Woche 7/2026: Pillepalle, Trallala, Blabla, Alaaf

Montag: Als morgens um kurz vor sechs der Wecker zum ersten Mal piepte, war mein erster Gedanke: Das wird heute nix. Nicht, dass ich größeres Ungemach für den Tag erwartete, doch spürte ich eine umfangreiche intrinsische Unlust, sah mich schon montagsmüde im Büro sitzen, wo mich die Aufgaben von der Liste vorwurfsvoll anschauten, ohne das erforderliche Interesse in mir zu wecken, sie anzugehen.

So schlimm war es dann aber nicht. Aus dem Bett kam ich ganz gut, obwohl ich wegen geänderter Abläufe aufgrund eines Gerichtstermins, zu dem der Liebste als Zeuge geladen war, eine halbe Stunde früher raus musste. Die Radfahrt durch kühle Luft versorgte mich mit Frische, die erwartete Müdigkeit blieb bis zum Nachmittag weitgehend aus und es gelang, Anstehendes zu bearbeiten, mehr kann man nicht erwarten.

Das Mittagessen fand in größerer Runde statt, was ich zumeist meide, weil ab vier Personen regelmäßig mehrere gleichzeitige Gespräche entstehen, gerne auch über Kreuz, was mich zunehmend anstrengt. (Schrieb ich das schon mal? Jetzt, da es hier steht, kommt es mir bekannt vor. Egal.) Heute ging es aber. Auch war ich dieses Mal nicht wie sonst der letzte, der aufgegessen hatte. Es gab übrigens Bockwurst mit Kartoffelsalat, woanders gibt es das traditionell am Heiligabend. Ich mag diese „einfachen“ Gerichte, es sollte sie öfter geben, auch wenn die Kartoffeln etwas sehr al dente waren.

„Das ist kein No-Brainer“ hörte ich in einer Besprechung und musste die Bedeutung nachschlagen. Laut Duden eine „einfache Angelegenheit, über die nicht lange nachgedacht werden muss; Problem, das sich ohne große gedankliche Mühe lösen lässt“. Also ein pseudomodernes Wort für Pillepalle.

Dienstag: Die Resonanz auf den letzten Wochenrückblick hier im Blog ist auffallend gering. Das ist nicht schlimm und vermutlich völlig gerechtfertigt.

Das Regenband, das morgens über die Stadt zog, fand nur in der Wetter-App statt bis auf wenige Tropfen, für die es sich kaum lohnte, den Schirm aufzuspannen, der sich mal wieder als Regenverhinderungsschirm bewährte.

Weg ins Werk zur blauen Stunde

Zum Mittagessen (heute Lasagne von völlig matschiger Konsistenz, die formlos auf dem Teller auseinanderfloss und optisch an bereits Gegessenes erinnerte, immerhin geschmacklich zufriedenstellend) traf ich mich spontan mit der Kollegin. Da wir beide nicht mehr die Jüngsten sind, sprachen wir unter anderem über altersbedingte Hörschwäche. Keine Stunde später bekam ich per Mail Werbung für Hörgeräte auf mein Telefon, das während der Unterhaltung im Büro gelegen hatte. Manchmal ist es etwas unheimlich.

Auf dem Rückweg nahm ich am Rheinufer eine weitere, von rot-weißen Sperrbaken (oder wie die Dinger heißen, siehe unten) umrahmte Kleinbaustelle wahr. Ich weiß nicht, ob sie wirklich neu ist oder ob ich sie einfach bislang nicht wahrgenommen hatte, jedenfalls habe ich den Eindruck, die Baustellen, große wie kleine, werden ständig mehr, nie wird eine fertig. Auch das wird langsam etwas unheimlich, wobei es mir fernliegt, daraus eine Verschwörung oder ähnlich finstere Pläne abzuleiten.

..

Bei Rückkehr lag eine Postkarte von M. aus Duisburg im Briefkasten, über die ich mich wie immer freute; nicht nur über die Karte an sich, sondern auch, dass sie mit einer Schreibmaschine erstellt war, so etwas bekommt man kaum noch zu sehen. Erst in der vergangenen Woche hatte ich den letzten Brief an M. eingeworfen, bereits heute traf die Antwort ein. Damit er nicht wieder wochenlang warten muss, antwortete ich direkt mit einer Postkarte, die morgen auf die Reise geht. Besser ist das, wer weiß, wann ich nach den Tollen Tagen sonst dazu gekommen wäre. (Lieber M., lass uns danach die Frequenz gerne wieder etwas verringern, wir wollen uns ja keinen Stress machen. Augenzwinkersmeili.)

Mittwoch: Heute war der letzte Arbeitstag dieser Woche, morgen ist Weiberfastnacht (nicht Altweiberfastnacht oder -fasching, wie es unter anderem im Apple-Kalender steht), dann begleitet unsere Gesellschaft das Godesberger Prinzenpaar auf mehrere Sitzungen, da ist dann keine Zeit für profanen Bürokram. Leider kann ich dadurch nicht zur werksinternen Karnevalsparty gehen, die üblicherweise ziemlich rauschend wird, aber man kann nicht überall sein. Freitag stehen zwar bislang keine karnevalistischen Pflichten an, dennoch ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass dann ein arbeitsfreier Tag sehr gelegen kommt.

