Aufgeklärt

Meine Aufklärung erfolgte im Alter von etwa neun Jahren in einem Sandkasten. Also jedenfalls der erste Schritt dazu. Der Sandkasten befand sich in unserer Siedlung hinter den Wohnblocks der örtlichen Wohnungsbaugenossenschaft, zwischen Teppichstangen und Klettergerüst. Dort verbrachte ich die Nachmittage zusammen mit meinem Schulkameraden Jens Kowitzki (Name von der Redaktion geändert), der mit seiner Familie in einem der Blocks wohnte, während wir, also meine Eltern, mein großer Bruder und ich, über die Straße in einem Reihenhaus mit eigenem Garten, dafür aber ohne Sandkasten, residierten.

Während ich von Hause aus schüchtern, vorsichtig und schrecklich anständig war, galt Jens als Rabauke der Siedlung: Im Winter stopfte er gerne mal Schnee in anderer Leute Briefkästen (in den siebziger Jahren gab es noch richtige Winter mit Schnee in Bielefeld), ab und zu war er in harmlosen Prügeleien verstrickt, die Dichte von luftlosen Fahrradreifen war in der Umgebung überdurchschnittlich hoch, und eines Tages kam er die Straße herauf mit einem Briefkasten im Schlepp, denn er kurz zuvor mitsamt Pfahl auf einem nahegelegenen Grundstück gefällt hatte. Die Postboten hatten es schwer, in die Häuser hinein zu kommen, weil aufgrund andauernder Klingeljagden (ostwestfälisch für Klingelstreiche) sich niemand mehr die Mühe machte, die Tür zu öffnen.

Sie sehen, alles völlig harmlos, in den Augen des langweiligen Spießerkindes, also in meinen, war er jedoch ein Teufelskerl, eine Art Bart Simpson, nur ohne Skateboard, wobei es damals natürlich weder die Simpsons noch Skateboards gab, jedenfalls nicht in Ostwestfalen. Ich mochte Jens. Eines unserer Lieblingsspiele war das Bauen von Fallgruben in besagtem Sandkasten, wobei wir sehr sorgfältig vorgingen: ein Loch ausheben, Zweige drauf, darüber große Blätter, zuletzt mit einer dünnen Sandschicht abgedeckt; dank meiner anerzogenen Bravheit konnte ich Jens davon abbringen, die Grube zuvor mit Brennesseln, Glasscherben und Hundekot zu füllen. Dann folgte der wichtigste Teil des Spieles: ein Opfer musste her. Dieses fanden wir in Jörn Drombecker (Name verfälscht), zwei bis drei Jahre jünger als wir, der ebenfalls in den Blocks wohnte. Wir riefen ihn heran, lockten ihn in den Sandkasten, und zack, gab der Boden unter ihm nach, begleitet von unserem fiesen Gelächter. Ich weiß nicht wie oft, aber mindestens einmal in der Woche fiel der arme Kerl im wahrsten Sinne des Wortes darauf herein.

Eines Nachmittags, während unserer geliebten Tiefbautätigkeit, fragte mich Jens:
„Weißt du eigentlich, was ficken ist?“
Ich wusste es nicht, dachte als erstes an die bunten Blumen, die im Sommer an Omas Gartenzaun rankten, die hießen so ähnlich, aber nein, die Bedeutung des Wortes „ficken“ war mir gänzlich unbekannt, weder meine Mitschüler noch meine Eltern oder mein Bruder hatten es je erwähnt.
Jens erklärte: „Da steckt der Mann seinen Pillermann in die Scheide von der Frau, und dann pinkelt er da rein.“ Pillermann und Scheide waren, immerhin, zwei Begriffe, die mir nicht gänzlich fremd waren, ersterer aus eigener Anschauung, zweitere hatte ich auch schon mal gesehen, beide dienten für mich dazu, überschüssige Körperflüssigkeit abzulassen; warum die bei Jungs und Mädchen unterschiedlich angelegt waren, darüber hatte ich mir noch keine Gedanken gemacht, es erschien mir auch nur wenig interessant, das war halt so, wie der Schnee im Winter und die Hitze im Sommer.

