Woche 32: Wischbezug und Seitenlage in Schaufensternähe

Montag: Was, E-Scooter-Fahrer halten sich nicht an die Verkehrsregeln? Damit konnte, nach all den guten Erfahrungen bislang mit Verkehrsteilnehmern aller Art, ja nun wirklich niemand rechnen.

„Die Vergangenheit wertzuschätzen heißt zugleich, die Sucht nach dem Neuen zu mildern und nebenbei die Gegenwart zu entschleunigen. Das sogenannte Neue kommt ja oft im Gewand des „ganz Anderen“ daher. Der lebendige Kontakt zu dem, was bereits zurückliegt und vergangen ist, kann einem helfen, dies als Trugbild zu entlarven und den ständigen Reiz des Neuen zu entzaubern. Es ist ja, von wenigen wirklichen (meist technischen) Neuerungen abgesehen, als Mode, Masche oder Idee in den meisten Fällen eine mehr oder weniger gelungene Variation des Alten. […] Das würde bedeuten, so etwas wie eine kreative Ignoranz zu entwickeln, die sich bestimmten Entwicklungen zwar nicht verschließt, aber dem Hype gegenüber skeptisch bleibt.“

(Gelesen bei Olaf Georg Klein – „Tagebuch schreiben“)

Dienstag: „Ist ja schön, dass man es nicht aus Versehen macht, aber ganz so oft muss es ja nun auch nicht sein“, höre ich in einer Skype-Besprechung. Keine Ahnung, was die liebe Kollegin meinte.

Das Leben ist bunt und aller guten Dinge sind drei – heute seit nunmehr fünf Jahren ❤

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Vor vier Jahren schrieb ich:

„Heute bin ich mit mir und dem Leben an sich in etwa so zufrieden, wie zu sein mir vor dreißig Jahren erstrebenswert erschien. Wobei ich vor dreißig Jahren nicht annahm, dass es bis dahin so lange dauern würde.“

Dem ist nichts hinzuzufügen.

Mittwoch: Dienstreise mit dem Kraftwagen nach Kassel. Auf der Autobahn überholen wir den Lastwagen eines Unternehmens, dessen Geschäftszweck augenscheinlich im Vertrieb von Miet-Wischbezug-Systemen liegt. Gestern wusste ich noch nicht um Existenz und Zweck von Wischbezügen, heute immerhin um deren Mietbarkeit.

Ansonsten ist Kassel (Pfeil) sehr schön.

Donnerstag: Mal wieder die Nacht zur Tagung gemacht mit dienstlich veranlasster Alkoholzufuhr. Nach vorzeitigem Erwachen denke ich darüber nach, ob die aktuelle Blümeranz in angemessenem Verhältnis zum Vergnügen des Vorabends steht, komme zu einem leicht positiven Ergebnis. Dennoch verzichte ich auf das Frühstück, um den Zeitpunkt, da mich wieder plappernde Menschen umgeben, möglichst weit nach hinten zu schieben.

Falls Sie eine berufliche Veranderung erwagen und selbstsandiges Arbeiten mogen, ist das hier vielleicht das Richtige fur Sie:

(Gesehen im General-Anzeiger Bonn)

Freitag: In der U-Bahn-Haltestelle hockt in der Ecke eine Gruppe Punks (m/w/d) mit bunten Haaren, Bierflaschen und schräbbeliger Punkmusik aus einem Abspielgerät, jedenfalls nehme ich an, dass das Punkmusik war, bin da nicht der Experte. Erblickte ich während eines Spazierganges durch Wald und Flur eine Ansammlung von Maikäfern, fiele meine Überraschung ähnlich aus wie beim Anblick der Punks: Sieh an, die gibt es auch noch.

Auf dem Weg zum Frisör komme ich an einem Bettengeschäft vorbei, wo in Schaufensternähe ein Herr gerade die Seitenlage ausprobiert, daneben stehen seine weibliche Begleitung und die Verkäuferin. Ob letztere den Namen Hallmackenreuter an ihrem heimischen Briefkasten angebracht hat, konnte ich auf die Schnelle nicht erkennen.