Dem Anlass entsprechend hat der Geliebte die Küchenlampen mit Luftschlangen dekoriert, wie ich morgens sofort sah. Das erwähne ich extra, weil es mir schon mehrfach gelang, heimische Schönsteh-Gegenstände (rheinisch: Stehrömsche) nicht oder erst mit Verspätung wahrzunehmen, etwa frische Blumen auf der Küchentheke. Einmal bemerkte ich einen Weihnachtsbaum erst nach gut einer Woche. Es war kein besonders großer, eher ein Bäumchen, aber mit Schmuck und Lichtern auch bei Sehschwäche nicht zu übersehen. Da war vielleicht was los, als ich sagte: „Oh, wir haben einen Weihnachtsbaum.“

Für abends hatte die Bonner Ehrengarde in ihrem Zeughaus zum Reevkocheesse (für Außerrheinische: Reibekuchen-/Kartoffelpufferessen) eingeladen. Damit die Bratlinge nicht trocken verputzt werden mussten, gab es Musik und Getränk dazu.

Donnerstag: Da wir die Veranstaltung nicht allzu spät wieder verlassen hatten, wirkte sie am Morgen nicht nach. Abgesehen von diesem Karnevalsmaus-Lied, das sich als hartnäckiger Ohrwurm festsetzte.

Der Bus mit dem Prinzenpaar, der unsere Truppe aufsammeln und zu den Auftritten des Tages fahren sollte, traf mit einer Dreiviertelstunde Verspätung am Treffpunkt ein, das weitere Programm des Tages verzögerte sich entsprechend. Dadurch entfielen die sonst üblichen Wartezeiten vor den Auftritten, stattdessen ging es raus aus dem Bus, rauf auf die Bühne, Trallala, Blabla, Alaaf, runter von der Bühne, in den Bus, weiter. Der vorletzte Auftritt in Muffendorf wies gewisse Längen auf, weil die Godesia verstärkten Redebedarf hatte; Füße und Trommel wurden zunehmend schwerer. Beim letzten Auftritt, der unter beengten Verhältnissen im Zeughaus einer Nord-Godesberger Gesellschaft stattfand, versuchte ein Spinner, mir im Spiel die Trommelstöcke abzunehmen, lass mich mal, ich kann das auch. Nicht mit mir, niemand greift mir beim Spielen in die Trommelstöcke, auch dann nicht, wenn derjenige sich der Godesberger Karnevalsprominenz zugehörig fühlt. Das wäre ja noch schöner.

Effekt der verspätungsbedingt engen Taktung: Ich kam tagsüber kaum dazu, was zu trinken. Das holten wir beim anschließenden Ausklang in unserem Zeughaus gründlich nach. Als wir danach wieder zu Hause waren, fühlte ich mich übermenscht und ich war froh, als die Uniform wieder auf dem Bügel hing. Das Lied von der Karnevalsmaus hörte ich während des ganzen Tages nur zweimal, das fand ich erstaunlich, aber nicht schlimm.

Aus der Zeitung: „Was man zum neuen Quantencomputer in Garching wissen muss“ ist ein Artikel überschrieben. Ohne den Artikel gelesen zu haben bin ich mir sehr sicher, ich muss darüber gar nichts wissen.

Laut einem anderen Artikel wurde in den USA eine smarte Unterhose entwickelt, mit der sich die Furzfrequenz (das Wort steht so in der Zeitung) messen lässt. Damit soll erforscht werden, wie häufig den Menschen Darmwinde entfahren. Ob dabei auch Erkenntnisse über das jeweilige Aroma gewonnen werden, geht aus dem Artikel nicht hervor. Ziel ist es, die Ergebnisse in einem Pupsatlas darzustellen, wer auch immer den braucht. Ohne allzu sehr familiäre Interna preiszugeben, könnte der einen tiefroten Punkt am Rande der Inneren Nordstadt von Bonn enthalten.

Freitag: Apropos Luftverschmutzung: Der amerikanische Präsident erklärt Treibhausgase für ungefährlich. Wenn er demnächst, als logische Konsequenz, per Dekret den Klimawandel beendet, hat die Menschheit ein Problem weniger. Manches kann man nur noch mit einem Schulterzucken zur Kenntnis nehmen.

Vielleicht lag es am Freitag, dem dreizehnten, vielleicht ist es auch die natürliche Tektonik einer Beziehung. Aus hier nicht näher darzulegenden Gründen wünschte ich mir heute wieder ein Teinihaus nur für mich. Da das kurzfristig nicht zur Verfügung stand, unternahm ich zum Zwecke der Alleinzeit eine spontane Kleinwanderung über den Venusberg. Da es zu regnen begann und die Wege teils matschig waren, beendete ich die Tour in Dottendorf und fuhr mit der Straßenbahn zurück. Hinter mir in der Bahn telefonierte ein Mädchen. Was sie sagte war ohne Belang, es ging wohl um den gestrigen Abend. Nur wie sie sprach, wie sie die letzte Silbe jedes Satzes lang zog, so wie es junge Frauen häufig tun, ging mir etwas auf den Geist.