Und doch: Der Gedanke, dass ein Mann seine Notdurft anstatt auf dem Klo im Unterleib einer Frau verrichtete, war so absurd, dass ich minutenlang nicht aus dem Lachen heraus kam, ebenso Jens; „ficken, ficken“ riefen wir, eine ältere Frau aus dem dritten Stock rief irgendwas zu uns herunter und schloss wütend das Fenster. Dann kam Jörn um die Ecke, versank in der Grube, alles war gut, es hatte sich erstmal ausgefickt, das schöne neue Wort war zunächst vergessen.

Erst beim Abendessen im trauten Kreise der Familie fiel es mir wieder ein, prompt bekam ich wieder einer einen Lachanfall.
„Wisst ihr, was Jens mir heute erzählt hat?“, prustete ich los. Kurz darauf wussten sie es. Schweigen. Mein Bruder wurde knallrot, Papa warf Mama einen bösen Blick zu, Mama stand vom Tisch auf und ging zum Backofen, nach dem Braten schauen. Komisch, sie fanden es nicht halb so lustig wie ich.

Erst viel später begann ich langsam zu begreifen, warum.

4 Gedanken zu “Aufgeklärt

  1. Solche Falllgrubenspielchen scheinen auf viele Kinder einen unerklärlichen Reiz auszuüben. Allerdings habe ich endgültig die Finger davon gelassen, nachdem ich mal eine recht demütigende Erfahrung gemacht habe.

    Wo ich aufgewachsen bin, ist heute jeder Quadratmeter zugebaut, aber als ich Kind war, war da viel offenes Gelände. Dort habe ich eines Tages ein Loch entdeckt, das irgendjemand ausgehoben hatte. Ich, nicht faul, habe mir einen Spaten geholt und weitergegraben. Warum weiß ich eigentlich auch nicht. Wahrscheinlich hatte ich einfach nur Langeweile. Irgendwann kamen dann Nachbarskinder auf ihren Bonanzarädern vorbei und fanden es wohl recht faszinierend,was ich da so trieb. So viel Aufmerksamkeit hatte ich selten. Irgendwann – ich war schon ein gutes Stück weiter ins Erdreich vorgedrungen – kam jemand auf die Idee, man könnte das Ding doch als Falle nutzen, damit die Graberei wenigstens einen Sinn hat. Jedenfalls war ein ideales Opfer schnell gefunden … nämlich eine etwas ältere Nachbarstochter, die sich allgemeiner Unbeliebtheit erfreut hat. Also wurden einige Zweige und Gras zum Abdecken zusammengesucht. Auf zusätzliche Ideen, die was mit Glassplittern und Kot zu tun hatten, ist zum Glück niemand gekommen. Einer von uns musste dann bei Nachbarns anläuten, ob Andrea (Name geändert) nicht zum Spielen rauskommen mag.

    Die Aktion war allerdings von vornherein zum Scheitern verurteilt. Nicht nur, dass unser Opfer nicht eben raffiniert in seine Falle gelockt wurde (irgendwer hat halt auf den Haufen von Zweigen gedeutet und gesagt „Tritt da doch mal drauf“) … nein, sie wusste schon, was ihr blüht, weil sie selbst die Vorarbeit dazu geleistet hatte. Daher hat sie natürlich stolz verkündet, dass sie dieses Loch selbst gegraben habe. Somit war meine Aktion als Plagiat entlarvt, was man mich dann auch spüren ließ. Ich war dann recht schnell wieder allein auf weiter Flur.

    Und die Moral von der Geschicht:
    Wer anderen eine Grube gräbt, sollte aufpassen, dass diese Grube auch wirklich auf dem eigenen Mist gewachsen ist. Ansonsten fällt man zwar nicht selbst hinein, aber man bleibt trotzdem allein.

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  2. Hierzu schrieb einst Eugen Roth:

    Ein Mensch fällt jäh in eine Grube,
    die ihm gegraben so ein Bube.
    „Wie“, denkt der Mensch, „das kann nicht sein;
    wer Gruben gräbt, fällt selbst hinein!“
    Das mag vielleicht als Regel gelten,
    Ausnahmen aber sind nicht selten.

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