“Wie der Hengst im Karpfenteich. Ach nee, das war die Forelle oder?” Wie es der Geliebte immer wieder schafft, mir Lachtränen zu entlocken.

Samstag: „Trump droht Deutschland mit Truppenabzug“, lese ich in der Zeitung. Als nächstes droht dann wohl der Weihnachtsmann mit Geschenken.

Sonntag: Während des Spaziergangs sprach mich ein Autofahrer mit auswärtigem Kennzeichen an: „Kennen Sie sich hier aus?“ – Ich: „Ja.“ – Autofahrer: „Ist das hier ein Behindertenparkplatz?“ Dabei zeigte er auf das Schild, welches die Stellfläche eindeutig als solchen kennzeichnete. Wie mögen Behindertenparkplätze in „BM“ gekennzeichnet sein?

Woche 31: Einhändiges Händewaschen und schnurloses Dosentelefon

Montag: Was mich – neben manch anderem – zunehmend aggressiv macht, sind grinsende Gesichter auf Werbeplakaten, welche Menschen in Situationen zeigen, die von sich aus wenig Grinsegrund bieten, zum Beispiel auf dem Datengerät die Mitteilung über den Versand einer Bestellung lesend.

Dienstag: Abendtermin in Köln. Ich weiß nicht, wer Felix-Rexhausen war, aber gemessen an dem nach ihm benannten urindunstigen Platz hinter dem Hauptbahnhof wird er eher eine Randfigur der rheinischen Prominenz gewesen sein. „Watt willste maache“, sagt die Blumenverkäuferin am Eigelstein.

Nach dem Termin drängte mich ein Bedürfnis, welches mich die Toiletten des Kölner Hauptbahnhofs aufsuchen ließ, die jetzt bekannt-dümmlich Mc Clean heißen. Nach erfolgreicher Verrichtung wurde ich dort Zeuge eines seltsamen Schauspiels: Ein junger Mann trat neben mich an das Handwaschbecken, in der Linken den Griff seines Rucksacks. Mit der Rechten betätigte er den Seifenspender, zerrieb die Tropfen kurz mit den Fingerkuppen in der Handfläche, dann drückte er den Wasserknopf, hielt die geseifte Hand unter den Strahl, schließlich zupfte er ein Papiertuch aus dem Schlitz und zerknüllte es, so gut es ging, zum Zwecke oberflächlicher Trocknung in der rechten Hand. Die linke Hand erfuhr unterdessen keine Reinigung, sie musste ja den Rucksack halten. Ich hätte zu gerne gesehen, wie er zuvor sein Geschäft erledigt hatte.

Mittwoch: Eine Meldung, die man eher im Postillion vermutet statt im Bonner General-Anzeiger, einem grundseriösen Medium (womit dem Postillion keineswegs die Seriosität abgesprochen sei): Anlässlich der Forderung der Deutschen Umwelthilfe nach einem Verbot privater Silvesterfeuerwerke geht der Siegburger Bürgermeister einen Schritt weiter. Er verlangt die Abschaffung der professionellen Feuerwerke zu „Rhein in Flammen“, „Kölner Lichter“ und „Pützchens Markt“. Konsequenterweise müssten die beiden erstgenannten Veranstaltungen dann umbenannt werden. Vorschlag: „Rhein im Dunklen“ und „Kölner Dämmer“.

Am Abend lagen Hell und Dunkel vor unserer Haustür nicht weit auseinander.

„Der Ofen ist gut, stellste ein ,Pizza‘, dann macht der Pizza. Musste natürlich vorher eine reintun“, sagt der Geliebte. Logik kann er.