Abends half ich, Kamelle auf einen Wagen für den Zoch am Sonntag zu laden, was einige Stunden dauerte: Waren auseinander sortieren, Kartons auf den Wagen wuchten, die Süßigkeiten in Säcke packen, Kartons zerkleinern und entsorgen. Welch ein Aufwand, nur um das Zeug am Sonntag wieder herunter zu werfen.

Samstag: Der Tag begann mit einem ausführlichen Frühstück in einem Restaurant in der Innenstadt. Zur Feier des Tages mit Prosecco, auch wenn es nichts konkretes zu feiern gab außer einem freien Samstag ohne Termine und Pflichten.

Danach unternahm ich einen Spaziergang an den Rhein, dessen Pegel gegenüber den letzten Wochen deutlich gestiegen ist. Größere Gegenstände trieben darin gen Köln, ein Ast oder Baumstamm, und etwas, das wie ein Fass aussah. Währenddessen fielen einzelne Schneeflocken, zu wenige, um eine Schneedecke zu bilden, vielleicht war es dafür auch nicht kalt genug. Wobei es sich bei Windgebläse aus Richtung Norden deutlich kühler anfühlte als in den letzten Tagen. In der Nordstadt treiben erste grüne Blättchen an Sträuchern, während eine Straße weiter noch ein Weihnachtsmann mit Strickleiter an einer Fassade hängt. Vielleicht wurde er vergessen, vielleicht lassen sie ihn bewusst hängen, warum auch nicht: ein paarmal schlafen, schon werden bald wieder die Weihnachtsmarkthütten in der Innenstadt aufgebaut, das Lichterkettenwettrüsten beginnt und die Menschen überlegen, was sie verschenken sollen.

Gelesen beim Kiezschreiber und für gut befunden:

Gott würfelt nicht, hat Einstein einmal gesagt. Das stimmt nicht. Auch die Götter lieben das Glücksspiel als kurzweiligen Zeitvertreib. Aber sie spielen nicht um Münzgeld oder Jetons, sie spielen um ihre Schöpfungen, um ganze Planeten. Vor über tausend Jahren hat Gott die Erde im Spiel verloren. Seither herrscht ein fremder Gott über uns und er findet seinen Gefallen an grausamen Prüfungen. Erst hat er uns geblendet, als er uns zu Beginn des Mittelalters das gesamte Wissen des Altertums genommen hat. Er schickte uns Seuchen und Kriege, später gab er uns sinnlose Erfindungen, die uns von der Natur entfernten und entfremdeten. Heute sind die klügsten Köpfe unter uns ohne Hoffnung, der Rest vegetiert mit sinnlosem Zeitvertreib seinem Ende entgegen. 

Sonntag: Aus zeitlichen Gründen muss dieser Eintrag bereits am Samstag geschrieben werden, daher in Futur zwei.

Morgens werden wir in Uniform und warmer Unterwäsche nach Bad Godesberg gefahren sein, um gegen Mittag beim Godesberger Zoch mitzulaufen/-fahren, bei Kälte und mit etwas Glück immerhin trockenem Wetter, vielleicht sogar Sonnenschein, jedenfalls stellt die Wetter-App den in Aussicht. Nach etwa vier Stunden wird unser Corps durchgefroren wieder an der Stadthalle eingetroffen sein, um sich und die überstandene Frostung zu feiern. Alles Weitere wird kommende Woche nachgereicht, falls der Chronist nicht erfroren sein wird.

***

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche. Falls Sie ebenfalls Karneval feiern, treiben Sie es nicht zu dolle. Wenn Sie in karnevalistischer Hinsicht eher zu den Fadfindern zählen und stattdessen denken: Was soll der Quatsch?, haben Sie mein volles Verständnis. Vor zwölf Jahren dachte ich auch noch so. Und am Aschermittwoch ist bekanntlich alles vorbei.

Woche 9/2025: Für etwas Punk ist es nie zu spät

Montag: Ohne Zweifel erleichtert moderne Technik die Bürokommunikation erheblich. Was jedoch meine Geduld regelmäßig erheblich strapaziert: Wenn man mich per Teams anruft, dann seinen Bildschirm teilt und erst dann anfängt, zu suchen, was man mir zeigen will. Allein dass auch das in die gut bezahlte Arbeitszeit fällt, hält mich zumeist von Unmutsäußerungen ab.

Vormittags entdeckte ich ein Problem, das nicht bedrohlich ist, weder sind Menschen noch Sachgüter in Gefahr, meinen Arbeitsplatz wird es mich voraussichtlich auch nicht kosten. Dennoch ist es lästig, ich weiß noch keine Lösung, und die muss in dieser Woche gefunden werden.

Zumal es eine sehr kurze Arbeitswoche wird, die wegen des bevorstehenden Karnevalsfinales bereits am Mittwoch eob endet. Hoffentlich. Vielleicht. Denn: Meine Lieben kränkeln, den einen plagt die Erkältung, den anderen malade Mandeln. Somit nur eine Frage der Zeit, bis es auch mich wieder erwischt. Erstes Hüsteln bricht sich schon Bahn.

