wäre, mit der Begründung, einmal im Jahr dürfe die Religion durchaus mal ruhen, es sei schließlich nur ein Tag im Jahr!“ (Aus dem Blog Tapfer im Nirgendwo, den Gesamttext finden Sie hier.) Dem stimme ich uneingeschränkt zu und brachte meine Karfreitagskritik auch schon hier und da zum Ausdruck. Doch mit zunehmendem Alter sehe ich das mit einer gewissen Milde. Ja, es ist ohne Frage inakzeptabel, wenn eine Religionsgemeinschaft mit staatlicher Unterstützung auch Nicht-Christen wie mir in die Freizeitgestaltung eingreift. Andererseits finde ich den Preis, ausnahmsweise keine Sportveranstaltung besuchen zu dürfen oder bei der Spielhalle des Vertrauens vor verschlossener Tür zu stehen, für einen arbeitsfreien Tag durchaus akzeptabel.

Samstag: Eine der deprimierendsten Kindheitserfahrungen war es, wenn mich die anderen Kinder nicht mitspielen ließen. Das hat sich mit der Zeit ausgewachsen, inzwischen ist man ja froh, wenn man nicht jeden Mist mitmachen muss. Beim Mitmachblog indes würde ich gerne mitmachen. Anscheinend bin ich zu blöd, mich dort zu registrieren: Trotz vor einer Woche ausgefülltem und abgesandtem Anmeldeformular und zusätzlicher Bittstellung per Mail reagieren die nicht. Vielleicht wollen sie mich auch einfach nicht. Wer wollte es ihnen verdenken.

Sonntag: Meine beiden Lieblingsmenschen hielten es für angezeigt, vier aufeinanderfolgende arbeitsfreie Tage für eine umfassende Neugestaltung des Wohnzimmers zu nutzen. Während woanders Eier gesucht werden, verbringen wir die Ostertage in einer beeindruckenden Baustelle. Apropos Ostern: Was ist eigentlich aus dem Eierskandal geworden?

5 Gedanken zu “Woche 13: Baustelle statt Eiersuche

  1. In Baustellen kann man doch hervorragend suchen – passt also perfekt zu Ostern. Mit wäre eine heimische Innen-Baustelle gar nicht ungelegen gekommen, um den Zwiespalt zwischen „arbeitsfrei, ich sollte rausgehen“ und „Wetter pfui, ich will drinbleiben“ zu besiegen.

    PS: Ich habe Deinen Beitrag im Mitmachblogautorenforum verlinkt, auf das mit etwas Glück einer der Admins es lese und Abhilfe schaffe.

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