Donnerstag: Nachtrag zu gestern, ebenfalls aus dem General-Anzeiger: Laut dem Geschäftsführenden Gesellschafter einer Eitorfer Feuerwerksfabrik seien die Zahlen der Deutschen Umwelthilfe (DUH) über die Feinstaubbelastung völlig aus der Luft gegriffen. Beim Postillion sähe die Meldung wohl so aus:

+++ Aus der Luft gegriffen: Umwelthilfe legt falsche Zahlen zur Feinstaubbelastung vor +++

Schreck am Morgen: Die Zugangskontrollsperre im Werk verweigerte mir den Einlass. Umgehend stellte sich wieder schlechtes Gewissen ein: Habe ich zu laut über den Vorstand gelästert oder etwas Unflätiges ins Blog geschrieben? Indes war nur zum 1. August mein Mitarbeiterausweis abgelaufen. Man ließ mich dann doch noch hinein, um dem Tagwerk zu frönen.

Freitag: „Schlaf gut“, sagt der Geliebte, als er mich morgens ins Werk verabschiedet. Das ist natürlich ein Scherz: Ich bekomme kein Auge zu, weil der Kollege im Nachbarbüro pausenlos telefoniert in einer Lautstärke, als bediente er sich dazu eines schnurlosen Dosentelefons.

Samstag: „Man sollte den Löwen reiten, so lange er sich reiten lässt“, wird der SPD-Politiker Johannes Kahrs in der Zeitung zitiert. Was soviel heißt wie: „Man sollte den Fliegenpilz essen, so lange er essbar ist.“

Sonntag: „Ich freue mich wie ein Schnitzel“, sagt der Mann im Radio. Vor oder nach dem Braten?

Die Innere Nordstadt bietet immer wieder Fotomotive, man muss nur die Augen aufhalten.

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Woche 30: Wenn es warm ist

Montag: Gut geschlafen von gestern 23:00 bis heute 6:30 Uhr. Das sind siebeneinhalb Stunden Schlaf, somit fast so lang wie ein normaler Arbeitstag. Warum nur muss sich ein Arbeitstag so viel länger hinziehen als eine in sanften Träumen durchschlummerte Nacht?

Die erste Hälfte des Tages verbrachte ich mit ziemlich sinnlosem Kästchenausfüllen, was für einen Montag gleichwohl die angenehmere Tätigkeit ist gegenüber der von Halbwissen und Unlust getrübten Überarbeitung einer Prozessbeschreibung.

Dienstag: Skype-Konferenz. Die Einladende kommt sieben Minuten zu spät und fragt: „Wer ist denn schon alles da?“

„Das Projekt läuft im grünen Fahrwasser“, sagt der Projektleiter und freut sich selbst über die Formulierung. Sofort stellen sich Bilder algenbedeckter, übel riechender Tümpel ein.

Mittwoch: Es ist warm. Sehr warm. Und es soll noch wärmer werden. Ich mag es, wenn es warm ist. Und ich beneide Leute, die dann so ins Werk gehen können:

Donnerstag: Ja, es ist heiß.

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Am kühlsten ist es zurzeit übrigens im Büro, wo die werksinterne Temperaturregelung bestens funktioniert. Das kann natürlich kein hinreichender Grund sein, sich dort länger aufzuhalten als unbedingt nötig.

Freitag: Abends beim Aperol im Garten. Der Liebste: „Kuck mal, die Hortensien sind von der Hitze auch schon ganz ausgeblichen.“ – Ich: „Ja, tatsächlich!“ – Er: „Nicht die, das sind Weiße!“ Ornithologie ist nicht so meins.

Samstag: Gunild Lohmann schreibt im General-Anzeiger über Narzissten:

Was fehlt in diesem unserem egomanen Zeitalter, sind die stillen Wasser. Die sind nämlich tief. Und spiegelglatt. Und an jedem stillen Teich könnte ein Trump, Johnson oder Bohlen sich selbst anschmachten, bis er sich in eine Narzisse verwandelt. Wir hätten blühende Landschaften.