Dank Herrn Tommi weiß ich jetzt, dass ich hier Thin Content produziere. Was das ist, beschreibt er (bzw. die künstliche Intelligenz) wie folgt:

„Thin Content“ bezeichnet Inhalte auf Blogs oder Websites, die nur wenig Mehrwert für die Leser bieten. Diese Inhalte sind oft zu kurz, oberflächlich oder generisch und bieten keine tiefergehenden Informationen, Analysen oder neue Perspektiven. Suchmaschinen wie Google bewerten solche Inhalte meist negativ, da sie den Nutzern keinen echten Nutzen bieten.

Das trifft es ziemlich genau. Schön, dass Sie hier dennoch lesen.

Dienstag: Die Nacht war unruhig, von der Seite kam immer wieder krankheitsbedingtes Husten, Röcheln und Stöhnen, das ist ausdrücklich kein Vorwurf. Während einer Wachphase schlichen sich Gedanken über das gestern erwähnte Büroproblem an, was zum Glück nur selten vorkommt. Immerhin brachten sie die Idee einer möglichen Lösung mit, über die ich wieder einschlief.

Den Fußweg ins Werk legte ich in Erwartung milder Luft ohne Schal und Handschuhe zurück, was sich als etwas voreilig-kühl erwies, doch ich ließ mir nichts anmerken, zumal die Rheinuferläufer schon wieder überwiegend in kurzen Hosen das wintermüde Auge erfreuen.

Morgens

Das Büroproblem ließ sich vormittags mit wenig Aufwand in kurzer Zeit lösen, was wieder zeigt: Wenn man nicht weiß, was zu tun ist, erstmal liegenlassen und nicht weiter darüber nachdenken; das Hirn (oder welches Organ auch immer) findet oft selbstständig den Weg. Ob es wirklich gelöst ist, zeigt sich erst kommende Woche. Wenn nicht, wird es auch dafür eine Lösung geben.

Nachmittags schlossen sich automatisch die Brandschutztüren auf der Etage, was auf einen Feueralarm hindeuten könnte. Das Gute: Der Alarm trat nicht ein. Das Schlechte: Immer wenn einer die Tür passierte, fiel sie anschließend mit lautem Donnern wieder zu.

Auf dem Rückweg überholte ich am Rheinufer ein älteres Paar, sie mit Rollator, er vorweg mit altersgerechter Schirmmütze. Erst im Vorbeigehen nahm ich die blauen Haare wahr, die unter der Mütze hervorschimmerten. Für etwas Punk ist es nie zu spät.

Aus der Zeitung:

(General-Anzeiger Bonn)

Der Tisch muss ganz schön groß sein.

Rätsel am Wegesrand (Kleiner Tipp: Name einer Hotelkette)

Mittwoch: Jemand unbekanntes schaffte es, mich in derselben Mail erst zu siezen, dann zu duzen. Offensichtlich hatte er sie vor dem Absenden nicht noch mal durchgelesen, bereits letzte Woche äußerte ich Missfallen gegen derlei Liederlichkeiten im Schriftlichen. Da auch das geäußerte Anliegen weitgehend unsinnig war, verzichtete ich auf eine Antwort.

Ansonsten freue ich mich nun auf und über fünf arbeitsfreie Tage. Abends wären wir in Kölsch- und Reibekuchenangelegenheiten bei der befreundeten Karnevalsgesellschaft gewesen, deren Zeughaus in naher Fußläufigkeit zu unserer Wohnung liegt. Da der Liebste weiterhin ein wenig kränkelt, blieben wir zu Hause. Das ist überhaupt nicht schlimm, ab morgen gibt es genug Alaaf.

Meine derzeitige Bettlektüre ist das wundervolle Buch „In einem Zug“ von Daniel Glattauer, das mir die liebe Freundin zum Geburtstag geschenkt hat. Ich empfehle es sehr, obwohl ich erst ungefähr ein Drittel davon gelesen habe. Es sind Sätze wie folgende über den Gebrauch von Datengeräten, die mich beim Lesen immer wieder lächeln lassen:

„Ja, die Handysucht hat etwas Anmutiges. Während uns vor Betrunkenen ekelt, uns Drogenjunkies leid tun und uns um Borderliner angst und bange wird, strahlen die Onliner, selbst deren hoffnungsloseste Fälle, stets friedlichen Gleichmut und ein harmonisches Einssein mit sich, der gerade angesagten Verschwörung und dem Warenkorb aus.“

Donnerstag: Heute war Weiberfastnacht (nicht, wie manche es nennen, Altweiberfastnacht, junge feiern auch), wie an diesem Tag üblich bereicherte unsere Karnevalsgesellschaft per Bustour mehrere Behördenfeiern und eine Sitzung mit unseren Auftritten. Meine Lieben nahmen nicht teil, da sie noch nicht völlig genesen sind und sich schonen wollen für den Godesberger Zoch am Sonntag. Da der erste Auftrittsort näher an unserer Wohnung lag als am Zeughaus, dem Ausgangspunkt der Tour, ging ich bei mildem Sonnenschein direkt dorthin. Mit meiner Uniform fiel ich kaum auf, da viele Menschen in der Stadt mehr oder weniger kostümiert waren zuzüglich denen, bei denen das stets unklar ist.

Mögliches Tagesmotto

Nach dem ersten Auftritt holten wir mit dem Bus unsere Junggardisten von der Schule ab, wo sie heute (in Uniform) eine Klausur schreiben mussten; laut Zeitungsbericht eine erzieherische Maßnahme, um die Jugendlichen an diesem Tag von frühzeitigem Alkoholverzehr abzulenken.

