Wenn nach der Extrameile das Kniegelenk weg ist

Es gibt so vieles, was man verlieren kann: Den Hausschlüssel, Geld, den Überblick, die Lust, den Verstand, die Geduld, die Unschuld, einen Krieg, Vertrauen, den Glauben, Eier. Auch diverse Körperteile geraten gelegentlich in Verlust, glücklicherweise zumeist nur im sprichwörtlichen Sinne: das Gesicht (was manchem Hackfressenbesitzer eher einen Gewinn bescherte), die Nerven, der Kopf, das Herz, Zähne, Haare. Als der Verlustgefahr eher unverdächtig galten bislang Kniegelenke. Wie wir nun wissen wir, können auch diese wegkommen. Stand jedenfalls in der Zeitung*:

kniegelenkverlust

Aber vielleicht ist das ja ein Beleg für die Existenz der viel gescholtene Lügenpresse.

Auch Wahlen kann man verlieren. Oder gewinnen, das ist nicht immer vorhersehbar, außer in Russland, Nordkorea und früher der DDR. Daher verkneife ich mir hier weitere Ausführungen zum Thema Horrorclowns. Ich möchte nicht daran schuld sein, wenn Amerika uns demnächst vielleicht den Krieg erklärt. Wobei das Phänomen nicht zu verharmlosen ist, wie folgender Zeitungsausschnitt** belegt:

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Jegliches Fingerspitzengefühl hatte offenbar die interne Kommunikationsabteilung eines großen Konzerns verloren, als sie die nachfolgende verbale Hohlraumversiegelung, augenscheinlich Erzeugnis eines minderwertigen Phrasengenerators, dem Vorstandsvorsitzenden in den Mund beziehungsweise Mitarbeiterbrief schrieb:

Engagierte Mitarbeiter, die bereit sind, die Extrameile zu gehen, sind die beste Voraussetzung dafür, dass wir unsere Kunden nachhaltig begeistern – was wiederum unsere Leistungsfähigkeit und unser Wachstum stärken wird.

Wer möchte nach solch aufmunternden Worten nicht gerne die Extrameile laufen – wenn auch mancher vielleicht in Fluchtrichtung. Doch achte man dabei unbedingt auf sein Kniegelenk.


* General-Anzeiger Bonn vom 20.10.2016

** General-Anzeiger Bonn vom 25.10.2016

#Mimimimi!

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Aus unerfindlichen Gründen bin ich erneut auf die Liste der Autoren bei der nächsten #Mimimimi!-Lesung in der Bonner Südstadt geraten. Das bedeutet, es wird von mir erwartet, dort etwas aus meiner Feder vorzulesen. Aber was nur? Für Vorschläge wäre ich Ihnen sehr dankbar.

Hier finden Sie weitere Informationen zur Veranstaltung am 11.11.

(Foto: Christian Fischer)

Ruhe bitte!

Wie der Bonner General-Anzeiger letzte Woche berichtete, hat der Amerikaner Jonathan Dunne eine Kampagne gestartet, um Londoner U-Bahn-Pendler aus ihrer gewohnten Lethargie zu befreien und miteinander ins Gespräch zu bringen. Hierzu verteilt er vor U-Bahn-Stationen Anstecker mit der Frage „Tube chat?“, welche sich kommunikationswillige Bahnfahrer an die Jacke heften sollen, um Gesprächsbereitschaft zu signalisieren.

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Dem Vernehmen nach stößt die Aktion bei der Zielgruppe bislang auf wenig Verständnis, empfindet der Londoner schon Körper- und Blickkontakt in der Bahn als unhöflich und somit unbedingt zu vermeiden; jetzt soll er auch noch sprechen. „Was soll das sein? Wir sind Bri­ten!“, wird eine Frau zitiert, ein anderer Brite erboste sich mit den Worten „Ein un­ver­ant­wort­li­cher Narr ver­sucht, das Ge­fü­ge der Ge­sell­schaft zu un­ter­gra­ben, in­dem er da­zu auf­ruft, sich in der Lon­do­ner U-Bahn zu un­ter­hal­ten.“

Ich habe volles Verständnis für die reservierte Haltung der Briten, bin doch auch ich kein großer Freund des gesprochenen Wortes im öffentlichen Personennahverkehr. Für den Fall, dass Herr Dunne oder jemand anderes auf eine ähnliche Idee in Bonn kommt, was hier aufgrund der dem Rheinländer innewohnenden natürlichen Geschwätzigkeit auf fruchtbareren Boden als im kühlen Britannien fallen würde, bin ich daher gewappnet:

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Ebenfalls gewappnet bin ich übrigens für meine nächsten Einkäufe bei Rewe, Kaufhof und DM.

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Über Schweißfußhass und Präsidentenüberdachung

Wie vergangene Woche vage angedeutet, bin ich mir nicht zu schade, einem weiteren Buchstaben ein paar Minuten Aufmerksamkeit zu opfern: dem ß. Wobei fraglich erscheint, ob es sich bei dem betrachteten Schriftzeichen überhaupt um einen vollwertigen Buchstaben handelt, verfügt es doch über keinen eigenen klangvollen Namen wie das H oder T, und auf der Computertastatur muss es sich oberhalb der Vollwert-Buchstaben eine Taste mit dem Fragezeichen teilen. Je nach Geschmack und Gewohnheit wird es bezeichnet als scharfes Es oder Eszett, dabei sieht es eher einem B ähnlich oder dem griechischen Beta. Das erklärt sich aus der Frakturschrift:

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Möge niemand behaupten, hier lerne er nichts.