Abends aßen wir im Außenbereich eines griechischen Restaurants in der Fußgängerzone. Am Nachbartisch eine französische Familie mit zwei Jungs von etwa sechs bis acht Jahren. Während der Wartezeiten spielten die beiden auf der Straße vor dem Restaurant: Der eine balancierte einen Plastikteller auf einer Stange, so wie man das früher öfter im Fernsehen sah, der andere schleuderte mit einem Seil einen sich nach innen verjüngenden runden Gegenstand in die Luft und fing ihn mit dem Seil wieder auf. Ihr Essen verzehrten sie ohne Geplärre oder Streit, auch aßen sie ohne elterliche Ermahnung ihre Teller leer. Danach widmeten sie sich wieder dem Spiel auf der Straße. Warum ich das notiere: Nicht ein einziges Mal schauten sie, weder Eltern noch die Jungs, auf ein Datengerät. Vielleicht hatten sie gar keins.

Sonntag: Die Hitzewelle ist erstmal abgeebbt.

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Entdeckt im Kundenmagazin der Lufthansa:

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„Hochwasserhose“ steht wohl auch bald in einem Lexikon der aussterbenden Wörter.

Hier lesenswerte Gedanken zum Thema Urlaub.

Woche 29: Rolltreppen und andere Herausforderungen

Montag: Die Kombination aus Rolltreppen und Menschen ist immer wieder ein Quell komischer Szenen. Wie heute auf dem Heimweg: In der Stadtbahnhaltestelle Heussallee gibt es „einspurige“ Rolltreppen, die sowohl rauf als auch runter rollen, also nicht eine für jede Richtung, wie man es von Karstadt kennt. Das heißt, wenn niemand hoch- oder runterrollen will, steht die Treppe still, wird zur stillen Treppe, oder Standtreppe, oder einfach zur Treppe. Erst wenn sie jemand betritt, rollt sie los, derweil am anderen Ende eine Leuchtanzeige zum Warten anhält. Hat der Nutzer sein Ziel erreicht und kommt keiner nach, der die Treppe in nämlicher Richtung nutzen will, rollt sie noch eine gewisse Zeit weiter, ehe sie wieder im Stillstand verharrt. Erst dann kann sie in der anderen Richtung genutzt werden, ich hoffe, Sie können mir folgen. Heute nun beobachtete ich drei augenscheinlich nicht sonderlich gehbehinderte Menschen mit Rollkoffern von überschaubarer Größe, die vom Bahnsteig nach oben wollten. Aber ach, die Treppe rollte gerade herab, auch mehrere Versuche, sie durch Bitten, Beschimpfen oder Betreten der Kontaktschwelle anzuhalten, liefen zunächst ins Leere. Endlich hielt sie an und beförderte die Leute anschließend nach oben. Das ganze dauerte ein Mehrfaches dessen, als wenn sie einfach die direkt daneben liegende Steintreppe benutzt hätten, trotz der Koffer. Menschen sind komisch, immer wieder.

Von Frosch gibt es jetzt sensitives Duschgel. Laut Duden also von übersteigerter Feinfühligkeit, überempfindlich. Brauche ich nicht, überempfindlich bin ich selbst.

Dienstag: Herr Levin schreibt über das Schreiben:

„… denn das erste Werk ist aus der Rückschau immer peinlich und schlimm.“ – „… und schließlich die vielen, denen irgendwo unterwegs die Luft ausgeht mit drölf versandeten Romananfängen in der Schublade.“

Das kommt mir alles sehr bekannt vor. Dennoch: Irgendwann wird mein Bestseller erscheinen.

Mittwoch: Gehört in einer Besprechung: „Ich habe ja öfter schon heureka gerufen, und dann ist trotzdem wieder ein Panzer über mich drüber gefahren.“

Gehört im Aufzug: „Der ist aber auch ein bisschen sportlich unterwegs “

Donnerstag: Nun also AKK. Natürlich ist es einfach und häufig auch gerechtfertigt, auf Politiker zu schimpfen. Aber wie lange wird es noch gute und fähige Leute geben, die diesen harten Job auf sich nehmen, anstatt lieber Werbung zu machen für Hundefutter oder Mittel gegen nächtlichen Harndrang? Zu Risiken und Nebenwirkungen schauen Sie nach Großbritannien, Italien oder in die USA. (Wobei ich nicht behaupte, AKK für gut und fähig zu halten.)