Nach dem letzten Auftritt fuhren wir zurück zum Zeughaus, wo der Abend gemeinsam ausklang und für mich nicht sehr spät und nur unwesentlich alkoholisiert endete. An der Bahnhaltestelle geriet ich anschließend in eine Situation: Während ich wartete, entstieg einer Bahn am Bahnsteig gegenüber ein augenscheinlich migrationshintergründiger Mann, daraufhin urinierte er deutlich schwankend in eine Ecke, während er Unverständliches brabbelte. Nachdem er fertig und (immerhin) untenrum wieder alles eingepackt war, entdeckte er mich. Vielleicht wegen der auffälligen Uniform, vielleicht, weil ich der einzige auf dem Bahnsteig war. Nun sprach er mich in unverständlicher Weise an, mit etwas Phantasie konnte man es wie „Warte, ich komme rüber“ deuten. Laut Anzeige noch fünf Minuten bis zur Ankunft meiner Bahn, das konnte er trotz vorübergehender Gehbehinderung locker schaffen. Und also wankte er zum Ende seiner Bahnsteigs, überquerte die Gleise, wechselte auf meinen und kam auf mich zu getorkelt. Noch vier Minuten. Ein Entkommen war nicht möglich, da der Bahnsteig nur über den einen Zu- bzw. Abgang verfügt. Als erstes hielt er mir die Faust hin, nicht als Drohung, sondern wie es sich während der Coronazeit als Handschlagsurrogat etabliert hat. Da ich an jeglicher Berührung mit dem Kerl uninteressiert war, ignorierte ich die Geste, was ihn offensichtlich aufbrachte, von nun an wurde ich in weiterhin unverständlichen Worten beschimpft. Ich möchte nicht ausschließen, dass er sich bemühte, deutsch zu sprechen, mit stark alkoholischem Dialekt, ab und zu erkannte ich ein Wort; wiederum mit Phantasie bezichtigte er mich womöglich der Fremdenfeindlichkeit. Die einfahrende Bahn brachte nicht die sofortige Erlösung, denn er stieg hinter mir ein (in dieselbe Richtung, aus der er kurz zuvor gekommen war), pöbelte in der Bahn herum, schaute und deutete dabei immer wieder vorwurfsvoll in meine Richtung. Alle anderen Fahrgäste gaben sich unbeteiligt, widmeten sich den Datengeräten. An der nächsten Haltestelle stieg er aus. Ich hatte nicht eine Sekunde daran gedacht, er könnte ein Messer zücken, darauf kam erst der Geliebte, als ich später zu Hause von dem Vorfall erzählte. Angst hatte ich nicht, empfand das ganze nur als überaus lästig.

Freitag: Aufgrund der Erfahrungen vergangener Jahre hatte ich für heute Urlaub genommen. Das wäre nicht nötig gewesen, dank umsichtiger Biereinnahme am Vorabend erwachte ich unverkatert und hätte problemlos ins Büro fahren können. Das weiß man vorher nie, doch es gibt keinen Grund, ohne Not einen gebuchten Urlaubstag nicht anzutreten. Der Plan für den Tag: eine Wanderung. Leider kündigte die Wetter-App ab dem Mittag länger anhaltenden Regen an, ungünstig zum Wandern. Um den Tag nicht gänzlich ungelüftet zu verbringen, beschloss ich nach dem Frühstück einen längeren Spaziergang zur Siegmündung, dort ist es recht idyllisch, nur, wie sich herausstellte, zurzeit stellenweise sehr matschig. Der Spaziergang wurde dann genauso lang wie die ursprünglich geplante Wanderung und die Schuhe mindestens so verschlammt. Etwas geregnet hat es zwischendurch auch, wenn auch nicht so viel wie erwartet. Auch das weiß man vorher nie.

Siegauen I
Siegauen II
Blick auf Graurheindorf gegenüber
Im Auenwald

Am frühen Abend half ich dem Liebsten, einen der Karnevalswagen für den Godesberger Zoch mit Kamelle zu beladen, auf dass meine Lieben am Sonntag was zu werfen haben, sofern sie wieder genesen sind, wovon nach jetzigem Stand auszugehen ist.

Samstag: Wesentliches Ereignis des Tages, also im Kleinen, nicht global gesehen, war die sogenannte Kamelleparty der Karnevalsgesellschaft im Zeughaus. Dabei wird niemand mir Naschwerk beworfen, vielmehr wird die erfolgreiche Beladung der Wagen mit selbigem für morgen gebührend begossen mit obergärigem Kölner Bier, dazu spielt das Musikcorps einige Lieder. In treuer Pflichterfüllung als Musiker nahm ich trommelnd und trinkend daran teil und blieb nicht allzu lange, da ich sonst womöglich nicht in der Lage gewesen wäre, diesen Wochenrückblick zu Ende zu bringen. Morgen werde ich voraussichtlich nicht dazu kommen, deshalb …

Sonntag: … erfolgt dieser Eintrag bereits am Samstag im Futur zwei. Wir werden unsonntäglich früh aufgestanden sein, da wir bereits morgens um viertel nach zehn gewaschen, rasiert und uniformiert in Bad Godesberg sein müssen. Nach dem großen Appell werden wir uns am Rathaussturm beteiligt haben, ehe mittags der Zoch beginnt, laut Prognose bei trockenem und mildem Wetter. Nach dem Zoch werden wir gemeinsam mit zwei anderen Gesellschaften im nicht einsturzgefährdeten Teil der Godesberger Stadthalle den Tag gefeiert haben.