Bis vor einigen Jahren war das ß nur als Kleinbuchstabe gebräuchlich, mittlerweile ist seine Nutzung auch als Großbuchstabe zulässig, was sich jedoch anscheinend noch nicht herumgesprochen hat, denn vielfach ist stattdessen immer noch das gedoppelte S gebräuchlich, also zum Beispiel STRASSE statt STRAßE. Das mag angesichts des noch ungewohnten Bildes verzeihlich sein. Unverzeihlich erscheint jedoch das Unvermögen vieler Schreibender, das ß bei gewöhnlicher Schreibung mit Kleinbuchstaben korrekt zu verwenden, also Straße statt Strasse. Dabei ist es seit der viel beschimpften Rechtschreibreform wirklich sehr einfach: Nach einem langen Vokal oder Zusammensetzungen wie ei und au steht ß, nach einem kurzen Vokal ss, denken Sie an den Schweißfußhasser. Dass hierüber schon lange vor der Rechtschreibreform Unsicherheit bestand, veranschaulicht ein Rundgang durch die Bonner Innere Nordstadt.

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wolfstrasse-1

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Dennoch schlage ich vor, es den Schweizern gleichzutun und das ß zugunsten von ss abzuschaffen, die Schatulle des deutschen Wortschatzes wird hierdurch keine Inhaltsschmälerung erleiden, stattdessen erhält das eine oder andere Juwel lediglich einen neuen Schliff. Zumindest wird unsere Sprache dadurch nicht schlimmer verstümmelt als durch die fortschreitende Ersetzung von Sinn ergeben durch Sinn machen. Bei der Gelegenheit plädiere ich auch gleich für die Abschaffung von dass, dessen korrekten Gebrauch in Abgrenzung von das auch immer weniger Menschen zu beherrschen scheinen. Dass ein Wort für beide Verwendungszwecke ausreicht, ist im Englischen mit that längst hinreichend bewiesen, also nur Mut, liebe Sprachwächter.

„Aber so denken Sie doch an die Eindeutigkeit“, höre ich bereits die Kritiker schreien und ihr beliebtes Beispiel aufsagen, wonach es ein großer Unterschied sei, ob Bier in Maßen oder Massen konsumiert wird. Dem entgegne ich: Das ergibt sich aus dem Zusammenhang beziehungsweise der Aussprache. So wie bei jemandem, der Montage gerne mag: Entweder ist er ein Freund des Wochenbeginns, oder er bevorzugt es gegenüber einer Schreibtischtätigkeit, an wechselnden Einsatzorten Windräder, Brücken oder Paketverteilanlagen zusammenzuschrauben. Dennoch rief bislang niemand danach, im zweiten Falle das g, welches dort ja mehr wie sch ausgesprochen wird, besonders zu kennzeichnen, etwa durch ein kleines Spitzdächlein darüber wie bei Erdoĝan.

Nein, das ist eine schlechte Idee, dann würde der Präsident ja Erdoschan ausgesprochen, stattdessen verschwindet das g klanglich unter dem Dach wie hinter einer Schallschutzwand, jedenfalls sofern die Nachrichtensprecher das korrekt aussprechen. Der auswärtige Schrauber wäre also auf Monta’e statt –asche. Das dürfte schwer durchsetzbar sein und eine ernstzunehmende Gefahr für das Abendland darstellen. Andererseits bin ich mir nicht sicher, ob das g durch das kleine Spitzdach wirklich verstummt. So lauschte ich kürzlich einem Interview mit einem deutschsprechenden türkischen Staatsbürger, und der sprach das g bei Erwähnung seines Herrschers konsequent aus. Und falls das Dach das darunter liegende tatsächlich verstummen ließe, wäre dann die Überdachung des kompletten Präsidenten nicht eine gute Idee?

Ich schweife ab. Zur Wahrung der Eindeutigkeit könnte ich mich allenfalls damit anfreunden, nach einem langen Vokal ein einfaches s zu schreiben. Strase und Schweisfus bedürfen zunächst ein wenig der Gewöhnung, aber schon bald wird niemand mehr daran Anstos nehmen.

Apropos abschaffen: Ich bekenne, kein glühender Verehrer des türkischen Präsidenten zu sein. Doch eines halte ich ihm zugute: die Abschaffung der unsäglichen jährlichen Zeitumstellung von Winter- auf Sommerzeit und wieder zurück. Dafür gebührt ihm auf seiner nach unten offenen Sypathieskala ein dicker Pluspunkt. Mit einfachem s.

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Nachtrag 4.11.2016:
Wie ich erst heute bemerkte, ist in obigem Aufsatz das g des türkischen Präsidenten falsch herum überdacht; korrekt ist es so: ğ. Nun gut, dann ist es eben ein Bahnsteigdach.