Freitag: „Mama, bekomme ich einen Keks?“ – „Wo isst man denn um diese Zeit schon Kekse?“ – „Na hier.“ So zitiert WDR 2 am Morgen einen per Facebook zugegangenen Mutter-Kind-Dialog. Goldig. Infos die brauche, und für die Rundfunkgebühren zu entrichten als süße Pflicht, ja als pures Vergnügen erscheint.

Samstag: „Wir bieten Herausforderungen“, steht in einer Stellenanzeige. Vermutlich würde ich mich dort nicht bewerben.

Eine Herausforderung der menschlichen Vernunft stellt die aktuelle Anzeige für ein SUV dar:

„Von null auf 100 km/h in 3,7 Sekunden. … Ein kurzer Druck auf den roten Startknopf und Gänsehaut-Feeling stellt sich ein. … hat die Power unter der markanten Motorhaube, von der jeder Autofan träumt. 522 kW (710 PS) Leistung … Das eindrucksvolle Ergebnis sind ein faszinierendes Fahrerlebnis und einer der atemberaubendsten Sprints, die man in einem SUV erleben kann … Kein Wunder, dass der Fahrer … die allermeisten Verkehrsteilnehmer überwiegend im Rückspiegel sieht. … Nappaleder-Sportsitze, die so geformt sind, dass sie Fahrer und Passagiere selbst bei schnellen Kurvenmanövern sicher in Position halten können. … vierflutige Auspuffanlage … Ein SUV, das sich sehen lassen kann und das man fühlen und hören muss.“

Das mit dem hören müssen ist wohl traurige Wahrheit, wenn so ein Autoposeräffchen in der Stadt die vierflutige Auspuffanlage einem überdimensionierten Knallfurz gleich aufbrausen lässt, um sogleich wieder abzubremsen, weil die zehn Meter vor ihm liegende Ampel rot zeigt. Irgendwie scheinen die bei Jeep die Zeichen der Zeit noch nicht erkannt zu haben.

Sonntag: Manchmal wüsste ich zu gerne die dahinter stehende Geschichte.

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Woche 28: Die Tante kuckt böse

Montag: Dem ersten Arbeitstag nach dem Urlaub wohnt stets eine gewisse Qual inne.  Die heutige Stimmung bringt Michel Houellebecq recht treffend zum Ausdruck:

„Ich habe schon seit langer Zeit keine klare Vorstellung mehr vom Sinn meiner Handlungen; eigentlich frage ich mich kaum noch danach. Die meiste Zeit bin ich mehr oder minder in der Position des Beobachters.“

(Aus „Ausweitung der Kampfzone“)

Wenn Sie mich suchen: Ich befinde mich im Keller meiner Bedürfnispyramide.

Dienstag: Radieschen heißt nicht nur die bekannte rote Feldfrucht, welche mir in der Kindheit immer etwas zu scharf war (vielleicht waren die früher wirklich schärfer und man ihnen die Schärfe inzwischen weggezüchtet, weil der heutige Zeitgeist sie lieber unscharf mag), Radieschen heißt, wie ich erfuhr, auch diese lächerliche Männerfrisur, bei der die rundherum hochgebunden Haare zu einem kleinen Dutt auf der hinteren Schädeldecke zusammengegnubbelt werden.

Bekanntlich kann man ganz am Ende die Radieschen auch von unten betrachten, aber das ist ein anderes Thema. In dieser Bedeutung finde ich die Formulierung „unter des Käfers Keller“ im Übrigen wesentlich origineller.