Mögliche noch nicht vorhergesehene Erwähnenswertigkeiten reiche ich im Präteritum oder Plusquamperfekt nach.

Zum guten Schluss: Erfreulich in dieser Woche waren die Gewissheit, dass die FDP raus ist, ein gelöstes Büroproblem und viele Karnevalsfreuden.

***

Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche. Ab Dienstag kein Karneval mehr, versprochen. Alaaf!

Woche 6/2024: Voller Einsatz

Montag: Der Wochenstart war ganz passabel, Einzelheiten sind bei Bedarf hier nachzulesen.

Dienstag: Vergangene Nacht bin ich im Traum gestorben, jedenfalls nehme ich das an. Wegen einer plötzlichen Schwäche nahm ich in einem Sessel Platz und schloss die Augen. Was dann passierte, ist schwer zu beschreiben, soweit ich mich erinnere, kamen grelles Licht und eine Rutschbahnfahrt darin vor. Indes fand ich mich anschließend nicht im Jenseits wieder, sondern im vertrauten Bett. Das war zunächst irritierend, auf jeden Fall interessant.

Zurück im Leben, fuhr ich heute ausnahmsweise mit der Bahn zum Büro statt dienstagsüblich zu Fuß zu gehen, weil ein unzeitiger Besprechungstermin bereits um acht in der Frühe meine Teilnahme erforderte, was den knapp einstündigen Fußmarsch aufgrund festgelegter familiär-organisatorischer Abläufe unmöglich machte; als konsequenter Heimbüroverweigerer muss man Opfer bringen. Der Termin lief ganz gut, trotz Morgenstunde war ich schon in das Lage, zu denken und das Gedachte in ganzen Sätzen zu auszudrücken.

„Das ist alles work in progress“ und „Wir sind in der Timeline unterwegs“ notierte ich in einer anderen Besprechung, an mehr erinnere ich mich nicht.

Nachmittags ging ich zu Fuß nach Hause, deshalb nahm ich die zahlreichen Läufer auf dem Radweg nebenan nur zur Kenntnis, jedoch nicht daran Anstoß. Ich würde mich nicht mehr wundern über eine Verkehrsmeldung, dass auf der Autobahn 59 zwischen den Anschlussstellen Bonn Nord und Pützchen zu äußerster Vorsicht geraten wird wegen Joggern auf der Fahrbahn. Radfahrer auf Autobahnen sind ja mittlerweile nichts Außergewöhnliches mehr.

Mittwoch: Heute vor siebzig Jahren wurde ein Kindlein geboren, das in den Achtzigern unter anderem als Bestandteil eines als Modern Talking bekannten Paares akustische Umweltverschmutzung betrieb und noch heute von zweifelhaften Journalisten als „Poptitan“ bezeichnet wird. Herzlichen Glückwunsch. (Dass seine Initialen DB lauten, ist vermutlich Zufall, wobei auch er nicht ganz frei von Störungen und Ausfällen ist.)

Gelesen und bestätigend genickt – Frau Anje über Sport:

Wenn jemand Spaß daran hat, sich auf Skiern eine Schneepiste runterzustürzen oder mit hängender Zunge hinter einem Ball herzurennen, mag er das gerne tun, warum ich diesen Leuten aber dann dabei zuschauen sollte, das wird mir für immer ein noch größeres Rätsel bleiben als die Frage, warum es überhaupt so viele Leute gibt, die solche Dinge tun.

https://anjesagt.blogger.de/stories/2878387/

Donnerstag: Weiberfastnacht, der Karneval strebt seinem Höhepunkt entgegen. Deswegen habe auch ich mir Urlaub genommen bis einschließlich Rosenmontag, sicher ist sicher.

Zur Einstimmung frühstückten wir auswärts, erstmals im Restaurant der großen Warenhauskette, deren Bonner Filiale wohl zurzeit nicht im Bestand gefährdet ist. Das war sehr gut, werde ich mir merken für künftige Inseltage.

Ab Mittag zogen wir mit der Karnevalsgesellschaft, von Regen begleitet, in den Einsatz gegen Griesgram und Muckertum, fünf Auftritte waren zu bewältigen. Auch das war gut, gegen Nachmittag hörte es auf zu regnen. Nach dem letzten Auftritt zogen Teile der Truppe weiter in die Gastronomie. Aus Kapazitäts- und Sicherheitsgründen traten wir den Rückzug an.

Freitag: Der letzte Auftritt der Session erfolgte nachmittags bei der Damensitzung in einer Sportschule. Es war ein würdiger Abschluss, wenn man darüber hinwegsieht, dass die Existenz einer solchen Einrichtung ziemlich absurd ist. Also nicht die Damensitzung, sondern die Sportschule, siehe auch den Eintrag von Mittwoch.

