Woche 22: Maibock kann man auch im Juni trinken

Montag: Der Fahrer der Linie 66 heute Morgen strebte in seiner Jugend offenbar eine Karriere als Rennfahrer an. Am Museum König und an der Heussallee brachte er die Bahn jeweils nur mit einer Vollbremsung unter Zuhilfenahme der Magnetschienenbremse zum Stehen, wonach beißender Geruch versengten Metalls die Haltestelle füllte. – Unterdessen erzeugt die beginnende Lavendelblüte in der Heinrich-Brüning-Straße Vorfreude. Noch fünf Wochen.

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Dienstag: „Was ist das beste, das du heute gelesen hast?“, fragt mein alter Schulkamerad Frank, der maßgeblich an meiner Aufklärung beteiligt war, in seinem Blog Quergeföhnt. Das beantworte ich gerne:

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Viel schöner kann man Sinn und Inhalt einer Bürotätigkeit nicht beschreiben. (Aus: Jochen Schmidt, „Zuckersand“)

Ansonsten beschäftigte mich heute kurz eine Frage bezüglich der Korrelation zwischen skurrilem äußeren Erscheinungsbild und Betriebsratszugehörigkeit: Was ist Ursache, was Wirkung?

Mittwoch: Am Abend in der Bahn nach Köln sitzend sah ich im Rangierbahnhof Eifeltor Güterwagen, darauf Container mit der Aufschrift „dreier“. Wer mich genau beobachtete, konnte ein zärtliches Lächeln in meinem Gesicht erkennen.

Donnerstag: Wie die Zeitung vermeldet, wird die Sanierung der Bonner Beethovenhalle mal wieder ein paar Milliönchen teurer. In etwa genauso bemerkenswert: Maibock kann man auch noch im Juni trinken, wie ich heute empirisch in einem Selbstversuch ermittelte.

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Freitag: Ich bewundere Männer in dunklen Anzügen, die immer zwei Treppenstufen auf einmal nehmen. Sie wollen noch was bewegen.

Samstag: An diesem Wochenende werden wieder tausende von Grills angeworfen. Womit haben sie das nur verdient?

Sonntag: Heute sah ich erstmals jemanden mit so einem Spinner-Dings, das jetzt alle haben müssen und von dem ich nicht genau weiß, wozu.

Der CEO ist not amused

Die Lage ist ernst: Die Zahlen sind nicht zufriedenstellend. Das EBIT bleibt trotz wachsender Absätze hinter den Erwartungen zurück. Die Kosten explodieren. Die Märkte sind nervös. Der Wettbewerb schläft nicht. Der Aktienkurs enttäuscht die Stakeholder. Die Qualität sinkt. Wir müssen sparen, koste es, was es wolle. Der CEO ist not amused, so ist zu hören. Früher war das ein Privileg der Queen, etwa wenn ihr Enkel mal wieder über die Stränge schlug – heute wird das auch dem Manager zugestanden. Was nur wenig verwundert: C[beliebiger Buchstabe]O’s vor allem in großen Unternehmen wähnen sich unfehlbar, so wie der Papst, die Queen allemal, nahezu göttergleich. Deshalb wagt auch niemand, ihnen zu widersprechen, gar Kritik zu üben an ihren über jeden Zweifel erhabenen Entscheidungen – das käme einer Gotteslästerung gleich mit unabsehbaren Folgen für den Skeptiker. Dabei sind sie außerhalb ihres Unternehmens so bedeutend wie Monopoly-Geld an der Supermarktkasse.

Die C[X]O’s breiten sich aus wie die Schweinepest, für jeden Scheiß gibt es mittlerweile einen ‚Chief Wasweißich Officer‘. Wofür ich durchaus Verständnis aufbringe, „Bereichsleiter“ klingt dagegen bürokratisch-blutleer. Nur Vice Presidents gibt es noch mehr, nachdem zu recht erkannt wurde, dass „Abteilungsleiter“ so sexy klingt wie ein verstaubter Aktenordner. Aus nachvollziehbaren Gründen ist noch nicht ausreichend erforscht, wie viele junge Führungskräfte, die es geschafft haben, von einer namhaften Unternehmensberatung als Vice President in ein Unternehmen zu wechseln, welches von ebendieser Unternehmensberatung durchzogen ist wie ein gegen jedes Mittel resistenter Schimmelpilz, abends ob dieses Titels auf ihre Visitenkarte onanieren. Karrierewichser.

Ein Titel ist Schmuck und Imponierinstrument wie Pfauenfedern und Hirschgeweih: Hausmeister heißen heute Facility Manager. Wer denkt da noch an den knurrigen Typen, der uns damals zu Schulzeiten graublau bekittelt in den Pausen Milch verkaufte und ansonsten mit der ihm gegebenen Unfreundlichkeit begegnete. Warum auch nicht, sein Gehalt war ihm sicher, Kundenzufriedenheitsbefragungen gab es nicht, zumal der ‚interne Kunde‘ noch gar nicht erfunden war. In welch strahlendem Licht erscheint dagegen der Facility Manager: Statt murrend mit wehendem Kittel durch die Flure zu ziehen, wo defekte Leuchtstoffröhren ihrem Austausch entgegen flackern, sitzt er vor einer Wand voller Bildschirme, jeder widerrechtlich fallengelassene Kaffee-zum-Gehen-Becher, jede an unzulässiger Stelle entzündete Zigarette erzeugt einen blinkenden Punkt auf einem Monitor; heiser haucht er „Zugriff in Sektor 23B“ in ein Mikrofon, kurz darauf knüppelt eine Gruppe glatzköpfiger, dunkel bekleideter Herren mit Übergewicht und einem spiraligen Kopfhörerkabel am Hinterkopf auf den bedauernswerten Deliquenten ein.

Ja, VW hat Scheiße gebaut. Doch bin ich mir sicher, nicht nur VW. Und nicht nur Hersteller von Kraftfahrzeugen. VW hat einfach nur Pech gehabt, erwischt worden zu sein.