Mittwoch: Unser Haus würde ich nicht als besonders hellhörig bezeichnen, ein wenig indes schon: Gegen kurz vor sechs in der Frühe hörte ich den Wecker des Nachbarn von oben, nicht weil er klingelte oder ein anderes Geräusch erzeugte – die wenigsten Wecker klingeln ja heute noch im klassischen Sinne -, er vibrierte einfach minutenlang. Bin ich zu empfindlich?

Nachmittags Dienstreise mit der Bahn nach Erfurt. Üblicherweise sprechen Zugbegleiter bei der Begrüßungsansprache ihren Namen so aus, dass man ihn auf keinen Fall versteht, als ob sie das trainieren. Wer weiß, so wie es Rednerschulen gibt, kann man vielleicht auch bahninterne Nuschelkurse belegen. Nicht so heute: „Mein Name ist Erna“, sagte die Dame kurz und deutlich. Auch sonst zeigte sich Frau Erna erfrischend unkonventionell: Bei der Fahrkartenkontrolle sprach sie jeden Fahrgast bis dreißig mit „Bruder“ an, und zwei unbegleitet reisenden Jungs bot sie ihren Schutz an: „Wenn euch wer ärgert, sagt bescheid, dann kommt die Tante und kuckt ganz böse.“ Möglicherweise verstieß sie damit gegen die Kommunikationsrichtlinien der Bahn, mir hat das indessen gut gefallen.

Ansonsten ist Erfurt eine Reise wert.

„Die Arbeitnehmer, die in den 1980er Jahren und später geboren sind, leben nicht, um zu arbeiten. Sie wollen das Leben genießen“, beklagt der Headhunter Klaus Hansen im Interview mit der Süddeutschen Zeitung. Ich kenne mindestens einen in den Sechzigern geborenen Arbeitnehmer, auf den das in gleicher Weise zutrifft.

Donnerstag: Eine Bahnreise durch das Fuldatal ist sehr schön, man sieht dort überraschend viele Störche. Einziger Schönheitsfehler: Entgegen der Reservierung wurde ich in einer Vierersitzgruppe mit Tisch platziert, was ich auf längeren Reisen als unangenehm empfinde. Es ist eng, man kann die Beine nicht ausstrecken, wenn man die Kontaktaufnahme mit dem Gegenüber vermeiden möchte (und das möchte ich unbedingt), und die Möglichkeiten, die Tasche so abzulegen, dass man bei Bedarf darauf zugreifen kann, sind sehr begrenzt.

Eine Dame in der Stadtbahn teilte telefonisch mit, dass ihr Bruder nächste Woche Urlaub in Frankreich mache, dessen Einwohner sie als „Bauernpack“ und „Seppelfritzen“ bezeichnete. „Da bevorzuge isch lieber England“, schloss sie ihre Betrachtung. Besonders helle schien sie nicht.

Freitag: Man sagt, für einen Asiaten sei es das Schlimmste, wenn er sein Gesicht verliert. Doch muss man gar nicht in die Ferne schauen, auch in hiesigen Gefilden fließt vielen der bekannte Zungenbrecher „Fischers Fritz fischt frische Fische“ leichter über die Lippen als der einfache Satz „Du hast recht, ich habe mich geirrt“. Wobei: Wenn man sich morgens in der Bahn umschaut, könnte so mancher über den Verlust seines Gesichts froh sein.

Samstag: Herzlichen Glückwunsch, Herr Gott.

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(aus dem General-Anzeiger Bonn)

Sonntag: Nennen Sie mich ruhig altmodisch, aber: Wenn ich das Licht ein- oder auszuschalten beabsichtige, will ich einen Schalter an der Wand drücken und nicht mit Siri oder einem anderen System diskutieren. Gleichwohl ist es zwecklos, Siri deswegen zu beschimpfen. Insofern wäre ich durchaus bereit, sie für meine unangemessene Wortwahl in der vergangenen Nacht um Entschuldigung zu bitten, wenn es denn irgendeinen Sinn hätte.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass tätowierte Waden scheiße aussehen. Immer und überall.