Abends schaute ich erstmals nach vielen Jahren „Mainz bleibt Mainz“ im Fernsehen. Dort sagte ein Redner: „Lauchsuppe ohne L ist auch Suppe.“ Ich mag Witze, die nur gesprochen funktionieren, geschrieben dagegen wirkungslos bleiben. Wie auch dieser: „Der Schwule lässt die Arbeit ruhn / und freut sich auf den Afternoon.“ (Ich darf das.)

Samstag: „Das ganze Leben ist ein Aber“ sagte der Geliebte am Morgen, womit er vermutlich recht hat, so richtig zufrieden ist man ja selten. Wobei der Tag recht zufriedenstellend verlief mit Vorbereitungen für den Zoch in Godesberg morgen: Die letzten Kamelle wurden auf den Wagen geladen, anschließend das erfolgreiche Laden mit Kölsch, Musik und Bockwurst angemessen gefeiert.

Sonntag: (Aus zeitlichen Gründen musste dieser Eintrag bereits am Samstag verfasst werden, deshalb Futur zwei.)

Wir werden mit der Karnevalsgesellschaft den Rathaussturm in Godesberg unterstützt, anschließend am Godesberger Zoch teilgenommen haben, bei hoffentlich trockenem Wetter.

Im Anschluss an den Zoch vereinsinterne Party in dem Teil der Stadthalle, der nicht einsturzgefährdet ist, voraussichtlich auch nicht nach der Party. Nach Heimkehr am späten Abend wird der Kölschfüllgrad einen einigermaßen sinnvollen Blogabschluss nicht mehr zugelassen haben.

So wird es gewesen sein. Änderungen und Ergänzungen werden in der kommenden Woche nachgereicht.

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Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche, wenn Sie es mögen mit Alaaf, Helau, Rubbeldiekatz, Scheißdiewandan oder was man sich in Ihrer Region sonst bei diesem Anlass üblicherweise zuruft. Wenn Sie mit alledem gar nichts anfangen können, haben Sie mein volles Verständnis. Trösten Sie sich: Am Aschermittwoch ist es bekanntlich erstmal wieder vorbei.

Woche 6: Alaafchen und Zuversicht durch zuweilen sittenlose Eskalation

Montag: Wegen Glättegefahr erwog ich morgens Heimarbeit. Doch da das häusliche WLAN mal wieder schwächelte, bleib mir nichts anderes übrig als den Weg ins Werk zu wagen. Die Glätte erwies sich als weitgehend harmlos, daher vielen Dank, liebes WLAN, dass du mich vor einem Tag Heimarbeit bewahrt hast.

Mittags war ich zu einem Brainstorm-Lunch geladen, um die Use Cases zu checken. Da war mir der Appetit kurz vergangen, er kehrte jedoch bald zurück.

Vor der Kantine wurde ich Zeuge, wie ein Mitglied der obersten Werksleitung gegen die geltende Corona-Einbahnregelung verstieß und auch den Hinweis des Sicherheitsmannes unbeachtet ließ. Da ich den Kollegen bislang als nicht allzu testosteronpolternd empfunden habe im Vergleich zu anderen in ähnlicher Position, war ich einigermaßen überrascht bis enttäuscht. Vorbild geht anders.

Von Vorbild zu Stadtbild: „Der Stadtteil Freimann galt anders als das benachbarte Schwabing bislang eher als zersiedelt und wurde unter anderem von der Kläranlage und zwei Müllbergen dominiert“, schreibt der General-Anzeiger über München-Freimann, das Kennern auch als früherer Standort eines Ellok-Ausbesserungswerkes der Deutschen Bundesbahn bekannt ist, was der Schönheit des Stadtbildes vermutlich auch nicht sehr zuträglich war.

Mundwinkelhebend folgende Artikelüberschrift in derselben Zeitung: „Nach Unfall steht Esel in Schieflage“. Ehe nun Empörungsbekundungen von Peta meinen Posteingang fluten: Es ging dabei nicht um einen lebenden Esel mit Fell und Ohren, sondern eine Statue in Bonn-Duisdorf, die von einem Auto gerammt wurde.

Dienstag: „Briefmarken könnten teuer werden“, steht in der Presse. Das ist Unfug: Die Achtzigcentmarke wird voraussichtlich auch in zehn Jahren und darüber hinaus noch achtzig Cent kosten.

Gelesen hier:

„Wie es wohl gewesen wäre, ein Leben als Malerin zu führen? Mit allergrößter Wahrscheinlichkeit würde meine finanzielle Situation heute grundlegend anders aussehen. […] Dass Malen mich heute glücklich macht, heißt ja auch nicht, dass das immer so gewesen wäre. Es wird schon so passen wie es ist.“

Tausche Malen gegen Schreiben, und es passt auch für mich.

Mittwoch: Als ich abends mit dem Fahrrad an einer roten Ampel wartete, überquerte vor mir ein junger Mann mit modegerecht eingerissenen Hosenbeinen die Straße, in der einen Hand eine Zigarette, die andere mit Telefon am Ohr, also in der klassischen Weise, wie wir Alten noch telefonieren, statt mit flach vor dem Gesicht gehaltenen Gerät. Er spuckte auf die Straße und redete in dieser speziellen Weise, für die mir gerade kein passender Begriff einfällt, bestimmt gibt es einen, dieses proletenhaft-hohle Böse-Jungs-Gelaber mit vielen „Sch“-Lauten, das diejenigen, die so sprechen, oft wesentlich dümmer erscheinen lässt als sie womöglich sind, vielleicht wissen Sie, was ich meine. (Für den Gebrauch von „sch“ statt korrekt „ch“, wie „Milschgesischt“ oder „Isch gehe Küsche“, las ich vor längerem mal einen Fachbegriff, leider ist er mir entfallen.) Und also sprach er dieses ins Telefon: „Wir brauchen escht keine Beziehung zu führen, wenn du …“, mehr verstand ich nicht. Warum ich das hier erwähne: Korrekt benutzte er „brauchen“ in Verbindung mit „zu“, vielleicht wurde ihm das als Kind beigebracht: „Wer ,brauchen‘ nicht mit ,zu‘ gebraucht, braucht ,brauchen‘ gar nicht zu gebrauchen.“ Ganz so dumm wie er klang war er offenbar nicht.

Der Kölner Rosenmontagszug findet in diesem Jahr aus gegebenem Anlass im Hänneschen-Puppentheater statt. Auf die Frage, ob er das Theater kenne, antwortete der Geliebte: „Klar, das habe ich hier auch, mit zwei ziemlich alten Püppschen“ (da war es wieder, wobei zu seiner Ehrenrettung geschrieben sei, er ist keiner der oben beschriebenen Spacken, sondern Rheinländer). In solchen Momenten frage ich mich, warum wir den immer noch nicht rausgeworfen haben.

Donnerstag: Weil es schön ist, ging ich zu Fuß ins Werk. Auf dem Markplatz hörte ich einen Händler, der seinen Stand aufbaute, „Viva Colonia“ singen, wobei sein Gesang nicht besonders närrisch klang, eher trotzig. Erst da fiel mir wieder ein: Heute wäre Weiberfastnacht gewesen. Der Weg führte am mittlerweile wieder etwas abgeschwollenen Rhein entlang, wo die Spuren des Hochwassers noch deutlich zu erkennen waren.

Zwei Nilgänse schauten vom Ufer aus auf den kalt dahinfließenden Strom und schnatterten leise miteinander, vielleicht dieses: „Wären wir doch mit den Anderen in den Süden geflogen, aber nein, du wolltest ja dieses Jahr unbedingt hier bleiben, »Nein, es kommt kein Winter mehr«, ha ha ha, hätte ich doch bloß nicht auf dich gehört.“ – „Ach halt den Schnabel.“

Doch will ich Erfreuliches nicht unerwähnt lassen: Nachdem die Politik gestern beschlossen hat, dass Friseure zum ersten März wieder öffnen dürfen, habe ich heute einen Termin beim Salon meines Vertrauens vereinbart, der auch bestätigt wurde. Bemerkenswert: Friseure müssen schließen, aber Jaques Weindepot ist geöffnet. Immerhin – wenigstens kann man sich seine aus der Form geratene Frisur schön saufen.

Dieses allgemeine Geschrei nach einem „deutlichen Signal“, das die Politik vermissen lasse, finde ich übrigens unerträglich. Wer kann denn heute verbindlich voraussagen, wie das mit dem Virus und seinen Mutationen in den nächsten Wochen weitergeht? Wie groß wäre das Geschrei, wenn es anders kommt, die Läden und Schulen länger geschlossen bleiben müssen als in Aussicht gestellt? Immerhin, für alle Signalvermisser habe ich hier was:

Freitag: Mittags gab es aus der Kantine Lahmacun, diese lose in einen Teigfladen gewickelten Gemüse- und Fleischspezereien mit einer Soße, auch bekannt als Türkische Pizza. Zum Wohlgeschmack gesellte sich stille Bewunderung für Leute, die imstande sind, so etwas mit Würde und ohne größere Verschmutzung des näheren Umfeldes zu verzehren.

Jedesmal, wenn ich den Leiter des Paul-Ehrlich-Instituts im Fernsehen sehe, denke ich: Den hätte Loriot nicht besser sich ausdenken und verkörpern können.

Samstag: Gerade in diesen Zeiten ist Zuversicht wichtig. Deshalb freute ich mich über die ersten blühenden Schneeglöckchen am Wegesrand, deren vielstimmig-stummes Glockenspiel zu läuten schien: „Sorget euch nicht, sehet, es geht weiter.“

Nicht gar so sehr mit Zuversicht gesegnet scheint einer, der dieses sprühte:

Übrigens wurden nebenan die Liste und die Chronik des Wahnsinns ein wenig fortgeschrieben.

Sonntag: Heute wäre der Karnevalszug in Bad Godesberg. Aufgrund des Konjunktivs stattdessen hier ein Züglein in Barlingerode Ost. Alaafchen!

Laut PSYCHOLOGIE HEUTE steht das griechische Substantiv „Kefi“ für „die gelegentliche – manche sagen unerlässliche – Befreiung von stumpfsinniger Routine und sozialer Konvention“ durch mannigfache sinnliche, körperliche, zuweilen sittenlose Eskalation. Kefi alaaf!

Zum Schluss noch was auf die Ohren:

Ansonsten in dieser Woche gehört: „In der Not frisst der Teufel Hafer“ – „zwischen Himmel und Henkel“